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Nr. 297 Zweiter Blatt

Zollkämpse.

Don Dr. Nudolph Schneider, M. d.^.

Deutschland kann sich nicht länger der Not­wendigkeit verschließen, Zollerhöhungen in grö­ßerem Umfange vorzunehmen. All die handels­politischen Hoffnungen, die wir seit 1925 gehegt haben, sind an der Macht der Tatsachen ge­scheitert. Wir glaubten 1925, uns mit einer wirklich äußerst gemäßigten Zollpolitik begnügen zu können. Durch die damalige Dorlage sollte auch nur eine vorläufige Regelung getroffen werden. Wir haben seitdem mit allen Kräften und mit allem guten Willen versucht, durch den Abschluß von Handelsverträgen mit zahlreichen Staaten zu einer Politik der Derständi- g u.n g zu kommen, und dabei wurden große Teile unseres Zolltarifs ermäßigt oder der Zoll­schuh für viele Waren überhaupt beseitigt. Und Deutschland hat nicht versäumt, guten Willen zu zeigen bei den Beratungen der Weltwirt­schaftskonferenz in Genf, bei den Entschließungen des Völkerbundes über Zollabbau. Deutschland hat sogar versucht, auf dem Wege internationaler Verständigung voranzugehen, indem es vor anderthalb Jahren eine umfangreiche Vorlage über Zollsenkungen zunächst durch den Reichs­wirtschaftsrat verabschieden ließ. Und wir haben uns auch zu einer entgegenkommenden Haltung entschlossen, als letzten Herbst im Dölkcrbundsrat in Genf England einen zweijährigen Zollfrieden vorschlug.

Wenn wir aber mit all diesen Maßnahmen und Plänen eine Poliiik weiterverfolgten, die uns 1925 wohl möglich erscheinen durfte, so haben die schweren vier Jahre seitdem eine gerade­zu entgegengesetzte wirtschaftliche Entwicklung gebracht. Und heute stehen wir vor der Tatsache, daß seit 1925 Steuern und soziale Lasten sich ungefähr verdoppelt haben, daß Löhne und Gehälter eine Erhöhung nach der anderen erfahren haben. Infolge der wegge­steuerten und völlig unzulänglichen Kapitalbil­dung ist in Deutschland ein Mißverhält­nis zwischen unzulänglichem Kapi­talangebot und ständig gestiegener Kapitalnachfrage entstanden. Der Preis des Leihkapitals, also der Zinsfuß, steht weit höher als in irgendeinem der Länder, mit denen wir im Ausfuhrgeschäft in Wettbewerb treten. Unser Gegenspieler ist längst nicht mehr England, dessen Röte mit Ausnahme des Zinsfußes etwa den unsrigcn ähnlich sind. Unser gefährlichster Konkurrent ist Frankreich geworden, das nach dein Kriege eine völlig unerwartete, geradezu glänze de Wirtschaftsentwicklung ze gt, das keine ArbeiislosigicU tcnnt, das einen glücklicheren Weg der Stabilisierung gefunden hat als wir, das als größter Geldgeber aus dem europäi­schen Markte seiner eigenen Wirtschaft Geld zu einem Zinsfüße von 4,5 oder 5 Proz. lang­fristig zu leihen vermag, während diy, deutsche Industrie mit Mühe und Rot mit unzureichenden kurzfristigen Krediten von Fall zu Fall sich hellen muß und dafür im guten Durchschnitt jetzt 13,5 Prozent Zinsen bezahlen muß.

Zuerst und am deutlichsten hat diese Entwick­lung sich in der fürchterlichen Rotlage der deutschen Landwirtschaft gezeigt. Wenn man all das tausendmal Gesagte von der Stei­gerung der Löhne, Steuern und sozialen Lasten beiseite schiebt und nur einmal die Kosten des Kredits, die Höhe des Zinsfußes betrachtet: vor dem Kriege vermochte die deutsche Landwirtschaft gerade eben zu bestehen, wenn sie ihre Hypo­theken und Telriebsmittel mit 5 oder 6 Prozent verzinsen mußte. Selbst in guten Jahren rechnete man als Ertrag der Landwirtschaft nur ein paar Prozente. Heute aber, da wir auf der ganzen Welt ein Ueberangebot, einen Preissturz für landwirtschaftliche Erzeugnisse haben, die viele Länder zu schleunigen Rotmaßnahmen für die

Heiligenbilder.

Don Irmgard von Faber du Kaur.

Wir suchen das Heilige in weiter Ferne auf, aber bewegt es sich denn nicht mitten unter uns olle Tage?

Die Laternen sind schon angezündet. Sie keh­ren heim, Vater, Mutter und der Kleine. Der hat ferne schönsten Kleider an und geht wie ein fremdes Kind zwischen ihnen. Er hört auf nichts, was sie sprechen. Obwohl er schon groß ist, wohl schon neun Jahre, lebt er noch ferne, fern der Menschenwelt. Das Geheimnisvolle umwebt ihn noch, das um die kleinen Kinder webt und um olle Menschen immerdar, die nicht Knechte der Erde sind, aber Könige in einem fremden Reich. So. geht der Kleine in sich selbst verschlossen, fremd und still. Da sind sie angekommen. Die Eltern verschwinden durchs Haustor. Er steht noch draußen und blickt sich um. Ein Schein fliegt über sein Gesicht. Er kniet mitten auf der Straße nieder genau mitten im Weg und breitet weit feine Arme nach der Ferne aus und aus dem Dunkel fliegt ihm ein weißes Leuchtendes entgegen, eine jagende Kugel genau mitten im Weg und in seine Arme drängt sich's atmend und bebend, liebend und lebend, und er umschlingt feinen weißen Hund mit so über­strömender, tiefer, innig rührender Zärtlichkeit, wie auf alten Bildern der kleine Johannes sein Lamm umschlingt.

Die Bäume in den Anlagen strecken nackte Zweige aus und schütteln sie hin und her ohne Aufhören, als wollten sie etwas sagen und könnten die Worte nicht finden. Aber es muß et­was Wichtiges sein, die ganze Welt soll es hören, sie wollen es sagen, sie wollen es schreien und schütteln sich hin und her und können die Worte nicht finden. Ihnen zuzuschauen tut weh. Kalt bläst der Wind. Die Bänke unter den Bäumen sind leer. Aber mittags wandeln Menschen herum, bunt über den braunen Boden hin, ein- gemummt in Mäntel und Müsse. Sie wandeln zu zweit, zu dritt und zu vielen, plaudern uni) lachen, grüßen einander und freuen sich, wenn aus den bewegten Wolkenmassen einen Augen­blick ein goldener Sonnengruß herniedersällt. Fern von den Wandelnden, auf einer Anhöhe zwischen den Büschen, steht ein Mann. Sein Kleid ist schlecht. Er trügt keinen Mantel. Sein Ge­sicht ist häßlich. Er ist alt. Er steht fast un­beweglich', doch rings um ihn ist es lebendig. Von den Bäumen flattern die Vögel nieder und Hüpfen um ihn auf der Erde und picken die Drös- kein, die er zerstreut. Er regt sich nicht. Immer

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Donnerstag, (9. Dezember (929

Landwirtschaft und selbst die Vereinigten Staa­ten zu dem Hilfsgeseh, dem Farmcrgeseh, zwin­gen, heute kann die Landwirtschaft nicht außer der allgemeinen Rot noch die besondere Ver­teuerung ter Produktions osten in Deutschland ertragen. Die Landwirtschaft hält den hohen Zinsfuß von heute einfach nicht aus. Wenn deshalb schon im vergangenen Sommer, im Juni, der Reichstag sich zur Annahme eines großen landwirtschaftlichen Rotprogramms entschließen mußte, so zieht die jetzt dem Reichstag zuge­gangene Zollvorlage daraus nur die not­wendigen Folgerungen. Sie ergänzt den Zoll­schuh für Getreide, sie will die Viehzölle den bereits erhöhten Fleifchzöllen anpassen.

Run aber die Frage der Jndustrie- zölle. Cs mag einzelne Industriezweige geben, die einen Zinsfuß von der jetzigen Höhe in Deutschland noch in ihre Preise einkalkulieren können, Industrien besonders begünstigter Art, die sich damit abfinden, daß Deutschland gegen­

wärtig die höchsten Gestehungskosten unter den auf dem Weltmärkte konkurrierenden Ländern hat. Aber für die große Mehrzahl der alten Industrien gilt nah.zu dasselbe to'e für die Landwirtschaft. Deshalb kann man sich auch der Forderung nach wirksamem Zollschutz nicht verschließen, die jetzt von den meisten Zweigen der Textilindustrie, vom Automobilbau, von der Lederindustrie, von Kleineisen und Holzwaren, um nur diese hervorz cheben, gestellt wird. Man tonnte verstehen, daß die Zollwünsche der Land­wirtschaft zuerst laut wurden, zuerst verstanden wurden. Bei der Industrie hat sich auch die geistige Umstellung langsamer vollzogen. Zuerst hieß es, die Vorlage werde nur die dringendsten Wünsche für die Schuhindustrie und für Alu­minium enthalten. Dann sollte auch das wieder Wegfällen. Dann kam das Reichswirtschafts- minislerium mit einer umfangreicheren Vorlage, die jedoch vom Kabinett nicht angenommen wurde. Dann hat der Reichswirtschaftsrat we­

nigstens eine Entschließung für Jndustriczölle gebracht. Im Reichsrat haben alsdann eirz?lne Länderregicrungcn einzelnes erreicht. 3et}t maß der Versuch gemacht werden, was noch fehlt im Reichstagsausschuh durchzusel-cn. Die Schwierig­keit liegt in der knappen Zeit. Die Zolltarif­vorlage soll diese Woche noch verabschiedet wer­den, da der geltende Zolltarif sonst am 31. Dez. außer Kraft tritt. Dazu kommt das Drängen der Landwirtschaft, die begreiflicherweise losort Erfüllung ihrer dringendsten Wünsche sehen möchte. Das ist der Gegenstand, um den jetzt im Handelspolitischen Ausschuß des Reichsla-es täg­lich bis in die späte Rächt gekämpft wird. Die Forderung der Industrie nach gleich­mäßiger Berücksichtigung, nach solidarischem Schutzzoll wird nicht von der Tagesordnung verschwinden, solange die unerträgliche Höhe der Produktionskosten in Deutschland uns einfach zu einer solchen Zollpolitik zwingt.

Mademoiselle Docteur

Oie Aufmarschpläne. - Agentin 1 und 4,

I.

Aus dem neuen Buche:Spionage!" von H. R. B e r n d o r f f. Verlag Dieck & Co., Stuttgart.

Annemarie Lesser will für ein paar Wochen nach Capri, in Rom aber erhält sie die Nachricht von dem dräuenden europäischen Ungewitter, der Krieg steht vor der Tür. Annemarie Lesser rast mit einem schwe­ren Wagen von Rom nach Mailand, es ist ihr ge­rade mit Hilfe des dortigen ständigen Agenten ge­lungen, sich einen falschen französischen Paß zu be­sorgen, da schlägt der Blitz ein, der in den Wolken gethront hat, der Krieg scheint nicht mehr zu ver­meiden. Annemarie Lesser rast mit demselben Wagen nach Ventimiglia. Hier schickt sie das Auto zurück, und bald tritt eine Krankenschwester den Weg nach Paris an.

In Paris stürzt sie in den letzten Tagen des Juli zu Monsieur Pissard, dem ständigen Agenten.

Sie findet einen Mann, der bleich vor Angst und zitternd in seinem Zimmer sitzt. Monsieur Pissard sieht die Eintretende erstaunt an, Annemarie Lesser sagt leise:

Sehen Sie mich nicht so an, 1 und 4, G und W." Da springt Pissard auf, Freude glänzt in seinen Augen:Mademoiselle docteur! Sie haben den Weg hierher gewagt?"

In fliegender Eile unterbreitet Pissard der deut­schen Spionin, während draußen vor seinen Fen­stern die Menge in rasender Kriegsbegeisterung die Marseillaise singt, die durch einzelne Rufeä Berlin, ä Berlin" unterbrochen wird, seine Papiere. Pissard ist in den aufgeregten Tagen nicht müßig gewesen, so viel es ihm in Paris möglich mar, hat er durch ununterbrochenes Herumgehen auf den Bahnhöfen, durch dauernde Gespräche mit den kriegsbereiten Militärs die Art des Aufmarsches erkundet. Made­moiselle docteur braucht nur eine Stunde, um sich das alles auseinandersetzen zu lassen und um es in kleinster Schrift auf dünnstem Papier, das sie dann auf ihrem Körper verbirgt, aufzuzeichnen.

Mit Hilfe von Pissard. der das Rötige stets auf Lager hält, fertigt sie wieder einen neuen Paß an. Sie wird die Tochter eines belgischen Offiziers und sie stellt ein Dokument her, aus dem hervorgeht, daß sie als belgische Kranken­schwester im Ernstfall sofort zu einem belgi­schen Feldlazarett einrüden soll.

Sie stößt aber in Paris auf die entsetzlichsten Schwierigkeiten, als sie versucht, sofort und schnell nach Belgien zu gelangen. Sie wagt alles, um viel zu gewinnen, sie erscheint in der Höhle des Löwen bei der Transportabteilung der Gar­

nison Paris, und ihrem bestrickenden Liebreiz ihrem Scharm und ihrem Lächeln, das sie aus halbgcsenkten Augenlidern auf den zuständigen französischen Offizier wirft, gelingt es. einen Platz in einem Kurierauto ParisBrüssel zu erhalten, d as französische Generalstäbler tn Zivil nach Brüssel bringen soll. Die Fahrt geht über Compiögne, St. Quentin, Maubeuge, Charleroi, nach Brüssel, und die geschulten Augen der Mademoiselle docteur erfassen auf dieser Fahrt sofort, wo die wichtigen Punkte des fran­zösischen Aufmarsches liegen, sie erkennen seine Schwächen und seine Stärken. Ein übriges tut noch das Gespräch mit den französischen Gene­ralstabsoffizieren, die auf dem Wege nach Brüssel sind, und sie erfährt die ungeheuer­liche Tatsache, die man in dem deutschen General­stab bisher nur vermutet hat, daß die belgische Armee im Ernstfälle mit der französischen in Waffengemeinschaft gegen Deutschland stehen würde.

Das geht einwandfrei aus den Worten der Generalstäbler hervor. Als der Kraftwagen in Brüssel einläuft, gelingt es Annemarie Lesser nicht sofort, sich von den französischen Offizieren zu trennen. 3m Gegenteil, die Offiziere bringen die schöne Frau zum belgischen Generalstab, wo sie einer Unterredung dieser Offiziere mit dem Souschef des französischen Generalstabschefs bei­wohnt. Sie, immer in der Rolle der begeisterten Patriotin, erfährt bei dieser Unterredung, daß diesem Chef, dem General de Ryckel, eine Krieg­führung gegen Deutschland mit offensiven Ab­sichten vorschwebt. Sie erfährt weiter, daß man für den Ernstfall des ersten Schusses sofort die Landung von englischen Truppen in Stärke von sechs Infanteriedivisionen und acht Kavallerie­brigaden in einer Gesamtstärke von 160 OOO Mann in Antwerpen zugrsagt erhalten hat.

Annemarie Lesser wohnt dieser Unterredung mit gemischten Gefühlen bei, einerseits ist sie sich darüber im klaren, daß diese Kenntnisse für die deutsche Armee unerhört wichtig sind wenn ja wenn es ihr gelingt, sie nach Berlin zu übermitteln. Anderseits weiß sie natürlich ganz genau, daß sie in ungeheurer Gefahr schwebt, entlarvt zu werden, wenn es dem Gene­ral de Ryckel auch nur im entferntesten einfällt, sich nach ihren Personalverhältnissen etwas ge­nauer zu erkundigen. Also verabschiedet sie sich bei der ersten Gelegenheit, sie muß noch ver­schiedenes eintaufen, aber sie entrinnt nicht einer Verabredung mit einem der französischen Offi­ziere, einem Generalstabsmajor, für den Abend

zutraulicher werden die Vögel. Er streckt feine Hand aus eine rotgefrorene Hand und hält sie hin, ein Stück Brot in den F'.ngern. Da wagt es ein Vogel und flattert heran mit kleinen, blin­kenden Augen, und nimmt das Brot aus feiner Hand. Und noch einer wagt es und immer ein anderer. So tanzt in kleinen lebendigen Wellen das Leben um den einsamen Menschen, der dort still und verborgen steht zwischen den Büschen, ohne Mantel im kalten Wind. Er sieht auf die Vöglein nieder, als wollte er sie segnen die kleinen Wellen, die kleinen Flammen, die kleinen Funken des Lebens, als wollte er sie segnen mit dem Liebessegen des Heiligen, der die Vögel liebte. Und er lächelt, und sein Gesicht ist schön.

Cs ist Mittagszeit, die Straße wimmelt von Menschen, eilig hastende Tramwagen und Fuhr­werke poltern dazwischen. Es ist kalt. Muffe und Handschuhe und Taschen verstecken die Hände. Rur eine Hand ist bloß. Sie zieht einen kleinen Leiterwagen, auf dem eine schwere rohe Holzkiste lastet. Sie trotzt sich fest um den Griff, sie ist feingegliedert und beseelt und diese Arbeit nicht gewohnt. Sie liebt es, auf den Seiten eines Buches zu ruhen, die dünnen Blätter umwendend zu ertasten und großen reinen Geistern zu be­gegnen Den gleichen Ausdruck wie die Hand hat das Gesicht des Mannes, das er neigt. Das Ge­schäft das wohl die Rot ihm aufzwingt, er­niedrigt ihn nicht: er aber erhöht es. Aus der Straßenkreuzung fährt ein grober Mann in weißer Bluse, mit großen roten Händen einen Handkarren gerade in den Leiterwagen hinein. Der Grobe schimpft, während er seinen Karren zurückzieht. Der andere hebt das Gesicht und schaut ihn an, errötet leicht: ein Wunder ist in seinem füllen Auge. Auf die Schimpfworte er­widert er nichts: aber fein Auge sagt:Du sprichst zu mir, als könnte ich dich verstehen. Run bin ich aber nicht von dieser Welt."

*

Der Spaziergang am Fluh ist so voll Leben, als wäre die ganze Stadt herausgekommen, die strahlende Sonne zu trinken. Auf den Bänken sitzen die Menschen dichtgedrängt. Alke, die sich wohlig sonnen, Mütter mit ihren Kindern, Stu­denten mit ihren Büchern. Mädchen mit einer Handarbeit. Die Wandernden rauschen in buntem Strom vorüber und auf oem Fluß tanzen die Sterne der funkelnden Sonne. Ein Mann und eine Frau sind auf einer Dank allein, Arbeits­leute in schlechten Kleidern. Der Mann ist krank. Er liegt ausgestreckt auf der Bank, Haupt und Schultern ruhen im Schoß der Frau. Sein Ge­sicht ist so weiß wie das eines Toten. Um seine

Stirn webt der Glorienschein der stumm erlitte­nen Qual. Die Frau hält das Gesicht über ihn geneigt, Haarsträhnen fallen herein. Sein Auge ruht still und groß hingebend in ihrem Auge, und um sie her versinkt das laute Leben, und nichts ist mehr als er und sie, das Leiden und die Liebe, und sie wachsen hinauf ins Gewölbe des Himmels, in den Glanz des Heiligen hinein.

Es will schon Abend werden. Der Friede sinkt vom Himmel nieder. Die strengen Berge werden mild. Der Dauer ist vom Feld gekehrt und gibt im Stall zu trinken. Draußen neben dem Haus hobelt der fremde Arbeiter an einem (Brett. Die Dämmerung des Abends wächst. Er achtet es nicht. Da tritt die Däuerin heraus, groß hoch, stark. Ihr Gesicht hat die großen, ein­fachen. ruhigen Züge wie das Antlitz der (Berge. Sie tritt zu ihm und sagt:Du schaffst noch, Hans? Es ist ja Rächt. Du siehst ja nichts. Hör' auf und geh du in die Stube. Ich werde auch mit dem Essen bald fertig fein. Sie geht. Er aber legt den Hobel fort für diesen Tag. wie ein frommer Mensch, der dem heiligen Gebot des Lebens willig gehorcht.

MeWeihnachtsmanner des hohenAordens

Die rechte Weihnachtsvorstellung ist für uns eng verknüpft mit Schnee und Eis und scharfer Kälte. Deshalb erscheint uns der hohe Rorden als das ideale Weihnachtsland, und in vielen Märchen wird der Weihnachtsmann als eine Art Rvrdpolsvrscher dargestellt in dickem Pelz und warmer Kapuze, der seine köstlichen Gaben unter luftigem Geklingel auf einem von (Remi­tieren gezogenen Schlitten herbeiführt. Auch heute noch in unserer nüchtern gewordenen Zeit, in der die Kinder nicht mehr viel vom Knecht Rup­recht wissen wollen, gibt es solche Weihnachts­männer, die merkwürdigerweise Schutzleute sind. Es sind die Mitglieder der kanadischen berit­tenen Polizei, die in den kanadischen Gebieten des Polarkreises ihre entsagungsvolle und auf­opfernde Pflicht tun. Sie sind nicht nur Ver­folger des Rechts und Hüter der Ordnung, son­dern den verlassenen Ansiedlern und Trap­pern und den armen Eskimos, die hier ihr Ge­ben fristen, erscheinen sie wie gütige Helfer und väterliche Freunde. Wenn sie um die Weih­nachtszeit in ihren roten, pelzverbrämten Röcken in irgendeiner eisumstarrten Ansiedlung oder in den Schneehütten der Eskimos auftauchen, dann werden sie mit so heller Freude begrüßt, wie selten ein Weihnachtsmann. Ende Rovember und Anfang Dezember treten diese Schutzleute ihre Weihnachtspatrouillen an, und zwar zu

im Kriege.

G und W.

im Palace-Hotel, sie entrinnt dieser Verab­redung um so weniger, als sich dieser Offizier bereits auf Tod und Leben in sie v.rliebt hat.

Als sie auf der Straße steht, ist sie entschlossen, diese Verabredung nicht einzuhalten. Am Abend aber hat in ihr das Abenteurerblut gesiegt. Sie riskiert ihr Leben, um noch mehr zu erfahren, und schon in der ersten Stunde des Zufamn en- seins mit dem Offizier im Speifefaal tcS Palace- Hotels kennt sie den belgischen Ausmarschplan. Sie erfährt, daß die Militärgouverneure der belgischen Provinzen angewiesen worden sind, (Beilegungen französischer Truppen auf belgischem Gebier nicht als Rcutralitätöverlehung zu be­trachten. Die Versammlung des belgifd;cn 'Feld­heeres ist beiderseits der Gele im Raum Han- nut<5t. TrondTirlemontHamme - R ille vir­gesehen. Sie erfährt die Einzelheiten dieses Auf­marsches, und gegen Mitternacht kennt sie die Defehung der Festung Lüttich. Sie erfährt vor allem aber den augenblicklichen technischen Zu­stand der Werke. Die Forts waren zwar noch modern und sturmfrei, die Zwischenräume waren aber im letzten Jahre nicht weiter ausgebaut, und das von tiefen Schluchten durchzogene Dor- gelänbe war der Feuerwirkung' völlig entzogen. Unterirdische vorgeschobene Forts waren in diesen Tälern nicht vorhanden. In die Festung selbst sollten sofort zwei Divisionen einrüden, die dritte und vierte belgische Division feilte den Aufmarsch dieser Truppen um Lüttich deden. Als Anne­marie Lesser dieses erfahren hatte, da hielt es sie nicht mehr in der Gesellschaft des verliebten franzosiscl en Offiziers.

Sie schützt ein plötzliches Unwohlsein vor, der Gedanke an ihrenVater", den belgischen Offi­zier, bebrüdt sie, es gelingt ihr, den Offizier so zu verlassen, daß er keinen Argwohn hezen kann, mit ihrem Paß und ihrem selbsthergestellten Ausweis vermag sie in einen v-ZugBrüs el- Lüttich zu kommen, in denselben Zug, in dem belgische Generalstabsoffiziere in die Festung eilten.

In (Berlin sitzt I. Matthesius, er ist seit Tagen nicht aus feinem Zimmer herausgelommen. Bündel von Telegrammen aus aller Welt häufen sich auf feinem Schreibtisch, zwei Telephonappa­rate schweigen nicht einen Augenblid, Ordon­nanzen, offen in -Uniform, gehen bei ihm ein und aus.

Während seiner ununterbrochenen Arbeit aber geht ihm eins nicht aus dem Kops: wo ist Anne­marie Lesser? Er hat durch ein chiffrier.es Tele­gramm aus Mailand erfahren, daß sie über

dem menschenfreundlichen Zwed, Post und Gaben in diese fernen Gegenden des hohen Rordens zu bringen. In der bittersten Kälte und unter dem Geheul der Schneestürme finden sie ihren Weg zu den Eskimos, denen sie den Sinn des Weihnachtsfestes klar machen und deren über­aus mageren Speisezettel sie mit allerlei Lecker­bissen verschönen. Wenn dabei auch die Lichter, öie_ für den Christbaum bestimmt sind, in die Mägen wandern, so muh man diese Verwen­dung hinnehmen, die dem Geschmack dieser Söhne des Schnees mehr entspricht. So manche Pa­trouille ist schon elendiglich umgekommen, wie vor 19 Jahren die Weihnachtsexpedition von Fitsgerald, die mit Post und Gaben von Fort Macpherson nach Dawson unterwegs war. An Abenteuern und aufregenden (Srlebniffei haben diese Weihnachtsmänner keinen Mangel. So ret­tete z. D. Inspektor Wilcox im Dezember 1923 zu Pangnirtung auf der Dasfins-Jnsel einige Eskimo-Familien durch feine reichen Weihnachts­gaben vor dem drohenden Hungertod. Auch 1927 fand Sergeant Daker auf seiner Fahrt von Dernad Harbour nach dem Tree-River eine An­zahl verkrüppelter oder sonst verletzter Eskimos, die er pflegte und reich beschenkte. Im selben Jahre meldeten Indianer das traurige Schicksal eines weißen Trappers Walter Lanner, dem Korporal Lloyd-Walters, der in Forth Smith stationiert war. Der Unglückliche sollte sich irgend­wo am oberen Lauf des Slave-River befinden, und sofort machte sich der Schuhmann auf den Weg, um die (Reife von mehr als 1000 Kilometer durch die weglose Schneewüste zurückzulegen. Er sand auch den Trapper, aber als Leiche: er war bereits verhungert. Die Polizisten selbst feiern in ihren von aller Kulturwelt abgeschnittenen Stationen Weihnachten mit all dem Glanz dieses Festes. Die Ansiedler und Eingeborenen aus der Umgegend sind eingclaben, und alle hängen am Heiligen Abend ihre langen Strümpfe aus Renntierhaut auf, damit derWeihnachtsmann'^ ihnen recht viel Geschenke fjineintue. Die Ein­geborenen bekommen Messer und Kleidungs­stücke, Seife, Muniton und solche Kostbarkeiten wie Spiegel und Glasperlen. Am ersten Feier­tag findet dann ein Gottesdienst statt, und dann folgt das Festmahl, bei dem Renntierlenden und Därenschinken, (Robbenfloffen und ähnliche Lecker­bissen der nördlichen Tafel, neben Tee, Diskuits und Tabak die Hauptrolle spielen. Dann ver­treibt man sich die Zeit mit Schneeschuhwett­laufen, mit Ringen und Springen, mit Tanzen und Wettrennen, und heutzutage bringt sogar der Rundfunk die Stimmen der Heimat, von der man träumt . . .