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Aus der Provinzialvauptffa-t.

Gießen, den 3. Januar 1929.

3m neuen Jahr.

Des neuen JahreS erster Feiertag liegt hinter uns. Die Pflichten haben uns wieder eingefan- gen, wie uns das alte Jahr mit Pflichten entlieh. 3m Gleichschritt aller Tage werden wir wieder immer tiefer in den neuen Kreis der Zeit geraten, der sich eben vor uns eröffnet hat. und nichts wird sich geändert haben gegen das, was hinter uns liegt.

Wir haben Glückwünsche entgegengenommen und selbst solche Wünsche zum Ausdruck ge­bracht. Richt einer dieser Wünsche wird das Geschick in seinem Lauf beflügeln; alles wird kommen, wie es sich nach dem ewigen Gesetz von Ursache und Folge ergibt. Bur einiges Wenige können wir dazu tun durch kluges Be­rücksichtigen aller Umstände, die Einfluß auf die Gestaltung der Zukunft haben, durch Fleiß und Tatkraft, durch ungebrochenen Mut und den Glauben an unsere eigene Kraft. Manches wird trotzdem ander- kommen, als wir es erwarten und befürchten. Täglich und stündlich stehen wir ja vor äleberraschungen, weil auch unsere sorgfältig­sten klügelnden Berechnungen nicht alles tn den Bereich der Beurteilung stellen können, wie es sein müßte, wenn wir wirklich Herren der Zu­kunft sein wollten.

Glückwünsche, sagen wir. Was ist daS Glück? Das, was jeder als Glück ansieht, für jeden etwas anderes, und meist auch etwas anderes, als man zumeist als das Glück anspricht. Es gäbe wvhl sehr viel Unglückliche auf der Welt, wenn jedem erfüllt würde, was er sich wünscht als Glücks- geschenk. Glück kann fein, was man zu besitzen meint, nicht was man besitzt, ebensogut aber auch, was man zu besitzen wünscht. Es mag sein, daß für viele das Glück darin liegt, das zu erhoffen, was man nie erreicht. Selten ist das Erreichte so, wie man es sieht, bevor man es besitzt. Der Wunsch verklärt es, umgibt es mit einem rosigen Schimmer und verdeckt die Lasten, die jedem Besitz eigen sind. Vielleicht sollte man nicht Glück schlechthin wünschen, sondern die Gabe begehren, stets wunschbereit zu sein. Aber das braucht man wohl meist nicht, denn es gibt wvhl keinen, der nicht geheime Wunsche trüge und stille Hoffnungen hegte.

Aber warum von Glück reden, wo man doch im Grunde etwas ganz anbered bedarf? Ben­nen wir als Voraussetzung Gesundheit. Bennen wir als drittes die Möglichkeit, unsere Kräfte an der richtigen Stelle einsehen zu dürfen in dem Sinne, der unserem Streben am nächsten kommt. Tun wir dann noch daS Botige aus eigenem dazu, handeln und streben wir so, dah tote jederzeit bereit sein können, vor strengstem Richterstuhl dafür einzutreten, dann kann es wohl nicht fehlen. Dann haben wir wohl auch das, was wir Glück nennen, wenn wir nicht selbst wieder durch ungebührliche Steigerung unserer Wünsche den Erfolg in Frage stellen. S.

Die Förderung des privaten Wohnungsbaues in Gießen.

Für die Förderung des privaten Wohnungsbaues hatte die Stadt Gießen für das Jahr 1928 rund 1 OOO 000 M k. städti­

sche Daubarlehen zur Verfügung gestellt. Die Höhe deS Daudarlehens für eine Wohnung errechnete sich nach den von der Stadtverord­net en-Versammlrmg ausgestellten io'.geniXm Sätzen: für die ersten 50 Quadratmeter Wohnfläche je 100 Mark pro Quadratmeter gleich 5000 Mark, für die zweiten 50 Quadratnreter Wohnfläche je 75 Mark pro Quadratmeter gleich 3750 Mark, für die dritten 50 Q uadcatmeter Wohnfläche je 40 Mark pro Quadratmeter gleich 2000 Mark, zusammen 10 750 Mark, nach oben abgerundet 10 800 Mark.

Mit den zur Verfügung gestellten Mitteln sind 138 Wohnungen gefördert worden, und zwar 6 Zweizimmerwohnungen, 85 Dreizimmer­wohnungen, 30 Vierzinunerwohnuagen, 15 Fünf­zimmerwohnungen, 2 Sechszimmerwohnungen.

Hiervon entfallen auf Baugenossen­schaften 115 Wohnungen, und zwar 3 Zweizimmerwohnungen, 75 Dreizimmerwohnun­gen 27 Vierzimmerwohnungen, 10 Funsziminer- wohnungen.

Da mit dem Eingang des staatlichen Anteils der Sondergebäudesteuer frühestens über Mitte des Jahres 1928 gerechnet werden konnte, ver­zögerte sich die Darlehenshingabe, so das; bis zum Ende des Jahre« 1928 nur ein kleiner Teil Der projektierten Wohnungen fertiggestellt w:r- den konnte. Der größte Teil der Wohnungsbau­ten ist zur Zeit noch im Dau begriffen. Mit deren Fertigstellung ist bis zum 'Monat April oder Mai 1929 zu rechnen.

Daten für Donnerstag. 3. Januar.

106 v. Ehr.: Marcus Tullius Cicero in Arpinum geboren (gestorben 43 v. Ehr^); 1803: die Sän­gerin Henriette Sontag in Koblenz geboren (ge- storben 1854); 1829: der Philologe Konrad Duden auf Gut Bossigt bei Wesel geboren lgestorben 1911); 1912: der Geschichtsforscher und Dichter Felix Dahn in Breslau gestorben (geboren 1834).

Gießener Wochenmarktpreise.

Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 160 bis 170, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 15 bis 20, Weißkraut 10 bis 15. Rotkraut 20 bis 25 gelbe Rüben 15 bis 20, rote Rüben 15 bis 20, Spinat 25 bis 35. Unter Kchlrabi 8 bis 10. Grünkohl 20 bis 25. Rosenkohl 40 bis 60, Feldsalat 120 bis 150, Tomaten 80 bis 90. Zwiebeln 15 bis 20, Meerret'ich 50 bis 150, Schwarzwurzeln 50 bis 70, Kartoffeln 5, Aepsel 20 bis 40, Dirnen 10 bis 30, Dörrobst 35 bis 40, Honig 40 bis 50, junge Hähne 100 und 110, Suppenhühner 100 bis 120, Gänse 100 bis 120, Busse 60 bis 80 Pf. das Pfund; Eier 18 bis 19, Dlumenkohl 60 bis 120, Endivien 20 bis 30, Lauch 10 bis 15, Rettich 10 bis 20, Sellerie 10 bis 50 Pf. das Stück. Wirsing der Zentner 10 bis 12 Mk., Weißkraut 6 bis 7 Mk., Rotkraut 12 bis 15, Aepiel 20 bis 35, Dirnen 10 bis 20, Kartoffeln 3,80 bis 4,50 Mk.

Bornotizen

Tageskalender für Donnerstag. Bürgergesellschaft: Konzert, anschließend Tanz, 8.15 Uhr. Damenvereinigung 18771878: Weihnachts- feier, 8 Uhr, in derStadt Mainz". Lichtspiel­haus, Bahnhofstraße:D Fürst der Abenteurer". Astoria-Lichtspiele:Die Mädc enfarm".

Staottheater Gießen. Aus dem Stadt­theaterbüro wird uns geschrieben: Der große Er-

Erfvlg der SilvestervorstellungEharkehS Dante" hat dem Stadttheater Gießen im Reuen Jahr ein erftHallige« Zugstück gebracht. Der unverwüst­liche Schwank ist durch die Musik von Hugo Hirsch und durch die originelle Inszenierung wieder vollkommen modern geworden. Am Frei­tag, 4. 3an., findet die erste Wiederholung von Charleys Tante" statt in der Desetzung der Erst- ausiührung. Kapellmeister Fra.rz Dauer j r. hat wieder die musikalische Leitung übernommen. Das vorzüglich besuchte MärchenPinkepunl" wird nun endgültig das letztemal gegeben. (Sams­tag, 5. Jan., Beginn 16 Uhr.) Am Sonntag, 6. Jan., gastiert das Frankfurter Reue Operet­tentheater mit einer einmaligen Aufführung von Leo Falls OperetteDie geschiedene Frau".

**SitzungdesProvinzialausschusses. Am näcyften Samstag, vormtttags 8.30 Uhr be­ginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungs- aebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provin^ialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Bezirks,ürsorgeverbandes Frankfurt a. M., ver­treten durch das Städtische Fürsorgeamt, gegen den Landes, ürsorgeverband Hessen wegen Er­satzes von Ansta.tspilegetosten für Ios. Bertram Wacker aus Oberhausen. 2. Beschwerde der Bad- Bauheimer Werkzeugfabrik Wilhelm Ernh in Bad-Bauheim gegen die Entscheidung des Kreis­amts Friedberg vom 23. August 1928 wegen Zu­gehörigkeit zur Schlosser- und Schmiedezwangs­innung im Kreise Friedberg. 3. Das öifentliche Fuhrwesen in Dad-Bauheim; hier: Derusung des August Konrad Dvlek daselbst gegen das Ur­teil des KreisauSschusses des Kreises Friedberg vom 19. Mai 1928. 4. Gesuch des Heinrich

Schott II. in Obei>Ohinen um die Er.au.mis zum Betrieb einer Gastwirtschaft; hier: Deruiung des Gesuchstellers gegen die Entscheidung des Kreis­ausschusses des Kreises Alsfeld vom 22. Ok­tober 1928.

** D i e Hauptgewinne bei der Waren- lotterte des Gießener Zerkehrsver- eins sind zum großen Teil in Gießen geblieben. Den ersten Preis (Opel-Personenauto) gewann der Eisenbahnoberschaffner Wende, Mühlstraße 8; den 2. Preis (Schlafzimmer) gewann Frau Witwe G ü n g e r i ch , Llebigstraße 58; den 3. Preis (Mit­telmeerreise) erhiell ein Gießener Einwohner, dessen Adresse bisher noch nicht bekannt ist; den 4. Preis (Standuhr) konnte der Apotheker Mann (Großen- Buseck) mit nach Hause nehmen; den 5. Preis (Leder­sessel) gewann ein Landwirt aus dem Vogelsberg.

* Ein Dammrutsch, der glücklicherweise nur einen kleineren Umfang annahm, ernqnete sich am Silvesterabend am Bahndamm der Main- Weser-Bahn beim Bootshaus der Gießener Ruder-Gesellschaft. Die Senkung der Erdmassen wurde sofort bemerkt. Daraufhin wurden für den Zugverkehr umfassende Vorsichtsmaßnahmen ge­troffen, die u. a. darin bestehen, daß die Züge an der Rutschstelle nur mit verringerter Ge­schwindigkeit fahren dürfen und ferner dec Bahn­damm Tag und Rächt durch einen besonderen Posten bewacht wird.. Die Wiederherst.llungs- arbeiten ftnb rege im Gange. Don einer Ge­fährdung des Zugverkehrs kann keine Rede sein.

* Eine unzutreffende Aachricht. Der Landespressebienst der Telegraphen-LInion ver­breitet heute aus Warburg die Meldung, daß eS der Kriminalpolizei gelungen fei, in

Wenn Ihre SmvMungsanzeige in derSamstagönummer desGießenerAnzeigere durch sorgfältige und wirksame Sahausstattung werben soll dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Donnerstag in der Geschäftsstelle auf!

Großen-Linden (Kreis Gießen) den Jo­hann Becker aus Oaershausen, der den Stu­denten Erich Schwerdtseger in Marburg durch einen Schuß so schwer verletzte, daß er starb, festzunehmen. Wie wir auf Anfrage bei der zu­ständigen Stelle in Großen-Linden erfahren, ist an dieser Meldung kein wahres Wort. Weder die örtliche Polizeiverwaltung, noch die Gendarmerie weih irgendetwas von einer Ver­haftung dieser Art.

** Tödlich verunglückt. Der Arbeiter Otto Hartung von hier stürzte am Neujahrsmorgen, als er von Wetzlar kam, im hiesigen Bahnhof die Treppe zur Unterführung beim Bahnsteig 6 hinab und blieb dort mit einer schweren Wunde am Hinter- köpf bewußtlci liegen. Der bedauernswerte Mann wurde der Chirurgiichen Klinik zugeführt, wo er aber, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben, gestern an den Folgen eines Schädelbruches ge­storben ist.

** Oeffentliche Dücherhalle. Im De­zember wurden 1241 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 798, Zeit­schriften 112, Jugendschriften 79, Literatur­geschichte 7, Gedichte und Dramen 21, Länder­und Völkerkunde 67, Kulturgeschichte 9, Geschichte und Biographien 72, Kunstgeschichte 14, Batur- wissenschaft und Technologie 26, Heer- und See­wesen 2, Haus- und Landwirtschaft 6, Religion und Philosophie 13, Staatswissenschaft 11, Sprach­wissenschaft 5 Bände. Bach auswärts kamen 10 Bände.

** For st Personalien. Ernannt wurden die Forstreserendare Walter G u t h i e r, Wieseck, Rich. I m m e l, Gießen, Ernst Metz, Hunaen, Karl Schuster, Niederaula, Friedrich Vetter, Gie­ßen, Alfred Walker, Friedberg, zu Forstassessoren.

** Preußisch-Süddeutsche Klassen­lotterie. Die Erneuerung der Lose zu der am 11. und 12. Januar stattfindenden Ziehung der 4 Klasse muß bis zum 4. Januar abends erfolgt sein.

** Auftrieb a u f dem heutigen Frank­furter Schlachtviehmarkt: 929 Kälber, 169 Schafe, 1316 Schweine.

Berliner Börse.

Berlin, 3. Jan. (WTB. Funkspruch.) Im heutigen Frühverkehr bleiht die Tendenz weiter freundlich. Das Geschäft ist im allgemeinen iwch nicht sehr lebhaft, doch besteht für einige Spezial- werte einiges Interesse. Für Farben, in denen sich schon gestern lebhaftes Geschäft entwickelt hatte, bestand weiter Interesse. Die Kurse liegen etwas höher. Der Bericht der Reichskredit­gesellschaft wird lebhaft erörtert, feine Wirkung auf die Börse ist abzuwarten. Farben 271,75 bis 272, R.W.E. 169,50, Dessauer Gas 125,50 bis 126.

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