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Zreitag, 16. August 1929

179. Jahrgang

Nr. 191 Erster Blatt

Verschärfte Krisis im Haag

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Kampf um die Quoten. - England lehnt alle Angebote als

Llnverminderte Gegensätze im

Die Vesatzungsschäden des Meinlandes

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der noch wie vor äuhcrst gespannten Lage der Konferenz gebracht. In der Abendsihung der vier an den finanziellen Fragen hauptbeteiliglen Mächte. Frankreich, Belgien, Italien und Japan, ist ein neuer Vorschlag zur Beilegung der franzö­sisch-englischen Spannung in den finanziellen Fra­gen nicht weiter aufgetaucht.

Sieht man nach den Derufsgruppen. so findet man in den einzelnen Stödten natür­lich große Unterschiede. So waren z. r£>. in Köln 55 Proz. der Erwerbslosen ungelernte Ar­beiter, während diese Gruppe in fast allen anderen Gegenden des Reiches nur 42 Proz. ausmacht. Dienstmädchen stehen mit nur 4 Proz. in der Liste, dagegen kaufmännische Angestellte mit 6 bis 14 Proz., das Bau­gewerbe (trotz der SommerzKl!) mit 5 Proz. im Durchschnitt, und die Metallarbeiter mit 7 bis 12 Proz. Auch die freien Berufe sind mit 0,6 Proz. zu erwähnen. Recht seltsam mutet an, daß fast 19 Proz. der Erwerbslosen in der Zeit, als sie noch einen Beruf ausübten, keine versicherungspflichtige Beschäftigung inne* hatten!! Sehr interessant sind die Gründe, welche zur Erwerbslosigkeit geführt haben. Ra- türlich steht reine Arbeitslosigkeit mit fast 82 Proz. an erster Stelle, aber auch Ar­beitsunfähigkeit (in erster Linie Krank­heit) ist mit 13 Proz. registriert. 3n 2 Proz. aller Fälle war eigenes Verschulden der Grund, das heißt die Betreffenden waren wegen irgendwelcher Delikte entlassen worden oder ka­men aus dem Gefängnis und wurden nun nir­gends wieder eingestellt. 3n 0,2 Proz. aller Fälle, also doch 1334 Mal, wurde die Arbeit, welche angeboten worden ist, verweigert. Auch dann wurde Unterstützung gezahlt. Don den oben angeführten 667 000 Leuten wurden nur 38 Proz. im laufenden Jahre erwerbslos, 23 Prozent hatten mehr als zwei Jahre be­reits keine Stellung.

1 im Gewerkschafts- Oberlehrer an der ‘leid über:

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rungen nicht unter die auf die Dawescmnub täten anrechnungsfähigen Beträge fallen.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher, preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Rcichspfennig: für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20°/. mehr.

Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.

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Am Vormittag fand zunächst eine lange Beratung zwischen der belgischen, italienischen und französi­schen Abordnung statt. Danach begaben sich Gut! und Francqui zum amerikanischen Beobachter Wil­son, mit dem sie eine lange Unterredung hatten. Francqui hat sodann den englischen Schahkanzler Snowden besucht. Rach seiner Rückkehr sand am Spätnachmittag am Sih der sranzösischen Delega­tion eine Beratung der Minister der vier beteilig­ten Mächte, Japan, Belgien, Frankreich und Ita­lien, in der gleichen Weise wie gestern statt. Rach Schluß dieser Konferenz empfing L o u ch e u r die französische Presse. Er betonte, daß zwischen Frank­reich, Belgien, Italien und Japan eine vollkom­mene Uebereinstimmung in allen Punk­ten erzielt worden und man der Ansicht sei, daß eine Befriedigung Englands innerhalb des Poung- planes möglich sei. Sollte Snowden aus den von ihm beantragten Revisionsausschuh be­stehen, so würde eine neue (Einberufung der Sachverständigen notwendig und eine Lösung wäre bann nicht abzusehen.

Ueber das, was den Engländern vorgeschlagen und wie es zu bewerten ist, schreibt der Auhen- politiker des „Echo de Paris", französischerseits zö­gerten gewisse Kreise nicht, zu behaupten, daß Snowdens Programm bis zu 80 Pro­zent befriedigt werde: aber Snowden selbst und seine Berater schätztest die lhnen ge­machten Zugeständnisse auf 40 Prozent und zeigten einige Ungeduld. Es könne erstaunlich er­scheinen, selbst in dem Falle, daß Snowdens Ansicht sich mit der mittelmäßigen Schätzung des Wertes der Zugeständnisse begründet sein sollte, daß eine Konferenz wie die vom Haag, die in soviel Eha- rakierzügen den Bestrebungen der englischen Poli­tik entspreche, wegen der geringen Summe von 20 bis 25 Millionen Pfund Ster­ling jährlich scheitern sollte. Aber die An­sprüche des englifdxm Schahkanzlers seien in diesem Falle symbolisch: das sozialistiche Kabinett wolle gegenüber Europa beweisen, daß ein dem eigentlichen englischen Interesse genau angepahtes Verhalten Mode sei. Daher müsse man Zweifel hinsichtlich der kommenden Ereignisse hegen.

Rach Ansicht der Engländer sind die Zugeständ­nisse der kontinentalen Gläubigermächte so unzu­reichend, daß sie diese ohne Zögern als völ­lig unannehmbar bezeichnet haben. Da an­dererseits Loncheur im Rainen der französischen Delegation erklärt haben soll, es sei den kontinen­talen Gläubigermächten unmöglich, England weiter entgegenzukommen, läßt sich im Augenblick nicht übersehen, wie die Dinge sich wei­ter entwickeln werden. In englischen Kreisen spricht man wieder einmal von Vertagung und Ab­reise, und zwar diesmal offenbar mit etwas größerer Ueberzeugung. Snowden betonte, falls man keinen bestimmten Vorschlag, so

Haag, 15. Aug. (TU. Funkspruch.) Die Be­mühungen um einen Ausweg zur Befriedigung der englischen Forderungen und Beilegung der fi­nanziellen Gegensätze, sind den ganzen Donners­tag über die verschiedenen Beratungen fortgesetzt worden, hierbei hat der Belgier Francqui die Rolle des Vermittlers übernommen, während zum erstenmal auch von einer Besprechung mit dem amerikanischen Beobachter Wilson die Rede ist.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

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Haag, 15. Aug. (WTD.) Don unterrichteter Seite teirb mitgeteilt: Die von englischer Seite unlängst angekündigte deutsche Geste in der Frage der Entschädigungsansprüche für die Besatzungsschäden usw. hat in der Presse vielfach eine irrige Behandlung erfahren. Cs handelt sich hier um diejenigen Ansprüche, die Deutschland nach dem Pariser Abkommen vom 5. Mai 1925 aus die Anrechnung bestimm­ter Beträge auf die bisher von ihm zu lei­stenden Daweszahlungen bezahlt. Dieses Abkom­men war notwendig, nachdem der Dawesplan die Anrechnung der Besahungskosten auf die Annuitäten nach dem 1. September 1924 fest­gesetzt hatte.

Eine andere Kategorie von ebenfalls nach dem Rheinlandabkommen .Art. 6“ vorher an die Reichsregierung gerichteten Forderungen ist trotz vielfacher Bemühungen bis heute nicht auf eine Rechtsbasis analog dem Pariser Abkommen gestÄlk wbrbeir. Sie werden aus H äushalts- mitteln bestritten, lieber die Höhe dieser auf die Dawesannuität anrechnungsfähigen Ent­schädigungsansprüche entscheidet ein gemischtes Schiedsgericht unter dem Borsih des Holländers Patyn. 2m Youngplan sind entsprechende Mo­dalitäten nicht vorgesehen. Man rechnet mit den bisher offenstehenden und der Anrechnung auf die deutschen Jahresleistungen fähigen Be­trägen bis zum 1. September auf etwas über 40 Millionen Reichsmark.

Um diese Summe handelt es sich offenbar bei der in verbindlicher Form durch Henderson in die Debatte geworfenen Anregung, wonach Deutschland sich für die frühere Räumung durch eine Geste erkenntlich zeigen sollte. Bon deuticher Seite ist zunächst der Gedanke in die Diskussion gebracht worden, diese Forde­rung zur Vereinfachung des Verfahrens im Wege einer Pauschalsumme abzugeltcn. Wenn mit Bezug auf diese Ansprüche unzutreffende, teil- weife recht stark abweichende -Ziffern genannt worden sind, so beruht dies offenbar auf einer Uebersehung der Tatsache, daß nach Art. 249 des Versailler Vertrages Besahungskosten, also auch Besahungsschädcn, durch Deu tsch- land zu tragen waren, und daß demgemäß nach einem allerdings erst erheblich später ein­gegangenen Entscheid des Gemischten Schieds­gerichts die bis zum 21. September 1924 ent­standenen, damals nioch offenstehenden Forde-

unbefriedigend ab.

wie es verabredet sei, am Freitag machen könne, hätte es keinen Zweck, am Samstag eine Sitzung der Finanzkommission einzuberufen. Das bedeutet ziemlich klar wieder die Androhung der Ab­reife. Auch die Italiener haben die Lage wieder verschärft, indem Grandi äußerte, für ihn sei die hager Konferenz am Samstag zu Ende. So hat also der Donnerstag keine Veränderung

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der Arbeitslosenversicherung beginnen will, kann aus der Ansehung des Termins für die Canter, konferenz geschlossen werden, daß die Lander auf die Beratungen des Ausschusses Einfluß nehmen wollen. - Auch der Deutsche S t ä d t e t a g verlangt, im Ausschuß gehört zu werden offenbar zu dem Zwecke, die neuen Bestimmungen des in Aussicht genommenen Ge­setzes zur Reform der Arbeitslosenversicherung mit den Bestimmungen über die gemeindlichen Wohlfahrtsfürsorgen in Einklang zu bringen, damit nicht Leistungen, die von dem Reiche ab­gelehnt werden, von den Gemeinden übernommen werden müssen.

Eine Erwerbslosenstatistik.

Don unserer Berliner Redaktion.

Berlin, 16. Aug. Bei den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die ^^lcherungsre- form handelt es sich m der Hauptsache um solche Arbeitslose, die vorübergehend ar­beitslos geworden sind. Es ^bt aber noch eine ganz andere Gruppe von Arbeitslosen, das sind die, die dauernd wegen Arbeits­unfähigkeit erwerbslos sind. Schließ­lich werden durch die Arbeitslosigkeit aber in den unterhaltungsberechtigten Familienangehöri­gen auch noch eine ganze Anzahl von Metttchen getroffen, die nicht unmittelbar in die Kate­gorie der Erwerbslosen einzurechnen sind. Rii diese Zahlen sind nun in einer Statistik er.aht worden, die gerade in diesen Tagen von be­sonderer Bedeutung ist.

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3m Monat 3uli dieses Jahres wurde die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland mit 667 000 angegeben, darunter eine erschreckend große Zahl Frauen: 149 000 oder 23 Prozent! Rur m einigen ganz großen Städten, wie Berlin, Ham­burg, Köln usw., geht ihre Ziffer auf 15 Prozent herunter. Von diesen 667 000 Erwerbslosen sind nur wenige Zehntausend völlig unfähig, einen Beruf auszuüben oder selbst dem kleinsten Broterwerb nachzugehen. Auch nur 180 000 stehen im Alter von mehr als 50 Jahren, also ein sehr geringer Prozentsatz. Alle anderen sind im sogenannten besten Alter, wenn auch sehr viele von ihnen durch lange Krankheit, Arbeits­losigkeit, Armut, durch schlechte Wohnverhältnisse und dergleichen mehr derart geschwächt sind, daß auch mit ihnen nicht viel anzufangen ist. Richt eingerechnet in obige Ziffern sind die unterhaltungsberechtigten Fami­lienangehörigen, 37 Prozent alte Leute, die bei ihren Kindern wohnen, die sie auch nicht ernähren können, und dann 63 Prozent Kin­der, deren Eltern nichts oder nicht genug ver­dienen. 3m ganzen wurden am 1. 3uli r u n d 17 Millionen Menschen durch die Wohlfahrtsämter unter st ützt. Das sind 2,6 Prozent der gesamten Bevölkerung des Rei­ches! 3nnnerhin waren 57 Prozent der Erwerbs­losen im Besitz einer eigenen Wohnung, woraus man schließen darf, daß diese Leute ansässig waren, daß es sich also in fast allen Fällen um wirkliches Elend gehandelt hat. Denn, wer Ar­beit hat, läßt sich nicht unterstützen. Don Aus­nahmen abgesehen.

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Frankreich verlangt keinen deutschen Verzicht? Eine angebliche Erklärung Loucheurs.

Das Näumungsprogramm.

Berlin, 16. Aug. (prio.-IeL) Der Berliner „Börsenkurier- meldet aus dem Haag: Herr Cou- cheur teilte den französischen Journalisten mit, daß Frankreich nicht beabsichtige, sich von Deutschland den frühen Rückzug durch einen neuen Bet- zicht abkaufen zu lassen. Er schließe sich nicht der Anregung Hendersons an, daß Deutschland bei seinen Ansprüchen aus den Besahungsschäden eine Geste mache, in dem es hier auf Zahlungen verzichte.

Wie nunmehr zuverlässig verlautet, will Briaud das Datum für die G e s a m t r ä u m u n g. d.h. also für den Abzug des letzten Befahungssol- baten aus der dritten Jone am Samstag be­kanntgeben, und zwar wird sich die Bekannt­gabe vorausfichtlich in der Form der A u f ff e l - lung eines Gesamtprogramms für die Räumung vom Beginn bis zu ihrem Abschluß voll­ziehen. Morgen vormittag sollen der deutschen Dele­gation die Ergebnisse der zwischen den übrigen Mächten wegen der Einsetzung der verschiedenen an­gekündigten Unterausschüsse und wegen der finanziellen Streitpunkte gepflogenen Der- Handlungen bekanntgegeben werden.

Besprechungen über die Saarsrage.

Haag, 15. Aug. (TU. Funkspruch.) 3n der Saarfrage hat am Donnerstag eine Besprechung zwischen einem französischen und einem deutschen Sachverständigen stattgefunden. Die Franzosen haben dabei auf Grund des von Deutschland vorgelegten Rahmenprogramms nähere Ein­zelheiten verlangt. Der Eindruck auf deut­scher Seite ist, daß die Franzosen nur sehr z ö g e r n d an die Besprechungen Herangehen und daß sie nach wie vor auf dem Standpunkt stehen, die Saarfrage sei eine rein französisch-deutsche Angelegenheit. Sie richten daher ihre ganzen Bemühungen darauf, diese Verhandlungen von den allgemeinen Fragen abzutrennen.

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Macdonalds Amerikareise.

Noch in diesem Jahre eineFlottenabrüstungskonserenz in London.

London, 15. Aug. (TU. Funlspruch.) 3n gut unterrichteten diplomatischen Kreisen Lon­dons wird nunmehr bestimmt damit gerechnet, daß Ministerpräsident Macdvnald im Ok-

Ein Mimaium der Vottspartei?

Be r l i n , 16. Aug. (Funkspruch.) Wie die „DAZ." hört, hat die Deutsche V o l k s p a r l e i m der Sitzung des Sozialpolitischen Ausschusses des Reichs­tags keinen Zweifel gelassen, daß sie aus der be­schleunigten Einbringung der Gesetzesvorlage besteht Sie habe sogar eine Art ll 11 i m a t u m b i s Mittenäch st erwache gestellt und würde, wenn bis dahin der Entwurf noch nicht vorliegt, die Reichstagsfroktion einberufen, um zu ber dann geschaffenen Lage Stellung zu nehmen. Dies um fo mehr, als nach Mitteilungen des Slams- fefretärs Popih auch die kaffen tage des Reiches keine weitere Verzögerung mehr zulaffe.

Länder und Gemeinden nehmen (Stellung.

«7» e - [; n 16. Aug. (Priv.-Tel.) Rach dem B T" besteht bei der Mehrzahl der deutschen LL-KL« der Wunsch zu der Re^onn der Arbeitslosenversicherung noch einm 1 S telluna äu nehm^n, und so verlaurei, daß am Dienstag vormittag eine Lande rkon- s e r e n z zusammentritt. Da der Sozialpo sch Ausschuß am Dienstag nachmittag um 3 Uhr MU L- eigentlichen Debatte über die Reform

aktiven Politik ausgeschaltet bliebe, einen ähn­lichen Entschluß nicht in Erwägung gezogen hat. Gewiß hat Herr Poincare das nicht nur 1 aus nationalem Pflichtgefühl getan, sondern sehr viel mehr, weil er seiner ganzen Charakterveran­lagung nach nicht zusehen kann, wie andere Ver­antwortung tragen, die er für sich allein bean­sprucht. Aber auch wenn man das in Rechnung stellt, bleibt sein Vorgehen politisch und parla­mentarisch das einzig Mögliche.

Für uns ergibt sich jedenfalls aus dem Aus­fall des Reichskanzlers und der gleichzeitigen Abwesenheit von vier Ministern im Haag eine F ü h r e r l o s i g k e i t, die jetzt bereits zu den be­denklichsten Folgen innerpolitischer Art führt. Die Deutsche Volkspartei hat am Don­nerstag in der Besprechung der Fraktionsvor­sitzenden mit den Ministern ein Ultimatum ge­stellt, sie hat damit gedroht, daß sie sich aus jeder Beteiligung an dem Regierungsgeschäft zurückziehen würde, wenn nicht spätestens innerhalb einer Woche eine entsprechende Vorlage über die Arbeitslosenversiche­rung dem Reichstage zuginge. Die Finanz­lage des Reichs wird nachgerade so katastrophal, daß der Anfang mit einer Sanierung geschehen muh. Wir wissen jetzt bereits, daß wir im lau­fenden Ctatsjahr mit einer Unterbilanz zu rech­nen haben, die zusammen mit dem Verlust aus dem Vorjahr alle nur denkbaren Ersparnisse aus dem Voung-Plan bereits verzehrt, wir wissen, daß außerdem die Kassenlage trostlos ist, und wir wissen, daß aus der Arbeitslosen­versicherung eine Mehrbelastung von mindestens 200 Millionen zu erwarten ist, wenn nicht vor Beginn des Winters Abhilfe geschaffen wird. Ausnahme der Verhandlungen über dieArbettSlosenversjcherung

Noch immer keine Regierungsvorlage.

Berlin, 15. Aug. (DDZ.) 3n der Re^s- kanzlei fand zwischen den Führern der Re - gierungsfraktionen des Reichstags, den Sozialdemokraten Dittmann, Wels, Dr. Herz, den Zentrumsabgeordneten Per- litius, Dr. Brüning, Esser, Frau Teusch, den Volksparteilern Dr. Scholz und Dr. Pfei­fer, den Demokraten Frau Dr. Bäumer und Schneider, dem bayerischen Volk s p a r - feiler Prälat Leicht und sämtlichen in Berlin anwesenden Reichsmini st ern eine Be­sprechung über die Arbeitslosenversicherung statt. Sie führte zu keinem Beschlüsse. Uebereinstim­mung bestand jedoch darüber, daß die Arbeits­losenversicherungsreform sehr beschleunigt werden soll und daß die Einzelheiten m morgen beginnenden interfraktionellen Besprechungen zu vereinbaren seien.

Der Sozialpolitische Ausschuß des Reichstages trat unter dem Vorsitz des Abgeord­neten Esser (Ztr.) zusammen, um die Fragen der Arbeitslosenversicherung zu beraten. Relchsar- beitsminister Wissell erklärte, daß die Reichs- regierung leider noch nicht in der Lage sei, dem Ausschuß schon jetzt eine fertige Borlage unterbreiten zu können. Das Reichs- arbeitsministerium habe zwar bereits dem Kabi­nett eine Vorlage unterbreitet und das Kabinett sei wohl auch in den meisten Punkten einig, aber es beständen in einigen wesentlichen Fragen noch Meinungsverschiedenheiten, über die eine Einigung noch nicht erzielt werden konnte.

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Folgen der Führerlosigkeil.

Von unserer Berliner Redaktion.

Die Art, wie bei uns zur Zeit die Führung der Regierungspolitik wahrgenommen oder viel­mehr nicht wahrgenommen wird, ist ein Kapitel für sich. Es fordert doch zwangsweise zum Ver­gleich heraus, daß Herr Poincare in dem Augenblick, wo er sich einer Operation unter­ziehen mußte, trotz aller Bitten seiner Minister­kollegen sich von seinem Po st en zurück- z o g, während nach allem, was man hört, der deutsche Reichskanzler, obwohl er wußte, daß er für mindestens ein halbes 3ahr aus der

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Druck und Verlag: vrühl'sche llniverfitAr-vuch- und Zleindruckerei H. Lange in Sieden. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

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