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Nr. 26 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, 5\. Januar (928

Römischer Brief.

Rom, Milte Januar.

Moskau, 1. Januar 28. Der oberste Gerichtshof hat den P a p st Pius XL in Rom wegen fortgesetzter finanzieller Unter­stützung der staatsfeindlichen Bewegung ein­stimmig zum Tode verurteilt.

In der Leostadt hat man die Botschaft ver­nommen, unbegreiflicherweise aber nicht e r n st genommen. Gestern nun traf ein an den Pontifex persönlich adressierter, e i n g e s ch r i e bener Brief ein, der das Todesurteil enthielt. Der Papst nahm es gefaßt entgegen, las es auf- merksam durch und übergab es dann dem heiligen Kollegium. Es ist von Stalin und anderen Bolschewistensührern unterschrieben, außerdem von der orthodoxen Behörde. Sollte der Verurteilte noch Zeit dazu finden, so wird er es als histori­sches Dokument dem vatikanischen Archiv ein­verleiben.

Glauben Sie nur nicht, daß mir der römische Karneval in den Kopf gestiegen sei, so steht dis Geschichte in der siebenmal gesiebten faszisrischen Zeitung. Se non e vero ...

Der Papst erhält ja in diesen Tagen aller- Hand Besuche, warum soll also nicht auch Ruß­land seine Karte abgegeben haben. Die Visiten­karten der Tscheka sehen eben wie Todesurteile aus und seit sich das Reuhenreich wieder ins dunkelste Asien zurückgezogen hat, hält man aus bodenständige Sitten, auf Gebräuche mit Erd- geruch. Dazu kommt, daß sich der "Papst in seiner Weihnachtsansprache an die Kardinale derart despektierlich ausgesprochen hat, wie man es in der bolschewistischen Presse nie erlebt. Er behauptete nicht mehr und nicht weniger, als daß in Rußland Gewalttaten vorkamen, die vor dem Antlitz des Erlösers nicht zu recht- fertigen wären.

Außer Rußland erwähnte er allerdings auch Mexiko und China, und dann wandte er sich mit lauten Worten gegen das schlafende Weltgewissen, das diese Greueltaten mit Stillschweigen übergehe. Das famose Weltgewissen ist davon nicht aufgewacht, denn es ist gegen Ruhestörungen patentamtlich geschützt. Rur wenn Deutschland etwas anstellt, muß es in die mit Recht so beliebte Erscheinung treten. Gott, was hat es sich seinerzeit über Jabern aufgeregtI Ja, das war ganz etwas an­deres als heute die Verfolgung der deutsch­sprechenden Leute im Elsaß, in der Tschechei, in Polen und anderen schönen Gegenden. In einer in Posen erscheinenden deutschen Tageszeitung liest man am Schlüsse bei der Angabe des Redaktionsstabes: Chefredakteur R. St. (zur Zeit int Gefängnis). Die deutschen Redakteure dort kennen das Gefängnis schon wie ihre vier Wände. Keine Pressevereiniaung der Welt läßt sich da­durch aus ihrem Schlummer stören.

Gegenwärtig ist übrigens ein asiatischer Herr­scher in Rom zu Besuch, der den Stolz hat, nicht bolschewistisch, sondern europäisch gesinnt zu sein. Der König von Afghanistan. Er hat den Harem abgeschafst, ein modernes Heer geschaffen und will auch die Justiz refor­mieren. Wie erinnerlich, sandte ihm Mussolini vor nicht langer Zeit- ein geharnischtes Ultima- tum, weil ein italienischer Untertan in Kabul hingerichtet wurde. Diese Episode war jedoch gänzlich vergessen, als der König, früher sagte man. Emir, in Rom ein$og. Mit Spalier und Fahnen, mit Paraden und Fliegergeschwadern wurde er empfangen, wie ein europäischer Sou­verän, König Viktor Emanuel beherbergte ihiz samt Gattin und Gefolge im Quirinal, begleitete ihn tagelang zu allen Sehenswürdigkeiten und schenkte ihn eine autoblindata, einen funkelnagel­neuen Panzerwagen. Der Papst sandte seine süni Automobile aus, den illustren Gast abzu­holen, und überreichte ihm bei der Audienz außer seinem Bild in silbernem Rahmen den Orden vom goldenen Sporn. Der Kardinalstaats­sekretär stattete ihm den Gegenbesuch ab.

Wie man sieht, im Vatikan werden um den Jahreswechsel herum nicht nur Kirchenfeste ge­feiert, es geht politisch hoch her. Pius XI. ift in feiner Art eine Arbeitsnatur wie Mussolini, der die Freiheitssehnsucht, die in ihm, dem leidenschaftlichen Bergsteiger von einst, steckt, in

Pfauenauge im Januar.

Von Will Scheller.

Eine Schachtel wird auf den Tisch gelegt. Sie ist flach, und die Farbe des Papiers, mit dem sie umkleidet ist, gleicht einem erloschenen Grün. Ein Stückchen von einem Etikett klebt noch an der Seite: die Schachtel sieht aus, als ob einmal Hemdknöpfe darin gewesen wären. Dann hat sie sich, nutzlos geworden, lange in irgendeiner Schublade voll muffigen Gerümpels herumgetrieben. Aber jetzt, jetzt liegt sie auf dem Tisch und ist der Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit.

Sie ist nämlich nicht leer, die Schachtel, deren Papierkleid von der Farbe eines gleichsam er­loschenen Grüns und irgendwo noch mit einem Stückchen Etikett behaftet ist. llnb ihr Inhalt scheint so kostbar, daß sie nur ganz vorsichtig, sehr, sehr behutsam aufgemacht wird. So vor­sichtig und so behutsam, wie sonst nur mit lebenden Wesen umgegangen wird!

Es ist auch ein lebendes Wesen in der grünen Schachtel. Oder ist es tot? Still sitzt es da, an den Boden gedrückt, ohne Bewegung. Die Fühler an dem dunklen, glänzenden Kopf find steif nach vorn gebeugt, die Flügel liegen starr, abwärts geneigt, ihr buntes Gefüge aus Rot und Braun mit helleren Tönungen dazwischen, mit den breiten dunklen Bändern und dem feinen Geäder der schwarzen Linien. Ein Bild des Kummers, ja, denn dieses wundersame Kunst­werk aus schuppigem Farbenstaub ist vielfach zerstört, förmlich zerfetzt, von dem kühnen Schwung des Randes ist nichts mehr zu sehen, und das natürliche Geleucht der Farben ist so mott: Menschen haben das lebende Wesen in der Hand gehabt und betastet und nach kurzem Flug wieder gefangen und eingesperrt wie sollte es da nicht traurig sein und traurig ausschauen. . . .?

Aber nun wogt von allen Seiten, nachdem die Finsternis (die Finsternis in der grünen Schachtel) vorüber ist, Licht heran, helles Ta­geslicht, und das Gefühl weiten Raumes läßt die tödliche Empfindung enger Haft verwehen. Auf sechs zartgliedrigen Beinen richtet der Falter

vermehrte Tätigkeit umsetzt. Jäh verfolgt er fein Jiel, die Weltgeltung der Kirche wieder zu erhöhen, alle Versuche, ihn für Kompromißlösun­gen zu gewinnen, sind zum Scheitern verurteilt. Die Kirchenfeinde um die dem Bannstrahl ver­fallene Action fran^aise mögen noch so sehr trotzen oder aus die Jeit bauen, sie werden keinen Schritt vorwärts kommen. Richt besser daran sind die Optimisten, die von einer einigen christlichen Kirche träumen. Der Vatikan steht auf dem Standpunkt, daß die Einheit der Kirche, des Christentums, schon vorhanden ist. denn er betrachtet die Protestanten und andere Schattie­rungen nur als Splitter, die sich von der Peterskirche losgelöst haben. Die neueste Enzy­klika gegen die sog. Panchristen spricht deutlich genug. Wenn eine Aenderung des gegenwär­tigen Justandes erfolgt, so kann sie nur darin bestehen, daß dieAbtrünnigen" in den Schoß der Kirche zurückkehren.

Der Vatikan läßt sich eben, wie seit Jahr­hunderten. von dem Grundsatz leiten: Die Kirche hat Zeit. An ihm muhte auch die stürmische, zeitängstliche Initiative Mussolinis, die römi­sche Frage zu lösen, scheitern. Wir sind soweit wie 1870: Italien will nicht hergeben, was der Vatikan als ihm widerrechtlich genommen zurückverlangt ein Stück Italien. Folglich bleibt die Frage bis auf weiteres ungelöst.

Es gibt Politiker, und zwar in beiden Lagern, die dieselatente Krisis" als die beste Lösung betrachten. Sie ahnen eine unabsehbare Kette außenpolitischer Verwicklungen für den Fall einer Wiederaufrichtung des Kirchenstaates, sei es auch in engsten Grenzen, während sich jetzt der Verkehr zwischen Vatikan und Palazzo Ehigi, zwischen der Leostadt und dem Quirinal, zwischen dem päpstlichen Rom und den frem­den Höfen und Kabinetten völlig reibungslos abspielt. Ausländische Souveräne können heute, wie das Beispiel des Königs von Spanien ge­zeigt hat, sowohl den Papst wie den König von Italien aufsuchen, ohne daß es zu Ver­stimmungen kommt, wie sie noch unter dem Kriegspapst Benedikt unausbleiblich gewesen wären.

Lind in dec inneren Politik hält nach wie vor der Friede mit dem Faszismus an. Wohl hat der Papst an den Maßnahmen Musso­linis vieles auszusetzen, erst kürzlich beklagte er

wieder in scharfen Worten die Verfolgung ka­tholischer Kultstätten, aber er wird andrerseits nie müde, anzuerkennen, was der Faszismus für den Glauben tut, und nicht nur für den Glau­ben, sondern auch für die sittliche Erneuerung und Wohlfahrt des Volkes. Fast jeden Tag kann man erleben, wie derOsservatore Romano", c päpstliche Organ, dem faszistischen Reupuriiani mus Beifall spendet, dem Kamps gegen Sch., atz und Schund, gegen Malthusianismus, Fluchen. Selbstmord, unmoralische Filme wie unmoralische Gesellschaften. Im Popolo dJtalia Mussolinis wird gegen die Bierleichen oder vielmehr Wein- leichen im Frack vom Leder gezogen, die anderen Zeitungen greifen das Thema sofort aus und fordern, daß die Polizei auch dann einschrectet, wenn so ein Herr das Faszistenabzeichen im Knopfloch trägt. Jetzt ist sogar ein Dekret her- ausgekommen, das der Presse die ilnterbrüdung derschwarzen Chronik" zur Pslicht macht.

Was das heißt, lann nur der ermessen, der jahrelang in Italien gelebt und somit erfahren hat. wie die Masse des Volkes nur nach den Zeitungen greift, wenn darin ein Liebesabenteuer oder ein interessanter Selbstmord so aufgezogen wird, daß sich die Druckerschwärze in Tränen auf löst. Romane bringen ja die wenigsten Blät­ter, der Inseratenteil ist weitaus dürftiger als bei einem nordischen Landblättchen, Opposition gibt es nicht mehr, was also sollten die Zei­tungen 2lppetitliches vorsehen.

Kein Zweifel, nun werden sie auch noch dieses Opfer bringen, wie jedes, das Mussolini ver­lange Je länger, je mehr muß man die unend­liche Geduld und Willfährigkeit dieses Volkes bewundern, dem man nicht nur ein heißes Blut, sondern auch ein rebellisches Temperament nach- gerühmt oder nachgesagt har. Wer hätte es noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten, daß irgendeine italienische Regierung in das Wespennest der Masfia hineinzustochern den Mut finden würde? Und jetzt ist ein Prozeß da­mit zu Ende gegangen, daß hundertfünfzig Ma- fioten ins Zuchthaus geworfen wurden, zum Teil aus Lebenszeit, und Sizilien steht doch noch! Wie ein Kartenhaus, so lautete eine der Pro­phezeiungen für 1928, werde der Faszismus in diesem Jahre zufammenbrechen. Vorläufig sicht es nicht so aus.

holdem Blätterdunkel ist zu Ende. Durch Fin­sternis, Angst, Frost und Feuer geläutert, ging er ein in das Rirwana aller Träume vom Glück.

frankfurter Theater.

Georg Kaisers neue KomödieDer Prä­sident" erlebte ihre Uraufführung im 'Frank­furter Schauspielhaus. Eine Uraufführung, die den Spielplan der Bühnen nicht bereichern wird: sozusagen ein totgeborenes dramatisches Geisteskind ist dieserPräsident". Die Idee der Komödie ist technisch konstruiert, nicht einmal besonders originell. Man glaubt, dem Präsi­denten Dlanchennet schon irgendwo einmal auf der Bühne begegnet zu fein: ein aufgeblasener ehrgeiziger Hohlkops, dem die Präsidentschaft eines Vereines zur Bekämpfung des Mädchen­handels weitaus wichtiger ist als die Mission selber, der seine Tochter, eben aus dem Kloster geholt, schon am nächsten Tag an einen seiner Karriere nützlichen Mann verloben will, dem ein Interview, .die Verbreitung eines Bildes und Sprechen im Rundfunk Erfüllung höchster Da­seinsziele bedeuten. Derartige Figuren haben seit altersher Komödien belebt, hier treffen wir sie, nur mit allem neuzeitlichen Komfort ausgestattet, wieder. Präsident Blanchennet hält einen großen Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels ab, er selber schwimmt in einem Meer von Wonne, denn der Präfekt empfängt ihn und erwidert seinen Besuch: der kleine Advokat fühlt sich bereits zum künftigen Rapoleon heran­wachsen. In der Zwischenzeit aber spielen ein Gaunerpaar, internationale Hoteldiebe, Schicksal bei Clmire, der unwissenden, eben dem Kloster entlassenen Tochter des Präsidenten, indem sie durch Greuelgeschichten über verkaufte Mädchen das arme junge Ding foltern und es so weit bringen, daß sie ihnen den Koffer mit dem ganzen Vermögen des Vaters ausliefert und sich selber mit. da sie sich den vermeintlichen Kämpfern für die Befreiung der Unglücklichen anschließt. Schlußtableau: die Tochter ist fort, das Geld ist weg. gebrochen wankt der Präsident dem eben angekommenen, einflußreichen Schwiegersohn ent­gegen: Vorhang. Entweder fällt der Vorhang zu früh oder zu spät, denn der dünne Fluß der

Die süddeutschen Länder im Einheitsstaat.

Von Or. jur., Or. phil. b.c. Hermann Höpker-Aschoff, preußischem Finanzminister.

In dem Bestreben, unsere Leser mit möglichst allen ernsthaften Vorschlägen zur Reichsreform bekanntzumachen, bringen toit im folgenden einen beachtenswerten Aufsatz des preußischen Herrn Finanzministers. Die hier niedergelegten Anregungen - die wir persönlich übrigens für wenig zweckmäßig und praktisch kaum durchführbar halten standen auch auf der Berliner Länder- bonferenz zur Debatte und sind auch in einer beim Verlag Georg Stilke in Berlin erschienenen SchriftDeutscher Einheits­staat, ein Beitrag zur Rationalisierung der Derwalttmg" (21) ausführlich be­handelt.

Eindringlicher als einst der Ruf nach dem Reich ertönt heute der Ruf nach dem Einheitsstaat. Fortwährende Meinungsverschiedenheiten zwi­schen Reichsregierung und Länderregierungen hemmten in letzter Zeit und hemmen gegenwärtig noch immer den Gang der deutschen Politik. Aber eine ungelähmte Innen- und Außenpolitik tut not. Deshalb ist heute der Einheitsstaat eine Rotwendigkeit. Aber noch aus einem anderen Grund ist die Forderung des Einheitsstaates un­abweisbar geworden. Aus ökonomischen Rück­sichten hat die Doppelarbeit aufzuhören, die heute Reich und Länder in ausgedehntestem Maße leisten. So ist z. D. die heutige Reichs­forstverwaltung in zweiter Qlusfertigimg vorhan­den als Forstverwaltung der Länder. Das Reh der Hochbauämter der Länder findet seine Wieder­holung im Reichs-Hochbauamt, so daß doppelte Hochbauverwaltung besteht. Selbständig haben

sich empor. Die Flügel, ach. es sind ja keine vollkommenen Flügel mehr, klappen aufwärts, und plötzlich schwebt das ganze bunte Gebild empor, ins Licht des Tages, in den Raum, den das Licht erfüllt.

Jndeffen, der Flug will nicht recht gelingen, er kommt nicht recht aus dem unbeholfenen Flattern, aus dem müden Taumeln des An­fangs heraus. And dort, woher das Licht kommt, das gleißende, das so mächtig anzieht, ist mit einem Mal ein Hemmnis, falt und glatt. Zwar die Füße halten, sich ansaugend, den Körper, und die Flügel halten das Gleichgewicht, obwohl sie zerfetzt sind und vor Schwäche gittern. Aber nirgendwo winkt eine Blume, auf der sich's schaukeln ließe und die zu solchem Spiel köstliche kräftigende Speise spendete, nirgendwo ein Blatt, zur Ruhe ladend! Alles ringsum ist kantig, falt und ohne Leben, und wenn auch Licht und Raum aufgetan sind ringsum, das Ge­fängnis ist geblieben. And eben hier, wo das Licht hereinflutet, ist es so kalt, daß die kleinen zarten Fußglieder steif werden. . . .

Der Schmetterling lost sich von der Scheibe, gleitet herab und beginnt auf der Fensterbank umherzuirren, sinnlos, arm, ohne Hoffnung. Er wird wieder in die Schachtel getan werden, die mit erloschenem Grün umkleidete, wird noch einige Male hervorgeholt werden und umher- flattern dürfen, bis er. Geschöpf des Sommers, in den Winter verirrtes, so unansehnlich ge­worden ist. daß er mitsamt seinem Gefängnis eines Tages der Ofenglut übergeben wird. Ein kurzes prasselndes Aufflammen, dann ist es aus.

Dann ist es aus, das Schicksal des zu spät oder zu früh Geborenen, der Umwelt, in der er nicht zu leben vermag, ein flüchtiger Anlaß zur Verwunderung und bald eine Lange­weile. so klein, daß es nicht lohnt, eine wenn auch noch so leichte Gedankensracht darauf zu laden. Das flatterte Bruchteile von ein paar Weißen Tagen seltsamer Widerschein aus bunter, ferner, viele Monde ferner Welt und nahm ein Ende, weil ihm nichts übrig blieb als zu sterben in einer Zeit, der es nicht gegeben ist, seinesgleichen, solches Zarte, Schwebende, zu ertragen. . . .

Ein Traum, ein ganz kleiner Traum von warmem Sonnenlicht, süßem Dlumenhauch und

sowohl das Reich wie auch Preußen die äußerst wichtige Siedlungsarbeit im deutschen Osten in Angriff genommen, und noch viele andere Bei­spiele unwirtschaftlicher Doppelarbeit liehen sich nennen. Manche kleineren deutschen Länder kön­nen schon heute nur noch in enger Anlehnung an Preußen bestehen und verlangen hiermit auf ihre Weise nach dem Einheitsstaat, der ihnen die Bürde der allzu schwer gewordenen Qlrbeit der Selbstverwaltung teilweise abnimmt. Es wäre ein großer Gewinn, läge die Justizgesehgebung wie im Einheitsstaat einheitlich beim Reich und hätte das heute vorhandene Kunterbunt der von den Ländern erhobenen Stenern ein Ende. Achtzehn Länder mit achtzehnmal verschiedenen Schul». Polizei-, Besoldungsordnungen und der­gleichen toben heute neben dem Reichsparlament in achtzehn Parlamenten politische Kämpfe aus, schaffen Krisen, rufen Mihtrauensantta,e hervor, derweil eine tatkräftige deutsche Außenpolit.k ge­führt werden soll! So ist es gegenwärtig, da der Einheitsstaat zwar Forderung, aber noch nicht Realität ist. Es kann nicht so bleiben. Das parlamentarische System hat nur Sinn im Reich, wo das deutsche Volk auf­gerufen ist, um über seine Geschicke selbst zu entscheiden.

lieber die Gestalt des künftigen Einheitsstaates ist schon viel diskutiert worden. Aus dem be­sonderen Wunsch, vor allem den Dualismus zwischen Preußen und dem Reich zu beseitigen, entstand bei dem früheren Reichrl- minister Preuh der Gedanke an eine Aufsplit­terung Preußens in zwölf Länder. So­

fern diesen neuen zwölf Ländern zwölf neue Parlamente entsprechen sollen, ist blcfer Gedanke des Einheitsstaats nach dem oben Gesagten a b zulehnen. Abzulehnen ist auch ein Plan, der zur Zeit von deutschnationaler Seite und vom Landbund propagiert und als Rückgriff auf Bismarcksche Gedanken bezeichnet wird. Gemeint wird eine Vereinigung der Qlemter des Reichspräsidenten und preußischen Staatspräsidenten einerseits und des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten anderer- seits, wodurch indes günstigstenfalls nur der Dualismus Preußen-Reich beseitigt wird, nicht aber d i e Doppelarbeit und alle übrigen Mißstände, die heute zum Einheitsstaat drängen. An dritter Stelle liegt die Anregung vor, einige der deutschen Länder zu Reichsländern zu machen, weil sie zahlungsunfähig sind. Vor allem käme hierfür Hessen in Frage. Indes wäre man hiermit dem ersehnten Einheitsstaat keinen einzigen Schritt näher gekommen, sollte dies Reichsland ein eigenes Parlament er' halten. Würde das Reichsland der Reichs- regierung unmittelbar unterstellt, so wäre als Einziges gewonnen, daß die Beschlüsse nicht mehr am gleichen Ort entstünden, an dem sie sich auch auswirken. Eine begrüßenswerte Vereinheit- lichung würde sich erst einstellen, sobald' viele andere deutsche Länder mit Hessen zu einem großen abgerundeten Reichsland vereint werden könnten. Ein weiterer Vorschlag ist der, daß das Reich durch Erweiterung seiner Kompetenzen die Länder aushöhle. Aber aus dem Gebiet der Gesetzgebung gehen die Befugnisse des Reichs heute schon so weit, daß sie kaum noch vergrößert werden lönnen. In der Verwal­tung ließe sich freilich relativ leicht die Reichs- Justizverwaltung einführen: bald aber würde in der allgemeinen und inneren Verwaltung die Grenze erreicht: neben die Landesbehörden müß­ten Reichsbehörden gesetzt werden, und hiermit wäre eine neue Doppel-Verwaltung erreicht.

Bekanntlich steht den bisher genannten Vor­schlägen gut Gestaltung des Einheitsstaats ein Vorschlag von mir ergänzend und zusammenfas­send gegenüber. Dieser Vorschlag läuft daraus hinaus, ganz Rorddeutschland reichs­unmittelbar zu machen. Zunächst würde Preußen kleine norddeutsche Qänber sich einver- leiben, würde die Existenz der zahlreichen En- Haben neu zu ordnen trachten und durch Einrich­tung abgerundeter, leistungsfähiger Bezirke einen ersten Schritt zur Verwaltungsreform tun. Doch keineswegs alle norddeutschen Länder würden sich von Preußen einverleiben lassen. Run aber lautet der Vorschlag, Preußen solle sich gemein­sam mit diesen andern Ländern Rorddeutschlands unmittelbar dem Reich unterstellen, und hiermit wären die andern Länder einverstanden. Die preußischen und übrigen Ministerien würden ver­schwinden, Rorddeutschland würde durch die Reichsregierung beherrscht, Doppelarbeit und Reibereien zwischen Reich und Ländern sowie Duntscheckigkeit der Landkarte mit allen ihren üblen Begleiterscheinungen wären verschwunden, der Dualismus Reich-Preußen, beseitigt, für Rorddeutschland könnte die Reichsjustizverwal­tung einsetzen, der Einheitsstaat wäre erreicht. Der Rorddeuffche würde sich wohl bereit erklären, von Reichstag und Reichsrat re­giert zu werden, fühlte sich doch z. B. der Preuße des Rheinlands stets zuerst als Deutscher und erst in zweiter Linie als Preuße. Aber es wäre gewiß billig, wollte man den Rorddeutschen zugestehn, daß Gesetze für Rorddeutschland nur dann Gültigkeit erhalten sollten, wenn sie auch durch ein besonderes Gremium aus Rorddeutschen angenommen wurden. Rorddeutschland wäre in wohlgesügte Provinzen oder Länder aufzuteilen, etwa zwölf an der Zahl, an die das Reich große Befugnisse der Selbstverwalttmg abtreten würde.

Diesen zwölf norddeutschen Ländern ständen im Einheitsstaat drei süddeutsche gegen­über: B a d en , Bayern und Württem­berg. Diese drei süddeutschen Länder hätten zunächst natürlich noch eigene Regierungen, Parlamente, Polizeiverordnungen und dergleichen. Mit der Zeit würden sie sich aber wohl schon von selbst entsprechend den übrigen zwölf Län­dern umvrganisieren. Unmöglich können die süddeutschen Staaten in der Errichtung eines einheitlichen Rorddeutschland eineVergewatti-

Handlung versickert hier hoffnungslos im Sand. Im ersten Akt glaubt man noch an das Gelingen der Komödie, spürt noch dann und wann be­lachenswerten Witz und Situationskomik auf, aber dann geht es mit der weiteren Entwicklung des Stückes bergab, der Herr Präsident beginnt langweilig zu werden, zumal die typisch Kaisersche Sprachbehandlung die Dialoge nicht frischer und flüssiger macht. Zuckt ein Witz auf, so wird er durch endlose Reden verdunkelt, wirkungsvoll allein sind die «zenen des Hochstaplerpaares: gerade hier wächst die Lebenserkenntnis der armen, unschuldigen Clmire tragödienhaft in die Komödie und schließt den Lachern den Mund. Fritz Peter Buch leitete die in jeder Hinsicht verständnisvoll und liebevoll inszenierte Auf­führung, mit Georg Lengbachs famosem Prä­sidenten und Hertha Schwarz als kindlich ent­flammter Elmire. Lola Mebius und Fritz Odem ar verlebendigten mit ihrem starken Können das Hochstaplerpaar. Am Schluß mischte sich Beifall mit starkem Zischen. L. W.

Kunst und Verbrechen.

Der Bildhauer, Dichter itnb Bandit Zinn, bet­öret Jahre lang eine Reihe von sibirischen Städten terrorisiert hat, ist endlich zusammen mit 24 seiner Genossen durch die Geheimpolizei ergriffen worden und wird nun nach Moskau transportiert werden. Im Jahre 1923 er war damals knapp 17 Jahre alt schloß er sich der Bande des berüchtigten BanditenGeorg des Seemanns" an und übertraf bald seine Kameraden an Wildheit und teuflischer Grau­samkeit. Als seine Verbrechergenossen gefaßt wurden, gelang es ihm, nach Mittelasien zu entkommen und dort eine neue Räuberbande zu bilden, die bereits 28 Raubmorde auf dem Gewissen hat. U. a. überfielen die Verbrecher die Station Alita und plünderten den Um­schlagsplatz Orenburg. Zirins Gedichte fanden überall Beifall und seine Bildhauerwerke er­weckten Begeisterung der Kenner. Er benutzte diese Gaben des Geistes und der Hand, um sich als junger Intellektueller auszuzeichnen und zu­gleich das Terrain für die zukünftigen Ver­brechen zu sondieren.