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Aus der Provinziakhauptstadt

Gießen, den 11. Dezember 1929.

Kurze Tage lange Abende.

Das sind nun die kurzen Tag«, die trüben, dun­keln, die morgens gar nicht anfangen wollen und nachmittags so bald ein Ende haben. Viele Men­schen schelten, es sei eben eine böse Zeit, man müsse in mandiem Hause bald den ganzen Tag Licht bren­nen. Wo ist denn die Sonne? Immer tiefer am Himmelvrand liegt der Bogen, auf dem sie sich uns zeigt, wenn sie überhaupt zu sehen ist. In unser kleines Höfchen ist seit Wochen kein Sonnenstrahl bis zum Grunde gekommen! Und doch gefällt sie mir, diese Zeit der kurzen Tage! Noch haben sie uns nicht den Schnee gebracht, der eigentlich zu ihnen gehört. Aber sie sind auch so schon voll von der rechten Winterheimlichkeit. Wir haben eben die fröhlichste, seligste Zeit im Jahr, den Kleinen viel herrlicher als Sommer und Herbst! Sind die Tage auch kurz und dunkel, der Weihnachtsstern durchstrahlt sie, ihm eilt die Sehnsucht der Menschen entgegen. Das macht die Zeit zur schönsten und trautesten des gan­zen Jahres. Kann man ermessen, was in den näch­sten Wochen Liebe alles schafft und bildet?

Kurze Tage haben lange Abende! Früh schon brennt das Licht und wandelt die Stube zum ge­mütlichen Versammlungsraum der Familie. Wäh­rend fleißige Hände geheimnisvoll tätig sind, gehen die Gedanken ihre eigenen Wege, zurück in ver­gangene Tage, In Jugend und Kindheit, als man noch selbst bebte vor Freude in diesen Wochen vor dem Feste.

Und heute nun sitzt man inmitten der eignen Familie und singt mit ihr die schönen alten Lieder und wird selbst wieder zum Kind. Wohl dem Haus, das eine sangesfrohe Menschenschar umschließt! Wo sind in diesen Abendstunden Sorgen des Alltags, Aerger des 2(mtes, Hasten und Drängen von Ge­schäft und Betrieb, Streit um Politik und Mei­nungen? Bei uns schlüpfen sie nicht in die Stühe, wenn die Lampe brennt und wir um den großen Tisch sitzen!

Alle Gedanken sind bei den Arbeiten, di« wir vor uns haben. Die kleine Grete macht an den bewußten Topflappen ihr erstes Meisterstück, Hans klebt eine neue Krippe und Lotte hat eine feine Handarbeit. Mutter häkelt an einer großen Sache, die Vater nicht recht betrachten darf. Und der eifrige Herr des Hauses schafft mit der Laubsäge an feiner üblichen Weihnachts­arbeit. Gerade sägt er heuer das fünfzehnte Ge- duldspiel aus! Alle Schwestern. Schwägerinnen, Nichten und Neffen hat er früher schon damit beschenkt. Dieses Jahr soll der neue Schwager mit seiner Spezialgabe beglückt werden. Und was macht Vater? Ein schönes Bildchen hat er auf ein geeignetes Brettchen geklebt und zersägt es nun in kühnster Linienführung in viele, viele zierliche Teile mit allen möglichen Duchten, Nasen, Haken und Winkeln. Zum Schlüsse kommt alles in ein schön beklebtes Pappschachtelchen und erfreut sicher den Empfänger an Weihnachten. Dis es aber fo weit ist, muß noch mancher Sägestrich getan, manches frische Sägeblatt eingeschraubt werden. Geduld und Deharrlichkeit sind später auch zum Zusammensügen des Bildchens nötig; es ist eben ein Geduldspiel.

Aus aller Kinder Gesicht strahlen liebevoUer Eifer und Freude, das macht ja auch die kleinsten

und bescheidensten Werke, die da entstehen, zu rechten Gaben der Liebe.

Besondere Umstände machen die Arbeiten für die allernächsten Anverwandten, die diese doch nicht schon während des Entstehens selben sollen. Denn das ist ein festes Gesetz: Erst am Weih­nachtsabend tauscht man die Geschenke aus! All die Freude des Gebens häuft sich so auf diesen schönsten aller Abende, aber die Vorfreude des Schenkens haben wir alle schon jetzt, wenn wir an den kleinen Gaben arbeiten. Was für Heim­lichkeiten durchziehen die ganze Adventszeit! Es ist ein dauerndes Dersteckspielen In unserem klei­nen Kreise, das eben zu den Vorbereitungen für Weihnachten gehört.

Kein« Zeit eignete sich besser dazu, als diese Wochen mit den kurzen Tagen und den wunder­schönen langen Abenden. 3.

Hekoga-Erklärungen vor der presse.

Gestern nachmittag fand in Darmstadt auf Ein­ladung des Vorstandes der Hekoga eine sehr zahl­reich besuchte Pressekonferenz statt, in der di e Vertragsentwürfe der Hekoga mit derRuhrgas A.-G. undSaargas A.-G. zur Ferngasversorgung Hessens Gegenstand der Erörterungen waren. An der Konferenz nahm auch ein Mitglied der Redaktion desGießener An­zeigers" teil, lieber das Ergebnis der mehrstündigen Sitzung werden wir noch näher berichten. Heute fei nur heroorgehoben, daß nach den Erklärungen des Vorsitzenden des Hekoga-Dorftandes, Bürgermeister R i tz e r t - Darmstadt, die Inangriffnahme der Ver­legung des Rohrnetzes zur Heranfchaffung des Ruhrgafes sofort nach Abschluß der Verträge erfolgen wird. Dies dürfte wohl vor­aussichtlich im Frühjahr nächsten Jahres der Fall sein. Gießen würde dann das Gas als unmittel­barer Konsument aus der Hauptleitung vom Ruhr­gebiet her erhalten. Damit könnten wir die Frage der Errichtung eines neuen Gaswerkes, die schon lange Gegenstand ernster Sorge der verantwortlichen Männer unserer Stadt ist, als erledigt ansehen, lieber den Zeitpunkt, w a n n die Gasversorgung von der Ruhr aus erfolgen kann, vermag man natürlich heute noch nichts zu sagen.

Bornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater:Das tapfere Schneiderlein" und Die Troerinnen". 15.30 bis 18 Uhr bzw. 20 bis 22 Uhr. Christliche Versammlung Gießen: Oesfentlicher Vortrag überDer Weg zum wah­ren Glück", 2.15 Uhr, Lindenplah 1. Licht­spielhaus Bahnhofstraße:Der Fafchingsprinz" undDas Geheimnis der Carlton-Bank". Astoria-Lichtspiele:Silberkönigs letzter Sieg" undKaltes Blut".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Am Fr.it g. 13. Dez., findet im Stadttheater die Erstaufführung des neu- einstudierten Lustspiels in vier AktenDer Deil- chenfresser" von G. v. Moser statt. Das Lustspiel gehörte früher zum festen Repertoir jeder grö­ßeren Bühne, und da es den Schauspielern durch­weg gute Rollen bietet, wird es auch heut« noch sein dankbares Publikum finden. Spielleitung: Oberspielleiter Hans Tanner t. 3n dem MärchenDas tapfere Schneiderlein" wird der beliebte Tänzer Däulke mit seiner Partnerin einen Solotanz tanzen.

Kein Geld in Briefe. Die bevor­stehend« Weihnachtszeit bietet Anlaß, darauf hinzuweisen, daß es sich nicht empfiehlt, Geld in gewöhnlichen oder eingeschriebenen Briefen zu versenden. Die Deutsch« Reichspost und die ausländischen Postverwaltungen übernehmen auf Grund der Bestimmungen des Postgesetzes und des Weltpostvertrages feine Haft- und Ersah- pflicht bei Verlust oder Beraubung von gewöhn­lichen Briesen, ebenso nicht bei Beraubung ein­geschriebener Briese; nur für Verlust eingeschrie­bener Briefe wird Ersatz bis zur Höhe von 40 Mark im Cinzelfall geleistet. Man bediene sich daher zum Versand von Geldbeträgen der volle Sicherheit bietenden Einrichtungen der Post­anweisung und des Wertbriefes.

D i e neuzeitliche Kleinwoh- nun g. Die von der Hess. Gemeinnützigen A.-G. für kleine Wohnungen in dem Hause Am Kugelberg 4 veranstaltete AusstellungDie

Wenn Ihre

Empffehiungsanzeige

in der Freitags- oder in der Samstags­nummer des Gießener Anzeigers durch sorgfältige, wirksame Satzausstaltung

werben soll

dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags in der Geschäftsstelle auf

neuzeitlich« Kleinwohnung" ist bis zum 15. De­zember verlängert worden. Man beachte die heutige Anzeige.

** Berufswettkampf Im DHV. Am Samstag hat im Heim des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Derbandes die Preisvertei­lung für die Sieger aus dem Derufswettkampf am 10. November stattgefunden. 3n der Gruppe der Iunggehilsen erhielten erste Preise Georg Herbert, Gießen, Jakob Pfeiffer, Allen- dorf, und Fr. Koch, Gießern Der zweite Preis wurde gegeben an Heinrich Schmieder, Gie­ßen, Eugen Tröster, Griedel, und Heinrich Bommersheim, Butzbach. 3n der Lehrlings­gruppe erhielten einen 1. Preis H. Zschunke und Albert Götz, Gießen. Zweite Preis« wur­den an Wilhelm Honig und Heinrich M o s - b a ch in Gießen gegeben. Nach einleitenden Wor­ten des Iugendsührers Seibert und einem Vorspruch des Lehrlings Zolzer vom Bund der Kaufmannsjugend im DHD. nahm der Kreisgeschäftsiührer Rudolf Drzezinski das Wort zu seinem VortrageDer Wert der Be­rufsausbildung". 3n dem Vortrage ging der Redner auf die Bedeutung des Berufswett­kampfes ein und schilderte den Verlauf des Kampfes am 10. November. 3n der Aussprache war starkes Interesse der Versammlungsteil­nehmer an Dildungsaufgaben und Aufstiegs­möglichkeiten im Berufsstand erkennbar. Nach

Ueberreichung der Diplome und Preise auS dem erwähnten Wettkampf wurde an Otto Erb. Rieder-Ohmen der zweite Preis vom DerufS- wettkamps in Danzig ausgehändigt. Nach dem Singen des Dcrbandsliedes wurde die Versamm­lung geschlossen.

weitere Lokalnachrichten Im 2. Blatt.

Ein zweites Todesopfer des Auto« Unfalls in Lauterbach.

Lauterbach, 10. Dez. Der gestern gemel­dete schwere Vcrkehrsunsall in der Vogelsbergstraße zu Lauterbach hat noch ein zweites Todesopfer gefordert. Der Ver­storbene ist der 2ljährige Emil Günther auS Eichenzell bei Fulö.i. Er ist in der vergangenen Nacht verstorben, ohne das Bewußtsein wieder­erlangt zu haben. Bei dem anderen tödlich Ver­unglückten handelt cs sich um den 32jährigen Landwirt Franz Grain aus Eichenzell, der als Leiter der Iugendobteilung die Fcchrt mit» machte. Der Fall ist um so tragischer, alS des tödlich Verunglückte verheiratet und Vater von fünf Kindern ist. Im Lauterbacher Krankenhaus befinden sich zur Zeit noch fünf Verletzte. Ihr Zustand ist zuiriedenstellend.

Rundfunkprogramm.

Donnerstag, 12. Dezember.

11 bis 12: Schallplattenkonzert. 12.15: Schall­plattenkonzert: AusGötterdämmerung". 15.15 bis 15.45: Stunde der Jugend:Welche Bücher wünsche ich mir zu Weihnachten?" 3. Arbeits- und Beschäftigungsbucher. 16 bis 17.45: Aus dem Kurhaus Wiesbaden: Konzert des Städt. Kur­orchesters Wiesbaden. 18.05: Stunde des Ar­beiters: Unterricht in der Berufsschule 2. 18.35 bis 19: Französischer Sprachunterricht. 19.05: Wo uns der Schuh drücktKriegsbeschädigte". 19.30: Schallplattenkonzert, leichte Unterhaltung^* musik. 20: Aus dem Festsaal der Liederhalle Stuttgart: Konzert des Philharmonischen Or­chesters Stuttgart. 22 bis 23: Don Stuttgart: Und so verbringst du deinen Abend".

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I Esslöffel voll tX g reinigt 2 Paar n - Strümpfe

MANNHEIM.

Länder^ und Städtewappen aller Erdteile in Gold- und SilberdrucK: Die FREUDE des KURMARK-RAUCH E R $,

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CIGARETTEN

Es ist leichter, Cigaretten zu rauchen, als ein Cigaret- fenraucher zu sein? Man mass mit diesem kleinen Affribuf der Eleganz umzugehen versieben und man muss in persönlicher Eigenart seine Wahl treffen, die immer wieder zu den Cigaretten ausgeglichener Geschmackswirkung führt.

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