Hr.113 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Montag, 14. Mai (928
Die Emission der ReparationS- Schuidverschrelbungen.
Don Dr. Otto Leibrock, Berlin.
vor turym hol der französische Ministerpräsident ein« Nede gehalten, in der er am Schlüsse auch auf Imii vawerplon zu sprechen tarn. Unter anderem führt« er au», bah bei einer der nächsten Dawe»- annuttaten e» möglich sei, zu prüfen, wann die in diesem Plan vorgesehenen Eisenbahn- und Jnbustrle-Obli gationen placiert werden konnten, verschiedene deutsche Kreise erklärten sich sofort damit einverstanden und versuchten die össent- ltche Meinung nach dieser Richtung zu beeinsiussen, ohne die damit verbundenen Nachteile heroorzu- kehren.
In diesem Nahmen soll deshalb die sinanzwirtschaft- llche Seile einer Betrachtung unterzogen werden. Dah sranzäsischerseits bas Augenmerk aus die hypo- thetarisch gesicherte deutsche Verpflichtung in Ge- «all der gegenüber den Neoarationsgläubigern bestehenden Obligationsschuld der Deutschen Reichsbahn gesellschasl und der deutschen Industrie gerichtet wird, ist nicht wrwunberlid), übrigen» auch nicht neu: ist doch im Laufe de» Jahres 1926 dieser Gedanke mehrmals in die französische Presse lanciert worden. Das französische Augenmerk ist dabei auf die Sanierung der Finanzen des Londes gerichtet: denn nur die Stabilisierung des Franken kann der französischen volkswirtschast bie alte Lebenskraft verleihen, da die Spekulation bei kommerziellen Geschäften dadurch Im Nahmen de» Möglichen auf ein Minimum beschrankt wird Die Verwirklichung de» Poincaröfchen Plane» deckt fich auch mit dem LondonerAbkommen. Danach sind für 11 Milliarden Goldmark Schuld- Verschreibungen der Industrie den in Betracht kommenden beiden Treuhändern übergeben worden. Der Zinsen- und Tilgungsdicnst dieser Schuldverschrei- düngen beträgt 5 plu» 1 v Sy, d. s. im Normaljahre 660 Millionen Doldmark für die Reichsbahn und 300 Millionen Goldmark für die Industrie. Für die Schuldentilgung wurde im Plan ein Zeitraum bis zum 31. Dezember 1964 in Aussicht genommen. Die Treuhänder sind berechtigt, die in ihren Händen be- findiichen Sck)uldverlchreibungen mit Genehmigung der Reparationskommifsion zu verkaufen oder zur Sicher st eilung neuer Wertpapiere zu benutzen.
Zunächst fei nun die Frag« aufgeworfen: wird di« Emission schon bald erfolgen? Die Frage kann man verneinen. Die Gründe hierfür find sowohl politischer als auch flnanzwirtschaftlicher <8rt. In politischer Beziehung sprechen hiergegen die überall stattfindenden Dahlen. Dor dem Frühjahr 1928. dem Amtsantritt deS zu Wählenden amerikanischen Präsidenten, ist sicher- ltch nicht damit zu rechnen, dah eine ernsthafte Erörterung über die Revision deS Desamtschulden- vrvblem« erfolgen wird. Hierzu kommt noch, daft es für die Durchführung einer so wichtigen Operation einer ruhigen und abgeklärten politischen Atmosphäre bedarf, die aber im laufenden Jahre mit seinen bei unS wie in Frankreich stattfindenden Parlaments- uni) Demeindewahlen nicht vorhanden ist.
Die finanzwirtschaftlichen Gesichtspunkte, die gegen die Emission sprechen, sind in der D e r - zins un g und In der Transferklausel zu suchen. Die DcrzinsungsbasiS von 5 Prozent wird dem durch hochverzinsliche Anleihen verwöhnten internationalen Kapitalmarkt nicht ge- nüaen trcHi des vorzüglichen RuseS der Reich»- bayn und der deutschen Industrie im Ausland. Andererseits werden die ReparationSgläubiger auch nicht den Derlust tragen wollen, der sich bei Emission unter dem nominal« ergibt.
Da« nun die im DaweSplon vorgesehene Tran-fcrklausel anlangt, die die Sicherung der Stabilität der deutschen Währung Aum Ziele hat, so wird das Bestreben der ausländischen Kapitalisten daraus gerichtet fein, den Zinsen- und TilgungLdienst in ausländischer Währung sicherzu stellen, m. a. W.. Garantien gegen eine plötzliche Einstellung deS Dienstes der Schuldverschreibungen im Hinblick auf die Schwierigkeiten zu verlangen, die sich aus den Transervorschriften ergeben.
Alles in allem genommen sehen wir also, daß das Projekt viele Wenn und Aber enthält.
Den Draht entlang.
vlick in ein moderne- Fernsprechamt.
Don Lil Picard.
Witten in einer Telephonverbindung überfiel es mich. — Ob es Reugier, Wissensdurst. Luft hinter bie Kulisse zu sehen oder Langeweile war. was mich dazu brachte, meinen gesprochenen Worten nachgehen zu wollen, weiß ich nicht. Tatsache ist, es packle mich ein unbezwinabaver Drang. meinen Telephonapparat zu untersuchen, den Draht zu sinden, der meine Worte weiter- befördert und diesem Draht nachzuspüren.
Der feine dünn« Metallfaden zieht sich bescheiden durch die Wand hinaus auf den Schachthof eines Berliner Gartenhauses. In einer z«ntim«terbrei:en Röhre klettert er die steile Hauswand hinab und verschwindet ganz unten im traurigen Lichthof in der Erde. Sein Weg geht unter den Afphaltstrasten Berlin» hinweg, und steigt mit anderen Drähten zusammen alS dickes Kabel im Umschalterraum des Teler Honamteau» ter De.senkung aus.
Der S.auosauger furrt dort im Umschalter- raum. — alles wird sauber und staubfrei gehalten. Sin Knistern, ein leises aber eindringliches Knattern und Ticken kommt auS dem Gewirr der Drähte. auS den Kästen der Relais. Sind es bie Millionen gesprochener Worte, die hier sich drängen? — An den Sisenleisten zwischen den Sicherungen und Kontakten stehen die Zahlen, ordentlich und sauber hingeschrieben und so habe auch ich meine eigene Rümmer wieder- aefunben, meinen lieben Draht, der hinauf - stlhrt zu dem „D i e l f a ch f e l d". zu einer Telephonistin. Und eine blonde oder brünette, lang- behaarte ober kurzgebob.re Telesonbeamtin wird immer wieder und zum millionstenmal das Lichtpünktchen von Bismarck 2328 aufleuchten sehen, wirb mich und meinen Draht bedienen und in das Mikrophon ihr leises stimmgeschultes ..Bismarck" sprechen.
Ruh el!l steht hinter mir an der weihen Tür auf einem Pappschild. Ich lese die Bestimmungen für die Beamtinnen. Stundenpläne Berechnungen, Bervrdnungen. — „Auswechselungszwang
bah es auherordentlich verwickelt ist. Für uns kommt es daraus an, wachsam zu fein und zu verlangen, dah kein« neu« Belastung erfolgt dah weiter vom Transferkomitee die wäh- rung-schützende Transserklaufel aufrechterhalten wird.
Es gibt allerdings auch bei uns Stimmen, die Slaubpaft zu machen versuchen, dah der Wegfall er Transferklausel bei der Smisfion der Obligationen uns nicht schaden könnte. Diese Rufer im Streit vergessen aber, dah die Transferierung bis jetzt nur durch geborgte hochverzinsliche Zahlungen möglich war. Deutschland muhte neue Schulden aufnehmen, um seine alten zu begleiche. Wir dürfen deshalb unter keinen Umständen die Beseitigung der Transferklausel zulassen.
Schliehlich darf bei der ganzen Regelung neben der Gefahr der Einengung deS ausländischen Kapitalmarktes für Deutschlands Kreditwünsche auch der Gesichtspunkt nicht vergessen werden, dah durch den Berkaus der Obligationen an Private der Entscheidung, ob Deutschland weiter in der Lag« ist, die ihm durch daS Dawes-Gut- achten aufgebürdeten Lasten zu tragen, in gewissem Sinn vorgegriffen wird. Durch eine derartige Regelung würden di« Reparations- Verpflichtungen ihren polittschen Eharakter ver- lieren und zu reinen Privatfchulden werden. Auf diesem Weg« begäb« sich Deutschland eines wichtigen Trumpses. der bei künftigen
weltpolitischen Derwicklungen evtl, eine ausschlaggebende Roll« spielen kann.
Warum sollen wir uns durch Sirenenklänge betören und auf den Dawesplan als feststehende Gröhe s e st l e g e n laffen? Es dürfte wohl keinen vernünftigen Menschen geben, der einen solchen Schritt billigen würde. Deden wir uns doch keinen Illusionen hin, dah unS irgendeine Gläubigernation zu Hilf« kommt. Achten wir vielmehr daraus, dah wir uns nicht wieder, wie schon einmal, zu Abenteuern in der Repara- tionssrage angeregt fühlen, die dann das deutsche Dolk und die deutsche Wirtschaft mit schweren Schäden bezahlen müssen. Bestehen wir angesichts der überall lauernden Gefahren fest auf unserem Recht und werden wir nicht müde, das unS im Art. 231 des Versailler Vertrages er- prehte Schuldbekenntnis als das hinzustellen. Waes wirklich ist. nämlich ein Geständnis auf der Folter. Rur so können die Schranken fallen.
Diejenigen Volksgenossen aber, die anderer Auffassung sind, mögen sich stets die Tribut- Rormalleistung vor Augen halten. 2.5 Milliarden Doldmark müssen jährlich auS der deutschen Volkswirtschaft an ba« Ausland abgeführt werden: daS sind in der Sekunde 80 Goldmark, in der Minute 480 Goidmark. in der Stunde 288 000 Doldmark. je Tag 6912 000 Goldmark, im Monat 207 360 000 Doldmark. Angesicht« dieser Ziffern kann eS nur die «ine Parole geben: Einig festhalten an unserem Recht!
Große Heiterkeit im Reichstag.
Don Walther Lambach, M. b. X
In nächster Zeit soll wieder jeder feine Stimme zu den neuen Reichstagswahlen abgeben. Wie fieht eS nun eigentlich im Reichstag auS und was haben die 500 Abgeordneten. di« unS vertreten, alles zu tun? Wohl die wenigsten find darüber genau unterrichtet. Der ReichStagSabgeord- ncte Walther Lambach führt uns in seinem Buche „Die Herrschaft der 500" (Hanseatische VerlagSanstalt. Hamburg 36) an Hand eines fingierten Abgeordneten Müller-Hinterwalden in feffelnder, humordurchsetzter Form in daS Leben und Treiben deS deutschen Parlamentarismus ein. Wir entnehmen dem Buche, dem noch fünfzig intcressante Momentaufnahmen auS dem Reichstag, feinen AuSfchüffen und feinem Restaurant beigegeben find, den folgenden netten Abschnitt.
2lls jenes Berliner Blatt mit Wohlbehagen daS bekannte Bildchen brachte, da- den lustigen AuSspruch des Abgeordneten Müller-Hinter- walden
..Ss ist wie mit dem abgehackten Hundefchwanz. dem man daS Leben stückweise auSbläst."
illustrieren sollte, vergab es. feinen Lesern mit- Anteilen, dah solche rednerischen Entgleisungen un Deutschen Reichstag gar nichts Seltenes find. Wie sollte eS auch ander- sein? An 200 Tagen im Jahre wird angesichts leerer Bänke und überfüllter Tribünen und angeficht- zweier emsiger Dleiftiste der ReichStagSsteno- graphen, und einem Dutzend noch viel schärfer gespitzter Bleistifte der Herren und Damen von der Presse von mittag» 2 Uhr bl» abends 7 Uhr ---„gerebe r. Dar nicht selten werden sogar Überstunden gemacht.
Reden ist Silber. Schweigen ist Gold! Wenn allerdings da- Reden, da- im Reichstag geschieht. wirklich Silber wäre, bann würden wir die Reparationsforderungen der Feinde bequem bezahlen können. 5733 Seiten hat di« Rationalversammlung in 180 Sitzungen geredet, 12 830 Veiten der erste Reichstag der Republik in 411 Sitzungen. Auf wieviele mag e» der nächste bringen?
Aber im Reichstag wird nicht etwa nur in den Stunden geredet, über die bie Zeitungen berichten. in ben Stunden „der Plenarsitzung", nein, in den anderen Stunden wird noch viel mehr geredet. Während der Plenarsitzungen
der Schuh« für bie Telephonistinnen" ist Gebot. Ich sehe die Beamtinnen, die an den Telephon- schränken arbeiten, an. Sie sitzen auf Drehstühlen, vor den hohen Tafeln der Schränke, bie von weitem gesehen, groben aufgerichteten Schreib- mafchinen gleichen. Mädchen neben Mädchen, Kops an Kopf, Blaukittel neben Blaukittel und hinter ihnen stehen Aufsichtsbeamtinnen, beobachten bie Arbeitenden. — Diese tragen weihe oder graue, absatzlose Schuhe, blaue oder sch varze Kittel, den Kopfhörer mit dem einen Hörer am Ohr, daS Mikrophon nahe am Mund. So fitzen sie vor chren Plätzen und voll Intensität horchen, sehen, suchen, tasten und sprechen sie gleichzeitig, entwirren da» verschieden arbige Reh der D.ähte vor der Tafel, brücken auf Taster, notieren gebührenpflichtige Gespräche, tun vielerlei mechanisch, genau, aufmerksam, diszipliniert, und Hunderte von Verbindungen werden so hergestellt. Sine auhergewöhnlich« Ruhe herrscht in dem großen vollbesetzten Raum. Kaum hört man ein summendes Geräusch. Unwillkürlich muh man an bie lauten Stimmen der telephonierenden Menschen denken, an das Dröhnen der Grohstadt Berlin, wo das Telepho-gespräch zu den wichtigsten Rotwendigkeiten geban. Hier ist es ruhig. Im Zentrum de» Betriebes, wohin Millionen menschliche Stimmen ihre geschäftlichen Gespräche, leidenschaftlichen Worte, Aerger, Fröhlichkeit, Kummer, Wut, Aufregung entsenden, — geht es unpersönlich mechanisch zu.
Jetzt, da ich hinter bie Kulissen des Telephons schauen darf, werde ich von Reugierde ersaht. Ich frage bie Lehrbeamtin, bie Sprechunterricht gibt Neuerungen im Ver ehr mit ben wenigen, neu eingeführten Handämrern erklärt unb sie gibt mir bereitwillig Auskunft.
„Der Beruf der Telephonistin ist infolge der ununterbrochenen stundenlangen Arbeit am gleichen Platz schwer und aufreibenb,“ erzählt mir die Beamtin. Man erlernt bi« Arbeit in vierzehn Tagen bis drei Wachem Rach einem Stundenplan ist die Arbeitsleistung festgelegt und schichtweise nach dem automatischen Glo-erreichen lösen sich die Beamtinnen ab. Jede packt bann ihren Kopfhörer mit dem Mikrophon in ein numeriertes Säckchen, legt die» in ein vor» bestimmtes Regal unb begibt sich entweder nach
rebet im groben Saal im allgemeinen doch nur einer, unb all bie anbern bürfen ihm höchstens zuhören. Aber vorher. deS morgen« von 10 bi« 1 Uhr tagen zwei Treppen hoch in all den vielen schönen unb grohen Sitzungszimmern bie Kommissionen, bie man jetzt „Ausschüsse" nennt Jeden Morgen ein Dutzend nebeneinander. Während dieser Stunden redet also andauernd in jedem dieser Ausschüsse mindestens einer, unb bort hören bie anderen auch wirklich zu.
Aber eS wirb noch mehr geredet im Reichstag. Denn die Abgeordneten des Deutschen Reichstags bilden ihre neun Fraktionen: Kommunisten, Sozialisten, Demokraten, Zentrümler, Wfrtschastspartciler. Bayern, Deutsche Dolks- parteller, Rationalsozialisten unb Deutschnationale. Alle diese Fraktionen halten täglich ihre Fraktionssitzungen ab, je nachdem, ob bie Herr- schasten Frühaufsteher oder Spätzubettgeher sind, morgen« um neun Uhr oder abends nach dem Plenum.
Wer wundert sich also, wenn er hört, dah im Reichstage rednerische Entgleisungen, wie bie mit bem stückweise zu Tode geblasenen Hundefchwanz, eigenllich an der Tagesordnung find? Oft merken es bi« Rebner fetoft, bah da plötzlich ein Satz dem Gehege ihrer Zähne entschlüpft ist, dem sie lieber den Austritt verwehrt hätten.
Das Gefühl glaubte Herr Müller auch bei dem demokratischen Abgeordneten Erkelenz zu bemerken, alS er in den letzten Tagen einer Sommersitzung zu einem Sozialversicherungsgesctz sprach. Erst sucht« er nach Worten, machte gedehnte Handbewegungen. bie Geburt beS Gesetzes war offenbar nicht leicht, unb bann kam cs herauS: „Meine Damen unb Herren! DaS Gesetz, baS wir jetzt machen, ber Schritt, den wir jetzt tun. ist nichts Besondere«. nichts Unerhörtes, ja. man kann sagen, bieser Schritt lag seit Jahren In ber Luft.
Wenn so etwa- gesagt wirb, bann merkt man boch. bah bie jcitung&efenben unb briesschrei- benben Zuhörer unten im Sitzungssaal wenigsten- mit einem Teil ihre- DehörS immer noch beim Rebner sinb, benn fröhliches Lächeln erscheint auf allen Gesichtern, jeder stellt sich ben Schritt vor. ber in ber Lust liegt, benkt an den kleinen Däumling mit ben Sieoenmeilenstiefeln. oder an Münchhausens Abenteuer, und bie stille Fröhlichkeit, bie sich bei biesern oder jenem temperamentvollen Zuhörer auch etwa» lauter äuhcrt, steigt zum Redner empor, auf dessen Antlltz fie
Haufe, oder zur Kantine im Ruheraum. Die Arbeitszeit beträgt für alle Beamtinnen mit Kopfhörer 48 Stunden in der Woche. Die 25 Minuten währenden EssenS- und 15 Minuten währenden Frühstückspausen können Telephonistinnen dem Amtes Bismarck-Olivia auf dem Dachgarten aus nütz en.
Gymnastikübungen werden dort oder im Ruhe- jaum ausgeführt. Kaffee, Tee usw. kann selbst gekocht ober au» ber Kantine bezogen werden. Unb wenn ba- Glockenzeichen nach kur er Zeit ertönt, gehen bie Frauen wieber zum öeitung»- schrank an ihren Platz auf ben Drehftuhl, unb jebe einzelne verbindet ihre 70 bi» 100 Teilnehmer, drückt auf bie Tasten, bedient bie Stöpsel unb horcht und spricht leite Worte „besetzt!", „Ich verbinde", ..Teilnehmer antwortet nicht" in daS Mikrophon.
Am Dielfachseld stecken weihe, gelbe, rote, grüne, karierte Fähnchen oder Knopfe. Diele Rummern haben so ihre besonderen Kennzeichen. Ich erkundige mich nach der Bedeutung der gelben Knöpfe, es waren eine Menge davon ba.
„ES sinb gesperrte Leitungen," verrät mir bie Beamtin. So kann man manche- vom Telephonschrank ablesen, vi« es hören, viele- durchschauen, selbst die Deldrerhältnis« der Berliner liegen am Dielsachseld „fest". Der rote Knopf zeigt die Rümmer der Feuerwehr, ber Grüne Die de» ^Ueberfalls" der grünen Polizei an. Die weihen Fahnen bedeuten veränderte Rummern ber Anschlüsse, die schwär en. abgebrochenen Leitungen und blauen Knöpfe sagen den Beamtinnen, dah der betreffende Teilnehmer au bestimmten Tagesstunden nicht angerufen werden will. Jede Farbe hat etwas andere- zu sagen und täglich ändert sich die Defteckung deS Felde«.
Roch einmal gehe ich durch bie Kantine, wo bie Beamtinnen lachend unb schwatzend an ben langen Tischen sitzen, überquere den blumenbepflanzten Dachgarten. Da üben gerade zehn blaubekittelte Mädel- (die meisten noch mit langem Haar, obwohl ber Bubikopf für ben Kopfhörer praktischer wäre) zu ihrer Entspannung langem Sitzen, Rumpf rollen und Deinelchwingen, unb über die Treppe hinunter komme ich zum
sich verklärt widerfpiegell — Wenn er ein einigermaßen gemütlicher Herr ist tok- der Abgeordnete Erkelenz.
Wenn er aber ein verbissener Fanatiker ist. wie ber kommunistische Abgeordnete HölIcin. bann kommt« anders. Herr Höllein verfügt über eine auherordentlich bilderreiche Sprache unb über eine Ausdauer Im Reden, vor der Freund unb Feind fluchtartig ben Sitzungssaal verlassen. Wie lange er reden kann hat unser Müller im ersten Reichstage der Republik zweimal erfahren: einmal zu seinem Leidwesen, und einmal zu seinem Erstaunen. Da» erste Mal stand da« Gesetz über bie Bewilligung von Reich-zuschüssen für ben Wiederaufbau der deutschen Handelsflotte zur Aussprache. Seine Fraktion hatte ihn mit einigen anderen Kollegen Au’ammen aut vpezialbearbeitung diese« Gesetze« bestimmt. Bei der ersten Lesung hatte ein anderer Abgeordneter der Fraktion gesprochen. Müller-Hinterwalden hatte bie Ausgabe, bei der zweiten Lesung mit wohlvorbereiteten Unterlagen für eine etwaig« Red« im Auftrage der Fraktion der Verhandlung zu folgen, fall« e« nötig sei, die Rednertribüne zu besteigen unb bie Meinung der „Reuen Fraktion" zum Ausdruck zu bringen, oder aber, ganz wie bie polittsche Aussprache lief, sich mit anderen Parteien dahin zu Der- ftänbigen. bah nur einer für alle ober überhaupt keiner rede Wie bie Abstimmung laufen würbe, stand ja schon fest.
Obgleich nämlich im Reichstage soviel ger'bet wirb, sinb doch die Fälle in der Mehrzahl, in d?nen nicht geredet wird, in denen die Parteien fich freiwillig einigen, das Reden Im Plenum zu unterlassen ober wenigstens erheblich einzu- schränken. Da solche Abmachungen meisten« erst im letzten Augenblick getroffen toerben, unb hier unb ba, trotzdem sie getroffen sind, nicht von allen llbgevrdneten gehalten werden, muh man auch bann seine Rede vorbereiten, um — gerüstet zu sein. Da« sind die Fälle, die bei besonder« redehungrigen Abgeordneten. bie mit wohlvorbereitetem Manuskript In der Brusttasche t>crumlaufen unb vielleicht schon nächtelang von ihrem in Aussicht stehenben parlamentarifchen Erfolg geträumt haben. Seelenstimmungen erzeugen, bie ein Spaßvogel mal in bie Worte gekleidet hat: »Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so helft, wie eine ungehaltene Rebe, von ber nicmanb nicht- weift."
Also Müller saft bamal» vorn in der ersten Bank unb hörte den Mehrheit-sozialiften zum Reederelabsindung-gesetz sprechen. — et hätte eS auch kürzer machen können, viel kürzer, bann hätte er sich Müller» Dank geholt. Rach ihm kam ber Unabhängige, der offenbar ein noch gröberer Gegner von stark konzentrierter geistiger Rahrung war al» sein mehrheitssozialistischer Kollege. Da jeder wuftte, wie bie Abstimmung au»fallen würde. — denn von den Mehrhert«- sozialisten bi« zu ben Deutschnationalen wollten alle Parteien für ba« Gesetz stimmen — leerte sich der Saal immer bedenklicher Müller« Frak- tionSkollegen hielten drauften Besprechungen ab, und nur ab unb zu kam jemand au ihm herein, der fragte: »WaS hat er gesagt? Hat ec un« so angegriffen, dah es nötig ist. zu antworten?" — Es war nicht nötig, zu antro orten, Schliehlich bekam al« Redner der Kommunisten Herr Höllein da« Wort. Genau wie sein unabhängiger Vorredner lieft er die bösen Deutschnationalen gänzlich ungeschoren unb verspritzte fein ganze« Gift gegen seine Genossen von der Mehrheit»- sozialistischen douleur, die diesem. In seinen Augen geradezu fürchterlichen Gesetz zuzustimmen versprochen hatten. Er war sehr gründlich, fing etwa bei den gesellschaftlichen und wirtschaft- lichen Zuständen auf dieser Erde zur Zeit der Geburt Kains und Abel- an. besaht« sich auch mit sehr interessanten Dergleichen zwischen dem Blutkreislauf und dem Rervenbau de« Menschen mit ähnlichen Dorgangen im Wirtschaftsleben, kam schlieftlich auf die moderne Gesetzgebung und entwickelte an ihr den Unterschied zwischen kapitalistischen, marxistischen unb kommunistischen Theorien. — man s a h kein Enbe. Immer leerer würbe der Saal AIS Müller sich um- blickte, muhte er feststellen, dah feine fä ntlichen Fraktionskollegen sich in weiter drauften liegende Stellungen zurückgezogen hatten unb sich offenbar auf feine interessante Tätigkeit al» Horch-
Hauptverteilerraum. vorbei an den für mich vcrwrrenben Drahtgebäube \ des Umschalter- raume».
Wieder erklärt mir mein Begleiter bie komplizierte Abwicklung be» 'Betriebe» unb zeigt mit zuletzt ba» Zahlershstem im Unlerge choft be« HauleS, wo jede Rumn er ihren selbsttätigen kleinen DesprächSzählapparat in 'Bett eb hat. Dre Beamtin führt da- Gespräch au-, tastet auf bie Zählertaste, unb hier unten an der Rielentafel au« win-igen automatischen Kästchen knattert «s. und ein Gespräch mehr ist angerechnet.
Ich aber gehe mit einem Gefühl des Respekte» vor dieser konzentrierten Energieleistung von maschineller und menschlicher Kraft htnau» auf die Helle Strafte. Menschen eilen, Auto« rasen unb in allen Häusern, in fast jeder Wohnung, jedem Bureau und jedem Geschäftsraum, überall wird telephoniert, telephoniert. telephoniert! Mit einem Gruft voll Achtung und eirer innerlichen Bcrbeugung schaue ich am Haus de« Telephonamtes in bie Höhe Mein eigener bescheidener Telephondraht aber, der bet un» zu Hause geduldig wartend an der Wand träumt, ist mir jetzt noch einige Grade liebenswerter geworden, al» zwei Stunden vorher.
Hochschulnachrichten.
Die seit 1. Aprll d. I. von den amtlichen Bet# Pflichtungen entbundenen ordentlichen Professoren in der Frankfurter tHil''ovhischen Fakultät Geh. RegierungSräte Dr. Ma ihias Friedwagner «Romanische Ph^.ogie) und Dt. Francis I. Cutt iS (Englische Philologie) sind vom Kultusminister beauftragt worden, im Sommerfemefter 1928 ihre bisherigen Amtsge- schäite weiterzuführen. — Der Privatdozent für Paläobotanik und Botanik an der Universität Frankfurt a. QU, Studienrat Dr Richard Kräusel, ist zum nichtbeamteten auherordent- lichen Professor ernannt worden: zugleich wurde er beauftragt, vom Sommerfemefter 1928 ab in der naturwissenschaftltchen Fakultät der dortigen Universität die Paläobotanik in Dorlesungen und Hebungen zu verrieten.


