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Slus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 2. Oktober 1929.
Arbeit und - Sensation.
Herbstpuh im ganzen Haus: für den Winter sollen noch einmal alle Ecken und Winkel richtig ausgefegt werden. Frühnebel, strahlende Sonne, blauer Himmel mit weißem Gewölk — ein herrlicher Tag! Da kommen die Schlafzimmer an die Reihe. Alles Bettzeug wird heraus in den Garten getragen, geklopft, gebürstet, gelüftet, gesonnt. Oede und leer starren die Bettstellen in den Raum, ihres Zweckes beraubt. Sie werden von der Wand abgerückt, und Mutti erscheint mit dem Putzeimer, um den ihr zugefallenen Teil am Laufband der Tagesarbeit in Angriff zu nehmen. Aber — oh Schreck! — Klein-Inge-- borg will auch mit vom Angriff sein! Hinaus in den Garten kann man sie nicht gut abschicken: es ist immerhin noch reichlich morgenfrüh, besonders im Schatten, und zur bewußten Sonnenanbeterin modernen Stils reichen ihre zwei Lebensjahre trotz guter körperlicher und geistiger Cntwicklungskurve noch nicht hin. So wirkt sie sich im häuslichen Kreise aus, d. h. sie läuft allen und jedem um die Deine herrrm, wählend, wo sie ihren Vorteil erspäht. Anscheinend bietet gerade jetzt Mutti die beste Konjunktur. Klein- Ingeborg ist nicht abzubiegen. Sie läuft in und um die Bettstellen herum und lacht laut auf, wenn das nasse Scheuertuch von irgendwoher in ihr Spielfeld hereinsaust. „Mir ist es Arbeit, dir ist es Sensation!" ruft die Mutter zwischen Wand und Kopfkeil knieend heraus. Aber alle Abwehr nützt nichts. Der Großvater wird zu Hilfe gerufen, er soll mit ihr tanzen gehen. „Ret Daanz mache, ins Häusi dehn!" bäumt sie sich «auf seinen Armen und zappelt in kräftigen Windungen wieder herab. „2ns Häusi dehn!" Hier schieden sich die Welten. Was dort nüchterne Arbeit zwischen leeren, öden Bettstellen ist, hier wird es zu einem fröhlichen und ergötzlichen Spiel im „Häuschen", Und wie abwechslungsreich ist dieses Spiel i Bald läuft Ingeborg läng dang mit wippenden Röckchen durch das „Häuschen" und patscht mit ihren kleinen Händchen gegen die Kopf teile: bald guckt sie schelmisch um die Ecken, klettert über die niedrigen Seitenteile, oder rutscht unten durch, um mit Mutti bald hier, bald dort „Kuckuck" zu machen. Und — sie siegt! Mutti vergißt bei ihrer Arbeit die Arbeit und bringt ihre Arbeit im Spiel zu Ende. Sie knien und hüpfen, arbeiten und spielen, scherzen und lachen, und als Mutti ihren Putzeimer hinaustragen will, nimmt sie erst ihr Kindchen in die Arme und drückt und küßt es herzhaft ab.
Glückliche Mutter, die sich ihre Arbeit auch umrationalisieren läßt und ein paar Minuten ihrer andrängenden Hausgeschäfte hingibt, um Stunden des Glückes aus dem erwachenden Seelenleben ihres Kindes dafür einzutauschen. Ehret die Kleinen, sie flechten und weben, himmlische Rosen ins irdische Leben! R. B.
Aerztliche Fortbildungskurse an unserer
Universität.
Die von der Medizinischen Fakultät unserer Landesunioersität veranstalteten ärztlichen Fortbildungskurse, die in der Zeit vom 30. September bis 5. Oktober stattfin- ben, wurden am Sonntag mit einem Begrü' ßungsabend in Gegenwart sehr zahlreicher Kursteilnehmer eröffnet. An dieser Veranstaltung «ahmen Aerzte aus allen Teilen Hessens, aus den benachbarten preußischen Kreisen und auch aus den
übriyen Tellen des Reiches teil. Der Dekan der Medizinischen Fakultät, Professor Georg Herzog, begrüßte die zahlreich erschienenen Kollegen und wies darauf hin, daß es zur Zeit im allgemeinen wieder Aufgabe der medizinischen Fakultäten an den Universitäten werden und sein muß, die Fortbildung der Aerzte in die Hand zu nehmen, namentlich im Interesse der Einheit in der Medizin und der Selbständigkeit der praktischen Aerzte. Die Medizinische Fakultät unserer Landesunioersität werde auch in künftigen Jahren wieder Fortbildungskurse veranstalten, die aber vielleicht unter gemeinsamem Titel und in Verbindung mit seminaristischen Hebungen stattfinden sollen. Ein weiterer Zweck der Kurse an den Universitäten liege nach Ansicht des Redners darin, daß praktische Aerzte und Unioersitätsdozenten stets in kollegialen Be- ziebungen bleiben und die Dozenten mit den Praktiken Aerzten wechselseitige Aussprache pflegen über die Aufgaben, die den praktischen Arzt erwarten, während andererseits die praktischen Aerzte ein Interesse daran haben müßten, über die Wandlun- hingen im medizinischen Unterricht ständig unterrichtet zu sein. Seine Magnifizenz der Rektor, Prof. Dr. Brüggemann, wies besonders darauf hin, daß Gießen eine Arbeitsuniversität ist, die den Studenten vor Abhaltungen bewahre, die in der Großstadt eine Gefahr für das Studium seien. Als Vertreter des Ministeriums des Innern sprach Ministerialrat Dr. Fresenius, der betonte, daß die ärztlichen Fortbildungskurse auch für die beamteten Aerzte von großem Wert seien, und daß deshalb der Besuch dieser Kurse allen beamteten Aerzten dringend anzuraten sei, damit sie in der Wissenschaft auf dem laufenden bleiben und immer wieder den kollegialen Zusammenhang mit den praktischen Aerzten Herstellen, für deren Interessen sie oft genug bei der Regierung eintreten müßten. Sodann wurden von dem Dekan der Medizinischen Fakultät noch weitere Einzelheiten über die zahlreichen, neben den wissenschaftlichen Vorträgen einhergehenden Veran- staltungen der Kurse mitgeteilt. Von den Kursteilnehmern wurde es mit Dank begrüßt, daß die Stadtverwaltung die Kursisten als Gäste der Stadt für Freitag abend in das Stadttheater eingeladen hat. — Die Zahl der Kursteilnehmer beträgt über 100.
Vorgestern und gestern fanden vormittags und nachmittags Vorträge statt, für heute nachmittag ist ein Besuch der Kursteilnehmer in Bad-Raudeim mit Besichtigung des dortigen Balneologischen Hniversi- tätsinstituts vorgesehen. Heute abend werden die Kursteilnehmer als Gäste der Nauheimer Kurver» verwaltung einem Symphoniekonzert beiwohnen.
Daten für Donnerstag. 3. Oktober.
Sonnenaufgang 6.03 Uhr. Sonnenuntergang 17.34 Uhr. — Mondaufgang 6.22 Uhr, Monduntergang 17.58 Uhr.
1817: der Literarhistoriker Johannes Scherr in Hohen-Rechberg geboren; — 1859: die italienische Schauspielerin Eleonore Düse in Vigeoanp geboren.
Bornotizen.
— TageskalenderfürMittwoch. Volkshochschule: Abendmusik der Darmstädter Musikanten, gilbe, 20 Uhr, Stadtkirche. — Stadttheater: „Boccaccio", 19.30 bis 22.15 Uhr. — 117er: Monatsversammlung, 20 Uhr, bei Kamerad Emil Sieck. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das zweite Leben" und auf der Bühne deutschrussische Kleinkünstlerbühne „Feueroogel". — Astoria-Lichtspiele: „Der weiße Wildling" und,Hhr schönster Tag".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Operettenvorstellung „Boccaccio" beginnt um 19.30 Uhr. — Freitag, 4. Oktober, wird zum erstenmal „Grand Hotel", Lustspiel in drei Akten von Paul Falk, gegeben.
— Der Orchester-Verein Gießen veranstaltet am morgigen Donnerstagabend in der Neuen Aula der Universität fein erstes Symphoniekonzert. Als Klaviersolistin wirkt dabei Irl. M i m i Bock von hier mit, die das Mozartsche Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur mit Orchesterbegleitung zum Vortrag bringen wird. Frl. Bock fand bekanntlich im vorigen Jahre bei ihrer Mitwirkung im Konzert des Sängerkranzes als Begleiterin der Chöre und des Frankfurter Tenors Franz Völker reichen Beifall. Das Orchester wird die Ouvertüre „Der Wasserträger" von Cherubini sowie Haydns Symphonie Nr. 8 in B-Dur zu Gehör bringen. Die Veranstaltung, die zu volkstümlichen Preisen gegeben wird, sei der Beachtung aller Musikfreunde empfohlen.
** Wahlvorschläge zur Gießener Stadtratswahl müssen, wie die Stadtverwaltung im heutigen Anzeigenteil bekanntgibt, bis spätestens zum 18. Oktober bei dem Stadtwahlkommissar im Stadthaus, Bergstraße, schriftlich eingereicht werden. Es sind 42 Stadtratsmitglieder zu wählen. Näheres ist aus der Bekanntmachung ersichtlich.
** Die Wahlvorschläge zur Pro- vinzialtags- und zur Kreistags- Wahl sind bis zum 18. Oktober bei Iler Provinzialdirektion (für die Provinzialtagswahl),
Wenn Ihre Empfehlungsanzeige
In der Freitags- oder in der Samstagsnummer des Gießener Anzeigers durch sorgfältige, wirksame Satzausstattung werben soll
dann geben Sie sie bitte spätestens im Laufe des Mittwochs beziehungsweise Donnerstags in der Geschäftsstelle auf
bzw. beim Kreisamt Gießen (für die Kreistags- Wahl) einzureichen. Für den Provinzialtag sind 35 Vertreter, für den Kreistag 30 Mitglieder zu wählen. Die näheren Bestimmungen für die Wahlvorbereitung enthält das gestrige Amtsverkündigungsblatt.
"DieGießenerHindenburg spende. Wie erinnerlich, hat der Stadtrat Gießen durch Beschluß vom 30. September 1927 aus Anlaß des 80. Geburtstages des Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg eine Stiftung von jährlich 500 Mark errichtet. Die Vergebung dieser Stiftung für das Jahr 1929 ist heute im Stadthaus, Gartenstrahe, an die durch den Beirat für Kriegerfürsorge vorgeschlagenen Personen er» folgt. Cs wurden zehn Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene mit je einer Gabe von 50 Mk. bedacht.
** Gießener Ferienkurse. Man schreibt uns: Don vielen Seiten ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß auch der Besuch einzelner Vorträge möglich gemacht werde. Diesem Wunsche ist von der Kursleitung Rechnung getragen worden; am Eingang der Hörsäle sind Eintrittskarten, die für je eine Stunde gültig sind, für je eine Mark zu erhalten. Reben den im Inserat genannten Vorträgen seien noch die für die nächsten Tage im Programm genannten
Vorträge der Herren Prof. Kinkel, Bieber, Hör- neffer, Bornkamm, Rauch, Gerber, König, Lau- tensach hingewiesen: am 4. Oktober trägt Prof. Weichelt ausgewählte Stücke aus Rietzsches ^arat.,ustra vor (10 bis 11 Bot. Hörsaal), am 11. Oktober (5.30, Bot. Hörsaal) bringt Dr. Ritter „Grabbes Napoleon, eine dramaturgische Gestaltung", lieber alle Einzelheiten des Stundenplans gibt die Geschässstelle Auskunft (Dis- marckstrahe 2).
** Der Goethe-Bund lädt, wie aus dem gestrigen Anzeigenteil zu ersehen ist, die Literatur- und Kunstfreunde zu seinem Vortragsprogramm 1929/30 ein. Auch in diesem Jahre war der Bund, wie man uns schreibt, nicht nur bestrebt, seine Vortragstätigkeit auf der gewohnten, anerkannten Höhe zu halten, sondern die Dun- desleitung war vor allem mit allen Kräften bemüht, das Dortragsprogrcunm in seinem künstlerischen Gehalt weitgehend zu steigern und durch den Ausbau der inneren Organisation in noch stärkerem Maße immer weiteren Kreisen unserer Bürgerschaft trotz der Ungunst der wirtschaftlichen Zeitverhältnisse, die Möglichkeit zur geistigen Erbauung und zum Vortragsbesuch zu geben. Das neue Dortragsprogramm enthält vier Dichterabende mit Arnold Zweig, Walter von Molo, Alfred Reumann, Hermann Stehr, ferner wieder vier Morgenfeiern im Stadttheater: Goethe- Feier, Chinesisches Theater ein Tanzgastspiel von Senta Maria und eine Hofmannsthalgedenkfeier. Vier volksbildnerische Vorträge bringen wertvolle Lichtbildervorträge, sowie ein Konzert „Alte Kammermusik" auf historischen Instrumenten. In Zusammenarbeit mit dem Stadttheater werden, abgesehen von den obengenannten Veranstaltungen, im Kammerspielzyklus mehrere dramaturgische Vorträge und ein Gastspiel im Stadt- theater veranstaltet werden. Ferner ist es dem Bund gelungen, Professor Behouneck, den einzigen nicht italienischen Teilnehmer der Robile-Expedi- tion, zu einem Lichtbildervortrag über seine Erlebnisse auf dieser Expedition zu gewinnen. Im Mittelpunkt des gesamten dieswinterlichen Dor- tragsprogrammes wird sodann die Feier des 15. Iahresfestes des Bundes stehen, dessen Ehren- vorsih der Präsident der Deutschen Dichterakademie, Walter von Molo, übernommen hat. Mit diesem Vortragsprogramm wird der Bund sich sicherlich viele neue Freunde und Vortragsbesucher erwerben. (Siehe gestrige Anzeige.)
** Aufgehobene Straßensperre. Die Sperrung der Rodheimer Straße zwischen Krofdorfer Straße und Hardtallee ist von heute ab wieder aufgehoben.
** Eine Riesenbirne. Als seltenes Produkt eines Spalierobstbaumes wurde uns gestern von dem Metzgermeister Boller, Bahnhofstraße, eine Birne von ganz ungewöhnlichem Umfang und Gewicht übermittelt. Das Birnenmonstrum wiegt 1 Pfund und 180 Gramm.
Weitere Lokalnachrichten im 2. Blatt.
Aus dem Amtsverkündigungsblati.
* Das Amtsverkündigungsblatt N r. 71 vom 1. Oktober enthält: Die Wahlen zum Prooinzialtag und Kreistag. — Erste Anlegung der Handwerks, üe. — Reichssteuerüberweisungen. — Lehrkursus für alkoholfreie Jugenderziehung. — Lehrgang für Bibel- und Jugendarbeit. — Feldbereinigung in Harbach. — Dienstnachrichten.
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