Einzelbild herunterladen

Nr. 74 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 9. Sebruar *928

Elektrische mit einem Anhänger.

Don Max Geisenheyner.

QIn einem regnerischen Morgen stieg ich in die Elektrische. Der Wagen war sehr voll. Ich mußte dicht am Trittbrett stehen bleiben. Der kalte Regen schlug mir ins Gesicht. Da ertönte eine tiefe Baßstimme hinter mit besehlshaberisch cum Ohr des SchaffnersBahnhof!" Ein Trompetenstoß. Er rief die Gedanken zur Attacke. Es war etwas in dieser Stimme, das darauf hin- deutete, ihr Besitzer werde weit wegfahren. Wenn man nur fünfzig Kilometer reisen will, ruft man nicht mit solchem Ausdruck in der StimmeDahn- hosl", so ärgerlich, so ungeduldig. Bei fünfzig Kilometern ist es gleichgültig, ob man hier oder dort ist. Es sei denn, man habe ein Liebchen fünfzig Kilometer weit. Aber dann hätte der Mann andersBahnhof" gesagt, leicht, elegant, hoffnungsfreudig, beschwingt hätte er gerufen: Ich möchte gern zum Bahnhof", oder so ähn­lich. Ach, der Glückliche. Er fuhr sicherlich nach dem Süden. Ich schloß mich ihm in Gedanken sofort an, hörte eine Lokomotive pfeifen, und guckte aus dem Fenster eines O-Zuges der Menschheit nach, die auf dem Bahnhof bleiben mußte. Die kümmerliche Elektrische war noch nicht einmal bis zur nächsten Haltestelle gekommen, da stand ich schon in Genua, grüßte die Palmen vor dem Bahnhofsplah, das Kolumbusdenkmal und den Mond, der es beschien. In sein sanftes Licht schob sich eine Sekunde später die strah­lendste Sonne, putzte die ganze Stadt hinweg und hob mich an Bord eines Segelbootes. Die Hand am Mastbaum stand ich da mit dem Blick ins offene Meer. Aber da bekam ich von hinten einen Stoß und wäre beinahe über Bord ge­fallen. Es ging jedoch gut ab. Ich wurde nur grausam aus die Elektrische zurückbefördert. Gott, die schaukelte schließlich auch tote ein Schiff und ich hielt mich an der großen Messingstange fest, die durch die Mitte des Hinterperrons geht. Sie gleich einem Mastbaum. Ich lächelte blöde vor mich hin und stellte fest, daß der Schaffner wie der Schiffer Beppo aussah, auf dessen Motorboot ich das letzte Mal bei hohem Wellen­gang die Seekrankheit bekommen hatte. Sollte ich dem Manne hinter mir die Adresse von Beppo mitgeben und ihm einen Gruß bestellen lassen?

Elements stables.

Frankreichs Forderungen zur Entmilitarisierung der Rheinlande.

In den französischen Parlamentsdebatten der jüngsten Zeit, nicht zuletzt in den Senatsdebatten der letzten Tage, aber auch sonst in der fran­zösischen Oeffentlichkeit ist immer wieder der Gedanke erörtert worden, daß Frankreich z u den bisherigen S i ch e r h e i t en , die es durch den Vertrag von Derfailles, den Pakt von Locarno und Deutschlands Eintritt in den Döl- kerbund erhalten hat, noch zusätzliche Sicherheitsbureauschasten bekommen müsse. Die baldige Räumung des besetzten Ge­bietes ist verschiedentlich geradezu von der Ge­stellung solcher neuen Garantien abhängig gemacht worden. Zum Hauptversechter dieser These hat sich namentlich der französische Abge­ordnete und Deligierte am Völkerbund, Paul- Boncour, gemacht. Dieser, der Vorkämpfer der uncnltocgten Vertreter der Sicherheitspolitik, fordert neben finanziellen Zugeständnissen Deutsch­lands die Einrichtung einer besonderen und Lauernden Kontrolle in der entmili­tarisierten rheinischen Zone unter Aufsicht des Völkerbundes. Eine solche Forderung ist für Deutschland untragbar. Ihre Befriedigung ist nicht nur mit der deut­schen Souveränität unvereinbar, sondern würde auch ohne Rot neue Reibungsflachen schaffen.

Der Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat dieser Tage im Reichstag mit Rachdruck die Auffassung z u r ü ck g e w i e s e n, als ob Deutsch­land bereit wäre, die Verkürzung der Rheinland­besatzung mit dauernden Maßnahmen zu erkaufen, die über den Vertrag von Versailles hinaus- gehen und die geeignet wären, art Stelle des Vertrauens von Volk zu Volk das Mißtrauen zu verewigen. Angesichts der französischen These erscheint es notwendig, die Rechtslage ganz flar zu beleuchten, damit die Hnhaltbarkeit der Ansprüche der Gegenseite offensichtlich wird. Der Versailler Vertrag hat in den Artikeln 42 bis 44 Bestimmungen über die Entmilitarisie­rung gewisser Gebiete im Westen des Reiches getroffen. Er untersagt es Deutschland in diesem Paragraphen,auf dem linken Ufer des Rheines und auch dem rechten Ufer westlich einer 50 Kilo­meter östlich des Flusses verlaufenden Linie Be­festigungen bei-ubehalten oder anzulegen, Streitkräfte ständig oder zeitweise zu unter­halten oder anzusammeln oder militärische Hebungen abzuhaltcn und materielle Vor­kehrungen für eine Mobilmachung zu treffen. Grundsätzlich bedeuten die Artikel 42 und 43 nichts anderes als Verschärfungen der für daS ganze deutsche Reichsgebiet geltenden Ent­waffnungsbestimmungen. Die Verbote sind zeitlich nicht begrenzt, sondern gelten, s 0 - lange der Versailler Vertrag in Kraft bleibt. Sie sind aber begrifflich genau umgrenzt, also einschränkend auszulegen: d. h. über das in den Artikeln 42 und 43 um­schriebene Maß hinaus darf die deutsche Militär- Hoheit im entmilitarisierten Gebiet nicht ein­geschränkt werden. Ieder etwaige Verstoß Deutsch­lands gegen diese Bestimmungen gilt als eine feindselige Handlung" gegen die Signatarmächte des Vertrages und als Versuch einer_ Störung des Weltfriedens, und daher als völkerrecht­liches Delikt, das entsprechend zu ahnden ist. Daß dieser Zustand an sich schon erhebliche poli­tische Gefahren in sich birgt, liegt auf der Hand. Die Entmilitarisierung ist uns zwangs­weise auferlegt und absolut einseitig, d. h. sie umfaßt nicht eine entsprechende Zone französischen oder belgischen Gebiets.

Mit diesen Vertragsbestimmungen hat sich Frankreich bereits ein Höchstmaß von Siche­rungen gegen die angebliche deutsche Gefahr ge­schaffen. Es ist aber damit nicht zufrieden, sondern hat fortgesetzt seit 1919 versucht, neue Sicherun­gen zu erhalten. In das glücklicherweise ge­fallene Genfer Protokoll vom Oktober 1924 versuchte es eine Bestimmung hineinzubrin­gen (Art. 9), die auf eine vorübergehende Kon­trolle des Völkerbundsrates in ent­

militarisierten Zonen hinauSlief und die ergänzt werden sollte durch die Klausel, daß die Ver­letzung dieser Zone der Kriegseröf nung g!eich- zustellen sei (Art. 10). In neuerer Zeit geht nun eine französische These noch weiter, sie zielt nämlich auf die Einrichtung ständiger Untersuchungsorgane in der entmilitari­sierten Zone (die sog. Elements stables). Man beruft sich zur Rechtfertigung dieses Vor­gehens auf Artikel 213 des Venailler Vertrages, aber dieser Artikel gibt dem Völkerbundsrat nicht das Recht, eine feste und dauernde Kon­trolle im entmilitarisierten Gebiet einzurichten,

er bestimmt nur, daß Deutschland jede Unter­suchung (in bezug auf den Stand seiner Entwaff­nung) zu dulden habe, die der Völkerbunds- rat mit Mehrheitsbeschluß für notwendig erachtet. Der Versuch Frankreichs, diestän­digen Elemente" in das Jnvestigationsprotokoll des Völkerbundes vom 27. September 1924 ein­zuschmuggeln, ist durch die authentische Aus­legung des Völkerbundsrates vom 11. Dezember 1926 unter deutscher Mitwirkung vereitelt worden. Trotzdem wird von bestimmter franzö­sischer Seite die alte Forderung immer wieder erhoben.

Der Mderaiisda« der.niernalionaleii Währing.

Don Prof. Or. Hermann Levy, Berlin.

Zu den befchwerendsten Vermächtnissen deö Weltkrieges und der Rachkriegszeit gehört un­zweifelhaft die Zerrüttung der inter­nationalen Valuten. Ein zerstörtes, durch Inflation der Goldbafis entfremdetes Wäh- rungsshstem ist nicht nur, wie wir es am deut­lichsten erfahren haben, ein heimlicher Schaden für das Land selbst welches jene Währung duldet, selbst wenn vorübergehend eine Schein­prosperität erzeugt wird, sondern die inflatierte Valuta eines Landes beeinflußt auch unmittelbar die Weltwirtschaft in ungünstigster Weise. Einmal wird durch sie eine starke Unsicherheit im Handelsverkehr geschaffen da eine weitere Verschlechterung einer einmal entwurzelten Wäh­rung jederzeit zu erwarten ist: die Folge hiervon ist einmal Abschreckung solider auf Sicherheit basierter Geschästsbeziehungen von Land zu Land, zweitens das Emporfchiehen stark speku­lativer Geschäfte, welche auf ihre Weise die Unsicherheit und die mit ihr verbundenen Schwankungen gewinnbringend auszunuhen stre­ben. Beide Folgen sind Volks- wie weltwirtschaft­lich in jedem Falle beklagenswert. Dazu kommt als zweites: daß die geschwächte Valuta wie eine Ausfuhrprämie aus die Industrie des be- treffenben Landes wirkt, ein Valutadum­ping an Waren erzeugt, was wiederum zu einer ungesunden Weltmarktskonkurrenz führt, gegen die sich mit Recht die Einfuhrländer durch erhöhte Zölle zu schützen suchen. Alles in allem sind also die Hebel der zerrütteten Valuta nach den verschiedenen Richtungen hin von einschnei­dender Bedeutung, und sie tragen eine wesentliche Mitschuld an der weltwirtschaftlichen Desorgani­sation als solcher.

Daß wir in den letzten zwei Iahren, besonders aber im Iahre 1927 auf den verschiedenen Ge­bieten der internationalen Währung eineBesse- tung konstatieren können, ist eine Tatsache, die zu den leider wenigen, wirllich hoffnungs­vollen Entwicklungen der gegenwärtigen Wirt­schaftslage der Welt gehört. Wenn man den heutigen Stand der Weltvaluten überblickt, so wird man drei verschiedene Möglichkeiten be­merken: einmal Währungen, welche tatsächlich der Friedensgoldparität entsprechen, sei es, daß sie in der glücklichen Lage waren, diese seit 1914 nicht verlassen zu müssen, sei es, daß sie nach vielerlei Hinwegen zu derselben zurück- gekehrt sind: das ist der Fall vor allem bei der Devise London, Reuhork, Berlin, Stockholm, Amsterdam, Kanada, Kopenhagen, Oslo, Schweiz: eine zweite Gruppe bietet der Anblick einer zwar immer noch tnflotterten Valuta tm Ver­gleich zu der Parität, aber immerhin einer Valuta, welche durch bestimmte Maßnahmen in ein festes Verhältnis zur Gold­basis gerückt, also stabilisiert ist, endlich die dritte Möglichkeit: die Inflation be­steht fort, entweder weil sich die Stabilisie­rung verzögert ober noch gar nicht in Angriff genommen worden ist. Zu diesem sind vor allem Länder zu rechnen, deren Papierwährung sich so weit von der Goldbasis entfernt hat, daß eine Stabilisierung entweder nur durch eine ganz ein­schneidende Aktion oder, erst bann möglich er­scheint, wenn toieber eine wesentliche Besserung der Valuta eingetreten sein follte. Wir denken hierbei an die Dalkanstaaten ober Portugal.

Aber selbst wenn man biefe Währungen im Ablauf des letzten Iahres übersieht, so fällt keine Erschütterung auf. die etwa der Heftigkeit des Abgleitens von Valuten unmittelbar nach dem Kriege (zwilchen 1919 und 1923) zu ver­gleichen wäre. Die stärksten Schwankungen hat vielleicht die rumäni che Währung durchgemacht, deren Parität 25,22'/z Lei pro englisches Pfund ist, während der niedrigste Kurs im Iahre 1927 695, der höchste 940 betrug, eine Differenz aber, welche man, wie man sieht, angesichts des schon so stark entwerteten Lei nicht mehr als völlige Redoute bezeichnen darf, wie es früher häufig genug konstatiert werden konnte. Alnb auch solche Fälle sind heute die Ausnahme. Im allgemeinen zeigt ein Heberblick über Maximum und Mini­mum der Valutaschwankungen der einzelnen Länder im Iahre 1927 eine auffallende Ste­tigkeit.

Schon diese Tatsache ist. ganz gleich, wie nun die Beziehungen der einzelnen Länder zur Gold- basis sind, ein großer weltwirtschaftlicher Vor­teil, weil er wie oben angedeutet einen Sicherheitsfaktor für die internationale Geschäfts­abwicklung enthält. Zurückzuführen aber ist diese Erscheinung vor allem darauf, daß die Zahl dec Staaten, welche sich entschlossen haben, ihre inflatierte Währung in ein wenigstens festes Verhältnis zur Goldparität zu bringen, im Wachsen ist. Vor allem ist das Vorgehen Ita­liens hier zu nennen, dessen Regierung schon seit August 1926 ein Deslationsprogramm in Erwägung zog, den Lirakurs einer zielbewußten Beeinflussung unterwarf, um bann durch ein Dekret vom 22. Dezember 1927 den Lirakurs nach dem Verhältnis 100 Goldlira gleich 366 Papierelira zu stabilisieren. In Frankreich hat eine solche Stabilisierung nicht stattgefunden: dennoch ist der Frankenkurs im Laufe des Lahres wenig verändert gewesen. Frankreich ist zwar heute das einzige wirtschaftlich in Frontreihe marschierende Land, welches feine Valuta nicht stabilisiert hat, aber die Kontrolle der Danque de France kommtde facto einer Stabilisie­rung gleich.

Demgegenüber finden wir wichtige Fortschritte der Stabilisierung in den folgenden Ländern: tn Indien, dessen Aufnahmefähigkeit für die europäische Industrie eine so bedeutsame Rolle spielt, ist in den ersten Monaten des Iahres 1927 die Rupie auf die ursprüngliche Goldparität von 1 sh 6 d gebracht worden. In einzelnen Monaten deS Iahres sank der Kurs sogar unter Goldparität. Der schon tm Iahre 1926 stabili­sierte Milreis Brasiliens konnte seinen Stand im Iahre 1927 aufrechterhalten. Auch Argen­tinien ist im Iahre 1927 zum Goldstandard zurückgekehrt. Leider hat I a p a n im Iahre 1927 auf Grund besonderer Ereignisse in der Bank­welt die geplante Rückkehr zu demselben, nicht durchführen können, aber sie erscheint nur auf­geschoben. Auch die Stabilisierung der Tschechenkrone und des österreichischen Schillings haben zur Folge gehabt, daß die Währung beider Länder im Iahre 1927 nur in geringem Ausmaß Schwankungen unterworfen war, wahrend der polnische Sloty mit Hilfe einer amerikanischen Anleihe im Oktober auf der Basis 43,46 pro Pfund Sterling stabili­siert wurde.

Ich wollte mich nidjt umdrehen. Ich kann Men­schen nicht leiden, die zum Bahnhof fahren. Oder ob ich ihm doch Beppos Adresse sage, damit er ihn auch auf die hohe See im Motor­boot hinausfahre? Quietsch da hielt die Elektrische. Ein Mann mit einem nassen Regen­schirm stieg ein und stieß mich mit der Spitze gerade zwischen die Augen. Er wollte zu dem Mann hinter mir, wollte ihm offenbar Adieu sagen. Schon ries er:Wie geht's? Wohin?" Bahnhof. Schw iegermutter ab - holen!" schallte es zurück.

In diesem Augenblick hörte der Regen auf und sogar die Sonne lachte am Himmel.

Von der achtenAbendstunde an ist stets ein ganz klein wenig Abenteurerlust in bet Straßen­bahn. Man fährt nach Hause und sieht es vielen an, daß sie am liebsten gar nicht nach Hause fahren möchten. Sie möchten noch irgend etwas erleben, ein Gefühlchen finden, einen Blick Ha­schen, ein Glas Bier, eine Zigarre, einen Spazier­gang. Aber die Elektrische rollt und klirrt er­barmungslos den graben Schienenweg unaufhalt­sam entlang. Der Abend wird sein wie hundert Abende vor ihm. Essen, Bett und Schlaf. Wenn man wenigstens zur Stadt hinein führe, ein wenig geputzt, ein wenig festlich, zum Theater oder zum Konzert. Die kleinen Mädchen, die aus den Bureaus kommen, gucken in die Lust. Man möchte dem Schaffner statt der Fahrscheine ein paar Thea.erbilletts zum Verteilen geben oder ein paar Liebesbriefchen mit Verabredungen zum Rendezvous. Kleine Hebertaschungen fürs Ge­müt, von irgendeinem an irgendwen. Da wurde zum Beispiel eine sorgenvolle Mutter ein Billett bekommen, auf dem steht, daß sie zu Hause einen schönen Blumenstrauß und ein halbes Pfund ge­kochten -Schinken vorfände. Ein Familienvater bekäme ein Freibillett auf eine Kiste Zigarren, ein junges Mädchen eine Auswahl von Männern, die geheiratet werden möchten. Aber, aber, ich glaube, man sollte seine Gedanken für sich be­halten. Ich habe einmal in Berlin an einem Samstag, als ich mit einer Kiste wunderbarer Kieler Sprotten nach Hause fuhr, einer mir gegenüber sitzenden niedlichen Berliner Arbeiterin die Kiste hingehalten und gefragt:Wollen Sie eine?", worauf die klassische Antwort erfolgte: »Freß' deine Bücklinge alleene. Dieser Aus­

spruch hat sich seitdem als allgemeingültig für alle Träume meiner Nächstenliebe erwiesen

Des Schinderhannes letzter Wunsch.

Don Or. Kurt Ochsenms, Chemnitz.

Durch das Schauspiel Karl Zuckmahers Schinderhannes" ist die seltsame Gestalt Iohann Bücklers, der unter dem Romender Schinder- Hannes" viele Iahre lang fein Hnwesen in den rheinhessischen Landen getrieben Hot, wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt worden.

Geboren 1777 zu Rastädten in der Grafschaft Kahenellnbogen, war Iohann Bückler um 1796 Scharfrichtergehilfe in Sobernheim, wurde wegen eines Vergehens in Kirn gestäupt und ging unter die Räuber. Fast sieben Iahre lang raubte und blünberte er; besonders hatte er es auf die von den Iahrmärkten heimkehrenden Juden abge­sehen. In Wolsenhausen wurde er endlich ge­fangen und mit zwanzig Genossen am 21. No- vember 1803 zu Mainz hingerichtet. So lautet der nüchterne Bericht des Chronisten.

In Hessen aber lebtder Schinderhannes" als blutrünstiger König der Räuber noch jetzt im Munde des Volkes, und noch jetzt droht manche unverständige Mutter einem Kinde, das nicht folgen will, mit den Worten:Sei brat), sonst holt dich der Schinberhannes." Ich selbst er­innere mich aus meiner Jugendzeit in Marburg noch deutlich der Erzählung von dem großen Räuber, der in so seltsamer Weise Menschlich­keit mit Raubgier und Blutdurst in sich ver­einigte.

Karl Z u ck m a y e r hat in seinem Schauspiel den Nachdruck auf das erste Wort gelegt, und daß er damit recht hatte, möge folgende Heine Geschichte beweisen, die ein interessantes Streif­licht auf das eigenartige Seelenleben des Schin- derhannes wirft. Ich hörte sie in meiner Jugend von einer alten Dame, die über 90 Jahre lang mit meiner mütterlichen Familie (Frhr. Rau von Holzhausen) eng befreundet war, näm­lich der im Jahre 1907 im gesegneten Alter von 102 Jahren in Gießen verstorbenen Fräulein Bertha v. ® r olman. Die inhaltliche Richtig­keit der Erzählung wurde mir in diesen Tagen

Hnzweifelhast geht durch alle in die Welt­wirtschaft verflochtenen Länder ein Zug zum Wiederaufbau der Valutatrümmer. Daher kann auch der englischeEconomist" in einer seiner letzten Ausgaben mit Recht feststellen, daß die Valutaspekulation und die Währungs­unsicherheit in der ganzen Welt während des Jahres 1927 erheblich abgenommen habe. Hoffent­lich erfährt diese Entwicklung im Jahre 1928 keinen Rückschlag Denn so begrüßenswert die von uns genannten Tatsachen sind, so ist die Welt als Ganzes immer noch weit ent­fernt von einerRückkehr" zum Goldstandard. Dazu ist die Zahl der Länder mit zwar stabili­sierter, aber immer noch ins kotier ter Währung zu groß, die Schwierigkeiten, dieOpfer" der Gesundung zu tragen, häusig genug noch zu erheblich. Der Ansang aber zumindest scheint gemacht.

Post festum.

Von der Existenz einer Pressestelle des hessischen Staatsministeriums erhal­ten die hessischen Zeitungen, wenn wir unsere eigenen Erfahrungen verallgemeinern dürfen, nur recht selten Kunde. Hm so überraschender war die emsige Täsigkeit, die die Pressestelle aus An­laß des Geburtstages des Herrn Staatspräsi­denten entfaltete. Seitenlange Festberichte schil­derten den Empsang der offiziellen Festgäste. Es folgte eine minutiöse Auszählung aller in Darmstadt eingegangenen Glückwunschtelegramme, fein Parteivorstand, keine Ortsgruppe, der dem Staatspräsidenten nahestehenden Organisationen und Vereine blieben unerwähnt. Rur das Glück­wunschtelegramm des Reichsoberhauptes schien in der Fülle der Gratulationen dem Darmstädter Offiziosus entgangen zu fein. Der Herr Reichs­präsident teilte das gleiche Schicksal mit dem deutschnationalen Reichsverkehrsminister Dr. Koch. Beide mußten sich damit begnügen, ihre durch das amtliche Wolss-Bureau bereits be- lanntgegebenen Glückwünsche für den hessischen Staatspräsidenten erst einen Tag später in einer Rachlese aufgeführt zu sehen. Immerhin noch eine glückliche Fügung, die der damalige Lan­deskommandant in Hessen, Oberstleut­nant Fritz, für sich nicht buchen kann. Auch er hatte es, wie wir von gutunterrichteter Seite aus Darmstadt erfahren, mit Recht für ange­bracht gehalten, als der Mann, dem in erster Linie die Verbindung zwischen Reichsheer und Ländern obliegt, dem hessischen Staatsoberhaupt seine Glückwünsche darzubringen. Er scheint je­doch damit bei den Darmstädter Hohen Herren keine Gnade gesunden zu haben. Sein Glück­wunsch fiel jedenfalls sang- und klanglos unter den Tisch. Die amtliche Pressestelle des Staats- ministeriums war mit der Registrierung der vielen Glückwünsche von privater Seite so vollauf be- schästtgt, daß die Gratulafionen des Herrn Reichs­präsidenten, des Reichsverkehrsministers und tetz Landeskommandanten bei einem solchen Massen­betrieb schon einmal zu kurz kommen konnten. Zweifellos nur ein Regiefehler, der allerdings gerade bei einer Stelle unangenehm auffällt. Die bei anderen Anlässen (siehe Besuch des Staats­präsidenten in Gießen ufto.) mit Argusaugen Darüber wacht, daß ihr gegenüber das Zere­moniell gewahrt wird.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 8. Febr. Gin wegen Eigentums- verbrechens trotz seiner Jugend schon schwer, auch mit Zuchthaus, vorbestrafter Schmied fälschte bald nach seiner Entlassung aus der Straf­anstalt in Alsfeld zwei Wechsel und suchte sich damit Geld zu verschaffen. Seine Absicht tourte vereitelt, und es erfolgte seine Verhaftung. Strafe: ein Jahr sechs Monate Zucht­haus und fünf Jahre Ehrverlust.

Wegen Rückfalldiebstahls erhielt ein Arbeiter ein Jahr Gefängnis. Er hat einem tm Krankenhaus befindlichen Arbeitsge­nossen aus einem Schrank, den er erbrach, Kleider gestohlen.

Ein Postschaffner wurde wegen fortge­setzter Hnterschlagungen amtlicher

von der Richte jener Dame, Fräulein Luise von ©rolmarm, aufs neue bestätigt.

Der Vater ter Bertha von Grolman war zur Zeit des Schinderhannes erster Kriminal­richter und Hofgerichtsrat in Hessen. Als solcher hatte er die Aktion und das Verfahren gegen den Schinderhannes zu leiten. Bekanntgeworden ist er besonders in juristischen Kreisen als Ver­fasser seines berühmten Spihbubenlexikons.

Als nun Hofgerichtsdirektor v. Grolman dem Schinderhannes das Todesurteil verkündet hatte, fragte er ihn nach dem damals üblichen Brauche, ob er noch einen letzten Wunsch hätte, ter ihm als letzte Gnade erfüllt werden sollte. Da spielte ein eigenartiges Lächeln um den Mund des Schinderhannes, und nach kurzem Heberlegen sagte er:Ich möchte noch einmal eine Frau Wiedersehen die war so schön." Hnd auf die Frage, wer diese Frau fei, antwortete er:Die Frau v. Grolman, Ihre Frau.

Hnd der, der eben das Todesurteil über den Schinderhannes ausgesprochen hatte, versprach ihm die Erfüllung dieses seines letzten Wunsches.

Hnd Frau Klara v. Grolman, die in ter Tat wegen ihrer Schönheit berühmt war, war nicht kleinlicher als ihr Mann und ging zum Ge­fängnis, und der Schinderhannes konnte von seinem Fenster aus auf dem Balkon eines be­nachbarten Hauses noch einmal die Gestalt und das Gesicht der schönen Frau sehen, bei deren zufälligem Anblick nach seiner Verhaftung er ausgerufen hatte:Die Frau ist ja so schön wie ein Engel!"

Ob ein Mensch, ter angesichts des Totes noch einen solchen Schönheitshunger zeigt, ein solch ästhetisches Empfinden offenbart, wirklich ein schlechter Mensch gewesen ist? Ob er nicht durch falsche Behandlung auf die schiefe Bahn ge­drängt worden ist? Ob nicht vieles Dlutver- gietzen vermieden worden wäre, wenn der Iv- yann Bückler nicht gestäupt und zum Schinder­hannes gemacht worden wäre wer vermag das zu sagen?

Wer aber das unbeugsame Rechtsempfinden der Hessen, ihr starrköpfiges Beharren auf ver­meintlichem oder wirklichem Recht kennt neben der oft übergroßen Weichheit des Gemütes, der weiß, daß Karl Zuckmaher in seiner Eigen­schaft als Hesse die Person des Schinderhannes richtig aufgefaßt hat.