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Nr. 88 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Dienstag, 16. April 1929

Die Bomben von Mu-Delhi.

Don unserem E. E.-Berichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl

London, 14. April 1929.

Die beiden Bomben, die am Montag der letz­ten Woche in der indischen gesetzgebenden Der- sammlung in Reu-Delhi drei Regierungsbänke zertrümmerten und das Leben einiger Inder be­drohten, sind Sturmzeichen erster Ord­nung. Anschläge dieser Art sind zwar in In­dien nicht so selten wie in Europa und dem Bom­benwurf von zwei Fanatikern käme unter nor­malen Umständen nur insofern eine besondere Bedeutung zu, als sie sich gerade die gesetzgebende Versammlung ausgesucht hatten, um aus diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege ihrer politischen Unzufriedenheit Ausdruck zu geben. Die besonde­ren Verhältnisse in Indien wie die weltpolitische Lage im allgemeinen machen diesen Anschlag aber zu einem folgenschweren Ereignis. Die Simon- K o m m i s s i o n , die seit dreiviertel Iahren das Material für eine Abänderung-der indischen Ver­fassung sammelt, hat gerade in diesen Tagen ihre Arbeit in Indien abgeschlossen, um dann nach ihrer Rückkehr nach England ihre für die britische Regierung unverbindlichen Empfehlun­gen zu machen. Sir Iohn Simon selbst ist nur durch einen glücklichen Zufall nicht unter den Opfern des Bombenanschlages. Bei der Achtung vor dem Parlament, die er, wie alle übrigen Mitglieder der Kommission, besitzen, wäre es menschlich nicht verwunderlich, wenn diese pein­liche Erfahrung kurz vor der Abreise einen Schat­ten auf seine späteren Reformvorschläge werfen würde.

Der Bombenanschlag ist aber auch in anderer Hinsicht eine Tat, für die das indische Volk schwer zu bezahlen haben wird, obwohl die Motive leicht verständlich sind. Seit dem ersten Besuch der Simon-Kommission in Indien gingen die Wogen politischer Erregung hoch. Boykott­bewegungen waren an vielen Plätzen die Begrüßung für die Kommission. Obwohl der Boy­kott in der Mehrzahl der Fülle unter geschickter Regie und, wo es nottat, unter Aufgebot un­geheuer überlegener Machtmittel f e h l schlug, lieh sich doch nicht vermeiden, daß die allgemeine Erregung bis zum Siedepunkt stieg. Rur wenige Sondergruppen, unter ihnen die einheimischen Fürsten als die wichtigste, standen unbedingt loyal hinter der britischen Verwaltung, vor­ausgesetzt, daß die Empfehlungen der Simon- Kommission zu einer Festigung und in manchen Punkten zu einer Erweiterung ihrer Macht führ­ten. Mit den schweren Ausschreitungen von Bombay bei außerordentlich spätem Eingreifen der englischen Militärbehörden er­reichte die Verwirrung ihren Höhepunkt. Da­mals wurden 31 indische und'zwei englische Agi­tatoren verhaftet, weil ihrer Tätigkeit in erster Linie die Schuld für die allgemeine Erre­gung und Unzufriedenheit zugeschrieben wurde. Die direkte Folge dieser Verhaftungen sind nun die Bombenwürfe in Reu-Delhi. Die englische Verwaltung hat Bombay zum Anlaß genommen, sich eine gesetzliche Hand­habe gegen politische Streiks und die Fernhaltung ausländischen Goldes für solche Zwecke zu verschaffen. Unwillig, aber doch noch ohne besonders hervortretende Anzeichen der Un­zufriedenheit ist ihr die gesetzgebende Versamm­lung aus diesem Wege gefolgt. Die Verabschie­dung des zweiten, wichtigeren Gesetzes, das der Regierung die Macht für die Unterdrückung aller kommuni st ischen Agitation ge­ben sollte, hat der Widerstand der Versamm­lungspräsidenten verhindert.

C3 ist nicht ganz klar, welchen Umfang die ko -:munistische Agitation derzeit in Indien besitzt. Die Bezeichnung der gegenwärtigen Porgänge als kommunistische Agitation ist an sich schon

wenig zutreffend. In Wirklichkeit haben die Vor­kämpfer der vollständigen Freiheit Indiens, auch um den Preis des Kampfes bis aufs Messer, die man früher als Fanatiker und Anarchisten be­zeichnete, heute nur den zeitgemäßeren Ramen Kommunisten erhalten. Die Zahl der wirklichen Kommunisten dürfte gering sein und man kann sich auch nur schwer vorstellen, daß die in der Wahrung ihrer Interessen nicht nur ge­schickte, sondern auch entschlossene englische Ver­waltung, keine Mittel gefunden haben sollte, um eine wirklich ernsthafte kommunistische Verseu­chung Indiens zu verhindern. Auf der anderen Seite ist es wahrscheinlich, daß die Radikali­sierung zwangs- und zeitläufig in den letzten Iahren erhebliche Fortschritte gemacht hat und daß nun die Frage akut wird, ob wirklich weitgehende Zugeständnisse an diese radikalisier­ten Massen möglich sind, ohne die englische Macht­stellung zu schwächen. Die Simon-Kommission hat in ihren vorsichtigen öffentlichen Kundgebungen während ihrer Arbeiten diese Frage unverbind­lich bejaht, in England wird sie in weiteren Kreisen verneint.

Die Bereitwilligkeit zu Zugeständnissen wird durch Bombenwürfe sicher nicht vermehrt und die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, daß gerade die Anhänger der Gewaltmethoden sich nach Durchführung neuer Reformen in Gesellschaft derjenigen sehen, die von der britischen Verwal­tung als ihre erklärten Feinde angesehen und dementsprechend behandelt werden. So wenig das Interesse Englands an der Einleitung einer Gewaltherrschaft liegen kann, so sicher ist bereits heute, daß derartige Vorgänge die einflußreichen Kreise der Politik einerfesten Hand" bestärken. England weicht nicht vor Bomben zurück, ebenso wenig wie es vor der weit schwerwiegenderen Drohung zurückweichen wird, daß Indien eine Politik des passiven Widerstandes führen wird, wenn ihm nicht bis zum 31. Dezember dieses Iahres der Status eines britischen Dominions gewährt sein sollte. Es ist für England zunächst nur eine Frage, welche indischen Verbünde­ten es sich in einem vielleicht unvermeidlichen Kampf gegen andere indische Volks- oder Staats­teile suchen wird. Richt Kampf auf der ganzen Linie, sondern ein Zermürbungsprozeh mit überlegenen Mitteln dürfte auch weiterhin die Losung sein, denn was immer die Simon-Kom­mission empfehlen und die maßgebenden Stellen in London beschließen werden, die nationalen An­sprüche Indiens werden in vollem Ausmaße sicherlich nicht befriedigt werden.

Der nationalen Sache Indiens hat der Bom­benanschlag einen schlechten Dienst geleistet. Bis­her konnte G h a n d i ohne Widerspruch zu fin­den, darauf Hinweisen, daß er mit friedli­chen Mitteln ein unabhängige «In­dien erstrebe. Sein Ziel war nach seinen eigenen Worten:Selbstregierung, Freiheit, eine Ver­fassung, die sich das indische Volk selbst gibt." Die Erreichung dieses Zieles würde nach Ghandi nicht die Trennung von England bedeuten, In­dien aber das Trennungsrecht in die Hand geben, von dem es Gebrauch machen könnte, wenn es das wünschte. In England hat man damals im Zusammenhang mit der weiteren Erkürung Ghan- dis, daß Indien eine Politik des passiven Wider­standes verfolgen werde, wenn ihm diese Zuge­ständnisse nicht bis Ende dieses Iahres gewährt fein sollten, ironisch festgestellt, daß man sich nur fchwer das Lachen verhalten könne. Eine Fest­stellung, die damals aus dem gemäßigten Lager gemacht wurde. Wenn aber England Über die Swarajisten unter Ghandis Führung, die die einzige Halbwegs geschlossen und mit einiger Aussicht auf Wirkung gegen die englische Ver­waltung ins Feld zu führende Gemeinschaft dar­stellen, so leichten Herzens hinweggehen zu kön-

schen Einschnitten in die wichtigeren der größeren unabhängigen Gebiete aber in der Lage ist, den etwa 30 großen und mehr als 500 kleinen indi- schen Herrschern gegenüber seinen Willen restlos und ohne äußeren Zwang durchzusehen. ilnö nach der bürgerlichen Seite hin sorgen die Gegen­sätze zwischen Moslems und Hindus, zwischen ein­zelnen Devölkerungsschichten und -Klassen, dasür, daß auch hierDrohungen einen Lachreiz" er­wecken.

In einem merkwürdigen Mißverhältnis zu die­ser Sachlage stehen die ständigen Feststellungen kommunistischer Ausschreitungen und einer kom­munistischen Agitation. Gewiß hat Indien im vergangenen Iahre 203 Streiks gehabt, in die 503 851 Mann verwickelt waren, gegen 129 Streiks mit 131 655 beteiligten Personen im Vor­jahre. Aber nur ein Keiner Prozentsatz dieser Streiks hatte wirllich politischen Charakter. In der Mehrzahl der Fälle geben wirtschaft­liche oder rassenmähige Gründe den Ausschlag. Die angebliche Kommunistenbedrohung Indiens wird allerdings verständlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein dringendes eng­lisches Interesse vorliegen könnte, in naher Zu­kunft diese Gefahr besonders groß und akut er­scheinen zu lassen. Wenn daher auch die Radi­kalisierung größerer Dolksteile Indiens sicherlich nur zum allerkleinsten Teil das Werk sowjet- russischer Propaganda und Geldes ist, die Rück­wirkung des Bombenanschlages von Reu-Delhi auf die englisch-russischen Be­ziehungen kann nicht ausbleiben. Die Sow­jetregierung hätte sich in ihren gegenwärtigen Ausgleichsversuchen mit der britischen Industriel- len-Delegativn in Moskau kaum eine schädlichere Handlung ausdenken können als den Bomben­anschlag der beiden radikalen Gesinnungsgenos­sen in Reu-Delhi.

nen glaubt, was erhoffen da ein paar Radikale der oder jener Volksgemeinschaft von ein paar Bomben? Sie bringen Ghandi und seine Bewe­gung in Mißkredit, da sie selbstverständlich als die temperamentvollen Schüler einer überhitzten nationalen Bewegung hingestellt werden. Sie bringen auch ganz sinnlos die Prestige­frage in den Vordergrund, denn jedes Rach­geben nach Bombenanschlägen würde den An­schein erwecken, als ob es der Furcht ent­spränge.

Lleberdies hat die englische Verwaltung die Möglichkeit, sich mit anderen, weniger anspruchs­vollen Kreisen zu verständigen. Ein neuer Aus­gleich mit den Fürsten bietet daneben noch die Gewähr, daß in deren Staaten alle Schwie­rigkeiten unterdrückt werden, bevor sie erst bis zur englischen Verwaltung Vordringen. Die in­dischen Fürsten wollen den Ausgleich, d. h. -Un­abhängigkeit von Britisch-Indien mit Ausnahme der Außenpolitik und Verteidigungsfragen. Sie wünschen keine Vereinigung mit einem etwaigen britischen Dominion Indien und lehnen demge­mäß auch eine gemeinsame Verfassung für das ganze indische Staatsgebiet ab. Sie wollen da­neben wirtschaftliche Erleichterungen, in erster Linie Steuernachlässe, Forderungen, die von eng­lischen Kreisen selbst angesichts der Gesamtlage als im wesentlichen berechtigt anerkannt werden. Die Loyalität der indischen Fürsten, auf dieser Grundlage neu bekräftigt, ist für England für absehbare Zeit vielleicht ausreichend, in jedem Falle bedeutsam genug, um, auf sie gestützt, wei- teraehende Forderungen der Rationalisten ab- lehnen zu können. So ergibt sich die Lage, daß England zwar an einer gradweisen Reform des 320-Millionen-Volkes Indiens in höchstem Grade interessiert ist, durch die vollkommene Kontrolle Britisch-Indiens mit den sehr weisen geographi-

Stirnen, Sport und Spiel.

Frühjahrswaldlauf

der Gruppe Gießen-duhbach in Lollar.

Wenn auch nicht alle Meldungen erfüllt wur­den, so hatte sich doch eine stattliche Anzahl Teilnehmer aus dem schön gelegenen Platze des Sportvereins Lollar, der bte Veranstaltung übernommen hatte, eingesunden. Die Strecke führte über den Lollarer Kopf und stellte durch die großen Steigungen in ihrer ersten Hälfte außerordentlich hohe Anforderungen an die Läu­fer. Unglücklicherweise war sie auch etwas zu kompliziert gewählt, wodurch hauptsächlich bei der Iugend Irrtümer entstanden. Im übrigen wurde jedoch guter Sport geboten, der die verhältnis­mäßig zahlreichen Zuschauer stets in Spannung hielt. Erfolgreichster Verein war Gießen 1900 mit 3 Mannschafts- und 2 Einzelsiegen, sowie einer großen Anzahl guter Plätze. Rachstehend

die Ergebnisse:

Aktive der Stadtklasse (5000m): Einzellauf: 1. Peters, Gießen 1900, 19:11 Mim: 2. Paul. Gießen 1903, 19:14,8 Min.: 3. Müller. V.f.B. Gießen, 20:09,4 Min.: 4. Tre- ser, V. f. D. Gießen; 5. Schäfer, Gießen 1900; 6. Fehn, Gießen 1900.

MannschaftSlauf: 1. Sp.-Dg. 1900 Gie­ßen, 1. Mannsch.. 13 Pkte.; 2. V. f. B. Gießen 17 Pkte.; 3. Sp.-Vg. 1900 Gießen, 2. Mannsch.. 18 Punkte.

Aktive der Landklasse:

Einzellauf: 1. Großhaus, Sp.-V. Lollar; 2. Lotz, V. f. R. Lich; 3. Keßler, Fußballsportv. Steinbach.

Mannschaftssieger: Fuhballsportverein Steinbach.

Stadt und Land starten in einem Rudel von etwa dreißig Mann zusammen. Paul, Peters und Müller der 1900er Bepperling hatte in­

zwischen infolge einer Fußverletzung aufgeben müssen kommen gut den Berg hinauf und bil­den die Spitze. Auf dem abschiehenden Gelände lösen fich die Spielvereinigungsleute los und gewinnen sicher. Die Landklasse hatte ihren besten Vertreter in Grohhaus, Lollar, der fich hinter Schäfer, 1900, placierte.

Jugendklasse A (50 0 0 Meter).

Einzellauf: 1. Koch, Gießen 1900, 20:30 Min., 2. Schüz, Gießen 1900, 3. Rübsamen, D. f. B. Gießen, 4. Balser, Gießen 1900.

Durch ein Versehen des Kontrollposten muhten die A-Iugendlichen an Stelle der vorgesehenen 2500 Meter die Strecke bewältigen. Es entstanden dann noch auf der Strecke Verwirrungen, jedoch konnte der 1900er als tatsächlich bester Wann fest- gestellt werden.

Mannschaftssieger: Sp.-Vg. 1900 Gie­ßen mit 7 Punkten.

Jugendklasse B (2500 Meter).

Einzellauf: 1. Deibel, Sp.-V. Lollar, 9:56,8 Min.. 2. Auer, Gießen 1900, 10,00 Mim, 3. Koch, Gießen 1900, 10:06,1 Mim. 4. Weiß. F.C.Gro- Hen-Duseck.

Mannschaftslauf: 1. Sp.-Vg. 1900 Gie­ßen 17 Punkte, 2. Ep.-V. Lollar 23 Punkte.

Die Gruppierung gibt das richtige Kräftever­hältnis nicht wieder, da sich die von Mootz, 1900, angeführte Spitzengruppe verirrte.

Schüler (15 0 0 Meter).

Einzellauf: 1. Moos, Sp.-V. Lollar, 6:55,7 Mim. 2. Klinkel, Sp.-V. Lollar, 6:58,6 Mim. 3. Dingel, V. f. B. Gießen, 7:3,2 Mim, 4. Weil. V. f. D. Gießen.

Mannschaftslauf: 1. D. f. D. Gießen 12 Punkte, 2. Sp.-Da. 1900 Gießen 19 Punkte.

Die Lollarer Jüngsten hatten durch bessere Körperkonstiiution und Streckenk:nntnis ein großes Plus und gewannen ziemlich unangefochten.

Look-Theater aus der Akropolis.

Von unserem ständigen H. T.-Berichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenl

Athen, April 1929.

Es gibt ein sehr nettes orientalisches Mär­chen: einem frommen Derwisch hat irgendein Bösewicht ein paar Zechinen gestohlen und die halbe Stadt sucht den Liebeltäter. Rur der Der­wisch, abgellärter Ruhe voll, begibt sich auf den «Friedhof, seht sich dort hin und wartet. Worauf"? fragt ihn ein Freund.Auf den Dieb! Hierher muß er zum Schluß doch einmal kommen!"

Das gleiche Rezept befolgt man zweckmäßig in Athen, wenn man nicht gerade einen Böse­wicht aber einen Freund erwartet, der seinen Besuch in der Stadt des Perikles mit irgend­einem der großen Touristendampferin Umris­sen" angekündigt hat. In diesem Falle braucht man zwar nicht auf den Friedhof zu gehen es sei denn, daß der Genannte unterwegs an Bord, infolge ileberfütterung, sanft verschieden ist, sondern man greift sich sür wenige Pfennige ein Auto - billigstes Verkehrsmittel Griechen­lands - fährt zur Akropolisund laßt sich dort im Schatten der Propyläen häuslich nieder. Die Akropolis ist für jeden Fremden der große Magnet, dasMünchener Hofbräuhaus , um mich mal verständlich auszudrücken: beide muh man gesehen haben.

So hat man seine Ruhe und braucht nicht allzu lange mehr zu warten. Denn Cook und Co"macht" Athen, wenn alles klappt, m zwei Stundenab, mit Lunch, Frühstück, Mittag­essen, Kaffee und diversen Imbissen dauert es allerdings wesentlich länger min^stens deren sechs. Weil eben der sachliche Mensch von Klassi­zismus nicht allein lebt und die Sonne Homers nicht satt, geschweige denn warm macht.Grie­chischer Frühling" auch ein fefjr relahöcr Be­griff. namentlich heute! Da Cook u)n aber auch diesmal wieder in seinen Prospekt ausgenommen hat, muß er wohl begonnen haben. Rur tn Athen merkt man heuer noch nichts davon, auch wenn die Händlerwelt, in erster Lime Perc.n ambulante Abteilung", bereits alle Vorberei­tungen getroffen hat, um die Cookschen Früh­lingsboten aus dem kalten Rorden würdig zu empfangen. Wenn sich also am Eingang der Propyläen schreiende Männer und grauen sam­meln, die wie eine Verhöhnung des Praxiteles aussehen, wenn die Händler mit Filmpackrollen

sich breit machen; mit zwei Finger langen, scheuß­lichen Kopien antiker Meisterwerke, die auf den ersten Blick an Gipsfiguren erinnern, aber aus echtem, schneeweißen pentelischen Marmor fa­brikmäßig hergestellt fiyb es dominieren die drei Grazien, die Venus von Milo und andere höchst mangelhaft bekleidete Gestalten, wahrschein­lich weil nach Buschdas Entzücken unbeschreib­lich, besonders wenn die Götter weiblich". wenn also aus dem Bazar der Stadt echte und unechte Schätze, Marmorfiguren und auf flat­ternde Zettel geklebte Briefmarken, Decken und Oelbaumholzspazierstöcke, Stickereien. Hauben, Pompadours, Sesamkuchen und Bonbons auf den umhergestreuten Blöcken malerisch ausgebrei­tet werden, dann weiß auch der Laie: der Früh­ling ist da! Hurrah! Sie kommen! Cook anteportas!

Dann stellt man sich am besten am keinen Ricketempel auf, Blickrichtung Phaleron-Bucht, wo das schwimmende Hotel Anker zu werfen pflegt. In Dutzenden von Autos, laufend durch­numeriert und etikettiert, nach Rationalitäten zu­sammengefaßt, jede Gruppe unter einem sprachen- kundigen Führer so jagen die Passagiere be­reits eine Viertelstunde später dem großen Mag­neten, der Burg, entgegen. Wie eilige Wanzen kommen die Autos auf der staubigen Pana- thenäen-Straße angekrochen, halten am Theseus- tempel, der Schwarm stürzt hinaus, um das Hei­ligtum herum ein Gewimmel und Geflimmer win­ziger Menschlein es sieht aus wie Ameisen, die über irgendeinen leckeren Bissen hergefallen sind. Zehn Minuten später, wie von unsichtbarer Hand geleitet, strahlenförmiges Zurückfluten, Cin- fteigen, fernes Hupen, das seltsam klar durch die kühle Morgenluft tont schon hält der erste Wagen, staubauswirbelnd mit durcheinanderschüt­telndem Ruck am Haupteingang. Lind wieder quillt die menschliche Fracht heraus: Knicker­bockersmänner, die Kamera auf den Schultern, mit glattrasierten, brillengeschmückten Raubvogel­gesichtern, brillantenbehängte, gelangweilt blickende Dollarprinzessinnen, schreiendeErllärer", die in sechs Sprachen zugleich die Reisegruppen nach toten Zahlen und Buchstaben sortieren und zu­sammenstellen, zumVortrag" um sich versam­meln. Rummern, Rummern, nichts als Rummern, denen Cook so Weltgeschichte und Geographie in Llmrissen vermittelt Verpflegung im Preise einbegriffen. Lind der surrende Motor singt das ewige Lied dieserVergnügungsreise": Tempo! Tempo! zwei Minuten Hadriansbogen ohne Aussteigen, sieben Minuten Theseustempel, pho­tographieren, drei Stunden Frühstück Palast-

Hotel, dreißig Minuten Akropolis, Photos in der Office . . . Tempo! Tempo! Time is money! . . . Morgen Konstantinopel . . . übermorgen Kairo . . . Tempo! . . . Bombay . . . Toko warten nicht . . . Tempo! Tempo! ... uff!

In den wartenden Autos träumen die Chauf­feure verschlafen am Steuer. Die beleibtesten der beleibten Dollarprinzessinnen hocken hier und da einsam und verlassen im Fond und lassen sich von der Sonne Homers bescheinen, die mit ver­zeihender Milde gleichmäßig über den Huma­nisten und Absolventen eines Schwachsinnigen- Jnstitutes leuchtet. Ab und zu nehmen die Fleisch- llumpen unsäglich gelangweilt das Lorgnon zur Hand, offnen die Augenschlitze wie müde Kroko­dile und Wersen einen Blick hinauf auf die alten Steine!" Dennes ist ja doch immer das­selbe" ... Die Mittelgewichtlerinnen haben dafür unter Leitung des Führers Rr. 13 (Gruppe C 34) den Aufstieg bewältigt und sinken keuchend auf den verschiedenen Bänken zusammen. Die dazu­gehörigen ausgedörrten Ehemänner stehen, den Kopf zurückgelegt, die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife im Munde vor dem Parthenon und murmeln das obligateVery nice, indeed! Fin­gern nach der Taschenuhr und scheinen ihre Ge­danken ganz wo anders zu haben. Rur nicht hier. Börse... Petroleum ... Mexiko und so. Schnat­ternd und schwatzend drängen sich dafür die kurz- berodten Ehegattinnen vor der Korenhalle, lorg- nettieren ihre steinernen Schwestern und lassen sich mit ihnen zusammen in allen möglichen und unmöglichen Stellungen von den geschäftstüchtigen Photographen auf die Platte bannen. Selbst die unsterblichen Jungfrauen scheinen das Groteske der Gegensätze zu empfinden, noch hoheitsvoller als sonst blicken sie über die Dicken ins Leere hinweg. Weiter! Weiter! Keine Zeit zu ver­lieren! Der Führer erklärt im Hundertkilometer- tempo. Eigentlich müßte englisch sprechen an ge­weihter Stätte verboten sein: wenn man es selbst tut, bekommt man Zahnschmerzen, es anhören, verursacht Bauchgrimmen, insonderheit, wenn klas- sische Ramen vergewaltigt werden.Emmelfei" stattAmalfi" mag noch hingehen,Praxiteles" im englischen Munde die Feder sträubt sich, das LIngeheuerliche niederzuschreiben.

Am Parthenon interessieren natürlich am meisten die unschönen, Nobigen Holzgerüste, die das Heiligtum schon seit vier Jahren verunzieren. Die Hebel und Winden, mit denen mühsam die Säulentrommeln wieder ausgeschichtet werden, die vor 340 Jahren der glückliche Schuß des Leut­nants von Lüneburg auseinanderfliegen ließ. Dieser tüchtige Artillerist hat damals für feinen

meisterhaften Volltreffer sicher einen venetiani- schen Orden bekommen. Vielleicht ist er sogar Oberleutnant außer der Reihe geworden heute mühen sich emsige Steinmetzen, um die Opfer des venetianischenMilitarismus" wieder zusammen­zuflicken. Alle Augenblicke geht der Arbeit das Geld aus, diesmal aber hat VenizeIos ein Machtwort gesprochen. Merkwürdigerweise kommt das Flickmaterial nicht vom Pentelikon, sondern aus Deutschland; das Bindematerial ist fest auf Druck und Zug".

Sehr interessant," sagt jemand...

So was gibt es auf der Akropolis noch? Riketempel... war schon. Prüfender Blick in die Gegend"... auf dem Boden liegen zahllose, schwarze, herausgerissene Filmpackzettel herum, also muh doch nochetwas Schönes" zu sehen sein. Richtig! Das Erechtheion! Gerade gegenüber. Erechtheion... was war das doch gleich? Aus der Schule schon mal von gehört... Kunstgeschichte und so... stimmt! Genau so sah es im Atlas aus!... Hm! In natura? ... Weiter nix?... Mir viel größer vorgestellt... kaput ist es außerdem noch...

Blick in den Dädeker: das Museum I Muß doch irgendwo sein... richtig, dort hinten! Eilmarsch durch die Räume. Enttäuschung:Die Parthenon- Giebel-Figuren sind ja alle aus Gips! Ratür- lich! Denn die Originale haben damals die Eng­länder sagen wir schongeklaut". Lord Elgin mit seinem famosen Freibrief" des Sultans, der ihm gestattete, ein gewisses Quantumalter Steine" abzutransportieren. Die schönste der Koren hat er natürlich auch gleich mitgehen heißen. Britisches Museum... Die Engländer und Engländerinnen hören sich die Geschichte dieser Schandtat mit unbeweglichen Mienen an. Warum auch nicht? Wer hat, hat...

Der Führer drängt.Eile, Eile! Ladies and gentlemen! Das Stadion sprichStehdjen" wartet. Im Tempo 140 durch die restlichen Säle wirllichnichts Besonderes weiter" in Ber­lin zichmal ähnliches gesehen. Wie ein Wasserfall plätschert der eilende Schwarm wieder die Trep­pen der Propyläen hinunter, verfolgt von feuchte Photos schwingenden Photomännern, umtobt von enttäuschten Pompadour- und Statuenverkäufem. Sturm auf die Autos... wie eine lange schwarze Schlange windet sich die Wagenkette auf dem heiligen Wege davon, auf dem einst die Pa­nathenäenpilger feierlich und gemessen heranzogen. Stille auf der Burg... im flimmernden, unsiche­ren Licht des wärmenden Mittags sieht es aus, als rümpften die Koren besonders indigniert ihre Marmornasen...