Einzelbild herunterladen

Nr. 2(7 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 16. September 1929

Turnen, Sport und Spiel.

Städte-Achter Gießen-Wetzlar.

In Gegenwart einer zahlreichen Rudersport- gemeinde wurden gestern nachmittag kurz nach 5 11 fjr auf der Lahn bei Diesten zum vierten Male der Städte - Achter Diesten- Wetzlar zwischen den Dudervereinen der bei­den Städte ausgefahren. Es handelt sich dabei bekanntlich um den rudersportlichen Wettkampf um einen von den Städten Diesten und Wetzlar im Jahre 1926 gemeinsam gestif­teten Wanderpreis für den Rudersport in beiden Städten.

Die gestrige Veranstaltung war von der Die- stener Rudergesellschaft 1877 organisiert. Am Start, beim Felsen, erschienen folgende Mann­schaften: Verein Rudersport 1913 Diesten, Wetz­larer Ruderklub 1880 und Giestener Ruderge­sellschaft 1877. Das Ziel der 1800 Meter langen Rennstrecke war beim Bootshaus der Gieste­ner Rudergesellschaft. Vom Start bis zum Ziel entwickelte sich ein scharfer Kampf um den Siegespreis zwischen den bei­den Giestener Vereinen. Kurz nach dem Start ging Rudersport leicht in Führung, dicht­auf gefolgt von der Rudergesellschaft. Ruder­sport vermochte seinen Vorsprung bis zum Ru- derspvrtbootshaus auf etwa eine Länge und dann sogar noch um etwas mehr zu vergröhern, jedoch holte dann die Mannschaft der Ruder­gesellschaft in prächtigem Endspurt so stark auf, dast schließlich die Rudersportmann­schaft ihren Vorsprung auf gut drei­viertel Länge verringert sah. Mit diesem Ergebnis ging die Rudersportmannschaft wacker verdient als Sieger durchs Ziel. Die Wetzlarer Mannschaft kam bei dem Wettkampfe in keinem Augenblick als ernstlicher Anwärter auf den Sieg in Betracht, und sie lag schliestlich weit hinter den hart ringenden und ruderspvrtlich in gleicher Weise verdienten Giestener Mann­schaften zurück. Die Zeiten waren: Verein Ruder­sport 1913 Diesten 6:54,8. Giestener Ruder­gesellschaft 1877: 6:57,4. Wetzlarer Ruderklub 1880 : 7:55.

Bei der unmittelbar anschlietzenden Preisver­teilung sprachen der 2. Vorsitzende der Gießener Rudergefellschaft, Kaufmann chochstätter, und Bürgermeister Dr. Kühn (Wetzlar) der sieg­reichen Rudersportmannschaft ihre Glückwünsche und volle Anerkennung aus, sie widmeten aber auch den beiden anderen Mannschaften berech­tigterweise warme Worte der Anerkennung. Beide Ansprachen schlossen mit einem dreifachen ..Hipp, hivp, Hurra!" auf die Sieger.

Der im Jahre 1926 gestiftete Wanderpreis wurde bisher tote folgt gewonnen: im Jahre 1926 von der Gießener Ruderaesellschaft 1877, im Jahre 1927 vom Wetzlarer Ruderklub, im Jahre 1928 vom Verein Rudersport 1913 Gießen, 1929 wiederum vom Verein Rudersport 1913 Gießen. Auto- und Motorrad-Wettkampf in Gießen.

Der Auto - und Motorrad-Club e.V. Gießen hatte gestern die Freunde des Auto- und Motorradsportes zu einem sportlichen Tref­fen in Gießen eingeladen, das in jeder Hinsicht als wohlgelungen bezeichnet werden kann.

Am Vormittag fand eine Zielfahrt nach Gießen statt, an der über 150 Fahrzeuge teil­nahmen. Der Ort des Antritts der Fahrt war jedem Teilnehmer freigestellt, gewertet wurde indessen nur die von vormittags 6 Uhr bis zum

Eintreffen am Ziel zurückgelegte Strecke. Die Ankunft mußte spätestens um 12.Uhr erfolgt fein. Die Höchstleistung vollbrachte Dr. Bücking, Büdingen, der mit seinem 10/45 Opelwagen 314 Kilometer zurückgelegt hatte.

Bereits kurz nach dem Eintreffen der ersten Fahrzeuge entwickelte sich auf dem vorderen Trieb reges Leben, das bis zur Mittagszeit ständig zunahm. Auch der Besuch der Opel-Auto- mobil-Ausstellung in der Volks- Halle, wo die Kapelle Topp konzertierte, war be­reits am Vormittag sehr gut. Das Interesse für die dort ausgestellten Fahrzeuge war äußerst rege.

Am Rachmittag fand eine G e s ch i ck l i ch - keitsprüfung für Autos und Motor­räder statt, bei der den Teilnehmern schwierige Aufgaben gestellt wurden. Trotzdem wurden die einzelnen Hindernisse meist leicht und geschickt überwunden. Anschließend an die Geschicklich­keitsprüfung wurde von 6 Damen und 6 Herren des veranstaltenden Vereins in Opelwagen 4/16 P. S. eine Quadrille gefahren, die bei den vielen Besuchern besonderen Anklang fand. Es war eine Freude, zu sehen, mit welcher Exakt­heit und Sicherheit die einzelnen Bewegungen ausgeführt tourten. Rach Schluß der sportlichen Veranstaltungen war die Volkshalle, die bereits am Rachmittag bei Konzert einen regen Besuch aufzutoeisen hatte, außerordentlich starr besucht. Um 61/2 Uhr fand hier durch den Vorsitzenden des Gaues 3 b des Deutschen Automobilklubs, dem der veranstaltende Verein angehört, die Preisverteilung statt, die folgendes Ergebnis zeigte:

Zielfahrt:

Wagen über 15 00 cbcm:

1. Dr. Bücking. Büdingen, 314 km (Hinden- burgplakette und goldene Plakette); 2. Ferd. Rennstiel jun., Gießen, 252km (Diplom); 3. Fr. Goldbach, Gelsenkirchen, 247,7 km (Diplom); 4. Dr. Schmengler, Düsseldorf, 209 km (Diplom).

Wagen bis 1500 cbcm:

1. Emil Zimmermann, Limburg, 287,6 km (goldene Plakette), Anwärter auf Hindenburg- Plakette; 2. Frz. Dender, Limburg, 274,6 km (goldene Plakette); 3. Hans Kolb, Gießen, 250 km (silberne Plakette); 4. Bruno König, Klettbach, 236 km (Diplom).

Motorrad mit Beiwagen:

1. Lothar Weiß, Limburg, 287,6 km (goldene Plakette), Anwärter auf Hindenburgplakette; 2. Frl. Mia Ditzhaus, Düsseldorf, 240,1 km (silberne Plakette); 3. Hermann Wege, Rieder-Wcidbach, 178,7 km (Diplom).

Motorrad, Klasse II:

Peter Helbig, Köln-Sulz, 184,3 km (silberne Plakette).

Motorrad, Klasse I:

1. Hrch. Rühl, Maar, 285,9 km (goldene Plakette); 2. Hans Petsch, Düsseldorf-Heerdt 258,7 km (silberne Plakette); 3. Johs. Heust, Limburg, 252km (Diplom); 4. G. Degenkolb, Mühlheim, 235 km (Diplom); 5. Hrch. Dehnert, Lohrbach, 193,3 km (Diplom).

Der Klubpreis für die meiste Kilometer­zahl wurde dem Motorradklub Lim­burg zuerteilt.

Geschicklichkeitsprüfung:

Motorräder, Klasse I: 1. Ring, Gelsen­kirchen; 2. Harries, Gießen; 3. Lötsch, Gießen. Klasse II: 1. Kratz, Ober-Ohmen. Klasse III: 1. Weiß, Limburg.

Wagen, Klasse IV: 1. R. Weil, Gießen; 2. E. Wagner, Gießen; 3. Belzer, Limburg.

Dämonen der Ieii.

/Roman von Arthur Brausewetter.

31. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Eben war er an die Dorotheenstraße gelangt, als er auf der gegenüberliegenden Seite des Bürgersteiges eine junge Mädchengestalt eilfertig und mit einer gewissen anmutigen Leichtigkeit durch den dichten Menschenknäuel gleiten sah.

Einen Augenblick noch schwankte er. Dann war er seiner Sache sicher.

Auch sie hatte ihn sofort erkannt.

..Guten Morgen, Herr DirektorI Treffe ich Sie doch endlich einmal?"

Sie trug eine kurze, pelzverbrämte Jacke, ein gleichfalls mit Pelz eingefaßtes schwarzes Samt­barett und hatte eine mit Heften und Büchern gefüllte Aktenmappe in der Hand. Die Kälte hatte ihre Wangen hellrot gefärbt, und in ihren Augen war ein frisches, frohes Leuchten.

Er fragte nach ihrem Vater und ob sie eine ihr zusagende Wohnung gefunden hätte.

Eine so fürstliche, tote Sie sie uns in Ihrem Hotel anwiesen, freilich nicht. Aber ich bin zu­frieden, daß ich überhaupt eine habe. Hnö toenn es auch nur eine kleine Bude bei einer alten Lehrerstoittoe ist ... hoch oben im Rorden, im vierten Stockwerk ... gerade unter dem Dach."

Genau so, wie ich es mir gedacht ...

Wie Sie es sich gedacht? Haben Sie denn überhaupt noch einmal an mich gedacht? Bei den unzähligen Leuten, die bei Ihnen jeden Tag ein und aus gehen?"

Ein Hoteldirektor muß an alles denken können."

Das will ich wohl glauben. - Leicht werden Sie es wohl nicht haben. Aber trösten Sie sich mit mir. Ich habe es auch nicht leicht."

Sie sagte es mit einem so ehrlichen Seufzer, und doch wußte er nicht, ob sie es im Emst oder im Scherz meinte.

Früher mag das Studentenleben hier in Ber­lin sehr reizvoll gewesen sein," fuhr sie fort, .was konnte man da alles sehen und gemeßen! Heute ... du meine Güte, da ist man froh, wenn man sich mit einem Freitisch an der Mensa, den ich glücklicherweise durch die Vermittlung eines Theologieprofessors, der mit Väterchen zusammen studiert hat, und mit den Futterkisten von zu Hause so recht und schlecht durchschlägt. Den ganzen Tag sitzt man in der Universität, der Bibliothek und in den Lesesälen ... man hat ja im letzten Semester genug zu tun. Zu Hause bin ich eigentlich nur in der Rächt."

Weshalb denn nie am Tage?"

Weil ich dort jämmerlich frieren würde. Es ist dort nicht so mollig wie im Hotel."

Heizen Sie denn nie?

Wo denken Sie hin? Im übrigen komme ich auch gar nicht in Versuchung. In meiner Bude gibt es gar keinen Ofen."

Ein Mitleid faßte ihn an mit diesem Mäd­chen, das ihm in dem eng anschmiegenten Pelz­jackett und in der frischen, freien Lust hübscher und anmutiger noch erschien als damals in der matterleuchteten Hoteldiele und dem wenig kleid­samen Lodenmantel.

Sie schien es zu merken.

Sie brauchen mich aber wirllich nicht so be­dauernd anzusehen," sagte sie lachend.Ich fühle mich bei alledem sehr wohl hier und habe eine gute Gesundheit, das können Sie mir schon glauben.

Und doch werden Sie froh fein, wenn es Frühling wird und Sie wieder nach Hause können."

Gewiß ... zu Hause ist es am schönsten. Unsere Pfarre liegt wundervoll. In saftige Wie­sen und rauschende Felder eingebettet. Zwei riesige Eschen stehen vor ter Tür. Und im Garten zwei uralte Tannen. Die schönsten Rosen züchtet der Vater. Und Bienenkörbe hat er, die herrlichen Honig geben. Und er ist so gut ... Run, Sie haben ihn ja gesehen.

Aber die beste von uns allen ist die Mutter," fuhr sie mit auf leuchtenden Augen fort,sie fährt nie aus. Immer sitzt sie zu Hause und arbeitet in der Wirtschaft und im Garten und strickt und stopft Strümpfe. Ich glaube, sie ist noch nicht ein einziges Mal in Berlin ge­wesen."

Und Sie selber?" fragte er,Sie haben bei Ihrem eifrigen Studium wohl wenig Zeit für ländliche Beschäftigung?"

Ein heller Funke sprang in ihren Augen auf.Da irren Sie ... aber sehr, kann ich Ihnen sagen. Wenn ich zu Hause bin, dann stecke ich alle Bücher in ihre Fächer. Und arbeite vom frühen Morgen bis die Sonne untergeht im Garten. Ich habe meine eigenen Beete und Bäume, und der Vater meint, die wären immer am besten bestellt. Gewiß ... ich studiere. Es wird mir leicht, ich hatte schon auf ter Schule nie zu Hause zu arbeiten. Und etwas werten muß ich doch. Und ich tue es auch gern. Aber so recht wohl und frei fühle ich mich nur da draußen in unserem Pfarrgarten ... unter Got­tes freier Sonne in frischer Arbeit und Luft."

Sie waren Unter den Linden angelangt. Das Menschengewühl am lletergang aus der Fried­richstraße war besonders groß. Er schien es gar nicht zu bemerken. 'Alles, was sie da eben gesagt, hatte ihm gefallen, klang noch in ihm nach.

Klasse V: 1. Dr. Schäfer, Lang-Göns; 2. Rausch, Limburg. Wagen VI: 1. König, Lim­burg; 2. Heil, Frankfurt a. M.; 3. Hoffe, Gießen.

Rach der Preisverteilung fand noch ein ge­mütliches Zusammensein in ter Volkshalle statt. Kußball in Hessen-Hannover.

Bei den gestrigen Fußballspielen im Bezirk Hessen-Hannover ergaben sich folgende Resultate:

Hermannia Kassel Bor. Fulda 4:3.

Hessen 09 Kassel Kurhessen 1:1.

Kurh. Marburg S. C. 03 Kassel 3:4.

Kußball in Güddeuischland.

Die gestrigen Berbandsspiele der süddeutschen Be­zirksliga brachten im Bezirk Main in der Gruppe Main mit der Begegnung Eintracht Frankfurt F. Sp. V. Frankfurt ein äußerst wich­tiges Spiel. Bor 25 000 Zuschauern erwies sich wie­derum der Mainmeister als die bessere Mannschaft und gewann verdient mit 3:2 Toren. Punktgleich mit ihr blieb Rotweiß Frankfurt ebenfalls an der Tabellenspitze, da die Bockenheimer sich in Bieber mit 2:1 gegen Germania beide Punkte holten. Union Niederrad gab dem 1. F. C. 93 Hanau mit 4:2 die dritte Niederlage in diesem Jahre zu kosten, und die Offenbacher Kickers büßten gegen den Neuling, Sp. Vgg. 02 Griesheim, mit 2:2 auf eigenem Platze einen weiteren Punkt ein.

In der Gruppe Hessen bedeutete das 1:0, das der S. V. Wiesbaden auf eigenem Platze gegen Alemannia Worms erzielte, einen moralischen Er- folg für die immer ohne Sieg gebliebenen Wormser. F, C. 03 Langen konnte Wormatias Siegeslauf nicht unterbrechen und verlor gegen die Wormser mit 1:3. F. Sp. V. 05 Mainz besiegte den V. f. L. Neu-Isenburg mit 5:2 Toren überraschend- glatt.

Der Bezirk Bayern zeitigte in der Gruppe Nordbayern den klaren Sieg der Sp. Vgg. Fürth über den A. S. 23. Nürnberg mit 3:0. Das unentschiedene 3:3 des F. 23. 04 Würzburg gegen den 1. F. C. Nürnberg bestätigt immer wieder, in welch schlechter Form zur Zeit der Altmeister ist. 23. f. R. Fürth wies die Sp. Vgg. Hof mit 2:0 ab.

Die Gruppe Südbayern hatte nicht ein ein­ziges normales Ergebnis. Wacker München ließ sich auf eigenem Platze von Bayern München mit 0:8 Toren vernichtend schlagen. Teutonia München fer­tigte den S. 23. 60 «München mit 4:2 erstaunlich alatt ab, und der F. 23. 94 Ulm rang Schwaben- Augsburg mit 1:1 einen wichtigen Punkt ab.

Sommerspielmeisterschast der O. T.

Rach zahlreichen Dor- und Ztoischenrunden- kärnpfen konnten am gestrigen Sonntag in München die Endkämpfe der Sommerspiel­meisterschaften ter Deutschen Turnerschaft durch­geführt werden. Sie brachten im Faustball der Frauen einen Sieg von Hamburg- Rothenburgsorth über die Titelverteidi­gerin Turnklub Hannover. Im Faustball de r Männer und der Aelteren kam Licht- und Luftbad Frankfurt zu einem sehr schönen Doppelersvlg. Die Meisterschaft im S chl agba ll holte sich Tv. München 1 8 60. Großer Opelpreis von Heffen-Aaffau.

Im Straßenrennen um denGroßen Opelpreis von Hessen-Nassau", das auf einer 180 Kilometer langen Rundstrecke bei Mainz ausgefahren wurde, sah man im Endspurt den Dortmunder Pusch vor Stöpel-Berlin siegreich. Die Ergebnisse lauten: Wertpreisfahrer: 1. Pusch Dortmund 5:34,30 Std.; 2. Stöpel-Berlin % Längen zurück; 3. Skieronski- Berlin 250 Meter zurück. Her- re n f a h r e r: 1. Meile- Ludwigshafen 5:22,20 Std.; 2. Roth-Frankfurt; 3. Lündemann-Rüssels- heim; 4. Gansemer-Kaben (Saar).

Wir sind zu Fünfen," erzählte sie unbeirrt weiter,das ist nicht so einfach. Ich bin die Jüngste, die Schwestern sind verheiratet ... beide an Pastoren, die beim Vater als Kandidaten waren; von den Drüdern ist der ältere Kauf­mann, der jüngere studiert in Halle. Die Eltern haben alles für sie geopfert ... wie jetzt für mich. Ich weiß heute noch nicht, wie es ter Vater möglich macht. Aber ich muß mich jetzt nach einem Rebenverdienste umsehen, so wenig Zeit ich auch übrig habe. So geht es nicht mehr. Ich habe eben eine Anzeige aufgegeben, daß ich Privatunterricht erteilen möchte. Der An­schlag am schwarzen Drett hat nichts genützt ... Aber da rede ich immer von mir, und von Ihnen habe ich noch gar nichts gehört. Wie sieht es in Ihrem Hotel aus? Sind Sie noch öfter der Retter armer Obdachloser geworden? Der Vater schreibt in jedem Brief von Ihnen. Und was macht die Portier-Exzellenz? Das war ja ter reine mit Gold umränderte Truthahn. Zu putzig war der Mann in seiner Hoheit und Würde. So einem war ich noch nie begegnet. Sonst waren die Menschen immer gut zu mir.

Er erzählte ihr, daß et auf dem Wege wäre, sich nach einer anderen Stelle umzusehen.

Da blieb sie stehen und sah ihn verwun- tert an.

Sie wollen aus Ihrem Hotel gehen? Wes­halb?"

Weil ich mich verändern will, so sagt man doch, nicht wahr?"

Sind Sie so veränderungsbedürftig?"

Es muh doch wohl so sein."

Sieh einmal einer an! Das hätte ich Ihnen wirllich nicht zugetraut. Also immer etwas an­deres I"

Schalkhaft blinzelten die grünleuchtenden Augen zu ihm empor. Das war das Seltsame, das fast Komische an diesen Augen: waren sie ernft und nachsinnend, dann sah man nur das Graue in ihnen; sowie sie aber, was meistens der Fall war, heiter waren und lachten, dann trat das Helle und Grüne in ihnen hervor.

Aber nun habe ich bald ein halbes Kolleg bei Ihnen verschwäht, und Sie haben auch zu tun. Leben Sie wohl, Herr Direktor ... auf Wieder­sehen!"

Wann wird das sein?" fragte er.

Wenn uns das Glück so günstig ist wie heute, dann vielleicht bald."

Er hätte ihr selber gern eine kleine Freute bereitet, die sie sich selber nicht leisten konnte, hätte sie zu einem Theaterbesuch, einem Konzert eingelaten er bekam es nicht über die Zunge. In ter sonnig-fröhlichen Art des Mädchens lag zugleich etwas so Bestimmtes, bei aller kind­lichen Unschuld ein so ausgeprägtes Sichbewuht-

(Synagogen-Hundertjahrfeier in Treis a. d. £öa.

* Treis a. d. Lda., 15. Sept. Die vor hundert Jahren hier erbaute Synagoge hatte zur Hun­de r tj a h r f e i e r ein festliches Gewand angelegt. Das gründlich renovierte Gotteshaus war mit Blu­men geschmückt. Weißbindermeister Georg Schick und Maurermeister Gotthard A m e n d haben für die schöne Neugestaltung des Gotteshauses ihr Bestes getan. Der äußere Verputz des Hauses ist in schlichtem Grau gehalten. Die einzige Zierde bildet ein über dem Eingang angebrachter Davidsstern. Farbe und Ton des Anstriches im Innern sind nicht wesentlich verändert worden. Vorlesepult und heilige Lade sind auf einem erhöhten Postament unterge­bracht. Heber dem ganzen wölbt sich als Decke ein gestirnter Himmel.

Der Einweihungsfeier am Freitägnach- mittag waren zahlreiche Gäste aus der näheren Um­gebung erschienen. Als Vertreter der evangelischen Kirche bemerkte man Pfarrer Büchner und Leh­rer Heinrich Walter. Die politische Gemeinde war durch Bürgermeister Konrad Michel und durch Gemeinderatsmitglied Konrad Zecher vertreten; ein schönes Zeichen der konfessionellen Eintracht, wie sie erfreulicherweise in unserem Orte herrscht.

Ein Gesangsvortrag des Gießener Synagogenkan­tors I. Marx unter Harmoniumbegleitung von A. Kasten gab der Einweihungsfeier den wür­digen Auftakt. Provinzialrabbiner Dr. Sander wählte als Geleitwort seiner Festrede Vers 7, 8 des Psalm 26:Ich lasse erschallen die Stimme des Dankes, um zu erzählen all deine Wunder. Ewiger, ich liebe die Stätte deines Hauses, und den Ort, wo deine Herrlichkeit thront." Rabbiner Dr. Sander wies in seiner Rede darauf hin, daß nur einem Teil wahrer Religiosität durch die Errichtung eines Gotteshauses'gedient sei. Neben die äußere Würdi­gung des Gottesglaubens durch eine würdige Stätte der Verehrung muß auch noch hie innere Glaubens­stärke hinzutreten. Gemeinderat und Vorsteher der Religionsgemeinde Levi Wetzstein der Ur­enkel des Mannes, der vor 100 Jahren den Syna­gogenbau erwirkt hatte; der Enkel lebt noch im hohen Alter von fast 90 Jahren in Gießen wid­mete feine Worte insbesondere den anwesenden Handwerksmeistern, denen er den Dank der Ge­meinde für ihre vorbildliche Arbeit abftattete. Nachdem der Segen über die Gemeinde gesprochen, war, wurde die Feier mit einem Harmoniumvor- trag stimmungsvoll beendet.

Don zweiten Hauptteil des Festes bildete ter Festgottesdienst am Samstag früh in An- wefenheit des Rabbiners, der in seiner Predigt den Wert einzelner Vorschriften des Pentateuchs, die vorher als Wochenabschnitt verlesen worden waren, eingehend würdigt^. Rächstenliebe und ehrenvolle Behandlung sogar des Feindes ver­langen diese Kapitel aus dem fünften Buche Mosis. Es ist notwendig für jeden als ein­zelnen, auch einmal Opfer für die Allgemeinheit zu bringen. Besonders in der heutigen Zeit, wo der Staat von dem einzelnen Wohlhabenden nicht wenig Opfer verlangt, zeigt der Vers 19, Kap. 24, Deut, die Pflicht der Wohltätigkeit in etnbring* kicher Weise:Wenn du deine Ernte auf deinem FÄde erytest und vergißt eine Garbe auf dem Felde, so sollst du nicht zurückkehren, sie zu neh­men; dem Fremdling, ter Waise und ter Witwe soll es gehören, auf daß dich segne ter Ewige dein Gott in allem Werke deiner Hände."

Abends fand als Abschluß eine größere ge­sellige Veranstaltung in Form eines Balles statt, der einen so zahlreichen Besuch auf­zuweisen hatte, daß ter Saal viel zu klein toar. Die flotten Weisen der aus Mitgliedern der Gießener Militärmusik bestehenden Kapelle hiel­ten die Anwesenden noch lange Zeit beisammen.

sein über das, was sie tun durste und nicht, daß er fürchtete, sie hätte ihm eine abschlägige Antwort geben können, und das wäre ihm nicht angenehm gewesen.

Er stand vor dem ziemlich in ter Mitte ter Linden gelegenen Hause, über dessen Eingang ein großes Schild mit ter goldgefaßten In­schrift:Dettmillers Weinstuben" prangte.

Trat man durch die zur rechten Hand des etwas dunklen Flurs befindliche Eingangstür, so war man in einem mit Oberlicht versehenen und. in altdeutschem Stil ausgcstatteten Saal, dem dunkelbraun gebeizten Eichentische und einladende holzgeschnihte Sessel mit ledergeprehten Sitzen den Charakter einer vornehmen, behaglichen Weinkneipe verliehen. Einige Gäste saßen hier be­reits beim Frühschoppen. Herren ter besseren, bürgerlichen Kreise, keine Reureichen und Sekt­trinker.

Der zweite sich anschließende Saal, länglich ge­halten und doch von beträchtlicher Breite, dem ersten an Ausdehnung noch überlegen, zeigte mehr intim gesellschaftlichen Stil: zierliche Ro­kokostühle, mit blauem Damast überzogen, Tische mit weihen Linnen und kunstvoll aufgestellten Gedecken von dünnem weißen, golbgeränterten Porzellan und feingeschlifsenen Gläsern aller Art, ein jeder mit einer Kristallvase voll blühen­der Blumen geschmückt. An den beiden Längs­seiten zogen sich Rischen entlang, ebenfalls mit gedeckten Tischen bestellt; die an ter rechten waren offen, die an ter linken durch schwere: dunkelgrüne Plüschvorhänge geschlossen. Da sie zugleich Türen hatten, die auf einen schmalen, dielenartig eingerichteten und zum Ablegen der Garderobe bestimmten Raum mündeten, so waren sie für solche Besucher eingerichtet, die unter sich bleiben wollten. Zweifelhafte Elemente fan­den zu Dettmillers Weinstuben, insbesondere aber in seine Rischen, niemals Zutritt.

Als Klaus Körber in den Ehsaal trat, waren einige Kellner gerate beschäftigt, an die zur Mittagsmahlzeit gedeckten Tische die letzte Hand zu legen; ein anderer, anscheinend ter Ober­kellner, ter die Gläser zurechtstellte, kam ihm entgegen und fragte ihn nach feinen Wünschen.

Es war noch ein junger Mann, ungefähr in seinen Jahren. Sein Aussehen wie sein Be­nehmen zeigten auf den ersten Blick, daß auch er den besseren Kreisen angehörte.

Sowie Klaus die Absicht seines Besuches kund­getan, ließ er seine Arbeit ruhen und geleitete ihn die längliche Diele entlang zu dem an ihrem Ende gelegenen Geschäftszimmer des Inhabers.

Als Klaus es eine halbe Stunde später verließ, trug er seinen Vertrag als festangestellten Di­rektor in ter Tasche.

(Fortsetzung folgt.)