Nr. M Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Zreitag, <7. Mai (929
Entthronung des Goldes?
Don Otto Corbach.
Seit mehr als drei Monaten hält die Welt den Atem an und wartet auf den Schluhbericht der Pariser Sachverständigen-Konferenz wie auf den Spruch eines delphischen Orakels. In der Sphäre der Wcltfinanz. die für die große Mehrheit der Angehörigen aller Völker ein Buch mit sieben Siegeln ist, sollten neue Formeln gefunden werden, mit denen man die politische Unruhe bannen könnte, die die durch den Krieg entstandenen Zahlungsverpflichtungen hervorgerufen haben. Der Verlauf der Konferenz hat freilich schon bewiesen, daß es sich dabei wiederum nur um ein Trugspicl handelt. Jeder Versuch der Sachverständigen, von ihrem Sachverstand einen freien Gebrauch zu machen, scheiterte an dem politischen Widerstande der sie aus dem Hintergründe überwachenden Staatsmänner oder öffentlichen Meinungen. 3e länger sich die Beratungen hinzogen, desto mehr wich die Linie der Verständigung von der Linie vernünftiger Einsicht in die Leistungsfähigkeit des Hauptschuldners ab, und da der Hauptgläubiger nichts nachließ, indem er auf seiner Forderung, daß sich die Konferenz nur mit der Höhe der deutschen Reparationen zu befassen habe, beharrte, so droht selbst das Wenige, um das die deutschen Sachverständigen Deutschlands durchschnittliche Jahresleistungen aegcnüver den Zumutungen der Gläubiger herabgesetzt zu sehen hoffen, an deren Uneinigkeit zu scheitern.
Dabei muß man noch völlig blind für die Relativität eines bestimmten Gcldausdrucks für die Leistungen eines Schuldners sein, um das Illusionäre dessen, was für Deutschland günstigstenfalls an „Schuldennachlaß" bei der Sachverstän- digen-Konferenz hcrausspringen kann, zu verkennen. Im wirklichen, und zumal im politischen Leben dienen Zahlen mehr dazu, Sachwerte zu verschleiern, als sie auszudrücken. Das, was das deutsche Volk leisten muß, um einen Jahrestribut von rund zwei Milliarden Mark ertragen zu können, kann unter Umständen nach einer Reihe von Jahren doppelt odergarmehrfach soviel sein, wie gegenwärtig. Ein überschuldetes Land gleicht einem überschuldeten Bauernhof, dem dec Steuereinnehmer die letzte Kuh aus dem Stall holt, um sie zu versteigern. Wie kann man dos, was der Steuerfiskus aus der Kuh herausschlägt, mit dem vergleichen, was sie dem Bauern wert war? Ein Volk aber, das Waren ausführen muh. um Schulden bezahlen zu können, handelt unter einem Zwange, der unter Umständen auf dasselbe hinausläuft, als wenn ihm die Waren zwangsweise abge- n o m m e n würden, um auf auswärtigen Märkten an Meistbietende verschleudert zu werden, unter Umständen unter dem Selbstkostenpreise.
Für das wirkliche Ergebnis der Pariser Sach- verständigen-Konferenz bedeuten die paar hundert Millionen Mark, die wir vielleicht jährlich weniger zu bezahlen brauchen, als es ohne sie der Fall gewesen sein möchte, eine Bagatelle. Dieser Vorteil wird vielmals zu unseren Ungunsten ausgewogen durch die schroffe Zurückweisung des Versuchs Dr. Schachts, die Frage einer Erweiterung unserer Rohstoffbasis auch nur zur Erörterung zu stellen, durch die Verständigung über die Aufrichtung einer europäischen Zwingburg für die Weltfinanz und vor allem durch das Desinteressement der Washingtoner Regierung an der europäischen Landab- r ü st u n g, das zwar unmittelbar mit der Pariser Konferenz nichts zu tun hat, mittelbar deren Ergebnis aber stark beeinflussen muß. Man mag über den Vorschlag des Präsidenten Schacht, Deutschland unmittelbare Rohstoffquellen durch privilegierte Gesellschaften auf dem Boden fremder Kolonien zu erschließen, denken wie man will; sicher ist jedenfalls, daß Deutschland irgendwie versuchen muß, größeren Einfluß auf die Gestaltung der Weltmarktpreise für R o h st o f f e zu gewinnen, um nicht in Zu-
Münchener Braiwürstl.
Don Maxing.
Mit der Stadt, mit der man lebt, ist man verheiratet. Die vollkommene Ehe besteht im Reisen. Die schönen Städte, diese reizenden, koketten, ruhigen und temperamentvollen Frauen inmitten einer Landschaft lieben daher den Fremden, denn er streckt sehnsüchtige Arme aus, um sie mit allen Vorzügen und Fehlern zu umfangen. Dann reist er wieder ab. „Hergott Sakra Kruzisixi!" ja. das war München! Heiser entquollen diese Laute dem Barte eines Gepäckträgers, dem ich meinen Koffer beim Herausreichen aus dem v-Zugfenster im Münchner Hauptbahnhof beinah auf den Kopf geworfen hätte. Fast sah cs so au8, als wollte er darob mit der rechten Hand ausholen. Aber er schwang sich brav den Koffer auf den Rücken. Herrgott Sakra Kruzisixi! Wie umrissen die drei Laute die ganze Stadt. Welch ein Wiedersehensgruß! Mit Därenslärke drückte mich der Gepäckträger schnell in ein kleines Auto, so daß mein Skalp beinahe an der oberen Wagentür hängen geblieben wäre. Aber es mußte wohl so sein, denn ein Polizist mit einer langen, silbernen, altpreußischen Spitze auf dem Helm winkte.
Cs war Sonntagabend, halb elf Uhr. Da konnte man doch noch nicht schlafen gehen. Da mußte man doch noch ein Glas Bier trinken. War nicht der weihe Schaum über dem hohen, mit dunkler Flüssigkeit gefüllten Glase stets wie eine Apotheose gewesen? Zart, milchig, kühl, über den Rand quellend, wie ein Haufen feiner Spihenwäschc? Also wieder hinaus aus dem Hotel. Wie rein die Rachtluft, wie kühl, wie frisch. Am Karlsplah stand ein Mann mit einem Fernrohr. Er sah aus, als hätte ihn einst Erich Wille erfunden: klein, zusammengedrückt, mit einem grünen Lodenmantel, einem Seehundsbart, einer Bleibrille auf der Rase„ schwere Bergstiefel an den Füßen. Als sei er soeben von einem Sonntagnachmittagsausflug vvm Mars zu- rückgekehrt. Ein himmlisches Edelweiß zierte strahlend sein Knopfloch. Am Fernrohr stand, halb in der Kniebeuge, ein alter Akademieprofessor aus der Zeit um 1900 mit einem langen, breiten, grauen Bart. Ein Jägerhütchen auf dem Kopfe, um die Schultern einen dicken, von allen Röten der Zeit abgeschabten Wintermantel mit ausgerissenen Taschen. Als er den Kopf vom
Oie Riesenstadt im Ruhrgebiet.
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Die Riesenstadt im Ruhrgebiet.
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Der dem Preußischen Landtag vorgelegte Eingemeindungsentwurf der preußischen Regierung schafft, wie untere Karte zeigt, einen zusammenhängenden Städtekomplex, das von Dortmund bis über den Rhein reicht. Die Bedcu tung dieser Neugliederung ergibt sich aus der Tatsache, daß von ihr rund 6,3 Millionen Einwohner, das ist 17 d. S). der Einwohnerzahl des preußischen Staates, betroffen werden. Die durch Zusammenlegung und Eingemeindung entstandene Verschiebung der Wohnbevölkerung der zukünftigen Stadtkreise zeigt die nachstehende Ausstellung.
Bei Annahme des Gesetzentwurfes wird die Zahl der gegenwärtig im Rhein-Ruhrgebiet bestehenden 23 Landkreise um elf vermindert werden. Von den vorhandenen 29 Stadtkreisen werdest acht (Duisburg und Hamborn, München-Gladbach und Rheydt, Barmen und Elberfeld, Gelsenkirchen und Buer) in vier zusammengelegt, die Stadtkreise Osterfeld und Sterkrade nach Oberhausen eingemeindet.
Einwohner (in Tausend)
Stadtkreis
vor der Neuglie
nach der derung
Essen
471
633
Dortmund
456
523
Duisburg-Hamborn
273 4- 127
481
Düsseldorf
433
465
Barmen-Elberfeld
187 + 168
406
Bochum
211
317
Gelsenkirchen-Buer
208 + 99
307
Oberhausen
105
189
München-Gladbach-Rheydt
115 + 45
193
Einwohner (in Tausend)
Stadtkreis
vor der Neue
nach der llieberung
Krefeld
131
160
Solingen
52
136
Mülheim a. d. Ruhr
127
129
Hagen
100
118
Remscheid
77
101
Wanne-Eickel
91
91
Herne
90
90
Recklinghausen
85
85
Bottrop
77
77
Witten
45
69
Wattenscheid
61
61
Gladbeck
60
60
Castrop-Rauxel
53
53
Neuß
45
48
Lünen
43
43
Zentralbanken als von den Bedingungen seiner Beschaffung und dem freien Spiel von Angebot und Rachfrage abhängt. Insoweit das der Fall ist, dient also auch eine rein rechnerische Einheit als Rückhalt für die Weltwährung, die auch ohne die Rabelschnur des Zusammenhanges mit ihrem metallischen Ursprung lebensfähig sein könnte.
In der Tat wird seit einiger Zeit auch in amerikanischen Finanzkreisen die Möglichkeit eines metallfreien Geldwesens lebhaft erörtert. Während aber die Feindschaft Keynes gegen die Goldwährung darin wurzeln mag, daß die Kontrolle über sie von seinem Lande an die Union übergegangen ist, - klagt er doch beweglich über die Abhängigkeit der Dank von England von dem Federal Reserve Board —, so darf man hinter den amerikanischen Befürwortern eines metallfreien Standards ganz andere Triebfedern wittern. Würde nicht das, was die Bergleute der südamerikanischrn Goldminen mit Mühe an die Oberfläche bringen, in den Gewölben Washingtons verschwinden, so würde die Kaufkraft des Goldes seit Jahren z u g u n st e n der Schuldnerländer gesunken sein. Die Goldaufspeicherungspolitik des Federal Reserve Board kann aber einen Punkt erreichen, wo deren Rachteile die Vorteile überwögen, da es sich um ein immer kostspieligeres Verfahren dabei handelt. Dann könnte man vielleicht geneigt fein, zu versuchen, statt dem Golde d e m P a - p i c r d o l l a r einen künstlichen ile&crtocrt zu sichern. Unter feinen Umständen darf man aus der Zentrale der Weltfinanz das Heil eines der gesamten Kulturmenschheit dienlichen metallfreien Geldwesens erwarten. Soweit solche Bestrebungen vorliegen, handelt es sich im Gegenteil um die Reigung. d i e eigene Vorzugsstellung als Weltgläubiger noch rücksichtsloser als bisher auszunuhen. Das Heil Deutschlands wie aller Schuldnerländer liegt ausschließlich in der Linie eines unermüdlichen Ringens um größeren Einfluß auf weltwirtschaftliche Kraft- und weltpolitische Machtverhältnisse, da sie nur dadurch den Inhalt ihrer Schuldverpflichtungen zu ihren Gunsten verändern können.
kunft bei seiner notwendigen Rohstoffeinsuhr maßlos übervorteilt zu werden. Allein das amerikanische Kupfermonopol hat uns durch seine Preispolitik eine Mehrausgabe von über hundert Millionen Mark binnen Jahresfrist aufzuhalsen versucht. Bisher hat immerhin der scharfe Gegensatz zwischen dem britischen und dem amerikanischen Imperialismus die Preise für die wichtigsten Rohstoffe auch für andere Bezugsländer unter einem starken Druck gehalten. Wie schon für Petroleum, so mag aber in absehbarer Zeit auch für andere Rohstoffe zwischen amerikanischen und britischen Interessenten eine Verständigung auf Kosten der übrigen Verbraucher erfolgen.
Die Reparationsbank kann sich zu einem ungeheuren Staubecken für den Kapitalstrom entwickeln, der das europäische Wirtschaftsleben befruchten soll, so daß dieses in eine ähnliche Abhängigkeit von der Weltfirma geriete, wie die Ernährung der Bevölkerung Aegyptens von den britischen Eigentümern der Staudämme, die den Aeckern das notwendige Rilwasser vorenthalten können. Es wäre denkbar, daß die Weltfinanz einst auf den Einfall käme, die europäische Landwirtschaft durch finanzielle Trockenlegung zu ruinieren, um die europäische Bevölkerung von überseeischer Lebens- mittelzufuhr völlig abhängig zu machen. Dazu gäbe es kein wirksameres Mittel als die Reparationsbank. Der Sinn des Desinteressements der Union an der europäischen Landabrüstung nun liegt darin, daß Frankreich Aussicht hat, um den Preis einer Verpflichtung zu wohlwollender Reutralität gegenüber dem Ringm der Union nach einer Lahmlegung britischer Seeherrschaft Treuhänder für am erikanische Kapitalanlagen
Fernrohr wegwandte, sah er mich, getröstet vom Ausguck in die Ewigkeit, mit idealistischem Augenaufschlag an. Der Blick in seine alten, schwimmenden Augen war mir geheimnisvoller als der Groschenblick in den Himmel. Ich folgte seinen Spuren und kam so richtig in ein Löwenbräu. Dort wurde gerade irgendein neuer „Bock'" gefeiert. Zu glänzenden, leuchtenden Klumpen geballt, von hellen, strahlenden Deckenlichtern beschienen, saßen Tisch bei Tisch, Stuhl bei Stuhl, in langen und breiten Sälen, die sonntagsfreudigen Münchner, lachten und tranken, tranken und lachten, während die schwarzen, umfangreichen Kellnerinnen gleich mächtigen Walrossen durch die schmalen Gänge schwammen. Der Sterngucker setzte sich in irgendeine Gesellschaft hinein. Der bescheidene Preuße ging wieder hinaus. Tische zum Alleinsihen werden in München nicht reserviert. Auf der Straße gab es zahlreiche Bergsteiger, unzählige Ausflügler, mit mächtig ausholenden Schritten begabt. Es mußte gerade ein Sonntagszug angekommen fein. Leder- Hosen, Kniestrümpfe, mächtige Gamsbärte an kecken, grünen Hüten.
„Da ist eine Kneipe", erklärte Peter Scher, „da müssen wir hingehen." Die Türme der Lieb- frauenttrche, schwarz, nordisch, drohenden Gespenstern gleich, wuchsen über den Leib des Kirchenschiffes empor. Der Abend war kalt und es regnete. Die Kneipe gleich einem winzigen Körnchen Radium in der großen Dunkecheit. Sie strahlte. In ihren Strahlen saß am langen Holz- tisch unter vielen Münchnern ein junger Amerikaner und aß Schweinsbratwürstel vom Zinnteller. Das ist Sitte in diesem Ausschank. Er aß und aß begeistert, er trank und tränt begeistert, seine Augen wurden immer heller, sein Kopf immer röter, aber er verstand kein Deutsch, und als er gegessen hatte, machte er die seltsamsten Anstrengungen, der Kellnerin etwas zu erklären. Er deutete auf den Zinnteller. Die nächste Folge war, daß er noch mal drei paar SchweinÄrat- würstel erhielt. Auch die aßer. Aber als er dann wieder auf den Teller deutete und die Anni wieder eine neue Portion bringen wollte, hielt er den Teller mit abwehrenden Gesten eng umklammert. Ach, wenn er doch hätte ausdrücken können, was er wollte. Es wurde im Lokal herumgefragt, wer Wohl dieses seltsame Englisch verstehe, das der junge Herr spreche. Siehe, da stand Th. Th. Heine auf, näherte sich dem
auf dem europäischen Festlande zu werden. Daß das allein ein vermehrter Druck der Reparationslast für uns bedeutet, das fühlt jeder Deutsche in den Fingerspitzen.
Auf die Unmöglichkeit, die deutsche Leistungsfähigkeit in Ziffern auszudrücken, hat schon der englische Rationalökonom Professor Keynes immer wieder hingewiesen. Ec führt die verhältnismäßige Stabilität, die die Goldwährung vor dem Kriege dem europäisch-amerikanischen Wirtschaftsleben sicherte, darauf zurück, daß der Fortschritt in der Entdeckung von Goldminen so ungefähr dasselbe Tempo einhielt wie der Fortschritt in anderer Richtung. Das kam daher, weil mit der fortschreitenden Erschließung neuer Länder auch immer entferntere Goldlager ans Licht kamen. Diese Epoche ist vorüber. Seit einem Dierteljahrhundert sind keine neuen Goldlager von wesentlicher Bedeutung entdeckt worden. Auf der anderen Seite werden immer mehr rückständige Völker in raschem Tempo in den Kreis der modernen Kultur einbezogen. Wenn trotzdem feine Knappheit an Gold als Grundlage des internationalen Geldverkehrs eingetreten ist, so liegt das daran, weil es nicht mehr als Umlaufmittel, sondern nur noch a l s Deckung verwandt und in den Gewölben der Rotenbanken aufgespeichert wird. Keynes freilich meint, daß es auch dort nur mehr eine fiktive Rolle spielt: „Ein regulierter, metallfreier Standard hat sich unbemerkt eingeschlichen. Er besteht. Während die Volkswirte schlummerten, hat der akademische Traum eines Jahrhunderts Hut und Mantel abgelegt und Papierlumpen angezogen." Das Festhalten an einem scheinbaren Goldstandard hält Keynes für ein „barbarischcs Heber- bleibsel". Daran ist so viel richtig, daß der Wert des Goldes heute mehr von der Politik der
Jüngling und erfuhr, daß er den Teller zum Andenken kaufen möchte. Der Wirt wollte aber nicht. Für wenige Mark könne der junge Mann ganz in der Rähe am anderen Tage solche Zinnteller erstehen. Aber der Amerikaner schüttelte traurig den Kopf. Es könne nur der Zinnteller sein, von dem er soeben gegessen habe. Ein anderer, auf dem feine Schweinsbratwürstl nicht gelegen hätten, habe gar keinen Wert. Schließlich hatte der Wirt ein Einsehen. Der Amerikaner glänzte. Ec packte den Teller mit einer Sorgfalt ein, wie eine Mutter ihren Säugling in Windeln wickelt, stand auf, dankte und verließ mit seligen Augen das Lokal. Er hatte keine Ahnung, daß Th. Th. Heine ihn als Modell in sein Herz geschlossen hatte. Aebrigens erzählte Peter Scher, daß in einer solchen Kneipe hin und wieder Olaf Gulbransson sitze, eine Kalbshaxe esse und dann mit seinen Zähnen den Knochen aufbeiße, daß die Splitter nur so herumflögen und in den Wänden stecken blieben, wo sie dann von Fremden zum Andenken wieder herausgezogen würden. Aus diesen Gründen sei er auch Professor geworden.
Die Münchener Kellnerinnen walten in ihren Kneipen wie Aerzte im Sanatorium. Saßen da in einer bayrischen „Osteria" alte Regierungsräte, Professoren, Studenten und Schriftsteller. 3m Lokal hing ein vergilbter Gruß von Bismarck, handgeschrieben an den Stammtisch des Hauses. Die jungen, bäurisch hübschen Kellnerinnen kümmerten sich sorgsam um die alten Regierungsräte. Sie kannten jeden seit langen Jahren, wußten um ihre Leiden und schrieben ihnen vor, was sie essen durften und was nicht: „Das ist zu scharf für Jhna. Essen's doch Spaghetti. Das bekommt Jhna besser. Aber nein, Herr Geheimrat, das ist doch nichts für Sie. Da bekommen Sie nur wieder Darmkatarrh. Essen's doch frische Spargeln und Schinken." Sie sorgen sich um jeden Gast. Sie sind eigentlich gar keine Kellnerinnen. Sie gehören mit dazu, sind alle mütterlich und wie einst haben viele auch jetzt noch einen jungen Studenten, dem sie aushelfen, für den sie nähen, für den sie sorgen, mit herzlicher Zuneigung und großem Anstand und noch heute kommt es vor, daß so ein Student, wenn er sein Examen gemacht hat und Amtsrichter geworden ist, seine „Resi" heiratet Als eine Frau mit Veilchen durch das Lokal ging, schenkten wir unserer netten Kellnerin ein paar Sträußchen. Sie dankte dafür mit einem Blick, als wollte
Ein neues Bismarck-Buch.
Der bekannte volksparteiliche Abgeordnete von K a r d o r f f hat vier Vorträge über den großen Reichskanzler in Buchform erscheinen lassen („Bismarck", Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin W 50.) (205) — Wer die Vorträge einst gehört hat, wird ihrem tiefen Eindruck verfallen sein: ein Mann legt von dem größten Deutschen Zeugnis ab, reich an Wissen vorn Werk und Wesen Bismarks, ehrfürchtig vor seiner Größe, innerlich ergriffen und gehoben von dieser Ausgabe. Mit Spannung folgt der Leser der glänzenden und lückenlosen Beweisführung; reizvolle Einzelzüge beleben das Bild des Großen. Ein riesiges geschichtliches Material ist gewissenhaft und mit meisterlicher Hand gruppiert. Auf jeder Seite ist spürbar, daß es der politische Sohn des getreuesten der Dismarckschen Gefolgsmänner ist, der Strich neben Strich zu einem Gemälde formt, das in der Bismarck- Literatur einen Ehrenplatz einnehmen wird. Kar- dorfss Buch wirst viele interessante Schlaglichter auf Bismarcks politisches System. Es wird mit Freimut behandelt, denn nichts ist dem Verfasser ferner, als Legenden zu stärken oder eine Parteifache au vertreten. Der Außenpolitiker Bismarck ist in den 80er Jahren ein vorsichtiger, fast ängstlicher Diplomat; die Sorge vor großen feindlichen Koalitionen liegt wie ein Alp auf seiner Brust. Der Jnnenpolitiker ist ein Kämpfer von vulkanischem Temperament. Aber: „Seine außenpolitische Gröhe war eine derartige, daß er sich gestatten konnte, im Inneren Fehler zu machen, denn alle diese Fehler hätten sich im Laufe der Jahre doch immer wieder ausgeglichen." So wird in Kardorsfs feingeschliffenen Sätzen die ganze Größe des Reichsgründers lebendig. Diese Vorträge lesen sich wie ein Kommentar zum deutschen Schicksal der Gegenwart. Was sonst in vielen Bänden verstreut ist, das hat hier ein Verehrer
sie sagen, wenn ich erst Frau Amtsrichter bin, lade ich euch alle zum Kaffee ein.
„Oer Man«/ der lacht."
Das ist der Film, den Conrad Veidt bei seiner Rückkehr aus Hollywood nach Deutschland mit« brachte. Ein großer Historiensilm, nach Vicror Hugos vierbändigem Roman „L’homme qui rit“. Das englische Rokoko zur Zeit der Königin Anna gibt das Kostüm und das szenische Milieu für diesen Film, der aus den vier Bänden des Buck-cs eine spukhafte, halb groteske, halb schaurige Ballade macht. Das Ganze ist übrigens von Paul L e n i mit großen Mitteln, sehr sachlich und sebc geschickt, mit Phantasie und starker Spannung inszeniert.
Veidt spielt den Mann, der lacht. Das ist der Sohn des Lords Ckancharlie, welcher als Aufständischer gegen König Jakob eines schrecklichen Todes durch die „eiserne Jungfrau" starb. Der Sohn wurde von Zigeunern verstümmelt: er hat zeitlebens ein lachendes Gesicht. Er muß immer ausschen, als ob er lache — er kann nicht anders. Der Film behandelt in großen Zügen feine Lebens-, Leidens- und Liebesgeschichte.
Man begreift sehr wohl, was Conrad Veidt an dieser Rolle gereizt hat; aber er hat sich seine Ausgabe ungeheuer erschwert, und es ist im Laufe des Films nicht zu übersetzen, daß der berühmte Schauspieler eine gewisse Monotonie in feiner Darstellung (die als Ganzes eine sehr respektable Leistung bedeutet) nicht vermeiden konnte. Er vermag seine bedeutenden Mittel nicht vollkommen wirken zu lassen, er hemmt und begrenzt sich durch die vom Motiv aufgezwungene Starrheit der ewig lachenden Maske. Man würdigt die Leistung, die hier gegeben wird, wohl erst ganz, wenn man sich klar macht, daß der Schauspieler es hier unternimmt, eine große Rolle — so phantastisch es klingt — gewissermaßen nur mit der einen, oberen Hälfte seines Gesichtes zu spielen.
Gegen Veidt tritt die übrige Besetzung ein wenig zurück. Gut ist vor allem in einer der weiblichen Hauptrollen Olga Baklanowa (Herzogin Josiana), wahrend Mary Phil bin (Dea) aus ähnlichen Gründen wie bei Veidt — sie hat eine Blinde zu spielen — eine gewisse Monotonie des Ausdrucks nicht ganz unterdrücken konnte. Ferner find Bran- don Hurst (Hofnarr) und Cesare G r a v i n a (Gaukler) in den größeren Chargen bemerfensroert
Der Film läuft seit gestern im Lichtspiel- haus und verdient einen besseren Besuch, als er am ersten Tage aufoymeifen hatte. r—r—


