Montag, 5t Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. 596 Zünstes Blatt
Kolonialwaren und Politik.
Von Or. Alphons Nobel.
Die Gewinnung der Baumwolle, der Inte, des Kautschuk wie des Tees, Kaffees, der Seide, der besseren Taballprten, Kakao ist an ein tropisches oder subtropisches Kl4ma gebunden. In dem Mähe, wie das Abendland diese Güter für unentbehrlich hält, sind auch tropische Gebiete dem Abeirdlande unentbehrlich.
Es ist bekannt und braucht deshalb hier nicht auseinairdergescht zu werden, dah der wichtigste Roh stoss unserer Bekleidungsindustrien, die B a u ni w o l l e im großen und ganzen aus drei Ländern stammt, nämlich aus dem südlichen Teil der nordamerikanischen Union, aus Britisch - Indien und aus Aegypten. Des weiteren, daß Kautschuk, der unentbehrliche Rohstoff für die PneumaS unserer Kraftwagen, aus Hinter- Indien, Ceylon und Holländisch-Jndien kommt. Ferner, daß alle irgendwo in der Welt verarbeitete Oute im gewaltigen Delta des Brahmaputra und des Ganges wächst: daß wir den Tee von Ceylon, Indien, China beziehen; daß Kakao immer mehr ein Monopol der flammend- heißen Goldküste Afrikas wird; daß die heißen Teile der Bereinigten Staaten, zusammen mit Mittelamerika imZ) den indischen Ländern, den besten Tabak liefern; daß der Reis im überwiegenden Maße asiatisches Produkt ist, der Kaffee zu drei Fünftel in Brasilien und anderen amerikanischen Ländern, zu einem kleineren Teile auch in Indien, gewonnen wird. Fast die gesamte Welternte an Seide entfällt auf Ostasien, zum allergrößten Teil auf Iapan. Die Margarineerzeugung Hollands baut sich sehr wesentlich auf den O e l f r ü ch t e u seiner tropischen Länder auf. Man könnte diese Reihe noch lange fortführen, um die Abhängigkeit des Abendlandes von den wärmeren Ländern zu erläutern.
Diese Dinge sind landwirtschaftliche Erzeugnisse. Aber wir würden eine sehr falsche Dor- stellung von der ökonomischen Welt gewinnen, glaubten wir, daß ihre Erzeuger Bauern sind, wie im Abendlande. Gewiß ist auch der Iute gewinnende Inder in der Regel ein kleiner Landwirt; auch ägyptische Baumwolle wächst auf kleinen Gütern und der Reis Ostasiens in Parzellenwirtschaft. Aber im großen Zusammenhang behandelt, sind das Ausnahmen. Wir werden gleich sehen, wie wenig diese Ausnahmen der regelmäßigen tropischen Wirtschaftsform Abbruch tun. Plantagenwirtfchaft regiert Tropen und Subtropen.
Das beste Beispiel vielleicht ist der Kautschuk. Der Hersteller des Kautschuks ist keine Bauernfamilie, sondern eine Aktiengesellschaft mit Aufs ich tsräten und Generaldirektoren, mit Bilanzen und Dividendenausschüttung, mit Generalversammlung und Geschäftsberichten. Diese Aktiengesellschaft betreibt die Gewinnung des tropischen Produkts Kautschuk fabrikmäßig. Der Großbetrieb herrscht vor. Genau so ist es mit dem Tee. Ia die Palmenwälder an den Kästen Ceylons und der indischen Länder sind industrialisierte Ratur. Es ist genau in Ziffern ausgedrückt und festgelegt, welches Kapital investiert werden muß und investiert ist. Jeder Statistiker muh seine Freude an der rechnerischen Erfassung dieser Produktion haben. Eine solche »Kautschukfabrik" beispielsweise benötigt pro Arve eine Kapitalinvestierung von 1500 Mk., während eine Teepflanzung etwas mehr, an 1800 Mark für die gleiche Flächeneinheit braucht.
Aber auch bei den tropischen und subtropischen Produkten, die nicht plantagenmähig hergestellt werden, unterscheidet sich die wirtschaftliche Gestalt sehr wesentlich von der abendländischen Landwirtschaft. Der Baumwolle erntende indische Landmann, wie der Baumwolle erntende amerikanische Farmer hängen in einem ganz anderen Ausmaße vom Großkapital und seinen Fluk- tationen ab, als irgendein europäischer Bauer. Die Baumwollbörsen Amerikas bestimmen Konjunktur und Krisen in einem so großen Kontinent wie Indien. Mine in g Lane, das mitten in der Londoner City gelegene Zentrum für Tee, Kaffee und Kautschuk, ist für die kleinen Produzenten dieser Dinge so etwas ähnliches wie das Lotterierad für einen Glücksspieler. Der Kautschukpreis pro Pfund betrug 1925 einmal 4,50 Mark, 1926 war er, wenn auch nur vorübergehend. auf 80 Pfennig gesunken. Richt ganz so schlimm, aber immer noch schlimm geitug, ist die
börfenmähige Bewegung anderer Kolonialwaren. Auf dem Auf und Ab der Kurszettel kann kein Bauerntum bestehen.
So kommt es. dah beispielsweise der indische Iutebau an die Makler verschuldet ist und völlig in den Händen dieser Händler sich befindet. Ia. hier wurde sogar der kleine Händler Schutvtnecht des Großhändlers. Der »selbständige" Bauer der Iute am Ganges und Brahmaputra ist nur Kuli, nichts weiter, ähnlich wie der Baumwolle gewinnende Inder im weiten Hinterlande Bombays oder im Reid) des Rifam von Haiderabad. Dann kann er auch gleich als regelrechter Kuli sich in die Tee- und Kautschukplantagen verdingen! Die Proletarisierung der Landwirtschaft in den tropischen und subtropischen Ländern ist fast restlos durchgeführt. Das große anonyme und von wenigen Weltplätzen geleitete Kapital regiert die Ratur. Das ist der phantastische Gipfel unserer hochkapitalistischen Zeit.
Ratürlich hängt dies aufs engste mit der imperialistischen Kolonialpolitik zusammen, die sowohl Europa in Asien und Afrika, wie die Ver- einigten Staaten in Mittel- und Südamerika betrieben. Die Herrschaft des weißen Mannes über die Welt, die heute nod) saft unangefochten besteht, ist die Herrschaft des Kapitalisten oder, besser gesagt, die Herrschaft des Kapitalismus, weil des anonymen Kapitals.
Aber diese Wirtschaftsform der exotischen Landwirtschaft ist heute längst nicht mehr identisch mit europäischer beziehungsweise amerikanischer Kolonialpolitik. Der Kapitalismus emanzipierte sich von seinem weißen Herrn. Es gibt heute chinesischen und japanischen Kapi
talismus und cS wird auch sehr bald einen schwarzen Kapitalismus des Regers geben, wie es bereits einen brauen Kapitalismus des Inders (Parsen) gibt. Hier verläuft die Cntwicklungs- linie an manchen Stellen schon wieder in einem paradoxen Sinne. Die Holländer haben auf Iava Gesetze geschasfen, wonach es dem landbesitzenden Eingeborenen, also dem Malaien, verboten und überhaupt unmöglich ist, fernen Grund und Boden zu veräußern. Das ist keine politische Schikane eines unbertoorfenen Volkes durch den herrschenden Fremden. Im Gegenteil: es ist ein Akt bodenreformerischer Art. Es ist dem Malaien auch verboten, an eenen Europäer sein Land zu verkausen, was natürlich gleichzeitig verhindert, dah der beste Boden des Malaien in holländischen Besitz kommt. Zweck dieser Maßnahme ist, eine Proletarisierung des malaiischen Dauern zu verhindern, zu der er sehr neigt.
Run hat das noch eine andere Seite oder noch ein anderes Motiv, welches für rmseren Zusammenhang hier recht bedeutsam ist. Wäre nämlich diese Gesetzgebung nicht vorhanden, so gäbe es wahrscheinlich herzlich wenig malaiische Grundbesitzer auf Iava mehr. Der Grund und Boden würde dem — Chinesen gehören, wie dem Chinesen bereits ganz Singapore anheimgefal- len ist.
Das Vordringen des chinesischen und überhaupt ostasiatischen Kapitals ist eins der Zu- kunstsprobleme Asiens und vielleicht der Welt. Auf Iava schützt, wie wir sehen, eine europäische Macht den Eingeborenen vor jenem Kapitalismus. Grund dafür ist natürlich Eigennutz: Europa fürchtet den gelben Kapitalismus.
Handschrift, auf, denen wir ohne weiteres abnehmen können, t>6 der Schrifturheber zu den »Optimisten" oder zu den ..Pessimisten" gehört. Ebenso leicht stellen wir die Stärke und Ausdauer seines Willens fest. Im Zustande des Wollens nämlid) nimmt sich der Körper zusammen; im Zustairde willenlosen Träumens, Betrachtens, Schwärmens läßt er »sich gehen". Die Folge davon ist, daß in den Handschriften typischer Tat — und Willensmenschen zahlreiche sog. SpannungsMerkmale zutage treten, wie vor allem Winkel, kräftiger Reibungsdruck, Snge. Kürzungen, Betonung der Unterlängen; wohingegen in der Handschrift des Gefühlsmenschen statt dessen mit wesentlich druckloser Federführung sich weiche Kurven zusammensinden.
Das zweite Gesetz der Ausdruckslehre sagt uns, daß die DewegungSformen beeinflußt werden vom persönlichen Raumgefühl. Wer z. D. als ein ausgeprägt klarer Kopf an begriffliches Denken und strenge Unterscheidung gewöhnt ist, dessen Anschauungsvermögen hat eine ihm selbst unbewußte Wahlverwandtscha t zu scharf- gegliederten Raumgebilden, und der neigt deshalb dazu, Wörter und Zeilen weit voneinander zu trennen; wer hingegen ein mehr sinnlich konkretes und möglicherweise künstlerisch phantasievolles Denken besitzt, dessen Wortkörper heben sich minder fdjarf ai«3 der Zeile, dessen Zeilen minder scharf aus d"r Seite ab, und wer endlich der geistigen Klarheit ermangelt, der läßt feine Zeilen mit Over- unö Unterlängen rücksichtslos ineinandergreifen.
Das Raumgefühl ausgesprod>en verschlossener wie ferner unaufrichtiger und lügenhafter Persönlichkeiten ist denjenigen Formen wahlverwandt, welche den Eindruck des Uel>erwölbens, Zuschließens, Verdeckens mad)cn: das Raumgefühl typisch osfenherziger den gerade entgegengesetzten Raumgestalten. Darum schreiben jene, ohne es zu wissen, die sog. Arkade (Dogenbindung oben), diese die sog. Girlande (Dogenbindung unten).
Von sämtlichen Einwänden, die man gegen die diagnostische Schriftbetrachtung erhoben hat, pflegt feiner auf den Laien einen stärkeren Eindruck zu machen, als der, daß man die Schrift- eigentümlichkeiten willkürlich annehmen und sogar sich angewöhnen föan'. Di? T.itja^e selbst in ziilrcftend, immtref end aber die Meinung, daß sie den Diagnostiker zu täuschen vermöge. Es gibt neben dem ursprünglichen einen erworbenen Duktus, und wir kennen genau die Gesetze, nach denen sich dieser aus jenem entwickelt. Weil "ämstch die feineren Merkmale der eigenen Hand cyrift vom Schcifturh ber gar nicht beachtet werden, und ihm folglich unbekannt bleiben, so richtet sich sein Versuch, seine Handschrift zu verschönern", oder „origineller" und „interessanter" zu machen, mir auf gewisse gröbere, sog. repräsentative Züge, und lo wird der erworbene „Duktus" dem gewiegten graphologischen Praktiker zu einem Quell höchst wichtiger Aufschlüsse über das, für was der Schreiber in der Welt und nicht zuletzt vor dem eigenen Bewußtsein zu gelten wünscht.
Vorstehende Ausführungen wollen dem Leser sagen, dah und warum die „Handschriftendeutung" möglich sei, nicht aber wollen sie ihm dazu die Handhabe bieten. Die Deutungstechnik ist eine schwierige und verantwortungsvolle Sache, mit der sich niemand befassen sollte, der nicht gründlich die ausdruckstheoretische und charakterologische Literatur studiert und darauf linier Anleitung eines Könners mindesten ein Iahr lang sia, geübt hat.
Balzac bei -er Arbeit.
Bal,;ac gibt in seiner Korrespondenz einige Aufschlüsse über die Arbeitszeit, die er zur Fertigstellung seiner Romane gebraucht hat. So behauptet er, wie in der „Literarischen Welt" mitgeteilt wird, für den zweiten Band seiner „Psychologie der Ehe" siebzig Tage gebraucht zu haben. Den „Colonel Chabert" will er in zwei Monaten fertiggestellt haben und im gleichen Jahr in derselben Zeit „Louis Lambert". Am „Landarzt" arbeitete er etwas länger: acht Monate; dagegen war „Eugenie Gründet" in drei Monaten geschrieben. „Cesar Birotteau" dauerte zwanzig Tage, „Ursule Mirouet" kostete ihn zwei Monate und die „Cousine Bctte" sechs Wochen. Dieser unermüdliche Arbeiter veröffentlichte im ganzen zwischen 1827 und 1848 neunzig Werke, umgerechnet ungefähr achtzehntausend Seiten; dabei sind seine vielen Artikel für Zeitschriften, Zeitungen und Revuen nicht miteingerechnet.
Handschrift und Charakter.
Don Or. Ludwig Klages, Zürich.
Uiber das jetzt soviel diskutierte Thema der Graphologie bringen wir nachstehend einen Beitrag aus der Feder eines der berufensten ■ Vertreter dieser Wissenschaft. Ludwig Klages darf als der Begründer der wissenschaftlichen Graphologie angesprochen werpen und seine Ausführungen verdienen deshalb besondere Beachtung. Kem Mensch kann auch nur die kleinste Bewegung ausführen, ohne ihr ein Körnchen feiner individuellen Eigenart beizumischen. Von zehn Personen, welch« die Ahsicht haben, nach einem Buch« zu greisen, tut das xede auf eine besondere Weise, welche ihrer persönlichen Ratur entspricht, die eine hastig, die andere bedächtig. die dritte mit Würde, die vierte umständlich, die fünfte flüchtig usw., jede also gemäß ihrer Eigenschaft der Hast, Bedächtigkeit, Würde, Umständlichkeit. Flüchtigkeit usw. Würden wir statt nur auf den Zweck der Bewegung vielmehr aus die Art und Weise ihres Ablaufs achten, so könnten wir aus deren jeder wichtige Züge des handelnden Charakters entnehmen. Es gibt so viele verschiedene Arten des Ganges, des Gebärdespiels, der Mimik, Haltung und Stimmartikulation, als es verschiedene Menschen mit verschiedenen Charakteren gibt. Und es ist die Raturanlage einer gesteigerten Empfänglichkeit für dergleichen Unterschiede, was zu allen Zeiten und bei allen Völkern gewisse Personen befähigt hat, ihre Rebenmenschen oft auf den ersten Blick gleichsam hellseherisch zu durchschauen.
Ohne Zweifel würde auch die Praxis der Ausdruckslehre längst Allgemeingut sein, stände ihr nicht eine Schwierigkeit entgegen, an der sie anfangs zu scheitern drohte. Alle Funktionen sind chrer Ratur nach flüchtig. Gang, Haltung, Redeform. Mimik, Gestikulatur, das alles verändert sich fort und fort. Wir können nur mit großer Mühe zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung machen, was kaum, daß cs da ist, schon wieder entgleitet, und zwar um so mehr, als unsere Erinnerungsbilder man- nigfachen Täuschungen ausgesetzt sind. Rur eine einzige Bewegung macht davon eine Ausnahme. die Bewegung des Schreibens, weil sie im Augenblick der Entstehung auch schon in bleibenden Formen fixiert wird, für Jahre und selbst für Jahrhunderte! Rehmen wir ein Manuskript des Leonardo da Vinci zur Hand, so sind wir in der Lage, mit vollkommener
Sicherheit die Bewegungen festzustellen, welche der schreibende Griffel und die führenden Finger dieses großen Mannes vor Jahrhunderten ausführen muhten, damit die für uns sichtbaren Typen zustande kamen. - - Von Millionen Menschen, deren jeder in der Schule nach der gleichen Vorlage schreiben lernte, schreiben im Alter von 20 Ihren nicht zwei überein, sondern sie schreiben alle verschieden, dergestalt, daß die immer wiederlehrende Besonderheit der Abweichungen es sogar dem Laien ermöglicht, aus der bloßen Adreßaufschrift einer ihm wohlbekannten Person den Absender festzustellen.
Don den Gesehen nun, welche die Olbhängig- feit des Ausdrucks von der Seele regeln, lautet das erste: jeher inneren Bewegung entspricht diese analoge äußere. Sind wir also z. D. innerlich heftig bewegt, wie im Falle des Ergriffenseins von einer starken Gemütsbewegung oder einem sog. Aftekt, so neigt auch unfer Körper zu heftigen Bewegungen; sind wir innerlich ruhig, so ist es and) unser Körper. Diese einfache Entsprechung ermöglicht die graphologische Entscheidung des „Stimmungsmenschen" vom Gleichmütigen. Und zwar weift jener erheblichen Wechsel zahlreicher Schrifteigenschaften auf, nicht nur mit dem Wechsel der inneren und äußeren Schreib- umstände, so daß er z. D. anders am Morgen als am Abend, anders vor Tisch als nach Tisch, anders wenn er heiter, als wenn er betrübt ist, schreibt, sondern sogar in jedem einzelnen Schriftdokumente. Der Grad des gewohnheitsmäßigen Schwankens der Schriftelemente bezeichnet genau den Grad der persönlichen Afftzier- barkeit. Unter den affektiven Charakteren unterscheidet man die „euphorischen" und die „depressiven", das will sagen, solche von vorwiegend gehobener Gemütsverfassung, die alles im rosigen Licht sehen, stets nur den Erfolg im Auge haben und freilich gar oft ihr Leistungsvermögen überschätzen, und solche von vorwiegend gedrückter, hypochondrischer-, trüber Gemütsverfassung, die „Schwarzseher", die vor lauter Abwägung wirklicher oder eingebildeter Schwierigkeiten nicht zum Handeln kommen und gemeinhin ihr Können unter schätzen. Es läßt sich nun zeigen, daß die gehobene Stimmung zu lebhaften, flotten, eiligen, große und zentrifugalen Bewegungen führt, die gedrückte aber zu langsamen, zögernden kleinen zentripetalen. Dies ergibt zwei höchst charakteristische Typenbilder der
Lache Bajazzo!
Roman von 3- Schneider-Foerfil.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
33. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie sand erst gar keine Erwiderung. Dann drückte sie seine Hände. „Ist das nicht zum Weinen? Hat das noch einen Sinn, wenn das geben solche Zufälle auswürfelt? Was mag der arme Mensch darunter gelitten haben! Und —"
„Einen Augenblick, Herr Kollege!" Der Ches - arzt winkte Fehmann in eine Rische, während die Sängerin wieder in das Zimmer zurücktrat. ..Also, wir sind zu dem Schluß gekommen, dah e« keine Rettung n.e>r für den Baron gibt! Die vier anderen Kouegen, die sich ganz diesem Urteil anschließen, befinden sich noch im Konferenzzimmer; wenn Sie allenfalls noch selbst mit tgjten sprechen wollen, würde ich das nur billigen, damit sie hören, daß jede Möglichkeit erwogen wurde. Eine Operatton ist völlig zwecklos — sein Blut ist bereits durch und durch vergiftet!"
„Und eine Transfusion — Herr Kollege? Haben Sie auch das in Betracht gezogen?" Feh- manns Stimme fiel wie ein Hammer.
„Rein! Cs müßte sich jemand freiwillig melden. Seiner Mutter darf man es nicht sagen, die braucht die wenigen Tropfen ihres Blutes in ihrem Körper selbst. Und die Frau Jeska, ich weiß nicht, in welchem Verhältnis sie zu ihm steht, und ob sie nicht doch davor zurückschrecken würde, wenn es daraus ankor.nnt, sich für thn zu opfern!"
„Cs kommt selbstverständlich niemand in Betracht als ich allein!“ war Fehmanns bestimmt gegebene Erwiderung. „Ich möchte Sie nur bitten, feine Minute mehr zu versäumen. Sie wissen, dah jcde für meinen Freund kostbar ist."
„Als Arzt kennen Sie ja die Gefahr, in die Sie sich möglicherweise begeben, Herr Kollege!"
wandte der Chef der Klinik ein. „ Fünfhundert Gramm Blut dürften in diesem Falle kaum genügen — ich rechne mit der doppelten Menge!"
„Es kann auch die drei- oder vierfache sein! Rehmen Sie bis zum letzten Tropfen, wenn es nöttg ist!" sagte Feßmann ungeduldig. „Rur zögern Sie, bitte, nicht länger!"
„Wollen Sie nicht zuvor Ihre Frau Gemahlin noch verständigen, Herr Kollege?"
»Es ist hernach noch früh genug. — Treffen Sie, bitte, nie nötigen Vorbereitungen bei Hettingen. — Ich komme im Moment."
Der Chefarzt bat die Damen, sich aus dem Zimmer zu entfernen, da man einen Eingriff beim Herrn Baron vornehmen wolle.
„Sie werden ihm den Arm wegnehmen?" flüsterte die Mutter entsetzt.
„Rein!"
„Was sonst?"
„Sie werden es erfahren, wenn es vorüber ist, gnädige Frau!" Er schob sie gütigen Blickes üoer die Schwelle, an der eben drei Aerzte in weihen, fleckenlosen Kitteln erschienen. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, riß Fehmann den seinen herunter und warf die Weste zur Seite. Das Hemd glitt über die Achseln und wurde nur in der Mitte vom Beinkleid sestgehalten.
Der Chefarzt trat auf ihn zu. ..Ich bin außer jeder Verantwortung. Herr Kollege?"
„Außer jeder!" stimmte Fehmann zu.
„Dann — in Gottes Ramen!"
Ein Wattebausch fuhr über Fehmanns linken Oberarm — etwas Blitzendes bohrte sich in sein Fleisch — dunkelfarben floh sein Blut in das bereitgehaltene Gefäß, um von dort in Hettingens Venen übergeleitet zu werden.
„Siebenhundert Gramm," konstatierte der Chefarzt und sah in Feßmanns farbloser werdendes Gesicht.
Ein gleichmütiges Ricken. „Rehmen Sie, was Sie brauchen!"
„Roch einmal die gleiche Menge dürste genügen“, sagte eine Stimme vom Bett her. too
Hettingen in vollständiger Apathie lag und nicht wußte, was mit ihm geschah.
Unaufhaltsam rann Fehmanns Blut! — Er sah bunte Rebel tanzen und die Dinge im Zimmer auf und nieder schaukeln. Hörte, was die anderen sagten, und sann den Tönen nach, als kämen sie aus meilenweiter Ferne. Dis weit in die Lippen hinein abgeblaßt, merkte er, wic jemand auf ihn zutrat, an fernem Herzen horchte und ihm bann mit geübten Händen eine Binde um die geöffnete Körperstelle wickelte.
„Wie fühlen Sie sich, lieber Kollege?"
„Ich bin vollkommen wohl!" sagte er und muhte sich zu gleicher Zeit gegen den Schrank hinter seinem Rücken lehnen, um nicht zu fallen.
Einer der Kollegen brachte ihm ein Glas Wein, das er gierig leerte. Wie Feuer rann es durch seine Adern. Die Schwäche war überwunden. Er ging zum Bette und sah auf Joachim, der reglos in den Kissen lag.
Die Kollegen standen noch im Gespräch beieinander, da neigte er sich hastig herab und küßte den schweigenden Mund. „Run rinnt mein Blut in dem deinen! Laß es als Sühne gelten für das, was ich dir getan habe!" bat er lautlos.
Im Korridor warteten die Frauen in tödlich verzehrender Angst. Die Baronin erfuhr nichts vor dem Geschehenen. Rur Isabella Jeska erhielt die Mitteilung davon sowie Richthofen, der seit zwei Stunden im Wartezimmer sah, beide fuhren sie auf, warum man ihnen das Recht geschmälert hatte, sich auch zur Verfügung zu stellen.
Als Isabella in Fehmanns Gesicht blickte, verstummte sie. „Wenn er gesund ist, werde ich ihm sagen. Herr Doktor, in welcher Schuld er bei Ihnen steht."
Er hielt ihre rechte Hand in die seine geklemmt. „Das werden Sie nicht tun, gnädige Frau! Er muh selbst wieder zu dem Glauben kommen, dah ich das nicht bin, wofür er mich hält, und dah ich wirllich zu jeder Stunde Treue um Treue und Leben um Leben zu geben gewillt war."
Die kommenden Stunden und die folgende Rächt verbrachte Hettingen verhälnismähig ruhig. Fehmann wich keine Minute von seiner Seite. Aber erst, als gegen 7 Uhr morgens der Chefarzt seine Meinung teilte, dah eine auffallende Wendung zum Besseren eingetreten sei, lieft er sich von Isabella auf das kleine Sofa drücken und lehnte den Kopf über eine halbe Stunde schlaftrunken gegen die Polsterung.
Joachims Stimme lieft ihn unvermittelt auf* springen. Hettingen schob sich mit Hilfe der Mutter etwas hoch und lächelte ihm entgegen. „Ich habe so furchtbar komisch geträumt: man pumpte mir mein Blut aus den Adern und anderes floh dafür hinein — aber ich fühle mich seither viel Wohler, Herr Doktor!"
„Dann hat der Traum ja feinen Zweck erfüllt, Herr Baron!" war die liebenswürdige Antwort. „Olun bleibt Ihnen nichts mehr zu tun — als sich gesund zu schlafen."
Und das tat Joachim Hettingen. Feftmann hielt es schon nach drei Tagen nicht mehr für ratsam, noch länger in seiner Rahe zu bleiben. Möglicherweise, daß er ihn doch einmal erkannte, und dann waren die Folgen für den Genesenden unberechenbar. Ein Rückschlag muhte um jeden Preis vermieden werden.
Als er nach sechs Tagen Abwesenheit nach Haufe kam, war sein Haar von grauen Strähnen durchzogen, und von den Rasenflügeln zum Munde herab zogen sich zwei scharfe, tiefrinnige Furchen. Ein stahlhartes Blitzen lag in den sonst so gütigen Augen und seine Sprache hatte etwas Barsches, kurz Abgehacktes bekommen.
Frau Brunhildes Herz schrie auf vor Gram und Mitleid, als sie den Gatten so zurückbekam.
„Din ich dir nichts mehr?" klagte sie, als ec sie wortlos zur Seite schob und nach seinem Zimmer ging.
Die Hand bereits auf der Türklinke, sah er sie schweigend an. „Laß mich erst den Toten begraben — du bist mir ja geblieben, kleine Frau!"
(Fortsetzung folgt)


