Nr. U Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Montag, 14. Zanuar 1929
Englands russische Perspektiven.
Es muh als ziemlich ausgeschlossen gelten, daß die neuen englisch-russischen Vergleichsbemühungen, an denen beide Seiten gleich stark beteiligt zu sein scheinen, lediglich auf handelspolitische Interessen zurückzuführen sind. Gewiß schmerzt einen großen Teil der englischen Industrie-, Handelsund Börsenwelt der Rückgang der Geschäfte mit Rußland zum Vorteil anderer europäischer Interessenten und auch Amerikas. Auch ist es ebenso gewiß, daß die versackte und vollständig isolierte russische Außenpolitik sich nad) der Zeit zurücksehnt, als sie in Europa mit allerlei englisch-russischen ..Möglichkeiten" krebsen ging. Aber seit dem russisch-englischen Bruch haben sich die Verhältnisse denn doch so stark verschoben, daß man unwillkürlich fragt, was Moskau wie London zur neuen Annäherung bewegen mag. Die Lage ist denn auch insofern klar, als der Kreml ungewöhnlich stark eingeschüchtert ist durch seine von englischer Hand eingefädelte C i n k r e i - jung. Jedoch genügen deren vorläufige Auswirkungen noch nicht, um den zähen bolschewistischen Geist nachgiebig zu machen; denn so prekär die Lage auch sein mag, niemand wird daran zweifeln, daß ein zermürbendes Hin und Her sowohl für Moskau als auch für London immer noch möglich ist. Außerdem wird keiner erwarten, daß sich die englische Regierung, nachdem sie den Bruch vollzogen hat, mit leerer Hand wieder an den Verhandlungstisch seht. Ünd hier ist es nun von größter Wichtigkeit, eine Frage anzuschneiden, die eigentlich im Schatten steht, aber gerade darum nicht übersehen werden darf. Sie muh von der Kremldiplomatie übrigens schon seit längerer Zeit in die Kalkulation mit ausgenommen worden sein, führen zu ihr doch ebensowohl die polnisch-baltischen wie auch die polnisch-rumänisch-türkischen Pläne und nicht minder die Absichten Italiens, Englands und Frankreichs auf dem Balkan und in Vorder- asien. Kurz gesagt: es ist die Frage der eng- lisch-vorderasiatischenDerbindung über den Kontinent nicht nur mittels der Donau, sondern auch über die Ostsee, Polen und Rumänien zur Türkei, zu Persien und nach Indien.
Die Bedeutung dieses nordosteuropäischen Problems liegt in dem doppelten Wert begründet, den ein Zusammenhalt Polens und Rumäniens auf Gedeih und Verderben für jede europäische Großmad)t hat, und zwar wegen seiner Eigenschaft als Puffer zwischen Rußland und Mitteleuropa und zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Hierher rst das ukrainische Problem wohl das komplizierteste und gefährlichste, aber die Ostsee kann mit dem Schwarzen Meer auch über Polen und Rumänien allein verbunden werden. Folglich könnte es eines Tages geschehen — wenn es nicht schon geschehen ist —. daß die Frage der Loslösung der Ukraine vom großrussischen Komplex für England prinzipiell unwichtig wird, womit Moskaus Diplomatenkunst eine schwere Einbuße erleiden würde. Muß es da dem Kreml nicht ratsamer erscheinen, den Rachbarn Polen und Rumänien ihre Transitbedeutung zu schmälern, und zwar durch die Einschaltung des Wertes der Ukraine als Transitland in die diplomatischen Sphären eben von Moskau her, zumal dieser Wert ein Bestandteil jener nordosteuropäischen Kalkulation ist? Schon seit Monaten ist das litauisch-polnische Problem erschwert durch die Bemühungen englischer Interessenten in Polen und Schweden, Libau zu einem älmschlagplah im Handelsverkehr zwischen England—Skandinavien und Rordosteuropa und dem Schwarzen Meer zu machen. Eine Eisenbahnfähre soll Stockholm mit Libau verbinden und Kowno soll den Durchgang von Wilna nach Libau öffnen. Allerdings hängt die Verwirklichung solcher Pläne zunächst noch davon ab, ob Litauen sich auf seine „Internationalisierung" zu diesem Zweck einlützt, oder ob es seine jetzige Rolle jener vorzieht. Geht es aber aus die „Internationalisierung" ein, ohne daß Rußland dabei seine Transitinteressen gesichert hat, so wird die Ukraine nolens volens zur rumänisch-polnischen Sphäre tendieren, um so mehr, als sie aufs engste mit dem Schwarzen Meer und der Donau durch Gesetze verbunden
ist, die Großruhland schon immer zu Verwegenheiten gereizt haben oder einfach ein Dorn im Auge waren. Polen trägt solchen Erwägungen durchaus Rechnung, und sei es aud) nur durch die Vorarbeiten in der Art von Konsulatseröffnungen, wie z. D. in Trapezunt.
Auch wenn man eine solche Fragestellung für verfrüht hält, bleibt doch die Tatsache bestehen, daß Rußland natürlich nicht mehr länger ruhig zuschen darf, wie die Mauer um seine südwestlichen Grenzen höher und höher gebaut wird. Reben Frankreich haben sich seit Jahr und Tag auch Italien und England in Rordosteuropa engagiert, und nun tritt auch Amerika mit dem Gedanken in Erscheinung, die Sowjet» rcgierung mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu behandeln. In solchem Zusammenhang tauchen sofort die grundsätzlid)en Tendenzen der Wirtschafts- und Handelspolitik der Großmächte in bezug auf Europa auf. Seitdem es Rapoleon I. gelungen war, Europa zu einer Kontinentalsperre gegen England aufzuputichen, hat London alle nur erdenklid-en Mittel angewandt, um entweder Frankreich oderDeutsch- land auf seine Seite zu bringen, damit eine zweite Sperre unmöglich gemacht werde. Solange Rußland groß und stark war, richtete Englands Politik sich auf Kompromisse mit ihm und auf die Sicherung seiner Interessen im Mittelmeer. Rachdem Rußland jetzt in der Isolierung steht und geschwächt ist, nachdem auch Deutschland sich seine Knebelung hat gefallen lassen müssen, steht die Riederzwängung auch des letzten Gegners auf dem Tapet. Und es darf niemand wundernehmen, daß England auch diesmal den russischen Bären an seiner wundesten Stelle ansaht, der des Verkehrs zwischen Europa und Asien. Daß dem so ist. bezeugen Englands Absichten, die es mit der alliierten Intervention vor zehn Jahren verband. Die Engländer waren überall dort die ersten, wo reiche Gebiete von der Küste her erschlossen werden konnten und sollten, wie anderseits die Franzosen traditionsgemäß die See vom Landinnern her zu erobern trachteten. Die Weltgeschichte wäre sicher anders verlaufen, wenn es Rapoleon gelungen wäre, über Rußland nach Indien vorzudringen. Aber weil die Russen dann nur ein Volk von vielen Völkern, weil sie dann zur Brücke zwischen Asien und Europa für Fremde geworden wären, steckten sie ihr größtes Heiligtum. Moskau, in Brand; liegt darin kein tieferer Sinn? lind erschrickt nicht England auch vor der Großzügigkeit Amerikas, das Rußland auch jetzt noch und nur als Kernland eines eurasischen Komplexes betrachtet wissen will und sich jetzt anzuschicken scheint, es als solches auch zu behandeln? So ergeben sich Englands russische Perspektiven immer nur aus dem Gesichtswinkel des Verkehrsproblems heraus. Man weiß aus der russischen und englischen Geschichte, was der Engländer und der Russe für seine Ziele aufzuwenden vermag. Aber so stark auch die zentripetalen Kräfte des britischen Weltreiches sind, die zentrifugalen Rußlands-Eurasiens sind die stärkeren. Sie schwimmen nicht auf den Wassern, sondern sie wurzeln im Boden der eurasischen Steppen und Walder und werden getragen von dem Geist der Mission.
Freilich sieht dieser Geist heute sehr dämonisch drein. Aber der Brand von Moskau war ja nicht nur ein Akt der Verzweiflung und Selbstver- ntchtung. sondern das Ergebnis jener .skythischen" Kriegsführung, die den Gegner tief ins verschneite und vereiste Land hineinlockt und ihn dort aus dem Hinterhalt überfällt. Es ist das Spiel mit dem Selbstmord als letztem Einsatz, aber ein Spiel, das Mut und Der derben zugleich bedeutet.
Es scheint, das Hereinlocken des englischen Unternehmergeistes nad) Rußland habe schon wieder begonnen. Unter den zahlreichen Konzessionsobjekten, die Moskau neuerdings anbietet, befindet sich der Bau des Wolaa-Don- Kanals, des Gegenstücks zum Rhein-Main- Donau-Kanal. Und ebenfalls erst vor kurzem gelangten Sowjetaktien einer sehr bedeutungsvollen russischen Dahn im fernen Osten an die Börsen des Auslands. In der Tat: Um im Falle Rußland zu guten Perspektiven zu gelangen, bedarf es gerade für England einer zähen
Auf frischer Tat...
Von Hugo Krizkovsky.
Archibald Hüll, der tüchtigste Kriminalist von Scotland Vard, schlenderte gemächlich durch die Straßen der City.
Die Hände staken in den Hosentaschen, zwischen den Lippen brannte eine parfümierte Queen und den Hut hatte er weit ins Genick geschoben.
Um Archibalds Mund strich beständig ein gemütliches Lächeln, und er hatte eine Art mit Leuten aus dem Volke zu sprechen, um die ihn mancher Un.ersuchungsrichter beneidete. Wenn er so, ganz planlos scheinbar, durch di« Stadt bummelte, hier mit einem alten Droschkenkutscher über den teuren Hafer klagte, dort mit einem alten Dlumenweiblein vergnüglich plauderte, so hätte man ihn vielleicht für einen sorglosen Studenten halten können, der seinen Pflichten mit nicht allzu viel Eifer oblag.
Seine Augen aber, die weder den stahlharten Blick aller sonstigen Detektive hatten, noch grau und durchdringend waren, sondern hinter einer großen Brille braun und sehr zutraulich hervorblinzelten, diesen Augen entging sicherlich nichts, was für einen Mann von Scotland V.ard nur einigermaßen von Belang sein konnte: Hände, die sicy im Trubel des ewigen Auf und Ab in andermanns Taschen verliereii. Mannspersonen, , grau, schäbig und verkommen, die den Vorübergehenden geheimnisvolle Angebote zuflüstern.... Das waren so Dinge, für die der treffliche Archibald Hüll ein geschärftes Auge besaß.
Wie er nun so vor einer Plakatsäule in der Audlehstreet stand und die Programme der Okr- gnügungsstätten studierte, gewahrte er an der gegenüberliegenden Seite der Straße, vor dem Pelzgeschäft eines gewissen Herrn Sam Mikulah, einen Mann, der ihm keineswegs gefallen wollte.
Äeser Mann war ächerllich klein, hatte einen großen Buckel, ein verschmitztes, faltenvolles Gesicht und blondes Haar. Ein grauer Anzug hing von seinen klapprigen Gliedern und über dem Ellbogen war der Rock geflickt. Der Mann hatte eine englische Mühe auf dem Kopf und die großen Hände baumelten haltlos in der Höhe seiner Änie.
So stand er lange vor dem Schaufenster des Pelzwarengeschäfts und betrachtete die Kostbarkeiten, wobei er das klotzige Haupt wägend auf die Schulter legte. Dann schickte er sich an, fortzugehen, machte aber sofort wieder kehrt und blieb neben dem Laden stehen, vergrub die Hände tn die Rocktaschen und stützte den Buckel gegen die Wand.
Archibald Hüll betrachtete ihn eingehend, und das Gehaben des Buckligen kam ihm recht verdächtig vor. lind während er die Dergnügungs- anzeigen zu lesen vorgab, durchblätterte er im Geiste schnell das Verbrecheralbum, und bald hatte er diesen Mann herausgefunden: Dilli Knock war das, natürlich, wer konnte das auch sonst sein, mit diesem Buckel. Rur Billi Knock, der verwegene Einbrecher, dieser Erzhalunke. Das war er. der hier vor dem Pelzgeschäft des Herrn Sam Mikulah herumspionierte!
lind Archibald nahm sich vor. seine bewährte Methode wieder einmal in Anwendung zu bringen.
Gr schlenderte also hinüber, blickte zum Himmel empor und pfiff recht falsch aber laut das Valencialied vor sich hin. Vor dem Schaufenster blieb er stehen, verschränkte die Hände am Rücken und starrte auf einen eleganten Sportpelz, den man einer dümmlich grinsenden Wachspuppe an- gezogen hatte. Lange blickte er schweigsam auf den Pelz, dann stöhnte er entsagungsvoll, äugte dabei scharf zu dem buckligen Gauner, der knavp neben ihm stand und ihn mit zusammengekniffenen Brauen fixierte.
„Ganz nette Sachen hier, was?", sagte plötzlich Archibald, dieser gerissenste aller Detektive, und es klang so obenhin, wie man eben zu sprechen pflegt, wenn man andere Leute in Sicherheit wiegen will. Der Gauner Billt Knock zog die Mundwinkel abwärts und sagte: „Ja, ganz nett; kaufen Sie sich doch so einen Pelz!"
Archibald schnitt eine wehmütige Grimasse. „Wer das könnte," sagte er, „aber unsereiner kann sich so was nicht leisten!"
Billi Knock lachte. Dann kniff er die Augen zusammen, machte ein verschmitztes Gesicht und flüsterte dem Detektiv ins Ohr: „Man muh nur die richtige Adresse wissen, dann kann man sich solche
und stillen Vorarbeit, und müßte sie auch um den Preis einer jahrelangen Lähmung des unmittelbaren Handels vollbracht werden. Allerdings — und das sollte besonders Deutschland nicht übersehen — was lange währt, wird gut...
Oie Wohnungsnot und ihre Bekämpfung.
Eine Rückschau.
Kein Problem hat der deutschen Volkswirtschaft nach dem Kriege wohl solche Schwierigkeiten bereitet, wie das der Wohnungsnot. Die Verschlimmerung des Wohnungsmangels, die bereits im Kriege eingesetzt hatte, dadurch, daß die Neubautätigkeit durch den Mangel an Bauarbeitern und Baumaterial sowie durch behördliche Bauverbote fast völlig lahm- aelcgt wurde, nahm nach dem Kriege geradezu katastrophale Formen an. Der Verfall der Währung, die völlig zerrüttete Wirtschaftslage und der immer mehr steigende Wohnungsbedarf brachten auf diesem Gebiete der deutschen Volkswirtschaft ein Fiasko, das, wenn man es heute, nachdem es wenigstens in gewissem Sinne gelungen ist, diesen Zerrüttungen zu steuern, betrachtet, geradezu erschreckend aussieht. Die ersten greifbaren Zahlen liegen deshalb auch nur seit 1924 vor. Damals wurde ein Fehlbetrag an Wohnungen von nicht weniger denn rund 6 5 0 000 in Deutschland festgestellt. Es galt also, sofort Maßnahmen zu ergreifen, sowohl aus wirtschaftlichen als vor allem auch aus volksgesundheitlichen Gründen den Wohnungsmarkt in einer Weise auszubalancieren, die die drohende Gefahr für die deutsche Bevölkerung beseitigte.
Drei Gesichtspunkte waren für die Regierung dabei maßgebend, um zu ihrem Ziele zu kommen. Einmal war es das Problem der Mietpreisrege- l u n g, wo die Regierung bereits am 26. Juli 1917 zum erstenmal durch eine Verordnung zum Schutze
der Mieter einen Eingriff in das bis dahin völlig unangetastete Prioatrecht vornahm. Die endgültige Regelung der Mietpreisfestsctzung wurde jedoch erst burd) das Reichsmietengesetz vom 24. März 1922 durchgeführt. Weiter galt es aber, auch den Mieterschutz zu organisieren, zumal die Gefahr drohte, daß die Kündigungen überhand nahmen und der Staat dann keine Möglichkeit mehr hatte, die exmittierten Mieter wieder unterzubringen. Man schuf dafür eine für das ganze Reich einheitliche Rcchtsbasis durch das Reichsgcsetz über Mieterschutz und Mietcinigungsämter, das am 1. Juni 1923 in Kraft trat. Dieses Gesetz fand dann durch die Novelle zum Mieterschutzgesetz vom 13. Februar 1928 eine gewisse Abschwächung, indem man in einer Reihe von Fällen Freizügigkeit zuließ. Das wich- twste aber war doch für die Reichsregierung, neue Wohnungen zu schaffen. Die Neubautätigkeit mußte aus öffentlichen Mitteln unter- stützt werden, schon um für die neuen Wohnungen durch billige Hypotheken einen Mietpreis durchzu» setzen, der dem Arbeitslohn und den Verdienftmog- lichkeiten der breiten Volksmassen entsprach. Die Reichsregierung hat deshalb auch unverzüglich nach Schluß des Krieges diesen Plan aufgegriffen, ohne allerdings der drohenden Erschütterung des Wirtschaftsmarktes zunächst in wesentlichem Umfange Herr werden zu können. Seit der Stabilisierung der Mark ist dazu die sog. Hauszins st euer eingeführt worden, die auf Grund des Reichsgesetzes über den Geldentwertungsausgleich bei bebauten Grundstücken jährlich mindestens 15 bis 20 v. H. der Friedensmiete dem Wohnungsbau zuführt. Bis 1927 sind auf diese Weise 2,5 Milliarden aufgebracht worden. Der Zugang an neuen Wohnungen betrug 1924 115 376, er überstieg 1925 mit 191 812 zum erstenmal die jährlich benötigte Ziffer von 180 000 Wohnungen und betrug 1926 219 418, eine Zahl, die 1927 noch wesentlich höher sein wird. Der Fehlbetrag der Wohnungen dürfte sich bis 1927 um rund 100 000 vermindert haben.
Lcmdwirtschastliche Woche in Darmstadt.
WSN. Darmstadt, 11. Jan. Den Reigen der Vorträge am heutigen letzten Tage der Landwirt- fchastlichen Woche eröffnete Professor Dr. Beckmann von der Landwirtsd)aftlichen Hochschule Bonn-Poppelsdorf. Er fprad) über
„Die betriebswirtschaftlichen Grundsätze für den Landbau ans der Entwicklung der deutschen Volkswirtschaften".
Nach der Marktbeobachtung müsse das Angebot reguliert werden, damit keine Ueberlastung des Marktes eintrete. Der Redner ist der Auffassung, daß die Landwirtschaft in ihrem Interesse mit einer Erhöhung der Zinsen rechnen solle. Die Rente des Landdaues werde nicht oberhalb der Zinsraten steigen können. Hohe Zinsen seien das einzige Mittel, um unsere Wahrung zu stabilisieren. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Reparationsregelung sei im Falle der Aufhebung des Transfer- schutzee, wenn wir dafür selvst eine Verringerung unserer Schuld bekämen, durchaus die Möglichkeit vorhanden, daß wir zur Erhaltung unserer Währung auf eine Zinsrate von 15 v. H. steigen müffen. Es sei daher höchst bedenklich, seinen Erben einen stark verschuldeten Betrieb zu überlassen. Dafür verlange er ein halbwegs reines Grundbuch; Um- chuldung so rasch wie möglich. Jeder Landwirt olle sich für flüssige Mittel sorgen, am besten bei einer Genossenschaftskasse; der Landbauer werde aud) in Zukunft bei der Kreditgabe immer zu kurz kommen. Wenn Mittel gebraucht würden, solle man nicht Wechsel aufstellen und hier und da Kre- btt in Anspruch nehmen, sondern lieber im Kontokorrentgeschäft mit der Genossenschaftskasse stehen. Wegen seiner Voraussage über die Zinsentwicklung sei der Redner jahrelang boykottiert worden. Jetzt, wo seine damaligen theoretischen Erkenntnisse in fürchterlicher Weise sich erfüllten, wollten alle von ihm Rat und Hilfe. Allein der hessische Verband habe ihn seinerzeit gestützt. Die Zwangsversteigerungen hätten namentlich dort, wo man vor Jahren sich in die Geldaufnahme überstürzt hineinführen ließ, einen außerordentlichen Umfang angenommen. In Ostpreußen z. B. ständen jetzt 366 Güter vor der Zwangsversteigerung. Der dortige Preis
von 50 Mark pro Morgen werde sich wohl nicht aufrechterhalten lassen. Eins habe der Redner aber nicht vorausgesehen, nämlich die politischen Folgen der Verschuldung, die sich besonders schwer im Osten aufdrängten. Weiter erklärte der Redner seinen Zuhörern, sie möchten auf alles hoffen, aber nicht auf eine Inflation. Das würden weder die Politiker noch andere Leute wagen, denn die heutige Generation habe noch die Mittel, sich gegen inflatorische Einflüsse zu schützen. (Beifall.)
„Markt und Landwirtschaft",
als letztes Thema der Tagung, behandelte Dr. Simon, der Leiter der Marktbeobachtungsstelle der Hauptlcmdwirtschaftskammec in Hessen. Er erklärte u. a.: Die neuzeitliche Entwicklung der Wirtschaft, des Verkehrs und der Entstehung dicht besiedelter Derbrauchergebiete hat zwischen Erzeuger und Verbraucher eine weite Trennung hervorgerufen. Der Erzeuger will einen möglichst hohen Preis haben, der Verbraucher will für einen möglichst geringen Preis möglichst viel gute Ware erhalten: der Handel beansprucht für seine Dermittl rrtüsigkeit eine mögsichst hohe Entschädigung. Der bcutfdje Markt wird unter Ausnutzung der modernen Verkehrswirtschaft in recht erhebsichem Umfange von Landes Produkten des Auslandes überschwemmt. So beträgt der Einfuhrüberschuß tn den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres in Zentnern: Lebende Tiere 2 736 562, Lebensmittel und Getränke 146 288 688, Getreide 73 630790, Kartoffeln 6 244 553, Gier 2 765 773 000 Stück, frisches Obst 7 215 400, Südfrüchte 7 302 664, Fleisch 2 326 324. Butter 2 336 988. Die hohen Einfuhrmengen sind nicht immer als eine Ergänzung für die nicht hinreichende einheimische Erzeugung anzusehen, vielmehr ist oftmals eine große Bedeutung beizumessen der Qualität, der Sortierung. Aufmachung und Herrichtung der Produkte, sowie ihrer mengenmäßigen Einheitlichkeit. Die dadurch verursachte ungünstige Markteinstellung der deutschen Landwirtschaft wird — abgesehen von der Gestaltung der Wirtschaftspolitik —, noch schwieriger durch die hohen
Dinger manchmal ganz billig verschaften. Man^muß eben die richtige Adresse wissen, hahahaha ..."
Aha, frohlockte Archibald im Stillen, jetzt kommt er ins richttge Fahrwasier, ich werde ihn schon kriegen.
,Hihihi," lachte er laut auf und zwinkerte dem anderen listtg zu, „ich verstehe Sie schon, aber wo findet man diese Adressen?"
Der abgefeimte Schurke Bill Knock zog die Hand aus der Tasche und wies mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf die offenstehende Tür des Geschäfts.
„Da haben Sie Seich so eine Adresse, und so vorteilhaft werden Sie in ganz London keinen Pelz bekommen!"
„Haha, Sie gefallen mir, Sie find ja gut! Man braucht ja nur hineinzuspazieren und einfach hihihi, aber wollen Sie vielleicht eine Queen?"
Er reichte ihm fein JStui, und Billi Knock, der Schurke, nahm sich eine Zigarette von Archibald Hüll, dem fähigsten Kriminalisten Londons.
Archibald reichte Feuer, dabei guckte er schnell durch die offene Tür in den Laden. Der Laden war vollkommen leer.
„Hören Sie mal," sagte Archibald leichthin, wie im Scherz, „würden Sie sich spaßeshalber trauen, hier in dieses Geschäft zu treten, einen Pelzmantel zu nehmen und einfach wieder herauszugehen? Ich wette fünf Schilling, daß Sie's nicht wagen!"
„Pfhaw, warum sollte ich's nicht wagen? Sie würden glatt verlieren."
Jetzt hab' ich Ihn, freute sich Archibalds Detektivseele; laut aber sagte er:
„Na, ich meine, da gehört aber schon allerhand dazu, so einfach hineinzugehen ... aber Spaß beiseite," — er schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. — „wollen wir wetten? Fünf Schillinge, daß es Ihnen nicht gelingt!"
Billi sah ihn mißtrauisch an, überlegte einen Augenblick, bann sagte er: „Tteinetnjcgen, wenn Sie durchaus wollen, bitte; aber zeigen Sie mir erst die fünf Schillinge!"
Archibald beeilte sich, sie aus der Tasche zu holen, und der Buckel betrat jetzt den Laden.
Der Detektiv blickte ihm gespannt nach, und er sah, wie der Gauner mit der größten Gelassenheit einen Pelzmantel vom Haken nahm und den Laden
verließ. In wenigen Sekunden hatte er die Sache! erledigt.
„So," sagte Billi Knock, als er wieder draußen war, „und jetzt meine fünf Schillinge!"
„Und was geschieht mit dem Pelz?"
„Der Pelz? Der gehört natürlich mir!" sagte der freche Schurke.
Da ließ Archibald fein Lächeln fahren, holte feine Marke aus der Tasche und sagte kühl und sachlich:
„So Freundchen, der Scherz ist zu Ende. Ich bin Detektiv und verhafte Sie jetzt!
„Mich? Verhaften? Sie sind wohl übergeschnappt? Weswegen denn?
„Sie haben eben einen Pelz gestohlen, übrigens haben Sie noch viel mehr auf dem Kerbholz. Sie sind Billi Knock und werden mir jetzt folgen, sonst muß ich Ihnen Handschellen anlegen."
Der Bucklige sah ihn erstaunt an.
„Billi Knock? Handschellen? Verzeihung, ich glaube aber, daß Ihnen ein kleiner Irrtum unterlaufen ist: mein Name ist Mikulay, Sam Mikulay, und ich bin der Besitzer dieses Ladens!"
Vom amerikanischen Flugwesen.
Vor wenigen Wochen wurde im Staate Ohio in Amerika der 25. Jahrestag des ersten Fluges im Flugzeug gefeiert, den die Brüder W r i g h in Kitty Hawk in Rordkarolinien im Jahre 1903 ausführten. Aach Angaben der Handelskammer für Flugwesen in den Vereinigten Staaten wird die Gesamtproduktion an Handels- und Kriegsflugzeugen in Amerika im Jahre 1928 etwas mehr als 4000 Maschinen betragen haben. Im Jahre 1929 hofft man, die Produktion auf die viel größere Ziffer von 15 000 bis 20 000 Flugszeugen bringen zu können. Der Gesamtwert dreier Produktion wird auf 100 Millionen Dollar veranschlagt. Rach Angaben der „Chicago Tribüne" hat die amerikanische Zivilluftfahrt während der ersten sechs Monate 1928 391 Unfälle zu verzeichnen. Hierbei fanden 65 Piloten und 83 Fluggäste den Tod oder wurden schwer verletzt» 69 Piloten und 74 Passagiere erlitten leichte Verletzungen, während 193 Piloten und 206 Passagiere aus den Unfällen mit heiler Haut ba* vonkamen.


