Nr. 99 Drittes Statt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
8'eitag, 27. Apri! 1928
Wie wählen Krauen?
Don (5. Äveiz.
□Dill man diese Frage beantworten, so kann man zunächst seftftetten. daß d e deutsch-m Frauen eine Abneigung gegen alle radilalen Parteien -eigen, mjgen sie nun der Rechten oder der Linken anz h>ren. Dc: den hessischen Landtagswahlcn von 1927 zum Dc.f.iel wählten die Tlunner 1878 Kommunisten, die Stauen nur 999. in Köln (a.nen sür die Kommunisten 7.7 Proz. .Frauenstimmen zur Abgabe, zegen 15 Proz. Männerstimmen. Bei den Pro- vinziallandtazswablen im Jahre 1925 entfielen 17,9 Proz. aller Männerstimmen und nur 8.3 Prozent aller Frauenstimmen auf die Kommunisten 0,27 Proz. der Frauenstimmen entfielen auf die Deutschvöltifche FreiheitSpartei gegen ),60 Pcoz. bei den Männern. Bei den Thüringer Landtag-Wahlen von 1927 kamen auf 100 Männerstimmen für d e Kommunisten 77.4. die Hationalfodaliften 732. Bei den Wahlen «um Reichstag und Landtag für 1924 wurden von den Männern 28. von den Frauen 17 Kommunisten gew. h't selbst im toten Sachsen tarnen nur 17 311 Frauenstimmen auf 22 051 Männerstimmen für diese Bartet.
Man kann we;t?t(>in feftflcten. daß die Frauen 'ich bei ber Ausübung der Wahlpflicht stark non der Kirche beeinflussen lassen. Für das Zentrum überwiegen die Frauenstimmen und bet K.rchenwah'>.n überwi gen die weiblichen Stimmen. Da- Zentrum erhielt bei den letzten Wahlen in Mainz 7493 Frauen- und 3902 Männerstimmen. Bei ben Wahlen zur Rrtional- »ersammlung erhie't in Köln da» Zentrum 79 000 Stauen- bei 47 000 Männerstimmen. Bei den ReichStagswahlen von 1924 kamen für da- Zen- trum auf 100 Männerstimmen etwa 153 Frauenstimmen.
Weiter ist sestzustellen. bafj die Rechte bisher bei den Frauen ihre beste Stütze hatte. Bei den ReichStagSwahIen vom Jahre 1924 kamen auf 100 Männer- etwa 127 Frauenstimmen für die Rechte. Bei den Stadtverordnetenwahlen von 1924 in Dresden entfielen auf 22,598 Stimmen •ür die Deutfchnationa'en nur 15 017 aut Männer: bei jenen In Leipzig im Jahre 1921 kamen für Me Rechte auf 100 Männer- 131 Frauen stim- nen. Bei den preußischen Landtag-Wahlen 1921 irhicllen die Deutfchnationalen bei 16 9 ManneS- stimmen 1915 Frauenstimmen. Bei den Berliner ■6tabtDerorbnctcnwablen von 1920 gaben in Berlin-Lichtenberg die Frauen 1620. di' M-'nner 1207 Stimmen sür die Rechte ab. Bei den Thüringischen Landtagswahlen von 1927 kamen auf 100 Manncsstimmen 109,6 Frauenstimmen: in Cifenad) erhielt die Einheitsliste 3600 Frauen- imb nur 2639 Männerstimmen. Zur Reichspräsi- Lentenwahl erhielt Hindenburg in Weimar 8957 grauen- bei 6204 Männerstimmen, In 3ena 7488 (egen 5815.
Daß die Sozialdemokraten an den grauen nicht diejenige Stütze haben, die sie an ihnen suchten, zeigen die nachstehenden Zahlen. 3n Mainz erhielten die Sozialdemokraten nur 6821 Frauen- gegen 8661 Männerstimmen. Bei Der LandtagSwahl von 1927 kamen in Thüringen für sie auf 100 ManneS- nur 95,3 Frauenstimmen: in Apolda erhielten die Sozialdemo- iraten 1852 Frauenstimmen, die Einheitsliste 2318. Bei den RrtchStagswad'en von 1924 erhielten die Sozialdemokraten in Köln 34 524 männliche und 21 420 weibliche Stimmen 3n den Reichstag von 1924 sandten die Frauen 59, die Männer 72 sozial- remokratische Abgeordnete ,, * ,,,
Wie gestaltet sich nun die Wahlbeteiligung der Frauen überhaupt? CS mutz gesagt werden, datz die Frauen sich leider der ihnen auferlegten D f l i ch t zur Wahl noch immer Gu wenig bewutzt sknd. Während zuerst die grauen eifrig zur Wahl kamen, zeigten sie sich recht bald Da hl müde. Bei der Reichslagswahl 1924 gaben in achtzehn Wahlkreisen die Frauen 16 Proz. mehr Stimmen ab als hie Männer: sie halten also ein Mehr von 4730 Stimmen «14 diese, aber es fehlten die Stimmen von 7696 wahlberechtigten Frauen. Es wählten bei
Oie goldenen Berge.
Vornan von Clara Dieöig.
Tophrtght by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart. 4g. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Kaspar hätte dem alten Mann gern ein paar droschen gegeben, damit er ins Wirtshaus gehen tonnte, sich da auszuruhen: aber er traute sich nicht. Winzer sind keine Bettler, wenn sie auch arm find. Vhn jelber trieb es fort. Er hatte viele Bekannte Hier, die erwarteten, datz er noch mit ihnen oer- veilen würde. Der angesehenste Mann aus Mun- Ben, der Sebastian Brandt, der den größten Wein- Hergsbesitz im Dorf hatte — überhaupt hier herum — und der sich jetzt, aus der Not der Zeit heraus, Loch einen Handel mit Obst und Honig zugelegt Hatte, denn er besaß gute Verbindungen nach den Städten, der hatte seine hübsche Tochter mitge- Hracht. Die machte dem jungen Dreis schone Augen, enb ihr Vater lud den ein, noch eine Taste Kaffee mit ihnen zu trinken. Sebastian Brandt nahm es Bem jungen Dreis ordentlich übel, daß der ab- schlug, und die hübsche Theres zog ein Mäulchen.
Kaspar lieh sich mit der Fähre übersetzen, nun Dar er auf derselben Seite der Mosel, auf der Borten liegt. Sein Rad lief geschwind, wenn er gut iutrnt, konnte er In einer halben Stunde schon bei kn Bremms fein Es verlangte ihn, Simon Bremm ju sprechen. Er fühlte sich freier, als es nun stiller um ihn wurde, und er allein war. Roch einmal sah <r nach ber anderen Seite und auf die große Wiese cm Ufer zurück. Da standen noch vereinzelte Gruppen, und wie ein schwarzer Strich, der sich voran Bewegt, zog eine lange, ununterbrochene lange Sette von Teilnehmern, die drüben ihre Dörfer hatten, längs ber Mosel hin heimwärts. Man hatte Ue Teilnehmerzahl an bic Zehntausenb geschätzt.
Ach, wie tat bas gut, baß man hier, fern allem Getriebe, fern von dem Rede- unb Antwortstehen- müsten, wieber zu sich kam. Und doch war dies Zu- schkommen schmerzlich. Ach, ob wirklich viel bei tiefer Versammlung herauskommen würde? Frei- t'A), bekannt gemach! wurde die aller Welt, morgen kisen die Leute in den großen Städten des Rheinlands unb auch in Berlin schon von ber Resolution ter Winzer. Es waren von Trier, von .Koblenz, ron Köln, von Düstelborf, von Gott weiß woher, Zeitungsberichterstatter bagewefen. Sie hatten sich
ben Sozialdemokraten 45 301 Frauen unb 64 634 Mäv.n.-r: bei den Demokraten 17 745 Frauen unb 19 975 Märn er: beim Zentrum 82 .91 Frauen unb 57 5.6 Männer. Bei den Deutschnationalen 16 457 Frauen unb 12 897 Männer. 3n mehr nach links, je mehr nahmen die Frauenstimmen Im Verhältnis ab.
Bei den Stablverorbnetenwahlen in Dresden für 1924 wählten 95 877 Frauen nicht. Bei dem VolkSe. t'cheid stimmten in Ber in von ISO männlichen Stimmberechtigten 67,2 Proz von den weiblichen nur 58.3 Proz. Zu den Thüringer Landtag-Wahlen haben im vierten Wahlkreis
83 Proz. Männer unb 71.2 Proz. Frauen gewählt. Wie start die Dahlbet iligung der Frauen allmählich g c 1 u n l cn ist. beweisen die Ergeb- niffe in Kein. Hier wählten zu den ersten Wahlen mehr Frauen denn Männer, bei den Wahlen 1927 blieben sic in der Ziffer hinter den Männern weit zurück. Bei ben Prori .ial-Land ogs- wahlen sank ihre Bet-i izunzs i ser aus 23.9 Proz. 3n Lübeck beteiligten sich die Frauen bei den ersten Reiche az.wählen und den Wah'en zur Rationalverlammlung stärker denn die Männer, dann blieb ihre Betei.igung um rund 10 Proz. hinter jenen zurück.
London, Lnrlion House Senate Rr. 9...
Oes Deutschen Reiches Botschaft in London — Ge'ellschast und Politik. — Don Bernstorff zu Sthamer.
Wie die Londoner Presse übereinstimmend anerkannt hat, ist durch den glänzenden dmp anj, der kürzlich in den Räumen der Londoner deutschen Botschaft ftattfanb, die Früh^ahrssaison dec englischen Hauptstadt mit besonderem Geschmack cingeki.e; worden.
Gerade in Deutschland hat man häufig den verhängnisvollen Fehler begangen, den Wert der guten gesellschaftlichen Stellung, die sich ein Diplomat auf ausländischem Posten zu schaisen wußte, zu überschätzen und persönliche Beziehungen rein sreundschastlicher Ar' unter bic politischen Ak.iva bei von ihm vertretenen Staates zu buchen. Ohne in d'csen Fehler zu verfallen, sollte man sich jedoch darüber freuen, wenn Deutsche Diplomaten in oer Fremde auch in gesellschaftlicher Beziehung besonder- geachtet und beliebt sind. Eine Persönlichkeit, ber es in ungewöhnlichem Watze gelungen ist, sich eine hervorragende gesellschaftliche Position zu erobern, ist Dc. D Friedrich 6 3. Sthamer, der seit dem 10. September 1920 als außerordentlicher unb bevollmächtigter Dot- schaster bcs Deutschen Reiches in London beglaubigt ist. 3n seiner Vaterstadt Hamburg stand dieser Mann an der Spitze der Deputation für Handel. Schiffahrt unb Gewerbe, bevor er bie hohe unb schwere Ausgabe übernahm, nach Deenbigung bes Krieges einen der verantwortungsvollsten biplomatischen Posten im Aus- lanb zu übernehmen. Als er in bas Botschafter- palaiS Earlton House Terrace Rr. 9, bas seit 1914 seiner Bestimmung entzogen war, im 3ahre 1920 alS Hausherr einzog, waren deutsche Diplomaten noch keine freudig empfangene Gäste in fremden Ländern. SS ist ihm und seiner klugen, weltgewandten Gemahlin zu danken, datz sich baS in London völlig geändert hat. Der erste Empfang, der in diesem 3ahr bei Herrn und Frau Sthamer in den prächtigen Räumen bet Botschaft, beten prunkvollster ber „Goldene Saal" heißt, vor kurzem ftattfanb, gab ber Londoner Presse Gelegenheit, von einer glänzenben Einleitung ber Saison zu sprechen, bie bekanntlich jenseits des Kanal- in das Frühjahr unb nicht wie bei uns in ben Winter fällt.
3n einer fehr vornehmen Degenb Im südwestlichen Teil London- liegt da- Gebäude ber beutfdjen Botschaft, rings umbranbet von ben Fluten deS Geschäftsverkehr-, der bekanntlich in ber englischen Hauptstadt ganz besonbet- gewaltige Dimensionen angenommen hat , doch Earlton House Terrace selbst ist unberührt von biesem Wogenben Verkehr. Es ist nicht seht Weit vom Botschafterpalais zum Buckingham Palace, in bem König Georg unb Königin Mary jetzt bie Saison feierlich mit einem „Drawing-room“, einer Art von Defiliercvut, eröffneten, und in kurzer Zeit kann man auch nach bem Parlament in Westminster unb bem Foreign Office, dem Auswärtigen Amt, in Downing Street gelangen.
Wohl kein europäische- Volk hält so viel auf Tradition wie das englische, und eS ist verständlich, datz Herr Sthamer dort anknüpfen mutzte, wo feine Vorgänger, bie noch kaiserliche Botschafter waren, aufgehört haben. Stet
hat man in ber beutschen Politik versucht, bem trab .ioneUen englischen Geist daburch Rechnung zu tragen, baß man ben Londoner Bollcha ter- posten nicht zu ost neudeseyte, um feste geselpchaftl.che Formen in Carl on .)ouse Te. .ace entstehen zu lassen. Frankreich hac bietelbe Politik Deriolgt und Herrn Paul E a m b o n zwanzig 3ahre hindurch die Vertretung ber lranzösilche.n Republik beim englischen Hof anvertraut. Unglückliche Zu.älle verhinderten, daß auch deutsche Botfcha.ter 3ah.zehnte ben Londoner Posten innehatlen: aber niemals sah man b e Londoner beutfche Toilüta t als einen Durchgang.po.en an, eher als ben Abschluß einer Karriere, len Gip'el eines Aufst.egs. Des jungen Deutschen Reiches erster Dotscha'ter „a n Hose von Saint- 3ameS", wie die o fizielle Formel lautet, war Gras Albrecht von Bernstorfs, der in London im 3ahre 1873 gestorben ist. Er hatte anfangs Preußen, bann ben Norddeutschen Bund als Gesandter unb Botschafter in London repräsentiert, unb al- ihm Wilhelm I. halb nach seinem Regierungsantritt bas Porte'euille ber auswärtigen Angelegenhei en anvertraute, machte er zur Bedingung, bah ihm bie Rückkehr nach Lonbon ossengelassen würde — -um Aerger Bismarcks, dessen eigene diplomatische Zukunft dadurch in bie Schwebe kam Gras Albrecht von Demstorff war mit ber Tochler des Grasen Könneritz, bes ehemaligen sächsischen Gesandten in Paris, verheiratet: aus biefer Ehe stammt ber im 3ahre 1862 in London geborene Gras 3oharm Heinrich von Demstorff, der jüngste von vier Söhnen. Gr ist gegenwärtig deutscher Delegierter in Genf unb war ehemals Botschafter in Washington.
3n London Wurde auch Graf Georg zu Münster geboren, dessen Vater Infolge der oiS zum 3obre 1837 zwischen England und Hannover bestehenden Personalunion alS .königlich großbritannischer und hannoverscher Staats- und Kabinettsminister" von London aus die Geschicke Hannovers lenkte. Gras Georg Münster, der hannoverscher Gesandter am russischen Hof gewesen war. kannte DiSmarck au- feiner Petersburger Zeit und wurde nun von dem ersten deutschen Kanzler aus den Platz des verstorbenen Grafen Albrecht Bernstorfs gesetzt. 3n Erscheinung und Wesen glich der neue Botschafter durchaus einem britischen Lord, und er hatte auch In zweiter Ehe eine englische Aristokratin Se heiratet, nämlich Lady Harriet St. Elair-
rSkine. 2llS Kuriosum sei erwähnt, daß die Gräfin Harriet Münster mit Unterstützung ihre- Gatten ein englifcheS Kochbuch verfaßte, daS nebenbei den Zweck verfolgte, der einförmigen englischen Küche durch Aufnahme deutscher Gerichte zu größerer Abwechslung zu verhelfen.
Gras Münster vertauschte bann den Londoner mit bem Pariser Botschafterposten, und sein Rachfolger wurde Gras Paul Hatzseldt, ein Sohn jener Gräfin Hatzfeldt, beten verwickelte Angelegenheiten von Ferdinand Gefalle als Anwall mit jugendlichem Feuer verfochten worden sind. DiSmarck bezeichnete ben Grafen Daul Hatzfeldt einmal als .da- beste Pferd in feinem Stall", unb man behauptet, baß er ihn
durch Dleichroder finanziell rangieren ließ, bevor er ihn nach London schickte ör brachte nach Carlton House Terrace feine Botschafterin mit, ba er von feiner Frau, der in Pari- geborenen und erzogenen Amerikanerin Helene Moullon, geschieden war: doch heiratete er später seine erste Gattin zum zweitenmal. Graf Paul Hatzseldt- Wirksamkeit war freilich ständig durch Krankheit behindert
Sein Rachiolger dessen Geschichte kein Ruhmesblatt in der Ehronck der dcu:schen Diplomatie bedeutet, war ber trübere Mannheimer Staatsanwalt Adolf Marschall von Bieberstein. Rur kurze Zeit residierte er im Londoner Dotschaft-pala.s. dann zog dort Graf Paul Wolss-Metternich ein. der recht gut erkannte, daß die deu sche unb die englische Politik sich in Dahnen be vegten. d c eines TageS »um Zusammenstoß sichren mußten. Aber der Westsake, der zwar vreußischer Kammerherr, jedoch kein Höfling war. konnte sich In Bersin nicht durchsetzen, und man sand am Berliner Hole Wolsi-MettemichS un'reundliche Berichte mit Unrecht langweilig und alUu . estimist sch.
Den letzten kaiserlichen Dotschaster am Hofe von Laint-3ameS holte man auS den Rechen der schon Berabsch.edeten. sehr zum Erstaunen manche- aftlren Divlotnaten. der sich um den wichtigen Posten beworben halle. Fürst Mar von Lichnowsky. der sch'e'iche Magnat, der kürzlich gestorben ist. wurde wohl nicht zuletzt wegen frineS großen Reichtum-, seiner hervorragenden gesellsckm tlichen Eigenschaften unb seiner vornehmen Abkunst zum Londoner Dotschaster ernannt; er faßte ajer sein Ami ganz ander- aus. a's diejenigen erwartet baller, die ihn zum Dotschaster gemacht hatten. Unterstützt von seiner Gemahlin, der außerordentlich klugen, als Schriftstellerin febr bekannt gewordenen Mechthild Lichnowsky. knüpfte er enge freundschaftliche Beziehungen zu den wichtigsten eng» lischen Politikern an. Doch gelang es ihm nicht, die Differenzen zwischen Berlin und Lonbon zu beseitigen, unb ber Ausbruch des Weltkriege- war für ihn die tiefste Enttäuschung, bedeutete den Verlust großer Hoffnungen. 3m Londoner Salon des Fürsten Lichnowsky trafen sich die hervorragendsten Tertrc’ci von Englands Kunst unb Wissenschaft, und es ist recht bedeutungsvoll, baß es Herrn Sthamer gelungen ist. wiederum einen hervorragenden Teil der Londoner Gesellschaft im deutschen Dotfchafterpalais zu vereinigen. L. v. R o r d e g g.
Kirche und Schule.
A Schotten, 26. April. Zur dritten diesfährt- gen Konferenz hatten fijj die Geistlichen deS evangelischen Dekanat- Schvt- t c n fast vollzählig eingefunden. Rach Eröffnung mit Lchriftlefung und Gebet durch Pfarrer Weimar, Gonter-kirchen. richtete Dekan D o l p. Laubach an den nach Landenhaufen versetzten Pfarrer La her, Mittel-Seemen, herzliche Ab- schi-.dSworte und gab bann die dienstlichen Eingänge unb Verfügungen bekannt. 3n ber Aussprache wurde länger verhandelt über die Einführung deS PatenscheinS. sowie über die Anfertigung ber neuen statistischen Tabellen, beren Mängel und Unklarheiten an verschiedenen Punkten klar zutage traten. Pfarrer 6 r u (I, Ulfa, erstattete dann den zweiten Teil seine- Referat- über .Kirchliche Sitten unb Dränungen“.
3t Stumpertenrod. 26. April. Wie am letzten Sonntag In ber Kirche betanntgegeben würbe, betrug ber durchschnittliche sonntägliche Kirchenbesuch de- 3ahreS 1 92 7 In unserer Gemeinde 31 Prozent, in bem benachbarten, zur gleichen Pfarrei gehörigen Äöbbingen 33 Prozent ber Einwohnerzahl. Die Kirche wurde am Sonntag durchschnittlich in Stumpertenrod von 67 Männern unb 76 Frauen, in Köddingen von 72 Männern und 63 Frauen besucht. An Kollekten unb anberen Gaben gingen im 3ahre 1927 in Stumpertenrod zusammen 789 Mark, in Köddingen zusammen 925 Mart ein. 3n Köddingen wurden 150 Mart sür Anschaffung eine- neuen Altarteppichs und 32 Mart für einen Krankenabendmahlsbecher gestiftet.
alle an ihn herangemacht: wie hieß er? Woher kam er? War er fchon mal in Berlin? Hatte er fchan öfters gesprochen? Sie hatten ihn ausfragen wallen bis in den Magen, aber er war einsilbig geworden. Zuerst hatte er ein gewisses Prickeln von Stolz und Neugier gefühlt: war er nun wirklich jemand, auf den man hörte, und würde er nun auch in die Zeitung kommen? Sie waren gleich auf die Post gestürzt, da würden sie jetzt telegraphieren, vielleicht fogar telephonieren. Aber bann kam ihm das, was er gesagt hatte, so schwach, so lange, lange nicht stark genug vor. Einer Welt, die unendlich vieles gewohnt war, Starkes unb Schreckliches, der würde das hier noch lange nicht imponieren. Und eine Regierung, die so fern ab war, würden die Forderungen der Zehntausend nicht schrecken. Eine plötzliche Mutlosigkeit fiel über ihn her, er war mit sich selber gar nicht mehr zufrieden. Ach, das war ja alles so ohnmächtig, was man hier redete! „Worte sind keine Taten/ das hatte man der Regierung vorgeworfen, nun konnte man das der ganzen Versammlung von heute, nun konnte er auch sich selber das oor- werfen. Aber was fall der arme Winzer tun, damit er zeigt, daß er wirklich Ernst macht, daß er sich nicht länger mit Redensarten abfpeifen läßt? Ach, er muß warten, leiben, sich gedulden; er kann nichts weiter tun.
In feine Gedanken veritrickt, von ihnen förmlich verfolgt, war Kaspar Dreis wie ein Toller gefahren, nun hielt er schon vor Bremms Haus.
Simon Bremm hatte vor feiner Tür gefeffen, da er sie alle fort wußte, glaubte er, ungesehen Luft schöpfen zu können, letzt fuhr er überrascht auf. Er wollte ins Haus zurückfliehen, aber das ging nun nicht mehr, der Dreis hatte ihn fchon gestellt: „No, endlich! Wie geht et Euch bann?“
„Gut — o — o — ganz — gut* Der Uederfüllens stotterte.
„Et is unrecht, bat Ihr nit mit wart. Ihr mußtet unbedingt mitgehn zu der Serfammlung. Et hat mich mancher nach Euch gefragt"
„3u der Versammlung — wat für'n Versammlung?“
Der junge Winzer sah ben Heiteren ganz er- staunt an, fast bestürzt: wo hatte der denn seine Gedanken?!
Dann besann Simon Bremm sich, er merkte des anderen Verwunderung und sammelte sich: „Ah so, ja — no, Ihr wart ja ba. Ihr seid jung, auf Such kommt et mehr an wie auf müh.'
„Et kömmt auf jehen an. Unb auf Euch ganz besonders. Ihr seid ein weit und breit geachteter Mann.“ Bremm zuckte zusammen. Der andere merkte das nicht und fuhr fort. „Grad wir zwei haben et doch oft besprochen: Wir Winzer muffen Zusammenhalten, un nu fehlt ihr gleich anfangs!" Lebhafter Vorwurf lag in feinem Son.
„3a, ja, et war unrecht/ sagte Bremm langsam und nickte vor sich l)in.
Was war bloß mit bem? Der war ja ganz feit- (am. Hatte er was getrunken? Das schien nicht. Oder hatte ihn [ein Unglück so verstört? Und nun kamen Kaspar die Tränen der Frau von heute mittag wieder in den Sinn. ,»abt Ihr en Schuld, die Euch neuerdings drückt?“ fragte er herzlich. „Ihr wißt doch, wenn ich Euch helfen kann —“
,Lhr könnt mir nit helfen. Ihr habt mir einmal ! sehr geholfen, ich bin noch in Eurer Schuld. Ich kann Euch noch immer bat Geld nit zurückgeben — habt Geduld! Ich —"
„Saoon is doch kein Red,“ unterbrach ihn der ; andere fast ärgerlich, „ich weiß, wann Ihr't könnt, | bezahlt Ihr mich auch — und damit is’t gut. Verliert kein Wort mehr darüber. Ich meinen, Ähr habt neuerdings wat, wat Euch drückt.“
„2)arin habt ihr wohl recht.“ Bremm nickte wie der wie vorhin feltfam versonnen vor sich hin. „Aber ich kann't Euch nit sagen.“ Er gab dem jungen Mann plötzlich die Hand: „Merci!“
Das kam so überraschend, eigentlich unvermittelt, Kaspar konnte sich das nicht erklären. Aber bann buchte er an Maria, und nun wußte er auf einmal, was den Vater so verstörte. Natürlich, Simon Bremm dachte an seine Tochter, und ber Schmerz um bie, sein gekränkter Stolz, bie brückten ihn nieder.
^r grämt Euch um Eure Maria,“ fagte ber junge Mann, unb mit festem Blick sah er dabei dem vergrämten Vater ms Gesicht. ,Lch halten noch immer an Eurer Maria fest — trotzdem. Des könnt ihr aewiß sein!“
Bremm sah ihn überrascht an. Aber es schien ihn doch etwas zu erheitern. Nun ließ er sich von der Versammlung erzählen. Er hörte anfänglich ohne innere Anteilnahme, bann doch aufmerksam und immer aufmerksamer werdend zu Es ging ja um des Winzerstandes Leben und Sterben. Zuletzt flieg Röte in fein fahles Gesicht, und er fuhr auf: „Bei Gott, da mußt man ja m tgehn. Dat nächste Mal bin ich auch dabei! Itenji mit der Versammlung allein dürft d nit getan sein unb mit der
Resolution wohl auch nit. Wenn nu keine Besserung erfolgt, uns keine Hilf kommt — ach, ich glauben noch nit an Hilf und an Besserung — wat bann?! Wat machen wir bann?!“
„Wenn die Weinsteuer n i t fallt, bann fallen wir,“ sprach sehr ernst der junge Winzer. „Dir sterben. Aber sie wird fallen. Dreimalhundert- tausend Winzer im deutschen Land, bic kann man doch nit einfach sterben lassen.“
22. Kapitel.
Dreizehn Loesenichs Kinder, die keine Mutter mehr hatten, fpieüen vor Bremms Haustür. Sie sanden sich täglich da ein, und bann reichte bic Bremm ben Eidgenossen von Hanni unb Chri- sttnchen ebensogut eine Schnitte Brot heraus wie ihren ftinbern; sie konnte es nicht übers Herz bringen, denen, die nur mehr in ihren Lumpen hingen, nichts zu geben. Da war ein Laib Brot sehr schnell alle. Aber was hals's, man mußte doch wenigstens zweimal die Woche einen Brotlaib laufen, wenn man sich auch weiß Gott dabei noch aenug durchhungerte Mit einer Kühnheit, die sie selber in Er< staunen setzte, hatte die Frau von dem Geld genommen, das sich Bremm vorn Verkauf des Fuders für die rückständigen Steuern hingeleyt hatte und für bic Zinsen ber kleinen Summe, btc er vergangenes Jahr von der Winzerkrebithilfe erhalten hatte. Das meiste von den dreihundertfünf- zig Mark, die der Verkauf feines letzten Fuders ihm eingebracht hatte, schluckte ber Weinberg
In bie beiden Mahnzettel gewickelt lag das Geld in dem Schränkchen, darin die Gebetbücher vermahn wurden, das Tintenfaß und das Buch, in das ihr Mann sich feine Notizen machte. Mit schüchternen Fingern hatte die Bremm das erstemal die Steuermahnzettel auseinpnbergewitfelt, sich scheu habet umgesehen: „Diebin, Diebin,“ schrie es in ihr, aber sie hatte doch genommen — nein, sie ließ ihre Kinder nicht hungern! Unb sie nahm immer wieder. Was ging es sie an, daß Bremm sprach: die Steuern müssen jetzt bezahlt werden, er wolle sich nicht pfänden lasten wie der Loesenich, dem saft kein Stück mehr gehörte — erst kommt ber Mensch, dann die Steuer! Die Bremm machte sich gar kein Gewissen mehr daraus, sie wickelte die Zettel nicht einmal mehr zu, nahm mit einer dreisten, gleichsam wilden Entschlossenheit. Nur chre Kinder nicht verhungern lassen! Weiteres dachte sie jetzt nicht wehe.
(Fortsetzung folgt.)


