Dienstag, fl. Zuni 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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die Erstaufführung des Dramas »Zar Sebor“ von Alexis Tolstoi vor. Als die Regenperiode anfing, fiedelten wir nach Moskau über. Bei der Abreife sagte Stanislawski: »Wenn wir bloß eine Einnahme von 400 Rubeln an jedem Abend hätten, wäre das Theater gerettet.“ Vor der Eröffnungsvorstellung stand die ganze Truppe hinter dem Vorhang, der sich zum erstenmal in einem Moskauer Theater nicht heben, sondern teilen sollte. Bald erschienen ünsere Leiter im Frack mit weißen, blassen Gesichtern und brennenden Augen. Das Orchester im Zuschauerraum — damals hielt man noch an dieser überwundenen Theatersitte fest — spielte eine speziell für diese Gelegenheit bestellte Ouvertüre. Stanislawski benutzte das Thema eines russischen Tanzes im Finale der Ouvertüre und fing an zu tanzen, um uns aufzuheitern. Wir wurden aber nicht lustiger, denn der tanzende Direktor sah graufam aus, weiß wie Papier und am ganzen Körper zitternd. Die Aufführung wurde zu einem Erfolg, und „Zar Fedor“ machte ausverkaufte Häuser."
Abschluß des Vertrages zwischen den Gründern — wurde geprobt. Die Hitze war unerträglich, beim das Dach des Probetheaters war aus Eisen; trotzdem verließen wir das Theater weder bei Tag noch bei Rächt, so groß war die allgemeine Begeisterung. Die Arbeit war energisch und erfolgreich, und es gab keinen Rangunterschied zwischen den Schauspielern. Die zukünftigen Prominenten scheuerten den Boden, malten Dekorationen und schleppten Kohlen zum Samowar. Es gab keine großen und keine kleinen Rollen, alle waren sich dessen bewußt, daß sie an einer bedeutenden künstlerischen Tat teil- nahmen. Stanislawski arbeitete mit dem später weltberühmt gewordenen M o s k w i n die Rolle des Zaren Fedor durch: 'toir bereiteten damals
Jedoch gelang es ihnen mit den strengungen, als Anfangskapital
gleichfalls einen großen Erfolg erwartete. Wahrend der Generalprobe bekam die Theaterdirektion ein Telegramm des Oberpolizeimeisters, der die Absetzung von »Hanneles Himmelfahrt" befahl. Stanislawski stürzte zu dem Oberpolizeimeister, der auf seine Beschwerde erwiderte, daß er leider machtlos sei, da das Verbot von dem Moskauer Metropoliten gefordert worden wäre. Er empfahl, den Metropoliten persönlich aufzusuchen, was der Theaterdirektor auch tat. Der Metropolit zeigte darauf einen anonymen Brief, der mit großen orthographischen Fehlern geschrieben war. Einer Witwe soll auf dem Krankenbett ein Engel erschienen sein, der sich darüber beklagte, daß Jesus Christus im Moskauer Künst- lertheater geschändet werde. Man versuchte, dem Metropoliten zu erklären, daß in diesem Stück Christus im Gegenteil verherrlicht werde, und daß der Heiland selbst auf der Bühne gar nicht erscheine. Aber der Kirchenfürst erwiderte, daß auch das Erscheinen von Engeln, die in »Hanneles Himmelfahrt“ auftreten, auf der Bühne nicht geduldet werden darf. Zum Schluß der Unterredung sagte er noch, daß man eigentlich auch Gogols „Revisor“ verbieten müsse, da in diesem Stück zaristische Beamte verulkt werden. AIS man zum erstenmal Tschechows „Möwe" spielte, herrschte nach dem ersten Akt im Zuschauerraum zuerst Grabesstille. Mehrere Schauspieler fielen in Ohnmacht, eine junge Darstellerin bekam einen Weinkrampf — aber plötzlich ging die Stimmung in einen Sturm von Begeisterung über, und die Darsteller wurden unzählige Male vor den Vorhang gerufen. „ Die Schauspieler weinten und schluchzten vor Rührung, die Tränen wuschen die Schminke ab, und alle mußten sich von neuem schminken. Tschechow war einer der ersten Aktionäre des Theaters. Er pflegte zu sagen: „Das Moskauer Theater besitzt, Gott sei
Der vielumstrittene russische Regisseur und Theaterdirektor Meyerhold weilte vorübergehend in Berlin, um deutsche Aerzte zu konsultieren. llnfcrm Mitarbeiter ist es als einzigem deutschen Journalisten gelungen, ein Interview von Meyerhold zu erhalten, in dem der Regisseur die interessantesten Erlebnisse aus seiner abwechslungsreichen Laufbahn schilderte.
„Der Anfang meiner Karriere", erzählt Meyerhold, der bekannte Regisseur und Leiter eines eigenen Theaters in Moskau, dessen letzte Reuigkeit „Die Wanze" zu einer Sensation der Moskauer Theatersaison geworden ist. „fällt mit dem Ausstieg des Moskauer Künstlertheaters zusammen. Ich habe die Geburt dieses Theaters erlebt, das sich heute Weltruhm erobert hat, das aber in seinen Anfängen mit den unglaublichsten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, niemand, nicht einmal die Gründer, haben damals auf einen Erfolg gehofft. Im Sommer 1897 fand die erste Begegnung zwischen Stanislawski und Re• mirowitsch-Dantschenko in einem kleinen, abgeschlossenen Raum des Moskauer Restaurants Slawianski-Bazar statt, die zur Gründung des Theaters führte. Diese Begegnung dauerte einen Tag und die darauffolgende Rächt. Stanislawski konnte damals die Schwärmerei seines Kollegen für Tschechow gar nicht verstehen. „Wie kann man so etwas spielen?", pflegte er zu sagen."
Die Gründer des Theaters fuhren mit einer
„Als nächstes Stück war Gerhart Jjj a u b t manns „Hanncle'
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schwer! Baby keucht, stellt sie alle auf den Fußboden. Der Schrank ist leer, ist ein kleines Haus geworden. Baby geht hinein — macht sitz, zieht die Türen zu — steigt wieder aus — findet noch viel mehr Wasser auf dem Fußboden. Alle Dinge fangen schon an, ßim, ßim zu machen — badi, badi. Baby wirft einiges dazu. Mitt zum Beispiel.
Die Mutter spielt Klavier.
Das Wasser läuft langsam und geduldig über die Schwelle in das Zimmer nebenan, es bildet eine kleine Lache. Es bildet einen kleinen Fluß. Es kommt die Treppe, es plätschert die Treppe herab. Es bildet einen kleinen Wasserfall. Es läuft in die untere Etage, bildet Flecken auf der Decke, Kümmernis beim Wirt.
Die Mutter spielt Klavier.
Das Wasser plätschert und sammelt sich vor der Tür — vor dem Zimmer, aus dem Chopin ertönt und aus dem Beethoven und alles höhöhö der Welt. Es riefelt langsam, langsam bis hin zu den Füßen der Mutter und meldet gehorsamst, daß und wie Baby sich ein bißchen selber beschäftigt hat.
Oer Llrmensch als Koch.
Die Küche, heute das Reich der Frau, in dem der Mann nur noch zur Vollbringung von Spitzenleistungen waltet, war in Urzeiten ganz dem stärkeren Geschlecht Vorbehalten. Auf den tagelang dauernden Jagden, an denen nur Männer teilnahmen, mußten sie sich ihr Essen selber zubereiten, und aus dieser Gewohnheit heraus kochten sie dann auch daheim, zumal das Feuerschlagen mit Hilfe,0er schweren Feuersteine eine große körperliche Kraftentfaltung erforderte. Die Frau hatte dann die langwierige und nicht ungefährliche Aufgabe, am Rande des lodernden Feuers zu sitzen und den Braten zu bewachen, bis er gar war: dabei hat sie sich gewiß häufig die Finger verbrannt, besonders wenn sie die glühenden Steine, die im Innern des Tieres für das Weichwerden sorgten, umdrehen mußte. Jedenfalls ist die Erfindung der Kochkunst eine Sache des Mannes gewesen. Sonst wissen wir wenig von der urzeitlichen Küche, und dies Wenige wird von Dr. Frieda Por in der Leipziger „Illustrierten Zeitung" zusammengestellt. Gewisse Aufklärungen verschaffen uns die vor
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zusammenzuscharren. Damals war tierenber Anfänger, der für die engagiert wurde. In einem Dorf Moskaus wurde uns jungen Schauspielern vom Gutsherrn, einem Freund Stanislawskis, eine Scheune zur Verfügung gestellt. Diese Scheune wurde in ein kleines, gemütliches Probetheater umgewandelt: dort stand die Wiege des Moskauer Theaters. Einen ganzen Sommer hindurch — es war im Jahre 1898, ein Jahr nach dem
die Schuhwichse, faßt sein Entzücken in ein einziges Wort zusammen, schreit: „adasießawawu!", hat ihn lieb. Gießer Wawu leckt es ab; Baby findet es nicht sympathisch, beleckt äu werden, kommandiert: „Mas! Donnewette!" Singe* schüchtert geht fießer Wawu weiter.
Die Mutter spielt Klavier. Baby findet etwas. Es findet den Kohleneimer. Schöne blanke, schwarze Kohle. Rimmt ein Händchen voll heraus, trägt es ins Wohnzimmer, seht es auf den ersten Stuhl, auf den hellen Bezug, holt ein neues, kleines Händchen voll, seht ein zweites Häufchen auf den zweiten Stuhl, geht viele Male hin und her, seht auf jeden Platz ein Häufchen. Das sieht hübsch aus, so, als wäre man im Märchen, auf jedem Sofa, auf jedem Stuhl ein Kohlenhäufchen, ein kleines: und sie unterhalten sich miteinander, sind wie Leute, sagen sich viela, viela.
Baby kraxelt die Treppe herauf, geht mit Kohlehänden in die weiße Küche, macht den Möbeln malmal, schwarze lustige Gesichter — viele, kleine, schwarze Dabyhändegesichter, klettert auf den Hocker an der Wasserleitung, dreht sie auf mit großer, großer Müh', ist ein sauberes Kind, und macht sich wischi waschi, — puh puh. Das Wasser läuft. Baby steigt ab. Das nasse Wasser läuft pitsch-patsch, so ein vergnügtes Geplätscher. Baby besteigt einen anderen Hocker, findet etwas auf dem Küchentisch. — Pinati — Toffin findet es, klopft sein dickes Bauch, sagt „wundabar“, wird ein bißchen grün davon. Mittt auch.
Die Mutter — ganz weit da hinten und da unten irgendwo — spielt so hübsch Klavier.
Baby denkt mit Wohlgefallen an sie. Hat sie sehr, sehr liebs.
Baby findet ein Ei. Baby verwendet es angemessen.
Die Mutter spielt Klavier.
Baby findet, daß das Wässerchen gar nicht aufhört, Baby geht an Mutters Kommode, nimmt neue, schöne Lumpele daraus, macht wisch- wisch. Diela Wassa ist das ja! Baby gibt es auf. Geht und riegelt mühselig die Tür zu, daß es nicht herauslaufen kann. Wendet sich zum Küchenschrank, macht ihn auf. Schüsseln sind darin, Teller — viela, viela! Baby holt sie heraus, eins nach dem andern. Oh, wie sind sie
Zeichnungsliste von einem reichen Moskauer Kaufmann zum andern und baten um einen Beitrag zur Gründung ihres Unternehmens. Aus den meisten Häusern wurden sie hinausgewiesen, größten An-
Chattenhaus
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Von der Scheune zum Welttheater
Eine Unterredung mit Meyerhold.
Von Or. Erwin Krug.
stigt werden kann. Ebenso soll das Kreditwesen durch die behördlichen Stellen in höherem Maße dem kleinen und Mittelbetrieb zu- gängig gemacht werden. Aber mit Recht weist der Minister gleichzeitig auf die Selbsthi l s e- möglichkeiten hin, die der genossenschaftliche Zusammenschluß, die gemetnfame Propaganda, die zweckmäßige Verbreitung von Warenkenntnis beim Publikum zum Zwecke einer Bevorzugung der handwerksmäßig erzeugten Güter bringen kann und muß. Beide Teile müssen lernen: die Behörden eine bessere Erkenntnis der Wichtigkeit des Mittelstandes als Kulturfaktor und (Steuerträger, dieser selbst neue Wege der Selbsthilfe und der Solidarität.
Baby, das Alleinfind.
Von Dorothea Hofer-Oernburg.
„Also Baby, das geht nicht so weiter — ich :fcnrne ja zu nichts mehr! Du bist nun schon so sfoü, schau, du kannst doch nicht ewig an meinen Aoclschößen hängen — über fünf Viertel Jahr! Aas glaubst du eigentlich? Mutter will auch
für sich was tun. Spiel allein ein bißchen — Mcbäftige dich! Tanz mal hübsch:, Mutter wird ütt was Vorspielen — horch! —"
Die Mutter spielt Klavier. Baby tanzt mal shiblch. Baby, das Einttnd — das Alleinkind. ' Hebt sein dickes Bein, so hoch die Balance es aulaßt, seht es sittsam wieder nieder, hebt das untere und sagt: „haps“; es dreht sich sorgfältig am und beginnt von vom. Eine Weile ist es nett. Sie Mutter spielt Klavier. „Höho — ho Ifielt sie.
Baby macht haps und wieder haps, bann tenbet es sich zur Tür. Die Tür ist zu. Baby miß einen Stuhl holen; bas ist sehr schwer. Baby hä$t und schiebt den dicken Stuhl zur Tür. Macht sir auf, steigt ab, wandert hinaus.
Die Mutter spielt Klavier.
Huf dem Korridor ist es kühl. Aber interessant ii <s da. Baby wendet sich der Desenecke zu. Da |mb alle Putz-Putz vereinigt, machen Galgal, nhcn sich aus. Baby nimmt Besen und Müll* schi^pe, Baby beschäftigt sich mal selbst, macht Huch-Putz. Wenn es etwas mit dem Besen gefönten hat, wandert es zum Klosett, schüttet es scchlundig hinein, steigt unter Lebensgefahr auf bin. Sitz — macht ziep. Das Wasser rauscht, kchvnes neues Wasser kommt an. Baby holt ein Sias, Baby schöpft sich schönes neues Wasser bunit. Baby schmeißt es hin. Baby wandert Leiter, singt, höhö, ho, findet seine Mitt, seine liröc Bärenmiti, spricht mit ihr, nimmt sie mit, findet einen Sack mit Wäscheklammern, verteilt fe sorgfältig wie der Osterhase überall, überall, dvbin es reichen kann. Die Mutter spielt Klavier, $)!)d spielt sie.
Baby findet die Schuhbürste. Baby findet die Dichse. Baby wichst der Holzplastik im Korridor b.e Füße. Bedauert es sehr: „Opapa Fußischen heh — miede" — spuckt auf die Wichse. Kommt kuier Hund durch die offene Tür. Baby läßt
eine ganze Reihe der berechtigten Deschwerben und Klagen der selbständigen kleineren Gewerbetreibenden: den privatwirlschas.lichen Wettbewerb der öffentlichen Hand, der nicht nur durch deren gleichartige Besteuerung gemildert werden kann, soweit cs sich nicht um notwendige und unrentable Versorgungsbetriebe handelt, sondern auch durch ein vernünftiges Mitwirken der Länder und Gemeinden durch Vermeidung unnötiger und schädlicher Konkurrenz ihrer Betriebe mit den wichtigen (Steuerträgern des Mittelstandes. In der gleichen Richtung liegt eine vernünftige Handhabung der Reichsverdingungsord- nung, durch die das Heranziehen leistungsfähiger örtlicher Kleingewerbetreibender begün-
Mittelstands-Politik.
Der Begriff „Mittelstand" hat seit dem Kriege eine gewisse Verschiebung erfahren. Weite Kreise der Produktion, ja, die tragende Schicht des industriellen Unternehmertums sind aus dem gewerblichen Mittelstand ausgeschieden, entweder weil die fortschreitende Vertrustung und Vereinheitlichung der fabrikmäßigen Gütercrzeu- gung sie in großindustrielle Konzerne einbezogen hat, oder weil sie vom selbständigen Unternehmer zum Beamten solcher Großorganisationen geworden sind, also in einer andern Interessengruppe figurieren. Der Begriff des gewerblichen Mittelstandes hat sich deshalb mehr auf die handwerksmäßigen Betriebe und auf ben Einzelhandel zurückgezogen; und dieser letztere wiederum ist durch die Entstehung von Kauf- und Warenhäuscrni von Großfilialbetrieben, Genossenschaften usw. seinerseits zurück- gedrängt worden.
DaS mag eine durch ben wirtschaftlichen Wettbewerb, Mrrch das internationale Geltungsbedürfnis der deutschen Wirtschaft bedingte _ und unvermeidbare Entwicklung fein, wie ja überhaupt der Zug der Zeit den Weg zur ©roß* Organisation geht. Aber es bleibt deswegen soziologisch nicht weniger bedauerlich. Denn die Vielzahl der selbständigen, miteinander rivalisierenden kleineren Betriebe bedeutet eine unendliche Kraftquelle, einen geistigen Schöpferwillen, eine Vielseitigkeit der Produktton und Güterverteilung, die durch die Massen- erzeugung und den Massenverttieb nicht aufrechterhalten werden können. Außerdem ist das Verantwortungsbewußtsein des fe bständi- gen, wenn auch noch so kleinen Unternehmers ein wichtiger Faktor unserer Gesellschaftsordnung, ein Gegengewicht gegen die Zweiteilung des gesamten Produktionsprozesses in Kapital und Arbeit, Großunternehmer und Arbeitnehmerheer, die notwendig zu einer Verschärfung des Daseinskampfes führt, wenn nicht mehr unerschlossene Reichtümer, wie z. D. in Amerika diesen Gegeri- sah mildern, der bei uns bisher durch die erwähnte soziale Struktur des Wirtschaftslebens, durch die Drücke, die der selbständige Mittelstand bildet, einigermaßen ausgeglichen war.
Es ist deshalb eine ernste und wichtige Sorge jeder verantwortungsbewußten Regierung, diesen vielleicht natumotwendigen Prozeß nach Kräften aufzuhalten und zu mildem, ohne dem Interesse für ben Mittelstand ben Charakter einer Fürsorge zu geben. Die Ausführungen, bie Reichswirtschaftsminister Dr. Cur tius im Reichstag bei ber Beratung seines Etats gemacht hat, zeigen ein solches Verantwortungsbewußt* sein. Sie finb nicht radikal, sie vermeiden es, dem Mittelstand Fürsorgemaßnahmen zu versprechen, die nicht dem Sinn der Sache gerecht werden. Aber sie behandeln doch verständnisvoll
geschichtlichen Geräte, aus denen man auf die Beschaffenheit der Speisen schließen kann, die mit ihnen zubereitet wurden. Wichtiger sind die Berge von Küchenabfällen, die hauptsächlich an der dänischen Küste in prähistorischen Schichten entdeckt wurden. Danach war die Küche des Urmenschen durchaus nicht eintönig. In den riesigen Haufen fand man Millionen von Austern und Schneckenmuscheln, ferner Ueberreste von exotischen Vögeln und Fischen. Vesonders der Hering muß auf dem Speisezettel der Vorzeit eine große Rolle gespielt haben, denn man hat geradezu Berge von Heringsabfällen gefunden; sehr groß war auch ber Verbrauch an Aalen und Kabeljau. Von den Festlandtieren findet man am häufigsten die Knochen von Wild- und Stachelschweinen, Hirschen und Rehen, während Ueberreste von Wölfen, Füchsen, Bären, Bibern und Luchsen seltener vertreten sind. Aber auch die pflanzliche Rahrung fehlte nicht; das üppige Gewächs der Steinzeit bot große Mengen von Knollen und Wurzeln, von Hasel- und Wassernüssen, von verschiedenen Beeren und wild wachsenden Obstarten. Als der Urmensch von dem Einsammeln dieser Früchte, das ausschließlich von den Frauen besorgt wurde, zu einem primitiven Ackerbau überging, scheint er zuerst Erbsen und Bohnen, Linsen und Mohn angepflanzt zu haben. Eine gewaltige Umwälzung in der Ernährung trat ein, als das „Brot“ auftauchte. Dieses wurde zunächst aus zerstoßenem Korn gewonnen, und zwar nach Erfindung des runden Schleifsteins, der mittels eines Griffs an der Seite gedreht wurde. Ein weiterer Fortschritt war es, baß man die Fähigkeit des Mehls erkannte, Wasser in sich aufzunehmen. Da man bereits durch die Zubereitung des Fleisches wußte, daß das Feuer die Rahrung schmackhafter und weicher macht, so ging man nunmehr zum Drotbacken über. Wie der Frau das Sammeln der wilden Pflanzen abgelegen hatte, so mußte sie auch die Körner einsammeln, aus denen dieses Brot her- gestellt wurde. Das Bebauen des Feldes gehörte überhaupt in der beschränkten Form, in ber es damals betrieben werden konnte, zu den Arbeiten der Frau, und so mag sie vom Drotbacken her ihren Einzug in die Küche gehalten haben, aus der sie dann allmählich den Mann verdrängte.
und vielen, vielen anderen verbunden. Seinen Initiative ist es zu danken, daß die ägyptische Universität zu dem würbe, was sie heute ist. Aus ihn ist es zurückzuführen, baß internationale Kongresse in großer Zahl in Aegypten abgehalten würben unb das Interesse der Weltöffentlichkeit auf bas Riltal hinzogen. Seit seiner Thronbesteigung im Jahre 1917 hat König Fuab persönlich bis zu fünf Millionen Mark aus feiner eigenen Schatulle für wohltätige Gesellschaften, Heime unb Hospitäler, sowie für bie Opfer von Raturkatastrophen, für bie Armen, wie für bie Pflege von Literatur, Kunst unb Sport hin- gegeben.
Das neue Aegypten verbankt seine Existenz brei Monarchen: Mohammeb Ali, bem Haupt ber königlichen Dynastie und erlauchten Großvater König Fuads, jenem Manne, ber Aegypten aus Anarchie unb Verwirrung unb aus ben Hänben ber Mamelucken befreite, Ismael, dem großen Vater König Fuads, bem ©tünber bes mobernen, europäisierten Aegyptens, unb schließlich Fuab selbst, unter bem Aegypten eine Periobe bes Wohlstanbes burchmacht, wie sie noch niemals bisher erlebt würbe, unb ber in bewunberungswürdiger unb erfolgreicher Weise seinem Lande einen hervorragenden Platz unter ben füßrenben Rationen ber Welt verschaffte.
König Fuad I.
Von Mahmoud Abul Fath.
Mahmvub Qlbul Fath, ber Vertreter ber Kairoer Zeitung „Ahra m", einer ber bekanntesten Journalisten bes Riltales, ber als einziger Aegypter s. Z. bie Orient- fahrt bes Zeppelin als Passagier mitmachte, gibt nachstehenb eine Schilbe* rung der Persönlichkeit bes Königs Fuab von Aegypten, der soeben, ber Cinlabung des Reichspräsidenten von Hindenburg folgend, in Derlin eingetroffen ist.
Es ist kaum anzunehmen, daß die deutsche Oef- Itnlichkeit sich völlig darüber klar ist, welch leb* hrstts Echo die Einladung des Reichspräsiden* lh an König Fuad im ägyptischen Volk erweckt hat, einem Volke, das kulturell, wissen* löastlich und technisch den größten Wert auf bie txnfbar besten Beziehungen zur beutschen Ration Itjt. Aegypten hätte sich auch schwerlich einen teeren Vertreter seiner Interessen aussuchen Dinen, als es König Fuab ist, ein Mann, ber Ixi seinen Untertanen eine Achtung genießt, wie 1k selten in biesem Maße einem Monarchen von einem Volke entgegengebracht würbe.
Rein psychologisch betrachtet ist biefe Tatsache nicht weiter verwunderlich. Es ist geradezu sprich* partlich in Aegypten, baß ber König für alles in seinem Lande Interesse zeigt, sei es auf geizigem, wissenschaftlichem, wirtschaftlichem ober loyalem Gebiete, sei cs auf bem Gebiete ber «Dohltätigkeit. Schon als Prinz hat Fuab nach Kit en Kräften mitgeholfen, entsprechend Insti- lutionen ins Leben zu rufen ober sie zu unter* Wen. Mit regem Interesse verfolgt ber Monarch den Fortschritt in der Welt und ist selbst fcbei einer der emsigsten Arbeiter. Wenn er selbst von hohen Idealen ber Verfassung erfüllt, Ke Zügel ber Regierung den Händen seiner Mi- niftec überläßt, studiert er doch persönlich jede irgendwie wichtige Angelegenheit unb bespricht fit mit seinen Sachverstänbigen.
1886 geboren, kam er mit 10 Jahren nach Eu- topa, nach Genf, um eine Erziehung in euro* Mchem Sinne zu genießen. Später trat er in teä Inftituto Internationale in Turin ein unb lam mit sechzehn Jahren auf bie bortige Militärakademie, wo er insbesondere bie Artillerie- und Plivmerschule absolvierte unb sodann als Leutnant ber italienischen Armee zugeteilt wurde. Ton dort datiert auch die innige Freundschaft, die noch heute Fuad mit dem italienischen König terblnbet.
3m Jahre 1890 wurde Fuab vom türkischen Cultan zum Militärattache an ber Ottomanischen Mschaft in Wien ernannt, wo Fuab deutsches Hefen kennenlernte unb bamit auch nicht zuletzt die deutsche Sprache, die er bis heute nicht ver- gtllen hat. Richt lange blieb er jedoch in Wien. Md rief ihn seine Heimat, worauf'_er zurück* tilte, um als Divisionsgeneral in der ägyptischen Armee Dienste zu tun. Auch in dieser Stellung .blieb er nicht lange und wurde Flügeladjutant des Khediven. Als er dann von diesem Posten feinen Abschied nahm, begann er sich nur noch km Aufbau seines Landes zu widmen, ungestört -trb, was bag wichtigste ist, unabhängig. Als Prinz hatte im übrigen sein Rame einen hohen imb guten Klang. Rach dem bie Syrer im 2chre 1910 bie türkische Herrschaft abschütteln Lallten, buchten sie bei einer fommenben Königs* traßl an Fuab. Italien wollte nach ber Erobe- nm$ von Tripolis ebenfalls Fuab zum königlichen Statthalter in bem neuerworbenen Gebiete ernennen, unb auch als bie Königsfrage in Albanien auftauchte, fiel ber Rame bes äghptt* |<kn Prinzen.
5>eute ist Fuad, auch durch seine Gemahlin die ird>t königlichen Bluts ist. mit seinem Volke verbanden König und setzt die Arbeit des Prinzen £uab fort, wobei ihn eine Beharrlichkeit, ja Hart* lüfigfcit auszeichnet, die vor keinem Hindernis jarLckschreckt und sich mit einem großen Organisationstalent in glücklichster Weise verbindet. Der Harre des Königs ist mit allen wichtigen Refvr- wen sei es auf bem Gebiete ber Volksgesundheit, kr Bewässerung, der Landwirtschaft, des Ver* kchcs, der Finanzen, des Handels, der Industrie
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