Samstag, 10. August 1929
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhefsen)
Nr. 186 Zweites Blatt
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daran liegen, als an den Streitfragen, um die es im Haag geht. 3n jedem Halle ist damit eine Arbeit größten Stils und mit ^größten Fernwirlungen für eine Ordnung dös Hricdens zwischen den beiden angelsächsischen Machten irn Zuge. 11 nb sie soll nach dem Willen der beiden Staatsmänner nicht ein exklusives Bündnis der beiden ausdrücken, sondern der Anfang sein einer Verständigung, der sich alle in Frage kommenden Staaten anschließen sollen!
ges. Beide sind auch der Ansicht, daß das Gelingen einer englisch-amerikanischen Abrüstungsaktion zur See automatisch als starker Druck auf die festgefahrene Landabrüstungserörtc- rung wirken muß. Es sind große Absichten und Fragen, um die es dabei geht und die den Haager Besprechungen parallel laufen. Für Hoover stehen ie ohne Zweifel weit im Vordergrund vor den Haager Deratungsgegenständen. Aber auch Mac- donald und der Arbeiterregierung dürste mehr
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„®r käme in einer wichtigen Angelegenheit.
„®r soll sie morgen früh vortragen."
Vach einer Minute kehrte der Diener zuruck: „Herr Steinwender muß den Herrn sofort und unter allen Umständen sprechen."
„Zum Teufel auch!" brauste Klaus Korber auf, nahm aber die Hausjacke von dunkelblauem Samt, die der Diener ihm reichte.
Suche mir inzwischen eine andere Weste aus. diese wirft eine Falte. Auch das Vorhemd ist nicht steif genug. Ich habe dir oft genug gesagt: unter dem Frack muß es wie ein Panzer sitzen.
2m Empfangszimmer, das bereits zur Begrüßung der Gäste hergerichtet und von einer Wolke feinen Fliederduftes erfüllt war, stand ein kleiner verhutzelter Mann mit grauem, verknittertem Gesicht und nüchternen Augen, die mißvergnügt in diese Welt der Pracht und des Luxus hineinblinzelten: Herr Steinwender, der mit der Firma altgewordene Prokurist des Hauses „Korber & Sohn", wie es bereits von Klaus' Großvater her hieß, der es vermöge seines kaufmännischen Geschickes und eines ehernen Fleißes aus den kleinsten Anfängen zu Weltruf gebracht hatte.
„War es notwendig, daß Sie mich ausgerechnet in "diesem Augenblicke sprechen mußten?"
„Es war notwendig."
Sie sind doch selbst geladen."
Ich bedaure. Es ist mir nicht möglich... beim besten Willen nicht möglich, Herr Körber." „Vicht möglich?"
„Sie werden mich verstehen, wenn Sie mich gehört haben." ,
„So haben Sie die Freundlichkeit sich kurz zu fassen. Meine Gäst,e können jeden Augenblick erscheinen, und, wie Sie sehen, bin ich noch wenig für sie gerüstet."
„Die Rechnungen von unseren finnischen Lieferanten sind eben eingetroffen und sofort zahlbar. Das Papier ist verladen und unterwegs.
„Vun?"
„Wir können das Papier nicht einlösen." Klaus Körber nestelte mit der schlanken Hand
Wettpolitische Ziele der Labourregierung.
Außenpolitische Umschau.
Don Or. Otto Hoehsch, o. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. X
Man weiß nicht, was für die englische Regierung im Augenblick wichtiger ist: die Haager Konserenz oder die Seeabrüstungsverhandlungcn mit Amerika. Dabei ist noch eine sehr wichtige Reichsfrage in voller Behandlung.
Der recht plötzlichen Entlassung des britischen Oberkommissars für Aegypten sind sehr schnell Verhandlungen zwisck^n der englischen Regierung und dem ägyptischen Ministerpräsidenten gefolgt, aus denen hervorgeht, daß die Qlrbcitcrrcgicrung doch auch in dieser Frage ein eigenes Programm hat. Es ist bereits ein neuer Vertragsentwurf vereinbart, mit dem die Beziehungen auf eine andere und dauerhafte Grundlage gestellt werden sollen. England macht darin nicht unbeträchtliche Zugeständnisse: Zurückziehung seiner Desahungstruppen in die Kanalzone, Aufgabe deS Schuhes der Minderheiten in Aegypten, Verzicht auf die britischen Konsulargerichtshöse und Wiedereinführung der gemeinsamen englisch-amerikanischen Herrschaft tm Sudan, in den ägyptische Truppen wieder zurück» kommen dürfen. Damit beschränkt sich England auf das äußerste, was es für seine Reichs- Interessen ausrechterhalten muß, nämlich den Schutz seiner Position am Kanal von Suez. Dafür schließen die beiden Länder einen Bündnis- und Defensivvertrag ab und ernennen gegenseitig Botschafter, während England den Antrag Aegyptens, in den Völkerbund ausgenommen zu wer- den, unterstützen will.
Man muß sagen, daß hier ernsthaft der Versuch gemacht wird, durch Entgegenkommen, genauer durch Anerkennung des Selbständigkeits- Willens ein Freundschastsverhältnis zu begründen, in dem Aegypten im S ch u hver - hältnis zu England bleibt und so Englands Interessen doch gewahrt würden. Es liegt auf der Hand, daß ein Mann wie der bisherige Oberkommissar ein solches Programm allerdings nicht durchführen konnte. Bis zu seiner Erledigung ist freilich noch lange Zeit. In jedem Falle zeigt es, daß die Arbeiterpartei in ihren führenden Köpfen auch in der Reichspolitik eigene Wege einschlagen will.
Aber wesentlicher ist die große Ab - r ü st u n g s a k t i o n, die zwischen England und Amerika hin und hergeht. Erreicht ist in. den beiden Erklärungen, Macdonalds vom 24. und Hoovers vom 25. Iuli, daß beide Mächte bereits die Einstellung bestimmter Kreuzerneubauten beschlossen haben. Macdonald hat auch soeben ein großes Abrüstungsprogramm in einer amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht, daß in die Abrüstung alle in Frage kommenden Menschen einschließlich der ausgebildeten Reserven eingeschlossen werden müßten, daß Wassen- und Munitionslager, schwere Artillerie, Tanks usw. verringert werden, Kriegsschiffe nach Tonnage und Zahl beschränkt, Gas- und Bakterienkriege verboten werden müßten. Es fehlt eigentlich kein Punkt in diesem umfassenden Pn>> gramm, das nach Macdonalds Aeußerung auch von einer internationalen Organisation, nicht nur der Völkerbundsstaaten, sondern auch der Vlcht- mitglieder, wirksam kontrolliert werden müsse. Er fordert schließlich auch, daß die Einstellung, bei allen Abrüstungsverhandlungen immer an den künftigen Krieg, der ja doch einmal kommen werde, zu denken, aufzugeben fei.
Diefes Programm geht weit über das zunächst
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Klaus Körber feierte seinen 30. Er war gerade beschäftigt, Frack. Oberhemd einer letzten Prüfung zu als Moritz, sein junger Diener, erschien.
„Herr Steinwender," meldete er in der ihm «verzogenen Kürze.
„Jetzt, unmittelbar vor der Gesellschaft < Un-
aller Schwierigkeiten in • -
weiterzukommen, ist nicht zu zweifeln. Beide sind energische Menschen und beide verfolgen die Seeabrüstung als Programmpunkt ersten Ran-
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Vornan von Arthur Brausewetter.
Nachdruck verboten.
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Am Willen Macdonalds wie Hoovers, trotz der Seeabrüstung
an den Schnüren seiner Samtjacke und wandte den Blick von dem Alten ab.
„Herr Körber," raffte sich dieser auf, mit merkbarer Mühe nach den Worten suchend. „Sie wissen es, wie ich immer darauf gedrungen habe, daß Sie sich bei diesem großen Einkauf mit den nötigen Devisen eindecken sollten. Sie meinten aber, d ie Hausse im Dollar würde in kurzer Zeit nachlassen, und lehnten es ab.“
„Iawohl. Die Danken erklärten mir einstimmig, es konnte sich nur um eine vorübergehende Hausse handeln."
„Indessen stieg der Dollar, stieg rapide. Wir deckten uns nicht ein.“
„Wir konnten es jetzt nicht mehr."
„Wir hatten andere Verluste: die übernommenen Verbindlichkeiten gegen die neugegründete Papiergesellschaft, die Uebemahme einer so großen Anzahl von Stammaktien, vor der ich warnte, und gegen die auch Herr Gomprecht seine Stimme erhob."
„Die Männer, die dahinter standen, schienen Gewähr für e in besseres Gelingen zu geben.“
„Wenn Tenerissen wie Hamanns Erben heute auf Erfüllung ihrer Verträge bestehen, so bedeutet das — —“
Um die blutlosen Lippen lief ein Zucken. Man fühlte dem alten Mann die innere Bewegung an, die ihn nicht weitersprechen ließ.
„Schwere, sehr schwere Verluste... ich weiß das, mein lieber Steinwender. Aber andere Geschäfte machen in diesen unberechenbaren Zeiten ähnliches durch. Wir sind nicht die einzigen. Wir werden tapfer arbeiten. Ich werde Ihnen freiere Hand lassen — und wir werden die Verluste überwinden." , ri „
„Es handelt sich nicht um Verluste.
„Worum denn?"
„Um den Ruin."
Ganz still war es zwischen den beiden.
— — Den Ruin, sagen Sie?" fragte dann Klaus Körber, und feine Stimme zitterte. „So weit wären wir?" . r.
„Ia, Herr Körber--so weit sind wir.
„Die Bank muß helfen." u
„Wir haben den Kredit bereits überzogen.
„Ich werde mit Gomprecht sprechen."
„Es wird Ihnen nichts nützen."
„Tenerissen sowie Hamanns Erben müssen von ihren Verträgen zurücktreten. Sie stehen mir persönlich nahe. Sie befinden sich heute unter meinen Gästen, und ich darf sie zu meinen Freunden rechnen."
„Es wäre die letzte Möglichkeit... die einzige Rettung wäre es. Tun sie es nicht... dann sind Sie morgen ein ruinierter Mann... ein völlig ruinierter Mann. Und nun werden Sie verstehen, daß ich heute Ihren Geburtstag nicht mit Ihnen feiern kann."
,'Puh — was für ein Wetter!" sagte Herr Benno Markenthin zu Herrn Lothar Tenerissen, rieb sich die roten starkknochigen Hände, putzte lärmend die Vase und trat mit den platten Füßen, die sich an die widerwillige Einschnürung in die zierlichen Lackhalbschuhe immer noch nicht gewöhnt hatten, über den dicken Läufer der behaglich durchwärmten Diele.
Starr wie ein Fels stand der baumlange Tenerissen, sah immer geradeaus und mit keinem Blick auf den runden, wohlgenährten Zigarettenfabrikanten, der allerlei Geschichten aus dem Geschäft und aus der Gesellschaft erzählte und seiner Ungeduld über das lange Ausbleiben der Damen, die in den oberen Räumen ablegten, drastischen Ausdruck gab.
„Das ganze Verheirateten ist ein einziges Warten."
Er liebte solche geistreichen Anmerkungen und war stolz auf sie.
„So... so." Das war das einzige, was Herr Tenerissen sagte, was er überhaupt zu sagen pflegte, wenn man gleichgültige Dinge mit ihm verhandelte oder ihn in eine gesellschaftliche Unterhaltung zu ziehen suchte. Vur wenn sich das Gespräch um geschäftliche oder politische Gegenstände drehte, wurde er lebhaft.
Vun gesellte sich auch Felix Gomprecht, der noch jugendliche und, im Gegensatz zu den beiden anderen Herren, mit vollem dunkeln Scheitelhaar bedeckte Direktor der Deutschen Bank, zu ihnen. Er brauchte niemals zu warten, denn er hatte niemand, auf den er es hätte tun können, und freute sich über diese Tatsache jedesmal aufs neue, wenn er seine Freunde vor den Gesellschaften mit größerer und geringerer Ergebenheit in den Dorräumen auf- und niederschreiten sah.
Ieht aber war alles in dem großen Empfangssaal versammelt, in dem bereits Klaus Körbers Eltern ihre Gäste begrüßt hatten. Vichts Herkömmliches oder gesellschaftlich Steifes war in ihm. Altertümliche, mit sorgfältiger Kunst gearbeitete Möbel standen in reicher Anzahl und scheinbar planloser Anordnung in der Mitte des Zimmers, in lauschigen Ecken und Winkeln. Don schweren Pfeilern blickten wuchtige Droncen herab, und an den mit bordeauxroter Seide ausge- fchlagenen Wänden hingen zwischen zwei kühn- geschweiften Spiegeln und glitzernden Armleuchtern bunte Gemälde in goldenen, manchmal ein wenig prunkenden Rahmen. Und über alles das gossen von den hohen Deckenfriesen hernieder- hängende Glühbirnen ein gedämpftes Licht, das diese Welt der Pracht und des Reichtums in wohlig weiches Dehagen hüllte.
An der Eingangstür stand Klaus Körber. Freundschaftlich und doch mit der Achtung, die dem Jüngeren dem angesehenen Senior der Kaufmannschaft gegenüber angebracht erschien, begrüßte er Herrn Tenerissen, neigte sich zum
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Mögliche hinaus. Aber es bestimmt und beschwingt die Desprechungen, die Macdonald mit dem neuen amerikanischen Botschafter Dawes eifrig in London führt. Am 2. August wurde eine vorläufige Formel der Flottenabrüstung veröffentlicht, auf die die beiden sich schon geeinigt haben. Sie hat als Ziel die Halbierung der gegenwärtigen Flottenstärken, nimmt dazu in Aussicht die Einschränkung der Ersahbauten, die Verlängerung des Lebensalters der im Dienst befindlichen Schlachtschiffe, die Festsetzung für neue Ersahbauten auf 25—30 000 Tonnen und in der Artillerie auf das 30,5-> Zentimeter- Geschütz und schließlich die vollständige Einstellung der Unterseeboots-Bauten überhaupt.
Mese Formel ist in Paris, Rom und Tokio mitgeteilt worden. Im Herbst soll eine Konferenz dieser fünf Mächte über die Formel stattfinden, aber nicht eine Konferenz der Admirale, sondern der Minister. Und diese Vorkonferenz soll ermöglichen, daß die beschlossene Revision des Washington-Abkommens von 1922 vom August 1931 auf den August 1930 vor- verlegt wird. Damit der Völkerbund nicht bei- feitegeschoben werde, soll Macdonald das ganze Programm auch im Vamen Amerikas ausführlich in Gens mitteilen.
Kein Wunder (das Gegenteil wäre em Wunder), daß aus Frankreich und Japan sofort der Widerstand dagegen angemeldet wird. Japan ist mit der Verringerung der Ersahbauten für schlechte Schiffe nicht zufrieden, und Frankreich ist vor allem, wie sich denken läßt, durchaus gegen die Beseitigung der U- Boote. Jenes Programm ist nur vorläufig und in den Verhandlungen sollen Abänderungsvorschläge noch eingearbeitet werden können. Ist es aber mit der Formel England und Amerika ernst, so werden diese an den Grundsätzen nichts ändern können. Das weitere wird dann Macdonald mit Hoover selbst Ende Oktober festlegen. Zur Vorbereitung dieser hochwichtigen Reise ist Macdonalds Privatsekretär schon nach Amerika gefahren. . , -. .
Kein Verständiger wird glauben, daß diese Abrüstungsaktion die äußersten Konsequenzen schon erfüllen wird, die Macdonald in jenem Programm aussprach. Frankreich, Japan, wahrscheinlich auch Italien werden opponieren, und schließlich gehört es doch ganz in den alten Stil, wenn jetzt das Schwergewicht der englischen Flotte, das gleich nach dem Kriege aus der Kordsee in das Mittelmeer verlegt worden war, wieder in die Heimathäfen und in die Vordsee zurückverlegt wird. Wieder soll, wie vor und im Kriege, die atlantische Flotte die stärkste Flotteneinheit Englands werden. Im Vovember soll diese Veuordnung in Kraft treten. Wir erinnern uns daran, daß in den neunziger Jahren das Schwergewicht im Mittelmeer lag und daß es ein wichtiger Punkt in der englischen Einkreisungspolitik gegen Deutschland war, als im Zusammenhang mit der Vorbereitung der englisch-französischen Entente 1904/05 der Schwerpunkt nach der Vordsee verlegt wurde. Rach dem Kriege kehrte man zum Mittelmeer zurück und jetzt wieder nach der Vordsee, natürlich nicht gegen Deutschland als möglichen Feind, sondern gegen Frankreich. Die Verlegung zeigt daß man vor allem die heimische Insel im Falle eines Konfliktes mit Frankreich aufs äußerste schützen und verteidigen will, da Frankreich durch die Veränderung in den Seewassen für die Insel England viel gefährlicher getoor-
Vachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Stockholm, August 1929.
Schweden, das Land mit der großen geschichtlichen Vergangenheit, wird häufig von oberflächlichen politischen Betrachtern als ein verlorener Posten der germanischen Welt angesehen. Man sagt, daß dieses Land die entschei» denösten Punkte seiner Geschichte bereits erlebt habe, daß es einen Dornröschenschlaf schlafe, und daß deshalb feine Politik nur auf die Erhaltung des bisherigen Zustandes gerichtet sei. Eine Zeitlang schien es auch so, als ob diese These zuträfe. Wie steht s damit aber in Wirklichkeit? Gerade der Ausgang des Weltkrieges hat die vielfach unbeachtete Folge gehabt, daß Schweden von dem Druck befreit worden ist, der durch die russische Politik seit den Tagen Peters des Grvßen auf ihm lastete. Mit dem Zusammenbruch des Zarenreiches hatte vorläufig die russische Expansionspolitik in der Ostsee, die sich vornehmlich gegen Schweden richtete, ein Ende gesunden. Das verdankt Schweden den siegreichen deutschen Waffen. Die verantwortlichen politischen Kreise in Schweden haben diese Umstände gewiß nie vergessen, doch hatte sich, da die treibenden Kräfte der großen Politik nicht durch Gefühle, sondern Tatsachen bestimmt werden, ein Stimmungsumschwung bemerkbar gemacht, dessen Ursachen in der verhängnisvollen deutschen Entwicklung seit den Herbsttagen des Jahres 1918 zu suchen sind. Gerade Schweden hatte ja ein ähnliches Schicksal erleben mü sen wie wir. Doch der gesunde, ungebrochene Lebenswille dieses Volkes hatte sich niemals innerlich mit dem Frieden vonVystad (1721- abgefunden, der Schweden aus der Reihe der Großmächte strich. Eine ähnlich unbeugsame Haltung hatte man auch von Deutschland erwartet.
Gleich nach dem Kriege ergab sich eine Anlehnung der schwedischen Politik an Frankreich, die durch die Beziehungen des Sozialisten D r a n t i n g nach Paris wesentlich beeinflußt worden ist. Auch schienen spezifisch schwedische Interessen eine derartige Intimität mit Paris notwendig zu machen. Es galt nämlich, noch die Frage der Aalands - Inseln zu regeln, eine Hinterlassenschaft des zusammengebrochenen russischen Reiches, die ©lernen» c e a u geschickt für sich ausnuhte, indem er der Stockholmer Regierung unter Ignorierung der Wünsche Finnlands eine günstige Zusage machte. Clemenceau war die deutschfreundliche Gesinnung des finnischen Volkes auf die Verven gefallen. Doch er hatte nicht mit den Engländern gerechnet. Die Frage der Aalands-Jnscln wurde auf Betreiben Englands vor den Völkerbund gebracht, der dann die Entscheidung traf, daß die Inseln unter finnischer Souveränität verbleiben, gleichzeitig aber als neutrales Gebiet erklärt werden. Der Wille der Bevölkerung der Inseln selbst, die sich für Schweden ausgesprochen hatte, wurde vom Völkerbund nicht berücksichtigt. Diese
Handküsse vor seiner Gattin, die gerne die Königin in ihren Kreisen spielte, sagte Fräulein Elise, die ganz weiß, von den Schuhsohlen bis zu den Blumen in den Haaren, gekleidet war, einige verbindliche Worte, hatte auch für Herrn Benno Markenthin, über den er sonst gerne hinwegsah, ein gemessen liebenswürdiges Willkommen. Dann aber streckte er mit um so ungezwungener Herzlichkeit Gomprecht, der ihm an Alter und gesellschaftlicher Anschauung am nächsten stand, beide Arme entgegen, und sah sich bald von einem Kreise befrackter Herren, von denen einige noch eine stattliche Kette von Orden und ehrenden Abzeichen aus alter Zeit aufzuweisen hatten, und einem ganzen Flor von duftigen, in allen Farben lachenden und leuchtenden Kleidern umgeben.
Der junge Moritz, Klaus Körbers Leibdiener, und der alte Jochem, den er von den Eltern übernommen, hatten bereits die großen eichenen Flügeltüren, die in den Eßsaal führten, lautlos auseinandergeschoben. Aber Klaus Körber gab den Herrn noch immer nicht das Zeichen, ihre Damen zu Tische zu führen.
„Worauf wartet man eigentlich noch?" fragte die schwerhörige Exzellenz Röhte ihren Vachbar, den verwitterten Admiral Schmettow, so laut, daß es hart und prall durch die träge sich schleppende Unterhaltung dröhnte.
„Die Terlinden ist noch nicht da," flüsterte Benno Markenthin der reizenden Meerscheidt, der jung angetrauten Gattin des alternden Polizeipräsidenten, ins Ohr.
„Sollte er die Dreistigkeit gehabt haben, sie einzuladen?“ mischte sich die dürre, in eine Wolke von Spitzen und Tüll gehüllte Frau Kanzelstuhl, die Witwe eines als Dollarmillionär gestorbenen Tuchfabrikanten, in das Gespräch. „Man trifft sie sonst nicht in der Gesellschaft.“
Da verstummte das halblaute Gespräch dieser Gruppe, wie das wogende Gesumme der anderen. Eine Dame war eingetreten: Hete Terlinden, die gefeierte jungdramatische Sängerin des Stadttheaters.
Der Hausherr trat ihr entgegen, küßte ihre Fingerspitzen, die sie ihm mit einer Grazie reichte, die halb kokette Schelmerei, halb leise Befangenheit war, und begleitete sie zu den Damen. Und die eben so wenig freundlich über sie geurteilt, überhäuften sie mit Verbindlichkeiten aller Art. Die einzige Ausnahme bildete Frau Tenerissen. „Man mag eine Terlinden zu seiner Geliebten haben,“ sagte sie zu ihrem Manne, „aber man lädt sie nicht in eine Gesellschaft, zu der man uns bittet. Und wenn es dein Freund Körber noch einmal wagen sollte, dann wirst du allein auf seine Abende gehen müssen."
(Fortsetzung folgt.)
Genfer Entscheidung hat dann sehr schnell bewirkt, daß Schweden von dem Wahn, durch eine Orientierung nach Paris sür ihr Land Vorteile erlangen zu können, geheilt worden ist. Branting erklärte im Sommer 1921: die Entscheidung sei keine Viederlage für Schweden, sondern eine Viederlage für das Völkerrecht und den Völkerbund. Vach seiner Ansicht sei der Völkerbund ein Werkzeug der Jnteressenpolitik der Großmächte geworden. Die Stockholmer Regierung antwortete auf den Genfer Beschluß nur noch mit einem energischen Protest und setzte alle weiteren Hoffnungen auf die Zukunft.
Die Verstimmung der schwedischen Bevölkerung über das Scheitern der franzosensreundlichen Politik des sozialistischen Ministeriums machte sich in den folgenden Jahren bald bemerkbar. Es folgten verschiedene Kabinette, deren Hauptaufgabe darin bestand. Sie innerpvlitischen Kräfte zu einer andersgerichteten Orientierung der schwedischen Politik zu sammeln. Ein sichtbares, einschneidendes Ergebnis dieser Entwicklung lag im Herbst des vergangenen Jahres vor. Durch Äeuwahlen wurde das bisherige sozialistische Ministerium gestürzt und durch das konservative Kabinett des Admirals Lindman ersetzt. Wenn auch Ministerpräsident Lindman in den letzten Wochen einige innere Schwierigkeiten gefunden hat, so steht doch die Regierung heute, nach dem Rücktritt des Finanzministers, wieder einigermaßen gefestigt da. Die Grundlinien ihrer Politik sind zweifellos trotz strikter Ablehnung aller „demokratischen" Phrasen auf eine Gemeinschaftsarbeit Europas im wohlverstandenen Sinne gerichtet und sie erhalten ihre besondere Bedeutung dadurch, daß sie zweifellos von England nicht ungern gesehen werden, ja einige hiesige Politiker sind der Auffassung, daß sich der Vorposten der englischen Front gegen Sowjetrußland von Warschau nach Stockholm verlegt hat.
In diese Linie fallen auch die Tendenzen, die unter dem Postulat eines „O st s e e b l o ck e s" Ausdruck erhalten. Erst vor wenigen Tagen ist König Gustas von seinem Gegenbesuch bei dem lettischen Staatspräsidenten zurückgekehrt. Es ist noch nicht viel Zeit verstrichen, daß man in Finnland den lettischen Außenminister in amtlicher Mission wirken sah. Zweifellos handelte es sich um eine Annäherung der Ostsee l ä n de r , eine Politik, die sich nach den Gesetzen der Diplomatie erst in den nächsten Jahren ganz auswirken wird. Schon heute aber kann man sagen, daß Schweden in Lettland, Estland und Finnland eine einflußreiche Stellung besitzt, daß diese Staaten bei allen entscheidenden Ereignissen sich mit Stockholm in Verbindung setzen. Der sehr deutliche Ausspruch des lettischen Staatspräsidenten beim Bankett im Stockholmer Schloß: „Lettland hat seine Blicke nach der anderen Ostseeseite gerichtet, in der Ueberzeugung, I dort Freunde zu finden", bestätigt diese Auffassung. Zweifellos stehen dieser Verständigungspolitik noch Schwierigkeiten gegenüber, die in
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Verloren taanü Gegen Belohnung abzugeben Wik Neuen B8ne 22 III.
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