Schere,
f^tlnu'n.
'«fragen;
> ...
I
Mutigen
Ar. 1342
geZM
3381D
slcnographie unb
n t arm W in fiepen *ng, Silben, unb (5ef)altefor.
;ebuuq.
i rum Sicuban ?nt>crlnlo|c der itgco iollcn auf gungsordnung in vergeben werben, rerarbeütn.
gung muerweri blenbung aul
en
-änbc, ’i Stein
er>.
tbcütn
t Murerarbeit, bantgelimjc icjints dc flächen.
rbetten. ifonbeden ägc ipcn u|W. ., ilagcn und W 1U be- ArLiicl!l° itjunti -ttaße 5, 'botsvordrucke und 'lange der Mat ^erKopialgebuhttn
ichimLöwen, ^r.3wangs« lahlung:
i Zirickmasch'^
7 i Are den,, Zk'S AH -«»-TS
’t‘S-S6 ebetmow- I*«.....
KS
W „,rti |H
der
Mcn> flen W S*"‘
Sä
Kiflöt ö£nte von
vorhrl ™ zFv
cichloHen, ersehe", tun,
i\ 1S2S. ,
Nr. 76 Zweites Blatt
Donnerstag, 29. März 1928
Lietzener Anzeiger sGenerai-Anzeiger für Gberheffen)
haben Herr Senator immer noch nicht die leiseste Idee von Bauch ..."
An der Ecke sah er die ersten Teilchen bei der alten Blumenfrau, und er kaufte ihr einen Straub ab für feine Frau. Er war immer noch galant und wußte, daß auf eine Frau die Rose auf der Serviette mehr Eindruck macht als Perlenketten. Als er bezahlte, sagte die Alte: „Danke, junger Herr!" Wie reizend das klang... Sie hatte zwar kaum aufgesehen dabei und so schenkte er ihr noch einen Fünfziger, um das noch einmal zu hören, und es erklang noch einmal freudig: „Danke, junger Herr!" Wie gern der Senator das hörte. Wenn er sich nicht geniert hätte, er hätte ihr noch einen Fünziger geschenkt... aber da kam seine Bahn um die Ecke, es war schon spät geworden, und so schwang er sich rasch hinauf und stellte sich auf die Plattform. Drinnen waren alle Plätze beseht.
Als er mit seinem Beilchenstrauh dastand in seinem hechtgrauen feinen Ueberzieher, dem Hellen Filzhut. den weißen Handschuhen, schlank, elegant. tadellos beschuht, sah er wie der Blick eines jungen Mädchens wohlwollend auf ihm ruhen blieb. Es war ein hübsches blondes Ding, die kecke himmelblaue Tellerkappe schief über dem Blondhaar, mit einer Mappe unterm Arm... Sie lächelte ihn an... Sie sah rosig und frisch aus und hatte ein Grübchen in der Wange. Für Grübchen schwärmte der Senator schon immer. Sie schien über etwas nachzudenken, während sie ihn ansah... Bielleicht... ja mein Gott, ec reckte sich etwas aus, vielleicht... so alt war man denn doch noch nicht, und dann... Frühling ... die erste Sonne wärmte ihm den Rücken, Teilchen blühten schon... Er überlegte. Sollte er ihr nicht die duftenden Teilchen schenken? Dieser Blick aus den Augen einer so scharmanten Dame war's schon wert...
„Darf ich Ihnen, mein schönes Fräulein..." In diesem Augenblick erhob sich das schöne Fräulein und steuerte auf den Senator zu und wies mit anmutiger Gebärde errötend auf ihren leergewordenen Platz...
Das Lächeln des Senators erstarrte, er wagte kaum, es auszudenken. Und dann — hatte er verstanden: das junge Mädchen hatte... dem alten Herrn... ihren Platz angeboten...
Und auf einmal zog sich's wie ein grauer Torhang über den strahlend blauen Frühlingshimmel ... Der Herr Senator lüftete seinen Hut... er steuerte auf den leeren Platz zu, den ihm die Jugend eingeräumt... und setzte sich...
„So," dachte er... »nun bin ich alt!"
Das englische Königtum.
Von W. v. Massow.
Oie amerikanische Wirtschaftskrisis.
Die Vereinigten Staaten waren bisher in der glücklichen Loge, eine Wirtschaft zu besitzen, die voll lief und ihre Produktion glatt abzusehen V vermochte. Seit einiger Zeit ist darin aber ein Wandel eingetreten. Ganze Industriezweige leiden unter einem außerordentlich schlechten Geschäftsgang, es wird sogar behauptet, daß rund zwanzig Prozent der industriellen Produktion a b gedrosselt werden mußte, weil es nicht mehr möglich ist, die Erzeugnisse unterzubringen. Infolgedessen verfügen auch die Tereinigten ©taa- ' ten heute über ein recht bedeutendes Arbeitslosenheer, dessen Kopfstärke allerdings nicht genau festzustellen ist, weil keinerlei statistische Unterlagen vorhanden sind. Die Behörden be- ' haupten aber, daß die Ziffer zwischen zwei und ! vier Millionen liegen soll. Im Verhältnis zu Deutschland scheinen die Amerikaner also noch viel schlechter dran zu sein. Unser Sechzig- Millionenvolk hatte ^bisher rund eine Million Arbeitslose durchzuschleppen, in den schlimmsten Zeiten erhöhte sich diese Zahl sogar einmal auf zwei Millionen: von den 117 Millionen Nordamerikanern sind aber wesentlich mehr Leute erwerbslos. Hinzu kommt, daß rund 15 Prozent der Lohn- und Gehaltsempfänger Wochen- und Monatsverdienste mit nach Hause bringen, die gerade noch ausreichen, um die notwendigsten Ausgaben für den Lebensunterhalt decken zu können. Berücksichtigt man übrigens, daß in dem reichen Amerika rund acht Millionen Frauen und Mädchen in die Fabriken gehen müssen, dann zeigt sich, daß die amerikanische erwerbstätige ■ Bevölkerung durchaus nicht so gut dasteht, wie das unsere Gewerkschaften immer behaupten. Es werden unzweifelhaft höhere Löhne bezahlt, aber auch die Lebenshaltungskosten sind enorm.
Auffallend ist nun, daß die Amerikaner das Rachlajscn der Konjunktur und das Heraufziehen einer Wirtschaftskrise auf ihre Lohnpolitik zurück- sühren. Sie geben zu, daß sie sich mit ihrer These „Hohe Löhne, hoher Absatz" verspekuliert haben. Gewiß ist der innere Terbrauch gewaltig gestiegen, aber ein erheblicher Teil der arbeitenden Bevölkerung hat die Löhne und Gehälter nicht restlos wieder in den Konsum hineingesteckt, sondern ansehnliche Ersparungen gemacht. Dadurch ist natürlich der Verbrauch zurückgegangen. der Rückgang ist aber weiter durch die Llebersteiaerung der Preise verschärft worden. die durch die rasch ansteigenden Löhne und Gehälter bedingt wurde. Wie sich die Amerikaner aus dieser Situation wieder herausziehen, ist zunächst ihre Sache. Wir glauben aber nicht, daß sie Unterstützungen zahlen werden. Sie dürften eher ihre aufgespeicherten Kapitalien benutzen, um den Absatz künstlich zu heben, d. h. ruhig beim Export zusehen, um dadurch a u s l ä n - dischcMärktezu erobern. Seit Jahr und Tag werden bei uns ängstlich die amerikanischen Konjunkturkurven beobachtet: wiederholt ist darauf hingewiesen worden, daß eine amerikanische Wirtschaftskrise die Amerikaner veranlassen könnte, ihreProduktionnachEuropazu toerfen, sie hier zu Schleuderpreisen loszuschlagen, um ihre Werke nicht zum Stillstand zu bringen. Das muß für die europäische, namentlich für die deutsche Wirtschaft katastrophale Folgen haben. Jetzt scheint sich der Augenblick zu nähern, der die Amerikaner vor die Frage stellt, sich darüber schlüssig zu werden, wo sie ihre Produktion lassen sollen, die sie auf dem heimischen Markt nicht unterzubringen vermögen. Schlägt aber die amerikanische Wirtschaft die europäische tot oder werden wichtige europäische Industriezweige durch einen Schleuderexport zum Absterbcn gc» । brackt. dann ist das eine schlechte Politik der
Amerikaner, weil dadurch auch der europäische Markt aufnahmeunfähig gemacht wird. Und das werden wohl die Amerikaner», die mit uns bisher recht gute Geschäfte gemacht haben, nicht wollen. _____________________
Eine Einrichtung, von der mel_ in der Welt gesprochen wird und die doch so häufig in ihrem Sinn und Welen mißverstanden wird, ist das englische Königtum. Man hat sich heute bei uns aus leicht verständlichen Gründen daran gewöhnt, Monarchie und Republik als vollkommen eindeutige Gegensätze anzusehen, und darüber vergessen, daß es vielerlei Arten von Republiken und auch von Monarchien gibt. Die Begriffe der so bezeichneten Staatsformen sind eben genau so mannigfaltig, wie die Art der Völker, die sich in diesen Formen ausspricht. Unwillkürlich urteilt auch jedes Volk nach seiner Art. und Fremdes bleibt ihm unverständlich. So hört man bei uns über das englische Königtum nicht viel Zutreffendes. Die Monarchisten meinen achselzuckend, daß der König von England in seinem Lande doch blutwenig zu sagen habe und solch ein Monarch, der nur eine Puppe des Parlaments sei, in Wahrheit gar nicht in Betracht komme. Der Republikaner, aber fragt sich kopfschüttelnd, warum der praktische. nüchterne Engländer sich mit einer so kostspieligen und überflüssigen Einrichtung, wie das Königtum, belaste, während doch alle Regierungsgewalt im Parlament ruhe.
Aber solche Urteile sehen nur die äußere Form der Einrichtung, ohne sich darum zu bekümmern, welch eAufgaben damit erfüllt werden sollen. Was damit und mit anderen Einrichtungen im einzelnen in Wahrheit bezweckt wird, das ist abhängig von der Eigenheit des Volkes, wie sie sich im Lause der Geschichte herausgebildet hat. In den meisten Ländern gehen die Staatseinrichtungen davon aus. daß nach allgemeiner Ansicht der Staat dazu bestimmt ist. den einzelnen Staatsangehörigen eine gefestigte und geordnete Lebensführung nach ihren besonderen Bedürfnissen zu sichern. Ob diese Bedürfnisse berechtigt find oder nicht, und ob — falls sie berechtigt sind — ihre Befriedigung im Interesse des Zusammenlebens möglich oder geraten ist. auch das soll der Staat entscheiden, regeln und überwachen. Es steht also immer der Staat dem einzelnen Volksangehörigen als ordnende Macht gegenüber. Das kann man wohl als das Gemeinsame der meisten modernen Staatsformen bezeicb- nen. so verschieden auch die Wege gewesen sein mögen, auf denen sie dahin gelangt sind.
Ganz anders steht es nun um England. Als Inselland hat es den Dildungsprozeß seiner Volksart in einer starken Abgeschlossenheit und Unabhängigkeit von fremden Einflüssen durchgemacht und hat in dieser Ungestörtheit von außen her frühzeitig gelernt, den Wert innerer Einheit und einer Interessengemeinschaft des Volksganzen zu erkennen, ohne darin eine Beeinträchtigung der persönlichen Rechte der einzelnen Staatsbürger zu sehen. So ist es dem englischen Volk gelungen, in einer ruhigen und stetigen Entwicklung seine Angehörigen an die Anschauung zu gewöhnen, daß ihre persönliche Freiheit nicht nur nicht geschädigt wird, sondern sogar den größten Ruhen hat, wenn sie freiwillig ihre Lebensziele als Glieder eines großen Volkskörpers verfolgen, in dem jedes Glied seine Bedeutung für das Ganze hat. Daraus entsteht eine Gemeinschaft, in der sich die Angehörigen der Ration je nach Geburt, Erziehung und Begabung dem Ganzen einordnen und die durch natürliches Zusammenwirken der Gleichgestellten und Gleichstrebenden, sowie durch Gliederung der verschiedenen Anlagen und Tätigkeiten eine besondere Festigkeit gewinnt. Diese Gemeinschaft ist allerdings nicht der Staat, wie wir ihn verstehen, sondern die „Gesellschaf t". Sie leistet nicht alles, was die Gesamtheit eines Volkes zu leisten hat. aber sie macht das Volk nicht zu einer Masse, sondern zu einem Organismus, der nur einer Ergänzung bedarf, um
auch die eigentlichen und besonderen Aufgaben des Staates zu lösen. Wie schon erwähnt, ist diese eigenartige Herausbildung der englischen Gesellschaft als einer nicht von oben oder von außen gebotenen, auch nicht auf dem Boden der Theorie künstlich erdachten Organisation des Tolks nur möglich geworden durch die außerordentlich stetige, allmählich vor sich gehende innere Entwicklung. Zwar hat es auch hier nicht ganz an Erschütterungen und Stürmen gefehlt, aber es ist bezeichnend, daß sie immer erst eintraten, wenn aus besonderen Ursachen die Entwicklung auf Abwege geraten und das innere Gleichgewicht der Gesellschaft in Gefahr war. Dann kam es zu Krisen, die aber nicht — sogar in der Revolution nicht — umstürzend wirkten und wirklich Reues und Fremdes brachten, sondern vielmehr die entgleiste Entwicklung auf den Weg der überlieferten Grundsätze zurückführten.
Was der englischen Gesellschaft noch fehlte, um die Ration als Ganzes zu fördern, und ihr neue Wege zu weisen, das waren Einrichtungen, um diesem Ganzen einen Willen einzuhauchen, d. h. die Einrichtungen des Staates im engeren Sinne. Jedoch mit der längst gewonnenen Gewöhnung an ein bestimmtes Maß persönlicher Selbstbestimmung war es nicht vereinbar, die Aeußerung dieses Staatswillens in die Hand des Königs allein zu legen. Ja man entwand ihm dieses Recht ganz, als das Königtum unter den Stuarts versucht hatte, es zu mißbrauchen. Daraus hat sich bekanntlich das parlamentarische S y st e m in seiner neuen Form entwickelt, worauf aber hier nicht weiter eingegangen werden soll. Aus der Einschränkung der Königsgewalt in bezug auf staatliche Rechte folgt aber nicht, daß der König nun nichts mehr bedeutet. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß es eben lediglich die staatlichen Funktionen find, aus denen er, wenn auch formell nicht ganz, so doch in der Tat ausgefchaltet ist. Dagegen behauptet er seine Bedeutung a l s Haupt der Gesellschaft, und der Leser wird aus dem hier Dargelegten entnehmen können, daß das in England sehr viel sagen will.
Roch heute sind alle öffentlichen Einrichtungen daraus zugeschnitten, daß eine organisierte Gesellschaft besteht, die darin überall vertreten ist. Trotz aller Versicherungen, daß England eine Demokratie und sogar die älteste Demokratie fei, bleibt die Tatsache bestehen, daß die in gewissen Formen und persönlichen Rechten scheinbar zum Ausdruck gebrachte Rechtsgleichheit eine sehr betonte und allgemein anerkannte Gliederung der Gesellschaft nicht ausschlieht. Allerdings hat diese Gliederung nichts von kasten- artiger Abschließung der verschiedenen Gruppen und Stufen an sich. Vererbt sich doch auch der Rang des Hochadels nur mit dem Titel, der wirklichen Grundbesitz anzeigt und Anspruch auf Sitz im Oberhause gewährt. Dies und die vollständige Freiheit der Eheschließung auch für das Königshaus unterscheidet die englische Gesell- fchaftsgliederung scharf von dem Ständewesen, wie es sich früher auf dem Festland entwickelt hatte und den Keim zur Erstarrung und Entartung in sich trug, sichert ihr aber gerade dadurch eine Natürlichkeit und Lebenskraft, die mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auch das Ansehen der höchsten Stufe dieser Gesellschaft erhöht. Diese höchste Stufe ist nur in einer einzigen Person vertreten, und das ist d e r K ö n i g.
In einer anders konstruierten oder überhaupt fehlenden gesellschaftlichen Ordnung würde dem König seine politische Machtlosigkeit zum Schaden gereichen. Hier aber ist das Ansehen dieser höchsten gesellschaftlichen Spitze als äußere Personifikation der Ehre und Würde der Nation so stark gesichert, daß er wie von einem Schuhwall von Ehrfurcht umgeben ist und dadurch
einen außerordentlichen Pers önlichen Einfluß ausüben kann trotz aller parlamentarischen Hemmungen. Freilich nur, wenn er der Mann danach i st, sich geltend zu machen, ohne die hergebrachten Schranken seiner Befugnisse formell zu überschreiten, und wenn er wirkliche Macht höher schätzt als den Schein. Schwerer als alle Versassungsschranken fallen menschliche Eitelkeit und Ehrgeiz ins Gewicht, die jedem Untertan, dem sich her König nähert, zum Bewußtsein bringen, daß er vor dem ersten Mann Englands steht. Für einen klugen Mann auf hem Thron, her sein Land und Volk gut kennt, überhaupt Menschenkenntnis besitzt, bedeutet das ungeheuer viel. Man erinnere sich, welche persönliche Bedeutung und welchen Einfluß z. B. König Eduard VH. besaß, obwohl er sich nie ein Recht anmaßte, das ihm bestritten werden konnte. Vielleicht liegt darin gerade die größte Stärke des englischen Königtums, daß es ganz von den persönlichen Fähigkeiten des Monarchen abhängt, wie weit er eine aktive Rolle spielt. Ein unfähiger und sogar ein moralisch minderwertiger König kann keinen Schaden anrichten, ein tüchtiger und kluger aber sehr viel tun.
Aus hem allen ist aber auch zu ersehen, daß dies nicht ohne weiteres in andern Ländern nachgeahmt werden kann, wenn das Volk im Lauf seiner Geschichte andere Wege gegangen ist unb der Staat nicht mit einem organisch gewachsenen Vollskörper rechnen, sondern seine Ausgaben nur durch hie Gesetze und Verordnungen lösen kann, die das ganze Zusammenleben der einmeinen Staatsbürger regeln. Auch wir Deutschen haben keine Gesellschaft im englischen Sinne, sondern nur Berufs- und Interessengemeinschaften bei formaler politischer Gleichheit aller Staatsbürger und starken inneren Spaltungen, bei denen oft die Theorie eine größere Rolle spielt als das praktische Bedürfnis. Da würde ein Nachäffen englischer Einrichtungen sich von selbst verbieken. Aber auch in England selbst scheint die neue Zeit an alten Einrichtungen zu rütteln, unb es ist die Frage, ob nicht auch hort neue Entwicklungen bevorstehen.
Oie Reichöiagskandidaten der Volkspartei in Hessen.
Darmstadt, 28. März. Der geschäftsführende Ausschuß der Deutschen Tolkspartei in Hessen hat auf Grund der Beschlüsse des Landesaus- schusses heute die Kandidatenliste für die Reichstagswahlen bestimmt. Der einstimmig angenommene Wahlvorschlag lautet: 1. Dr. Becker. Reichsminister a. D., Darmstadt und Ludwigshöhe: 2. ® in gelbe i), Eduard. Rechtsanwalt. M. d. L.. Darmstadt: 3. Wolf. Philipp, Landwirt, Albig (Kr. Alzey): 4. B i r n b a u m, Maria, Lehrerin i. R., M. d. L., Gießen: 5. Nickel, Karl. Kaufmann, Bad-Nauheim: 6. Strohauer, Peter, Postinspektor und Stadtverordneter. Mainz: Noh l, Jakob, Installationsmeister, Vorsitzender der Handwerkskammer und Vorsitzender der hessischen Verbände des Handwerks unb Gewerbes, Darmstadt: 8. Freiherr Ludwig Hehl zu Herrnsheim, Fabrikant, Worms; 9. I o st, Georg, Lehrer und Stadtverordneter, Offenbach: 10. Fritsch. Karl. Oekonomierat, Dilshofen (Kr. Darmstadt); 11. Stein, Albrecht, Abteilungsleiter, Hirzenhain i. H.: 12. Scholz, Christian, Kaufmann, M. d. L., Präsident der Mainzer Handelskammer, Mainz.
Neue Vorlagen im Hessischen Landtag.
Darmstadt. 28. März. Dem Landtag sind wiederum eine Reihe von Drucksachen zugegangen. Mehrere kommunistische Anträge beschäftigen sich mit dem Schulwesen. 11. a. wird beantragt: die Mschaffung des Schulgebets unb hie Prügelstrafe. Wahl von Schülerräten, Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht: ferner Auszahlung einer Osterbeihilfe an Erwerbslose. Sozialrentner und sonstige Bedürftige von 25 bzw. 50 Mk., Erleichterung des Kirchenaustritts u. a. in. — Ein Zentrumsantrag ersucht
Bretzner und Mozart.
Von Max Iungnickel
Gestern kam ich. gegen Abend, übermüdet, in eine Kleinstadt. Ich ging zum Organisten und bat um ein Nachtlager. Der Mann, ein herzensguter Kerl mit einer langen Tabakpfeife im zahnlosen Munde, wies mir in feiner Bodenkammer ein Bett an, ein breites, schwerfälliges Bett mit einem Himmel darüber. Ein Bett für einen pensionierten Schmerbauch. Während ich meine Decken aus dem Rucksack packte und zurechtlegte, stand er unschlüssig dabei, der Organist, und schien einen Gedanken zu haben, den er mir gern mitteilen wollte. Ich merkte seine Scheu, nur den Gedanken aNzuvertrauen. Jetzt zog ich meine Zacke herunter, und wie er das sah, faßte er Mut und sagte: ..Wissen Sie. wem das Bett gehört? Ich sah ihn verständnisvoll an. Er hatte ein sonderbares Licht in den Augen. Ich hätte mich gar nicht gewundert, wenn er gesagt hätte: „Das ist das Bett des Scharfrichters Bertram, der sechzehn Köpfe herunterrasierte." Aber er belehrte mich: „Das Bett gehört einem Verwandten von mir: Christoph Friedrich Bretzner, Verfasser des „Räuschchen". Ich kannte den Mann nicht. Und nun erzählte er: ..Weitz Gott, ich kann in diesem Bett nicht schlafen. Mir ists immer, als ob mich jemand herausschmisse. Das Bett ist das schönste Gespensterbett."
Der Mond glimmerte durch das Bodenfenster. Ich war hundemüde und haute mich hin. Der Organist setzte sich frierend auf die Bettkante, unb nun suchte er langsam in feinen Gedanken herum: „Christoph Friedrich Bretzner, mein berühmter Verwandter, lieh im Jahre 1782 eine Erklärung drucken, die etwa so lautete: „Ein gewisser Mensch, namens Mozart aus Wien hat sich erdreistet, mein Drama „Belmonte und Kon- stanze" zu einem Operntext zu mißbrauchen. Ich protestiere hiermit feierlich gegen diesen Eingriff in meine Rechte und behalte mir toet- teres vor."
Der Wind pfiff und klapperte und säuselte. Mir fielen vor Müdigkeit die Augen zu. Was ging mich Mozart jetzt an und Bretzner? Warme Deine waren mir viel wertvoller.
Der Organist ging. Ich sah das MondllA noch auf seinem Rücken und schlief em. Plötzlich erwachte über mir eine Melodie: eine Melodie, wie aus den Träumen der Nachtigall herausgezogen, eine berauschende, splitternde Melodie,
goldfadenhaft. Und die Klänge der Melodie wickelten sich um das protzige Bett und umsponnen cs spinnwebscin.
Und mit einem Male hob sich das Bett. Oben, an der Dachluke, saß in gepuderter Perücke ein zarter, samtener Mensch unb blies auf einer Flöte. Er sah wie Mozart aus unb die Quellen der Melodie saßen in der Flöte. Ich wurde überschüttet von kristallenen Noten, von goldenen, silbernen, blumigen und seidenen Noten. Ich wurde verschneit von den Noten, ganz verschneit.
Der Betthimmel stürzte, von der Schwere der Noten schwach geworden, auf meinen Schädel. Erschrocken wachte ich n-f. Die Morgenhelle kam unwirklich. — O Bretzner, was hast du für ein Bett gehabt! 4
Neues von Jedermann.
Von Hans Niebau.
Federmann bat etwas getrunken. Erst dies, dann jenes. Jedenfalls war es eine gefährliche Reihenfolge gewesen. Aus dem Heimweg stieß er gegen einen Baum. „Entschuldigung", sagte er. zog den Hut und ging weiter. Stieß gegen einen zweiten Baum. — „Entschuldigung", sagte er, ich bin — ich habe — — unb rumps, prallte er gegen einen dritten Daum. Besah sich den Schaden, fühlte die Rinde. Ging weiter.
„Verdammtes Biest", sagte er nach dem vierten Zusammenstoß, „als ob ich nicht wüßte, daß du ein Baum bist." Rahm seinen Stock und schlug darauf los.
Aber diesmal war es ein Schuhmann.
Als Federmann das Importgeschäft von seinem Onkel geerbt hatte, betrat er morgens 8 Uhr — zum ersten Male Chef — bas Kontor
„Was haben wir heute?" fragte er den Buchhalter.
„Montag."
„Montag?" sagte Federmann, „morgen ist Dienstag, übermorgen Mittwoch, die halbe Woche ist herum und noch nichts getan?“
Federmann hatte seinen Freund Mücke eingc- laden. Aber der kam nicht. Da trank er die sechs Flaschen allein aus.
Dann ging er. Mücke zu suchen. Auf der Straße traf er Srau Schmöldecke, die mit ihren Zwillingen spazieren ging. „Guten Abend", sagte
Federmann, gab sich einen Ruck unb stand stramm. Unb mit einer Hanbbewegung nach den Zwillingen: „Allerliebstes Kind, das!"
*
Herr Schmöldecke kommt zu Federmann. „Ich brauche 50 Mark", sagte er. „Für eine Familie mit sechs Kindern: bas siebte wirb erwartet: die Mutter ist krank: der Vater arbeitslos; der Hauswirt seht sie morgen auf die Straße, wenn sie die Miete nicht bezahlen: und wir haben 11 Grab Kälte —
Federmann zieht die Brieftasche.
„Danke sehr", sagt Schmöldecke.
„Woher kennen Sie die Leute?" fragt Federmann unb drückt ihm die Hand.
„Ich bin doch der Hauswirt", sagt Schmöldecke.
Federmann war nicht gerade sehr musikalisch. Aber als die Kapelle den Radetzkymarsch spielte, war er denn doch begeistert.
Febermann schickte den Kellner mit Bier: „Bitte noch einmal!“
Unb die Kapelle wieberholte den Marsch.
„Warum machst du dir denn einen Knoten ins Taschentuch?" fragte Mücke.
„Damit ich die Melodie nicht vergesse". Sagte Febermann.
Oer Veilchenstrauß.
Von Liesbet Dill.
Der Herr Senator schritt nach beendeter Sitzung die Lange Straße entlang. Die Damen drehten sich nach ihm um. Sie hatten das schon früher getan, als er noch jung unb schön war. aber auch jetzt sah er von weitem noch gut aus, glattrasiert, smart unb straff. Er ging noch täglich ins Schwimmbab und ritt nachmittags zuweilen aus, auf einem zahmen Gaul im Tattersall, unb ba war er doch recht froh, daß ihn dort niemand sah, wenigstens niemand, der ihn kannte. Das jugendliche Aeutzere hatte ihm seit seinem vierzigsten Lebensjahre schon immer Komplimente eingetragen. Vierzig Jahre? Rein, wahrhaftig. Herr Senator, die sieht Ihnen keiner an. Und darauf war er sehr stolz. Auch als er fünfzig geworden war, wurde es if)m gesagt. "Nachher feierte er keine Geburtstage mehr, aber es freute ihn doch, wenn ihm fein Schneider versicherte- „Diese Schulterlinie kann Herrn Senator kein Vierziger nachmachen, und dann


