Nr 52 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbethessen)
Donnerstag, 7. Zebruar 1929
Die landwirffchastliche Llmstellung im oberen Vogelsberg.
Don Foribildungsschullehrer Steinmann, Gießen*).
SS fleht Wohl außer allem Zweifel, Daß durch die CBcrfammlung in Hartmann.Hain über die Reaierun Vorschläge zur landwirtschaftlichen Umstellung im oberen Bo zels- berg — vzl. .Cie> QI. z." Tut 21 rt>;t 29. Can. - in kltencr üinmi t? f it von - egicrung und Sach- verständigen eincrieit3 und den Landwirten der bctresscnden 44 Gemeinden anderse.t' eine Kultur t a t begonnen wurde, die bestimmt zum Segen des Dogelsberges uno damit auch deS ganzen Hcssenlanoes g:r:ichen wird. Weite Kreise, nicht nur die Landw.rte Öe3 oberen Doge-ibergcs, werden darum mit Ausmerksam- feiT die Vorgänge und Maßnahmen, vor allem auch die Landtagsverhandlungen, in den kommender, Wochen und QHonctm verfolgen. Zweckmäßig ist c3 ba^er Wohl, die breite Öffentlichkeit über ba3 Wesentliche die'er Bestrebungen, über die Grunde dieser begrüßenswerten Hilfsaktion und die einzuschlagenden Wege aufzu- Hären.
Zur Vorgeschichte kurz folgendes: Die Jahre 1924, 1925 und 1927, und vorher schon so viele Jahre, konnte der Landwirt des oberen Vogelsberges in das Derlustbuch schreiben. Die ungünstigen Wi terungsverhä t .isse. besonders zur Erntezeit, hatten einen großen Teil der Getreideernte entweder vollkommen vern'chlct, ober doch zum größten Teil minderwertig gemacht. Für die Landwirtschall bei oberen Vogllsberges forderte die Olotstandskommission 1227/23 von der "Regierung zur Linderung der Rotlage Huaenblickliche Hilfe (u. a. Erlaß der Steuern und Beschaffung von Saatgut) und Hilfsmaßnahmen auf weite Sicht. Bei letzteren wurde insbesondere an die Olusstellung und Durchführung eines neuen „General u'turplans" gedacht, der sich aber von dem berüchtigten ©c- nerallulturUan von 1905 in wesentlichen Punkten unterscheiden sollte. Don grundlegender Wichtigleit war schon die Forderung, der auch prompt die Zusage der "Regierung folgte, daß alle diele Hilfsmaßnahmen auf lange Sicht nur im engßen Einvernehmen mit der Landwirtschaft des oberen Vogelsberg e s. erweitert und vertieft durch die Vorschläge von sachverständigen, Lurchgeführt werden sollten. Die Regierung Hut durch di: Versammlung in Hartmannshain Wort g. halten.
Die gegenwärtige Lage in Vogelsberg und die Rotwendigkeiten für die Zukunft der Landwirtschaft dort oben fe en hier in "Anlehnung an den Bericht im „©ieß. QInz." Rr. 24 kurz zusammengefaßt: Bei Getreide gegenwärtig erschwerte Bestell- und (Smtea-r5ci.cn und vermehrte Saatkosten, aber wesentlich geringere Ernte, bei Grünland bj zogen trotz geringerem Arbeitsaufwand höhere Erträge, als in den übrigen hessischen Gebieten. Da unzweifelhaft das Grünland eine bef.ere Rente abwirft, so ist darauf der Hauptwert zu legen. Der Ackerbau muß zugunsten von Wieselt und Weiden bedeutend mehr eingeschränkt werden. Das sellherize "Verhältnis von durchschnittlich 1:1 von Qlder- und Grünland ist im höchsten Grade unrentabel und muß zweckmäßig 1:2. beffer noch 1:3 betragen Auch noch aus anderen Gründen ist eine Qlenderung dec Wirtschastswei e sehr zu bog ü?jen. Durch die Einrichtung von Weiden — es ist und bleibt dies die wichtigste Forderung — werden
•) Der Herr Verfasser hat etwa 10 Jahre lang als landwirtschaftlicher Fachleh er im ßo;en Vogelsberg gewirkt. Gestützt auf seine reichen Erfahrungen an Ort und Stelle ist er in der Lage, über die Frage der landwirtschaftlichen lllmstel- lung im Vo elsbcrg sachgemäß zu ur.eilen. Aus feine Anregung hin wurde die Rotstandskom- mifiion für den Vogelsäer i gebildet, deren "Vorsitzender er bis zu sei ter Versetzung nach ©ießen war und deren Tätigkeit jetzt vorber.i et en Hilfsmaßnahme,, in hohem Maße mit zuzuschreiben find. D. Red.
gegenüber dem reinen Wiesenbau Arbeitskräfte eingespart. ein sehr beachte..s werter PuMä für die Rentabilität der De.riebr. Zum anderen werden durch den intensiven Weideganz bedeutend größere Leistungen heroorgebrächt. Auch dee Gesundheitszustand der Kühe würde wesentlich ge- besscrt werden. Vor allem würde aber der richtig betriebene Weidegang für die Jüngstere von einschneidender Bedeutung für die i»an;e Vogelsberger "Viehzucht werden. — Soweit die kurz: Darstellung der wichtigsten Tatsachen und Gründe, die die Regierung auf Wunsch der Führer der Vogelsberger Landwirte veranlaßt, eine A:nde- rung der Betriebsweise durch geeignete Maßnahmen hcröeizuführen.
welche Maßnahmen sind notwendig, um für den oberen Vogelsberg mit (Erfolg eine Acnde- rung der Betrieb:rocife herbeizu.ühren?
Wenn aus dem oberen Vogelsberg in erster Linie ein einheitliches hochkultiviertes Viehzuchtgebiet werden fast, so ist die wich- tigfte Forderung hierfür, entsprechende Weiden einzurichten. Mit der Möglichkeit dazu ftcht und fällt die ganze Umstellung. Ein intensiver und rentabler Weidebetrieb erfordert groß« Flächen, damit Gemeinde» oder Genofsenschaftswei- den errichtet werden können. Einzelhut ist in der Anlage zu teuer und ist auch nur bei genügend großem Einzelbesitz zu verwirklichen. Bis jetzt ist weder das eine, noch das andere möglich, da d.e meisten Gemeinden nicht genügend Eigengelände und der einzelne Landwirt infolge der starken Par- aellierung und Gemenglage, auch bei entsprechendem Besitz, keine genügend großen Flächen hat.
Die Feldbereinigung ist ba'jer allererste Voraussetzung für die Umstellung,
wie auch für jeglichen Fortschritt. Allerdings muß sich die Feldbereinigung von der in anderen Gebieten nach wesentlich anderen Gcsichtspunllen voll- zichen. Hier handelt es sich in der Hauptsache um germgroertigen Boden, deshalb kann der Landmesser großzügiger arbeiten, als anderswo. Aus das Wegenetz ist weniger Gewicht zu legen. Sämtliche Arbeiten können daher schneller und billiger geleistet werden. Neben der Zusammenlegung der Flächen und dem Tau eines besche,denen Wcge- Netzes hat die Feldbereinigung vor allem folgende Zwecke zu verfolgen: 1. Die reinliche Scheidung von Acker- und Grünland im günstigsten Verhält- nis. 2. Die Ausscheidung des besten Grünlandes in genügender Größe als Weidegelände. 3. Die Ein- richtung von Gemeinde- oder Genossenschasts- weiden, für Milchkühe und Jungvieh getrennt. 4. Der evtl. Austausch von Wald und landwirtschaftlich genutztem Kulturland. 5. Evtl. Grenzregu- Üerungen in größerem Maße.
Zu den einzelnen Punkten wäre noch kurz folgendes zu sagen:
Zu l: Die Jeldbereinigungskommission hat ihr besonderes Augenmerk darauf zu richten, die für die einzelnen Kultiirarten neeignetften Flächen heraus- zufinden und das günstigste Verhältnis zu berücksichtigen. Hierbei Ist mit der Anschauung zu bre- d/en, daß das beste Feld in bezug auf Lage, Boden- art und Kulturzustand unbedingt Ackerland bleiben ober geben muß. Die wichtigste Rolle spielt das Grünland. Bei der untergeordneten Bedeutung und der verhältnismäßig geringen Größe werden sich trotzdem auch für Ackerland noch genügend geeignete Flächen vorfinden.
Zu 2: Bei der Aufteilung des Grünlandes sind in erster Linie die Weiden auszusche.den. Hierfür ist das beste Gelände gerade gut genug. Besonderes Gewicht muß auf die Möglichkeit der Anlage von Tränkeinrichtungen gelegt werden. Die Nähe einer Quelle oder eines Baches ist von größter Wichtigkeit. Dagegen spielt d.e Lage zum Dorf überhaupt fast keine Nolle, da bei dem intensiven Weidebetrieb, wie er für den oberen Vogelsberg nur in Frage kommen kann, die Tiere
selbst ohne ständige Aussicht den ganzen Sommer über Tag und Nacht draußen bleiben.
Zu 3: Weiden fürJungtiere tonnen überall errichtet werden, dagegen solche für Milchkühe und Arbeitstiere müßen in n ä eß ft e r Rähe des Dorfes ihren Platz finden, da diese Tiere immer greifbar sein mü| en. Man sieht also, es be.ominen grundsätzlich alle Tiere geregelten Weide- gang. Rur dann kann der beaosichtig.e Zweck erreicht werden, der darin besteht, daß Arbeits- kräste geipart. der Ee.undhütszustand der Tiere gehoben uno teuere Leistungen erzielt werden.
Zu 4: Für Wiese bleibt nur soviel Grünland in Benutzung, als zur Gewinnung te3 Winterfutters uno eines Reserve^ orra.es an :,ej notwendig ist.
Zu 5: Oftmals reicht Wald 1 and auf -".dem Doden in unmittelbarer Rähe des Dor,e.. So.che Waldstücke werden g e r o o e t, öagege.. ungünstig gelegene, für lanuwirt,chaflliü>: Zwecke toenig oocr nicht geeignete oließen aufge- formet. Wo notwendig, muß auch Walb.and landw.rtscha.llichem Kultur.and ojne Er, atz v.eichen. St.tie.rwe.se, besonoers aus hoch^e ebenen Weiden, werden auch schmale "Walostreisi.n, sog. Windscyutzstteifen, notueioig fein.
Die dci |o D.e.en Urten sehr ungünstigen Ce- marfun^öt,rcn5cii Lejingen orenzregulie- rungen ingrößtem Ausmav- Au^ uie.c.n ©vunee ist auu) die Be.einigung von je drei lU vier ©en.ei.iv-en zusammen notwendig.
Zn Beroindung n.it der te.ik/erän.gung in der obigen Art ist, a>ls ein wichtiges Lellftücr derselben. d.e
Melioration
durchzuführen. Für die Umwandlung von Ceb- lanu in jvudur,aiiö bietet Oer ge.amie ‘.ooge.b» berg noch em |e_/£ da.r^ares Heio, '-aber nicht alles Ueulano e.u.iet sich zu Kudur.and. Es ist deshalb vorder ^.e.au zu unlrriuitz.m, wie b.i alie.i die,en Förverungb.nagnatz.nen, i.itoietoc.t i>i.c Meiiviationüio^e.i eine AenrOullität des neu- getoonne..e.i Kultur.am^es zumsten. Auch die Aerues.erung des seitheiig.n ur/ie.e.r^eländes, das zu */8 n.cyt genügend uno wenig näg,r,to,>reich.s butter liCiCrt, ist in die,em v,u.a nmenyang durch Drainagen usw. dur^zu,üh.en. Um eine "Verwertung uno Sicher,.e^aing der in Regenjachren start gcfäyrocie.i Heu- u.u) Otum.n.tecnie mit isiiolg zu ermogucyen, ge^^rt es zu dem Boc- beouiyUngcn für v.e Umneuu.ig, uaj vie neuesten techui.wen chorl,a-.i..e oer mooer^en Canbtoiri- sci-a,t berück,ichü^t wer.e.n Bau uno «>in- ciQtung von Silos müßen borgenommen tocrocn.
uS wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu glauben, naß fämtaa>e Landwirte rest.os von oer ürotwenoig-.eit einet Umstellung uoerzeugt seien. Hier muh noch
großzügige Aufklärungsarbeit einsehen, ,ou .a~/t iiuua cui einem törichten uno unoerechtigie.i Widerstand einzelner La.w- wirte oas ganz: ~_crt scheitern. Die Führer der Landwirtscha,^ und aste beru.e..en Siesten mügen h.c r io re Schu^t^.e.t tun. fandst».r t, chastsmm- mer u.io Lanow.rr.chastoämter mal.e.i n.ii einer großzügigen uno i.deniiren AustiärungLarbeit, erst.re iwch durch Aoha.trn von b>rümanöiuncn, einse^en. Die Regierung ihrer.eits wird eine Reih: von Beispielswirt schäften nach bewahrtem Muster noch in diesem bajre ein» richten, für die a.s einmaliger Zuschug für die notwendige Einrichtung U|ü>. insge.amt 5X00 Mark vorgesehen sind. Im übii„e.i sollen sich diese Bei^pielswirtscha^en aus eigener Xrait c.- hasten. bn Oiese.i Riusteroetrieoen soll Dörfer gezeigt werde t, was erreicht werden soll, im s^uoergeumS sowohl des einzelnen Lanowirls, wie auch der 44 Gemeinden. Außerdem wird für diese Ae.ipielsw.rt.chasten eine besondere lstnd wirtschaftliche Fachberatung errichtet, die naturgemäß auch jedem anderen Landwirt des oberen Vvgelsberges zur Verfügung steht.
Zu den Förderungsmaßnahmen der Umstellung gehört auch die
Regelung der Verwertung und des Absatzes der Erzeugnisse, in erster Linie von Milch und
Zuchtvieh.
Dos Ringetspiel.
Von Robert Michel.
Don heute ab will Fmmermayer seinem Der- auügen leben. Er will sich selbst jeden Morgen fragen, wonach fein Sinn steht, und danach seinen Tag einrichten. Durch fünsundoierzig Jahre hat er sich eigentlich nie Na st gcgmnt, aus Lern Nichts hat er allmählich seine gioßen Unternehmungen geschaffen. Zelle an Zelle wurde gereiht und nie tu.fte das Wachsen des Werks gefährdet werden durch das Bedürfnis nach Erholung, durch das Verlangen nach Vergnügeii. Gestern aber wurde der letzte geschäftliche Ast vollzogen, g stern hat er endgültig aas Steuer in die Hände seines Schwiegersohnes gelcat. Nun ist er aller Arbcstsps.icht ledig und will die Ernte seii.es Lebens genießen.
Langsam schreitet er durch die Praterauen. Die Wege sind sonn g, die Luft ist erfrisch.'nd, das Mahl im freien hat vortrefflich gemundet. Durch die dich- len Laubkronen herüber erklingt aus dem Wurstelprater ein W" "I nach dem andern, i ie lauten elektrischen O chcstrions und zarter die altmodischen Leierkasten. Er denkt sich die Ringelspiele dazu, be- setzt von vielen frohen Kindern. Das war der beständige Wunfch feiner Kinderfahre gewesen, recht oft und large auf einem Ringelspiel fahren zu dürfen. Jedesmal aber hatte es nur für eine einzige kurze Fahrt gelangt
An buntbetlebten Planken vorbei wendet er sich ^ter Stätte der lauten Lustbarkeiten zu, die er seit vielen Jahren nicht mehr betreten hat Es ist Werktag und früher Rachm ttag, so sind die Ver- giiügungsbuben noch wenig besucht Der Zuzug von Menschen ist erst gegen Abend zu erwarten. Bloß bei einem Ringelspjel — eigentlich ist es fast nur das Skelett eines Karussells: an den Enden wagrecht ausst.ahlender Rippen hingen frei an Ketten einfache Sitze — da acht es lebhaft zu. Eine Gruppe von Schulkindern, Knaben, sieben- bis zehnjähr g vielleicht, hat sich zusammengefunden, und es gibt einen Lärm wie von eimm Schwa m »orwitz ger Sperlinge. Immermayer sieht dem fröhlichen Treiben zu. Er hat das Gcfühi, wenn er jetzt ein kleiner Junge wäre, fo wie dieser braunlock ge, der da vor 'hm im Schaukelsitz mit. den Beinen schlenkert,
auch er würde sich gerade fijr dieses Ringelspiel entschieden haben.
Das Drehen beginnt und ein lachendes Kinderge- sicht nach dcm ancern schwebt langsam an ihm vorüber. Aber d.e Bewegung wird schneller, die jubelnden Fahrer werden durch die Zentrifugalkraft immer weiter und immer hoher im Kreis geschwungen, und Jmmermayer kann das Gesicht des braun- lockigen Knaben nur noch dann unterscheiden, wenn er ihm rasch mit dem Blick in seiner Runde folgt.
Der alte Mann fühlt sich zu dem Knaben sonder- bar hingezogen. Er besitzt kein Bild aus feiner eigenen Kindheit und es g bt keinen Menschen, den er fragen könnte, wie er als Siebenjähriger au.'gesehen hat, er ist jedoch bereit zu glauben, daß er damals diesem braungelockten Jungen geglichen habe.
Da hat das Musikstück aufgehört, die Fahrer wechseln, nur der braunhaar.ge Knabe ble.bt in feinem Sitz und entrichtet neuerlich den Obolus. „Schade," denkt Jmmermayer, „wäre er abgcstiegen, ich hätte ihm gerne selbst eine zweite Fahrt gezahlt."
Der Junge ist sehr übermütig. Während sich der Kreis wieder zu drehen beginnt, trachtet er nut vor- gehaltenem Fuß den Dordermaan oder w: t zurückgebogen mit ausgestrecktem Arm den Nachfolgenden zu erhaschen. Er zieht sich selbst an der Kette des Nachbars rückwärts, läßt sich vo schnellen und biirgt Unordnung in den glatten Lauf des Schaukelkreises. Erft als ihn der Schwung immer höher hebt und die En.tfernung von einem zum andern größer wird, muß er sich in das allgemeine Fliegen im Kreis einfügen.
Da geschieht etwas Unerwartetes. Im raschen Kreisen hat sich die kurze Sichcrurg.-kette, mit der jeder vor Beginn gewissermaßen g.fesselt worden ist, damit er nicht herausfalle, an dem Sitz des Knaben nclöft und, der Din^u g ledig, wird er in weitem Bogen durch die Luft fortgeschieudert, dorthin, wo Jmmermayer steht, wie a: gezogen von diesen Blicken, die ihn nie verlassen wollt.n. Jmmermayer erschrickt nicht: wie einen in manch m Traum ein Ung'iick nicht ersch.ecken macht. In tiefen kurzen Augenblicken ist ihtn seltsam zumute, so als fliege er sich selbst aus den Tagen der Kindheit durch den
weiten Raum eines ganzen Lebens entgegen. Er breitet die Arme aus, um sich selbst aufzufangen. Eist als der Knabe gegen ihn aufschiagen soll, will ibn Bangen übermannen und er möchte ausweichen. Nun aber ist es zu spät. Schon ist der furchtbare Anprall gegen Kopf und Brust erfolgt, schon liegt er da, rücklings zu Boden geschmettert.
Mit großem Gekreisch wird das Karussell gemalt- sam ra,d) zum Stehen gebracht, als wären die Ent- setzensschre^e der Zuschauer wie grober Sand in die Maschinerie hineingefallen. Auch auf die beiden benachbarten Ringetspiele hat die Störung übergegriffen. Die Musik reißt ab und von allen Seiten ftr.men die Neugierigen zur Unfallstelle.
Der Knabe ist einigermaßen betäubt, aber er ist ohne Schaden davongekommen. Wie eine sinnreiche, gepolsterte und gefederte Auff. ngvorrichtung hat der Mann die scheinbar tödliche Schwungkraft des Ge- sch euderten milde gebrochen. Des Jungen Kinder- gesicht aber beginnt das Bewußtsein, daß er vielleicht am Tode eines Menschen schuld fein wird, überraschend zu prägen. M.t schreckensgroßen Augen kniet er neben dem alten Mann, und erst da der Krankenwagen vorfährt und Schutzleute Raum schaffen für die Aerzte und deren Gehilfen, läßt er sich schmerzlich schluchzend fortführen.
Jmmermayer fühlt keinen Schmerz. Er ist weit fort von der Gegenwart, ist in eine Kindheit zurückgesunken, die verklärt ist von vielen arbeitsvollen und entbehrungsreichen Jahren. Noch atmet er, noch lebt er, aber er lebt nicht mehr sein Leben, nicht das Leben des alten müden Mannes. Er ist wieder ein Kind geworden, siebenjährig, mit einem sch.nen Angesicht, aus dem frohe und glückliche Augen hervorleuchten. Er fliegt auf einem Schaukelsitz durch die Lüfte-, ohne Ende ist der Flug, der Vordermann und der hinter ihm müßen andern Platz machen, er aber darf bleiben. Immer höher f eht es, in die Fre heil, in die Unendlichkeit. Schon l^sen ich die Ketten der Schaukel, alle Erdenschwere ist von ihm genommen, frei fliegt er durch einen un- acheuren Raum auf sich selber zu. Er breitet die Arme aus — er fängt sich auf, umfängt sich taflet über sein ble'ches Gesicht, über feine geschlossenen Augen, tastet über seine Kindheit, die so wundersam g'ückljch ist, und er lächelt. Dann sinken die Hände leblos an seinem Körper nieder.
Da FrischmUchvcrsand kaum In Frage kommen kann, so ist rentable Verwertung nur durch Schaffung von Molkereien zu erreichen. Sa Deutschland zur Zeit noch für 494 Mill. Mark Molkereierzeugnisse einführt, so besteht keine Befürchtung. daß der deutsche Markt für Qualität- erzeugnisse in dieser Art nicht genügend auf- nahmesä^ig wäre. Für den Absatz von hochwertigem Zuchtvieh ist durch Gründung von Bieyverwertungsgenossenfchaften zu sorgen. Wenn nun auch durch die Umstellung die Einkünfte, besonders der kleinen und mittleren Landwirte, sicherer werden und sich auch höher stellen, so werden sie doch in vielen Fällen ein Verzicht auf Rebenverdienst nicht zu- lassen. Besonderes Augenmerk muß daher auf die Schaffung von Derdienstmöglichkei- t e n, besonders zur Winierzeit, wie Forst- und Waldarbeiten, Heimarbeiten und dgl. gerichtet werden. Besonders zu erwägen wäre auch, ob eine Steigerung des Fremdenver- k ehr s in diesem »schönen, aber armen Land" möglich wäre. Da aber alle diese Rebenarbeiten eine starle Gefahr für die Landwirtschaft selbst bedeuten, da der Mann ihr dadurch in der Regel entzogen wird, so wäre In allererster Linie eine Hebung der Rente durch Vergrößerung der einzelnen Betriebe, die unter einer Mindestgröße von zirka 25 bis 30 Morgen liegen, anzustreben. Os i 1 zu versuchen, durch Wegsiedlung (Ostmarkenfiedlung, Ansiedlung auf staatlichen Domänen usw.) genügend Land für dies: Zwecke frciy.ibröommcn. Wo sich dies nicht erreichen läßt, wäre an eine Au lei- lung von staatlichem und herrfchastli ,e;n Grundbesitz (in erster Linie Wiesen) zu denken. Wie fast in ganz Oberhessen. so ist auch im oberen Vogelsberg die restlose Erbteilung des gesamten Grund und Bodens eingeführt. Der ©efa.jr der dadurch wieder einsehenben Zersplitterung müßte durch eine gesetzliche Sicherung einer M indestbesitzgröße begegnet werden. Die Erba-.'seinander,e )ung müßte in diesen Tüllen andere Formen suchen. Da überdies erfahrungsgemäß Versehrte Sparsamkeit und Rach- lässlgkeit das mit großen Kosten ins Geben gerufene Werk gefährden können, so ist es unerläßlich, die Gemeinden durch Gesetz zu verpflichten. für eine regelmäßigePslege und Düngung der Wiesen und Weiden und deren guten Instandhaltung besorgt zu fein.
T.e.e gesetzlichen Sicherungen sollen keine Erschwerung der Umstellung bedeuten. Die Allgemeinheit, das hessische Volk, hat aber ein großes Interesse daran, daß das mit großen Opfern errichtete Werk nicht durch menschliche Fehler und Schwächen zugrunde geht.
Alles in allem: hier handelt es sich um ein Werk mit ungeheuren Schwierigkeiten, aber von ganz besonderer Tragweite. Es ist eine Gebend-' frage für den Vogelsberg, aber auch von größte« Bedeutung für die Provinz Oberhessen' und das ganze Hessenland. Daher sollten alle Hessen, gleich welchen Standes, oder welcher Partei fi« sind, einmütig und geschlossen hinter diesem Kulturprosett der Regierung stehen. Es ist deS ..Schweißes der Cde.sten" wert. Aber Entschlossenheit uno Opferwilligkeit des einzelnen, tote der Gesamtheit, Einigkeit und Vertrauen der Landwirte zu Regierung und Führern: nur fo kann es gelingen. Möge die Versammlung In Hart, mannshain, die unter diesen günstigen Zeichn stand, als glückverheißender Auftakt auch aus eine erfolgreiche Durchführung schließen lasserU
Millionen-Oefizii bei der Frankfurter Or^skrankenkaffe.
WSÄ. Frankfurt a. M., 6. Febr. Wie das Geschäftsjahr 1927, so wird auch das Geschäftsjahr 1928 bei der Frankfurter Ortskrankenkasse mit einem Fehlbetrag abschließen, der sich um eine Million Mark bewegen dürste. Die Gründe hierfür liegen neben den hohen Derpslegungskosten und dem Krankengeld auch in dem An.chwellen der Arbeitslosig^ leit und in der Grippe-Epidemie im Januar uich Februar vorigen Jahres. Zur Deckung des Defi< zils wird man wahrscheinlich wieder das Vermögen heranziehen müssen, da die D e i t r ä g <
Drei Anekdoten.
Eines Tages faß der alte Menzel im Huth^ scheu Weinrestaurant in Berlin, als ihn eil» Ehepaar aus der Provinz, daö man auf den berühmten Maler ausmertsam gemacht hatta> ziemlich ungeniert anstarrte. Menzel nahm ruhig sein Skizzenbuch aus der Tasche und begann zu zeichnen, indem er immer wieder scharfe Blicks auf die Frau des Fremden warf, so daß es aussah, als ob er sie porträtiere. Schließlich erhob! sich der Ehemann und trat zu Menzel hin mit den Worten: »Mein Herr, icy verbitte mir. daß Sie hier meine Frau abzeichnen!" Menzel reichte ihm ruhig sein Süzzeirbuch hin, auf dem eine behäbige Gans gezeichnet war. und fragte: das Jyre grau?"
Daß Johannes Brahms hie und da furchtbar grob sein konnte, besonders solchen Leuten gegenüber, die sich auf ihr Musikverständnis viel einbildeten, ist bekannt. Anläßlich der Ausführung seiner ersten Symphonie sagte ihm einmal ein kunstbeslissener Herr, der sich auch in gelegentlichen Kompositionen versuchte: „Es ist doch merkwürdig, daß das G-Dur-Thema des letzten Satzes so stark an die Melodie von „Freude, schöner Gö.terfunken" erinnert.“
„3a." erwiderte Brahms, „aber noch merkwürdiger. daß jeder Esel es gleich bemeröt."
In London gab es zu Lebzeiten Oskar Wildes einen Schauspieler, der so schlecht war, Laß er ein beliebtes Opfer des Witzes der dortigen Literatur- und Kunstwell bildete. Der sarkastische Oskar Wilde behauptete einmal, man könne mit Hilfe dieses unglücklichen Mimen das Problem, ob Shakespeare oder Lord Bacon der Verfasser der berühmten Dramen und Lustspiele sei, lösen. „Man stelle," sagte er, „diesen Mann vor die beiden in der Wcstminster-Abtei nebeneinander stehenden Sarkophage der Dichter und lasse ihn den Hamlet-Monolog sprechen. Der von den beiden, der sich dann in seinem Sarge umdreht. der hat den Hamlet geschrieben."


