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Nr. 287 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 7. Dezember (924

Zettfragen des Mittelstandes.

Oie Absatzfinanzierung im Einzelhandel.

Don Dr. Moeßner,

Syndikus des Landesverbandes des hessischen Einzelhandels.

Die Geldarmut, die in Deutschland leider schon zu einer chronischen Einrichtung geworden ist, hat naturgemäß auch im Geschäftsleben dem Einzelhandel ihren Stempel ausgedrückt. Genau fo_ wenig, wie der Kaufmann heute in vielen Fällen in der Lage ist, seinen Verpflichtungen prompt nachzukommen, ist dies natürlich dem Konsumentenpublikum möglich. Man muh daher die Feststellung machen, daß in den letzten Jahren der Anteil des Barverkaufs in den Geschäften im Rückgang, der Anteil des Kreditverkaufs im starten Wachsen begriffen ist. Cs gibt gewiß auch heute noch viele Geschäfte, die lediglich ge­gen bar verkaufen, aber die Fahl derjenigen, die heute gezwungenennaßen oder freiwillig ihrer Kundschaft Kredite einräumen müssen, nimmt immer mehr zu. An sich bedeuten alle Kredit­verkäufe eine Belastung des Geschäftes: der Kauf- mann muß auf der einen Seite seinen Lieferanten bezahlen, auf der anderen Seite größere Sum­men dem Publikum kreditieren, trotzdem aber sein Lager auf der Höhe halten. Daß dies bei dem herrschenden Kapitalmangel äußerst schwierig ist, liegt auf der Hand, und man bemüht sich nun schon seit Jahren, praktische Wege zu finden, die der Kaufmannschaft das Kreditgeschäft erleich­tern, d. h. finanzieren sollen. Die Anfänge solcher Versuche reichen in Deutschland bis auf den Herbst 1926 zurück; sie lehnten sich an amerika­nische Vorbilder an. Allerdings liegen drüben die Voraussetzungen für ein Gelingen der soge­nannten Konsum- oder Absatzfinan­zierung erheblich anders als bei uns in Deutschland, so daß man sich genötigt sah, die ursprünglichen Gründungen mit ganz wenigen Ausnahmen wieder eingehen zu lassen, oder aber den veränderten Verhältnissen onzupassen. (Bei unserer Betrachtung soll das System der reinen Abzahlungsgeschäfte und auch der Deamtenkauf- häuser, Debewa usw., nicht einbezogen werden.)

Das Problem der Absahfinanzierung im Einzelhandel liegt darin, ohne we­sentliche. Verteuerung für die Kundschaft Waren verkaufen zu können unter Heranziehung von fremdem Kapital. Die Kapitalgeber für diese Zwecke sind jedoch schwer zu finden gewesen, und lediglich geneigt, Kapitalien zur Verfügung zu stellen, wenn sich eine Anzahl solventer Firmen zu einer Kreditgemeinschaft zusammenfinden und die gebotenen Sicherheiten für alle Fälle aus­reichend sind.

Die Kreditgeber waren bisher teilweise Ver­sicherungsgesellschaften, teils Banken, in letzter Zeit nur noch Banken. Durch den Zusammenbruch der Favag trat ein empfindlicher Rückschlag ein, der aber durch das neuerdings bekundete In­teresse von Großbanken wieder ausgeglichen wurde.

Von kleineren Gründungen abgesehen, lassen sich im System der Absahfinanzierung im Einzel­handel drei Richtungen erkennen: die Kredit­finanzierung, nach Königsberger Muster, das System der Berliner Kreditgemeinschaft unter direkter Einschaltung eines F.nanzinstitutes und das Kreditsystem der hessischen und badischen Beamtenbanken.

In Königsberg wurde vor ungefähr drei Jahren eine Kundenkreditgesellschaft m. b. H. gegründet, die den Kreditverkauf an Kunden bearbeiten soll. Die Gesellschaft besteht aus soliden Firmen der Textil-, Möbel-, Haus­haltbranche usw. Wünscht ein Kunde Kredit, so wird er an die Geschäftsstelle der Gesellschaft gewiesen, muß dort einen Fragebogen ausfüllen, die Unterlagen werden geprüft und er erhält alsdann einen Kundenkreditbrief in bestimmter Höhe ausgestellt, mit welchem er in den an- geschlossenen Geschäften kaufe l kann Seine Ra cn- zahlungen sind an die Gesellschaft zu leisten. Un­kosten, Zinsen usw. entstehen ihm nicht, diese werden von der Gesellschaft bzw. von den an- geschlossenen Firmm getragen und sollen etwa 7,5 v. H. betragen. Dieses System, bei welchem die Haftung für Ausfälle von der Gesellschaft solidarisch getragen wird, setzt allerdings eine höhere Kalkulation voraus, da natürlich der Darzahlungskunde gegenüber dem Krebitkunden Vorteile verlangt. Das Königsberger System hat seit einiger Zeit auch in Magdeburg, Hamburg, Breslau und Brandenburg Eingang gefunden. Längere Erfahrungen hat nur Königsberg. Diese sind befriedigend.

In D e r l i n hat sich im Februar die K r e d i t- gemeinschaft Berliner Spezialge­schäfte gebildet. Sie besteht aus 25 bis 30 fast durchweg größeren Berliner Spezialgeschäf­ten. Der Gang ist folgender: Wünscht ein Kunde Kredit, so bringt er dies bei der betreffenden einzelnen Firma vor, füllt dort Fragebogen aus, es werden über ihn durch eine gemeinsame Aus­kunftei Erkundigungen eingezogen und ihm als­dann der Kredit gewährt. Voraussetzung ist aller­dings eine mindestens zehnprozentige Anzahlung und genaue Vereinbarung von Raten: die Spesen und Zinsen werden auf den Preis draufge­schlagen und betragen monatlich ein Prozent der Kaufsumme, abzüglich der Anzahlung. Die Kredit­unterlagen gehen an eine besondere Geschäftsstelle zurück, die 75 v. H. der Kaufsumme abzüglich der Anzahlung an die betreffende Firma ausbezahlt, gleichzeitig wird der betreffende Kreditkunde von der Abrechnungsstelle dieser Gesellschaft ersucht, die Ratenzahlungen unter Benutzung der bei­gefügten Zahlkarte an die Geschäftsstelle pünktlich zu leisten. Der über die 75 v. H. hinausgehende Rechnungsbetrag wird an die betreffende Firma erst dann ausbezahlt, wenn der Schuldner seinen Verpflichtungen ganz nachgekommen ist. Es können Ratenzahlungen bis zu sechs Monaten vereinbart werden. Kreditkäufe unter 100 Mark, äußersten Falles 50 Mark, sollen möglichst vermieden wer­den. Die durchschnittliche Kaufsumme betrug im ersten Monat 185 Mark. Die Haftung für die Bonität des Kunden übernimmt jede Firma für

alle bei ihr getätigten Abschlüsse. Die Kunden- auswahl und auch die Firmenauswahl ist daher eine sehr sorgfältige. Das System ist in Stettin, Köln, Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, Dresden, Leipzig und in anderen rheinischen Großstädten in der Entwicklung begriffen. Es soll hauptsäch­lich in Städten über 100 000 Einwohner eingeführt werden.

Die Unterschiede zwischen dem sogenann­ten Königsberger und Berliner System sind etwa folgende: Königsberger Sy st em : Ausstel- lung von Kreditbriefen an einer gemeinsamen Ge­schäftsstelle, gültig für alle angeschlosser.en Fir­men. Diele Kunden aus Angestellten- und Ar. beilerkreisen. Die Firmen größtenteils mit den aus dem Kreditverkauf entstehenden Spesen be­lastet. Ratenzahlung der Kundschaft an eine Zentralstelle. Berliner System. Haftung jeder einzelnen Firma für ihre Kundschaft: viele Kunden aus den Kreisen der Beamtenschaft und der freien Berufe. Rur Barverlaufspreise, der Kunde mit den Spesen belastet. Ratenzahlung an eine gemeinsame Verrechnungsstelle.

Rach dem System der Darmstädter Be­amtenbank verpflichten sich die Fir. .en, den Genossen der Beamtenbank Waren aus Kredit zu verkaufen. Die hierdurch entstandenen Forderun­gen werden zweimal monatlich der Beamtenbank eingereicht und von dieser unter 5 v. H Abzug honoriert. Der Genosse der Teamtenbank, also der Kunde, hat die Möglichkeit, den Rechnungsletrag an die Beamtenbank in sechs monatlichen Raten zurückzuzahlen, ohne jeden Aufschlag bzw. Zins­berechnung. Die Zinsen bzw. Unkosten der Be­amtenbank zahlt in diesem Fall der Kaufmann in Gestalt des 5 v. H.-Abzugs. Wird der betref­

fende Kunde dubios, so geht das Risiko wieder auf den Kaufmann zurück. Diesem Abkommen sind zur Zeit 30 bis 40 Firmen hauptsächlich aus Darm­stadt. Mainz. Gießen, Friedberg, angeschlos en.

Ue&cr die volkswirtschaftliche Seite der Absahfinanzierung im Einzelhandel kann man sehr geteilter Meinung sein. Weite Kreise ver­treten die Auffassung, daß die Absahfinanzierung etwas künstliches sei. und sogenannte »zusätzliche Kau kraft" schasse. Die Einführung einer Absatz- firanzierung rei daher etwas Ungesundes, da man ers» iduten jollc, wenn man das nötige Geld ge­spart habe. Auf der anderen Seite wird auf die günstigen Erfolge in Amerika hinaewiesen und be­tont, daß nicht etwa an eine Verführung des Kunden zu unnötigen, oder vorzeitigen Ein­käufen jemals gedacht worden sei. Cs lasse sich jedoch nicht leugnen, daß viele dringende Aus­gaben nur rechtzeitig bewerkstelligt werden könn­ten. wenn auf Seiten der Kaufmannschaft Kredit gewährt werde. (Man denke an den Erwerb von Cinrichtungsgegenständen bei Heirat usw.) Ein wichtiges Moment für den Kaufmann ist aber vor allem die Tatsache, daß er mit Hilfe der Absah­finanzierung in die Lage verseht würde, die von ihm bisher trebitierten Beträge auf dem Wege über Finanzinstitute seinem eigenen Geschäft wie­der dienstbar machen zu können.

Der Einzelhandel muh sich selbstverständlich hüten, die Bestrebungen der Absahfinanzierung künstlich zu forcieren, aber er soll an diesem Mittel zur Verbesserung seiner eigenen Lage, wenn er es für tauglich erkannt hat. nicht acht­los vorülergehen.

Zenissbeamteiilllm: Line Siaaisnoiwendigkeii.

Von Or. p. (5laß, 1. Vorsitzender des Hessischen Äeamienbundes und des Landeskariells.

Cs gibt ein Beamtentum, aber eigentlich keinen Beamten stand. Die Beamten sind nicht und wollen nicht sein ein Stand unter anderen Ständen. Sie sind ausgestreut, ausgesät unter alle Stände, Schichten und Gruppen des Dol.es zu dem einzigen Zweck: Anderen zu dienen. Der Lehrer erzieht andrer Leute Kinder, der Cifen- bahnbeamte sorgt mit Aufopferung dafür, daß die anderen sicher durch Rächt und Rebel reisen, der Postbeamte befördert findig, genau und billig, was andere geschrieben haben, der Polizeibeamte schützt, oft unter Einsatz seines Lebens. Ruhe und Sicherheit der übrigen Staatsbürger, der Verwaltungsbeamte ist das unentbehrliche Rad im Detriebswerk des Staates und der Gemeinde. Staat und Beamte sind gewiß nicht ein und dasselbe, aber sie sind nicht voneinander zu trennen.

Beamtentum kann niemals Selbstzweck sein. Einen Staat zu schaffen oder zu den.'en, der nur oder vorwiegend aus Beamten bestünde, wäre ein vollkommener Widersinn. Ein reiner Bauernstaat dagegen, ein Volk, das nur aus Bauern besteht sie sind nicht nur denkbar, sie haben in der Geschichte schon bestanden und könnten auch heute im wesentlichen noch be­stehen. Die bäuerliche Lebensgemeinschaft, das Ur­bild eines Standes, braucht im Grunde feine anderen, sie ist auch nicht gezwungen, für andere zu sorgen, sie arbeitet für sich, sie versorgt sich selbst, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes selb­ständig und ist also ein Stand. Diese Merkmale schwären sich mehr oder weniger ab, wenn man von diesem Ur-Stand fortschreitet zu den übrigen echten Ständen, die sich aus der kulturetlen Ent­wicklung und Verflechtung der Menschen, der Menschengruppen und der Mens^e.nvölker her­ausgebildet haben. Aber auf den Beamten treffen diese Merkmale überhaupt nicht zu: Er arbeitet nicht für sich, er braucht die anderen, und die anderen brauchen ihn, er kann nie­mals allein oder in Reinzucht bestehen, er darf nicht im Selbstgenügen sich abschließen von dem Volke im ganzen und von den Volksgenossen im einzelnen, er muh sich ergänzen und muß seinen Rachwuchs beziehen aus allen Schichten, Gruppen und Ständen, um vollsnahe zu bleiben, um nicht zu erstarren und zu verkalken. Das Wort Be- amtenstand hat also einen falschen, oder höchstens einen abgeblahten oder überhaupt keinen Sinn. Der Beamtenschaft ist es ganz Har, dah sie nur bestehen kann, wenn sie auf ihren Schild das eherne Wort schreibt:Ich dien'"! Dte.icr aber, die ihre ganze Kraft selbstlos, unter Verzicht auf Kasteng:ist und Standesselbstsucht hingegen, die ihren Beruf lediglich als Dienst am Volke auffaffen, sind für den heutigen Staat noch mehr als für den früheren eine unbedingte Rotwen- digleit.

Wer diesen grundlegenden Gedankengängen nachsinnt, und wer sie bejaht, der kann nicht ver­stehen, wie es eine Kluft zwischen Volk und Staat, zwischen Beamtentum und Volk, zwischen Beamtenschaft und Wirtschaft geben kann. Aber diese Kluft ist heute da, leider! Wie erklärt sie sich?

Deutschland und alle deutschen Menschen leiden see.isch-körperlich unter Kriegsverlust, Zusammen­bruch und Wirtfchaft^not. Kapitalmangel auf der einen Seite, hohe Zinsen, hohe Steuern, hohe Preise auf der anderen Seite, Kapitalflucht aus Angst zu billigem Zins ins Ausland und Herein­nahme von Auslandanleihen aus Rot zu hohem Zins, Erwerbslosigkeit, Krise der Landwirtschaft, schlechte Geschäfte in Handel, Industrie und Bank­wesen, Umschichtung aller Kasten, Berufsgruppen, Recht,- unu Ge,innungsgemetnschaftcn, politische, soziale, kulturelle Kämpfe, verzweifeltes Ringen nach außen, Klassenkämpfe im Innern, Gereizt­heit, Kampf aller gegen alle, Anreicherung der Spannungen. Verkrampfung wahrhaftig, wer sich dieses Bild der heutigen deutschen Lage vor Augen hält, der kann schon manches verstehen. Die alten, naturhaft zusammenge chlossenen Stände haben cs schon schwer, und in ihrem Schmerz, in ihrer Psychose suchen sie nach Schuldigen und in der Linie des geringsten Widerstandes treffen sie auf die Beamten, denen geht es noch gut, sie haben eine gesicherte, auskömmliche Stellung, sie sind viel zu zahlreich, sie sind dabei wenig entgegenkommend, technisch erstarrt, schwerfällig

und bureaukratisch, sie drücken das Volk mit Steuern also hinweg mit ihnen!

Was soll man als Beamtenführer dazu sagen? Cs ist schwer, einem in Verzweiflung Wütenden Vernunft zu predigen. Wer Schmerzen leidet, schreit, und wer Krämpfe hat, schlägt um sich, und wenn er dabei die kostbarsten Einrichtungs­gegenstände zerschlägt. Wir Beamten haben tie­fes Milleid mit allen Enterbten und Beraubten, mit allen, die ringen und schuften, ohne es zu etwas zu bringen. Dürfen wir aber darauf auf- merlsam machen, daß wir auch darben muhten, und daß namhafte Staatsmänner feierlich be­kundet haben: Die Beamtenschaft habe das Reich in den schlimmsten Zeiten durchgehungert. Dürfen wir sagen, daß heute noch Hunderttausende von fleißigen, mit ganzer Hingabe ihrer Kräfte ar­beitenden Beamten mit ihrem gesamten Dienst- einkommen nicht einmal die Grenze des Pfänd­baren erreichen? Dürfen wir darauf aufmerksam machen, dah nicht die Beamten die Steuer- gesehe gemacht haben, die sie leider ausführen müssen, dah die Beamten erst recht nicht schuld sind an den Tausenden und Zehntausenden von Gesetzen und Verordnungen, die die Regierungs- und parlamentarische Maschine fortwährend aus- speit? Dürfen wir unseren Volksgenossen ver­sichern, dah die Zahlen über die angeblich ge­waltige Aufblähung des Beamtenapparates falsch sind, dah die Beamten seit der Vorkriegszeit vielleicht um 2 bis 3 Prozent, die Verwaltungs­ausgaben, Betriebspflichten und Gesetzesarbeiten aber um 50 bis 70 Prozent zugenommen haben? Wenn die Zeiten wieder etwas ruhiger und ge­deihlicher geworden sind, wird man nicht mehr begreifen, wie man solche Tatsachen übersehen konnte, und man wird dem Beamtentum gegen­über gerechter werden.

Aber wir unsererseits wollen auch gerecht sein: In den Vorwürfen gegen die Beamten steckt auch ein Korn Wahrheit. Wenn auch sicher die über­wältigende Mehrheit der Beamten erkannt hat, was die neue Zeit und der neue Staat von ihnen fordern, so gibt es doch noch einzelne (und sie schaden mehr, als sie vielleicht ahnen), die dem Publikum, dem Mann aus dem Volke, nicht mit ber nötigen Raschheit, Freundlichkeit und Hilfs­bereitschaft entgegenkommen. Wenn die Beamten­schaft die alten guten Eigenschaften: Gewissen­haftigkeit, Treue, Pünktlichkeit, Unbestechlichkeit bewahrt und dazu heller, freundlicher, weniger steif und bureaukratisch wird, wenn die Beamten warmherzige Freunde, tatbereite Förderer aller Rat, Hilfe und Unterstützung Suchenden werden, so werden sie sich apch wieder einen Platz im Herzen des Volkes erwerben. Es kommt nicht darauf an, dah die Beam ten von ihrer Staats­notwendigkeit durchdrungen sind, sondern sie müs­sen das Volk von der Rühlichkeit und der Un­entbehrlichkeit des Derussbeamtentums überzeu­gen. Die Gegnerschaft muh mit einer tiefen, aufrichtigen Selbstprüfung, in einer mit feinster Seelen künde ungehaltenen Aussprache überwun­den werden. Die Staatslenker und Volks- f ü h r e r müssen von uns überzeugt werden (und sie müssen sich überzeugen lassen), dah die zer­klüftete Gesellschaft von heute, die mit feindseligen Strömungen überladen ist, beharrende Teile, tra­gende Kräfte braucht, und dah es eine nie wie­der gut zu machende Torheit wäre, das Derufs- beamtentum, diesen letzten, starken, zusammen- haltenden staatlichen Grundpfeiler umzustürzen. Die Wirtschaft muh sich überzeugen lassen, dah die Beamten mit die besten, produktiven Teile der gesamten Volkswirtschaft sind, daß sie ihr Ruhe, Ordnung, Stetigkeit, Zuverlässig­keit gewährleisten, und dah Sachkenntnis, Wissen und Schulbildung, Derufssinn und Berufserfah­rung, Amtsehre und Unbestechlichkeit Volkswirt- schaftliche Werte ersten Ranges darstellen.

Gemeinde, Staat und Reich können ohne ein wohlgeschütztes Derufsbeamtentum nicht bestehen, die einzelnen Stände und Parteien brauchen den Beamten als Mittler, Bindeglied und Versöhner, und die Wirtschaft würde sich kraß verspekulieren, wenn sie den ungeahnt produktiven Beamten verdrängte. Mehr als je ist g e r a d e h e u t e für unser zerrissenes, gepeinigtes Volk ein Be­rufsbeamtentum, wie wir es gezeich­net haben, eine S t a a t s n o t w e n d i g- leit Helfe jeder, dieses Berufsbeamtentum stutzen, erhalten und neu auf bauen!

Handwerk und die öffentliche Hand in der Privatwirtschaft.

Von Handwerkskammerdirektor Schüttler.

Ein fundamentaler Sah ist: Blühen und Wachsen eines Dolles, eines Staates, einer Ge­meinde sind unweigerlich verbunden mit dem Dlühen und Gedeihen der Wirtschaft, dem Wach­sen. der Rentabilität von Handel. Industrie, Handwerk und Landwirtschaft. Insbesondere gilt dies für die werktätige Mittelschicht eines Volles.

Engste Fäden verbinden diese volkswirtschast- lichen Faktoren miteinander, in denen sich die freie Konkurrenz Wohl auswirkt, die aber alle ein Ziel verfolgen müssen, das Ziel, daß ihnen, Bctätigungsmöglichkeit, freie Lust zum Leben, zur Entfaltung gelassen wird.

Stehen sich auch diese einzelnen Wirtschafts­gruppen zur Wahrung der jeweiligen beson­deren 'Belange scheinbar entgegen, müssen sie auch jeder für sich die ursächlichsten, für den jeweiligen Berufsstand notwendigen Interessen verteidigen, einig sind sie sich in der Abwehr der Gewalten, die zur langsamen Erdrosselung der freien Wirllchaft führen.

Diese Gefahr sieht der gewerbliche Mittel­stand in der Ueberhand nähme der Ein­griffe der öffentlichen Hand in die Privatwirtschaft. Eingriffe, wie sie ins­besondere nach dem Kriege nicht nur seitens des Reichs, sondern auch der einzelnen Glied­staaten und besonders seitens der Städte und Gemeinden auf den verschiedenartigsten Er­werbsgebieten unternommen wurden.

Richt von ungefähr traten im Frühjahr 1927 die maßgebenden Vertretungen des Mittelstan­des zusammen und gründeten einen Rei chs - aus schuß der deutschen Mittel­schicht. Eine Arbeitsgemeinschaft, die als Auf- bauorganifation der deutschen Wirtschaft, aber auch als Abwehrorganisation der Erhaltung der einzelnen in ihr vertretenen Wirtschaftsgruppen dienen soll. Die Redner aller Gruppen sprachen sich in der Gründungsversammlung gegen die überhandnehmende Betätigung staatlicher und ge­meindlicher Verwaltungen aus. forderten auf Grund des § 164 der Reichsverfassung den dort festgelegten Schutz.

Diese Forderungen werden wohl bei all denen, die in der Wirtschaft, in dem gewerblichen Mittelstand mit seiner vielfältigen Verbunden­heit mit allen übrigen Bevölkerungsschichten staatserhaltende Faktoren anerkennen, Unter­stützung finden. Ein kurzer historischer Rückblick wird hierbei erläuternd zeigen, welche Irr­wege auf diesem Gebiete in den letzten Jahren gegangen worden sind.

Wirtschaftliche Betätigungen der öffentlichen Hand hat es wohl zu jeder Zeit gegeben; sie beschränkte sich aber vor dem Kriege auf die sog. Versorgungsgebiete, Verkehrswesen, Derforgung mit Wasser, Gas und elektrischem Strom. Die Auswüchse, die früher schon z. D. für das Elektroinstallationsgewerbe und den Handel durch eigene Installierung von Gas- und elektrischen Anlagen, durch Verkauf von Beleuchtungs- und Heizungsgegenständen entstanden, wurden von einsichtigen Stadtverwaltungen mit den zustän- bigen gewerblichen Vertretungen zufriedenstel­lend geregelt. Aber auch in den sog. gemischt­wirtschaftlichen Unternehmungen gleicher Art fanden diese Fragen verständnisvolle Klärung. Leider wird aber auch heute noch in verein­zelten Städten von dem zuständigen Gewerbe über Unnachgiebigkeit der Verwaltungen ge­klagt.

Der Krieg brachte dann im Interesse der natio­nalen Verteidigung eine gebundene Wirtschaft, faft auf allen Gebieten der gewerblichen Be­tätigung der öffentlichen Körperschaften. Tie von Walter Rathenau verbreiteten Gedanken seine Vaterschaft wird neuerdings in der Lite­ratur bestritten fanden Anklang und führten zur Organisation der Kriegswirtschaft. Darüber zu streiten, ob dieser Weg der r ichtige war. soll nicht Aufgabe dieser Darlegung sein; post festura mögen sich berufenere Stellen mit dieser Sache befassen. Jedenfalls steht aber fest, daß Die in der Kriegswirtschaft geschaffenen Organi­sationen nur mit W.derstr ben ihre Betätigung ausgeben wollten. Die Ausschaltung jeglicher Konkurrenz durch eine gebundene, rationalisierte Wirtschaft, wie sie die Kriegsmaßnahmen er­zwang, regte vielleicht auch den Appetit be­sonders veranlagter Wirtschaftler an. diese Ex­perimente weiterzuführen. Dazu kam, daß die Zeit nach der staatlichen Umwälzung ja allen Odeen nur allzu zugänglich war. wenn sie nur glaubten, an Stelle von altbewährten Sinrich- tungen etwas Reues setzen zu können. Kurz: die von Rathenau während des Krieges in die Praxis umgesehten Ideen, unterstützt durch die Auffassung der maßgebenden politischen Par­teien, erzielten, daß zahlreiche Gebiete der pri­vaten Wirtschaft in behördliche Deackerung ge­nommen wurden, angeblich im Interesse des allgemeinen Wohls. In Wirklichkeit aber zum schwersten Rachteil des ansässigen Gewerbes, und in nur allzu vielen Fällen zum Schaden der ofsentlichkn Körperschaften selbst. Die verschie­denen Skandale der letzten Jahre und der jüng­sten Zeit im Staat und zahlreichen Gemeinden sprechen hierfür eine nur zu beredte S rache.

Wie stark der Einfluß der öffentlichen Hand zur Zeit in Deutschland ist, geht daraus hervor, daß nach einer^Sdjrift von Dr. Rickes (Kiel) der gegenwär- öffentlichen Hand auf nicht weniger als 60 M.lliarden Goldmark geschätzt wird, bei einem gesamten Volksoermegen von etwa 180 Milliarden Mark. Unter den 60 Milliarden ist nicht berücksichtigt, daß z. B. mit dem Hauszinssteuerertrag von 16'00 Millionen lahrlick, die Bautätigkeit öffentlich finan­ziert und beherrscht wird. Der preußische Handels- minister Dr. Schreiber schätzte nach einer Rede auf dem Preußischen Kommunaltag der Deutschen Demokratischen Partei das Gesamtvermögen der öffentlichen Hand an nicht werbenden Vermögens objekten auf etwa 55 Milliarden Reichsmark. Aller- dings find hier, wie in der anderen Schatzung, die Anlagekap.talien der Eisenbahnen, Forsten, Ver sorgungsbetriebe usw. einbegriffen. Interessant aus ocr Rede des Ministers Dr. Schreiber ist auch, daß es bedenklich sei, wenn der finanzielle Selbst-