Aus der Provinzialhauptsiadt.
Gießen, den 18. November 1929.
Unter grauem Himmel.
Man kann den Herbst in allen Tonarten Preisen, wie er ja auch alle Tonarten anwendet, um den Abschied, den er nun einmal bedeutet, einigermaßen angenehm zu machen. Man kann sich von seiner Farbenpracht und seiner Stimmung begeistern lassen und kann unendlich vieles schön finden von dem, was er uns darbietet. Aber man kann doch nicht übersehen, daß er auch seine Mängel und Widrigkeiten hat. Wenigstens bei uns, und da sogar in stark ausgeprägtem Maße.
Wir haben es ja in den letzten Wochen erfahren. Da wechselt einmal ein Sonnentag zu einem grauen oder Regentag hinüber. Run, das ist nicht schlimm: auch solche Tage muh es geben. Alnö morgen, so denkt man scheint die Sonne wieder. Aber der morgige Tag steigt genau so ichgernd und unwirtlich und griesgrämig aus dem Bett wie der vergangene. Tief hängen die Wolken herein, feuchte Rebel ziehen, Regen fällt. Man schaut nach der Sonne aus, aber sie bleibt fern. Man prüft das Barometer, aber der -Zeiger sinkt, man klopft daran herum, und er sinkt noch ein Stück tiefer, man steckt den Kopf zum Fenster hinaus und prüft Wolkenbildung. Luftströmung und Temperatur, alles in der Hoffnung, daß die Welt wenigstens am andern wieder etwas freundlicher aussehen wird.
Und kommt nun der andere Tag, so sieht eS noch weniger erfreulich aus als vorher, noch weniger trostvoll und noch mehr niederdrückend, denn nun wirft ein unfreundlicher Wind Regentropfen gegen das Fenster, durch die Luken Pfeift es, im Karnin rumort es, und der Himmel ist noch drückender und schwerer geworden als vorher. Da legt es sich auf das Gemüt, ganz un- merklich, aber doch erkennbar in den Wirkungen, die sich einstellen, denn nun wendet sich die Der- drossenheit, gegen die man vergeblich kämpft, gegen alles, was uns umgibt. Die Arbeit wird unwillig getan, jede Schwierigkeit, die sich einem in den Weg stellt, wächst zu einem Ungeheuer aus, das alle Lebensfreude zu erschlagen scheint, und kleine Freuden, die man sonst sehr wohl wahrgenommen hätte, bleiben unbeachtet. Ist man aber endlich ledig der Pflichten, so ist es auch nicht besser, denn nun weist man erst recht nicht, was man beginnen soll. Es fehlt an Triebkraft zu allem, was man beginnen, womit man die Stunden angenehm gestalten könnte. Sogar die Unterhaltung stockt, mag man sonst noch so gesprächig sein, und wird gesprochen, so ist meist der Inhalt gering.
Tlnd das ist das Unangenehme, daß der vielgepriesene Herbst, wenn er einmal begonnen hat, seine graue Himmelsdecke auszubreiten, nicht. mehr Daran zu denken £1)2 int, sie mit einer anderen zu vertauschen. Wochenlang kann er sie behalten, tagtäglich erneuern. Die verschiedensten Variationen entdeckt er, bald überrascht er mit einem Schieferblau, dann mit einem Hauch von Schwefelgelb, bann wieder ist er mausgrau, in kurzem läßt er sich bewegen, einige Andeutungen von Wolkenbildungen hervobzuzaubern, aber bald hat er wieder eine andere Laune entdeckt. Rur die Decke ganz wegzunehmen, wieder einmal blauen Himmel zu zeigen und strahlende Sonne, daran denkt er nicht.
Freilich — einmal muh auch er wieder daran denken. Dann allerdings erscheint er uns doppelt und dreifach schön, und wir sind, wenn wir , nicht gerade sehr abgehalten sind, drauf und dran, uns der milden und matten Sonne des Spätjahres mit vollem Dewusttsein zu freuen. Wie man ja meist erst richtig schätzt, was knapp geworden ist. S.
Daten für Dienstag, 19. November.
Sonnenaufgang 7.23 Uhr, Sonnenuntergang 16.07 Llhr. — Mondaufgang 17.42 Uhr. Monduntergang 10.45 Uhr.
1770: der Bildhauer Bertel Thorwaldson auf See, zwischen Irland und Dänemark, geboren; — 1805: Ferdinand Vicomte de Lesseps, Erbauer des Suezkanals, in Versailles geboren; — 1828: der Komponist Franz Schubert in Wien gestorben; — 1869: Eröffnung des Suezkanals.
Vornotizen.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus Dahnhofstraste: „S)er Günstling von Schönbrunn"; auf der Bühne Gastspiel Rinon und Joe Berno Derlost. — Astoria-Lichtspiele: «Die Tochter der Steppe" und „Die Tänzerin von Frifto".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Mittwoch, 20. Ro- vember, finden zwei Vorstellungen statt: Um
16 Uhr zu ermäßigten Preisen der erfolgrerche amerikanische Schwank „Hochzntsrcise" von Mathews unü Richols. Abends findet als Sondervorstellung „Poganini". Operette in 3 Akten, von Lehar statt. Die Mittagsvorstellung ist zu bedeutend ermäßigten Preisen. Die Operette „Paganini" ist eine der musikalischsten modernen Operetten. Das Schicksal des großen Geigenvirtuosen ist durch Lehars Werk sehr populär geworden. Beginn der Abendvorstellung 19.30.
— Der Goethebund schreibt uns: Am Mittwoch, 20. Rov., hält in der Reihe der volksbildnerischen Vorträge Georg Weidhaas, Greiz, einen Lichtbildervortrag über das Thema „Aus der Wunderwelt der Blumen". Der Vortrag will in die Farbenwunder und Blütengeheimnisse der Pflanzen einführen. Die Bilder sind farbenphotographisch ausgenommen und vermitteln ein naturgetreues Bild von der Schönheit der Flora. Interessenten seien auf die Veranstaltung hingewiesen.
— Sonntag, 24. Rovember, 20 Uhr, wird Universitäts-Professor Dr. med. Olpp, Dozent für Tropenheilkunde in Tübingen und Leiter des dortigen missionsärztlichen Instituts und Tropengenesungsheims in der Aula der Universität einen Vortrag mit Lichtbildern und Laufbildern halten über das Thema: „R e u e st e Ergebnisse der Tr op e n h ei lku n d e und ihre Anwendung in der ärztlichen M i s s i o n.“ Professor Olpp ist selber nahezu ein Iahrzehnt als Rheinischer Missionsarzt in Tung- kun (Südchina) gewesen und kann daher aus eigener Erfahrung über die exotischen Krankheiten und die segensreiche Tätigkeit der ärztlichen Mission berichten, wie er dies kürzlich auch in den Universitätsstädten Freiburg, Köln, Rostock und Würzburg mit Erfolg getan hat. Außer zahlreichen bunten Lichtbildern, die er zum Teil selbst ausgenommen hat, wird er interessante Laufbilder über den Entwicklungsgang des Malariaerregers im Menschen und im Moskito, über die Pest in Iava und über die Aussähigen-Asyle der Mission in Sumatra, Britisch-Indien und Ostafrika vorführen. (Vgl. die Anzeige in der Samstagausgabe.)
** Schützt die Hunde vor Kälte! Die Zeit rückt heran, in der die Nächte bitter kalt zu werden beginnen. Der Mensch läßt es sich am Ofen wohl sein, während der Sturm an den Fensterläden rasselt. Da sollte man auch an die Tiere draußen denken, vor allem an den, der dem Menschen der treueste Wächter ist: den Hofhund. Man sorge dafür, daß die Hundehütte auf dem Hofe öfters frisches Stroh erhält. Um die Wärme zu halten, tut man gut, ein paar alte Decken in die Hütte hineinzulegen. Das Dach muß sorgfältig gegen Zugluft und Nässe abgedichtet sein. Vor den Eingang hängt man zweckmäßig einen Sack. Die Fütterung hat etwas reichlicher zu geschehen. Sehr wichtig ist auch Reinlichkeit in der Umgebung der Hütte. Ein so gehaltenes Tier wird die Aufmerksamkeit des Menschen stets lohnen. Auch für die Zughunde, die tagsüber lange im Freien warten müssen, nehme man Decken mit, damit sie bei feuchter und kalter Witterung warm bleiben. Das Trinkwasser wird am besten lauwarm vorgesetzt.
** Aus dem GießenerStandesarnts- re gift er. Es verstürben in der Zeit vom 1. bis 15. Rovember: 1.: Christian Hüttenberger, 7 Stunden alt, Rodheimer Straße 53; 3.: Marie Heck, geb. Mattern, 49 Iahre alt, Schützen- sirahe 62; 4.: Marie Schneider, geb. Schneider, Witwe, 64 Iahre alt, Wilhelmstraße 35; Friedrich Kühn, Mehgermeister, 63 Iahre alt, Marktstraße 23; 6.: Marie Lehmann, geb. Schuster, 39 Iahre alt, Iheringstrahe 9; 9.: Margarete S t ü h l e r, geb. Schäfer, Witwe, 87 Iahre alt, Wolfstraße 16; 10.: Anna Iakobine Horn, geb. Hubeler, Witwe, 70 Iahre alt, Steinstr. 33; 13.: Margarete Klotz, geb. Dorfeld, Witwe, 67 Iahre alt, Wehsteingafse 18; 14.: Elisabeths Köchlin, geb. Böh, Witwe, 71 Iahre alt, Wolfstraße 15; Karl Buschmann, Ingenieur, 53 Iahre alt, Reuen weg 31; 15.: Karoline Senner, geb. Roll, Witwe, 82 Iahre alt, Dergstr. 7.
** „Im Reiche des Humors". Der Deutsch- nationale Handlungsgehilfenoerband bot am letzten Donnerstag seinen Mitgliedern und deren Angehörigen im Katholischen Vereinshaus einen wohlgelungenen heiteren Abend. Ministerialrat a. D. Dr. Erich F o r t n e r (Berlin), der bereits im vorigen Jahre an gleicher Stelle mit sehr beifällig aufgenommenen humorvollen Darbietungen aus alter Zeit aufwartete, bot auch diesmal wieder Vorzügliches. Es war eine Freude zu sehen, wie dieser so ernst aussehende Künstler die zahlreicher Besucher im Handumdrehen in die richtige Stimmung zu versetzen verstand. Seine Leistungen erreichten ihren Höhepunkt bei mimischen Darbietungen. Besonders erfrischend wirkten auch die Vorträge und Erzählungen in den verschiedenen Mundarten. Was hier, ins
Geschäfts-Übernahme!
Zur gefälligen Kenntnisnahmel Den verehrten Einwohnern von Gießen und Umgegend teile ich höfl. mit, daß ich ab 20. November 1929 die seither von Herrn Greilich, Steinstraße 23, früher Sommer, geführte
Metzgerei und Gastwirtschaft
übernommen habe.
Betrifft Metzgerei:
Der werten Kundschaft empfehle ich l. Qualität Rind-, Schweine- und Kalbfleisch, Schinken, Rauch-Dauerwaren, sowie sämtliche Wurst- und Aufschnittwaren in bester Güte. Bestellung erbeten: Telephon 2923.
Betrifft Gastwirtschaft:
Meinen werten Gästen und Gönnern empfehle ich: Beste Exportbiere, gutgepflegte Weine, reichhalt gute Küche.
Reelle Bedienung zugesichert I
Geneigten Zuspruch erbeten
Karl Scherer, Steinstraße 23
|J7<32
Dienstag, den 19. November 1929 nachmittags 2 Llhr, versteigere ich im „Löwen", Neuenweg 28 dahier, zwangsweise gegen Barzahlung:
6 Schreibtische, 1 Aktenregal, ein Fahrrad, 3 Klaviere, 2 Ledersessel, 9 Büfetts, 3 Sofas, 1 Tisch, einen Kleiderschrank, ss Wasch-Apparate, 4 Bierleitungsreinigungs-Apparate, 2 Bohrmaschinen, 2 Schreibmaschinen, 1 Vertiko, 2 Kaffeetische, ein Schrank. Grammophon, T Kaffen- schrank, 1 Küchenbüfett, 1 Harmonium, 5 Kredenzen, 2 Ausziehtische, 6 Stühle, 1 Regulator, 1 Registrierkasse, 3 Diwane, 5 Nähmaschinen, 2 Warenschränke, 2 Büsten, zwei Schreibladenkassen, 1 Waschtisch mit Spiegelaufsatz, T Schrank, 3 Stand- uhren, 2 Glaskasten, 1 Eistransfor- mator, 2 Instrumentenschränke, ein Entbindungsbett,TTeppich,Ehaise- longue,! Gehrungsschneidmaschine, 1 Amboß, 1 Bücherschrank, 1 Kom- mode.9 Schweine, 3 Pferde, 1 Kuh. Aofthpf Gerichtsvollzieher in Gießen y VVv vl Oammstr. 24 1, Telephon 4039 Wir suchen zum Besuch v. Prioatkundschasl tüchtige Werbedamen
welche an Inteniioeö Arbeiten gewöhnt nnd. Schriftliche Angebote unter 9502D an den Gießener Anzeiger erbeten.
besondere an bayerischem Dialekt geboten wurde, ließ an Natürlichkeit nichts zu wünschen übrig. Der Künstler brachte diesmal meist Darbietungen aus Werken neuerer Zeit. Besonders ansprechend gelangen „Der Schnurrbart" (Humoreske), „Hartnäckige Liebe" (Gedicht von Otto Ernst), „Der wandernde Esel" (Karl Hans Strobl), „i Tiroler Adler" (Rud. Greinz), „Aus dem Aufsatzheft einer neunjährigen Schülerin", „Das verlorene Täschchen (Roda Roda), „Schwäbische Kund" (mimische Studie), sowie Wiener Geschichten und Anekdoten. Prachtvoll war auch die Darstellung verschiedener Charaktere beim Vortrag des „Liedes von der Glocke". Der Künstler erntnte für feine Darbietungen reichen Beifall, so daß er sich schließlich zu einer Zugabe entschließen mußte.
Oer neue provinzialdrrektor für Rheinhessen.
WSN. D a r m st a d t, 16. Nov. Mit Wirkung vom 30. November d. I. ab tritt der verdiente Provinzialdirektor der Provinz Rheinhessen und Kreisdirettor des Kreises Mainz, Geheimerat Dr. Karl U s i n g e r, in den R u h e st a n d. Zu feinem Nachfolger wurde der Ministerialrat Dr. Wilhelm Wehner aus dem Ministerium des Innern ernannt. Geheimerat Dr. Karl U s i n g e r ist jedoch beauftragt, die Dienstgeschäfte als Landeskommissar für das besetzte hessische Gebiet bis auf weiteres zu versehen.
Bürgermeister Ringshausen, Nidda t-
• Ridda, 17. Rov. Bürgermeister Rings- Hausen, Ridda, ist gestern nach längerer Krankheit verstorben. Der Verewigte hat viele Iahre lang im öffentlichen Dienste gestanden, u. a. als Direktor der für unser Gebiet wirtschaftlich außerordentlich bedeutsamen Bezirkssparkasse Ridda. Auch durch ehrenamtliche Kommunalarbeit betätigte er sich aufopfernd und erfolgreich im Dienste der Allgemeinheit, bis ihn der Wille der Bürgerschaft vor einigen Iahren als Bürgermeister an die Spitze der Stadtverwaltung stellte. Der Heimgegangene konnte sich allgemein der größten Wertschätzung erfreuen. Seine Werke sichern ihm über das Grab hinaus für alle Zeiten ein ehrendes Gedenken.
Ein fesselndes Stück Heimatgeschichte.
df. Langsdorf, 10. Rov. Am Donnerstag fand auf Veranlassung unseres Ortsgeistlichen Dr. H e y m a n n w.e. erum ein Gemeindeabend statt, der sich eines starken Besuches erfreute. Wie schon im vorigen Herbst machte Pfarrer Dr. H e h m a n n mit einem Stück Ortsgeschichte bekannt. Er führte die Erschienenen zurück in die Zeit um 1700. Im Laufe des Sommers hatte Dr. Heymann Stöße von Akten und Rechnungen des Braunfelser Archivs durchgearbeitet und daher eine Begebenheit zutage gefördert, die er diesmal zu Gehör brachte. Es handelt sich um einen Prozeß, den die neun Gemeinden dec Grafschaft Solms-Braunfels mit ihrem damaligen Landesfürsten, dem 1694 bis 1724 regierenden Grafen Wilhelm-Moritz führten und der sich über die Zeit von 1705 bis 1724, also 21 Iahren, erstreckte. Die neun Dörfer hatten, wie damals allgemein üblich war, ihrem Landesherrn Abgaben und Dienste zu leisten, und zwar nach Hungen, dem Witwensitz der Grafen von Braunfels. Iahrelang waren diese nic,t verlangt wordern Als nun Graf Wilhelm- Moritz dieselben in Geld umwandelte, entbrannte der Streit. Die Dörfer, von denen Hungen und Langsdorf infolge verbriefter Vorrechte eine Sonderstellung einnahmen, so daß sie von der getroffenen Maßnahme des Grafen unberührt blieben, schlossen sich zusammen und verweigerten hartnäckig die geforderte Abgabe. Hungen und Langsdovf erklärten sich bald mit den sieben anderen Dörfern solidarisch, ja sie stellten sogar, neben Tettenhausen mit seinem raffinierten Diemer Rickel, die Haupträdelsführer. Iahrelang wogte der Kampf, gewissenlose Advokaten und der Erzbischof von Mainz schürten, viele tausend Gulden wurden verprozessiert, Militär wurde auf geboten, die Dörfer bekamen Besatzung, die Rädelsführer wanderten zeitweise ins Gefängnis, es half alles nichts, der Starrsinn der einmal rebellischen Bauern war so schnell nicht zu brechen. Sie sandten sogar ihre Vertreter nach Wien an das Reichshofgericht. Der Graf Lau- bach suchte zu vermitteln, aber die Bauern waren nicht zu Äterzeugen, dah ihr Landesherr im Recht war. Auf beiden Seiten arbeitete man natürlich mit allen Mitteln. Die Dauern bestachen die gräflichen Llnterbeamten und erfuhren somit die Maßnahmen des Landesherrn rechtzeitig, umgekehrt machte es der Graf. Er hatte in jedem Dorf seine Spitzel. So wogte der Kampf fast zwanzig Iahre. Da wurden die Bauern doch
nach und nach mürbe, einer nach dem anderen wandte sich ab und gelobte den Treueid, bis auf einige wenige, unter ihnen auch Langsdörser, die ihren Kopf a-ufsetzten. 3m Kamps um ihr vermeintliches Recht nahmen sie alles auf sich. Aus Wien kam dann endlich der Bescheid, wonach der Landesfürst im Recht sei, doch wurde ihm anempfohlen, mit seinen Landeskindern gnädig umzugehen und von Strafe abzusehen. So ging der Kampf aus, wie nicht anders zu erwarten war. Aber die Grafschaft hatte unsäglich gelitten. Die Dörfer und ihre Bewohner waren auf Jahrzehnte verarmt und das Vertrauen zur Herrschaft für immer zerstört. Im Lau e des noch säst hundertjährigen Writerdeftehens dieses Kleinstaates ist es nicht wieder zu erringen gewesen, so daß kein Landeskind dem angestammten Fürstenhaus eine Träne nachweinte.
Der Vortrag zeigte, wie Starrköpfigkeit und blinde Prozeßwut eine ganze Gegend ins Verderben führte, zum Teil verursacht durch die unglückseligen politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Vielleicht dürfte ein solcher Prozeß in der Geschichte unserer Dörfer einzig- stehen. Die neun Dörfer, die sich 21 Iahre gegen ihren Landesfürsten auflehnten, sind: Hungen. Langsdorf, Bellersheim, Bettenhausen, Dirilar. Vil- lingen, Roirnenroth, Röthges und Ober-Dessingen. Langsdorf zählte damals etwa 400 Einwohner.
3m Ramen der Erschienenen sprach Bürgermeister Kneipp dem Redner für seine interessanten Ausführungen herzlichsten Dank aus.
Oberhessen.
Landkreis Gieften.
^s-Grünberg, 16.Rov. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr hielt dieser Tage ihre Schluhübung ab. Rach einer Geräteübung sand in der Bahnhofstraße ein Brandangriff statt. In der anschließenden Rachversammlung konnte der erste Hauptmann, Seilermeister Carl Seifart, die Leistungen als vorzüglich bezeichnen. Der erste Obmann der Steigmannschaft. Zimmermeister Gg. Dan. Haas, h?.elt dann einen Vortrag über die im Iahre 1927 im Dolksstaate Hessen ausgebrochenen Brände. Danach ist deren Zahl immer noch eine recht hohe, und all- jährlich wird auf diese Weise wertvolles Volksvermögen vernichtet. Hier dürfen die Freiwilligen Feuerwehren für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, durch ihre Tätigkeit t>iel_ zur Verhütung und Verminderung der Feuersbrünste beizutragen.
Kreis Schotten.
-> Schotten, 15. Rov. Die Gedenkfeier der Schule für die Toten des Weltkrieges soll. in diesem Iahre zum erstenmal in der hiesigen Kirche am Tage vor Totensonntag abgehalten werden. Man läßt sich dabei von dem Gedanken leiten, daß eine Feier im Gotteshaus ernster, tiefer und nachhaltiger auf die Kindesseele einzuwirken vermag. Cii beteiligen sich daran die Oberklassen der hiesigen und der benachbarten auswärtigen Schulen. Die Gedächtnisrede hat Schulrat Hasenzahl übernommen. Sie wird umrahmt sein von gemeinsamen Liedern der Dolksschulllassen („Wir treten zum Beten" und „Herz, laß dein Sorgen sein"), sowie von geeigneten Musikstücken für Orgel, Violine und Cello.
Kreis Lauterbach.
4k Lauterbach, 16. Nov. Gestern abend gegen 8.15 älhr ereignete sich in dec Vogetsberg- S kraße ein Zusammenstoß zwischen einem Moto*rrad und einem Fuhrwerk. Wahrscheinlich konnte der Motorradfahrer dem Fuhrwerk, dessen Pferd durch das Rattern des Motors scheu geworden war, nicht mehr rechtzeitig ausweichen und führ dem Wagen in die Seite. Durch den Zusammenprall wurde der Fuhrwerkslerrker vom Sitz geschleudert und blieb bewußtlos auf dem Straßenpsla" er liegen, während der Motorradfahrer und sein Sozius zur Seite flogen, ohne erhebliche Verletzungen davonzutragen. Wem die Schuld an dem Unfall trifft, ist noch nicht geklärt; beide Fahrzeuge sollen vorschriftsmäßig beleuchtet und auch gefahren sein.
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