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5reitag. 8. März 1929

(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 57 Zweites Blatt

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Nachdruck verboten.

1. Fortsetzung

Sie nach 36rem Zimmer, da ich Ihnen noch einen Vorschlag unterbreiten möchte."

Vicht jetzt, nicht heute, Deilinger!" stammelte Geheimrat Hollermann, nur mühsam die Em­pörung gegen den Schurken niedeickämpfend.

Auch das, Herr Geheimrat. Ich werde bis morgen warten, sogar bis morgen abend. Sie haben Gesellschaft morgen. Ich bin ebenfalls geladen. Unsere Unterredung ist kurz. Ihre Antwort wird ebenfalls kurz sein. Ihr Ja oder Vein soll entscheiden. Vis dahin bleivt wohl die Leiche Erich VlessenS in der Beinen Totenhalle hinten im Gartenhause. Man kann ja nicht wis­sen, ob die Polizei doch noch Interesse daran findet."

Die Augen deS alten Arztes drohten aus ihren Höhlen zu treten. Seine Fäuste ballten sich in ohnmächtigem Grimm, und für einen Moment hatte es den Anschein, als wenn ec sich auf feinen Peiniger ftüraen wollte.

Deilinger trat, leise auflachend, zur Seite, und Geheimrat Hollermann wankte an ihm vor­über.

Stundenlang ging der alte Arzt in dieser Rächt in seinem Schlafzimmer auf und ab.

Sein Gesicht war aschfahl, er.sah um Jahre gealtert aus. Seine Hand zitterte, als er jetzt zu einem kleinen Tisch trat, um das fünfte Glos Portwein in einem Zug zu leeren.

Mas, was will Deilinger von mir? murmelte er, wild gestikulierend, vor sich hin.Weshalb seht er mir die Daumenschrauben auf? Zu wel­chem unbekannten Schlag holt er aus, um mich kirre zu machen? Daß ich ja sage, ja sagen muh? Und wenn ich nein sage? Dann Erich Dlesseni" Gequält auflachend warf er sich endlich in einen Klubsessel.

Der Marburger Soushaltsplan für 1929.

][ Marburg, 7. März. In der vorgestrigen Stadwerordnetensihung legte Oberbürgermeister Mueller den Verwaltungsbericht für 1 9 2 8 und den Haushaltsplan derStadt Marburg für 1 9 2 9 vor. Aus dem Ver­waltungsbericht ist zu entnehmen, daß daS

Wahnsinn wurde!" schrie die Geheimrätin jetzt gellend auf.Mir verweigerst du die Hilfe, deinen Patienten aber hilfst du sogar zur schnei» len Fahrt ins Jenseits."

«Evelyn, halt ein, Evelyn!"

Vein, nein, in dieser Stunde sollst du es wissen. Ich hasse dich, denn du bist ein Mörder und ich fürchte mich vor dir. Jetzt bitte ich nicht mehr um das Morphium; denn nun, da du weiht, dah ich dein Geheimnis kenne, könntest du mir die Dosis ebenfalls zu stark bemessen. Doktor Tellinger war vorhin bei mir. Ec er­klärte dich für geistig unzurechnungsfähig und riet mir, einen Vervenarzt zu Vate zu ziehen."

Gebrochen, aufstöhnend den Kopf in beide Hände gepreßt, lehnte Geheimrat Hollermann am Kamin des kleinen Damenzimmers.

Ein trockenes Schluchzen würgte ihm in der Kehle, und er vermochte, wie gelähmt vor so viel Schlechtigkeit, kein Wort zu sprechen.

Seine Frau lauerte wie eine böse Katze im Lehnsessel und sah ihn lauernd von der Seite an.

Schließlich erschien ihr aber die Ruhe ihres Mannes unheimlich, und sie sagte in völlig ver­ändertem Ton:

Verzeih', Dernharb, vielleicht hätte ich es dir nicht sagen sollen, aber ich war wie von Sinnen über das, was mir Deilinger so schonend wie möglich mitteilte. Er sprach nicht in gehäs­siger Weise von dir, nicht wie einer, der dich vernichten will. Es gibt einen Ausweg, alles in Stille und Güte zu regeln. Deilinger unter­breitete mir einen Vorschlag. Wenn wir uns dazu verständigen könnten, wäre wohl alles wie­der eingerenkt."

Was was will er denn von mir, weshalb kam er nicht zu mir, warum zu dir?"

Weil er wohl einsah, daß wir Frauen in manchen Dingen nicht so skrupelhaft und schwer- fällig sind, und manche Angelegenheiten prak­tischer und schneller zu erledigen wissen."

Evelyn, ich verstehe noch immer nicht."

Vun gut, du wirst ja doch freudig zu allem ja und amen sagen, denn unser aller Ehre steht auf dem Spiel. Deilinger wünscht noch am heu­tigen Abend die Veröffentlichung seiner Ver­lobung mit (Brigitta.

MitBrigitta? Mein Gott, Evelyn, ich soll sie diesem Schurken anvertrauen? Und (Brigitta selbst, du weißt, fie liebt ihn nicht."

Kannst du noch danach fragen, wo du weißt, was sonst geschehen wird!"

Ich soll mein Kind verkaufen, um mich zu retten?

Allerdings, dich selbst und die Ehre deiner Familie. Oder willst du. daß schon morgen jeder Mensch in Hamburg weiß, daß Geheimrat Hollermann der Mörder Erich Blessens ist'."

(Fortsetzung folgt.)

Oie Liebe derBrigitta Hollermann Vornan von Elisabeth Ney.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale).

Jahr 1928 einen erheblich gesteigerten Fremden­verkehr in Marburg gebracht hat. Die Ver­mögenslage der Stadt ist als günstig zu bezeich­nen. Einem Vermögensstand von 15 Millionen Mark (einschl. der gewerblichen (Betriebe) steht ein Paslivum von 5,8 Millionen Mark gegenüber. Trotz größter Einschränkungen weist der neue Haushaltsplan gegen das Vorjahr ein Mehr von 290 800 Mk. auf; er schließt in Ein­nahme und Ausgabe mit 4 091 000 Mk. ab. An Zuschlägen zu den Real steuern sind vorgesehen: 375 Prozent zur Grundver­mögenssteuer, 400 Prozent zur Gewerbeertrags­steuer und 1100 Prozent zur Gewerbekapitalsteuer. Als Anteil am Aufkommen der Reichseinkommen- steuer werden 420 000 Mk. erwartet. Die Statistik der Gewerbesteuer, nach der im Jahre 1927 21,84 Prozent der Gewerbetreibenden ein Ein­kommen von unter 1500 Mk. und 31,12 Prozent ein Einkommen zwischen 1500 und 2700 Mk. ange­geben haben, zeigt die schwierige Lage der Mar­burger Gewerbebetriebe. Die städtischen Dade- betriebe, Sommerbad und Hallenschwimmbad (im (Bau befindlich), sollen als selbständige Detriebe nach kaufmännischen Grundsätzen verwaltet werden.

Pünktlich früh sieben Uhr zu gewohnter Zeit, stand Geheimrat Hollermann am Operations­tisch.

Ruhig und sicher führte er die nötigen Griffe an dem sich ihm anvertrauenden Menschen aus. Ebenso ruhig und sachlich sprach er mit seinem Assistenten Doktor Deilinger, der ihm sekundierte, als sei nichts geschehen, als wäre das Gestern nur ein wüster Traum gewesen.

Deilinger verriet ebenfalls mit keiner Miene, waS in seinem Innern vorging, und nur ab und zu glomm es in seinen Augen wie ein Fünk­chen heimlichen Triumphs auf.

Gleichmäßig freundlich, als sei nichts geschehen, du chschritt der alte Geheimrat dann in (Be­gleitung Doktor Deilingers die Krankenzimmer, nur fein bleiches, verfallenes Gesicht, und der müde Dlick seiner Augein verrieten die schlaflose, quälende Vacht der Sorge.

Wit stummem Gruß trennten sich dann die beiden Aerzte voneinander.

Als Geheimrat Hollermann kurz nach Tisch seine Villa betrat, kam ihm seine Tochter Isa leichtfüßig entgegen.

Pa!" rief fie, ihn flüchtig auf die Stirn küssend,geh' schnell zur Mama. Sie hat wieder einmal Migräne, und dazu sucht sie auch aus­gerechnet den Tag aus, an dem wir Gesell­schaft haben. Womöglich müssen wir allen Gä­sten absagen."

Va. na, so schlimm wird es wohl nicht gleich werden, Beine Isa," entgegnete der Geheimrat Hollermann verärgert, denn er kannte die Mi- gräneanfälle seiner Frau sehr gut. Meistens wollte sie damit irgend etwas erzwingen, oder auch, sie hatte sich wieder einmal angeblich über ihn zu mokieren.

Zehn Minuten später erschollen erregte Worte aus dem Doudoir der noch sehr jugendlichen Frau Geheimrat, dazwischen war die ruhige, be­gütigende Stimme ihres Mannes zu hören.

Isa Hollermann aber stand an der Tür und lauschte gespannt.

Du verweigerst mir also bas Morphium, (Bernhard?" hörte sie die Mutter böse aus­rufen.

Allerdings, liebe Evelyn, sogar sehr energisch. Man nimmt nicht wegen jeder kleinlichen Er­regung ein Gift in seinen Körper auf. Trinke (Baldrian, das hilft auch."

Das wagst du mir zu sagen!" rief die Frau mit schriller Stimme aus.

Wie sprichst du zu deinem Manne, Evelyn? Dist du von Sinnen?" fragte Hollermann, sich mühsam zur Ruhe zwingend.

Meinst du, daß ich vor dir noch Achtung hätte?" klang es höhnend zurück.

Evelyn, halt' ein! Was bedeuten deine Worte?" schrie der Mann gequält auf.

Also du verweigerst gerade mir die unschuldige Beine Dosis Morphium?" entgegnete die Frau jetzt unheimlich ruhig; aber in ihrer Stimme zitterte es wie maßloser Haß und wie eine heimliche Drohung.

Gerade dir, Evelyn, ich ich verstehe dich nicht?"

Du verstehst mich nicht, ganz recht. Ich bin dir ja immer am gleichgültigsten gewesen. An­deren Menschen hllsst du, aber mit meinen Schmerzen kennst du kein Mitleid."

Rede keinen Unsinn, Evelyn, daS ist ja über­spanntes Zeug. Danke Gott, daß du ein gesun­der Mensch bist, und nicht zu den armen Men­schen gehörst, denen man in' seiner Ohnmacht, ihnen nicht Helsen zu können, betäubendes Gift einsprihen muh.

O du Mann der Aufopferung, der selbst die Ehre von Frau und Kind preisgibt, um Men- sc^nleid zu lindern, der zum Mörder für seinen

Oberheffen.

Landkreis Gietzen.

U. Klein-Linden. 7. März. Am Sonntag tagten im GasthausZur (Burg die Mitglieder des MannergesangvereinsHar- moni e". Der Vorsitzende verlas zunächst den Geschäftsbericht für das verflossene Jahr. Die Rechnung, von dem Dereinsrechner Ludwig Will geführt, zeigte eine günstige finanzielle Lage des Vereins. Der Kassenbestand betrug am Ende deS IahreS 1928 rund 175 Mk. Dem Rechner wurde Entlastung erteilt. Ferner wurden die Statuten einer Revision unterzogen. Der (Beitritt zum Deutschen bzw. Hessischen Sänger­bund wurde einstimmig beschlossen. Der Verein beabsichtigt, in diesem Jahre zwei Sängerfeste zu besuchen, und zwar in Lollar und Ober- Quembach. Aus dem Geschäftsbericht ist zu er­wähnen, daß im verflossenen Jahre 60 Gesangs­proben abgehalten wurden und 11 Sängern die silberne Radel verliehen werden konnte. Einge­treten in den Verein sind im letzten Jahre 20 neue Mitglieder, so daß die Mitgliederzahl jetzt 103 beträgt; sie seht sich zusammen aus 42 ak­tiven. 31 passiven, 26 Ehrenmitgliedern, 2 noch lebenden Gründern und 2 Ehrenvorstandsmit­gliedern. Ehrenvorsitzender ist Heinrich Wahl, Chrendirigent Lehrer Möller. Der derzeitige Dirigent ist Lehrer Lotz (Weidenhausen). Als ein gutes Zeugnis gegenseitiger Anhänglichkeit und Treue darf die Tatsache bezeichnet werden, daß der Verein seit seiner Gründung vor mehr als 40 Jahren ununterbrochen fein Stammlokal im GasthausZurBurg" hat.

X Wieseck, 7. März. Der FilmGlaube und Heimat" wurde zweimal für Schuljugend und Erwachsene in unserer Kirche vorgeführt. Die erschütternde Wirkung, die des Dichters Karl Schönherr Tragödie eines Volkes überall erzielt, zeigt sich auch bei dieser Filmvorführung.

t TreiS a. d. Ld a., 7. März. Missionspredi­ger Lauk, Frankfurt a. M., zeigte dieser Tags auch hier in Wills Saal den Film von der Arbeit der Baseler Mission in Indien. Die nach der Vatur auf genommenen Bilder gaben In den beiden ersten Teilen ein anschau­liches Bild der indischen Kultur und des dor­tigen Volkslebens und zeigten in den drei an­deren, was die Mission daselbst leistet. Zum Verständnis trug der erläuternde Vortrag des Mifsionspredigers sehr viel bei. Als Vach-

Oer Reichsrat billigt den Reichsetat.

Die Abstimmung des ReichSratS über den Haushaltsvoranschlag der Reichsregierung wird in Berliner parlamentarischen Kreisen als ein ' politisches Kuriosum angesehen. Es hat sich ha­bet nämlich die unerwartete Tatsache ergeben, daß Hilferdings Vorschläge mit weni­gen Abweichungen genehmigt wurden, ja, dah sich der Reichsrat sogar dazu bereit fand, einer Kürzung der Ueberweisungen an die Länder zuzustimmen. Dieses merkwürdige Er­gebnis konnte nur dadurch erzielt werden, daß Preußen sich aus politischen Gründen bereit erklärte, eine seiner Meinung nach ungerechtfer­tigte Kürzung anzunehmen.

Ebenso hat der Reichsrat gegen die Stimmen Bayerns und anderer Länder mit 48 gegen 20 Stimmen das Steuerprogramm Hilfer­dings genehmigt. Wenn es nach diesem Be­schluß ginge, dann würde also sowohl die Er­höhung dieser Vermögenssteuer, wie die Erhöhung der Diersteuer Tatsache werden. Bayern hatte, um den Fehlbetrag im Haushalt zu decken, den Antrag gestellt, alle Steuererhöhungsvorlagen der Regierung fallen zu lassen und statt dessen die Umsatzsteuer von dreiviertel Prozent auf ein Prozent zu erhöhen. Dieser Antrag wurde mit der gleichen Mehrheit abgelehnt. Wenn man von verschiedenen vergleichsweise klei­nen Posten absieht, dann hat die Regierung also im Reichsrat mit Hilfe Preußens ihren Willen bekommen und kann am 13. März mit ihrem Haushalt vor den Reichstag treten.

Allerdings ist das Schicksal dieses Etats im Parlament durch die Reichsrat-Abstimmung noch keineswegs sicherer geworden. Denn bekanntlich sind alle Verhandlungen unter den hinter der (Regierung stehenden Parteien über eine gemein­same Finanzpolitik bisher restlos gescheitert. Die DeutscheVolkspartei steht auf dem Stand­punkt, daß der Haushalt ohnejede Steuer­erhöhung ins Gleichgewicht gebracht werden muß. Wie wir zuverlässig erfahren, ist sie auch entschlossen, diesen Gesichtspunkt mit allem Rach- druck zu vertreten. Sie kann sich dabei auf alle Kreise der deutschen Wirtschaft stützen, die aus zwingenden Gründen im gegenwärtigen Augenblick jede Erhöhung insbesondere der Ver­mögenssteuer und der Biersteuer a b l e h n e n. InderDayerischenVolksparteiist man gleichfalls über die Genehmigung des Steuer- Programms des Reichssinanzministers Dr. Hilfer- ding durch den Reichsrat sehr betroffen. Die Bayerische Volkspartei wird unter keinen Um­ständen einer Kürzung der Steuerüberweisungen an die Länder und einer Erhöhung der Dier­steuer zustimmen.

Desonderen Eindruck machten die Ausführungen des (Berichterstatters über die K a s s e n l a g e des Reiches. Am 31. März werden der Reichskasse mehr als eine halbe Milliarde unmittelbar be­nötigter Mittel fehlen. Diese Summen müssen durch Schahwechsel und durch Reichsbankkredit herbeig schafft werden. Es liegt auf der Hand, daß diese Geldknappheit in den öffentlichen Kas­sen, die Ende vorigen Jahres schon einmal die (Notwendigkeit der Aufnahme kurzfristiger An­leihen ergab, auf die Dauer ein unhaltba­rer Z u st a n d ist. Auch hierüber wird der Reichstag im Interesse einer geordneten Finanz­politik ein ernstes Wort zu sagen haben.

Ah, Herr Geheimrat, Sie waren bei Blessen?" fragte er lauernd.

Hollermann nickte nur kurz und wollte an seinem Assistenten vorübergehen.

Auf ein Wort noch, Herr Geheimrat," vertrat ihm dieser den Weg.Ich möchte Sie noch etwas fragen."

Hai das nicht bis morgen Zeit, Herr Kol­lege?"

Dis morgen? Hm, vielleicht? Und doch, Herr Geheimrat, mein Gewissen als Arzt duldet kei­nen Aufschub, es krankt noch nicht an Alters- erscheinungen. Kurzum, Herr Geheimrat, ich halte es für meine Pflicht, den Giftmord an dem Pa­ttenten Blessen sofort der Polizei zu melden."

Deilinger!" Drohend hatte es der alte Arzt ausgerufen.

Haarscharf kreuzten sich ihre beiden Augen- paare Plötzlich sank Geheimrat Hollermann völ­lig in sich zusammen, denn er hatte in diesen Augen seine Vernichtung, die seiner Ehre und Erlstenz, gelesen. Dieser Deilinger würde nicht eher ruhen, als bis man ihn des Mordes über­führt hatte. Er war ein Verlorener, und dies alles, weil er einen armen Menschen von un­sagbarem Leid befreite, die Todesstunde ver- kürzte, verschönerte. ,. ,,

Dieser da war der grausame Pflichtmenfch. ohne Herz, ohne Gefühl. Und er? Was war er?"

.'.Trotz alledem: du bist ein Mörder!" Bang es als Antwort in ihm.

Die Welt würde ihn nicht verstehen, oder , nur wenige. Und die wenigen würden kaum Den Mut haben, sich zu chm zu bekennen. Er war ein Mörder aus (Nächstenliebe.--_

Roch immer standen sie sich gegenüber. Dann versuchte Hollermann zu gehen. Der andere aber vertrat ihm den Weg mit den Worten:

Voch einen Moment, Herr Geheimrat, viel­leicht gibt es einen Ausweg. Man müßte je­mand finden, der Ihnen auf die Finger sieht, damit so etwas nicht mehr vorkommen kann.

Herr!" brauste Hollermann auf, und taumelte erbleichend zurück. eie.

Vur gemach, Herr Geheimrat. Sie sind be­greiflicherweise erregt. Es ist ja schließlich kein Leichtes, einen Menschen vorsätzlich getötet zu haben. Wenn es Ihnen recht ist, so begleite ich

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Gens, 7. März 1929.

Die große Rede, mit der der Reichsaußenminister in Genf den Kampf für das Recht der Minder­heiten aufnahm, war getragen von dem Willen, eine Mission zu erfüllen, die Stresemann selbst als eine weltpolitische, als eine historische ansieht. Es geht dem Reichsaußenminister wohl wirklich nicht um eine Art von Enllastungsoffensioe für die eine oder andere Einzelgruppe; es geht ihm ehrlich um Die Wahrung der gesamten, vom Völkerbund durch feierliche Anerkennung nun einmal geheiligten Grundrechte der Minderheiten. Diese Verbreiterung des deutschen Vorstoßes konnte au einer Gefahr Serben, weil sie neue Widerstände herausbeschwören mußte, aber schon jetzt kann ge­fugt werden, daß diese Gefahr, der schließlich nicht aus dem Wege gegangen werden konnte, nach der Art des Auftaktes im Kampf nicht mehr allzu groß ist. Auf die Verbreiterung der Aktion konnte Stresemann nicht verzichten, weil er sich sonst überspitzten Angriffen zunächst getroffener Staaten ausgesetzt hätte.

Die Rede Stresemanns und die Dandurands standen In einem merkwürdigen Gegensatz zuein­ander. Der kanadische Delegierte, der, wie bemerkt werden muß, nicht für seine Person, sondern im Namen seiner Regierung sprach, konnte es sich leisten, ein fertiges Programm des Min- derheltenschutzes vorzulegen und zu verteidigen. Mehr als bisher kann er schließlich von der En- tentepress« doch nicht mehr angegriffen werden und Dandurand fühlt sich schließlich als ein Apostel, der von der Gerechtigkeit seines Kampfes zu über­zeugt ist, um sich noch Zurückhaltung aufzuerlegen. Stresemann durfte, wenn er der Sache nicht schaden wollte, sich nicht so rücksichtslos einsetzen. Er hat wenn auch in liebenswürdigster Form mehr gesagt, als vielleicht jemals Itn Rat und vor allem zu diesem Punkte gesagt worden ist. Er durfte dem zu erwartenden Ansturm nicht rsiehr Angriffs­fläche bieten, als zunächst unbedingt notwendig war. Darum der Verzicht auf genaue Spezialisie­rung der deutschen Wünsche. Stresemann hat in den Jahren ' seiner Völkerbundsarbeit offenbar gelernt, daß eine noch so schone und noch so wohlwollend aufgenommene Rede nichts, aber auch gar nichts fruchtet. Er weiß jetzt offenbar, daß ein wirklicher Erfolg von der Voraussetzung abhängig ist, ihn ohne großes Aufsehen errungen zu haben. Deshalb verlegt er absichtlich die eigentliche Aus­einandersetzung über eine erfolgversprechende Proze­dur des Minderheitenverfahrens in die Kom­mission und nimmt sie selbst aus dem Rat, in dessen öffentlichen Sitzungen größter Wert auf Un­verbindlichkeit gelegt wird. Wie weit die deutsche Delegation den Schutz der Minderheiten letzten Endes ausdehnen will, darauf läßt die Forderung Stresemanns nach einem Schutz der Minderheiten nicht nur von Fall zu Fall, sondern nach einer dauernden Beobachtung durch einen stän­digen Ausschuß schließen. Außer diesem letzten Ziel sind auch schon Einzelheiten des von den Deutschen gewünschten Verfahrens angebeutet: z. B. die bisher nicht gestattete Beteiligung der inter­essierten Parteien, das direkte An- hören der Minderheiten, die Oeffent- lichkeit des Verfahrens und der stän­dige große Minderheitenausschuß. Aber alle diese Forderungen sind noch nicht, wie Dandurand es tut, in eine starre Form gebracht worden. Sie können bisher nur als Anre­gungen gelten.

Aufgabe des schon auf dieser Session des Rates einsetzenden Untersuchungsausschusies ist es, die praktischen Vorschläge Dandurands und die Anre­gungen Stresemanns zusammen mit den zahllosen anderen vorliegenden oder zu erwartenden Vor­schlägen zu prüfen, zu sichten und bann ein Pro- gramm aufzustellen, bas der Vollversammlung des Völkerbundes zur Beschlußfassung unterbreitet wer­den muß. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß das Minderheitenschutzverfahren sich so weit von den im Dölkerbundspakt ausgestellten Grundsätzen entfernt hat, daß eine wirkliche Revision nicht mehr durch das ausführende Organ, dem Dolker- bundsrat, vorgenommen werden kann, sondern nur noch von der Vollversammlung. Diese Tat­sache wird sicher unfreiwillig bestätigt durch das Memorandum, das die Staaten der Kleinen Entente Aufammen mit Polen und Griechenland nicht etwa Dem Völkerbundsrat ober feinem Präsidenten, son­dern den Unterzeichnern der Friedens­oerträge zum Thema des Schutzes der Minder­heiten überreicht haben. Der Gedanke dieses Stö- rungsoersuches ist klar: man möchte aus Furcht vor unübersehbaren Beschlüssen des Völkerbundes a n die Schöpfer der Minderheiten, die Unterzeichner von Versailles, Trianon usw. selbst appellieren. Eine Art von Völkerbundshochverrat. Technisch können diese Vorschläge im Rat natürlich nur verhandelt werden, wenn Zalejki sie in der Versammlung selbst vorbringt. Der Untersuchungs­ausschuß kann keinesfalls an ihnen vorbeigehen. Die Sprache dieser auf polnischer Initiative be­ruhenden Note ist reichlich anmaßend, und ihr juri­stischer Aufbau ist bis auf einen Punkt sehr schlecht fundiert. Der eine ernst zu nehmende Gedanke ist die polnische Feststellung, daß die bisherige Behandlung der Minderheitenbeschwerden durch ein Dreierkomitee eigentlich den Statuten des Völkerbundes widerspricht, da die Ver­antwortung für die Behandlung solcher Beschwerden in die Hand einzelner Ratsmitglieder gelegt wird. Die hieraus gefolgerte polnische Formulierung der ausscyließlichen Verantwortung der beklagten Regie­rung aber ist abwegig. Aus der polnischen Feststel- lung folgt nur, daß der Rat über die Neuordnung eben nicht mehr allein entscheiden könne.

Auf jeden Fall ist es jetzt so weit, daß die Frage der Minderheiten aufgerollt ist und daß, wie die sehr geschickten Zitate früherer Völkerbundsauslassun- gen durch Dr. Stresemann beweisen, eine einfache Vertagung auf unabsehbare Zeit nicht mehr in Frage kommt. Sogar die im Jahre 1925 noch vorherrschende Theorie der allmählichen Aussaugung der Minder­heiten steht jetzt ernstlich nicht mehr zur Diskussion. Es handelt sich jetzt nur noch um Die mehr oder weniger ehrliche Durchführung eines Ver­fahrens, das die dauernde Sicherung des Daseins der Minderheiten garantiert. Der Reichs­außenminister hat sich im Interesse der Minder­heiten in einer bisher noch nicht dagewesenen Form politisch exponiert. Jetzt gibt es für ihn kein Zurück mehr. Die einmal begonnene Aktion muß weitergeführt werden, die eigentliche Entscheidung aber fällt nicht auf dieser Ratstagung, sondern in den Arbeiten der Kommission.

Stresemanns Vorstoß in Gens

Drahtbettcht unseres kl. ^.-Sonderberichterstatters.