Nr. 240 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, y. Oktober (928
Mare baltieum.
Die veränderte strategische Situation der Ostsee und ihrer Anliegerstaaten Don unserem militärischen Mitarbeiter.
Die Ostsee ist ein Lungenflügel der deutschen Republik. Sie ist ein Binnengewässer, an dessen Zugängen zum offenen Meere Schweden und Dänemark Posten stehen. Im Drosten Kriege waren diese Zugänge fast undurchlässig. Die Lage der nordischen Staaten war so. daß ein Bruch der Neutralität für sie lebensgefährlich gewesen wäre, sie blieben außerhalb des groben Kampfes und zogen Nutzen aus der damals noch ungebrochenen Machtstellung Deutschlands.
Heute ist ihre Lage anders. Deutschland ist machtpolitisch ausgeschaltet. Daher wirkt die Macht der grosten Militärmächte unmittelbar auf die Nordstaaten und macht zweifelhaft, ob sie auch bei zukünftigen Derwickelungen „auf dem Posten" sein werden. Dänemark wurde bekanntlich schon einmal „gekopenhaaent". Die englische Flotte hat wiederholt die Ostsee besucht und den Anliegerstaaten die Macht des englischen Imperiums vor Augen geführt. Diese Demonstration richtete sich in erster Linie an Sowjet-Rust land, das denn auch auf den Plan gerufen wurde. Mit großer Tatkraft hat es die zaristische Flotte wieder in Stand gesetzt und steht heute bei einem dienstbereiten Stand von zwei Grostkampfschifsen, einem Panzerkreuzer, ein bis zwei geschützten Kreuzern, etwa 20 grosten Zerstörern und einigen U-Booten mit vielen Längen vor den anderen Anliegerstaaten an der Spitze. Material und Personal steht auf der Höhe. In Kronstadt hat Sowjet-Rußland einen Flottenstützpunkt ersten Ranges. Zwiefach ist es gehemmt. Kronstadt ist viele Monate des Jahres durch die Macht des Winters geschlossen und damit auch die Flotte lahmgelegt, Unb die Sowjet- Republik besitzt keine leistungsfähige Werft, die das Kriegsschiffmaterial erneuern und ergänzen könnte.
Alle anderen Anliegerstaaten der Ostsee: Deutschland, Polen, Danzig, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Dänemark besitzen keine Flotten, die den Schiffsverkehr in Der Ostsee dauernd lahmlegen können; was nebenbei Rußland auch nicht auf die Dauer könnte, weil Kronstadt in dem äußersten Winkel dazu sehr ungünstig liegt. Keiner der Anliegerstaaten kann erst aber mit den vorhandenen Streitkräften die Freiheit der Ostsee gewährleisten, auch dann nicht, wenn keine der großen Seemächte eingreift.
Die allgemeinpolitische Lage im Osten ist kon- flicktschwanger. ilnfere Hoffnung geht dahin und muh dahin gehen, dah die Kunst der bentschen Staatsleitung es erreicht, die Republik aus dem Streit herauszuhalten. Wie schwer es für die kleinen Mächte ist, die Neutralität zu wahren, wenn um die Interessen der Großmächte gerungen wird, wissen wir aus dem letzten Kriege, wir wissen auch, daß es ohne Machtmittel nicht möglich ist. Wer Uebergrisfe des einen nicht zu hindern vermag, wird die Deute des andern. Gerade, weil die seepolitische Lage in der ' Ostsee so labil ist, bedürfen wir maritimer Streikräfte, um unsere Neutralität zu schützen und unsere Loyalität in unanfechtbarer Sauberkeit erhalten zu können.
Zurzeit wird die Frage, ob die deutsche Republik eine Flotte unterhalten soll oder nicht, wieder heftig umstritten. Der Streit um das Panzerschiff ist nichts als ein Ausdruck dafür, dah die Hauptfrage noch nicht entschieden ist. Das deutsche Dolk wird sich wahrscheinlich im Laufe des Winters darüber endgültig entschliehen müssen. Die seepolitische Lage in der Ostsee spielt bei der Entscheidung natürlich eine erhebliche, wenn auch nicht eine ausschlaggebende Rolle. Häufig hört man, dah die Erhaltung unserer Flotte unsinnig sei. da der Der- sailler Vertrag uns solche Fesseln anlege, daß alles, was wir bauen, doch nur Kanonenfutter - für die Flotten der Großmächte sei. Das ist ein gefährliches Argument: seine Anerken-
Grabhügel aus der Steinzeit.
In Nonnenroth, Kr. Gießen, ist eben die Feldbereinigung im Gange. Bei dieser Gelegenheit wird ein größtes Stück Wald an der Dillinger Grenze in Ackerland umgewandelt, und es stellte sich dabei heraus, dah hier drei ziemlich flache Hügel, jeder von über 10 Meter Durchmesser, nahe beieinander liegen, deren Untersuchung vor den Rodungsarbeiten notwendig war. Der Denkmalpfleger für Oberhessen. Professor Helmke aus Gießen, hat vor wenigen Tagen die Hügel durchforscht und in ihnen interessante Feststellungen machen können. Alle drei sind Grabhügel, unter deren Erdwölbung eine Leiche unverbrannt bestattet war: in jedem von ihnen fand sich aber auch eine größere oder kleinere Brandstelle, die dicht über dem gewachsenen Grund lag und ihn ziemlich tief nach unten durchgeglüht hatte: Asche, Holzkohlen und verbrannte Knochen fehlten, wohl aber kamen in allen dreien Tonscherben zutage, aus denen stch die Zeit, der die Gräber angehören, gut bestimmen läßt, namentlich auch deshalb, weil außer ihnen noch einige Bruchstücke von Stein- ^rkzeugen gefunden wurden. Wir haben in Den drei Hügeln die Gräber von Leuten aus der 'stein^eU zu sehen, aus einer Zeitstufe, wo die Akenschen noch kein Metall kannten. Man kann
Bestimmung sogar noch genauer treffen, denn dre Gräber sind von Leuten der sog. Band- keramik angelegt worden: sie gehören ungefähr in die Zelt um 3000 v. Ehr. In einem der Hügel waren die Spuren der Leiche, die in der Richtung Nord-Süd bestattet war. deutlich zu erkennen. Die Scherben rühren wohl von den Gefäßen her, die bei der Totenfeier benutzt und dann zerschlagen wurden: das Mahl fand an der Stelle statt, die durch die Brandstelle neben der Leiche bezeichnet ist: Bergwerksdirektor Schi ff mann aus Hungen und Rechner Herm. Pein aus Nieder Des fingen, deren Hilfe dem Denkmalpfleger sehr wertvoll war, sprachen geradezu von ganzen Scherbennestern.
Das Interessante an unseren Gräbern ist, abgesehen von ihrem hohen Alter, der Umstanb, daß sie schon mehr ins Gebirge hinein liegen, während sie sonst meist in der Ebene gefunden werden: denn die Bandkeramiker waren Acker-
nung erschlägt auch unsere Streitmacht zu Lande. Denn auch diese ist so gering, daß sie von den Heeren der Großmächte einfach erdrückt werden kann. Wer die Wehrmacht der deutschen Republik an den Heeren und Flotten der Großmächte mißt, verkennt unsere Lage. Wir stehen mit den kleinen Ländern auf einer Stufe. Im gewissen Sinne hängt unsere Existenz von dem guten Willen der Großen, man könnte auch sagen, von den zwischen ihnen obwaltenden Gegensätzen ab. Die kleinen Staaten tragen
sämtlich eine ihrer Lage ent sprechende Rüstung, um ihre Grenze so gut zu schützen wie möglich und sich nicht dem Dorwurf auszusehen, sie gestatteten böswillig dem einen Der Streiteirden den Zugriff auf ihr Land und ihre Hil.sttäfte. Die Wahrung der Neutralität auf dem Gebiet der Schifffahrt ist besonders schwierig und ist ohne eine der Lage des Landes angemessene Entwicklung der maritimen Streitkräfte nicht möglich.
Das Geheimnis der Schrift.
Von Nafael Schermann, Berlin.
Der Dersasser des nachstehenden Aufsatzes gilt als das größtePhänomen auf dem Gebiete der Psychographologie. Bedeutende Gelehrte, wie Prof. Fischer (Graz) haben sich jahrelang mit der außerordentlichen Persönlichkeit Schermanns eingehend beschäftigt, ohne irgendeine Erklärung für seine einzigartige unbestreitbare Begabung finden zu können.
Die Red.
Es fing so an, dah ich, ein zweijähriger Knirps, vor Daters Papierkorb kauerte, gedankenvoll die fortgeworfenen Briefumschläge betrachtend. Die seltsamen Figuren darauf — Buch- st a b e n, wie sie genannt wurden — zogen mich magisch an. und nichts dünkte mich verlockender, äls ihr Geheimnis zu ergründen.
Ihre Bedeutung lernte ich dann in der Schule kennen. Ihre Bedeutung? — ich war sehr enttäuscht. Daß sie a und b und c bedeuteten, war doch nicht alles, war das Wenigste! Aber niemand wollte mich verstehen.
Unter meinen Mitschülern gab es, wie anderswo auch, gute und schlimme. Alle schrieben mir ihr Derschen ins Stammbuch, auf die rechte Seite. Links aber notierte ich die Eigenschaften und Gewohnheiten des Schreibers: „nascht" ober „streitsüchtig" ober „unaufrichtig". So schärfte sich mir, inbes ich zu spielen meinte, der Blick für den Zusammenhang von Schrift und Mensch.
Schrift und Mensch — das ist bas Thema der Graphologie. Methode der Graphologie ist naturwissenschaftlich exaktes Analysieren, sie zerlegt die Schrift mit dem Skalpell des Anatomen und erarbeitet ihre Ergebnisse an Hand von Erfahrungen und mehr ober mürber wissenschaftlich begrünbbaren Theorien, unterstützt oft von Instinkt unb Kombinationsgabe. Inwieweit ich mich nun einen Graphologen nenne — burch einen Vergleich will ich es llarmachen.
Der Graphologe ist ein Maler: bie Landschaft, bie er malt, entsteht allmählich, Strich für Strich Kum Bilb sich runbenb, unter kluger Abwägung tebes Pinselzuges. Auch ich gebe eine Seelen- lanbschaft wieber, aber sie ist oft mit einem Schlag als Ganzes da, wie eine Photographie. Ich sehe eine Schrift, und was ich dann über den Urheber und sonstige Umstände etwa auszusagen weiß, ist nicht Resultat von lieber!egunaen, sondern steht wie körperlich vor mir, so daß ich bie geschauten 'Silber bloß zu beschreiben brauche. Aber nicht nur bas Verfahren, auch die Ergebnisse dieser Psychographologie sind andere, insofern, als deren Aktionsradus größer ist. Die Psychographologie...
Ich öffne mein Archiv und greife ein paar Fälle heraus.
Jemand ist unter Hinterlassung eines Abschieds briefes verschwunden: lebensüberbrüsftg wolle er in den Tod gehen. Ich werde befragt. Der Mann, sage ich, denkt gar nicht daran, sich das Leben zu nehmen. Er ist geflohen, um Die Früchte eines Raubes in Sicherheit zu bringen und zu genießen. Ich sehe die zufas sende Hand, bie den Griff in bie Kasse tut, in den Schlingen gewisser Buchstaben, ein i hat zwei Punkte, bie mir den lebenben Leichnam in seiner Doppelrolle signalisieren: gewaltiger Haby-
MrWiM-W 111IIIIBI ril II IT'IMISWIIIN TI . Illi
Schnurrbart: die Bewegung, mit der er ihn nervös und hastig aufzuzwirbeln pflegt, ist in die Schrift gedrungen:
Gewisse Merkmale, wie etwa das hochgewirbelte g, sind ja für jeden sichtlich: wie ich dazu komme, sie gerade so unb nicht anders zu deuten, vermag ich nicht zu sagen — jedenfalls erwiesen sich meine Angaben als zutreffend. In diesem Falle und in der großen Mehrzahl der anderen. Eine Handschrift enthüllt nicht allein den Charakter des Schreibers, sondern sie registriert wie ein Seismograph, ein Debenmesser, zugleich Vorgänge in seiner Psyche. Aeußere Geschehnisse, Handlungen, die einer vorgenommen hat, den Griff in die Kasse — erkenne ich dann wohl erst auf dem Umweg über die durch sie ausgelösten seelischen Erscheinungen, die sich ihrerseits in der Schrift ausprägen. Damit wäre das „Wunder", von dem meine freundlichen Kriti er zu sprechen nicht müde werden, auf ein faßliches Maß zurückgeführt. Uebrigens ist meine Leistung dem Irrtum unterworfen wie' alles Menschenwerk. Sorgfältig kontrollierte Versuchsreihen haben den Durchschnitt von acht Prozent „Versagern" ergeben. Nicht jede Schrift spricht gleich deutlich, weckt ein gleich starkes Echo in mir. Auch meine jeweilige Stimmung kann bei der subtilen Natur solcher psychischen Arbeit naturgemäß nicht ohne Einfluß bleiben.
Daß somit Schriftdeutung zur Aufklärung von Verbrechen dienen kann, liegt auf der Hand. Wichtiger noch ist ihre Verhütung; und gerade solche Fälle (zu denen auch geplante Selbstmorde zu rechnen wären) nehmen in meiner Sammlung breiten Raum ein. Wo es sich ferner um die Wahl des richtigen Ehe- und Geschäftspartners, um das bei vielen Eltern leider so mangelhafte Verstehen der Psyche ihrer Kinder handelte und die Anwendung geeigneter Erziehungs-Maximen, konnte psychologische Beratung oft genug praktischen Nutzen stiften. Darrn: Schrift und Krankheit. Das Thema ist nicht neu. Mediziner versuchen eine „Pathologie der Handschrift" zu statuieren, und als diagnostisches Hilfsmittel, besonders in der Psychiatrie, wird Vergleichung der Schrift des Patienten aus verschiedenen Stadien vielfach her- angezogen. Ich habe mehrfach vor einem Forum von Aerzten gestanden, die mir ihre Patienten vorstellten und verwundert bestätigten, daß ich nach Betrachtung von deren Schrift eine Krankengeschichte zu geben vermochte. Bei einer Sitzung mit Neurologen und Psychiatern in Neuhork zeigte man mir die Schrift eines angeblich gebrechlichen Greises, der geradezu ein Demonstrationsobjeit für sämtliche bekannten unb unbekannten Krankheiten sein mußte. Ein Blick auf die Schrift genügte mir zur Feststellung: kerngesund. Ich lieh mich nicht abbringen, und am Ende wurde der „arme Alte" hereingerufen: ein Prachtkerl von einem weißhaarigen Jüngling, der gestand, daß er mit seinen 72 Jahren noch täglich ausreite und niemals im Leben ernstlich krank gewesen sei.
bauer und liebten bei der Ansiedlung den fetten Lößboden der Wetterau. Noch wichtiger ist eine andere Feststellung: während man die Gräber im Ackerland gewöhnlich als sogenannte Flachgräber ohne Hügel darüber anteifit, haben wir hier schon in dieser frühen Zeitstufe wirkliche Grabhügel nachweisen können, deren erstes Erscheinen in unserer Gegend bisher in die Bronzezeit (von 2000 v. Ehr. an) gelegt wurde. Ein solcher Grabhügel aus dem Ende der Steinzeit, also nicht lange vor dem Jahre 2000, war nur von Dauern (auf der „Krombach") bekannt. Erschwert wurde bie Erkenntnis des Alters der Gräber anfangs durch bie Auffindung von Bronzeschmuck in dem zuerst untersuchten Hügel: es waren zwei Armringe und ein zerbrochener gedrehter Haken-Halsring. Dies sind Stücke der H a l l st a t k pe r i o de um 700 bis 600 v. Ehr.: sie stammen von einer Nachbestat- tung her. die in dieser späteren Zeit in den längst bestehenden alten Grabhügel der Bequemlichkeit halber hincingelegt wurde. — Zwar hat die Untersuchung dieser Gräber nicht viel an Museumsstücken gebracht, um so wertvoller aber sind die Erfolge, bie für bie wissenschaftliche Erkenntnis der Kultur jener Zeiten gewonnen worden sind. Hc.
pädagogischer Kongreß in Kassel.
Der deutsche Ausschuß für Erziehung und Unterricht hielt vom 4. bis 6. Oktober in Kassel feinen 5. pädagogischen Kong reh ab. Als Thema hatte man bie sehr aktuelle Frage der Erziehungs-Wissenschaft gewählt.
Im Blauen Saal der Stadthalle wurde bie Tagung eröffnet. Prächtige Liedergaben bilbeten bie Einleitung. Oberbürgermeister Dr. Stadler entbot bie Grüße ber Stabt unb versicherte, daß Kassel aus innerstem Antriebe an der Tagung Anteil nehme. Der Dertreter des Reichsinnenministers betonte die Zusammenarbeit seiner Behörde mit der freien und parteilosen Vereinigung, deren Verhandlungen man großen Wert beilege. Geh. Rat Prof. Dr. Kerschen st einer (München), der mit lebendiger Frische und Elastizität den Kongreß leitete, dankte mit humorvollen Worten.
Am zweiten Tag sprach als erster Prof. 'Dr. Ionas Cohn (Freiburg) über „Wesen und Wert
ber Erziehungswissenschaft". Erziehungswissenschaft ist kein Nebeneinander von Kenntnissen, die sich irgendwie auf Erziehung beziehen, sondern muß als Wissenschaft eine Ordnung von Tatsachen unter einem bestimmten Gesichtspunkt sein. Die Einheit für alle Erziehungstatsachen ist allein zu gewinnen durch eine Besinnung auf das Wesen der Erziehung. Das Wesen der Erziehung liegt in dem Vorgang, der sich zwischen Erzieher und Zögling abspielt, Erziehung ist also: „gewollte Einwirkung auf einen Zögling, den der Erzieher als sich gleichberechtigt anerfent".
Prof. M. Sitlinger (Münster) sprach anschließend über das gleiche Thema: Pädagogik ist keine beschreibende, keine normative, unb auch keine angetoanbte Wissenschaft, sondern kann rich- ttg nur gefaßt werden als gestaltende Wissenschaft, b. h. als Erkenntnis ber Prinzipien, wie Werte durch eine bestimmte Tätigkeit in ber Wirklichkeit ausgeprägt werben. Um die Kernfrage nach dem erzieherischen Akt gruppiert sich alles was zur Erziehungswissenschaft gehört, zu einer systematischen Einheit. Der Wert der Erziehungswissenschaft liegt in der Gewinnung und Abtrennung von sicheren unb unsicheren Lösungen.
In ber Diskussion wandte man sich gegen bie enge Begriffsbestimmung der Erziehung unb for- berte Einbeziehung ber erzieherischen Einflüsse von Gemeinschaften unb Umwelt, so bah auch das Merkmal der bewußten Einwirkung fallen müsse. Allgemein wurde Erziehungswissenschaft als Fach an der Universität gefordert.
Der zweite Derhandlungstag beschäftigte sich mit der Erziehungswissenschaft in der Ausbildung der Lehrer. Prof. D e u ch l e r (Hamburg) sprach über die Ausbildung ber Volksschullehrer. Aus- gehend von den heutigen Lösungen ber Lehrer- bildungsfrage stellte er fest, daß sie alle bie harmonische Bildung des Menschen zum Dienste an Dolk unb Menschheit eystreben. Damit ist man bei dem Bildungsbegriff des deutschen Idealismus, der keine Menschen mit Fertigkeiten, sondern selbsttätig toeiterarbeitenbe Wertträger veraus- setzt. Der künftige Lehrer muh baher zu eigenem systematischen Denken auf bem Gebiete der Erziehungswissenschaft, d. h. ber systematischen Besinnung über Menschenbilbung geleitet werden. Er betont den überragenden Wert ber praktischen
Häufig vernahm ich bas Notsignal nicht nur ber Seele, sondern auch des Körpers in ber Schrift, ehe bem Betroffenen sein Leiden noch bewußt geworden war, so bah ich ihn rechtzeitig zum Arzt schicken konnte.
Wenn in ben bisher berührten Fällen meine Kenntnis birett aus der vor mir liegenden Schrift genommen wurde, so gelingen doch auch Aussagen scheinbar ohne Zugrundelegung einer solchen. Scheinbar. In Wirklichkeit gibt, was ich sagen kann, stets die Schrift mir ein. Wo ich sie nicht sehe, stelle ich sie mir vor, nach dem Anblick des "Se treffen Den ober nach seiner Photographie. Denn nicht nur bildet die Schrift den Menschen ab, sondern auch ber Schluß vom Menschen au f seine Schr if t ist möglich.
Wir sitzen eines Nachts im Caf6 Ritz in Wien, ein paar Herren unb ich. Herein tritt ein Mann, ber mir sogleich auffällt. Dieser Mensch sage ich, wirb heute nacht hier schießen, wenn man ihn nicht hinbert. Etwas später kommt eine angeregte Gesellschaft, zwei Damen und zwei Herren, ins Lokal, die eine wirb mir vom Wirt als Frau jenes Mannes bezeichnet, mit ber er in Scheibung lebe. Wir beobachten, wie er darauf zur Garderobe eilt Ich sage: „jetzt geht er den Revolver holen. Höchste Zeit, einzugreifen." Der Wirt, einen Skandal befürchtend, komplimentiert die Gesellschaft hinaus. Als der Mann zurückkehrt, eine Hand in der Rocktasche verborgen und mit allen Zeichen erregter Spannung, findet er die Gesuchte nicht mehr. Ich erbitte mir durch den Wirt als „interessierter Graphologe" die Unterschrift des Gastes. Sie werden sehen, sage ich sie wird das Symbol eines Revolvers enthalten! Hier ist sie:
Anfangsbuchstabe des Namens
Die Umkehrung des Anfangsbuchstabens- zeigt die
Revotverform
Durch gütliches Zureden gelingt es mir, den zur Wahnsinnstat Entschlossenen, mit dem ich mich nunmehr bekannt mache, zu beruhigen und die Situation zu retten.
Solches Erraten einer Handschrift aus bem Bilde des Menschen nenne ich Rekonstruk- tion. Ich habe ungezählte Belegstücke dafür in meinem Archiv, bie einen mehr, bie anderen weniger gut getroffen, alle aber so, daß ber Grundcharakter der Handschrift deutlich wiedergegeben ist. Von einigen . dieser Namenszüge sagten die Betteffenden, dah sie sie leicht für ihre eigene Unterschrift halten würden.
Dergleichen Versuche, beileibe nicht als Kunststücke, sondern zu bem Zweck unternommen, zukünftigen Erklärem in die Hände zu arbeiten, führen bereits über die Grenze ber Pshchogra- phologie im engeren Sinne hinaus. Die Wissenschaft, beftrebt, ben Erscheinungen auf den Grund zu kommen, ist, immer aufs neue mit mir experimentierend, in dieser Richtung noch weiter gegangen, bis tief ins Gebiet der Telepathie hinein. All diese exakten und systematischen Bemühungen vermochten wohl eine Gesetzmäßigkeit — das Gesetz selbst, ben Mechanismils der psychologischen Leistung vermochten sie bisher nicht aufzuzeigen.
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----------T—WIIHITHITIII—■■! lll—l ■■HU LIII , I — Berufsausbildung, in die eine theoretisch-pädagogische eingebaut werden müsse. Dazu brauche man eine selbständig geformte Berufsschule mit hauptamtlichen Dozenten für Pädagogik.
3n ber Diskussion kamen Vertreter der päba- gogischen Akabemien unb der Universitätsbildung gum Wort. Fast allgemeine Ablehnung erfuhr die konfessionelle Lehrerbildung. Bei den Philologen war die Ansicht sehr geteilt, ob man die praktisch erziehungswissenschaftliche Ausbildung neben oder nach der wissenschaftlichen betreiben wolle. Einig war man in der Forderung eines stärkeren pädagogischen Studiums.
Wenn man auch die Tagung verließ mit dem Gefühl, daß in der Erziehungswissenschaft noch wenig abgeschlossen, das meiste noch zu tun ist. so schied doch jeder mit aufrichtigem Dank für die mannigfachen Anregungen, die er mit sich nehmen konnte. Dr. K. Br.
Ergebnisse
des römischen Tuberkuloseniages.
Während der Konferenz der Internationalen Un ion gegen Tuberku lose in Rom fand auch eine sehr interessante Aussprache über die Frage, ob es neben der bekannten sichtbaren Form des Tuberkelbazillus nicht auch unsichtbare Formen gebe, statt. Wie wichtig diese Frage ist, geht daraus hervor, daß die ganze Tuberkulose-Bekämpfung mit einem Male ganz anders geführt werden kann und zu weit günstigeren Ergebnissen kommen würde, wenn es tatsächlich gelingen sollte, die unsichtbaren Formen des Bazillus festzustellen. Auf der Konferenz in Rom ist nun die Ansicht sehr entschieden vertreten worden, daß ber Tuberkelbazillus ähnlich wie der Typhusbazillus in Eramikro- skopischen Umwandlungsformen auftritt. Das bedeutet aber für die medizinische Wissenschaft nach Ansicht der Fachgelehrten eine volllommene Reform der Grundlinien in der Tuberfulose-Bekämpfung. Es ist klar, daß diese von hervorragenden Fachgelehrten vorgebvachte Ansicht in der medizinischen Welt außerordentlich^ Aufsehen unb einen lebhaften Streit ber Meinungen hervorgerufen hat.


