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Nr. 109 Zweiter Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch, 9. Mal 1928

Der Sturm bricht los!

DerVegiunde-KrübiahrSfetdzugeüinLhina

Bon unterem H. ^.-Berichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten Tientsin, 21. April 1»26

Anm. d. Red Der folgende Artikel ift yor dem aktiven tiinarei'en der 3apanct geschrieben. Der Aussatz gibt aber ein guter Bild von den kriegerischenBorbeTei­lungen der Parteien zur sommerlichen KriegSsaison in China, die jetzt plötzlich eine so ernste Wendung genommen hat. tret! außenpolitische Äonflifte drohen Die ,jeit der grausamen Winterkällc ift vorbei, ohne den europäischen Vorfrühling. satt von heute aus morgen, ist es österlich warm K worden und wie in jedem Jahr stehen wir lunenb vor dem Wunder der chinesischen Na­tur. die es fertig bringt, aus der knochentrockenen, nackten, nordchinesischen Staub- und Lehmwüstc grüne Blätter und gar duftimarte Blüten her- oonubringen Sv sicher wie dieser Ftühlings- xaubei ift seit Jahren der Wiederbeginn des Kampfe- zwischen Nord und Süd noch der winterlichen Paule. Nach chinesischer Tradition mußte jetzt der Krieg um das strittige Gebiet zwischen dem Hocmgho und dem langte feflang Im besonderen und um die Vorherrschaft in China im allgemeinen in Dang kommen. Die Krieg-gewaltigen von Nord und Süd waren sich dieser .moralischen" Verpflichtung. den Kamps zu beginnen, auch durchaus bewußt und vegaNnen damit, in den ihnen ergebenen Blät­tern angsterregende Schilderungen von ihren mächtigen, nie dagewefenen Kriegsvorbe­reitungen zu geben. Geber schwur, den Feind in drei Monaten vollends vernichtet zu haben

Die Aussichten sür den Norden waren von Anfang an recht schlecht. Sein bestes Schlag­wort. Kamps gegen den Kommunismus wurde hinfällig, seitdem man in Kanton, Schanghai und anderen Städten de» Süden- das Unkraut des SowjetiSmuS gründlich auSjätete. Das Hin­richten nimmt der Chinese nicht tragischer alS der Knabe das Dittettövsen, und täglich kann man In den südlichen Berichten von systemati­scher blutiger Unterdrückung kommunistischer Ele­mente lesen Jetzt, da die rote Gefahr be­seitigt ist, will die nördliche Bevölkerung nicht recht einseben, wofür sic sich noch länger an Geld und Gut ausoressen lassen soll. Zwar hat Tschangtsolin schnell ein neueS Schlagwort aus­gestellt Straseffpedition gegen den Ver- rfltec Fengbuhsiang. gegen den Mordbrenner Tschiangkaische'. Aber das ist ein wirkungsloser Ersah 3m Herzen steht auch der Nord- chinefe der nationalen Äuoming- tanglbee sehr wohlwollend gegen­über. Nach außen hin arbeitet er zwar zu­gunsten dessen, der gerade die Macht hat. Nicht auS Charakterschwäche. sondern auS bet chine­sischen Mentalität heraus dem Chinesen, beson­ders bem Nordchinesen, liegt eS nicht, diese- ,3ch kann nicht ander-. Gott Helse mir. Amen!" China und gute chinesische Ideen siegen durch langsame, zunächst unsichtbare Assimilation. Dem überlebenden Machthaber sällt in China daS Heft schließlich von selbst au- der Hand, und daraus wartet der Ehinese eben.

England und Amerika glaubten wegen der antikommunistischen Säuberungsaktion des Sü­den-, daß der psychologische Moment für eine grundsätzliche Umstellung gekommen sei. Sie zeigten da- Bestreben, die Nationalregierung anzuerkennen, um mit ihr verhandeln zu können. Die Reden des englischen und de- amerikanischen Gesandten in Schanghai bereiteten diesen Schritt vor. und daS amerikanisch-französische Abkom­men über die Nankingaffäre war der erste prak­tische Au-fluß der neuen Politik. Man darf nicht etwa denken, baß England und Amerika mit fliegenden Fahnen zum Süden übergegangen sind. 3m Gegenteil, praktisch kann aus bietet Anerkennung eine neue Benachteiligung der Chinesen entspringen. Man will, da eine militärische europäisch-amerikanische Invention

Deutschlands Aadtohochschule - die erste der Welt.

Bahnbrechende Neuerungen im Rundfunk.

Don Dr. Siegfried Kurth.

Soeben ist an der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin eine Funkversuchsstette errichtet toorben; in bem Institut, dem ersten feiner Art in ber ganzen Welt, sollen die technischen und künstleri chen Möglichkeiten des Rundfunks Wissenschaft- sich erprobt werden.

Wer vor zwei IahrzcHnten behauptet hätte, daß die Mitglieder eines musikalischen Quar­tett# auch bann ein Konzert veranstalten könnten, wenn sie sich in verschiedenen Städten aufbaltcn. wäre als lächerlicher Phantast angesehen worden und doch ist es heute möglich. ein solches Wunder zu vollbringen und dem über mehrere Orte verstreuten Quartett sogar einen drahtlosen Dirigenten zu geben, ein sog. stummes Klavier. daS den Rhythmus angibt und dafür sorgt, daß jeder Musiker Takt hält. Man wird alte in nicht zu fernen Zeiten im Rundfunk Konzerte hören können, an denen Künstler teilnehmen, die sich gerade irgendwo aus einer Konzertreise befinden, und es ist noch nicht zu übersehen, welche bisher unbenutzten technischen und künstlerischen Mög­lichkeiten der Rundfunk außerdem zu bieten ver­mag. Die große Verbreitung, die das Radio in wenigen Jahren überall in ber Welt und auch in Deutschland gefunden hat. läßt o t vergessen, baß es sich um ein technisches Gebiet handelt, das erst in den Anfängen feiner Entwicklung steckt und in der kurzen Zeit feines Bestehens keines­wegs völlig erforscht werden konnte.

Es ist daher zu begrüßen, daß mit Unterstützung des preußischen Kultusministeriums im Rahmen der Staatlichen Akademischen Hoch'chule für Musik in Berlin ein neues Institut geschaffen worden ist, um die bisher wenig systematischen Arbeiten nunmehr auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und methodisch zu erforschen, wie ber überraschend schnell volkstümlich gewordene Rund­funk. um dessen Au-debnung in die breitesten Volksmassen niemand mehr besorgt zu sein braucht.

schwerlich in Frage kommt, eine diplomatische Mögllchteit haben, sich in China zu behaupten Rechte und Vorteile zurück- und neugewinnen und einen Einfluß aus die Entwicklung in China auf üben zu können Der Satz, ber den Chinesen te blendend in die Augen sticht ..Wir wollen daran denken, die ungleichen Verträge aufzu- löfen' . ift praktisch ausgehoben durch den Nach- laß. .Wenn bic Verhältnisse in China et ju lallen. Daß die chinesischen Verhält­nisse eS noch lange Zeit nicht zulafsen werden, davon ist jeder Engländer und Amerikaner überzeugt.

Fürs erste aber ist der FrühüngSseldzug in vollem Gange. Die Qffenfive hat ein Mann dcS ordens. Sun Chuan Fang, eröffnet Gast- freunb beS SchantungaeneralS Chang Tlchung Chang, vertriebener Machthaber von Schang­hai. In dreimonatigem Liegeszug wollte er Tschianakoische! vertreiben und feine verlorene Lchanghatprovinz. Kianglu. zurückerobern. In feinem kriegerischen Eifer vergaß er. daß zu feiner Rechten, b. h. Im Westen, ein gefähr­licher Feind lauerte, nämlich Fenghju- b 1 i a n g in der Provinz Honan. Er wagte sich ohne genügenden Flankenschutz zu weit in die Provinz Kiangfu hinein, und fckwn hat ihn der schlaue Zenghsuhsiang durch raschen Vormarsch nach Schantung hinein a b g e s ch n i 11 e n. 33 000 Mann der Lchantungarmee wurden gefangen ge­nommen. Sun Chuan Zang und fein Freund Chang Tschung Chang sind m vollem Rückzug und bemühen sich, ben Vormarsch ber Süd- und Fengarmee südlich von Tsi n ans u auf­zuhalten und auf der Höhe ber Stadt Taianfu inicht zu verwechseln mit der Schansihauptttadt Taiyuanfu, eine i. r'ungSvolle Verteidigungs­linie herzustellen. CS ist nicht viel anders als letztes Jahr um biete Zeit, man rechnet stark mit ber Möglichkeit eines südlichen Siege-, nur sieht man dieser Möglichkeit diesmal ruhiger ins Auge! Keine wilde Flucht der Ausländer auS Tientsin und Peking! Man weiß, daß der Süden nicht mehr den roten Terror bedeutet! Man nimmt auch an, daß der Süden aus der Nankingassäre gelernt hat, und Tschiangkaische! ersucht Japan und die anderen fremden Mächte auf« freundschaftlichste, von Truppenlandungen abzusehen, da er für Leben und Besitz jede- AusländerS cinstehe. Man landet aber zur Vorsicht doch Truppen, denn leider ist Tschiankaischek nicht der ganze Generalstab und die ganze Südarmee, und in dieser gibt eS noch viele harmlose Gemüter, die für ihre Leistung, den Au-reißenden nachlau en. durch Plünderung und allerlei grausige KriegSspäße entschädigt werden wollen. So hat die siegreiche Südarmee in Hsütschoufu bai. British-Amerttan Tobacco Company riesige Vorräte von Tabak fortgenom- men, die eine 5)äfite für die Fengarmee, die an­dere für die Tschiangkaischekarmee ... Man weiß aus Erfahrung, baß allesiegreich' vordringen­den chinesischen Truppen, mögen sie für den Süden ober für ben Norden kämpfen, nur zu gern plündern, rauben und morden wobei sie sich nicht immer auf die eigenen Landsleute beschränken, sondern, wie in Nan­king. sich auch mal an Ausländern vergreifen. Doch haben die Großmächte In diesem Jahre genügend Truppen im Lande und in greifbarer Nähe, um nichts befürchten zu brauchen. So be­gnügten sich die Pekinger Gesandtschasten. ihren LanbeSkindem zunächst mal bie Abreise aus ben zuerst bedrohten Städten Tsinanfu und Tsingtau anzuraten. Nur Japan schifft 6000 Mann Truppen aus Moji und Tsingtao. und 600 Japaner sind heute von Tientsin nach Tsi- nanfu geschickt, falls schnelle Hille notwendig sein sollte. Japan zeigt sich in letzter Zeit überhaupt sehr aktiv. Die schwach im Parlament begründete Regierung Tanaka scheint eine außenpolitische Ablenkung für innere Schwie­rigkeiten zu suchen. Die auffällige Öigenbtöbelel TschangtsolinS gab hierfür den besten Anlaß: Japan beseht bic südmandschurische Ei'enbabn und gleichzeitig die von Schantung. Eine Be­setzung. bic dem in letzter Zeit sehr lauen Freunde Japans, dem Marschall Tschangt­solin. einen guten Teil seiner strategischen Be­wegungsfreiheit nimmt.

qualitativ auSgestaltet und von den vielen Män­geln befreit werben kann, die ihm heute noch anhaften. Dor toeniaen Tagen ist diese Funk­versuchsstelle feierlich eröffnet worden, welche Bedeutung man ihren Arbeiten beimißt, geht schon daraus hervor, daß neben bem stellver­tretenden Direktor ber Hochschule für Musik. Professor Dr. Georg Schünemann, auch ber Runbsunkkommii'ar Staats ekretär a. D. Dre - bou>. Staatssekretär Feyerabend als Ver­treter des Postministeriums. Prolessor Dr. Wagner, der Lireltor des SchwingungiinstitutS an der Technischen Hochschule. Professor ßeit- Häuser, sowie Herren ber .Deutschen Wette" unb der . Funkstunde'' teilgenommen haben. In Vorträgen unb Vorführungen bekam man einen Einblick in das Gebiet, das die FunkversuchS- ftclle bearbeiten soll, unb nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt wirb voll Aufmerksam­keit verfolgen, was daS neue Institut leisten, unb zu welchen Fortschritten in ber Rundfunktechnik es anregen wirb.

Da sind zunächst technische Schwierig­keiten zu lösen. Richt alle Instrumente brin­gen Töne hervor, die daS Mikrophon willig weiterleitet, unb man wird nun beginnen, syste­matisch alle Arten von Geigen. Älamcren. Flöten. Trompeten. Pauken im Aufnahmeraum erschallen zu lallen, alle Tonlagen sorgfältig abzuhören, unter Umständen Instrumente zu oerbeftern ober gar neue Instrumente au schaffen, um auf biete Weise bie technische Grundlage für eine dem Runkriunk angemessene Musik zu bieten. Bevor man nicht weist, wie jedes 3nftrument einzeln bei ber drahtlosen ilcbertragung wirkt, kann man nur ungefähr abfchäyen. aber nicht mit wis enscha tllcher Genauigkeit angeben, wie ein gutes Rundfunkorchester zusammenge'etzt lein muß. Aus den Erfahrungen der Schallplatten- industrie weiß man, wie wichtig ein guter Auf­nahmeraum für bie musikalische Ilcbertragung ift, unb gerade in letzter Zeit find von den großen Schallplattenfabriken wichtige Veränderungen ihrer Vorführungsräume vorgenvmmen worden. Für ben Rundfunk ist dieses Problem noch wenig geflärt. unb es wirb zum Arbeitsgebiet ber neuen Funkversuchsstette gehören, in systematischen Versuchen Narzustetten. ob der Aufnahme- raum groß ober klein sein, mit Holzwänben ober Vorhängen oder mit anderem Material aus-

2- ist ja eigentlich ein Wunder, baß ber 1 Süden den Norden nicht schon längst über­rannt hat. Man stelle sich vor brci Sterb- Provinzen 2H a n db u r i n sHauptstadt Mukden, drin, öcngtieni. Tfchihli «Hauptstadt Peking bzw. Tientsin'. Schantung 'Hauptstadt Tfi- nanfu). Diese bret relativ armen Provinzen, gegen bic Unzahl ber reichen Südprvvinzen! DaS PluS der Nordpartei liegt erstens darin, daß sie bic international anerkannte RegierungShaupt- stadt Peking in ihrem Bereich hat, zweiten-, baß Japan starke Jntercffcn tn ihrem Gebiet bat unb biefeS gegen Angriffe deS Süben- fo oder te verteidig'., unb dritten- find alle drei Norbprovin^n wesentliche, an der Küste, schon im Weltgetriebe gelegene Länder, während zahlreiche mit dem Süden sympathi­sierende Provinzen schon durch ihre innerasiati­sche abgeschlossene Lage jeder wirkungsvollen Stostkraft entbehren. Viertens, und da- ist da- Gntldx.bcnbc. find bic nördlichen Gene­räle unbedingt einig untereinander, der Süden bietet dagegen ein Bild traurigster Uneinigkeit. Da ist die Kommunistische Partei noch nicht ganz au-gestorben, da ist bic mächtige Kuanghsipartei. die den Kantonputsch nieder­warf. da ist der unsichere Shansigouvcmeur, Ven Hsi Schan. da find der große F enghjuhsiang und der große Tfchiangkaischek. bie sich gegenteilig weder Ruhm noch Beute gönnen. Von ber Einigkeit dieser beiden Generäle hängt der Erfolg des südlichen Vorstoßes im wesent­lichen ab. Haben sie die Devise: erst vollständig niederwerfen, bann Macht und Beute verteilen, te können sie auch zum politischen Genuß ihres militärische i Erfolge- kommen. Im umgekehrten Fall kann der Umschwung zugunsten deS Sterten» beinahe so schnell eintreten wie im vorigen Jahr.

Anm. b. Red.: Inzwischen wissen wir. baß der Kampf zwifchen dem Norden und bem Süden zurückgetreten ist vor dem Zwist mit Japan, ber bie Möglichkeit eine- japanisch-chinesischen Krieges in sich birgt und der darüber hinaus zu einer allgemeinen Intervention ber fremden Mächte in China führen kann.

Oer Colmarer Prozeß.

Ter Eindruck her ersten Tage.

Don unserem * »-Korrespondenten.

Colmar, Mai 1928.

Wußte man im Ausland bisher, mit welchen Wildwestmethoden feit dem Waffenstillstand in Glsaß-Lothringen die französische Idee ^vertei­digt' wirb? Lic zahlreichen Zuhör-t auswär­tiger Blätter, die dem Colmarer Autono- mistenprozeß beiwohnen, haben einige Pro­ben derartiger Kampsesweise bereits vorgesetzt bekommen. GS wird ihnen jetzt schon vieles flarcr geworden fein, waS man bisher al- un­gereimt empfinden mußte. Man la- etwa von Hunderten von ErgebenhcitStelcgrammen. die von clfäfjischcn Bürgermeistern im Rainen ihrer Gemeinden an den Ministerpräsidenten Poincari: gesandt wurden, um ihn zur Unter­drückung der autonomistischen Presse zu beglück­wünschen. Man sagte sich: demnach kann bie verbotene Presse und die von ihr verfochtene Idee der Autonomie denn doch nicht sehr stark im Volke gewurzelt haben. Dann aber kam bic große Volksbefragung vom 22. und 29 April, die Wahlen zur französischen Kammer, unb eS wurden in großer Zahl Männer ge­wählt, die Frankreich ausdrücklich als feine Feinde bezeichnet hatte. _Es bläst ein Wind deS Wahnsinn- über das Elsaß." So will da- Straßburger ,Journal de l'Est" diese Wahl erklären. Ja, aber, woher bläst dieser Wind? Warum findet er so gar keinen Wider­stand in diesem Elsaß-Lothringcn. das da- gleiche Blatt immer als unerschütterlich fran­zösisch-patriotisch unb alS feindselig gegen jeden Autonomicgcdankcn gezeichnet hatte?

Wer ben ersten Tagen deS Colmarer Prozesses beigewohnt hat, wirb da schon sehr viel klarer sehen ES sind im Gerichtssaal Ereig­nisse zur Sprache gekommen, bie auf die be­

ratenen Berti 'iger de- fronzö Ischen Sebanfm# cuf dem diffizilen Boden de- elfaß-'.oTt>ringi* fchen GrenzlandeS ein bedenkliche- Vlcßt werden. 'Besonder- ein Zwischenfall am zweiten Ber- handlung-tag. der auch am dritten Tag nicht völlige Klärung gesunden hat, beutet au bie fanatische Ucbcrspanntheit gewisser französischer Kreise bin die vielleicht in der Tat nur eine kleine Minderheit sind, ober leider

beherrschen Ich meine den von der Verteidigung zur Sprache gebrachten Aufruf einer Vereinigung von Feldzugtcilnehmern, die im ganzen Lande Unterschritten sammeln wollen, um bic A n - n u 111 c r u n g der mit so starker Ueberlegcnheit gewählten Autonomisten Dr. Rlcklin und Pro­fessor Rossö zu fordern DaS in zahlreichen Orten des Lande- angeschlagene Plakat regt sogar an, biete .Beleidiger Frankreich-" an­dern DesängniS zu holen und zu züchtigen. Ist baÄ nicht ein Terrorisierung-versuch. gegen den die Behörden mit aller Macht ein schreiten müßten? Diese Behörden aber, wie alle leitenden Stellen im Lande mit Franzosen besetzt, sym - pathisicrcn offensichtlich mit dielen Radaumethoden. Uno so will man eine kritisch veranlagte Bevölkerung vom Glück ihrer neuen Lage überzeugen?

Aber schlimmer noch ist cs. daß mar ben un­heimlichen Eindruck nicht lo- wird, es müßten in diesem Recht-verfahren Dinge vorge.'ommen sein, die in einem modernen Staat-Wesen undenk­bar lein sollten. Stehen wir vor einem neuen französischen Iustizfkandal, der den Drey- fuß-Fall noch übertreffen würde? Der Dencral- staatSanw.tlt Fachot tut sehr selbstsicher. .Ich werde die Beweise für daS Komplott zu dem Zeitpunkt vorlegen, ben ich für richtig halte." Vergeblich beruft sich die Verteidigung ber ange- lliglcn .Hochverräter" auf ben genauen Buch­staben des Gesetze-, wonach sämtliches Doku­mentenmaterial von Anfang an vorlic- g c n unb in einem unabänderlichen Verzeichn is vermerkt fein muß. Merkwürdig auch, daß die Staatsanwaltschaft nicht in der Lage ist, einzelne wichtige Dokumente sofort auszusinden. Daren sic überhaupt jemals da? öiiftierten sic nur in der Phantasie der Ohrenbläser?. Ober bat Herr Mitton. ber Mülhauser Untersuchungs­richter. ben Sinn mancher Schriftstücke nicht er­faßt. da er kein Deutsch versteht und man ihm in mühsamer Arbeit da- gesamte .BcweiSmaterial" erst übersetzen mußte

Gegen französische Rechtsprechung besteht in Elfaß-Lothringen ein durchaus begründetes Mißtrauen In Dutzenden von Fällen ist Frankreichs Instizia nicht die unbestechltche Dame gewesen, wie sie eS fein sollte. Die vielen poli- tilchcn Prozesse zwischen ,Autonomisten" und guten Elsässern", bic in den drei vergangenen Jahren von französischen Richtern entschieden toorben find, waren von empörender Einfettig­keit. Uno gegen Herrn Fachot persönlich, den obersten Leiter deS elsaß-lothringischen Iustiz- wclenS, sind derart ehrenrührige Anschuldi­gungen (Millionen-Dcrschiebungen bei der Sc- qucfticnxng der oberelfättifchen Kaliwerke!) un­geklärt geblieben, daß man leider selbst von einem starken Mißtrauen gegen feine Person nicht frei werden rann.

Nachdem auch überzeugt autonomiftenfeinb* ließe Blätter im Lande dem vvrgcbrachten Ma­terial jede Beweiskraft absprechen und nur hof­fen, daß Herr Fachot die wirklich schlagenden Beweise vorerst noch zurückhält, besteht aller Grund, gegen diese ganxe Staatsaktion größte Skepsis zu bekunden Die Sache wäre freilich nicht mit einem Freispruch abgetan, nachdem sich die Verwaltungsstellen mit bem Kampf gegen die .Kanaillen" - wie der Präfekt des Obereifaß bie Heimatbündler zu nennen beliebte so stark identifiziert haben. Und auch auf die Pariser Regierung könnte eine Rückwirkung nicht ausbleiben. da Poincarö persönlich unb formell die Znflagen übernommen hatte.

Daß ber Prozeßin Schönheit sterben" wird, ist unmöglich. Entweder einwandfreier Bewei- desKomplott-" oder Aufdeckung eines unge­heuerlichen Korruptionsskandal-. Ein drittes kann nicht fein.

gestattet werden soll. Eelbstverständllch müs'en auch die verschiedenen Mikrophonsysteme geprüft unb ihre VerwcnbungSmöglichkcilen er­probt werden. Damit sind aber die technischen Arbeiten nicht erschöpft. ES gilt, Lautsprecher miteir.a ber zu verglichen, in allen Stärkegraden vorzuführen und überhaupt das Problem der Lautverstärkung wis cnschaflllch zu er­forschen.

Man hat die unangenehme Erfahrung machen müssen, daß wundervoll klingende Instrumente im Rundfunk überraschend schlecht klangen, und was für bic Instrumente gilt, trifft leider auch zuweilen bei Künstlern zu. Richt jeder gute Opernsänger ist für das Radio geeignet, und es muß daher fcftgeftcllt werden, welche An­forderungen an bie menschliche Stimme zu stellen sind, wenn sie nicht unmittelbar durch die Lust, sondern auf dem Umweg über den Rundfunk da- Ohr der Zuhörer erreicht. Dabei ist nicht nur zu untersuchen, welche Sänger für da- Ra­dio besonders geeignet sind, sondern man muß auch erforschen, ob die drahtlose ilcbertragung eine besondere VortragSkunst. eine andere Art des Singens nötig macht Denn man weiß ja, daß die Soubrette im kleinen Kabarett eine andere Vortragstechnik anwenden muß, als die große Sängerin auf der Opernbühnc. und cs leuchtet ein, daß das Radio auch In dieser Beziehung wieder seine eigenen Gesetze hat. Be­sondere Apparaturen werden in der Fun^ver- luchsstelle für die Prüfung der mensch­lichen Stimme verwendet werden, und man wird sich nicht darauf beschränken, Gesang-Vor­führungen zu untersuchen, f'mbern man beab­sichtigt. auch Rezitatoren vor den PrüfungSapva- raten erscheinen zu lassen und festzustellen, welche Eprachtechnik der Rundfunkredner anxuwcnden hat, um seinen Zuhörern einen möglichst großen Genuß zu verschaffen.

Wie die Hochschule für Musik versichert. Witt man sich aber nicht damit bescheiden, technische VcrbcNerungcn des Rundfunks anzuregen und vorzubereiten: auch die künstlerische Seite soll systematisch behandelt werden. Man tth.b sich noch entsinnen, daß vor einiger Zeit ein Preis­ausschreiben veranstaltet wurde, um Au­toren zu dem Versuch anzureizen, ein Rund­funkdrama zu schaffen. Zweifellos muß der Dichter, der nur das Ohr des Zuhörers be­

schäftigen. nicht aber auf dessen Auge wirken kann, andere dramatische Wege einschlaaen alS der Verfasser von Dühnenstückeit. Aehnlichcs gilt nun auch für die Rundfunkoper. Das ist selbstverständlich keine neue Erkenntnis, und, so gut cs eben ging, hat man auch bisher bei Opernvorsührangen. die eigens für den Rund­funk veranstaltet worden lind, darauf Rücksicht genommen. DaS ganze Gebiet ist aber noch wenig studiert worden, und die Funkversuchsstette wird dadurch, daß sie der Hochschule für Musik an- gegliebcrt ist. auch aus künstterischem Gebiet wertvolle Experimente anstellen können. GS wird auf diese Weise eine Drücke zwischen den Ver­tretern der Musikwissenschaft, den Komponisten, den ausübenden Künstlern und den erperimen- tierenden Technikern geschaffen, und man darf wohl hoffen, daß diese Zusammenarbeit zur Er­schließung neuer Möglichkeiten und zur künst­lerischen Vertiefung des gesamten Rundfunkwe­sens führen wird.

ES ist nicht zu leugnen, daß daS Radio durch feine ungeheure Verbreitung und durch den niedrigen Preis, den man für feine Be­nutzung zahlen muß. schon jetzt außerordentlich viel für die musikalische Durchbildung großer Volksschichten getan hat. Jeder ernste Musik­freund mußte aber bisher einwenden, daß den Vorführungen noch viel Dilettanttfches anhastet, und das war gerade bei der großen Ausdehnung deS Rvnd'unknetzeS zu bedauern. Die Funkver­suchsstette bedeutet einen ernsthaften Vorstoß gegen den Dilettantismus im Radio­wesen, und bie Gründung des neuen Institute- wird vielleicht dazu beitragen, daß der Rund­funk, den ernste Musiker zuerst für einen Feind wirfich wertvoller Kunst gehalten haben, nun* Ließt zum Ausgangspunkt neuer Kunstbe- strebungen wird. Riemand hat ja daran gezwei­felt. daß allmählich die Rutchfunkappavatur außerordentlich verbessert werden kann, daß eS allo möglich sein wird, mit ber Zeit manches störende Rebengeräusch zu beseitigen und den künstlerischen Genuß zu erhöhen. ES ist merkwüv- big genug, baß bisher kein Versuch gemacht wor­den ist, biete Arbeiten systematisch zusammeruw- fassen. Deutschlands neue- Institut wird zweifel­los in dieser Beziehung sehr anregend wirken und bald im Ausland nachgeahmt werden.