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Nr 224 Drittes Blatt

Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefseii)

Samstag, 22. September 1928

Wandern und Keifen Bäder und Sommerfrischen.

Längs der Werra.

Don Dr. S. Drafe.

Die Werra bi!bet Thüringen- liniert Knie- ftü> wie die ©aale den rechten 3frr Oberlauf grenzt an den Kamm teS Thüringer Waldes von der Rhön ab und hat an den Schönheiten 1einer Hänge, in der gleichen Rordweftrichtung verlaufend, einen bedeutenden Teil Unweit de- emporaewachfenen Höhen'uftkurvrleS Mallerberg entlpringt diese echte Tochter des Thüringer Walde-, und der munter hüpfende Quell zeigt schon an. bah er ein vergnügter Fluh werden und bleiben will. Aus der etwa 200 Kilometer langen Werra st rede reiht denn auch der reiz­volle, landschaftliche Rahmen niemaL* ab. Als Derkefrrswege geleiten den Fluh die Bahn­linien Lichtens«!»- Sllenach. ckller.ach Ssch- Wege (DebrajRieterhoneGötltngen und (Rorlchaulen-) Witzenhaufen Münden (Kaf­fe!). ©eine Rordwcstrichtung bleibt bann auch der Weser, der gemeinsamen Fortsetzung mit der Fulda, ausgeprägt.

Da- erste Städtchen brauten im Tale, da- die Werra gcüht, ist 21-selb, der Geburtsort de- Thüringer Dichter- Otto Ludwig. Zwi­schen dem Thüringc, Wald und den vorge­lagerten Dleichbergen hält Hildburghausen, alte Klcinresldmz und neuzeitliche Schule der Technik, ganz im grünen die nächste Werrawacht. Dichter h ran rüden die Berge der Rhön, unten freuM sich die Werra bahn mit der Rord-Süd- firedc SrsurtWürzburg. Wenige Stunden west­lich liegen der verfallene ©tammsitz der einst halb Thüringen besitzenden Hennebcrger und daS Dors Bauerbach, wo Schiller .Fieslo" und .Kabale und Liebe" vollendete: dagegen büflert fest und wuchtend dichtauf Üntcrmah- selb, daS ZuchthiuS. Dann kommt daS grüne Meiningen in Sicht, landschaftlich beiden, dem Thüringer Wald und der Rhön zugehörig, terrassenförmig sich dem schmalen Wcrraschlauch entwindend. Die Stadt deS TheaterherzogS ist die größte und bedeutendste, die der Werralauf umspielt. Deiche Anlcgnt. ein fast großstädtisch anmutenber Boulevard, einige altschöne Häuser au« drr Henneberg:r-Zcit umreihen die historische Stätte der .Meininger", der Georg II. die schlichte, würdige Inschrift gab: .Dem Dolke zu feiner Freude und Gr Hebung."

Kurz nach Meiningen blidt Burg Lands- berg, der zierliche Belitz eines Amerikaners, auf Die Werra h:nab: einen gewaltigen Bogen ob dem Flusse schlügt al- Dorsprung des Thü­ringer Waldes der Dolmar, dessen Gipfel- Häuschen ein lüden loser, weiter Höhen kreis um­blaut. Auf der gleichen rechte» Seite wird da» aewerbesleihige We^astädtchen Wasungen, bekannt durch Gustav Fred tags .Bilder aus der deutschen Hergängen beit", von bei Burg .Mailuft" überragt Sine Seitenbahn führt bald von Wern-Hausen nach Schmalkalden, über Dessen liebliche Talkefsellage da- breitbrüstige Renaisfanceschloß Wilhelmsburg mit Ka­pelle, Pulverturm und h nneberaiscten Erinne­rungen auf frilber Höhe sich hebt. 3n der ResormationLh Ile des Rathaus - fügte sich der Schutzbund der lutherischen Fürsten, und in der spätgotischen Stab irche hat Luther selbst ge­predigt. Auch der Komponist der .Wacht am Ahein", Karl Wilhelm, ein geborener Schmal­kaldener. wird hier im Andenken geehrt Doch am rechten Rande de« Derratals zeigt sich Bad Lieben st eins ibc I? La idscha t (in die eine kurze Stichbahn blncinfübrt) gleich einer Dorschau der Eisenacher. Um sie schlägt der Werraslust einen grölen respe'wollen Bogen, nachdem er das Krankendad Salzungen be­rührt hat. dessen großer Teich wie ein Be­thesda anmutet.

Bei dem Landstädtchen Dacha. da- ein präch­tiges, alt rtümlich.s Rathaus besitzt, (ursprüng­lich das Besitztum WldemakerS. eines Hessengenercls au- b:m 33jäb'igcn Kricje) geht die Werra ins K iligebi:t und folgt bann eine luue ötrede d.r Bahn B.'br-rErfurt bis Her- leshaufen. Hier scheint sie durch die Ruine Brandenburg, die ihr gefi>enfttg den Weg vertritt, ganz au« dem Häuschen geraten und schlägt hastig einen Bozen nach dem andern.

Weiter pilgert sie nach Kreuzburg, grüßt andächtig die alte Liborius apeile und da» Schloß, tn b.'n die frJIig: El.lab.th wetlte. wenn es ihr auf der Wartburg zu unruhig wurde. Die krausesten Wtndunaen must der Fluß von hier au- machen, um sich durch Steilfelsen zu teechen. Der höchste von ihnen, der He! dra­ll e i n (500 Meter üb. M.> fchauk wie eine drei­fache Predigttanzel stolz diesem Spiele zu und droht hinüber nach der anderen Sette, wo über das Städtchen Treffurt die Raubruine de» Tlor- manst eines fich spähend neigt

Aus Thüringen wechf.lt die Werra über einen Streifen ProvinzsachsenS mS Höllische und wird hier zunehmend ein gern besuchter Tummelplatz de» Faltbootsportes. Hinter dem S ä tchcn E s ch- w e g e gelangt man unweit de» Hohen Meifr- n e r s, von dem hübsche Gründe zur Werra

blnabfübrer. zurt letzten schönen Burgenzwilling teS Flusses. Hinter A11 e n d o r f - S o o d e n, dem Dopte lort mit Auibab unb vollendeter Fach, werkarchitektur, schlägt die Werra unter der steilen Teufelskanzel eine Dvvpelfchlei e unb trägt aus jedem Arm liebreich ein Dörflern. Dann grüft von beiden Ufern eine ragende Burg, die dvppeltü-mige Raub eße Ha n st ein mit dem .Reidkvps" und restaurierten Rittersaal hüben, die Iugendbura Ludwigstein drüben Bald danach folgt noch Witzenhausen mit seiner Kolonialschule.

Nachdem die Werra beim Rieden Hedemündcn ihre letzte waldgesäumte SLcdfc rurficf gelegt bat, findet sie in Hannoversch-Münden, dem ersten verheihungsreichen Weferplatz, daS na­türliche Ziel.

Die irachienöunie Schwalm.

Bon Konrad Haumann.

Nachdruck verboten.

Die deutschen Dvlkstrachten find zum größten Teil verschwunden. Die ©toffarmut des Welt­krieges begünstigte da» ZerstörungSwcrk über­raschend schnell. Ilm so mehr verdienen jene we­nigen Landschaften m deutlchen Gauen unser be­sonderes Interesse, wo die alten, meist ebenso seltsamen als farbenfreudigen Trachten, der Reu- zeit zum Trotze au« Liebe und Stolz an felbft- bewusttem Dolkstum. getragen werden.

Gin solche« Gebiet ist die Schwalm. Wie vor mehr denn einem Jahrtausend d.e truhigen Hessen zu den Letzten zählten, die sich von ihren ®cr- rranrngöt'em bek.hren ließen. ebenso zäh häns.en die hessischen Schwalmbauem heute an ihren alten Trachten und Sitten. Etwa dreißig Bauern­dörfer sind es am Flüßchen Schwalm, der reichen und fruchtbaren Tallandschaft am Friste des Knüllgebirges. Insbesondere da» Gebiet zwischen den drei Schwälmer Kleinstädten Treysa, Ziegen- hain, Reukirchen. Treysa davon ist das reizvollste: ein färben fröhliches Spitzwegidyll.

Baumumkränzt im Grün der Wiesen und Fel­der und funkelnden Buchenwälder liegen die Lchvalmdörser. Der dekorative Schmuck ihrer braun-weißen Fachwerchöfe verleiht ihnen etwa- ungemein Freundliches und Malerisches. Farben­freudig gestimmt, wie es die bunten Trachten nicht ander- vermuten lassen, malte man die überdachten Tore und Fenster der fegenbergenden Scheunen kornblumenblau oder klatschmohnrot an, mit Hellen senkrechten Streisen dazwischen. Blu­men blühen an den Fenstern. Töpfe hängen über den Zäunen, weiße Däurinnenstrümpfe flattern dutzendweise im Winde. Alte Dorfkirchen stehen zwifchen den Höfen. Am geschwätzigen Dorfbache klappert überall die Wassermühle. Seltener ein­mal ein alter HauSspruch in- Fachwerkgebälk gekritzelt:

Treue, Glaube. Liebe und Recht

Diese vier haben sich schlafen gelegt Wann selbige wieder werden auserstehen Als bann wird die Welt untergeben.

(Riebelsdorf.)

Im übrigen sind es eben Bauerndörfer, wo der fchillemde Gockel auf der Dvrsstrahe spaziert.

Unb die Schwälmer! Die werken in HauS unb Hof, auf Dorfgassen und Aeckem. Bub und Dauer, alle gleich in ihrer altväterischen Tracht langer schwarzer Leinenkittel, Kniehose mit flatternden Bändchen am Knie, kurzem Jäckchen und flachem braunen Hut. Manchen bäurischen Eharakterkopf seht man in dieser Tracht. Unb die Schwälmerinnen? In fn lehrten Dausch» röcken werktags drei, Sonntags bi- zu acht unter denen fittegemäst daS weihe Hemd hand­breit vorgucken muß auch bei der Feldarbeit in weißen Strümpfen, die Mädchen mit feuer­rotem, die Frauen mit schwarzem 'Befrei über

dem Kauz m der Kopfmitte das ist die Schwälmerinnentracht So gehen sie, wandelnden Glocken ähnelnd, mit immer wippendem Gang über die Darfst raste, tragen am Ouecholz das Wasser von Der Hofpumpe ins Hau«, zotteln neben dem Ochfenkarren her, stehen ebenso stolz aus dem Dunghaufen, arbeiten tüchtig aus dem Feld. Anmutig, trenn die ebenso gekleideten Schulmädel in einer Freiheit vor der 'Dor.schule unter der Linde einen Reigen tarnen. Baufchrock neben Dauschrock. feuerrotesBefrei neben Befrei. Dreier Farbenschmuck der bunten Tracht fehlt freute anderSwo im deutschen Dorsi

Zu einem bet eigenartigsten deutschen Land­schaftserlebnisse gehört em Sonntag in Der Schwalm. Wenn die Dauern in ihrer färben» reichen Fest tracht zum Kirchgang schreiten. Die Frauen m ihrer grob mächtigen dunklen Abend» mahlShaube. die Bauern würdevoll in weißen Kniehosen, in Zweimaster ober Pelzmütze Wenn bann am Rachmittag die Schwalmmädchen durch Dörfer unb Fluren spazieren, groste und kleine, all« farbenprächtig geputzt, die Dauern brett- spurig auf den Borfftraben stehen ober in die Dorfschenkc gehen, dann sind die Schwalmdörfer ein Dorado volk-liedhafter Idyllen ...

Hoch geht es zu den Schwälmer Festen her, zu Hochzett ober Erntefest, zu Maienbaum oder Kirchweih. Zur berühmten Salattirmes, am zweiten Sonntag nach Pfingsten in Ziegenhain, findet sich die ganze Schwalm zusammen. Da gibt es Trachten zu sehen unb di« alten ge­ruhigen Schwälmer Tänze kommen zu gebühren­den Ehren.

Schwälmerinnentracht und heutige Model Beide kniekurz, aber was den Hm fang an betrifft, geht ein halbes Dufrcnb gertenschlanker moderner Dubenkopfmädel auf eine Schwälmerin. Don der Haartracht ganz abgesehen! In ihrer Heimat fühlen sich die Schwälmerinnen durchaus als Herrinnen der Situation. Derirrt sich da ein modisch gekleideter Stadtherr in feinen sports­mäßigen Knickerbocker-Pumpfrolen in so ein welt- entlegene- Schwalmdorf: Habs ge'efren, wie sich die Dirnen nach anfänglich verhaltenem Kichern bald auSschütteten vor Lachen!

Daß die Schwalm von jeher ein begehrtes Gebiet für Maler war, ist nicht verwunderlich. Im Schwalmdorf Willingshausen batte fich vor dem Kriege eine ganze Malerkolonre angefletelt. Meister wie Dantzer. KnauS. Hase. Thielemann. Lin- schufen frier ihre Meisterwerke aus dem Schwälmer DolkSleben. Sett 1914 ist die Glanz- zeit vorüber: gegenwärtig sind noch zwei oder drei Künstler frier. Obwohl eS an Motiven nicht fehlt 1

SS wäre zu wünschen, daß die Schwälmer ihre farbfrohe Tracht, aller Reuzeit -um Trotz, ihr zähes Deutschtum noch recht lange wahren mögen!

Abend in Homburg.

Don von tffrte.

Nachdruck verboten.

2Iuf die grünen Taunushöhen haben sich erste Schatten des Abends gek-nft. aus de., stillen Waldtäleri. bringt der Duft von Heu und Erde, dieser hotte Atem des Sommers, stärker nun und reiner herüber in das lebhafte Treiben de» Bade­ortes.

Au'atmend in der beginnenden Kühle, wandern die Kurgäste, das geleerte Drunnen.kaS noch in der Hand, durch d.e Alleen dieses einzig schönen Kurparkes. lauschen den berübert/eireb!cn Klängen ber Musik, sehen den ©vielen auf den Tennis- unb Golfplätzen zu unb fitzen mit dem mühen Wohlbefinden erwachender Genesung unter den alten, flüsternden Bäumen.

3n den blauen Wellen des Seedammbabe-, in diesem göltlich-lcichien, prickelnden Mineral­wasser doppelt reizvoll im ZreUuftbad - ver­ebbt langsam das rege Treiben. Einen frohen Sommemachmittag hat man frier verbracht In Wasser und Wiese, in Gönne und ©and. nun schnürt man das Bündel unb rüstet zum Aufbruch. Denn die gefellschafllichen Freuden des Abends rufen.

Auf der wetten, schönen Terrasse de» Park- hotels trifft man fich zum Diner. In die dis­kreten Geräusche eines eleganten Speisesaales: leichte Musik unb leises Lachen, lautlos ser­vierende Kellner und gedämpfte» Reden in allerlei Sprachen, mischt sich der erfrischende Hauch der Xaunu»berge unb das Rauschen des Parkes. Ss sitzt sich gut frier, man verweilt noch immer, als schon hinter dem orangefarbenen Licht der kleinen Tischlampen die Landschaft dunkel ve - dämmert und aus her erleuchteten Halle Ge­räusch de- Tanzes bringt.

Aber nun lockt die Sommernacht, Park lockt und Wald und Widerschein der G.eme im kleinen ©ce; und unter den beruhigenden Stimmen ber Wipfelt wandert man beglückt durch die blaue Rächt. In schattenden Tiefen springen die wundersamen Quellen, diese geheimni»vvll-le- gnabelen Wasser, die so vielen neue Kraft zum Leben unb zur Freude schenkten, und au» den Wäldern, in bk der Kurpark ohne Grenzen sich verliert, bringt lebenbig eines Rachtvogels Stimme

Leuchtenb hinter bunter Fontäne, liegt in Licht gebadet das Kurhaus. In den vornehm-schlichten Räumen bewegt sich eine elegante Gesellschaft beim ©Piel, beim Wein, beim Tanz. Die kristal­lenen Kronleuchter, die so viel Gümz b r Höfe gesehen frohen, strahlen festlich von den PlasondS: es tanzt sich gut unter Stuck unb Gemälden der Decken auf hem fürstlich eingelegten Parkett. ®ine verklungene Zeit, froh und distanziert, lebt noch irgendwie in diesen Räumen

Aber braufkn, über See unb Wald unb dunklen Wegen steht gefrimt das sommerliche Rachtgezelt es lockt, es ruft einen wieder, und tiefer In die holde Dämmerung de» Parkes füfrrt ber beseelte Duft von Laub und Gras. Im Glanze matten Dolde», umflossen von allen Zaubern und allen freindartig-religiösen Schauern seiner Heimat, schimmert aus deutschem Baum- dickicht bizarr genug der erotische Tempel, den der König von Siam, ber in Homburg Heilung suchte und fand, dankbar errichtete. Seltsam er­regender Kontrast: femefrer mondäne Tanzmus.k von erleuchteten Terraf'en. wesen-lremd bringend durch schlicht-vertrauten Hauch ländlicher Heimat und dazwischen ein drittes Reich dieser ferne Tempel, Sitz fremder Götter. Halle fremder Sehnsüchte.

Aus dem nächtlichen See fahren im rötlich- gelben Schein der Lampions die kleinen Boote, mit sanften RÜberschlägen kommen sie vorüber auf und ab tauchen unter bk Schleier ber hängenden Zweige, nähern sich mit Keinem Citfrle aus Uferschatten unb verbergender Insel, ein hold gleitender Tanz. Eine unerhört be­schwingte Ruhe bringt au» diesem Gleiten, ein sanft tönender Rhythmus, aller Sommer, reute voll. Und man steht und lauscht, beglückt unb zu tiefst verbunden, Meter klingenden Rächt.

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Wenn der Trubel der Haupt-Kurzeit verrauscht, wenn es still und ruhig ge­worden ist. dann ist so recht die Zeit gekommen für alie jene, eenen an Men­schengewühl. an rauschenden Festen, an lauten Vergnügungen nichts liegt.

Gehören S.e zu diesen, so kommen Sie im September. Oktober, NovemberI Eisenbahn und Schiffe verkehren. Bitte, fordern Sie unsere Kunchri ften.

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