Nr. 270 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, 16. November 1929
Wer Hai die größte Militärmacht?
Don unserem römischen L-Korresponden'.en.
Rom, Rovember.
Eine interessante Stadt, das läßt sich nicht leugnen. Wenn der Herr Hauptmann nicht wäre, der mit dem Privileg ausgestattet ist, ein Weib besitzen zu dürfen, könnte man sagen, es sei eine reine Männerstadt. 3a, eine Stadt, in der es nur Junggesellen gibt. Seltsam. Aber noch seltsamer mutet es an, daß diese Stadt mit Brettern vernagelt ist, als ob hier die Welt aufhöre. Ein Landsknecht fordert am Einlaß den Permesso ab. Immerhin ist auch das noch nicht das Seltsamste. Das Wunderliche besteht darin, daß diese Stadt ein Adreßbuch hat und dieses Adreßbuch eine Gleichung ausstellt, die nicht aufgeht. ES verzeichnet nämlich, um zur Sache zu kommen, 518 Einwohner, von denen übrigens die letzten beiden erst seit der Gründung dieser steinalten Reustadt aus die Welt gekommen sind und bei ihrem zarten Alter von vier Monaten noch nicht zar Militärpflicht her- angezogen werden können. Don den verbleibenden 516 Mann sind nun über d i e Hälfte geistlichen, der Re st militärischen Standes, und dennoch zahlt das versammelte Heer 95 Offiziere und 765 Mann. Da man gemeinhin nur 10 Prozent der Bevölkerung für militärdienstpflichtig rechnet, können somit scharfsinnige Mathematiler auf den Schluß kommen, daß dieser phantastische Staat zur Auffüllung seiner Effektivbestände fremde Soldaten anwerben müsse, Söldner. Der Schluß ist richtig und diese Söldner sind stolz aus ihren Dienst, ja sie verweigern zum Teil den Sold und machen sich eine Ehre daraus, denn ihr oberster Kriegsherr ist der Papst. Die seltsame Stadt, das läßt sich mit einem einfachen Kettenschluß ausrechnen, heißt Vatikanstadt.
. So arithmetisch einwandfrei nun die Heeres- ziffern im Dcrhältnis zur Einwohnerzahl auch sein mögen, der auffallende Widerspruch muß cum grano salis verstanden werden. Eine- der obersten Gesetze des Datikans ist die Tradition und ihr zuliebe werden nicht nur Uniformen, sondern auch corpi armati, bewaffnete Heereslörper unterhalten, die zu dem modernen Treiben jenseits der Bretterwand leine Beziehung mehr zu haben scheinen. Wohl ist das „päpstliche Heer" als militärischer Faktor aus- geschaltet worden in dem Augenblick, als die Lateranverträge und damit der ewige Verzicht des Papstes auf zeitliche Macht unterschrieben wurden, aber es wird, wie so mancher andere Prunk in der winzigkleinen Stadt, aus dekorativen Gründen beivehalten, angefangen von der bunten, von Michelangelo entworfenen Lands- knechttracht der Schweizer bis hinauf zur spanischen Halskrause der Ehrendienst leistenden Patrizier.
Richt alle Angehörigen des päpstlichen Heeres wohnen — und so erklärt sich dos Mißverhältnis zwischen Adreßbuch und Militär — in der Datikanstadt, deren strenges Gesetz nur den Aufenthalt von eingeschriebenen Bürgern zuläßt. Bürger aber wieder kann nur werden, wer innerhalb der Mauern geboren wird und nur auf die Dauer feines Aufenthalts. Wer die Vatikanstadt verläßt, wer feinen Wohnsitz im größeren Rom hat, verliert automatisch das Bürgerrecht. Und da die Robelgarde und die p ä p st l i ch e Garde, die das Gros des Heeres stellen, dem römischen Patriziat oder dem besten römischen Bürgertum angehören, werden sie vom vatikanischen Einwohneramt nicht gezählt. Etwas
komplizierter ist das mit den Schweizern, die ja. wie jeder weiß, dicht bei der berühmten Bronzepsorte wohnen. Sie genießen sozusagen doppeltes Bürgerrecht und ihr Kommandant, Oberst Hirschbühl, hat auch, wie wir eingangs gesehen haben, sein eheliches Heim.
Die Tätigkeit der hohen Garden ist heute natürlich nur noch eine zeremonielle. Sie geben den feierlichen Empfängen und kirchlichen Ereignissen mit der Masse ihrer Ossizierc den Glanz der schimmernden Wehr, ohne militärischen, geschweige denn kriegerischen Hintergedanken. Wohl wurden die von Pius VII. an Stelle der alten Lance spezzate und her (^avallcggeri einge- sührten Guardie Nobili früher aus den Adels- familien des Kirchenstaates rekrutiert, doch schon Benedikt XV., der Papst des großen Krieges, dehnte dieses Privileg auf den ganzen italienischen Adel aus. dachte also kaum mehr daran, sie zur ernsthaften Verteidigung des Patrimonium Petri oder vielmehr für dessen Rückeroberung einzusehen. Hauptzweck der Einrichtung war es, einer Anzahl Adeliger die Psorten zum päpstlichen Hof zu öffnen und noch heute stellt die Garde täglich eine Abteilung für das Ehrengeleit des Statthalters Christi. Ihr Kommandant hat den Rang eines Generalleutnants. Sie untersteht gegenwärtig dem Fürsten Giuseppe Aldobrandini, der im Range dem erblichen Bannerträger der heiligen römischen Kirche, Don Patrizio Patrizi M o n t o r o , vorangeht. Das Offizierkorps kennt noch zwei Generalleutnants mit dem Grade eines Brigadegenerals, neun Obersten, neun Oberstleutnants, neun Hauptleute, 21 Leutnants, 13 Unterleutnants, vier Chren- garden — kurz, ein nur aus Offizieren bestehendes, das klein st e, aber das vornehmste Heer der Welt. Zu einer solchen Standes- armee gehören natürlich Pferde und bis 1904 konnte man diese zur sichtlichen Erhöhung des Menschen so nützlichen Vierfüßler auch in den vatikanischen Marställen bewundern. Erst Pius X., der von dem malerischen Herumsprengen um seinen Wagen nichts wissen wollte, und lieber zu Fuß ging, schaffte sie ob.
Der Hierarchie nach kommen nun die Schweizer, also noch vor den Palastgarden. Aus den schweizerischen Urkantonen rekrutiert, an allen Pforten und Türen des Datikans Wache haltend und nicht gerade sanft mit den Hellebarden umgehend beim Andrang des Volkes, kennt sie jeder Rompilger. Sie haben ihre Geschichte, fie haben ihren blutigen Lorbeer der bedingungslosen Treue, sie haben ihr Denkmal im Vatikan, wie die vom Louvre in Luzrrn. Es ist schon gesagt worden, daß kein Geringerer als Michelangelo ihre bunte Tracht entwarf, die allen Modernisierungsbcstrcbungen bis heute standgehalten hat: bis auf die glänzenden Harnische und den federgeschmückten Helm. Bei Kriegsausbruch und später, beim Liraschwund, kam es za kleinen Palastrevolutionen, nach der Aussöhnung des Heiligen Stuhles mit Italien witterten ängstliche Gemüter schon eine Auflösung. Alles spricht jedoch eher für eine Vermehrung des Kontingents, das jetzt aus 10 Offizieren und 110 Mann besteht, wozu wie bei allen anderen päpstlichen Waffengattungen, ein Kaplan kommt — den so manche Rompilger gerne als Cicerone betrachten.
Fast ebenso stark, 100 Mann mit drei Offizieren, sind die päpstlichen Gendarmen, die and) päpstliche Carabinieri genannt werden.
Das Erbe
-esHerrnvonAnsietten.
Vornan von J. Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Vielleicht! — Jedenfalls hat er nicht darunter gelitten, wenigstens damals nicht! Jetzt mag er ja ab und zu die Lücke fühlen, da auch meine Eltern tot sind."
Er sah das schwache Dornüberneigen des Arztes und wagte eine Frage. „Halten Sie unser beider Aehnlichkeit für so überzeugend, daß ein Dritter — ich meine ein Dritter, der uns beide seit Jahren kennt, dadurch getäuscht würde?"
Alsworth war nicht mitgekommen und hastete nun in Gedanken dieser Frage nach. „Ich bin nicht ganz im Bilde, Herr Baron," sagte er kopfschüttelnd.
Hans Peter wiederholte. Günther hatte doch recht gehabt. Das Sprechen machte ihm größere Beschwerde, als er geglaubt hatte. Er mußte satzweise einhalten, um wieder zu Atem zu kommen. Der Arzt hatte einen raschen Blick und ein ebensolch rasches Ohr dafür und wehrte ab.
„Lassen Sie mich fragen, Herr Baron. So strengt es weniger an. Sie wollen wissen, ob ein Eingeweihter, das heißt jemand, der sowohl zu Ihrem, als auch zu dem Bekanntenkreise Ihres Detters zählt, es merken würde, wenn man ihm einen Personenwechsel vorzutäuschen suchte." . <f
„Ja, genau so hab ich es gemeint.“
Alsworth benötigte kaum eine Sekunde, sich zu besinnen. „Ich glaube," sagte er mit Ueberzeu- gung, „Ihnen versichern zu können, daß niemand die Fälschung heraussinden wird. — Höchstens die eigene Mutter."
„Sie lebt nicht mehr," sagte Anstetten müde. „Qtber auch wenn — bestünde keine Gefahr. Sie hat uns zu Dutzendenmalen verwechselt, als wir noch ihre Söhne waren. Zumal in späteren Jahren, als wir nur ab und zu nach Hause kamen. Wenn sie „Hans Peter" rief, war meistens mein Detter es, der ihr zum Willkomm um den Hals siel. Und umgekehrt. Wenn sie mich küßte, glaubte sie (Süntfyer im Arm zu halten."
Der Arzt lächelte. „Sie sollen nicht so viel sprechen. Herr Baron. Darf ich jetzt um ein paar Minuten Zeit bitten, Sie zu untersuchen? Ich werde es ganz kurz machen, das Fieber scheint Sie schwer geschwächt zu haben. —Grund
zu übergroßer Besorgnis ist deswegen nicht gegeben," tagte er ermunternd und öffnete Hans Peters Hemdknöpse, so daß die schmalgewor- dene. leichtgewölbte Brust zu sehen war. Er neigte sein Ohr dagegen, und als genüge die knappe Entblößung nicht, streifte er das weiße Leinen Hemd bis an die Mitte herab, daß es nur noch von dem schmalen Gürtel des Bein- lleides festgehalten wurde.
„Haben Sie Familie, Herr Baron?" Alsworths Kopf blieb während dieser Frage tiefgeneigt, als wolle er diesem stockenden Herzen sein letztes Geheimnis ablauschen.
„Einen Sohn," hörte er Anstetten sagen und gewahrte ausblickend ein Lächeln in dessen Gesicht. Cs trieb ihm eine schwache Röte in Hie Wangen.
„Witwer: Wie dumm," dachte Alsworth, als er den breiten Ehering an der Hand bllhen sah. Allerdings, er trug ihn an der Linken.
„Meine Frau lebt." Anstetten verfolgte die Goldpfeile, welche die Sonne über die weiße Schneedecke hinschoß. Wo sie auf traten, rannen Wasseradern zu Tal. „Wie lange geben Sie mir noch zu leben, Mister Alsworth?
Dessen Gesicht fuhr auf: „So schlimm steht es wahrhaftig nicht, Herr Baron."
„Richt?" — Wieder dieses Lächeln, das den Arzt so über die Maßen unsicher und so über Gebühr verlegen und hilflos machte. „Treiben wir kein Bersteckspiel, Mister Alsworth. Fünf Tage? Sechs — oder nicht mehr footel?" Anstetten ließ keinen Blick mehr vom Gesicht des anderen. „Wenn Sie mir die Antwort schuldig bleiben, muß ich sie mir selbst ergänzen: Wohl heute nacht schon."
Alsworth fuhr mit der Rechten über die Stirne. „Herr Baron, Sie müssen doch fühlen, daß .
„Ratürlich fühle ich. daß es zu Ende geht.' „Rein, das wollte ich nicht sagen! Ich meinte fühlen, daß das Schlimmste hinter Ihnen liegt. Hier in Dardschiling finden neunzig Prozent der fieberkranken Europäer ihre Gesundheit wieder, warum sollte das gerade bei Ihnen eine Ausnahme sein T
„Sie wissen so gut, wie ich, verehrter Doktor, daß ich erledigt bin.“ Peter machte eine abwehrende Handbewegung. „Sterbenden erfüllt man gerne Wünsche, die sie etwa noch haben sollten. — Und ich habe welche! — Würden Sie bereit fein, mir soweit als möglich entgegenzukommen?"
Alsworth forschte in dem jetzt wachsfarben gewordenen Gesicht. „Wenn Sie nicht gegen Ehre und Gewissen gehen. Herr Baron!"
„Gegen die Ehre sicher nicht!" „Aber gegen das Gewissen?" .Vielleicht!"
weil sie den gleichen napoleonischen Anstrich haben wie die berühmten „Zwillinge" der italienischen Städte. Ihnen obliegt die eigentliche Bewachung der Paläste, der Polizeidienst, und es ist daher verständlich, daß auch siö nach Personalvermehrung rufen, nachdem nun richtige Grenzen zu überwachen sind. Am jüngsten, jedoch am zahlreichsten ist die P a l a st g a r d e, die nicht besoldet wird, sondern wie die Robelgarde ihren Dienst ehrenamtlich leistet, ausgesucht aus den guten römischen Bürgerfamilien. Von Pius IX. ins Leben gerufen, von Leo XIII. reformiert, umfaßt fie ein Bataillon zu vier Kompagnien, jede „achtzig Mann und eine Trompete stark". Zu ihren 30 Offizieren kommt noch eine ungewöhnlich starke Musikkapelle, so daß man schon
fünfhundert Köpfe gezahlt hat. Trotzdem wird sie nur bei besonderen Gelegenheiten aufgerufen und das ist dann jedesmal ein Fest für den Borgo und daS Trasteverequartier, denn hauptsächlich auS diesen beiden Stadtteilen strömen die Rekruten dem Heere zu.
360 Soldaten auf 518 Einwohner — die kleinste Stadt der Welt hat, verhältnismäßig, die größte Militärmacht. Und hallt doch nicht wider von Waffenlärm, so gruselig manch rotschnauz ger Schweizer anzuschauen sein mag. Eine Schwerttradition, der vom kriegerischen Kirchenstaat nichts übrig geblieben ist als eine michelangelesks äußerliche Pracht.
Zum Manien der Ralionalisiernng Europas.
Eine Entgegnung an den Grafen Coudenhove-Kalergi.
Von Or. Hans Gmelin, o. Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Gießen.
Vereinigte Staaten von Europa? Wein erschiene ein solches Gebilde nicht verlockend? Eine kraftvolle Zusammenfassung der alten Welt, mächtig genug, um erfylgreich den Wettbewerb mit den Großreichen der Erde aufnehmen zu können. Ein Gedanke fürwahr, von einer Großzügigkeit, daß es sich wohl rechtfertigen ließe, aus den engen Schranken des Rationalismus herauszutreten. Saturn hat wohl mancher Leser den Ausführungen des Grasen Coudenhove-Ka- lergi über die Rationalisierung Europas (Gießener Anzeiger, 4. Rov 2. Blatt) williges Gehör geschenkt, um so mehr, als der Verfasser die wirtschaftlichen Vorzüge der Vereinigten Staaten Europas in den rosigsten Farben schilderte. Daß aber gar manches Hemmnis der Verwirklichung Paneuropas im Wege steht, hat Graf Couden- hove kaum angedeutet.
Schwierig ist vor allem die Umgrenzung Paneuropas *). Coudenhove hat in seinem Buche vorgeschlagen, die europäischen Staaten ohne England und Rußland zusammenzufassen. Aber ein derart begrenztes Paneuropa würde für England wie für Rußland eine wirtschaftliche wie politische Bedrohung bedeuten Daher müßten diese Staaten schon die Entstehung eines sie ausschließenden Bundes zu verhindern suchen. Die gleiche gefahrdrohende Lage ergäbe sich, wenn der Bund Rußland ohne Engiand oder England ohne Rußland umfaßte. 3m ersteren Fall erschiene der Bund als gegen Eng land gerichtet: er wäre mit dem ganzen Wirrsal asiatischer Probleme belastet und durch den inneren Gegensatz zwischen den demokratischen Weststaaten und der kommunistischen Sowjetunion gelähmt. Umschlösse der Bund dagegen England ohne Rußland, so wendete er seine Spitze gegen Sowjetr ußland. Cs ist bekannt, wie sehr sich die Regierung der Sowjetunion bemüht, die deutsche Reichsregierung von der Locarnopolitik abzulenken, weil sie schon in dieser eine Eingliederung Deutschlands in eine antisowjetistische Front erblickt. Um wieviel bedrohlicher müßte Rußland erst ein Bund erscheinen, der die europäischen Staaten ohne Rußland umfaßte. Ein solcher Bund ist übrigens unwahrscheinlich: denn, ob nun nur das eigentliche Großbritannien und der irische Freistaat oder auch die übrigen Staaten des britischen Bundes (Kanada, Südafrika, Australien, Reuseeland) in ihn einträten, im einen wie im andern Falle wäre er kein euro-
*) Siehe besonders Adolf Grabowsky. Das Problem Paneuropa, Zeitschrift für Politik, Band 17, S. 673 ff.
päisches Gebilde mehr, sondern ein Weltbund. Diese weite Spannung des Rahmens müßte aber den europäischen Staaten widerstreben, wie anderseits auch die britischen Staaten über See sich gegen eine derartige Festlegung Englands auf dem europäischen Festland ablehnend verhalten würden. An der Unmöglichkeit eines Eintritts Großbritanniens scheitert auch die Teilnahme 3 t a l i e n s. das von jeher in seiner Außenpolitik England folgte und sich daher zu keiner Kombination herbeiließe, die den Keim eines Gegensatzes gegen England in sich trüge.
Aber nehmen wir einmal an, der Bund käme ohne England und Rußland wirklich zustande, so ergeben sich gleich neue Schwierigkeiten: wie stünde es mit der Auswertung der Kolonien, die die einzelnen Staaten in den Bund einbräch- ten? Würden sie nach gerechtem Maßstab unter die Bundesglieder verteilt? Oder kämen sie in Bundesverwaltung? Oder wären sie wenigstens der gemeinsamen Besiedlung und Ausbeutung geöffnet? Die 3nhaber von Kolonien werden sicherlich alle drei Fragen verneinen. Frankreich beispielsweise wäre kaum damit einverstanden, daß Tunesien von italienischen Einwanderern überschwemmt und Marokko von den Deutschen besiedelt würde, und daß Plantagen und andere Unternehmungen in französisch Aequatorial- afrika oder in Madagaskar an Schweizer und Schweden übergingen.
Ein weiteres Hemmnis bildet der Ausgleich der inneren Grenzen der Staaten untereinander. Denn man kann doch dem Deutschen Reiche oder Ungarn nicht zumuten, mit ihrem jetzigen Gebietsbestand in den Bund einzutreten und damit die unmöglichen Grenzen der Frie- densverträge für alle Zeiten anzuerkennen? Graf Coudenhove suchte früher über dieses Hemmnis hinwegzugleiten, indem er die inneren Grenzen als gleichgültig hinstellt, wie wenn sie in einem Paneuropabunde von selbst verschwänden. Eine solche Wirkung kann in einem Gemeinwesen, das Staaten gleichen Volkstums und gleicher geschichtlicher Ueberlieserung umfaßt, wie das im Deutschen Reich der Fall ist, sehr bald eintreten, bei national so stark voneinander getrennten Staaten wie es die europäischen Staaten sind, wäre ein Verschwinden der Grenzen selbst bei Beseitigung aller Zollschranken zwischen den Staaten in absehbarer Zeit kaum zu erwarten. Die Bereinigung der Grenzen müßte daher der Bildung des Bundes voran » gehen. Graf Coudenhove $eigt für diese Rotwendigkeit neuerdings Verständnis, indem er in einem Heft der Paneuropazeitschrift für den
„Dann muß ich Sie aber bitten, mir zuvor Klarheit zu verschaffen: es konnte ja fein, daß ich anders urteile als Sie. Jedenfalls können Sie meiner vollen Diskretion versichert sein."
Hans Peter ließ den Blick auf ihm ruhen. Der Mann war kein Sprüchereißer! Der hielt, was er einmal zusagte! Man konnte es also versuchen.
Das Sprechen strengte an. Aber es mußte sein. Satzweise hielt ec inne. Wenn schon — dann alles. Ein Verschweigen gab es da nicht. Soweit er die Hilfe des anderen in Anspruch nahm, mußte dieser auch wissen, warum und weshalb.
„Haben Sie begriffen, Doktor?" fragte er, als er nach etwa zehn Minuten zu Ende war und keinen Ton mehr aus der Kehle brachte.
Alsworth war erblaßt und hielt den Oberkörper weit über d e Knie geneigt. Als er ihn wieder hob. straffte sich jede Muskel seines Körpers. „Sie haben unmöglich die Folgen bedacht, die sich daraus ergeben könnten, Herr Baron."
„Ich habe sie bedacht."
„Was sagt Ihr Detter?"
„Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen." „Dazu gibt sich kein Mann von Ehre her," erregte sich Dr. Alsworth. „Ich selbst riskiere ja eigentlich so viel wie nichts."
„Und trotzdem?"
„Ja, trotzdem glaube ich, nein sagen zu müssen. Ihr Vetter wird es auch! Er noch mehr! Er kommt ja mit aller Moral und sämtlichen Sittengesetzen in Konflikt."
„Sie sehen zu schwarz, lieber Doktor."
Beide Männer schraken zusammen. Ricmand hatte den Gong berührt und doch fiel dessen Schläger von einer unsichtbaren Hand gehoben, auf das weißgraue Metall, daß ein heller Kom- mandvruf über Haus und Garten hinschmetterte.
Schon in der nächsten Minute teilten sich die Rh ododendronbüsche. Günther kam hastig über die Stufen heraufgesprungen und sah auskunftheischend von einem der Herren nach dem anderen. Als keiner ein Wort fand, fließ er die Frage heraus. „Was sagen Sie. Doktor? — Hans Peter ist nur noch schwach! So ein Fieber, das jeden von uns schon einmal geschüttelt har, muß man nur überwinden wollen. Dann geht es. Oder sind Sie anderer Ansicht?" Beinahe zornig hasteten seine Augen an dem Engländer, der seine Bestürzung so offen zur Schau trug.
..Ich — natürlich — ich bin ganz Ihrer Mei- nung. Herr Baron. — Es hat — es ist — selbstverständlich wird es noch Tage dauern —"
Hans Peters Lächeln verwirrte ihn derart, daß er nicht weiter zu reden vermochte und eilig nach seinem Hut griff. „Gestatten Sie, daß ich mich jetzt empfHle. Falls Sie mich brauchen
sollten — die Stunde ist belanglos — schicken Sie nach mir. Meine Rachtglocke trägt ein Lichtschild. Auf Wiedersehen, Herr Baron!"
Er neigte sich leicht über den Kranken und vermied es habet, ihm in die Augen zu blicken. Dessen Lächeln verfolgte ihn noch, als er mit Günther schon eine Weile außer Sichtweite der Veranda war. Daß Menschen, die ihrer Auflösung entgegengingen, so klar zu sehen vermochten! So unheimlich klar, wie zum Beispiel dieser deutsche Baron.
Günther hielt im Schreiten inne: „Wie finden Sie meinen Detter?"
„Unrettbar verloren!"
Anstetten erblaßte völlig. „Wie sagten Sie, Doktor?"
..Verloren! Keiner weiß es so sicher wie er selbst."
„Er weiß es?"
„Ja — und kommt dem Tode mit Würde entgegen. Machen Sie ihm das Scheiden nicht utz- nötig schwer, Baron."
Günthers aschfahles Gesicht war jetzt dein des Kranken so ähnlich, daß der Arzt kopfschüttelnd nach per Veranda zurücksah, ob nicht plötzlich ein Personenwechsel stattgefunden habe.
„Es muß doch eine Rettung geben,“ stieß Günther hervor. „Solch ein Fieber —“
„Wenn es das Fieber allein wäre — dann vielleicht." unterbrach ihn Alsworth, „aber die größte Gefahr liegt in seinem schwachen Herzen. Das hat er mit achtzig Prozent Wahrscheinlichkeit schon von Europa mitgebracht." Und als Günther nichts darauf zu erwidern wußte, schaltete er tastend ein: „Seine Familienverhältniffe scheinen ein gut Teil beigetragen zu haben."
„Hat Ihnen mein Vater erzählt?" Der Doktor las die gren enlose Verwunderung in den Augen des Freiherrn.
„Der Baron ist wohl sonst nicht mitteilsam?"
„Eher das Gegenteil."
„Dann ist es mir eine doppelte Ehre, sein Vertrauen zu besitzen. — Empfehlen Sie mich nochmals — und wenn Sie mich brauchen sollten — Sie wissen ja — zu jeder Stunde." Er schüttelte Günther die Hand und drückte die ©artentüre hinter sich zu.
Seine Schritte verhallten auf dem schmalen Weg, der zu den Bungalows nach der Hohe führte.
Günther rührte keinen Fuß von der Stelle. Vom Hause herüber rief der Gong zur Mittagstafel. Er hielt beide Fäuste gegen die Ohren, um ihn nicht mehr zu hören. Jetzt essen müssen? — Essen! — Und mit Hans Peter gleichgültige Dinge reden! — Das ging über alles, was er je zu tun gezwungen gewesen war.
(Fortsetzung folgt.)


