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Nr. M Drittes Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesten)Samstag. 24- August (929

Städtische Kleinwohnungsbauten an der Krofdorfer Straße.

Die Hälfte der Verwaltungsvorlage für dieses Jahr genehmigt. 25 Kleinwohnungen für 125000 2H. Keine Baracken, sondern massive Bauten für zahlungswillige Mieter.

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* Gießen. 20. Aug. 1929.

Die Stadtratsversammlung widmete in ihrer heutigen Sitzung den größten Zeitaufwand der Vorlage der Stadtverwaltung über die Er­richtung von Kleinwohnungsbauten an der Krofdorfer Straße. Vach der Stellungnahme der Vürgervereinigung Sachsen- Hausen-Gießen sah man allgemein der Erledigung dieser Angelegenheit mit besonderem Interesse entgegen. 3m Verlaufe der Beratung trat nun zutage, daß die Opposition jenseits der Lahn bei ihrer Stellungnahme von einer falschen Voraus­setzung ausgegangen war. Die Stadtverwaltung beabsichtigt nämlich nicht, in jenem Stadtteil Baracken wie auf der Margarethenhütte zu er­richten, sondern sie will eingeschossige, massive Bauten mit den erforderlichen Einrichtungen einer zeitgemäßen Wohnweise schaffen und in diese Wohnungen auch nicht etwa solche Mit­bürger hineinbringen, an denen die Nachbar­schaft wenig oder gar keine Freude hat, sondern sie will dort für Bürger Wohnung schaffen, die selbst auf Anständigkeit Wert legen und gewillt sind, ihrer Mielzahlungspflicht im Nah­men ihrer Wirtschaftskraft nachzukommen. Bei dieser Sachlage sah denn auch die Mehrheit des Stabtrates keinen Anlaß, sich der Opposition der Sachsenhäuser Bewohnerschaft anzuschließen, und sie erteilte demgemäß der Stadtverwal­tung Vollmacht, an der Krofdorfer Straße Woh­nungen der geplanten Art zu errichten. Aus finanziellen Erwägungen konnte sich die Mehr­heit des Hauses aber nicht zur Bewilligung der gesamten, ohnehin auf zwei Jahre berechneten Vorlage entschließen, sondern sie bewilligte nur den diesjährigen Abschnitt des Bauvorhabens. Man darf wohl annehmen, daß nach den Auf­klärungen in der heutigen Sitzung nun auch die Opposition der Bewohnerschaft jenseits der Lahn gegen die künftigen Mitbewohner verschwinden wird. Allerdings wäre zu sagen, daß es zu dieser Opposition wohl gar nicht gekommen wäre, wenn nicht bei der Arbeit an dieser Vorlage das omi­nöse WortNotwohnungen" aufgetaucht und dann auch noch in der offiziellen Ankündigung auf der Tagesordnung in Erscheinung ge­treten wäre.

So sehr wir damit einverstanden sind, daß die Verwaltung bestrebt ist, für eine anständige Unterkunft gesitteter minderbemittelter Mieter zu sorgen, so sehr möchten wir aber doch auch die Berechtigung dessen unterstreichen, was von den Stadtratsmitgliedcrn Nicolaus und Fischer hinsichtlich des unerwünschten Zuzuges von außerhalb in dieser Sitzung gesagt wurde. Es ist mit Recht betont worden, daß unsere Stadt keine Veranlassung hat, die Steuerkraft ihrer Bürger stärker als geboten in Anspruch zu nehmen, nur weil andere Gemeinden ihren ge­setzlichen und menschlichen Verpflichtungen gegen wohnungslose und wirtschaftlich schwache Familien nicht in der erforderlichen Weise nachkommen. Wir möchten hoffen, daß gegen derart üble Erscheinungen, wie heute von den Stadtrats­mitgliedern F i s ch-e r und Mann an Hand eines Beispiels dargelcgt wurde, seitens der Verwaltung mit aller Schärfe Stellung genom­men wird, natürlich nicht, um die betreffenden Personen zu bedrücken, sondern um die in Be­tracht kominenden Verwaltungen zur Erfüllung ihrer Pflicht anzuhalten.

Neben diesem Hauptpunkt der Tagesordnung erledigte das Haus noch eine Neihe weiterer Vorlagen ohne besondere Aussprache. Lieber diesen Teil der Sitzung werden wir am Montag noch berichten.

Sitzungsbericht.

Anwesend: Bürgermeister Dr. Seib, der in ! Vertretung des beurlaubten Oberbürgermeisters den Vorsitz führt, die Beigeordneten Dr. Hamm und Kommerzienrat K l i n g s p o r, so­wie 37 Stadtratsmitglieder. Der Zuhörerraum ist vorübergehend während der Beratung des Wohnungsbauvorhabens an der Krofdorfer Straße leidlich beseht, nach Erledigung dieser j Vorlage abe*r nur noch von fünf Personen be- I sucht.

Als Hcnrptpunkt der Tagesordnung steht in­mitten des allgemeinen Interesses die Vorlage : über die

Errichtung von Klein-Wohnungen an der Krofdorfer Straße.

Der Antrag des Bau- und Finanz­ausschusses lautet:Die Erbauung von 50 Wohnungen an der Krofdorfer Straße wird genehmigt und ein Kredit von 250 000 Mark be­willigt. Das städtische Wohlfahrtsamt zahlt an die Stadtkasse eine jährliche Miete in Höhe der der Stadt aus der Kapitalaufnahme erwachsenen Zinsverpflichtungen."

: Die Fraktion der Wirtschaftlichen Ver- I einigung beantragt Zurückv erweis ung I der Vorlage an den Bau- und Finanzausschuß zur nochmaligen genauen Durchprüfung.

Stadtratsmitglied Mann

1 als Ausschußberichter st atter teilt u. a. i mit, daß ungefähr 80 Familien in der nächsten Zeit wohnungslos werden. Die Stadt habe be­reits eine große Anzahl derartiger Wohnungen geschaffen für solche Leute, die infolge Zwangs­maßnahmen ihre Wohnungen verlassen müssen. Cs habe sich nun herausgestellt, daß nicht jeder, der durch Zwangsmaßnahmen seine Wohnung verlassen mußte, ein schlechter Zahler oder em unanständiger Mensch sei. Bei der Verwaltung sei jetzt auf Antrag des Wohlfahrtsamtes dre Abficht entstanden, für derartige durchaus an­ständige Familien, die zum Teil auch aus bau­fälligen Wohnungen ausziehen mußten, Wohnun­gen zu schaffen. Für diese Familien sollen fünf­zig massive Wohnungen, nicht Baracken, mit Hofraum, Keller, Kanalanschluß, Licht- und Wasserleitungsanschluh errichtet wer. en, also an­ständige Wohnungen, die jeder beziehen könne. Von den vorgesehenen Baukosten solle die eine Hälfte in diesem Jahre, die andere Hälfte im nächsten Jahre Verwendung finden. Er betone

nochmals besonders, daß es sich bei diesen Woh- nungsbauten nicht um Barackenwohnungen, son­dern um anständige massive Wohnungen handle. Der Redner spricht sich weiter gegen den Antrag aus Zurückverweisung der Vorlage an die Aus­schüsse aus. Eine Zurückstellung der Vorlage um einige Wochen könne zur Folge haben, daß diese Wohnungsbauten vor Winter nicht mehr beendet werden könnten. Eine Stadtratsmehrheit, die durch Zurückverweisung der Vorlage die baldige Schaf­fung dieser Wohnungen unmöglich mache, lade eine schwere Verantwortung auf sich. Die Ver­pflichtung der Stadt, für die hier in Betracht kommenden Familien für Unterkunft zu sorgen, bleibe bestehen, und dadurch werde eine weitere Belastung des Wohlfahrtsamtes entstehen. In einem Teil der Oefsentlichkeit werde Sturm ge­laufen gegen diese Vorlage. Ein Beschluß über die Errichtung dieser Wohnungen an der Krof­dorfer Straße liege noch nicht vor. Ein Teil des Tauausschusses war der Meinung, daß diese Wohnungen zu gut ausgestattet feien. Die Mehr­heit des Ausschusses habe sich diesem Standpunkt nicht angeschlossen. Im Bau- und Finanzausschuß habe man sich bis jetzt nur dahin verständigt, daß es vor allem notwendig sei, den Kredit zu bewilligen, damit das Dauamt in dieser Sache arbeiten könne.

Stadtratsmitgl. Nicolaus (Wirtsch. Vgg.):

Aus der Zeitung habe man entnommen, daß der Plan zur Schaffung solcher Wohnungen eine erhebliche Erregung in der Bevölkerung jenseits der Lahn hervorgerusen habe. Man könne diese Erregung begreiflich finden, wenn man annehmen müsse, daß dort Wohnungen erbaut werden sollen für solche Leute, die exmittiert wurden und auf Kosten der Stadt dann anderweitig untergebracht werden sollen. Wenn es sich um die Llnterbrin- gung von Mietern handle, die tatsächlich zahlen, dann verstehe er nicht, warum das Wohlfahrts­amt hier einspringen und Gewähr für die Zin­sen übernehmen solle. Diese Mittel könne man doch besser zur Aufbringung erftstelliger Hypo­theken verwenden und damit ein größeres Bau­programm durchführen. Es werde von der Ver­waltung leider nicht gesagt, wie hoch diese Zin­sen sein werden, man könne sie nur errechnen. Cs müsse daher gründlich geprüft werden, bevor man eine Viertelmillion bewillige, ob die Not­wendigkeit dazu vorliege oder nicht. Seine Frak­tion wolle sich erst durch eingehende Nachprüfung davon überzeugen, inwieweit diese Notwohnungen erforderlich seien. Zur Zeit seien die Bauten in der Schwarzlach und auch die verschiedenen Ge­nossenschaftsbauten im Gange, die man doch erst einmal abwarten solle. Wenn es sich um die Un­terbringung von Obdachlosen handle, dann solle für diese natürlich ein Obdach besorgt werden, man komme hierbei aber mit weniger Mitteln aus. Zur Zeit sei es so, daß aus zahlreichen anderen Orten, bis hin nach Kassel, Leute ein­fach hier zuziehen und dann von der Stadt Gie­ßen Wohnung verlangen. Unsere Stadt habe da­durch den Ruf besonderer Wcitherzigkeit erlangt, während andere Städte ihren Verpflichtungen auf diesem Gebiete nicht nachkämen. Dieser Ent­wicklung müsse Einhalt getan werden im Inter­esse der Steuerzahler. Seine Fraktion werde die Vorlage ablehnen, wenn der Antrag auf Zurück­verweisung an die Ausschüsse nicht angenommen werde.

Stadtratsmitgl. Loeber (Dt.BP.):

Bei der heutigen schlechten Wirtschaftslage sei die Aufbringung einer solchen Summe, wie sie hier angefordert werde, keine Kleinigkeit. Es müsse jetzt besonderer Wert darauf gelegt werden, daß die Stadt endlich zu einer Ermä­ßigung der Steuern komme, daß vor allem end­lich die von allen Parteien und amtlichen Stel­len schon lange versprochene Senkung der Real­steuern eintreten könne. Seine Fraktion habe die Vorlage der Verwaltung genau geprüft, und sie sei sich dabei bewußt gewesen, daß es keine Kleinigkeit sei, diesen Betrag zur Ver­fügung zu stellen. Da die hier in Betracht kom­menden Familien bisher von der Stadt in Gast­häusern untergebracht worden seien, . was die Stadt viel Geld koste, habe seine Fraktion be­schlossen, die Hälfte der angeforderten Summe zu bewilligen, in der Annahme, daß sonst das Wohlfahrtsamt noch für lange Zeit mit zu gro­ßen Ausgaben belastet fei.

Stadtratsmitgl. Mann (Soz)

betont, in unserer Stadt seien noch 800 bis 1000 Familien ohne Wohnung. Seine Fraktion könne cs nicht verantworten, daß diese Leute ohne Wohnung blieben. Zur Schaffung von minder­wertigen Wohnungen werde man die Zustimmung der sozialdemokratischen Fraktion nicht erhalten. Der Redner tritt nochmals warm für die Vor­lage ein und hebt dabei erneut hervor, daß cs sich hier um die-Schaffung anständiger Woh­nungen handele.

Stadtratsmitgl. Fischer (Dem.):

Sparen sei eine schöne Sache: Sparen könne aber auch falsch sein, besonders falsch bei einem Gegenstand, mit dein man sich hier befasse. In den Ausschußsitzungen wurde mitgeteilt oaßzahl- reiche Familien aus völlig ungenügenden Woh­nungen herausgenommen werden ^muhten, die Unterbringung dieser Leute müsse die Stadt bis zu 5 Mk. pro Kopf jeder Familie zahlen. Da müsse man wohl der Meinung sein, daß so nicht weitergewirtschaftet werden könne. Seine Fraktion habe besonders begrüßt, daß bet den jetzt geplanten Wohnungen bessere Verhaltntsie geschaffen werden sollen, die würdiger seien als bei den bisher errichteten Wohnungen diese Art. Er verstehe nicht, warum man nun au diesem Wege stehenbleiben solle. Seine Fraktion werde für die Vorlage stimmen. Der von Stadt­ratsmitglied Nicolaus kritisierte starke Zuzug werde durch einen Fall besonders illustriert, der ihm (Redner) heute zur Kenntnis gekommen sei. Ein Wann, der acht Jahre in Darmstadt ge­wohnt habe, gab dort seine Wohnung auf und verzog nach einem Landort bei Gießen, wo er Aroeit annahm. Dort sei er nun am 16. August

fristlos entlassen worden, und gestern sei er I nach Aufgabe seiner Wohnung in dem Orte | hier in Gießen angekommen, wo er jetzt mit einer Familie sitze und eine Wohnung erwarte. Er (Redner) sei entschieden dagegen, daß hart verfahren werde mit Leuten, die auf der Straße itzen, er sehe aber nicht ein, daß die Stadt Gie­ren Wohnungen schaffen solle für solche Leute, )ie sie gar nichts angehen. Die Stadt Gießen ei nicht dazu da, daß sie die Wohnungsnot teuere für andere Gemeinden, die auch ihre

Schuldigkeit tun könnten.

Stadtratsmitgl. Mann (Soz.)

bemerkt zu diesem Vorfall ergänzend, daß der betr. Mann zuletzt in Großen-Buseck gewohnt habe. Don dem Sekretär des Kreiswohl fahrts- amtes Gießen, an das sich der Mann wegen Wohnungsbeschaffung gewandt habe, sei ihm ge- agt worden, er solle sich an das Wohlfahrtsamt der Stadt Gießen wenden, die Stadt Gießen be­komme für eine Wohnung Ersah vom Landes­armenverband. Eine Verpflichtung zur Unter­bringung der Familie bestand in diesem Falle ür Gießen jedoch nicht.

Stadtratsmitgl. Nicolaus (Wirtsch. Bgg.) betont in einer Polemik gegen verschiedene Vor­redner, es handle sich bei dieser Vorlage um ein groß aufgezogenes Programm, das der Ver­waltung suggeriert werde: die Verwaltung sei nicht mutig genug, dem entgegenzutreten und die Bremse anzuziehen. Der Redner tritt noch­mals für eine eingehende Nachprüfung der Vor­lage in den Ausschüssen ein. Auch wenn man über die Einwendungen der Bewohner jenseits der Lahn hinweggehen wolle, werde man doch nicht erreichen, daß noch in diesem Jahre mit dem Dau begonnen werden könne, weil bei der ge­genwärtigen Geldmarktlage die Mittel wohl nicht beschafft werden könnten.

Stadtratsmitgl. Kirchner (Dt.BP.) erklärt, er könne nicht verstehen, warum man nochmals in eine Prüfung der Vorlage eintreten solle, nachdem doch die Notwendigkeit der Schaf­fung von Kleinwohnungen erkannt fei. Seine Fraktion werde dem Vertagungsantrag nicht zu­stimmen: seine Fraktion schlage in ihrem Anträge vor, in diesem Jahre 25 Wohnungen der vorgesehenen Art zu errichten und nur dafür die Hälfte der angeforderte Summe zu bewil­ligen. Seine Fraktion wolle keine schlechten Woh­nungen.

Stadtratsmitgl. Mayer (Dem.)

stimmt dem Vorschläge des Vorredners zu und lehnt sodann die BezeichnungNotwohnung" ab, da es sich hier doch um massive Bauten handle, die auf etwa 20 Jahre Haltbarkeit berechnet seien. Es handle sich hier um die Schaffung von Kleinwohnungen für anständige Leute. Deshalb verstehe er auch den Sturmlauf der Sachfenhäuser" nicht, da es sich doch bei diesen Mietern um mietezahlende Leute handle, die das Viertel nicht entwerten, sondern es geschäft­lich wertvoller machen würden.

Stadtratsmitgl. Schwieder (Dt. BP.)

hebt hervor, im Ausschuß sei mitgeteilt worden, daß diese Häuser eine Lebensdauer von 50 Jah­ren haben sollten. Da könne man doch nicht sagen, daß es sich um Baracken handle. Unter den Woh­nungsuchenden befänden sich viele anständige Leute, für die gesorgt werden müsse. Hier kämen keine Baracken, sondern tatsächlich Kleinwohnun­gen in Betracht.

Stadtratsmitgl. Goertz (Fr. Vgg.)

bringt die Zustimmung feiner Fraktion zu der Vorlage zum Ausdruck. Seine Fraktion sei sehr dafür, daß für die anständigen und ordentlichen Leute Unterkunft geschaffen werde. Die Stadt müsse jetzt für die Unterbringung dieser Leute in Gasthäusern größere Aufwendungen machen, als wenn in der vorgeschlagenen Weise gebaut werde. Da ein fester Beschluß über die Platz- frage noch nicht vorliege, erscheine ihm die Kostenhöhe noch nicht genügend erklärt. Diese Frage habe der Ausschuß zuerst klären müssen. Seine Fraktion werde dem volksparteilichen An­trag, für dieses Jahr für 25 Wohnungen die Hälfte der angeforderten Gesamtsumme zu be­willigen, zustimmen.

Beigeordneter Dr. Hamm

erklärt im Schlußwort u. a.: Die Darstellung hin­sichtlich der Platzfrage sei nicht ganz richtig. In einem Beschluß vorn 5. Juli sei gesagt, daß die Errichtung der Bauten an der Krofdorfer Straße in Betracht komme, wenn dafür die Bedingungen günstig seien. Diefer Platz sei dann nach reif­licher Ueberlegung ausgewählt worden. Die ganze Angelegenheit fei ins Rollen gekommen durch einen Beschluß der Wohlfahrtsdeputation, die sich an die Stadtverwaltung wandte mit dem Ersuchen, für die hier in Betracht kommenden Familien Wohnungen zu schaffen. Heute drehe es sich nur um die prinzipielle Zustimmung zur Kostenfrage. Bei der Art der Behandlung dieser Angelegenheit habe der Verwaltung der Vorwur erspart werden müssen, daß sie hier eine lieber» rumpelung der Bürgerschaft jenseits der Lahn vorhabe. Tatsächlich sei diese Sache schon seit April im Gange, der Bauausschuß habe darüber schon am 25. Juli beraten. Da könne man doch nicht von Ueberrumpelung sprechen. Der Stadt­verwaltung habe es jedenfalls völlig femgetegen, einen Teil der Bürgerschaft zu überrumpeln. Bisher feien die WünscheSachsenhausens" von der Verwaltung auch erfüllt worden. Er habe das Gefühl, daß bei der Behandlung dieser An­gelegenheit schon die bevorstehenden Wahlen mit- gesprochen hätten. Wenn der Vertreter von Sachsenhausen" sich vor seinem Eingesandt bei der Verwaltung oder beim Bauamt erkundigt hätte, wäre sein Irrtum schnell aufgeklärt wor­den. Auch der öffentliche Vorwurf der Felddieb­stähle erscheine ihm sehr bedenklich, weil dadurch ein Teil der Bürgerschaft schon von vom-

1 herein ohne Tatsachenbeweis unbegründet mit I Diebstählen belastet werde. Zu den Bemer- | tun gen des Stadtratsmitgl. Nicolaus über ein

suggeriertes Programm bemerkt der Redner, ihm fei nur ein Antrag des Wohlfahrtsamtes auf Schaffung dieser Wohnungen bekannt, und hier- ür habe die Verwaltung den Mut der Verant­wortung ausgebracht. Andere Anträge feien ihm nicht bekannt. Zu dem Antrag der Wirtfchaft- lichen Vereinigung auf Zurückverweisung der Vorlage an die Ausschüsse bemerkt der Redner, die Verwaltung und das Haus wüßten, daß Herr Nicolaus außerordentlich belastet sei. Infolgedessen sei er (Nicolaus) leider in einigen Sitzungen des Ausschusses nicht zugegen ge­wesen. Der Stellvertreter für Herrn Nicolaus habe sich der Stimme enthalten, weil er nicht gewußt habe, wie Nicolaus als Fraktionsvorfitzender sich zu der Sache stellen werde. Nun erlebe man biefe Schwenkung der Wirtschaftlichen Vereinigung im Plenum. Das er- chwere das Arbeiten natürlich außerordentlich. Zur Beleuchtung der Wohnungsmarkt­lage weist der Redner darauf hin, daß das Rektorat der Landesuniverfität der Verwaltung mitgeteilt habe, daß gegenwärtig sechs Lehr­stühle nicht beseht werden könnten, weil es in Gießen an größeren Wohnungen fehle. Das sei doch ein Jammer für unsere Stadt, denn wenn es nicht gelinge, eine prominente Besetzung der Lehrstühle zu sichern, gehe die Besucherzahl der Universität zurück. Die Stadt habe alles Interesse daran, daß die Zahl der Studenten weiter zu­nehme, was nur geschehen könne, wenn die Lehr­stühle mit prominenten Persönlichkeiten beseht seien. Um für diese die Vorbedingungen hinsicht­lich der Wohnungen zu schaffen, sei es möglich, daß die Stadt unter Umständen noch einmal werde Opfer bringen müssen. Eine hiesige Körper­schaft plane jetzt die Errichtung eines Stifts sür alte Damen. Dadurch könnten vielleicht größere Wohnungen frei werden. Aber auch für dieses Stift werde von der betr. Körperschaft ein Baukostenzuschuß seitens der Stadt erwartet. Der Redner ersucht zum Schluß nochmals um die Bereitstellung der Mittel für die jetzt unter­breitete Vorlage.

Oie Abstimmung.

In der Abstimmung wird der Antrag der Wirtschaftlichen Vgg. auf Zurückverwei­sung der Vorlage an den Dau- und Finanz­ausschuß mit allen Stimmen gegen die Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung abgelehnt.

Die Verwaltung nimmt an Stelle der Vorlage, für die eine Mehrheit zur Zeit nicht vorhanden ist, den Antrag der Deutschen Volks- Partei auf Bewilligung von 125000 Mark für 25 Wohnungen für dieses Jahr an. Diesem Antrag stimmt das Haus m i t allen Stimmen gegen die der Frak­tion der Wirtschaftlichen Vereini­gung zu.

Mit einigen persönlichen Bemerkun­gen verschiedener Stadtratsmitglieder schließt die Beratung dieser Angelegenheit.

Oberheffen.

Kreis Schotten.

wg. Gedern, 23. Aug. Unter sehr zahlreicher Beteiligung wurde hier der im Alter von 77 Jahren verstorbene Ehren-Kirchenvorsteher Johannes D o n - dorf IV. z u Grabe getragen. Dondors war von 1902 bis 1928 Mitglied des Kirchenvorstandes und wurde in Anerkennung feiner treuen Dienste anläßlich seiner durch Krankheit veranlaßten Amts­niederlegung zum Ehren-Kirchenvorsteher ernannt. Außerdem war er Mitbegründer des hiesigen Krie­geroereins, dem er 50 Jahre lang angehört hat. Nach der Grabrede des Ortsgeistlichen folgten Kranz- niederlegungen durch Postmeister i. R. Mehring für den Kirchenvorstand und durch Gendarmerie- inspektor i. R. W ö r n e r für den Kriegerverein.

Kreis Alsfeld.

. Bleidenrod, 23. Aug. Bon einem u ni­st ürzenden Getreidewagen wurde die Ehefrau eines hiesigen Landwirts herabgeschleudert. Zum Unglück fiel sie in die eisernen Zinken eines Ernterechens, wodurch sie sich erhebliche Beriet- zungen zuzog.

Kreis Lauterbach.

Lauterbach, 22. Aug. Die nadjfolgenben Zahlen geben in bezug auf die Bevölke­rungsbewegung der Stadt Lauter­bach innerhalb der letzten zehn Jahre ein an­schauliches Bild ihrer günstigen Entwicklung. Wenn man bedenkt, daß Lauterbach als Klein­stadt sich vom 1. Juli 1919 bis 1. Juli d. I. um fast tausend Einwohner vermehrt hat, dann taucht die Frage auf, worauf dieser sehr bedeutende Zuwachs zurückzuführen ist. Ganz besonders tritt der Geburtenüberschuß gegenüber den Sterbefällen in Erscheinung. Beträgt dieser doch, verglichen mit den zu verzeichnenden Sterbefällen, weit über 100 Prozent. Dies dürfte ein Beweis dafür sein, daß wir hier ein auf die Gesundheit äußerst günstig einwirkendes Klima haben. Des­halb wird auch mit Recht von ärztlicher Seite unsere Gegend den Rekonvaleszenten als Nachkur empfohlen. Die Zeit dürfte nicht mehr allzu fern fein, da Lauterbach mit seiner schönen, wald­reichen Umgegend als gern besuchter Luftkurort bekannt fein wird. Auch der nach dem Krieg ein­sehende allgemeine Zug nach den Städten hat die Bevölkerungsentwicklung der von einer fortschritt­lich eingestellten Verwaltung geleiteten Stadt günstig beeinflußt. So beträgt der Ueberschuß der Zugezogenen gegenüber den Weggezogenen während der letzten zehn Jahre rund 10 Pro­zent. Die Bevölkerungsbewegung im letzten Jahr­zehnt ergibt zahlenmäßig folgendes Bild: Ein­wohner am 1. Juli 1919: 4290, Geburten: 985, Zugezogene: 4882, Sterbefälle: 436, Weggezogene: 4778, Einwohner am 1. Juli 1929: 5243. Wäh­rend dieser Zeit haben 438 Eheschließungen statt­gefunden.