Mittwoch, 3. Zull 1929
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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Nr. (53 Zweites Blatt
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feit und über die Persönlichkeit Gravinas be* kanntgeworden ist, spricht für ihn und läßt bie Hoffnungen der Danziger nicht unbegründet erscheinen, wenn man sich auch hüten sollte, ihm Dorschustlorbeeren zu spenden. Marineingenieur und Diplomat, stammt der Italiener aus einer alten Familie, ist mütterlicherseits ein 11 r* enkel Liszts, da seine Mutter der Ehe HanS von Dülows mit Cosima Wagner entstammt. 2hm wird gute Kenntnis der Ostfragen und hoher Gerechtigkeitssinn nachgerühmt. Deides wird Gra- vina in Danzig Gelegenheit haben, zu beweisen, wenn er sein Amt ernst ausfaßt und seine Hauptaufgabe in der Ausübung einer gerechten schiedsrichterlichen Tätigkeit zwischen Danzig und Polen erblickt. Dei unvoreingenommener Betrachtung wird er in diesem Brennpunkt der Ostpolitik des öfteren gegen die polnischen Ausdehnungsgelüste Stellung nehmen müssen, wenn er die Reihe der unparteiischen Dolkerbundskommissare, die durch Hamel unterbrochen wurde, fortsehen will. Zuvorderst aber erwartet Danzig von seinem neuen Kommissar eines, nämlich, dah er die Grundlage der freistaatlichen Existenz Danzigs achtet. Dann must er auch Danzig als das anerkennen, was es ist: als ein selbständiges Machtgebilde, als ein freies deutsches Staatswesen, das die ihm aufgezwungene Eigenstaatlichkeit nicht an Polen opfern will und sich gegen alle polnischen Eroberungsgelüste zur Wehr sehen wird.
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poincare im Juli 1914.
Von Emil Ludwig.
Mit Genehmigung des Berlages Ernst Rowohlt, Berlin, bringen wir vorstehenden Beitrag aus dem soeben erschienenen Buch von Emil Ludwig „3uli 14".
Rauschend glitt die .France" durch die Rächt. Es war dieselbe Stunde, in der der serbische und der russische Premier in ihre Hauptstädte fuhren, den Entscheidungen zu, die ihnen der Schritt der Wiener Kriegsgrafen aufdrängte. Und wie die Gedanken der beiden Männer sich rückwärts wandten, als benützten sie die letzten Stunden der Muhe zu vergleichenden Erinnerungen, so ging es auch hier an Bord den Führern, deren Ohr in Europa jahrelange Verwicklungen entgegenlauschte.
Poincare hatte seinen höchsten Moment erlebt. War dieser nicht noch größer als jener, da er, soeben erwählt, auf dem Balkon des Elysee erschien und ihm die immer mokanten Pariser seinen Ramen in einem Witzwort hinausriefen? Waren die Träume der Jugend nicht übertroffen, jetzt da er zur Linken der marmorbleichen Zarin durch das Döfilö der kaiferlichen Garde fuhr, und der Zar trabte neben dem glänzenden Wagen? Kaum an Feiertagen hatte sich der verschwiegene Ehrgeiz dieses Advokaten vor dreißig Jahren so hoch verstiegen. Run forderte das Leben höchste Spannung, um zu vollenden, was durch Jahrzehnte leidenschaftlicher Beharrlichkeit zu erringen war. Sein Volk in einen Krieg treiben, daS war unmöglich, er wüßte es wohl; gab aber der Erbfeind aus Leichtsinn einen Anlaß und fing an, . oder konnte man nur den Schein davon beweisen: wunderbares Geschick, in solcher Stunde Führer der Franzosen zu seinl Poincare glich in dieser Stunde einer Jungfrau, die der glühende Wunschtraum erfüllt, überfallen zu werden.
Sonst freilich war er nicht eben unschuldig. Denn er gehörte zu jenen wenigen Mächtigen, die die im französischen Volk erlöschende Flamme der Revanche im eigenen Busen nährten. Kein Wunder, er war Lothringer und gestand nach dem Kriege: .Während meiner Schuljahre (dicht nach dem Siebziger Krieg) hat mein durch die Riederlage verdüsterter Geist unaufhörlich die Grenze überschritten, die uns der Frankfurter Frieden abgedrungen hatte, und wenn ich aus
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einem Roman, für den die andere verantwortlich zu machen ist, aus dieser etwas komplizierten Autorschaft an einem lustigen Sommerabend im Gießener Stadttheater könnten am Ende noch jenseits des Kanals Schwierigkeiten erwachsen, über die wir uns den Kopf heute nicht mehr zerbrechen möchten, -e.
nifchen Kriegs schiffen wurde unter ihm das Ankerrecht im Danziger Hafen gewährt, obwohl Polen unter den Augen Danzigs den Konkurrenzhafen Gdingen errichtet, der die polnische Flotte ohne Schwierigkeiten beherbergen kann; auf der Westerplatte ist durch direkte Einflußnahme Hamels Polen das Recht zur Munitionslagerung zugestanden worden, was nicht nur eine drohende Gefahr für die Sicherheit der Danziger, sondern auch eine ständige Beeinträchtigung des Hafenverkehrs darstellt. Das sind nur einige der Schäden, die Danzig in der Amtszeit dieses Kommissars erlitten hat und für die Hamel voll und ganz verantwortlich zeichnet. ®r, der Freund Straßburgers, des Vertreters von Warschau in Danzig, hat es auch nie unterlassen, jeweils vor der Verhandlung eines neuen Streitfalles in Genf sich rechtzeitig in Warschau die nötigen Instruktionen zu holen.
Wenn Hamel jetzt unter Hinterlassung einer bösen Erbschaft für feinen Rachfolger abgetreten ist, so richten sich die Blicke dem neuen Mann entgegen, in der Hoffnung, dah er sein Amt wahrhaft objektiv und neutral verwalten und die Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit zur Geltung bringen wird, soweit diese dem vom Reiche losgerissenen Danzig im Versailler Diktat überhaupt zugebilligt wurden. Auf deren Handhabung wird es ankommen, von ihr wird es abhängen, ob Danzig noch weit«: poloni- I fiert werden darf. Was bisher über die Tätig- 1
drei bewährten Sangesveteranen zu Ehrenmitgliedern ernannt: Bürgermeister Heinrich Görlach X. zum Ehrenpräsidenten, der Dirigent in den Jahren 1902—KOS, Lehrer Junker. Södel, zum Ehrenmitglied und der jetzige Dirigent, Georg S a m e s , Holzheim, der den Verein bereits von 1893 bis 1902 führte, zum Ehrendirigenten. 3m Anschluß daran begann das Singen der Gastvereine, die durchweg ganz hervorragende Leistungen boten.
90 Jahre „Sängerkranz" in Nidda.
A Ridda, 2. 3uli. Vom Wetter begünstigt, feierte am Sonntag der hiesige Männer- gesangverein „Sängerkranz" sein 9 0- jähriges Bestehen, verbunden mit großem Gesangswettstreit. Die Veranstaltung wurde am Samstag durch eine Gedenkfeier am Gefallenendenkmal und einen Degrüßungsabend in der Turnhalle eingeleitet, wobei der Vorsitzende des Geschäftsausschusses, Bankbeamter Philipp Bechtold, eine herzliche Begrüßung an die Gäste richtete, die sehr zahlreich erschienen waren. Sehr eindrucksvoll war die Ansprache des Lehrers Gengnagel (Grünberg), des Vorsitzenden des Hessischen Sängerbundes von Oberhessen. Am Sonntagvormittag fand das W ettfingen von 23 Vereinen in der Turnhalle und im Gambrinussaale statt. Das Preisgericht setzte sich aus Prof. Dr. Friedr. Roack (Darmstadt), Musikdirektor R. Forster (Essen), Musikdirektor Friedrich Gellert (Mannheim) und Oberreallehrer Lic^old Geller (Gießen) zusammen. Die Ergehn. e waren: 1. Stadt klasse: Gesangverein Lie - kranz-Düdingen 169 Punkte, Cäcilia-Lich 168 >>., Liederkranz-Geisenheim a. Rh. 168,5 P. (Der 2. Preis für die 1. Stadtklasse ist noch, nicht endgültig vergeben worden, weil „Liederkranz" - Geisenheim mit 168,5 P. und „Cäcilia"-Lich mit 168 P. darauf Anspruch erheben. Der von Geisenheim selbstgewählte Chor .Der Wagen rollt" von
Zehn Jahre „freie Stadl" Danzig
Don unserem ^.-Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Danzig. 3uli, 1929.
Der bisherige Völkerbundskommissar in Danzig, £er Holländer 3 o o st Adrian van Hamel, Bat nach dreieinvierteljähriger Amtstätigkeit seinen Posten verlassen. An seiner Stelle verwaltet Dom 22.3uni ab der 3taliener Graf Man- s-red Gravina das Amt des hohen Kom- niissars des Völkerbundes in Danzig. Hieran ^üpft sich die Frage, die heute über 300000 Deutschen in Danzig auf der Seele brennt: Wird Lieser Perfonalwechsel auch einen System- wechsel bedeuten?
3n der schweren wirtschaftlichen, nationalen und politischen Rot. in der sich Danzig befindet, ist man geneigt, jedem Lichtstrahl besonders sehnsuchtsvoll entgegenzusehen, in jedem Anzeichen einer möglichen Besserung bereits eine Wendung Sum Guten zu erblicken. Vielleicht war es auch kein Zufall, daß der neue Kommissar gerade an dem Versailler 3ahrestag die Vertreter der Danziger, also der deutschen, Presse empfangen und ihnen gegenüber Ausführungen gemacht hat, die Aufsehen erregten. Ohne Zweifel konnte es dem Kommissar nicht verborgen bleiben, daß fast zu gleicher Zeit im Volkstag die K u n ö- gebung gegen den Versailler Vertrag stattgefunden hat, bei der im Ramen sämtlicher Parteien die unverbrüchliche deutsch? Treue der Danziger zum Ausdruck gebracht, die Loslösung der deutschen Bevölkerung der Freien Stadt gegen ihren ausgesprochenen Willen beklagt und dem großen deutschen Volk ein brüderlicher Gruß gesandt wurde. Einmütig war das Deutschtumsbekenntnis aller staatserhaltenden Danziger Parteien, ebenso einmütig, wie in den nachfolgenden überparteilichen Kundgebungen, an denen Zehntausende teilnahmen. War es nun ein . ufall, dah der neue Kommissar gerade an dem Sage von Versailles das Mussolinische Wort zitiert hat, daß eskeineewigenVerträge gebe, daß sie vielmehr alle dem Gesetz der Vergänglichkeit unterworfen seien?
Vielleicht ist für den neuen Kommissar zunächst das Studium der Frage eine dankbare Aufgabe, ob der polnische Minister Straßburger, der Freund des bisherigen Kommissars Hamel, berechtigt ist, an Danzig so provokatorische Ansinnen zu stellen, wie es in dem seinerzeitigen Schritt gegen die Tagung der deutschen Historiker und wie es erneut in dem polnischen „Hinweis" gegen die Kundgebungen anläßlich des Versailler Gedenktages geschehen ist.
lieberblickt man die Tätigkeit Hamels, dieses neutral sein sollenden früheren Kommissars in der Freien Stadt, so muß man sagen, daß es noch schlimmer eigentlich gar nicht mehr kommen konnte. Denn wenn feine ganze Tätigkeit in den ersten zwei 3ahren in der Hauptsache — in Untätigkeit bestand, nämlich dort, wo es sich entsprechend dem in der bekannten polnischen Denkschrift verkündeten Grundsatz: „Die Zeit arbeitet für Polen" darum handelte, Entscheidungen im 3nteresse Polens überhaupt zu vermeiden und die polnischen Früchte in Danzig von selbst reifen zu lassen, — so ließ sich bei zunehmender Verschärfung der Konflikte in der Folgezeit eine klare Stellungnahme allerdings nicht mehr umgehen. Für deren Charakter und Richtung aber spricht die Tatsache, daß van Hamel nicht nur von dem Haager Schiedsgerichtshof, sondern auch von seinem Auftraggeber, dem Völkerbund, mehrfach desavouiert wurde. Und wenn Danzig heute wirtschaftlich vollkommen damiederliegt, wenn dis Folgen der katastrophalen Union, durch die es auf Gedeih
Gießener Gta-ttheater.
Miles Mallcson-Margot Neville: „Liebe auf den zweiten Blick" (Uraufführung).
Eine reguläre Uraufführung an einem schwülen Suliabenb ist immerhin ein Wagnis, das nicht jede Theaterleitung sich leisten kann, und ich glaube, wir dürfen sogar etwas stolz sein auf unser theaterbegeistertes Publikum, das so eifrig zum Gelingen dieses Absnds mithalf.
An zweiter Stelle verdienen Regie und Schauspieler genannt zu werden. lannert, der selbst die Hauptrolle eines charmanten kleinen Schwerenöters mit allen Finessen hinlegte, hatte in einem hübsch gestellten Bühnenbild Karl Löfflers aus nicht gerade sehr Vielem eine abgerundete, flotte Aufführung zustande gebracht, die sich sehen lassen konnte. Ihn unterstützten wacker Franz Arzdorf, elegant, findig, hilfsbereit, ein Freund, wie er fein soll, Luise Jüngling, hochgestochen, herrschsüch- lig, abergläubisch, eine Tante, wie sie nicht sein sollte, in natura auch meist nicht ist, für bühnenwirksame Komödien und Schwänke vorläufig aber immer noch unentbehrliches Requisit zu sein scheint, genau so unentbehrlich wie der den Einfaltspinsel markierende Diener (Ludwig Linkmann), der in Wahrheit die verworrensten Situationen als einziger durchschaut und zum Schluß immer alles schon gleich gewußt hat. Um den Helden bemühen sich natürlich zwei Damen, abwechslungshalber einmal nacheinander, was die Situation wesentlich vereinfachte. Trude Heß, die sehr temperamentvolle kleine „Freundin", und Jngeborg Scherer, die aufs Ganze geht, mit Standesamt, Aussteuer, gesunden pädagogischen Grundsätzen und so — sogar das Wort „Kameradschaftsehe" fällt.
Bleibt schließlich noch das Stück selber. Ja, und darüber ist nun nicht mehr allzuviel' zu sagen. Der geehrte Leser möge nur zwischen den Obengenannten nach bewährtem Muster die verschiedenen Diagonalen ziehen und er wird mit ziemlicher Sicherheit das Rechte treffen. Harmlos, liebenswürdig, amüsant, ohne schwerwiegende Probleme, wenn man gelegentlich auch so tut — aber nur keine Angst, es wird immer rechtzeitig wieder abgeblasen — ein Schuß Pikanterie, aber in durchaus bekömmlicher Dosierung, kurzum ein unterhaltsames Spiel, pem man ohne Reue einen Sommerabend opfern wird.
Das Publikum verlangte stürmisch, dem Autor all der schönen Dinge persönlich feinen Dank zu Ohren zu bringen, vergebens — wir sind indessen sicher, der ihm gebührende Anteil am Applaus wird von treuen Händen übermittelt werden. Aus der Verteilung im einzelnen zwischen die Damen Malle- s o n und Neville, beides offenbar stolze Britinnen, von denen die eine die Komödie baute nach
75 Jahre „Liederkranz" in Ebcrstadt.
0 Eberstadt, 2. Juli. Der hiesige Gesang- verein „Lieder Iran z", der dem Haus- berg-Wettertal-Sängerbund angehört und Mitglied des Hessischen Sängerbundes, ist, beging am Sonntag die Feier seines 75jährigen B e st e h e n s. Der Verein wurde im 3ahre 1854 durch den damaligen Lehrer Hassel bäum auf Anregung des Pfarrers Cellarius gegründet. Seitdem blüht der Männergefang in unserem Dorfe, allerdings mit einer kurzen Unterbrechung in den Kriegsjahren 1914/18. Dem Fest am Sonntag ging am Samstagabend eine Gedächtnisfeier zu Ehren der Gefallenen am Denkmal und die Weihe der Gedenktafel für die gefallenen Vereinsmitglieder voraus. Dabei wurde der im letzten 3ahre verstorbenen aktiven Vereinsmitglieder Walter Sarnes und Richard Görlach in ehrender Weise gedacht. Sonntagmittag um 14 Uhr bewegte sich ein stattlicher Festzug an dem ungefähr 30 Vereine teilnahmen, durch unser schmuckes Dorf. Auf dem Festplatz angekommen sang der Jubelverein unter der bewährten Leitung seines Dirigenten Sarnes, Holzheim, den Begrüßunüschor. Rach einem feinen Prolog, vorgetragen von Fräulein Reitz, hielt der Vereinsvorsihende »Heinrich Müller eine kurze Begrüßungsansprache, worauf der Ortsgeistliche, Pfarrer K o d d i n g , die Festrede hielt. Er gab eine kurze Uebersicht über die Entwicklung des deutschen Liedes und betonte den Wert des Liedes als deutsches Volksgut, das zu pflegen und vor unreinen Einflüssen zu bewahren Aufgabe des deutschen Männergesangs sein müsse. Die Grüße des Hessischen Sängerbundes überbrachte der Vorsitzende des Gaues Wetterau, Lehrer Schenk, Melbach, der in seiner Ansprache zur Treue Mm deutschen Lied und zum deutschen Vaterland aufforderte. Die Frauen und 3ungfrauen des Ortes liehen durch Frl. Reih eine prächtige Fahnenschleife überreichen. Anläßlich des 75. Jubiläums wurden
Wahrscheinlich denkt der Präsident in dieser Stunde die letzte Epoche noch einmal durch. Waren es wirklich erst fünf Wochen, seit er mit dem nervösen Diviani das Kabinett bildete? Kammerwahlen im April, dann die verteufelten Stichwahlen mit dem Siege der Sozialisten im Mai, und schließlich schleppte der Premier doch noch ein paar Gegner der dreijährigen Dienstzeit ins Haus. Paleologue vindizierte sich den Sieg: er hätte ihn überzeugte
Und was mag Viviani in diesen Stunden an Bord der „France" denken? Beweglicher und zynischer als Poincare, weniger pedantisch, scheint er für dessen Marschallserscheinung den rechten Generalstabschef abzugeben. Macht er sich nicht im stillen lustig über Paleogues gesellschaftliche Erregung, und dah der Lemaitre eigens aus Paris hatte kommen lassen, um die Blumen zum Diner auf der Botschaft zu arrangieren? Dann hat ihm sein Botschafter freilich wichtige Stimmungszeichen übermittelt: bei der Revue im Zelte des Großfürsten hatten die beiden Montenegrinerinnen, Anastasia und Militza, in ihn hineingeplappert: „Das sind historische Tage, wissen ©ie! Heilige Tage! 3ch habe heute Depesche von Papa, daß wir zum Monatsende Krieg haben werden! Wissen Sie, daß das ein Held ist wie in der 3lias, mein Vater? Sehen Sie dies Büchschen, von dem ich mich nie trenne! Sie denken, Bonbons. Cs ist aber Lothringer Erde drin, ich habe sie jenseits des Grenze aufgehoben, als wir vor zwei Jahren in Frankreich waren. Hier ist alles mit Disteln gedeckt, die hab ich in Lothringen gepflückt, im annektierten Gebiet, einen Arm voll, und dann die Samen wieder säen lassen! Sie werden sehen, von Oesterreich bleibt nichts übrig, Elsaß kommt wieder, unsere Waffen treffen sich in Berlin" — und plötzlich brach sie ab und sagte leise: „3ch muh mich mäßigen, der Zar sieht zu mir herüber."
Beide Franzosen, schlauer als ihre Kollegen in Berlin, aber keineswegs weniger zum Kriege bereit, stärker gebannt durch die Maschinerie einer Republik, aber in allen Kniffen betoarn öert, wie man die Menge täuscht: so über* denken sie die Gewitterschwüle dieser Festtage, wägen die Worte hysterischer Grohfürstinnen ab, wie sie später in den Memoiren erscheinen werden; ihre Stimmung gleicht der eines Zuschauers, der sich in der Pause den nächsten Akt ausmalt und wünscht, er möge so und nicht anders ver* laufen.
Da springt ein Matrose die Treppe herauf, übergibt einen langen Funkspruch: es ist das nachgefunkte Ultimatum Wiens an Serbien. Erlösung! Poincare befiehlt direkte Rückreise ohne Umweg, Viviani beginnt noch in der Rächt Paris zu instruieren. Volldampf! Kurs Heimatj
und Verderb mit der polnischen Wirtschaft verbunden ist, sich immer eindeutiger offenbaren, wenn eä in feiner Eigenschaft als kulturelles und nationales Bollwerk des Deutfchtums im Osten vor dem anstürmenden Polentum eine Stellung nach der anderen räumen muh und unter dem Damoklesschwert des Gdingener Konkurrenzhafens einer äuherst unsicheren Zukunft entgegengeht, — fo hat Herr van Hamel zu dieser Entwicklung in überreichlichem Mähe beigetragen.
Schon bei seiner Ernennung waren Aeuherun- gen bekannt geworden, die er in der Kriegszeit und in den ersten Rachkriegsjahren getan hat und die feine Physiognomie trefflich zeichnen. Am 15. März 1919 empfahl er, bei den Frie- densverhandlur.gen das Reich als solches völlig zu ignorieren und Verträge zunächst ein ze l n mit Bayern, Sachsen, Württemberg usw. abzu- fchliehen, um dann Preuhen den Frieden zu diktieren. 3m 3ahre 1920 wurde Hamel Direktor der Rechtsabteilung des Völkerbundes und hat in dieser Eigenschaft wesentlich an dem Be- fchluh des Völkerbundes über die Zerstückelung Oberschlesiens mitgewirkt. Die fehlenden Züge in feinem Charakterbild werden schliehlich durch einige Vorfälle ergänzt, die feine persönliche Ehrenhaftigkeit in einem eigentümlichen Licht erscheinen lassen. Ueber die Umstände, unter denen seine Ernennung erfolgt ist, wird man vielleicht hinweggehen können. Roch heute sind die Gerüchte nicht einwandfrei geklärt, aber auch nicht widerlegt worden, die behaupteten, dah das Telegramm, welches die Ernennung van Hamels anzeigte, sagen wir einmal, durch einen gewollten Zufall in d i e Hände des Sohnes und nicht des Vaters van Hamel gelangt ist, der eigentlich von den entfcheidenden 3nstanzen in Genf für den Danziger Posten in Aussicht genommen worden war. Trotzdem hat er sich als auherordentlich sehhaft erwiesen: zweimal wurde ihm das Mandat von Genf verlängert, das fünf Kommissare vor ihm, durchweg Engländer, nur stets ein 3ahr lang ausgeübt haben, und schliehlich noch ein Viertel 3ahr drausgegeben, damit er sich „nach einer anderen Stellung umsehen" könne.
Man sollte doch nicht übersehen, dah Hamel als der Vertreter eines Systems angesehen werden muh, dessen einseitige deutschfeindliche Einstellung den Drahtziehern in Genf gerade als die notwendige Qualifikation für eine Tätigkeit als Wahrer und Mehrer des Geistes von Versailles galt. Die Grenzziehung im Osten, die Schaffung des Korridors und des lebensunfähigen „Freistaates" ist ja nur eine der vielen Ungeheuerlichkeiten des Vertrages von Versailles, die noch auf lange Zeit hinaus eine Befriedung Europas unmöglich machen werden. Wenn es heute auch in den Köpfen der Frie- densmacher von Versailles zu dämmern beginnt, dah gerade mit der „Regelung" im Osten nicht der Stein der Weisen gefunden wurde, so betreiben die zum französisch-polnischen Interessen- kreis Gehörenden um so eifriger die Schaffung der bewußten Tatsachen, um im gegebenen Augenblick gegenüber allen Abänderungswün- schen auf die „bereits vollzogene Stabilisierung der Verhältnisse" Hinweisen zu können. Schrittmacher und Vollzieher dieser Pläne in Danzig war Hamel. Die Danziger Eisenbahn hat er in polnische Hände gebracht, wobei die deutschen Beamten und Angestellten zugunsten der landfremden Polen benachteiligt wurden; für die Schaffung der sogenannten „Grünen Linie", die der polnischen Post ihre Betätigungsmöglichkeit in Danzig sichert, dadurch die Einnahmen Danzigs schmälert und überall den Eindruck entstehen läßt, als handele es sich um das „polnische Danzig", ist er verantwortlich; den pol-
meinen luftigen Wolken niederstieg, so sah ich für meine Generation einen Existenzgrund überhaupt nur in der Hoffnung, di>e verlorenen Provinzen wiederzugewinnen." Dies tiefste Erlebnis feiner Jugend konnte er niemals vergessen, und so durfte ihn nach dem Krieg«.' einer seiner Freunde „für die bewunderns Werts: Kontinuität feiner Handlungen" preisen.
Diese erlitt Unterbrechungen, denn aus dem rachedurstigen Knaben war ein Staatsmann geworden, der hatte warten gelernt. 3n der Bosnischen Krise hat auch er seinen Verbündeten deutlich erklärt, Frankreich werde, sich niemals für russische Dalkan-3nteressen iv. einen Krieg ziehen lassen; ja, im August 1912 hatte er Sasonow gewarnt: ..Rechnen Sie nicht mit unserer militärischen Hilfe auf dem Balkan, selbst wenn Sie von Oesterreich angegriffen toerden!" Bald darauf aber, Rovember 1912, machte er die entscheidende Wendung, indem er zur großen Freude 3swolskis, den er übrigens nicht leiden konnte, einen „ganz neuen Gesichtspunkt" geltend machte: „Gebietserweiterungen Oesterreichs würden das allgemeine Gleichgewicht in Europa und dadurch die eigenen Interessen Frankreichs in Frage stellen"; hierbei könne Frankreich „in militärische Operationen verwickelt werden". (Dies ist die feige llmfdjreibung aller Diplomaten Europas, um das ominöse Wort Krieg zu vermeiden; so wie man Reubildung sagt, stallt Krebs.) 3m 3anuar 1914 hatte Poincare sogar durch Del- casse den Russen „im Ramen L-es französischen Außenministers versichern lassen, Frankreich werde so weit gehen, wie Rußland es wünscht". Diese entscheiden2>e Blanko-Vollmacht, die Paris jetzt nach Petersburg gab, nachdem es dieselbe zwei 3ahre vorher abgelehnt hatte, war zwar auf einen teftimmten Fall (Liman von Sanders in Konstantinopel) beschränkt, hatte aber doch einen Ähnlichen psychologischen Effekt, wie jene anderen, die Kaiser Wilhelm nach W^en gab, nachdem er sie zwm Jahre vorher abgelehnt hatte. 3m gleichen Monat hatte der Präsident zu Judet gesagt: „Rußland hat eine ungeheure Zukunft, feine Kraft ist in voller Entwicklung. In zwei Jahren wird es Krieg geben. Alle meine Bemühungen werden daraus gerichtet fein, uns in Bereitschaft zu setzen."
Auf und nieder geht Poincare auf Deck, er denkt an die letzte höfische Stunde, in der der Zar als sein Gast hier an Bord mit ihm Trinksprüche tauschte, auf- und abgeschritten und seinen suggestiven Worten immer mit Beifall gefolgt war. Ob sie von dauernder Wirkung sein werden? Durchschaut hatte der Zur ihn gut, denn er erzählte bald darauf feinen dänischen Verwandten: „Jedenfalls will Herr Poincare nicht wie ich den Frieden um des Friedens willen. E r glaubt an einen guten Krieg."
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