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Nr. 25t Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zreitag, 25. Gttober (929
Herzog Wenzel und Alexander der Große.
Die politischen Legenden der Tschechen.
Von Werner Crome.
Die Prager Wenzelfeiern haben den Tschechen Gelegenheit gegeben, ein Jahrtausend tschechischer Geschichte und Kultur zu feiern. Die Bedeutung des Volksstammes, sein Anspruch auf die Herren st ellung imTschechen- st a o t e konnte vor dec Welt nicht eindrucksvoller beleuchtet werden, als es jetzt in Prag in Feiern und Ansprachen, in Wort und Bild geschehen ist. Zwar ist manches noch recht dunkel und unklar in der tschechischen Vergangenheit, aber tschechische Patrioten hat das nie gestört. Wo die Forschung des Historikers versagte, war die Phantasie stets bereit, die Lücke zu schließen und die Mängel der Ueberlieferung durch Legenden zu ersehen. Diese Legenden wurden nicht nur geglaubt - sie wurden gewissermaßen geradezu zur Staatsidee erhoben. Wie Präsident Masaryk bei der We. zelseier offen ausgesprochen hat: „Und wenn die Historiker noch nicht wissen, was historische Tatsache und was Legende ist, dann möchte ich sagen, daß auch die Legende die Ideale des Volkes aussprechen kann, und das ist für mich auch eine historische Tatsache! '
So ist Herzog Wenzel, der dreizehnte aus dem Geschlecht der P.zrmysliden, der am 28. September 935 von seinem Bruder Boleslaw ermordet wurde, zum Heiligen, zum Märtyrer, geworden. Der treue Vasall des deutschen Kaisers und Reiches erhielt in der Lleberlieserung den Glorienschein des Kämpfers für tschechisches Volksrecht gegen deutsche Bedrückung, er wurde zum Schutzpatron des „böhmischen" Staates z un Symbol tschechischer Freiheit und dynastischer Ebenbürtigkeit mit den Mächtigen des Deutschen Reiches. Wenzel wird der nationale Herrscher, der im Himmel wohnt, während auf der Präger Burg, dem Hradschin, ein Fremder gebietet. St. Wenzel vermischt sich mit der Gestalt des St. Georg und mit der Kyffhäuser-Sage — er wird mit auf dem Weißen Berg geschlagen und lebt seitdem auf dem Berge Dlanik, aus dem er einst mit seinen Rittern hervorreiten werde, um dem Volke die Freiheit zu .bringen. „Ritter aus dem Berge Dlanik" — so hat man die tschechoslowakischen Legionen, die im Weltkrieg auf Briten der Entente gekämpft hatten, bei ihrem Einzug in Prag begrüßt; die St.-Wenzel- Legende ist damit, im Sinne Masaryks, „historische Tatsache" geworden.
Die Tschechen haben sich keineswegs mit Legenden begnügt, wenn sie für ihre nattonalpolitische und -kulturelle Bedeutung zeugen wollten. Ein deutscher Historiker hat sie, hart aber nicht ganz unberechtigt, als eine „Ration von Urkundenfälschern" bezeichnet. Am bekanntesten sind die berühmten Königinhofer und Grünberger Handschriften, die Anfang des vorigen Jahrhunderts „entdeckt" wurden. Aber während ihr Verfertiger, Wenzel Hanka (17f 1—1861) sich damit begnügt hatte, „uralte" tschechische Heldenlieder mit ausgesprochen deutsch-seindlicher Tendenz zu dichten, hat sich ein mittelalterlicher „Kollege" dieses Mannes ein wesentlich praktischeres Ziel gestellt. Er fälschte ein angebliches Testament Alexanders des Großen, in dem das tschechische Volk — zain Universalerben des Mazedonierkönigs eingesetzt wurde. Abschriften dieser Handschrift finden sich in einigen Archiven Böhmens und Mährens. Das Original sollen einst slawische Mönche aus dem Fernen Osten mitgebracht und in einem Kloster der Prager Reustadt sorgfältig oufbewahrt haben. Dis zum 17. Jahrhundert glaubte man steif und fest an die Echtheit der Urkunde, obwohl der gelehrte Balbin (1621—1688) schon schüchterne Zweifel ausgesprochen hatte. Erst nach
Oer Kleist-Preis 1929.
Eduard Rcinachcr — Alfred Brust.
Unter den Literaturpreisen nimmt der von der Kleist-Stiftung ausgesetzte eine eigene St'llung ein. Zunächst: er ist nicht für das „beste" Werk bestimmt; sodann: seine Verteilung obliegt einem einzelnen Dichter oder Kritiker, der für je ein Jahr zum Vertrauensmann der Kleist-Stiftung ernannt wird. Den Ramen eines Dichters für. diese Auszeichnung, der sich bei seinen Lebzeiten einsam und unbekannt, erfolglos und verbittert auszehrte — der Preis ist also bestimmt, Dichtern, die unter solcher Zurücksetzung leben und leiden, eine Anerkennung zu schaffen und als Ermunterung zu dienen. Das Preisrichteramt ist keinem Kollegium, sondern einem einzelnen übertragen worden, denn man wollte nicht, wie es bei solchen kollegialen Entscheidungen zu sein pflegt — daß die Zuerkennung des Preises durch ein Kompromiß zustande käme. Man erkannte natürlich an, daß die Verantwortung für einen einzelnen ganz untragbar sein müßte, wenn ihm zugemutet li er een sollte, unter Ta i en.en und Ab.rtausende l von Einsendungen und Empfehlungen „den Besten" herauszufinden, und daher traf man die überlegte Bestimmung, daß nicht „der Beste" zu krönen sei, sondern daß der Preisrichter nach seinem persönlichen Urteil und nach seiner eigenen Wertung verfahren müsse, wenn er nur einen herausfände, der eine Entwicklung verheißt, wenn er nur einen Dichter erkennt, der sich als eine versprechende, wenn auch noch nicht vollendete Potenz und Persönlichkeit darstellt.
Der diesjährige Vertrauensmann der Kleist- Stiftung, Dr. Wilhelm von Scholz, hat sich durch das Mikrophon des Berliner Senders über die unendlicher Schwierigkeiten und Gewissenskämpfe ausgesprochen, denen er bei einer solchen Entscheidung als ein einzelner ausgesetzt war. Er hat beiläufig erzählt, daß die „letzte Rate" der Einsendungen, die ihm auf eine Reise nachgeschickt wurde, nicht weniger als „drei Zentner Dichtung" betrug. Man kann die Verwirrungen und die ganze Verantwortlichkeit des Richteramts aus dieser einen Angabe ermessen.
Wilhelm von Scholz hat den Preis für 1929 zwei Dichtern zuerkannt, die heute noch keineswegs publikumsgerecht sind. Einer von ihnen, Alfred Brust, hat sogar bei seinen Dühnenspielen weder auf das heutige Theater noch auf die modernen Schauspieler, noch gar auf das Publikum Rücksicht genommen; man kann vielmehr
langem Sträuben haben die tschechischen Patrioten zugegeben, daß es sich hier um eine kleine Urkundenfälschung handelte.
In dem Testament, auf das nach dem Kriege erstmalig eine sudetendeutsche Zeitung die Aufmerksamkeit der Politiker gelenkt hat, spricht Alexander der Große als sein letztes Vermächtnis aus: „Die ganze Welt von Mitternacht bis in die wälschen Länder soll frei, erblich und für ewige Zeiten den Slawen gehöre n." Und er verfügte weiter, daß in seinem fernen Kronland Böhmen „niemand anders wohne oder sich niederlassen dürfe, denn allein die Slawen. Dauern sich aber jemand anderer daniederlassen würde, derselbe sollte ihre Knecht, und seine Rachkommen sollten ihren Rachkommen dienstbar sein und ewig bleiben". Und damit das Ganz: auch den gehörigen notariellen Amischarakler habe, heißt es am Schluß: „Gegeben in der neuangesangenen Stadt Alexandria an dem großen Wasser Rilo gelegen, im 12. Jahre unserer Reiche." Dahinter Unterschrift und Siegel.
Dem Mittelalter ist diese Fälschung nicht so plump erschienen wie dem heutigen Menschen. Die Geister waren damals noch naiv und nahmen alle Unmöglichkeiten toihig hin. Zudem hat die Person Alexanders in der mittelalterlichen Romantik und besonders in Böhmen eine große Rolle gespielt. Hier schrieb Ulrich von Eschenbach seine berühmte „Alexandreis', einen Bandwurm von nicht weniger als 33000 langatmigen deutschen Versen, und auch tschechische Epiker haben den Stoff nach dem Muster der deutschen Rittersagen gestaltet. Wenn also Alexander sein Testament im Stile der Prager Hofkanzlei abfaßte, so ist das damals durchaus zeitgemäß gewesen!
Die Mär von der großen Erbschaft, die Alexander seinen Tschechen hinterlassen habe, verbreitete sich — njcht zuletzt durch die vielgelesene Lügenchronik des berühmten Hajek von Liebotschau (geft. 1553) in allen Kreisen des tschechischen Volkes, und ist zu einem f e st e n Bestandteil der nationalen Leg en de geworden Und selbst der genannte Dalöin hat es auch nur über sich gebracht, sein gewiß nicht unberechtigtes Erstaunen darüber auszusprechen, daß Alexander der Große, der das Jahr 323 — also jenes in dem Testament genannte „12. Jahr unserer Reiche" — nachweislich in Mesopotamien verbrachte, eigens der Tschechen wegen in die „neuangefertigte" Stadt Alexandria gekommen sei.
Aber wie ist Alexander der Große gerade auf die Tschechen verfallen? Auch diese Frage bietet der tschechischen Legende nicht die geringsten Schwierigkeiten, — sind doch die Tschechen das eigentliche Ur Volk der Welt; die tschechische Sprache bildet geradezu die Enkelin der Sprache Homers. So hat der tschechische Gelehrte A. F. Liebelt 1868 ein Buch geschrieben, in dem er den erstaunten Zeitgenossen ernsthaft den dringenden Rat erteilt, man möchte an den Gymnasien als Vorbereitung für den griechischen Unterricht zunächst einmal das stammverwandte Tschechisch betreiben. Das Wort Slawen, von dem griechischen syllambano abgeleitet, bedeute im übrigen die „Beistehenden", die „Hilfreichen" — was jeder Tertianer beim Studium der griechisch-grammatikalischen Ansangsgründe dankbar bestätigen toerbP! Aehnlich hat sich auch der Tscheche R. Zunkovic in seinem Buche „Wann wurde Mitteleuropa von den Slawen besiedelt?" (Kremsiar 1904) ausgesprochen. Er leitete zunächst das Wort Hellenen von dem tschechischen jelcni (die Hirsche) ab, entdeckte jedoch
sagen, er habe sie bewußt vernachlässigt. Gemeinsam ist ihm mit Eduard Reinacher, dem andern Preisträger, daß Beide Dichter aus der heimatlichen Erde dichterische Kräfte zogen, daß sie in gewissem Sinne „Heimatdichter" sind, wenn man dem oft mißbrauchten Worte seine Enge nimmt und ihm die Bedeutung unterlegt, daß auch die Heimat zum Sinnbild der Welt werden kann.
Eduard Reinacher ist 1892 zu Straßburg im Elsaß geboren und er lebt heute in Köln. Seine erste Erzählung aus dem Jahre 1917 heißt „Die arme Elisabeth", seine späteren Werke, Gedichte und Balladen, Erzählungen und Dramen, verraten z. T. schon in ihren Titeln den elsässischen Ursprung: ..Elsässer Gedichte und Elegien", und ..Das Elsässer Schiff"; beide Bände enthalten Lyrik, und da mit dieser Gattung heut: kaum durchzudringen ist, sind sie wohl dem Publikum ziemlich unbekannt geblieben. Seine sprachliche und darstellerische Kraft erinnert an die alten Tctm- tänze mit ihren Schauern, und es ist wohl kein Zufall, daß sich unter feinen Werken ein Balladenband .,Todestanz" befindet. Der „Dauern- zorn", für den er jetzt den Preis empfing, erschien als „kleines Drama" schon 1922, und drei Jahre später in einer Dühnenausgabe, und schildert die Erhebung eines kraftvollen erdgebundenen Volkes in wirkungsvoller, rhythmisch gesteigerter und doch künstlerisch gebändigter Sprache.
Alfred Brust ist landschaftlich und künstlerisch durchaus sein Antipode. Im ostpreuhischen Insterburg geboren, hat er sich aus einer sehr bedrückten Jugendzeit in Tilsit nur unt r großen Entbehrungen zur Selbständigkeit des vogelfreien „freien Schriftstellers" heraufarbüten können; er lebt heute bei Cranz an der Ostsee. Seine Anfänge — Bühnenspiele — suchten, noch stark mit dem expressionistischen Gerät beladen, einen neuen Stil des Theaters und setzten eine nicht vorhandene Bühne und einen nicht existierenden Stil voraus. Visionäre Gesichte voller Ahnungen und Gärungen, aber ohne Plastik und Gestalt, Gewissenskonflikte, die in den höchsten Regionen ausgetragen werden, hatten sie auf der Bühne immer nur den Erfolg zweifelnder Anerkennung. Mit seinem Roman „Die verlorene Erde", dem er den Preis verdankt, sucht Brust einen neuen Realismus des Romans, der immer noch stark mit visionären Elementen durchflochten ist und ganz in einem symbolischen Ende aufgeht. Brust hat es hier unternommen — nicht Wissenschaftsich- ethnographisch. sondern nach seiner Art intu tio» religiös —, seelische Erlebnisse aus seiner östlichen Heimat darzustellen, die nahe an Rußland grenzt und irf deren Boden die verschiedenartig»
bann, daß die alten Hellenen mit den Alanen identisch seien, einem angeblichen Zweige des tschechischen Volkes, dessen Rame soviel wie Viehzüchter bedeute. Wo daher die Wurzel „Al" in einem Wort auftrete, hi ttcn wir es mit uraltem tschechischen Kulturgut zu tun, und dabei kommt Zunkovic zu geradezu haarsträubenden Folgerungen. Richt nur Ala in Südtirol, sondern auch Al lenst ein in Ostpreußen sind tschechische Siedlungen, und vor allem Allah, der Prophet der Mohammedaner, ist — ein Tscheche gewesen. Ebenso ist es mit der Silbe Var, die auf urtschechisch soviel wie Weideplatz bedeutet habe. Und damit ist für alle Ortsnamen, in denen die Silben Werder (gleich dem südslawischen Varda) enthalten sind. der tschechische Ursprung dokumentiert. Wart.nberg, Werth und» Wörth wurden von Tschechen begründet, ebenso natürlich Temesvar und Peter» varlein. Ein ganz besonderer Triumph der tsch.chisch-legendären Wissenschaft aber ist, daß — nach Zunkovic — sogar die ägyptischen Pharaonen (Phar — Var) eine urtschechische Dynastie gewesen sind.
Das angebliche Testament Ale-anders des Großen ist nicht die einzige mittel lt cliche Fälschung dieser Art. Da Herzog Boleslav II. (1173—1178) den Deutschen seines Reiches ein besonderes Privilegium für den freien Gebrauch ihrer Sprache „für ewige Zeiten" verliehen hatte, mußte von tschechischer Seite irgendein Schriftstück ausiinlig gemacht werden, durch das den verhaßten Eindringlingen ihr historisches Recht wieder entzogen wurde. Man stellte also ein noch älteres Privileg her, das in den Jahren der Hussitenkriege geradezu als Magna Charta der tschechischen Freiheit bewertct wurde. Es war darin behauptet, Boleslav I. habe im Jahre 1135 befohlen, daß künftig kein Deutscher in der Stadt Prag und in ganz Böhmen ein Amt bekleiden dürfe. Wer sich trotzdem in ein Amt zu drängen suche, dem solle die Rase abgeschnitten werden. Dieser deutschfeindliche Herrscher ist daher als Vater des Vaterlandes besungen worden. Der Reim- Chronist Dalimil pries ihn und berichtete, daß einst die deutschen Feinde, „die Disteln unter den Blumen", zu den Tschechen gekommen seien, und daß das deutsche Unkraut wohl das ganze Land überwuchert hätte, wenn es nicht durch den guten Herzog Boleslav so gründlich ausgejätet worden wäre. Ganze Schilde voll ab- geschnittener deutscher Rasen habe man dem frommen Fürsten dargebracht, und er habe die Ueberbringer mit 1OO Mark guten Silbers fürstlich belohnt!
Die tschechische Legende ist nach der Schlacht am Weißen Berge mit St. Wenzel in den Berg Blanik gezogen, wo sie schlummerte bis in die Zeit der Romantik. Durch das Interesse deutscher Forscher für Geschichte, Volkslied und Ueber- lieferung der slawischen Stamme ist sie und mit ihr' auch der alte Deutschenhaß wieder zu neuem Leben erwacht. In erster Linie ist die wissenschaftliche Schule Schlczers zu nennen. Dann aber Johann Gottfried Herder, den man mit vollem Recht den „eigentlichen Vater der Wiedergeburt der slawischen Völker" genannt hat. Seine berühmten „Ideen zur Geschichte der Menschheit" fielen besonders bei den Tschechen auf fruchtbarsten Boden; nicht nur deshalb, weil seine Aufforderung, Sagen und Gebräuche unter den Slawen zu sammeln, von den Tschechen mit Eifer befolgt wurde, — weit darüber hinaus wirkte die überwallende Gefühlsseligkeit, mit der er das politische Schicksal der Slawen sentimental und historisch falsch beklagte. Danach sei der friedfertige Slawe stets das Opfer seiner Rach- bam gewesen und von dem deutschen „Drang nach Osten" unterjocht worden. Die slawischen Reste in Deutschland seien dem ähnlich, was die Spanier aus den Peruanern gemacht hätten. Herder wird dadurch geradezu der Kronzeuge für die panslawistische Gedankenwelt. Dazu kam der Einfluß der deutschen Geschichts-
sten Kulturschichten übereinander lagern. Er hat mit diesem visionär-realistischen Epos auch zum ersten Male bei der ernsten Kritik rege Teilnahme gefunden.
Goethe-Bund.
Alfrcd-Bock-Feier.
Alfred Dock, den nun Siebzigjährigen, zu ehren, hatte der Gießener Goci'c-Dund gestern abend zu einer Feier in der Reuen Aula der Universität seine Einladung ergehen lassen, der eine erfreulich große Zahl von Besuchern gefolgt war.
Im Ramen des Bundesvorstandes ergriff Dr. Carl Walbrach das Wort zu einer einleitenden Ansprache, in der er zunächst die Erschienenen willkommen hieß. Sein besonderer Gruß an diesem Abend galt dem Jubilar, sowie den Derttetern der staatlichen und städttschen Behörden. Er feierte Alfred Bock als den schöpferischen Darsteller der Landschaft und der Menschen unserer Heimat. In dankbarer Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste um den Goethe- Bund habe dessen Vorstand beschlossen, den Dichter zum Ehrenmitglied zu ernennen. Dr. Walbrach überreichte dem Jubilar die Verleihungsurkunde, deren Worilaut er verlas. Der Dichter nahm sie mit herzlichen Dankesworten entgegen und versprach, den Bestrebungen des Goethe-Bundes auch in Zukunft feine volle Kraft zu widmen.
Im Anschluß hieran erhob sich Bocks Biograph, Fritz D r o o p , Schriftsteller und Journalist aus Mann^im, zu seinem Festvortrage. Er schilderte einleitend den in unserer Gegenwart sehr zu beklagenden Riedergang der deutschen Kultur, der sich in den mannigfachsten Erscheinungen, vor allem in mangelnder Ehrfurcht und geringer Schätzung ideeller Werte immer wieder betrübend offenbare. In seiner Würdigung von Bocks Werk und Persönlichkeit betonte der Vortragende bann, wie der Jubilar sich eine schöne Beständigkeit im Wandel der aufgeregten, modisch verwirrten Zeit zu bewahren gewußt habe. Seine hessische Heimat habe Bock zum Gesellen geschlagen und zum Meister gemacht; die Liebe zur Heimat, der er tief und unzertrennlich verwurzelt und zugetan sei, habe ihn davor bewahrt, zum Modeschriftsteller zu werden. Droop schilderte des ferneren mit vielen kritischen Ausblicken auf die gegenwärtig in Deutschland sich darbietende Kulturlage, wie neben dem Heimatcharakter doch stets das allgemein Menschliche
Philosophie. Hegels Lehre, daß jeweils ein herrschendes Doll Träger des Weltgeistes sei, nicht minder aber auch Schelling, führten zu der Darstellung von der kommenden Vorherrschaft der Slawen hin. Damit ging die Legendenbildung — von den Ergebnissen der deutschen Forschungen angeregt — unter den tschechischen Gelehrten weiter. Ganz Europa ist nach ihnen von Slawen besiedelt, die Tschechen sind das wertvollste Glied dieser Völkcrsamilie, aber „sie können ihr Volk nicht lieben, ohne die Deutschen zu hassen". Deshalb heißt cs in dem gefälschten Heldengedichte der Königinhofer Handschrift, es sei „nicht gut, bei dem Deutschen das Recht zu suchen..."
So hat der deutsche Geist wesentlich dazu beigetragen, die politische Legende der Tschechen wieder zu beleben. Sie richtete sich von vornherein in scharfe Kampfstellung gegen das Deutschtum; ihr Ergebnis ist die Gründung des tschechischen Staates, der auch wieder von der Legende umwoben ist. Die „Ritter aus dem Berge Blanik", die blaubemühten tschechischen Legionäre, die ja nur wenige Tage am Jsonzo und an der russischen Front gekämpft haben, sind die Bringer der Freiheit, die Heroen der „Wiedergeburt". Und bei der Wenzelfeier hat man des „ruhmvollen Freiheitslampfes" der Tschechen gedacht, der in Wirtlichkeit nur in einzelnen Meutereien und Sabotageakten und in Massendefertionen nach russischen Erfolgen bestanden hat. Aber für die politische Legende sind diese Tatsachen ebenso gleichgültig wie die Frage, wer der Begründer des Staates gewesen sei: Herzog Wenzel oder Alexander der Große!
Dor den Landtagswahlen in Baden.
In einem Lande, wo das Wahlrecht die Abhaltung von Rachwahlen während der Legislaturperiode unmöglich macht, sind die Wahlen zu den kleineren Parlamenten bis herab zu den- 1 jenigen für Kreistage oder Gemeinde als Gradmesser für die Entwicklung der öffentlichen Meinung von besonderer Wichtigkeit. Deshalb wird den am 27. d. M. bevorstehenden badischen Landtagswahlen im ganzen Reiche ein besonderes Interesse zugewandt. Wir haben seit langer Zeit keine Wahl gehabt, die ein so großes und wichtiges Teilgebiet des Deiches betraf; und die ruhige und staatsbürgerlich fortgeschrittene Gesinnung gerade der badischen Bevölkerung, die dem Lande die scherzhafte, aber durchaus berech- • tigte Bezeichnung als „Musterländle" in der Vergangenheit eintrug, verleiht ihrem Votum ein besonderes Gewicht.
Die Verhältnisse sind insofern auch besonders stabil, als seit dem Umsturz Baden ununterbrochen die gleiche Regierungsmehrheit, die Weimarer Koalition, gehabt hat, allerdings mit starken Kräfteverschiebungen, bedingt durch den Rückgang der Demokrattschen Partei. Gegenüber 25 Köpfen damals sind in einem 72köpfigen Landtag heute nur noch 6 Demokraten vorhanden, die mit 28 Zentrumsabgeordneten und 16 Sozialdemokraten zusammen in der sicheren Mehrheit stehen, während je 7 Deutsch- nationale und Volksparteiler und 8 Angehörige aller übrigen Parteien und Gruppen außerhalb der Koalition stehen. Entsprechend den besonderen Verhältnissen und dem Ueberwiegen des katholischen Dolkstells sind in Baden vorwiegend Schul- und Kulturfragen parlamentarisch umstritten gewesen. Für die bevorstehende Wahl ist darauf bezugnehmend eine Kampfansage des Zentrums gegen den Sozialismus erfolgt; es haben sich aber auch außerdem veränderte Verhältnisse ergeben, insofern die bisher ganz einflußlosen Rationalsozialisten eine sehr starke Agitation entfalten, und es sind auch sonst Verschärfungen eingetreten, die man bisher in Baden nicht gewohnt war.
Schließlich weckt auch noch ein stark vermehrtes Interesse für diese Wahl der Umstand, daß nach
in Docks Werken zu seinem Recht gefommeit sei, wie aus Erlebnis und lebendiger Anschauung alles geflossen sei, was er im Laufe seines reichen Lebens geschaffen habe. Er lieh die markantesten Gestalten aus Docks Romanen und Rovellen Revue passieren und legte dar, wie sein Schaffen und seine literarische Sendung zu einem wesentlichen Teil der Verinnerlichung des Unterhaltungsromanes im besten Goetheschen Sinne gegolten habe. Ein Wort des im Kriege gefallenen Gorch Fock könne auf den Jubilar sinnvoll Anwendung finden: Dock habe in feinem Werk jene letzte, höchste Stufe dichterischen Schaffens erreicht, deren vornehme De- ftimmung cs sei, mit der Heimat im Herzen die Welt zu erobern und zu umfassen. Der Vortragende schloß seine von lebhaftem Deifall gefolgten Ausführungen mit dem schönen Wunsche des Dichters: „Tausend Glocken sollen es in unsere Herzen lauten: die Heimat sei unser Halt und Hort."
3m Anschluß an den Festvortrag las der in Hessen ansässige Dichter und Musiker Anton Dehner aus Docks Werken; cs war ein guter Gedanke gewesen, dem erst neuerdings ein wenig bekannt werdenden Künstler — soeben ist sein Roman „Antäus" erschienen — Gelegenheit zu geben, sich einmal einem größeren literarisch interessierten Publikum vorzustellen. Dehner las einige der feinsten und charakteristischsten Erzählungen Docks, den in seiner fast balladesken Knappheit erschütternden „Rapoleon", als schlichtes Stimmungsbild „Die gute Johanne", zuletzt als Kabinettstückchen, gleichsam mit einem heitern und einem nassen Auge, „Das Konrädchen".
Die harmonisch und würdig verlaufene Veranstaltung sand eine aufmerksame, dankbare und beifallsfreudige Zuhörerschaft.
Hochschulnachnchten.
Der nichtbeamtete a. o. Professor an der Dres- laue r Universität, Studienrat Dr. Alfons Reh- ring ist vom 1. April 1930 an zum etatmäßigen ordentlichen Professor für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universttät Würzburg als Rachfolger von Prof. W. Hävers ernannt worden. — Pros. D. Dr. Ernst Dar - nikol in Kiel hat den an ihn ergangenen Ruf auf den ordentlichen Lehrstuhl für Kirchengeschichte und Religionsgeschichte des Urchristentums an der Universität Halle als Rachfolger von Pros. H. Dörries angenommen und wird fein neues Lehramt bereits zum bevorstehenden Wintersemester übernehmen.


