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Nr. 59 Zweites Blatt

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8 Uhr abends ersität:

Sterbendes Land.

Die Lage im Memelgcbiet.

Don unserem l-.-Derichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten?

Memel. Januar 1929.

Ist man endlich im Schneckentempo in Memel Klaipeda nennt es der Litauer amtlich und postalisch angelagt. so erlebt man im Warfe- feal 1. und 2. Klasse eine lleberraschung. Aus öwm Besitz des ehemaligen Zarenschlosses hat der rgenwärtige litauische Pächter der DahnhosS- lwirtschaft riesige Oelgemälde, herrliche Dronze- Uulpturen, Standb lder, Marmorplatten und große, schön geschliffene Spiegel erstanden, die irun in einem Wartesaal Platz finden, ihn fast i« einen Festsaal verwandeln und doch so unsag­bar deplaciert wirken. Ein Bild besonders blieb mit haften: steht da zwischen zwei grauen Fen- ftetn ein hoher, wundervoller Spiegel, blitzend teofc der paar Dierspritzer, aber eingefaßt in v-inen Rahmen und einer Konsole aus rohem, nur glattgehobeltem Holz. Und vor ihm eine prachtvolle Bronze, einen reitenden Knaben dar- st<llend! Doch, ob deplaciert oder nicht: darauf kommt es nicht an, es sieht nach etwas auö, es wirkt aufunbefangene" Leute, und das ist die Hauptsache.

Man hat unwillkürlich den Eindruck, dah auch bie ganze Wirtschaftspolitik Litauens im Memel­gebiet aufBlenden" eingestellt ist. Me- ntd als Handelsplatz ist so gut wie auSgeschaltet. 5>tr Hafen, früher eine der stärksten Lebens-

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quellen Memels, schläft nicht nur im Winter, bet ja stets eine Einschränkung deS Seeverkehrs mit sich bringt, auch der Sommer bedeutet keine Auffrischung. Der Lebensnerv Memels, d i e Holzindustrie, ist durch die Unterbindung ter Holzflößerei auf dem Memelstrom zum Ab­kerben gebracht, und die Diskussion über die

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Aemelstromfrage ist vorläufig vollständig aus- geschaltet, da man keine Möglichkeit sieht, den litauisch-polnischen Konflikt bezüglich Wilna in ten nächsten Jahren aus der Welt zu schaffen. Ben dem letzten Beschluß der Transitkommission tef Dölkerbundes erwartet man in Memel nichts, et; besteht vielmehr allgemein der Eindruck, daß Voldemaras das erreicht hat, was er erreichen wollte, nämlich: die Angelegenheit zu begraben und die Bevölkerung von diesem heiklen Thema okzubringen.

Aus dieser Erkenntnis heraus hat man nun in Memel eine zwangsläufige Umstel­lung begonnen. Die wirtschaftliche Entwicklung be< Gebietes versucht mit Hilfe der Kownoer Zentralregierung neue Wege einzuschlagen. Es wird mit einer Fixigkeit ans Werk gegangen, r die erstaunlich ist und nicht gerade gesund er- § scheint: in kurzer Zeit ist eine Textilfabrik entstanden, eine zweite ist bereits im Entstehen begriffen, ein großes neues Elektrizitäts- " werk unter finanzieller Beteiligung Frankfurter Firmen soll errichtet werben, der Bau moderner iiühl- und Schlachtanlagen, die den ökport landwirtschaftlicher Produkte heben sollen

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nnt) zu deren Transport der ruhende Hafen benutzt werden wird, ist vor einigen Monaten mit Hilfe staatlicher Mittel fertiggestcllt worden. Auch die seit der Borkriegszeit stilliegende -llngemittel-FabrikUnion" soll wieder in Betrieb gesetzt werden und die Sperrholz» hl a 1 t e n - F a b r i k hat ihr ebenfalls seit Jah- teit stilliegendes zweites Werk erneuern und icheblich vergrößern lassen. Es wird mit Ent­schiedenheit versichert, daß die wirtschaftliche Lage ' tin<durchaus günstige" sei und daß man un- lergleichlich besser und gefestigter dastehe als titoa noch vor einem Jahre. Wodurch aber in kc Tat die Lage gehalten wird, das sind die schwindelnd hochgeschraubten Schutzzölle, die ti unmöglich machen, etwa deutsche Erzeugnisse in Memelgebiet zu erwerben. Um ein Beispiel p geben: eine deutsche Zigarette, die im Reich J Pfennige kostet, wird in Memel für das Dop- teile (25 litauische Eents) verkauft, eine Flasche Dein, für die man in einem guten deutschen 2cftaurard vielleicht 8 Mark bezahlt, kostet dort N Lit, also 20 Mark. Wie man mit dieser Dechode weiterzukommen gedenkt, ist vorläufig rod! das Geheimnis der litauischen Wirtschafts- plitiker, denn es wird ja wohl nicht aus-

Aus den Berliner Theatem.

Der größte Theatertrust der Welt.

Berlin, Mitte Februar.

Man mutz ein wenig ausholen. Als sich nach ittr Stabilisierung der Währung allenthalben ein «np'indlichcr Geldmangel bemerkbar machte, auch fin Lheatcrleben, war es die aus ganz anderer Lunche stammende Firma Rüden und Scheerer, Lr Gelder zu normalem Zinsfuß aufnahm und |t an die Berliner Bühnen unter der Bedin- mnz weitergab, daß diese ihr einen Teil der »ntrittSlarten zu sehr ermaß g en Preisen kom­missionsweise überließen. Das gclang ihnen bei eher beträchtlichen Anzahl von Theatern, und es äst niemand dabei schlecht gefahren. Die Bühnen erhalten ihr Geld und konnten in einer ge- tmifen Sicherheit arbeiten, das Publ kum^ durch 5iz Aussicht verlockt, Karten zu sehr ermäßigten Krisen zu erhallen, bestürmte Rüden und 1 wfcecrcr, die bald eine Art Warenhaus für Billige Billetts auftun konnten und dabei doch i üirauf halten mußten, daß dos Niveau der ^slährungen und die Wahl der Stücke sich -vis einer sehr anständigen Höhe hielt, denn »ei stellte sich bald heraus, daß sich dieses gute ' 3kbif um durchaus um die Qualität der Thea- llte lümmerte und sich Wertlofes nicht aufreden 1% So ist also Rüden und Scheerer zu einem iniijt geringen Teile die Festigung und Beru- ! Di|u ng deS Berliner Theaterbetriebs zu danken. Inti, zunächst vom Finanziellen herkommend, auch die künstlerische Seite der Unternehmungen iiittjtiff. Rur sieben Bühnen außer den 'Idristheatern und der Volksbühne waren »»tn der Firma unabhängig geblieben, die sieben. Mi den Direktoren Reinhardt, Bar- «niwskh und Robert gehlrtcn. Diese holten »nrn vor zwei Jahren zu einem kräftigen Gegen- Mage aus. Aus Grund der gesammelten Er- öxljrungen boten sie selbst ein billiges Abonne- aus und der Erfolg konnte diesem an» stxfnlchen Unternehmen es legte sich den lLmren Reibaro zu nicht fehlen. Rüden und ÖDteeter merkten ihn. auch der Rückgang der

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Freitag. (5. Februar 1929

bleiben, datz man bei Beibehaltung dieser maß­los hohen Schutzzölle auch dem litauischen Ex­port Schwierigkeiten machen wird.

Obwohl man es litauischerseits nie unterläßt, yu betonen, daß nun alles herrlich und in Freu­den vorwärts gehe und daß die Arbeitsmöglich- keiten int Gebiet sogar größer seien als in der Vorkriegszeit, beträgt die Arbeitslosen- ziffer zur Zeit etwa 1000. DaS ist eine Zahl, Die in diesem kleinen Ländchen zu denken gibt. Der Grund hierfür ist in der Tatsache zu suchen, daß daS Gebiet von billigeren Arbeitskräften auS Großütauen überlaufen wird, die namentlich in kten landwirtschaftlichen Betrieben Beschäftigung finden. Die Landwirtschaft wiederum kann d.esen Zulaus nicht unterbinden, indem sie einheimische Arbeiter bevorzugt, da sie genug damit zu tun hat, sich bei dem billigen Absatz ihrer Produkte und den teueren ausländischen landwirtschaft­lichen Maschinen über Wasser zu halten.

Die Ueverschwemmung des Gebietes mit groß- litauischen Elementen aller Stände ist überhaupt ein Kapitel für sich. Hauvtsäc^ich hat darunter das Bäckereigewerbe zu leiden, dem daS Geschäft durch die litauischen Brothändler voll- kommen genommen wird. Zu Hunderten stehen die litauischen Dackwarenhändler auf dem Martt, verkaufen bedeutend billiger als der einheimische Bäcker, und fast täglich eröffnen Kownoer Groh- betriebe Filialen im Memelgebiet. Die Innung kann nichts dagegen machen, ja, junge Meister erhalten vom Gouverneur nicht einmal die Kon­zession, einen neuen Betrieb zu eröffnen. ES wird in Memel keinen Menschen überraschen, wenn bald in jedem Haus eine Niederlage groß­litauischer Bäckereien entsteht, wie das in den kleinen Provinzstädtchen Litauens gang und gäbe ist. Man steht all diesen Dingen machtlos gegen­über. Der Gouverneur ist unbeschränk­ter Herrscher des Gebietes, hat aber für die .kleinlichen Röte" seiner Untertanen nichts übrig. Er repräsentiert würdig feine Regierung, und zu diesem Zweck ist ihm jedes Mittel recht. Ein Memeler Kino muhte ihm extra eine abge­schlossene Gouverneursloge einbauen, weil es an einem Sonntag so besetzt war, daß der Inhaber den Herrschaften nur mit einigen eingeschobenen Stühlen dienen konnte!

Die Bevölkerung? Sie. die im Januar 1923 mit einem erstaunten Kopfschütteln dem Einbruch der litauischen Freischärler zusah. die keine Ahnung davon hatte, daß dieser Att nur die Verwirklichung xines vertraglich besiegelten Planes war, ist in das schlimmste Stadium ge­treten: sie resigniert. Fragt man jemand, wie er sich denn unter den Litauern fühle und ob er sich nicht nach den alten Zeiten der Zu­gehörigkeit zu Deutschland zurücksehne, so be­kommt man als Antwort ein Achselzucken und die Worte: »Was sollen wir brachen? Die deut­sche Regierung tut doch nichts für uns!" Diese Erkenntnis scheint sich sehr ein­gebürgert zu haben, und das Bewußtsein, daß das Memelgebiet gar nicht mehr deutsch ist, kommt am besten dadurch zum Ausdruck, daß man von Deutschland immer als vom Ausland spricht. Man sagt nicht: ich fahre nach Königsberg, Berlin oder so, sondern man sagt: i ch fahre nach Deutschland! Man ist wohl ein wenig ver­bittert und auf sich gestellt und das Gros der Bevölkerung glaubt ebensowenig an einen Wie­de ranschluß an Deutschland, wie an ein Auf­blühen ihres Handels. Aber die Liebe zum Deutschen Reich, zum deutschen Mutterland lebt tief in allen Hergen. Wie wenig selbst litauische Staatsangehörige, Leute, die seit Generationen mitten in litauischem Gebiet wohnen. Liebe für ihr Vaterland hegen, beleuchtet ein köstlicher Vorfall, der sich vor kurzer Zeit abspielte. Drei animierte Memeler junge Männer risien in einer Rächt das Firmenschild einer litauischen Versiche­rungsgesellschaft ab und wurden angezeigt. Der Gouverneur bestrafte sie mit einem dreiwöchigen Zwangsaufenthalt in Telschi, einem kleinen li­tauischen Städtchen westlich von Kowno, wo sie auf ihre Kosten frei leben konnten, sich aller­dings zweimal wöchentlich der Polizei vorstellen muhten. Ihr Eintreffen in Telschi war ein ein- ziger Triumph. Der ganze Ort war auf den Deinen, um sie mit Blumen am Bahnhof zu empfangen. Sie wurden gefeiert to i e Mär­tyrer und konnten sich vor Einladungen bet ansässigen Familien kaum r tten.

Volksbühne mag zu einem Teil auf die wach­sende Beliebtheit der Reibaro-Abonneme t; zu­rückzuführen sein. Die Firma kam in eine schwie­rige Lage und tat nun das Verkehrteste, was geschehen konnte: hatte sie bis dahin Theater und Geschäft reinlich geschieden, so begann sie jetzt beides zusammenzuwerfen, sie lieh noch vor einigen Wochen die berüchtigte Revue mit Jvsefine Baker spielen, es gab einen Theater­skandal, und das Ganze endete mit einer enormen Pleite.

Jetzt ist die Reibaro in ein neues Stadium gekommen. Dr. Klein, der Direktor des Deut­schen Theaters (zum Reinhardt-Konzern gehörig) ist mit einem sehr milden Krach von Reinhardt gegangen und übernimmt die Leitung des Ber­liner Theaters, des Deutschen Künstlertheaters und tritt mit diesen beiden Bühnen der Reibaro bei. Auch strebt er die Herrschaft über das jetzt noch unter Saltenburg stehende Lessing- theater an, und sollte ©aLenbutg wirkich daran denken, diese Bühne aufzugeben, so würde auch sie natürlich dem Reibarv-Abonnement eingefügt werden.

Damit ist ein beispielloser Konzern zur syste­matischen Heranziehung des Publikums geschaffen worden. Die Bühnen erflären zwar, daß sie nicht die Absicht haben, einen Trust oder einen Kon­zern zu bilden, sondern sich nur zusammenge­funden hätten, um das Publikum »zu erfassen". Dabei wollen sie sich weiter gegenseitig Kon­kurrenz machen, so daß also dieses beleben be Moment nicht ausgeschaltet würde. Aber es liegt doch so nahe, daß solche Geschäftsgemein­schaften auch bald zu Kunstgemeinschaf- t e n werden. Die Herren werden einander nicht die Qlugen aushacken, trotz aller Versprechungen wird das Feld des Konkurrenzkampfes bedeutend verengt werden, man wird sich über ein Stück ober einen Darsteller nicht lange streiten, sondern sich wohl in allen Fällen gütlich einigen. Man erwäge also, welche Macht in diesem Konzern vereinigt werden wird. Wer sich bei Reinhardt als ScAiuspieler oder als Autor mißliebig machte, wird wahrscheinlich auch von Robert ober Klein nicht eben freundlich betrachtet werden und um­gekehrt.

DaS Schicksal bei MemelgebieteS liegt völlig In Dunkel. Nachdem auch die letzten beul- schen Beamten, die noch etwas für das Memelgebiet gesagt und gewagt haben, des Landes verwiesen worden sind, liegt Schule und Gerichtsbarkeit fast völlig in den Hän­den der Litauer. Im Jahre 1930 beginnt die im Memelstaiut vorgesehene Militärdienst» Pflicht derjenigen jungen Leute, die nicht für Deutschland opt.ert haben, und der Gouverneur hat schon jetzt bekanntgegeben, daß im Falle der Entziehung aus der Dienstpflicht durch Flucht aus dem Memelgebiet die Eltern der De- treffenden empfindlich bestraft werden würden. Soll es wirklich dahin kommen, daß die Bevölke­rung Memels systematisch litauisiert wird und daß das Memetgebiet für immer dem Mutter­lande Deutschland entzogen wird?

Das erwachende Asien.

In Bombay hat es in der vergangenen Woche ernsthafte Straßenkämpfe gegeben, bei denen weit über hundert Personen getötet und mehrere hundert schwer verletzt wurden. Der Anlaß liegt auf wirtschaftlichem Gebiet, Infolge eines Streiks waren aus Afghanistan fremde Arbeiter herangeholt worden, die mit der ein­heimischen Bevölkerung in schwere Differenzen ge­rieten, so daß zuletzt das Militär eingreifen mußte, um die Ordnung wieder herzustellen. Aber die Ursache ist doch sehr viel tiefer zu suchen. Sie berührt das ganze indische Problem, das wieder nur zu verstehen ist im Zusammen­hang mit dem Erwachen des Nationalismus in ganz Asien, das von Arabien über Persien. Afghanistan und Indien bis nach China sich vollzieht: in seinen Wirkungen am gefährlichsten voraussichtlich neben China ist Indien, weil hier die Schlüsselstellung der englischen Welt­herrschaft ist. Der Verlust Indiens würde für England das Herabsinken auf eine Macht mitt­lerer Größe bedeuten. DaS wissen die Engländer I natürlich genau, und deswegen waren sie immer klug genug, zu verhindern, daß sich in diesem I

Riesengebiet Ansätze einer Selbständigkeitsbestre^ bung zeigen, die im Handumdrehen die englische Herrschaft einfach wegblafen würden. Das ist ihnen bisher gelungen, und wird ihnen vermut­lich auch noch auf lange Zeit hinaus gelingen, weil sie das Prinzip des »Teile und herrsche" glänzend verstoßen und die einzelnen Rassen gegeneinander ausspielen.

Denn Indien ist ja eigentlich nur ein geo­graphischer, kein völkischer Begriff. Die über dreihundert Millionen, die dort sitzen, zerfallen ungefähr in ebensoviel Rassen wie Europa. Wozu noch die starken ReligionS- gegensähe treten, hauptsächlich die Todfeind­schaft zwischen den Hindus und den Mohammeda­nern, von denen die Hindus mit über 216 Millionen die große Mehrheit auSmachen. wäh­rend aus die Mohammedaner etwa 70 Mil­lionen und aus die Buddhisten beinahe zwölf Millionen entfallen. Solange aber Hindus und Mohammedaner sich nicht einig werden, ist an eine Gefährdung der britischen Herrschaft kaum zu denken, weil die Kolonialverwaltung sich immer b eidereinen Partei eine Stütze gegen die andere schafft. Deshalb kommt auch die Freiheitsbewegung nicht recht vorwärts. Ghandi hat zwar die Gemüter bis zur Siede­glut erhitzt, aber die Extremen gingen über ihn hinweg, und während er noch eine Kompromiß­lösung suchen wollte, auf der Grundlage, daß Jndienein britisches Dominion würde, gingen die eigentlichen Nationalisten schon sehr viel weiter und verlangen ihre volle Unab­hängigkeit. Was England dagegen bot, den Schein einer Selbstverwaltung, die nach den Vorschlägen der gerade jetzt in Indien tagenden englischen Kommission noch ausgebaut werden soll, reicht nicht entfernt so weit. Aber die Un­einigkeit unter den Bewohnern sorgt dafür, daß vorläufig wenigstens EngfendS Macht­stellung noch nicht gefährdet ist, obwohl vom Norden her Rußland und vom Osten her Japan sich eifrige Mühe geben, einen anti- englischen Einheitsblock im Lande zu schaffen.

Turnen, Spott und Spiel.

Tumwari Fritz Engel f.

----- Aus Wiesbaden kommt die Nachricht, daß der Verbandsturnwart F r i h E n g e l, einer der bekanntesten und verdientesten Turner des Mittelrhcinkreises, nach kurzem Äran'fein im Al­ter von 64 Jahren verstorben ist. Er war Vorsitzender der Mittelrheinischen Dorturnerver­einigung, Mitglied des Kreisturnausschusses und Derbandsoberturnwart des dritten Gauverban­des. Populär geworden ist er vor allem als Obmann des Feldbergfestausschusses. Der Ver­storbene, dessen große Verdienste um die D.T. wiederholt getoüröigt wurden, u. a. auch durch den Ehrenbrief der D.T., wurde beim 75. Feld­bergfest im vergangenen Jahre mit der Ehren­urkunde der D.T., der höchsten turnerischen Auszeichnung, beließen und dadurch Ehrenmit­glied der D.T.

Handball im Gau Hessen.

Von W. Mohr, Handballobmann im Gau Hessen.

Mit Befriedigung kann der Gauspielausschuß auf die verflossene Derbanosrunde zurückblicken. Trotzdem sich die Anzahl der Mannschaften ge­genüber dem Vorjahre verdoppelt hatte (12 gegen 25) und mit Schwierigkeiten aller Art, bedingt in erster ßinie durch Schiedsrichtermangel und räum­liche Verhältnisse, gekämpft werden mußte, sind die Spiele glücklich beendet worden. Es soll nicht verhehlt werden, daß nicht alles so klappte, wie es jeder gern hoben wollte, doch muh man da erwidern:Wo viel Licht ist, ist auch viel Schalten." Neues ist hinzugekommen, es muhten darüber erst Erfahrungen gefammelt werden. Wan hofft, dah in der nächsten Derbandsrunde auf Grund dieser Erfahrungen vieles besser wird.

Die Meisterklasse beschickten die Vereine: T.V. Wetzlar, M.T.V. Gießen. T.D. von 1846

Gießen, T.D. Bad-Rauheim, T. u. Sp. 1860 Mar­burg und T.D. Großen-Buseck. welcher erst mit der Rückrunde eihtrat. Die Spiele brachten in­sofern eine Ueberraschung. als der Neuling Großen-Buseck glücklicher Sieger wurde. Ich sageglücklicher Sieger", denn jeder der frl- aenden Vereine hätte genau so gut Meister wer­den können. In erster Linie wohl T.D. Wetzlar der Duieck im Dor- und Rückspiel schlagen konnte und nur durch viel Pech mit einem Punkte ins Hintertreffen kam. Ich wünsche dem neuen Mei­ster des Gaues Hessen alle« Gute und hoffe, daß er den ©au in den Aufstiegspielen würdig ver- der M.-Klasfe zeigt folgen­den Dchlußstand:

Vereine Spiele

Tv. Großen-Buseck 10

Tv. Wetzlar 10

Mto. Gießen 10

Tv. 1846 Gießen 10

Tv. Bad-Nauheim 10

T.u.Sp.1860 l" .rburg 10

gern, unentsch.

7 1

6 2

5 3

3 2

3 1

1 1

verl. Pkt,

2 15

2 14

2 13

5 8

6 7

8 3

®ie A Klasse spielte in zwei Gruppen. ®te A-Klasse 1 sah als Gegner: Turngemeinde Friedberg, Turn» und Sportverein Dutzbach, T D Nidda, M.T.D. Gießen II. M.. TD v 1846 Gießen II. M, TD. Wetzlar II. M., und T.D Heuchelheim. Die beiden besten Mannschaften waren Friedberg und Butzbach. Gegen Schluß der Spielrunde war Friedberg überlegen und wurde mit gutem Punktvorsprung Gruppen- meifter. Der Tabellenstand ist folgender:

Vereine Tgde. Friedberg T. u. Sp. Butzbach Tv. Wetzlar Tv. W.-N.-Girmes Tv. Nidda Mtv. Gießen Tv. Heuchelheim Tv. 1846 Gießen

Spiele gern, unentsch. verl.

14 13 1 0

14 10 0 4

14 7 3 4

14 6 1 7

14 5 2 7

14 4 2 8

14 3 3 8

14 2 0 12

Pkt. 27 20 17 13 12 10 9 4

Welche Lage wird durch diese neue Situation geschaffen? Das Publikum wird also nun freffen müssen, was ihm geboten wird, denn außer der erweiterten Reibaro und bm Opern bleibt nur noch das StaatStheater als letzte beachtens- werte Erscheinung übrig. Hat der Konzern einen schlechten Geschmack und das Publikum einen guten, bann ist der Trust ein Unheil. Steht es umgekehrt, kann der Konzern fegensvoll werden. Aber man kann wohl nach der erprobten theatralischen Dergangenheit der BeteUigtcn erwarten, dah die Trustgewalttgen immer dessen eingedenk bleiben werden, dah Macht auch Der- antwortung bedeutet, dah siedas Niveau" nicht senken werden, und wenn man nun noch hört, dah Reinhardt künfttghin wirklich ganze acht Monate in Berlin bleiben und sich den tünft- lerischen Dingen feiner Bühnen widmen wird, ist sogar au hoffen, dah die aufgeschwemmte Rei- baro-Erscheinung eine weitere Gesundung des Berliner T he a t e r l eb e n s herbei­führen wird. Denn Reinhardt hat noch neulich bewiesen, dah er den Griff auch für die neuen Erscheinungen des Tages hat, und so können wir Berliner uns eigentlich nur dazu beglückwünschen, daß Reinhardts amerikanische llnfeTnehmunaen nun endgüllig fehlschlugen. Die Leidtragenden aber dürften die Dolksbühne sein und das Staatstheater Jehners (mit dem dazu gehöri­gen Schillertheater in Charlottenburg). Der Ge- danke eines Anschlusses dieser Bühnen an die Reibaro wird für diese Theater von vornherein ausscheiden müssen, denn dis bedeutete Kapi- tulation vor dem großen Konzern. Sie werden daraus bedacht sein müssen, andere Mittel zu er­denken. Es stehen ihnen die tüchtigsten und ge­wandtesten Berliner Theatermänner gegenüber.

B. D.

Aligöttinger Sirrdentenleben.

Rus dem Nachlaß des verstorbenen englischen Staatsmannes Lord H a l d a n e. der bekanntlich vor dem Kriege der Hauptträger des englischen Derständigungswillens mit Deutschland war, wer­ben jetzt in der .Times" seine Memoiren ver-

offentlicht. die einen wichtigen Beitrag zur Ge­schichte der längsten Dergangenheit bilden werden. In einem dieser Kapitel erzählt er von seinen Sagen in Göttingen". Er ging nach Göttingen um dort unter der Leitung deS Philosophen Lohe die deutsche Philc.'ovhie zu studieren. Dabei entwirft er ein hübsches Bild von dem damaligen Studentenleben in der alten Alma mater:Das Leben der Studenten in Göttingen to9r /m Jahre 1874 noch ziemlich roh. Cs schien mir seltsam, als ich an der Universität immatriku- liert wurde daß ich mich verpflichten sollte, auf der Straße nicht in Schlafrock und Pantoffeln zu erscheinen, aber bald fand ich, dah die'es Aniversitätsgeseh, das von der Llniversitäts- polizei gefordert worden war, durchaus nicht unnötig erlassen war. Die Sitten der Studenten waren bisweilen eigenartig. Ich lebte in Zim- merrt, die auf eine Treppe hinausgingen, die wieder auf die Strohe führte: daS Untergeschoß das Hauses m der Zindelstrahe nahe beim Rats­keller wurde von einem Kürschner bewohnt Alle Studentenbuden" befanden sich in solchen Räu­men, die von der Treppe her nach der Straße führten, und um in das Haus zu gelangen, waren wir mit etnem ungeheueren Schlüssel aus­gerüstet, dem sog. .Hausknochen", den wir an unseren Westen befestigt trugen und herauszogen, toenn ed nötig war. Die Schlüssel öffneten aber mele Haustüren, und so war man in seinen Zimmern nicht immer ungestört, denn andere Kommititonen konnten zu einem eindringen und he benutzten ihre Schlüisel des nachts nicht selten, um einem einen überraschenden Besuch abzu- fetten- Die Zimmer waren ziemlich schmutzig und die Waschgclegenh.iten spärlich: deshalb pflegten

tan\. ^°rg.en In der Leine zu baden, in dem (jluD, den Bismarck in feinen Studententagen berühmt gemacht haben soll, indem er hinein­sprang, um den Gläubigem zu entgehen. Dieses Bad in der Leine war die einzige wirksame Badegelegenheit, aber die Leine war durchaus kein sauberer Fluß, denn in der Stadt befanden sich damals viele Gerbereien."