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Mittwoch, 28. November 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr 280 Zweites Blatt

Markt im alten Athen.

Äon Geheimrat Professor Or. Theodor Birt.

Dttt hat ein neues Buch über die Welt der Griechen und Römer geschrieben, in dem der gewaltige Ausstieg der antiken Kultur uns in fesselnden Bildern vor Augen geführt wird. »Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Ent­wicklung" ist der Titel dieses interessanten Werkes, dem wir mit Genehmigung des Verlages Quelle & Meyer in Leipzig die nachstehenden Zeilen entnehmen. (476 Sei­ten mit 20 Tafeln. 3n Leinen Mk. 12..) Die Mauern von Athen umfaßten viele Kilo­meter lang auch die Hafenstadt, den Piräus, mit Der Piräus war zur Zeit des Perikies unbedingt sehenswürdiger als heute, nicht nur wegen seiner Werften und Arsenale, sondern we­gen des Stadtbauplans selber: denn er war ra­tionell weiträumig mit Straßenzügen gebaut, die, wie in Turin oder Karlsruhe, schnurgerade sich schachbrettartig cechtwinkelig schnitten. Ein Mathematiker Halle das geschaffen; die Theorie begann das Leben zu gestalten. Ein tosendes Getriebe aber ging hindurch, vulgär und schreiend wie in allen Hafenstädten des Südens. Auch die .gesetzlose Aphrodite" hatte hier ihr Haupt­quartier.

Aber auch die Grotzkausleute hatten hier ihre Kontore: in ihren Lagerräumen stapelten sie die Fülle der Waren aus, die mit ihren Schiffen tarnen. Dahin strömen dann täglich die tausend Kleinhändler, um einzukaufen, was sie dann im Detailverkauf in der Hauptstadt ausbieten Und verschachern. Sie betrügen gern, fälschen Maß und Gewicht, und die Handelspolizei muß acht geben. Der Weinhändler ist eine typische Figur, der in den Häusern herumläuft und Weinproben rti kosten ausbietet. Willen im Getriebe stehen vie Geldwechsler hinter ihren Tischen an der Straße und prüfen nach dem Gewicht jedes Drachmenstück, das durch ihre Hände geht

Athen selbst will leben, und die Kleinhändler schieben ihre Waren vom Piräus auf den großen Markt der Hauptstadt

Der Markt ist ein echt südländischer Dazar, lauter Duden, die, in der ersten Morgenfrühe aufgebaut, hernach verschwinden, er ist überdies von den Werkstätten der Schuster und Riemen- Händler, der Friseure und Parfümeriegeschäfte umgeben, deren niedrige Butiken immer weit vssenstehen. Auch die haben viel zu tun, und

Aach den Mnungsseiettichkeiten in Japan

Das japanische Kaisertum.

Don unserem S.-Derichterstatter.

Rachdruck auch mit Quellenangabe verboten!

Tokio, Rovember 1928.

Japans Kcönungsfeierlichkeiten sind vorWer. Der Kaiser und sein Hofstaat, Kabinett und Der- Wallung die vorübergehend in die alle, tausend- jäh.ige Krönungsstadt Kioto übergefiedelt wa- ren kehren in einigen Tagen wieder nach Tokio zurück, mit ihnen der heilige Schrein des Kai- serhauses, der Takischo Dokoro, vor dem die kaiserliche' Familie den Ahnen der Ration opsert. Obgleich die Feierlichkeiten nun bald acht Tage vorüber find, ist von einem Abflauen der feier­lichen Stimmung noch nichts zu verspüren. Das Gefühl inneren Erhobenseins, das der Erinnerung an weihevolle Stunden entsprängt schwingt nach und läßt das Gesehene in einem besonderen, nicht alltäglichen Lichte erscheinen. Denn das große nationale Fest, das die Krönungsfeierlichkeit für den jungen japanischen Kaiser Hirohito frtr alle Japaner war, gibt allen, denen es vergönnt war, die prunkvollen und doch zugleich auch erhaben-schlichten Zeremonien der Thronbestei­gung zu sehen, die Erkenntnis von der Deden - tung einer Jahrtausende alten Handlung, die sichtbar und stark Gegenwart und Vergangenheit verknüpft, und doch nicht, wie das vielleicht an» derswo der Fall wäre, das Gefühl kalter Rou­tine oder veralteter Sitte hinterläßt. Die statt dessen als ein sichtbares Symbol des Selbst­behauptungswillens einer Kultur wirkt die sich ein selten zähes Volk zwischen dem brüllenden Meer und den feuerspeienden Vulkanen schuf.

Um das zu verstehen, muß man sich daran erinnern, daß auch heute noch der japanische Kaiser viel mehr als nur ein konstitutio­neller Monarch ist, und daß nicht seine politische Macht, sondern sein religiöses Amt als oberster Priester seines VolkÄ und als Wahrer der Sitte die Grundlage seines Ansehens im Lande fft. Die Stellung des japanischen Kai­sertums im Leben der Ration ist zwar, wie es das Herkommen und Wohl auch die ta.sächliche Verfassung vorschreibt, eine pvli isch neutrale, um nicht zu sagen unfruchtbare, wenn man an die Ausübung der Regierung denkt Die Stellung umgibt dafür den Mann, dessen Geben der Pflege der Geister der geliebten und verehrten Ahnen gilt, die das Schicksal des Einzelnen bestimmen, mit einer Liebe und Verehrung, die einem Sohne des Himmels das japanische Kaiserhaus stammt der Tradition nach von den Göllern selbst ab angemessen ist, und wie man sie ähnlich auf der westlichen Halbkugel Wohl allein dem Papste zollt

Dieser ausgesprochen religiöse Charakter des japanischen Kaisertums war es denn auch, der den diesmaligen Krönungsfeierlichkei­ten den Stempel aufprägte. Gewiß, die blen­dend schönen alten Krönungskostüme, die nur für dieses Fest getragen werden dürfen, mit ihren leuchtenden Serdenmänteln, Goldstickereien, die märchenhaft anmutenden Goldrüstungen der alten Adelsfamilien gaben dem Ganzen einen Prunk, wie er würdevoller und zugleich doch auch mär­chenhafter kaum gedacht werden kann. Aber das war bei aller naiven und selbstverstärrdlichen Schaulust der Japaner für sie doch nur ein Rah­men, der die feierlichen Handlungen umgab mehr nicht. Was das Volk hinter all dem sah, und was ihm als wesentlich galt, das waren die so schlichten und sinnvollen priesterlichen Handlungen des Kaisers, die jeder Ja­paner als Familienoberhaupt auch bei sich zu Hause vornimmt, wenn er seinen Ahnen opfert und den Segen der Götter auf sein Tun herab­fleht Daß sich der Kaiser vor den Zeremonien nach strengem Ritual mit Wasser und weiß­seidenem Handtuch reinigt, daß er vor dem

Ahnenschrein opfert, als Hoher Priester feier- liche Zeremonien zu Ehren der Gottheit leitet, und daß er schließlich im sogenanntenDaijosai" unsichtbar den profanen Augen der Menge das große Frucht- und Dankopfer bringt und sich zugleich in feierlicher Meditation mit der Göttin des Mondes vereinigt das erst gibt ja in den Augen des Japaners dem Enkel von hundrrsünfundzwanzig kaiserlichen Ahnen de>r An­spruch auf die Stellung eines Vaters und (Füh­

rers der Ration.

Die feierliche Thronbesteigung in Kioto, der zum erstenmal in der Geschichte auch euro­päische Pressevertreter beiwohnen durften, muhte daher, trotz allem Demühen, für die anwesenden Europäer im wesentlichen unverständlich blei­ben, da man ja wohl zur Rot die Lehren einer fremden Religion verstehen lernen kamt liicht aber die Empfindungen begreifen, die den Japa­ner erfüllt haben mögen, als er zum ersten und einzigen Mal seinen Kaiser die feierlichen Ah­nenopfer im Gewände des Schintopriesters voll­ziehen sah und hierauf das feierliche Gelübde beS Kaisers aus dem Munde des Ministerpräsi- denken Tanala der Kaiser spricht nicht zu seinem Dolle hörte. Diese Verbindung von altem Herkommen und der modem-europäischen konstitutionellen Sitte der Verlesung der Thronrede mag manchem alten Hofinanne, der sich an die völlige Abgeschlossenheit des Kaisers von aller Oeffentlichkeit unter dem Scho- gunat noch erinnert, als eine unerhörte Steuerung erschienen sein, trotzdem schon der Vater des jetzigen Kaisers sie eingeführt hat. Andererseits ist nicht daran zu zweifeln, daß die Jugend Japans, soweit sie Gelegenheit hatte, der feier­lichen Thron en khüllung beizuwohnen, vor allem die Aufrechterhaltung der alten Tradition sah und den Willen zum Kon» servattsmus bewunderte, dem Japan seine na­tionale Große verdankt, weil er eben nicht starr und dogmatisch ist, sondern an den Kern des nationalen Bewußtseins appelliert, der gerade in der Schinkoreligion einen Sungbom der Er­neuerung findet.

Deshalb hat zweifellos der Bansairuf (mögest du zehntausend Jahre leben), mit dem diese Ze­remonie ihren Abschluß fand, dem Durchschnitts­japaner mehr bedeutet als dies sonst der Fall sein mag. Muhte er doch empfinden, welche Größe imd Kraft in einer Tradition liegt, die den Kaiser zum Vater seines Dolles macht und ihn verpflichtet, für das Wohl seiner Unter­tanen zu sorgen nicht weil es das Staats­interesse, sondern weil es der Glaube vorschreibt, den Kaiser und Volk teilen, Und die Wieder­holung der schönen, von einem unvergleichlichen Reiz erfüllten alten Tempel- und Krönungstanze, bei denen jeder Schritt und jede Handbewegung eine sinnvolle, tief symbolische Bedeutung hat, mag manchem von den Jüngeren, die in Oxford oder in Amerika ihre Erziehung erhielten, ge­lehrt haben, daß die alte und selbstbewußte Kultur Japans Werte ift sich birgt, die kein technisches oder chemisches Laboratorium aufzu- weisen hat, und die zu bewahren und erhalten sich lohnt, weil sie der Ration den inneren Gehalt geben, den ein großes Volk braucht, um seine Freiheit verteidigen zu können.

Und in diesem Sinne hat die Krönungszeve- monie auch wohl gewirkt. Der Rationalstolz der Japaner mag um so größer fein, als ihnen alle Welt zubilligen mußte, daß sie in ihrem Kaisertum etwas besitzen, was es sonst auf der Welt nicht gibt, und was kein europäisches Land mehr aufzuweisen hat. Wobei es die Ja­paner mit besonderem Stolz erfüllte, daß auch ein Mann wie der jetzige Kaiser, der seine Er­ziehung in England genossen hat, sich der alten Tradition willig fügte, weil er ihren seelischen und kulturellen Gehalt erkannt hat. Ein Gefühl, um das man die Japaner aufrichtig beneiden

die Inhaber wissen immer das Reueste. In der bestimmten Friseur- oder -Schusterbude treffen sich zufällig oder nach Verabredung die Bekann­ten. Es ging da wie auf unserer Börse zu: man entriert Geschäfte mit Angebot und Rachftage und kolportiert den neueften Klatsch Die Hor­cher oder Sykophanten schleichen herum, um etwas zu erlauschen, falls jemand nicht demokratisch genug redet.

Der offene Markt aber zerfällt in zwei sorg­lich getrennte Abteilungen, für die Händler und für die Händlerinnen, Und da steht nun vor allem als eine Säule der Stadt der Finanz­beamte, bei dem man Gelder niederlegen und erheben kann, der aber auch die Abgaben der Bürger einkassiert. Er steht nach der Art der Geldwechsler hinter seinem Tisch, welcher Tisch ein Bureau vertritt. Ein Bänkelsänger geht noch über den Platz und singt. Da ertönt eine Schelle, und der Sänger verstummt: denn die Schelle gab das Zeichen, daß der Markthandel beginnt

Das Fischwcib fehlt. Händler sind, die die Fische verkaufen, ebenso die Fleischwaren und Würste, die jungen Ferkel, den Scheibenhonig, der in der Küche den Zucker ersetzt. Richts wundervoller im Süden als der Fischmarkt, vom geräucherten Tunfisch bis zur Makrele und dem böotischen fetten Aal.

Bei den Händlerinnen sieht man die Hökerin­nen sitzen mit ihrem Lauch und Zwiebeln, Gur­ken und Melonen, die groben Bäckerinnen, die, wenn man an ihren Tisch anstößt so daß eine Semmel zu Boden fällt, gleich auflreischen und mit Prozessen drohen. Aber auch allerliebste Weiber fehlen nicht, die da hinter ihren Blumen­körben kichern, rufen und winken. Es sind lau­ter Unfreie ober Sklavinnen. Athenische Bür­gerinnen dürfen hier nicht verkaufen. Aus den Körben duftet es nach Veilchen, Levkvien und Rosen in Ueber fülle; wohl auch Mohn gibt es, Rarzissen, Melisse, Lavendel, auch Myrten- und Selleriekränzchen. Das war alles Freiwuchs: Handelsgärtnereien gab es noch nicht, keine Gar­tenkunst und Blumenzucht Und man kaust nun, oder man macht Bestellungen von Sträußen und Girlanden für den Geburtstag ober sonstige Feste: die Kranzgewinde sollen über der Hau?tüt hän­gen oder auch den Altar schmücken. Dabei gibt es viel Spaß und galantes Getue: aber auch me­lancholische Eindrücke. Eine Händlerin, die be­kümmert aussieht, fällt den Passanten auf, und sie erzählt ihr Schicksall Sie ist von auswärts zugewandert eine junge Witwe mit fünf Kin­

löimte, da es in der Tat ein sinnvolleres Sym­bol für den Ewigkeitswillen einer Ration kaum gibt, als das japanische Äaifcrhtm, das nun seit über vierzehnhundert Jahren der Rückhalt eines Dolles ist, dessen Geschichte so wechselvoll war, und das kraft dieses Kaisertums aus den Tiefen der Demütigung der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Weg zur Weltmacht fand.

Schützt den iottarer Kops!

Zu dem Rotschrei aus Lollar über die Ge­fährdung des Lollarer KopseS wird uns von hervorragender Seite geschrieben:

Der Einsender hat nur allzu recht, wenn er gegen die Verschandelung der Lollarer Gegend entschieden Front macht: denn es wäre tatsächlich eine Schande, wenn das Gießener Decken an seinem nördlichen Zipfel in der geschilderten Weise versudelt werden sollte. Man hat wahr­lich genug an dem häßlichen Anblick, den der Lollarer Kopf von der Rückseite her heute bietet: eine kahle, nackte Wand ohne Baum und Strauch, trostlos und schmutzig. Und nun sollte auch die nach dem Lahntal zu gelegene Seite daran glauben? Die ganze Schönheit des Tales wäre verloren: wie wundervoll ist der Blick, wenn man von Ror-

den durch die Enge bei Friedelhausen in ba8 sich nach Süden dehnende Becken hereintritt: Auf der einen Seite tauchen Gleiberg, Vetzberg, Wettenberg usw. auf, auf der anderen begren­zen der Lollarer Kopf und der Hangelstein den Blick. So würde das Charakteristische der Ge­gend, ihre ganze Schönheit schwinden, wenn der Lollarer Kopf weggebrochen würde. Wir wollen uns nur einmal vor Augen stellen, wie heute die Bergstraße aussieht, die überall von Stein­brüchen entstellt und verwüstet worden ist: das soll doch bei uns nicht nachgemacht werden!

Die zuständigen Behörden beobachten die Ent­wicklung der Dinge am Lollarer Kopf seit langer Zeit mit Aufmerksamkeit; Denkmalpflege. Forstbehörde und Kreisamt haben das Rötige veranlaßt, so daß an dem Bestand des Kopfes nicht gerührt werden kann: sie werden auch weiterhin den Raturschuh dieses schönen Fleckchens Erde mit allem Rachdruck ausüben. Aber wir wissen auch von der Ein­sicht der Ortsbehörden in Lollar, daß sie nicht selbst die Hand dazu bieten werden, die Reize und Schönheiten üjrer Heimat zu vernichten: wir sind überzeugt, daß die Lollarer ihren Kopf behalten werden.

Hessischer Heilstättenverein.

Der Hessische Landesverband zur Bekämpfung der Tuberkulose (Heil­st ä 11 e n v e r e i n) hielt gestern vormittag un­ter der Leitung seines Vorsitzenden, Präsiden­ten Dr. Reumann (Darmstadt), im Kleinen Hörsaale der hiesigen Hautllinik seine diesjäh­rige Hauptversammlung ab. Die Ta­gung war insbesondere von den Vertretern öffent­licher Körperschaften aus den verschiedensten Tei­len des Hessenlandes gut besucht.

Präsident Dr. Reumann gedachte zunächst in ehrenden Worten des verstorbenen Mit­gliedes, Geh. Sanitätsrats Dr. Habicht, dessen rege Mitarbeit an den Aufgaben des Vereins er mit herzlichen Worten des Dankes hervorhob. Das Andenken an den Verewig.en wurde in der üblichen Weise geehrt. Anschließend berichtete der Vorsitzende unter Hinweis auf den gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht für 1927 über

den gegenwärtigen Stand des heitstättenvereins und seiner Heilstätten.

Das wichtigste Ereignis des Jahres war die Inbetriebnahme der Kinderheilstätte Almfrieden bei Winterkasten. Damit ist ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Der Dau dieser Kiinderheilstätte wurde im Jahre 1925 von dem Gesamtvorstand beschlossen. Am 15. Sep­tember 1926 wurde mit den Bauarbeiten begon­nen. Am 18. Dezember 1926 war der Bau be­reits im Rohbau fertig, jedoch litt die weitere Ausführung unter mancherlei Verzögerungen, so daß das Haus im großen und ganzen erst im April d. I. den Erfordernissen entsprechend da- stand, der endgültige Abschluß der Dauarbetten aber immerhin noch einige Zeit dauert. Am 2. März d. I. wurden die ersten Kinder in die Heilstätte ausgenommen. Als Chefarzt wirkt dort Dr. K os chm ann seit 1. April d. I. In diese Heilstätte können 80 Kinder ausgenommen wer­den. Der Dau ist 50 Meter lang und vier Ge­schosse hoch. Die Heilstätte ist in ihrem Aeuhern, wie auch in der inneren Einrichtung als muster­gültig anzusehen, sie entspricht allen Anforde­rungen der modernen Wissenschaft. In Verbin­dung mit diesem Heilstättenbau wurde eine An­zahl technischer Neueinrichtungen in der benach­barten Eleonoren-Heilstätte durchge- sührt. Die gesamten Baukosten beziffern sich auf rund 750 000 bis 800 000 Mark: davon sind rund 350 000 Mark durch freiwillige Spenden aufge­bracht worden, so daß noch 400 000 Mark ge­deckt werden müssent Infolge des Auftretens

einiger Scharlachfälle mußte zum großen Be­dauern des Vorstandes die Au,nähme von Kin­dern in die neue Heilstätte den ganzen Sommer über gesperrt bleiben; die Wiedereröffnung der Patientenaufnahme ist für den 3. Dezember vor­gesehen. Gegenwärtig sind in der Heilstätte 42 Kinder untergebracht.

Der Redner beschäftigte sich hierauf mit der Belegung der Lupus-Heilstätte in Gie­ßen, über die er zu feinem Bedauern berichten mußte, daß sie infolge starken Patientenandranges überbelegt ist. Als Ausweg aus dieser un­liebsamen Situation ist die Erwerbung eines Gutshofes in der Umgegend von Gießen auf dem Wege des Kaufes oder der Pachtung ins Auge gefaßt. Auf diesem Guts­hofe könnten etwa 20 bis 30 Lupuskranke, deren Behandlung in der Anstalt nicht mehr so drin­gend notwendig fei, die aber doch noch nicht ent­lassen werden könnten, untergebracht werden. Aus diese Weise würden etwa 20 bis 30 Betten in der Heilstätte für andere Patienten frei, die auf den Gutshof verlegten Kranken könnten sich dort landwirtschaftlich betätigen und damit zu ihrer eigenen Befriedigung, aber auch zum Ruhen der Heilstätte tätig sein. Einige Gutsobjekte ständen bereits im Kreise der Verhandlungen, jedoch sei ein endgültiger Beschluß noch nicht gefaßt. In­folge radikaler Umstellung in der Ernährungs­weise der Patienten, durch die viel Obst und landwirtschaftliche Produkte erforderlich seien, könne die Eigenerzeugung auf einem solchen Guts­hofe für den Heilstättenverein wirtschaftlich sehr vorteilhaft sein. Wenn der Vorstand dieser An­regung zustimme, so könne sie durchgeführt wer­den, geldlich stehe ihrer Verwirklichung nichts im Wege. Auch an einem weiteren Aus­bau der Lupusheil st ätte werde man nicht vor beikommen. Es seien bisher ständig etwa 40 Kinder unterzubringen gewesen. In den jetzi­gen beiden Häusern befänden sich diese Äinber inmitten der Erwachsenen, und daß das nicht gut sei, liege auf der Hand. Es erscheine dringend notwendig, die Kinder dort herauszunehmen und zu diesem Zwecke eindrittesHauszu bauen, das nur für die Kinder bestimmt sei, außerdem Raum für Arbeitsunterricht, für geselligen Aufenthalt und für eine Kapelle zur Befriedi­gung religiöser Bedürfnisse enthalte. So schwer die wirtschaftlichen Verhältnisse gegenwärtig auch seien, so müsse man doch an die Durchführung dieses Gedankens Herangehen. Der Dau der neuen Heilstätte für die Patienten mit Tü­

dern, und muß sich nun hier mit Kranzflechten ernähren. Sie fühlt, daß sie gesellschaftlich ge­sunken ist: denn die Blumenhändlerinnen gelten den Dirnen gleich.

Das kaufende Publikum drängt sich zwischen den Buden und Ständen: da sind Hausange­stellte, die Haussllaven, die da naschen und schwatzen, rennen und schleppen: Matrosen, Sol­daten stehen und schlingen den warmen Linsen- drei herunter oder zerkauen einen Polypen; mit­ten dazwischen auch vornehme Herren, Protzen mit vier Dienern im Gefolge, und dieReu- reichen" die jeder als solche erkennt, die da im Purpur stolzieren und sich El enbeinsachen und die vergoldeten Trinkbecher vorlegen lassen. Da steht so einer, der Glatzkopf: er war noch un­längst Schmied. Wer weiß, woher er seinen Reichtum hat? Run wirbt er um die Tochter eines verarmten vornehmen Herrn und will sich bei ihm einheben mit Geschenken. »Es ist überall dasselbe," lautet auch da wieder bas eintönige Urteil. Gibt es nichts Reues in Athen?

Da wird der Markt plötzlich leer: das Publi­kum strömt auseinander. Denn es gibt heute Dvllsversammlung auf der Pnyx. Beamte kom­men mit langen Seilen, welche Seile mit Men­nig frisch rot gefärbt sind, und treiben die Bürger vom Markt auf die Pnyx, die offenbar in der Rähe lag. Die Seile färben ab, und wer keine Flecke haben teilt, muß sich eilen. Viele freilich wissen sich zu drücken, und die Beteili- gung an den öffentlichen Versammlungen war in dieser demokratischen Stadt, wo das Volk im Plenum abzustimmen hatte, wenn es sich nicht um Deamtenwahlen handelte, oft erschreckend gering.

Hochschulnachnchien.

Professor Dr. Wolfgang Heubner in Göt­tingen hat den Ruf auf den Lehrstuhl der Pharmakologie an der Medizinischen Akademie in Düsseldorf als Rachfolger von Prof. Friedt. Hildebrandt angenommen. Der Reu- teftamentler Professor D. Dr. Martin Dibe- lius in Heidelberg hat die Berufung nach Bonn abgelehnt.

Der Lehrstuhl der Geophysll an der Göt­tinger Universität (an Stelle des Geh. Re­gierungsrats E. Wiechert) ist Dr. phil. Gustav Angenheister, Abteilungsvorsteher am Geo­dätischen Institut in Potsdam und Honorar­professor an der Berliner Technischen Hoch­schule, angeboten worden.

Verdi im Schlafrock.

Der französische Zeichner und Schriftsteller Ferdinand Dac veröffent.icht aus seinem langen Leben, in dem er die berühmtesten Personen seiner Zeit kennengelernt hat, jetzt häufig Erinnerungen. In der Comoedia erzählt er von einer Begeg­nung mit Verdi. Als er 1878 in Venedig weilte und dort auch mit Wagner zusammen- traf, hatte er bereits den lebhaften Wunsch, auch seinen großen Antipoden Verdi p:r önlich kennen­zulernen, und ein junger Reapolitaner, der eine schöne Stimme hatte und sich seiner Freund'chaft mit dem großen Komponisten rühmte, wollte die Bekanntschaft vermitteln. Aker erst 10 Jahre später konnte dies in Genua geschehen. Dac war mit feinem neapolitanischen Freunde dahin ge­kommen, und sie gingen zusammen nach dem Palazzo Doria, in dem Verdi wohnte.Durch einen breiten Gang, den die Morgensonne er­hellte," erzählt er,tarnen wir zu einer Tür des Palastes, an der auf einer einfachen Visitenkarte die WorteGiuseppe Verdi" standen. Einen Augenblick später befanden wir uns dem Meister gegenüber, der sich groß und aufrecht erhob mit seinem vollen grauen Haupt- und Barthaar. Seine leuchtenden Augen begrüßten sofort den, der sich mir gegenüber als seinen besten Freund ausaegeben hatte.Grandis ima Canaglia!" rief er ihm zu.Dich habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen. Doch ich liebe den Wein, den du mir immer lieferst, und ich will auch für diese Saison eine kleine Bestellung machen. Rimm je sofort auf, damit du sie nicht vergißt. Die Ernte ist schon vorbei!" Mein Freund, der sich mir als großen Sänger vorgestellt hatte, war ein Wein- yändler und kannte Verdi als einen seiner Kun­den. Das machte aber nichts. Der Meister war zutraulich und vergnügt. Scherze flogen hin und her. Mein Freund fang neapolitanische Lieder, und ein dienstbarer Geist brachte süßen Wein, um uns Feuer in die Adern zu gießen," meinte Verdi.Ich bin ein Gastwirtssohn", sagte er.Ich verstehe mich auf gute Weine. Da kann mich keiner rein legen!" Ich erzählte Verdi von der P a 11 i und ihren ewigen Liebschaften, und er sagte:Das Herz nimmt niemals Vernunft an; es liebt in jedem Alter." Als wir uns ver­abschiedeten, rief et noch meinem Freunde durch die Tür nach:Schick' mir deinen Wein, und vom besten!"