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Nr. 47 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)Montag, 25. Zebruar 1929

Sie Zukunft der Diktatur in Spanien.

Don unserem ^.-Berichterstatter.

Dachdruck auch mit Quellenangabe verboten!

Madrid, Mitte Februar 1929.

Fast drei Wochen sind seit jenem verhängniS- vollen Lage verstrichen, als plötzlich die Kirchen- olocken in der kleinen andalusischen Provinzial- hauptstadt Ciudad Deal Sturm zu lauten be­gannen und meuternde Artillerietruppen die Re­gierung stürzen und Spanien d.e Revolutton ver­künden wollten. Der Putsch als solcher erscheint den Madridern heute als ein groteskes Spiel mit Kanonen, aber er hat die Dcktaturreg'.erung

zu ernsten Entscheidungen gedrängt. Es fiel Primo de Divera nicht schwer, die bis in die Einzelheiten vorbereitete revolutionäre Bewegung im Keim zu ersticken. Er tat es zur allgemeinen Befriedigung der Massen. Das Volk ist der umstürzlerischen Methoden ungebetener BaterlandScrlöser grundmüde geworden, uiti> wenn auch die an den politischen Dingen inter­essierten Schichten der Bewohner das ist aber nur ein sehr geringer Prozentsatz der sonst passiven Menge in der herrschenden Diktatur nicht gerade ein ideales Dezime er­blicken, so ziehen sie doch das kleinere älebel vor und beobachten eine zum mindesten wohl­wollende Deutralität, die sich bei der Dro­hung mit Blutvergießen sicherlich in offene Sym­pathie für Primo de Rivera gewandelt hätte, der dem Lande fünf Jahre Frieden und Ord­nung geschenkt hat.

Die Aufregung über den Putsch ist vergessen und Madrid zeigt wieder das normale Gesicht. Die Stellung Primo de Riveras ersche.nt augen­blicklich gefestigter als je zuvor. Seine Gegner trösten sich zwar damit, daß die Mißstimmung gegen ihn wachse. Das mag auch zum Tell der Fall sein, da die Regierung zu strengen Maß- nohmen schreitet, die sich geringer Popularität erfreuen, aber eine Gefahr für die Diktatur darf darin nicht erblickt werden. Man hatte es in Spanien bisher vermieden, das faszistische Borbild Italiens allzu getreu nachzuahmen. Die Ausführungsbestimmungen aber zu den Diktatur- schuhdekreten tragen einen offenen f a s z i st i - schen Charakter. Darin wird z.D. den Mit­gliedern derUnion Patriottca" vorgeschrieben, die Damen aller ihnen verdächtigen Leute, d:e sich auch im privaten Kre.se abfällig über die Regierung äußern, in besondere Listen einzutragen, damit die Diktatur im gegebenen Falle genau über ihre Feinde unterrichtet ist. Diese Mahnung öffnet natürlich dem Denun­ziantentum Tür und Tor, und beginnt bereits jetzt zu sehr unliebsamen Erscheinungen zu führen. Sie sät Mißtrauen unter die einzelnen Schichten der Bevölkerung und kann zu einem bisher in Spanien unbekannten privaten Spionagesh st em führen.

Gleichzeitig wird die Presse unter eine stren­gere Zensur als bisher gestellt. 3n der Beilage zum Reichsanzeiger, der als einzige Zeitung am Montagmorgen erscheint, imÄoticiero del Lu- nes", beschwert sich Primo de Rivera bitter über die Lästerungen, denen er ausgesetzt sei, und be­teuert gleichzeitig seinen Patriotismus und die Uneigennützigkeit seiner Amtsführung. Diese Er­klärungen des Diktators hatten einen recht unlieb­samen Dngrifs der klerikalen und der offiziösen Presse gegen die ausländischen Pressevertreter zur Folge, denen man vorwarf. Spanien zu verleum­den und falsche bzw. tendenziös gefärbte Dach- richten über die Ereignisse im Königreich zu ver­öffentlichen. Das Organ Primo de Riveras,ßa Dacion", und der sehr einflußreiche klerikaleEl Debate" fordern den Abschluß internationaler Verträge, gemäß denen Zeitungen und Jour­nalisten, die für das Ansehen Spaniens Schäd­liches veröffentlichen, auch im Auslände verfolgt werden können. Dun ist man in Spa­nien allerdings daran gewöhnt, dah, wenn in der Politik nicht alles glatt geht, eine zuversichtliche, pathetisch klingende Regierungserklärung erfolgt,

und daß die offiziöseLa Dacion" als Echo einen Artikel dazu veröffentlicht, der oft von Primo de Rivera selbst geschrieben ist, aber diese Roten und Artikel klingen meistens weltfremd, insofern sie die realen Verhältnisse außer acht lassen und nur dem spanischen Standpunkt Rechnung tragen, oder richtiger, indem sie die Auffassung der Tlltatur als allein objektive Wahrheit gelten lassen.

Daß aber sehr gewichtige und an sich nicht diktaturfeindliche Kreise eine Aenderung des politischen Kurses wünschen, beweist die Tatsache, dah die spanischen Finanz- und Wirtschaftskreise gleich nach dem Zusammenbruch des Putsches eine Entschließung ausarbeiteten, in der sie ausführen, daß es notwendig sei, um ernste Storungen in der geschäftlichen Tätigkeit und in der Währung zu vermeiden, die politische Lage zu normalisieren, d. h. die unbegrenzte Diktatur durch eine gesetzlich festge­legte Verfassung zu ergänzen, die aber nicht dem Parlamentarismus entlehnt zu fein brauche. Denn trotz seiner Bemühungen und trotz seiner sonstigen Verdienste ist es Primo de Ri­vera nicht gelungen, aus Spanien einen sich selbst genügenden Wirtschaftsstaat zu machen. Um der einhermischen Industrie zu einer Dlüteperiode au verhelfen, sah sich der Diktator gezwungen, das Land mit einer fast prohibttiven Schuh - zollmauer zu umgeben, die allmählich zu einer Teuerung führte, die für die weniger begüterten Klassen um so empfindlicher wird, weil die Löhne und die Verdienstmöglichkerten mit ihr keinen Schritt halten.

Die Währung, die Peseta (eine Peseta Gold gleich 80 Pf. Gold) hatte sich zwar der Gold­währung wieder genähert und hatte einen fast stabilen Wert von zirka 70 Pfennig. Dach dem 'Putsch ist sie auf zirka 65 Pfennig gefallen. Die Warnrufe der Handels- und Wirtschaftskreise können auf die Dauer nicht un­beachtet bleiben. Cs liegt gewiß vorläufig kein Grund für eine Alarmstimmung vor, nur darf die Wirtschaft nicht unter der Prestige- und Großmachtpolitik, die Primo de Rivera verfolgt, zu kurz kommen. Primo de Rivera ist Mili­tär von Beruf und seiner Erziehung nach, er ist ein feuriger Patriot, aber die wirtschaftlichen Zusammenhänge des Weltgeschehens dürften für ihn unübersichtlich fein. Sein Wille und fein Ein­fluß in allen Regirrungsgescl ästen sind aber der­art überragend, dah er allein im Grunde die Regierung ist. Primo de Rivera kann über die ganze Fülle der Staatsmittel nach bestem Wissen und Gewissen verfügen, auch seine erbittertsten Feinde wagen es nicht, ihm Unredlichkeit in der Verwaltung vorzuwerfen, aber ob die Ausga­ben immer produktiv sind, mühte erst durch Sachverständige festgestellt werden.

Die Schöpfung derAccion social Agraria", durch die die gewaltigen Latifundien der Granden und des hohen Klerus, die zum Teil den Stierzüchtcreien dienten, parzel­liert und gegen einen auf 20 Jahre verteilten Kausschilling in die Hände der Pächter zu ratio­nellerer Bewirtschaftung übergeleitet werden soll­ten, hat Primo de Rivera in den Kreisen dieser Großgrunobesiher neue W idersacher ge- schaffeM Diese Opposition würde natürlich vor Extremen zurückschrecken, sie bleibt aber für die Weiterentwickelung der D.kt^tur tioi B deutung. Primo de Rivera will e.n einiges großes Spa­nien von überragender Weltbedeutung schaffen, ihm mag der Traum des Weltreiches Philipps II. vorschweben, in dem die Sonne nicht unterging. Deshalb ist auch das Hauptaugenmerk seiner Auhenpolittk auf eine möglichst feste Verkittung mit den flügge gewordenen Tochterländern Südamerikas gerichtet. In Reg.erungsnoten, in Deden und in pathetischen Arttkeln wird immer und immer wieder die Zusammengehörigkeit der ibero-aincrikanischen Länder betont. Es ist nicht zu leugnen, daß sehr viel in dieser Richtung ge-

Oer moderne Strafvollzug.

Seit geraumer Zeit, vielleicht angeregt durch besondere Erzeugnisse der jüngsten Literatur mit besonders humanitärer Tendenz, vielleicht um­gekehrt gefördert durch die im Prozeß der Straf­anstalt Sonnenburg zutage geförberten merk­würdigen Verhältnisse, steht das Problem des Strafvollzugs einigermaßen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Der Reichstag hat sich damit befaßt und der Hauptausschuh deS Preußi­schen Landtags hat vor wenigen Tagen eine aus­führliche Diskussion darüber durchgesührt.

Was man dabei so an zahlenmäßigen Angaben erfuhr, ist nicht übermäßig sensationell: dah im Jahre 1923 noch 38 Promille aller Gefangenen entwichen sind, 1928 abernur noch" 1,06 Pro- mitte, daß die (Befangenenarbeit stellrnweis-r daS derhä'tnisrnäh g anständigeEinkommen" von 1,50 Mk. im Tage erbringe, und dah in Preußen im letzten Jahr eine Million Mark mehr durch Gesangenenarbeit verdient worden f>i, trotzdem die Zahl der Gefangenen rückgängig war. Aber was man im Ganzen aus all diesen öffentlichen Erörterungen entnehmen kann, ist eine sehr ein- schneiteide Wandlung der Einstellung zum Gefangenen überhaupt. Man regt sich darüber auf, dah nutzt ein gewisses Mini­mum an Komfort und Hygiene in den Gefäng­nissen und Zuchthäusern vorhanden sei, dah auch berechtigte oder vermeintlich berechtig le Wünsch: und Bedürfnisse der (Begangenen nicht immer be­rücksichtigt werken könnten, und dah die lang­jährige Einschließung eine Reihe von gewiß be­dauerlichen Folgeerscheinungen auf dem sexuellen Gebiet Hervorrufe.

Aber man übersieht bei all diesen Plädoyers für die Anwendung des Höchstmaßes von Hu­manität gegenüber den Strafgefangenen, dah schließlich die Verurteilung zu einer Freiheits­strafe nicht nur d i e Folge eines vorher begangenen Verbrechens, sondern auch eine gewollte und bewußte Bestrafung dar­stellt. Mit kein bloßen Schutzprinzip, das die Gefangenschaft als ein Mittel zur Verhütung weiterer Verbrechen, also als einen Schuh der Ge'ellschaft vor Verbrechern ansieht, kommt man schon deshalb nicht durch, weil man ja die Frei­heitsstrafen zeitlich befristet, also nach einigen Monaten oder Jahren diesen angeblich bezweckten Schuh der Gesellschaft selbst wieder a u f h e b t, indem man den Bestraften die Be- wegungs- und Handlungsfreiheit zurückgibt. Des­halb muh und soll wenigstens nach der bis jetzt geltenden Dechtsauffassung die Freiheits­strafe zugleich eine Erziehun gs- und Ab- schreckungswirkung haben. In be?ug auf die erstere sind viele Sachkenner sehr skeptisch: aber die letztere wird offenbar nicht dadurch ge­fördert, daß man die Strafgefangenschaft nach Möglichkeit aller Unannehmlichkeiten und schmerz­lichen Folgen für den Bestraften entkleidet.

Gewiß sollte bei der Strafbemessung eine indi­viduellere Rücksichtnahme auf die durchaus rela­tive Schwe.e der Bestrafung genommen werden: für den kultivierten, seelisch und physisch ernp- sindlichen Menschen ist oft ein Monat Freiheits­strafe härter als für den primitiven, vielleicht aus notdürftigsten Lebensverhältnisfen kommen­den. Aber mit einer Uebertretbung des Humani­tätsprinzips und mit dem Argument, dah auch unschuldige Familienangehörige von den Folgen der Freiheitsstrafe eines Familienoberhaupts oft außerordentlich hart getroffen werden, schafft man ein Problem nicht aus der Welt, für dessen Be­urteilung doch der Gesichtspunkt desGe- samtwohls, des Schutzes von Leben und Eigentum der Staatsbürger, notwendig voran- stehen muh. Es gilt also auch hier, vernünftig Maß zu halten und sich nicht von einer einseitigen und falschen Sentimentalität zu Neue­rungen hinreißen zu lassen, die das Los des Sträflings erleichtern, das Schicksal der B o l k s - Gesamtheit aber in erheblich größerem Maße bedrohen fönnten.

Stimme zwischen Traum und Tag

Don Anton Schnack.

3m Traum befinde ich mich in einem Wald, den ich vor vielen Jahren in einer Landschaft des Tessin durchschritten habe. Ich fühle ohne es zu sehen. daß ein Bach von gewun­denem Laus und starkem Blau an der Wald­grenze hinsließt. Wie so oft im Traume beleben sich die Bäume, sie sehen mich mit Menschen­gesichtern an und sie flüstern mit leiser Stimme mir seltsame Worte zu. Ich erkenne, daß cs Männer und Frauen in Gestalt von Bäumen sind. Cs gelingt mir nicht, mich ihrer Damen zu erinnern, noch einen nach dem anderen klar und deutlich zu erkennen. Ich möchte ihnen ge­stehen, dah es mir nicht gelingt, mich ihrer Damen zu erinnern, aber meine Lippen bleiben fest geschlossen. Unter den Bäumen ist ein hoher und stolzer Pappelmann, aus dessen Rauschen seiner Blätter und Zweige ich die Stimme höre: .Es ist spät."

Tiber ist das, was diese Traumstlinme zu mir sprach, vielleicht ter blaue, schäumende Dach, der an der Grenze des Waldes hinläuft oder ift es gar mein eigenes Herz? Oh seltsame Stimme, voll süßem Schauder und von gewal­tiger Eindringlichkeit, was will _ dein schmerz­liches und mahnendes:Es ist spät?"

Der Wald verdüntelte sich und verschwand aus dem Traumbild: ich stieg in eine Grube hin­unter, die sich plötzlich vor mir auftat und fortfuhr, sich immer mehr zu vertiefen, je weiter ich in sie hinunterstiez, um mich plötzlich in einer trüben und lautlosen Tiefe zu verschlingen. In ihrem untersten Grund erwache ich.

Mit großer Mühe und mir kaum gewahr, steigt in mir wieder das Bewußtsein des Lebens auf. Aber noch kann ich mich nicht bewegen: ich bin ein Ertrinkender, den jemand aus dem Wasser eines Flus.es gezogen hat, um ihn noch zur rech­ten Zeit vor dem Tode zu bewahren, aber der noch leblos in Schlasbefangenheit daliegt. Wenn ich versuche die Augen zu öffnen, muß ich fie so­fort wieder schließen, da sie mich schmerzen. Aber beim schnellen und blitzartigen Ausschlag der Augenlider sah ich hinter den Fensterscheiben schwarze Fichtenwipfel in einen rosa Morgen- Himmel stechen. Ich höre ein Zwitschern, ein melodisches zartes Trillern: eS quillt ouS dem

Kehlchen einer Grasmücke, die einsam auf einer Pinie fitzt. Schlaf und Traum umfangen mich noch: der seltsame Traumwald mit den Pa­peln und Erlen voll Menschengesichtern ver­mischt sich mit den Bäumen, die vor meinem Fen­ster wachsen und in das sanfte und ferne Tril­lern der Grasmücke bricht die. schmerzliche und mahnende Traumstimme:Cs ist spät". Zwischen oberem und unterem Bewußtsein liegend, fühle ich das Singen des morgendlichen Bogels, den zuckenden feurigen Hiinmei. die Bäume des Trau­mes und die Bäume des Gartens, Luft, Wasser und die abgrundtiefe Stimme als einen Teil mei­nes Seins und meines Lebens.

Dach und nach ist es nur eine Minute, sind cs zehn Minuten, oder ist es schon eine halbe Stunde? kehrt das vollkommene Bewußtsein des Ichs zurück. Ich habe sicher eine innere Darstellung vom Dasein bis jetzt gehabt, aber im Laufe der Jahre hat mein Erkenntnisvermö­gen abgenommen bis gestern. Mein verflutetes Geben lastet schwer auf meinem Herzen und ich fühle es wie Blei und Steingewicht auf mir, der ich in einem unerbittlichen Zwang der Eindrücke und Handlungen dahinlebte. Dies ballte sich in dem einen Traumgesicht zusammen: die Hoff­nungslosigkeit nämlich, Irrtümer, Schmerzen, Glbenteuer. Spielereien, Freuden und Kämpfe zu einem einzigen Zusammenklang zu bringen. In ihm steht mir noch einmal der lange und der ver­gebliche Lauf der Jahre zur Gegenwart auf.

Bei dieser trüben Lebensüberschau erinnere ich mich auch scharf der vielen Visionen, die ich hatte und die ich noch haben werde: deshalb wechselt jeden Tag mein Gesicht, das die Farbe verlor, von Falten und Krähenfüßen wurden Stirne und Mundwinkel durchfurcht und so erscheint mir oft das Sonder­bare, daß der, der ich bin, auch ein anderer ist, der ich eigentlich nicht bin. Hinter den geschlossenen Lidern betrachte und besehe ich mich mit einer Klar­heit, die ich nicht haben werde, wenn ich am Tage Sklave der gewohnten Handlungen und Meinungen sein werde.

Einmal schickte ich mich an, die Dinge zu voll­enden, die ich mir gestern für heute bestimmt hatte, um der Disziplin zu gehorchen,der ich unterworfen bin; und dann unterhalte ich mich mit meiner Fa- Imilie und meinen Freunden, gehe und komme, zer­streue mich und ruhe mich aus, um bann wieder mit größter Kraft den Schritt des Zwanges einzu­

hallen, aber ich war nicht mehr derselbe, als der ich mich plötzlich fühlle. Zweifelsohne ist die seelische Substanz, die jetzt in mir die Oberhand gewinnt, ursprünglicher, reicher und ruhiger: Unruhe, Bor­würfe und Bekümmernis haben sich besänftigt.

Manchmal bin ich wie ein wildes Tier, gefangen hinter den Stäben eines Käfigs, der sich nicht mehr öffnet, sestgehalten von ewigem Alleinsein und nur ab und zu Nahrung erhaltend, gerade genug, um das Leben fortzufristen. Es ist schrecklich. In solchen Augenblicken dunklen Uebergange«, in dem die Zu­sammenhänge mit den wirklichen Linien des Da­seins schwinden, können Seele, Geist und Willens­kraft jederzeit Beute des Uebersinnlichen werden.

An einem anderen Tage stehst du auf mit dem Willen, sehr beschäftigt zu sein. Alles ist vorbereitet, und mit Methode festgesetzt. Wehe, wenn die Me­thode mangelt! Ohne Methode wirst du in das Chao- tifdje stürzen, deine Kenntnisse werden zerflattern, deine sittliche Pflicht wird nicht erfüllt und deine Aufgaben werden nicht vollendet, die Gott der Krea­tur zugewiesen hat. Aber auch fie bringt dir keine Linderung. Dorwände werden sich in dich einschlei­chen. Täuschungen werden auf dich lauern, und die Wahrheit nimmt das Gesicht einer Betrügerin an. Bedenke bei allem, wieviel Zeit verflossen ist, seit­dem man dich geboren hat: viele Dinge haben Abcn- teueraugen, aber nicht diese; manche Seite hast du geschrieben, aber nicht jene; manche Erfahrung hast du gemacht, aber nicht jene; manches hast du ent­hüllt ober enthüllte sich dir, aber nicht jenes. Ach, das Leben ist so kurz, und die Hälfte von ihm ver­bringt man mit tausend und aber tausend Uebertrei- bungen, Schmeicheleien, Lügen und Selbsttäuschun- aen, die es in kleine Stückchen zerreißen und auf- fressen. Trotz allem wird es notwendig sein, das Leben als Geschenk zu betrachten, wenn fie dir es auch heruntersetzen und dich zwingen, es ans Nutz­lose zu verlieren; bejahe es gegen alle und rette dir die dunkle Frage, warum du auf die Welt ge­kommen bist, mit einer positiven Antwort...

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Ach, ich kann diesen Gedaickentrieb nicht zur Klarheit formen. Ich erleide das allmähliche Ein­dringen der Zersetzung, wie Wasser in einen po­rösen Stoff eindringt, der nicht imprägniert ist und sich aufbauscht, schwerer wird und dem Zer­fall zuneigt...

Rücklings, unbeweglich und laum bemerkbar hebe ich den Kopf von dem Kiffen und die Hände von der Bettdecke.

fchehen ist. Die Ibero-amerikanifchc Ausstellung, die fast gleichzeitig mit der Welta usstellung in Barcelona vom König in Sevilla eröffnet werden wird, gibt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Aber auch ine Bedeutung dieser Ausstellung liegt mehr in. der Linie der spanischen Prestigepolitik, als daß man weitreichende praktische Folgen von ihr erwarten dürfte.

Diese immer deutlicher betonte Prestigevolitik treibt Spanien auch, trotz des ehrlichsten Friedens- wlllens, zu sehr bedeutenden und kostspieligen Rüstungen. Da entsteht z. D. die Scefestung in El Ferrol am Atlantischen Ozean. AuchMahon auf den Balearen und Earthagena werden ver­größert und zu gewaltigen Marinebasen aus- gebaut. Sie erhalten ein Fassungsvermögen, das um ein Fünffaches größer ist, als cs für die spanische Flotte allein notwendig wäre. Forts und Molen werden angelegt, die für den heu­tigen Stand der Kriegstechnik uneinnehmbar sind. England liefert ihnen die modernsten Riesen­kanonen. Auch die Marine wird vergrößert. Unterseeboote werden gebaut und neue schnelle Kreuzer eines besonderen Typs eingestellt. Dar neue Marineminister, Admiral Garcia delos Reyes, hat vor seiner Ernennung die Under- seebootsbasis befehligt und hat während des Welttrieges in Italien die Marinetechnik studiert.

Diese an sich unproduktiven Ausgaben für die Riesenrüstungen belasten schwer das Budget, und hinsichtlich der allgemeinen Friedenspolittk und Spaniens gesicherten Lage fordern sie die Krittk vieler heraus. Aber jede auch begründete Kritik muh schwelgen, denn die Kritik würde als Baterlandsfemdschaft ausgelegt werden. Die spa­nische Tittatur gewinnt allmählich die Selbst­sicherheit des iatalienischen Faszismus, aber ihr fehlte bisher dieselbe zündende Idee. Sollte es Primo de Rivera gelingen, ferner Prestigo- polittk Fundamente zu geben, die den gegebenen Wirklichkeiten entsprechen, so wird die Weiter­entwickelung des Diktaturregimes Spanien wie bisher zum Segen gereichen, aber Hebert reibun- gen können leicht in eine Sackgasse führen. Cs ist jetzt die ernste Aufgabe Primo de Riveras, seinen guten Willen mit dem Können und Ver­mögen seines Landes in Einklang zu bringen.

Abschluß der Etatsberatung im Finanzausschuß.

WHP. Darmstadt. 22. Febr. 2m Finanz­ausschuß wurde zum Kapitel 88 (Rechtsaus­kunftsstellen) aus dem Etat des Wirt­schaftsministeriums der sozialdemokratische An­trag, den Kredit (seither 25 000 Mk.) auf 10 000 Mark zu reduzieren und die Verteilung nach dem Schlüssel des Jahres 1927 vorzunehmen, das heißt unter Ausschluß der Korpora­tionen. die im Rechnungsjahr 1928 neu bedacht worden sind, gegen drei Stimmen ab­gelebt und mit 8 gegen 4 Stimmen ein Antrag Haury (D. Dp.) angenommen, wonach der ge­samte Betrag gestrichen werden soll.

Zu einem kommunistischen Antrag, der die Ueberzeitarbeit in den staatlichen Betrieben bekämpft, erklärt sich die Regie­rung bereit, soweit als möglich die jetzt in Überstunden geleistete Arbeit durch Arbeitslose ausführen zu lassen. In allen Fällen werde daS nicht möglich fein, so z. B. nicht bei Kranken­häusern, wo nur geschultes Personal verwen­dungsfähig sei. Im allgemeinen werde jedoch die Ueberstundenarbeit möglichst eingeschränkt werden.

Dann wurden die Kapitel des Finanzministe­riums beraten Kap. 108, 109, 110 werden ge­nehmigt. Eine längere Aussprache entspinnt sich bet Kap. 111 (La ndesvermessungswe- s e n). Ein Regierungsvertreter erklärte, und die Mehrheit des Ausschusses stimmte ihm dabei zu, daß die hessischen Vermessungsgebühren sich im Rahmen der allgemeinen Geldentwertung nicht übermäßig erhöht hätten und durchaus mit denen der Dachbarländer vergleichbar seien. Das Kapitel selbst wurde gegen zwei Stimmen ge*

Aber da regt sich jemand. Eifrigen Lärm machen die Mägde beim Aufräumen der Zimmer, ein Kinderlachen weht herein, Hundebetten bringt durch das Fenster, leise scharrt eine Harke auf dem Kiesweg des Gartens.

Das Deh der gewohnten Dinge umklammert mich wieder mit seinen Fäden, von der Sonne beleuchtet wie ein Spinnengewebe, das vom Tau benäht glänzt. Zwischen dem Laub schimmert die Morgenröte: oh Sonne des Aufgangs, Mut­ier, der alle gehorchen, göttliche Täuscherin, die uns einen guten Arbeitstag und Dützen verspricht?

Tage sind dahingegangen, voll von verschwen­derischen Kräften und wesentlichen Errungen­schaften, ohne mich im Grunde zu berühren oder zu verklären. Denn immer stürzt am Abend die Müdigkeit übet mich, die mich in den Schlaf sinken läßt und mir die Vorahnung des Todes gibt. Und immer wieder im Augenblick des Er­wachens, im dämmernden Grunde des aufglim- menden Bewußtseins spricht mich die Stimme des geopferten Ledens an, die Stimme ungetanen Seins, das ich fürchte und das mich immerwäh­rend mahnt, das mich ansieht ohne Augen und mich angreift ohne Arme und mir mit ungeheurer Kraft ohne Mund entgegenruft:Es ist spät! Wann ist meine Stunde? Wann komme i ch daran?"...

*

So wird das fein, quälend, rufend, lockend und nutzlos bis zum Ende...

Hochschulnachrichten.

Der Ordinarius für öffentliches Recht, Prof. Dr. Ludwig Waldeck er in Königsberg, hat den Ruf an die Universität Breslau angenommen.

Es sind ernannt worden: der o. Professor Dr. Franz B e h e r l e in Basel zum ordentlichen Professor für deutsches bürgerliches Recht und Handelsrecht an der Universität Greifswald als Dachfolger von Prof. W. Schönfeld, der a.-o. Professor Dr. mcd. Karl Reuter in Hambu r g zum ordentlichen Professor der ge» rich'Xichen Medizin an der Universität Bres­lau, und der o. Professor Dr. Johannes Wei- gelt in Greifswald zum ordent ichen Pro­fessor der Geologie an der Universität Halle als Dachfolger der Geh. Rats Ioh. Walther.