Nr 289 Sechstes Blaff Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 8. Dezember <928
Von der Straße zur Macht.
Benito, -er Rebell.
Don unserem römischen ki-Korrespondeitten.
Um die Wiege Mussolinis flogen Funken und Flüche. 3n einer Schmiede stand die Wiege und Dater Schmied war Anarchist. Mit jedem Hammerschlag zertrümmerte er Kronen, seine Feuerzangen- zerrissen dre Adelsgeschlechter, er band sich den Lederschurz um, um auf die Darrikade zu steigen.
Als ihm an einem lachenden Sonntag, am 29. Juli 1883, sein erster Sohn geboren wurde, da taufte er ihn nach dem mexikanischen Rebellen, der sich gegen den fremden, aus Oesterreich gekommenen Kaiser Maximilian auflehnte und schließlich auch vor die Gewehre brachte, nach dem siegreichen Benito Iuarez. Seit acht Tagen war die Sonne in das Zeichen des Löwen getreten. Mussolini selbst macht in seinen Erinnerungen darauf aufmerksam und die Astrologen versäumen niemals, den Finger auf die bedeutsame Konstellation zu legen.
Lieber der Schmiede war die Schule unter- gebracht. Dort brachte die Mutter Benitos, la Signora Rosa, als lächerlich besoldete Lehrerin den Sprößlingen leidenschaftlicher Analphabeten die schwarze Kunst bei, während der Flammenschein an den Fenstern heraufschlug und das gefolterte Eisen schrie.
Unten wie oben ging der kleine Mussolini in die Schule und schlug denn auch noch seinen Ellern: er wurde Schmied und Lehrer. Staatsgründer und Duce.
Dom Baler wie von der Ratur selber Halle er das rebellische Blut in den Adern, lag doch die Schmiede in der aufrührerischen Romagna, in der Rahe des armseligen Dörfchens Predappio bei Forli. einer um jene Zeit nicht empfehlenswerten Gegend. Der alte Alessandro, der niemals in die Schule gegangen war, machte aus seiner Schenke in Dovia, nachdem er den Ambos ntit der Theke vertauscht hatte, ein richtiges Derschwörernest, wie wir es aus der wildromantischen Literatur kennen. Hier, so erzählt Mussolini in seinen Erinnerungen, die er im Gefängnis niederschrieb, verbreitete mein Dater die Ideen der Internationale: er gründete eine zahlreiche Bande, die später von der Polizei auf- gestbbert und zersprengt wurde. Am flackernden Herdfeuer erhitzte man sich an den Kampsschriften Michael Bakunins, des großen russischen Anarchisten, und der kleine Benito hörte mit großen Augen zu. Er ballte die Fäuste: Äh. eines Tages würde auch er die Fahne des Aufruhrs entrollen, das unterdrückte Dolk zum Dormarsch hetzen, kämpfen ...!
Zunächst einmal ging er aufs Feld, zu räubern, was ihm unter die Finger kam. „Ich war ein verwegener Felddieb. In den Ferien arbeitete ich mit meinem Bruder Arnaldo im Fluh." Ein Ausdruck, der mit einem Fischerei- patent nichts zu tun hat. Natürlich nahm er auch nicht bloß Dogelnester aus. sondern stahl den Jägern die Lockvögel. Dazwischen mußte er in die Kirche gehen, aber der durchdringende Weihrauchgeruch, die schleppenden Kantilenen und das Gebrumm der Orgel fielen ihm auf die Rerven.
Der Baler erzog sparta'.f^ Jeden Tag konnte der Junge mit blutende^' *' adel heimkommen, aber wehe, wenn ^r s ' rwischen lieh, heulte oder beim Funken, urschen die Augen schloß! Dann sauste der Hosengurt, bis es Benito gelang, dem Gewaltmenschen durch die Beine zu entwischen. Einmal, als der Bengel nach seiner herrischen Art von einem Kameraden verlangte, er solle ihm unverzüglich feinen neuen Schubkarren bringen, zog er den Kürzeren und plärrte der Mutter etwas vor. Da fuhr der Alte auf: „Was? Er hat dich verprügelt und du bist davongelaufen? Da! Lern, wie ein Mann sich verteidigt, statt wie eine Gans zu greinen!* Und eine fürchterliche Ohrfeige machte Benito verstummen — und grübeln. Am nächsten Tage stellte er den größeren Gegner und hämmerte so lange mit einem zugespitzten Stein auf seinem Kopf herum, bis Blut floß. Dendetta! Rache, das war das Losungswort der Romagna. „Nie- mals etwas einstecken, von niemandem, um keinen
MM Vaiazzo l
Roman von J. Schneider-Foersil.
Urbeberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
16 Fortsetzung. Nachdruckoerboten.
Die Baronin kam ahnungslos den Korridor entlang, als ihr Sohn, von dem Bedienten gestützt, eben die letzte Treppenstufe heraufschwankte. „Joachim!" r . . .,
Für den Moment ein entsetztes Zuruckweichen, dann legten sich ihre Hande mitleidig um fein gelbes Gesicht. „Was soll das sem, mein Bubi
Deine Lippen suchten unter halogeschlossenen Lidern nach chrem Munde. Ohne Widerstreoen gewährte sie seinem Dedürfnisfe nach Zartiichkeu und streichelte seine heißen Wangen. „Wo bist du gewesen, mein Junge?"
„In der — Feminal —“ . „
„Joachim! —“ bat sie wehmütig vorwurfsvoll. „Die Frauen, Mutter! — Die grauenI Er lachte schluckend auf. Seine Hönde umklammerten chren Arm, daß ihr Gesicht sich in jähem Schmerz verzog. „Ich h—abe mein ganzes Geld verbraucht.“
Ein dunkles brennendes Rot der Scyam stürzte ifjr bis an die Schlägen. „Komm, mein armer Büb! — Wir wollen schlafen gehen. — Ich bleib bei dir, bis du ganz ruhig geworden bist. — Morgen ist alles wieder gut!“
„Wieder gut!“ lallte er nach und lieh sich willenlos nach seinem Zimmer.bringen.
Dor chm kniend, löste ihm die Mutter die Bänder der Halbschuhe und ft reifte ihm die seidenen Socken ab. Er lehnte zur Hälfte über» geneigt gegen die Kissen, sah ihr flimmerndes Blondhaar und wurde plötzlich von einem heftigen Weinen geschüttelt. .
„Ich heirate sie ja — Mama — ich heirate — sie" ja! — Ich habe mich — ja schon mit — ihr verlobt!"
Auf zitternden Fühen hob sich die Baronin aus chrer knienden Stellung hoch. ..Mit wem hast du dich verlobt, mein Bub?“
Preis. Wer einen Schlag hinnimmt, ist ein Feigling!" So bläute der Revolutionär dem primogenito die erste Politik ein.
Gewalttätig, verschlagen, rachsüchtig, lernbegierig, furchtlos und unstet, so war der Knabe und so blieb der Mann, mochte die rohe Mitgift der Ratur sich auch in der Lebensmühle etwas umschleifen. Don seiner Selbstbiographie blieb nur der Titel erhalten: Dalia strada al potere. Don der Strahe zur Macht. Ein Titel ober, der in die Geschichte übergehen sollte.
Als der Schüler seiner Lehrerin über den Kopf gewachsen war, brachte sie chn, vierzehnjährig, ins Colleaio. in_ die Erziehungs- anstall der Padri Salesiani in Faenza. Dort saß er an der dritten mensa, der ärmsten. Die Bille der Mutter um eine Unterftütjung für den „vielversprechenden Schüler" war abgeschlagen worden. (Benito reiste mit verbundener Hand ab, denn ein Abschiedshieb, den er einem Kameraden versehen wollte, war fehl und an die Mauer gegangen. Zweihundert Meter nach dem Abmarsch stürzte der Zugesel, was der Dater als ein böses Zeichen ansah. Zweimal wurde denn auch der Musterschüler aus der Anstall hinausgeworfen. Monatelang konnte er Ruhe behalten, dann aber überkam ihn plötzlich das Temperament, er wurde eine Beute seiner herrischen und dunklen Instinkte. Wegen eines Wortes, eines Blickes, wegen eines Nichts hieb er mit den Fäusten drein und verbreitete Schrecken unter Kameraden und Erziehern. „Mussolini," flüsterte ihm der Rektor nach einer zwölftägigen Strafe, die verschärft wurde durch vierstüickiges Knien auf Steinen oder Maiskörnern jeden Tag ins Ohr, „dein Gewissen ist schwarz wie die Hölle. Geh hin und beichte!"
Er verweigerte die Konfession, versteckte sich.
„Meine wahre, meine wirkliche Geschichte, mein ganzes Leben ist in diesen fünfzehn Jahren enthalten. Damals habe ich mich geformt Alle Keime meiner späteren Entwicklung lagen schon damals in mir.“
Nachdem er das Lehrerseminar in Forlim- popoli absolviert hatte, kehrte der achtzehnjährige Mussolini in die Heimat zurück und bewarb sich um die eben frei gewordene Stelle des G e - meindeschreibers. Aber der revolutionäre Geruch, der bereits von ihm ausging, war so stark, daß die QlZacifl raten zurückschawerten. „Ei-cs Tages werdet ihr euch schämen," schrie da der Dater dem Bürgermeister ins Gesicht, „wie sich heute der Geburtsort Crispis des Tages schämt, wo er seinem großen Sohne die Stelle des Ge- me'.ndcschreibers verweigerte!* Eettsame Analogie, in der Tat Auch Crispi war um diese Zät der Jahrhundertwende die schwarze Bestie für Sozialisten und Demokraten, wie sie zwanzig Jahre später Mussolini werden sollte, der einmal von Crispi sagte, er habe das Glück eines sehr schlechten Charakters, er sei eigenmächtig, ein Menschenverächter, unnachgiebig und jähzornig, aber talentiert, mit politischem Sinn und Patriotismus begabt — Eigenschaften, die er mit zwanzig und, nur ausgeprägter, mit fünfzig Jahren gehabt habe.
Unwürdig befunden der Beamtenlausbahn, schien er gerade recht für einen Iugend- erzieher. Die 56 Lire Gehalt im Monat konnte eine Gemeinde eher aufbringen. So wurde er, in die mütterlichen Fuß topfen tretend, Schullehrer in Gualleri Emilia, einem am Po gelegenen Dörfchen. Ein Ki ometer zum Fluß, zwei Kilometer zur Schule. Tagsüber brachte er feinen Jungen das ABT, Sonntags den Dau rn Ver- ständnis für die Revolution bei, nachts hieb er Heharlllel für die roten Blättchen hin. Er verschlang Marx, er träumte von Sorel, aber an Garibaldi konnte er sich berauschen. Der noch unverstandene Frrih itsdurst quill: ihn wie der schon bewußte perhnliche Ehrgeiz. Als Dolks- redner feierte er seine ersten Triumphe. Im heimatlichen Derschwörernest sprach man darüber, der Dater Alesfandro war stolz, den rechten 2kuifnamen gefunden zu haken, und zerschlug eines Tages die Wahlurne vor Freude und Zorn. „Sor Rosa" sah einsam daheim — der Mann im Gefängnis, der wilde Sohn in der Fremde, wer weiß wo. Denn das Dorsschulmeisteclein war
des Bakels und der Schulden überdrüssig geworden. Eines Tages hing von der ganzen Pädagogenherrlichleit nur noch der Mantel da. Den behielt die Wirtin als Pfand, und im Dors weinten ein paar Mädel.
„Ich beschloß, mein Glück in der Schweiz zu verbuchen. Telegraphierte an meine Mutter um Geld und sie schickte mir 45 Lire. Am 10. Juli 19C2 tarn ich in Dverdon an, 2 Lire und 10 Genie! im i in der Tasche."
Cs kamen die Tage des Hungers, der Landstreicherei, der Bekanntschaft mit schwedischen Gardinen. Immer streifte der Rebell mit dem Aermel das Gefängnis, elfmal sah er darinnen. Als Handlanger verdiente er bei elfstündiger Arbeitsz-.it, während der et 121 mal Steine auf einen Neubau hinaufzuschlrppen hatte, 32 Cen- ttmes in der Stunde. Sein Charakter hielt die schlechte Behandlung nicht länger aus, als sein Schuhwerk. Rach einer Woche finden wir ihn in Lausanne. wo die sauer verdienten Batzen schnell zu Ende gingen. „Eines Montags hatte ich als einziges Metallstück eine verniael.e Marx- medaille in b:r Tasche."
„Da mir der Hunger die Eingeweide zusammen- krampste, so dah ich nicht mehr herumlungern konnte hockte ich mich auf den Sockel des Wilhelm- Tell-Standblldes. Ich muh etwas Furchtbares im Blick gehabt haben, denn die Betrachter des Denkmals musterten mich mißtrauisch und ängstlich. Oh, wenn jetzt De Dominici gekommen wäre, mir seine Moral zu predigen, mit welcher Wollust hätte ich ihm die Kehle abgeschnttten!" Abends drückt er sich am Kai in Ouchy herum, schaut durchs Gittec ins Hotel Drau Rioage, wo die Musik spiell. Schon macht er Miene, ein reiches Paar um ein Almosen zu bitten, aber das Wort stirbt auf seinen Lippen. „Fluchend reiße ich aus. Ah, heilige Anarchie in Idee und Handlung! Wer am Boden liegt, hat der nicht das Recht, den zu beißen, drr ihn tritt? Der Bauch ist ein böser knurrender Hund.*'
Mussolini übernachtet unterrn Brückenbogen. Einmal, als er es sich in einer leeren Kiste bequem gemacht hat, stöbert ihn die Polizei auf. Verhaftet wegen Dagaaundie.ens. Genau zwanzig Jahre später, kurz nach dem Marsche auf Rom, sieht erals Winisterpräsidentaus dem Fenster seines pompösen Hotelappartements auf die nämliche Brücke hinunter und als der Polizeichrf hercintritt, den Vertreter Italiens an der interna tonalen Konferenz zu fragen, ob et mit dem Siche.hrisdirnst zufrieden sei, fragt er ihn lächrlnd: „Erinnern Sie sich — dort unten hat mich feiner seit Ihre Polizei verhaftet.' Woraus der Schweizer, sehr fein: „C’est la vie Monsieur le President.“
Aus dem Maurer wurde ein Student, ein Mensch, der, gleich Lenin, am Herde der Freiheit studierte, wie man am besten eine Revolution macht. Der Same der vä erlichen Schenke schoh üppig auf. Bakunin, Sorel, Mussolini — der Ring schloß sich mit Leich, igkeitt Vorarbeiter, Spezialist für Fensterangeln, Ausläufer eines Weinhändlers, entwickelt der Werkstudent einen unbändigen Appetit für leibliche und geistige Nahrung. Barfuß und barhäuptig, mir mit Hose und Hemd bekleidet, schiebt er feinen Karren durch die Grande Rue, um kurz daraus feinen Nietzsche hervvrzuziehen. Er gerät, wie alle politischen Wanderer, in russische Zirkel. Der Samowar dampft, men disku iert mit hrißen Köpfen und liebt mit heißen Herzen, dazwischen Unmengen von Zigaretten vertilgend. Denitouchka heißt er bet feinen Schönen.
Natürlich ist er gegen alle und alles, Christentum und Bibel nicht ausgenommen. Jesus tut er im Stegreif ab. Reiht bei einer Konferenz Danderveldes das Korreferat an sich und wird von dem getoieg en belgischen Sozialisten erbarmungslos abgestoch.n, so dah er seiner russi'chen Freundin schwör., das Evangelium überhaupt nicht mehr in den Mund zu nehmen.
Aus Genf ausgrwiesen, flüchtet der Anarchist über die französische Grenze, dann taucht er in Zürich auf, wo er Liebknecht und Lassalle übersetzt und sich an die fana i,che Angelika Dala- banoff anschließt, die er svä er in die Redaktion des Äv7N i übernimmt Die Dal abanoff verzehrte in Zürich den Morgen zum Frühstück einen feiten
„Mit — Maria Richthofen I"
„Joachim 1“
„Jaa — —Ein verlegenes Lächeln stand um seinen fahlen Mund. „Heute mittag, Mama!"
„sind abends warst du in der Femina I" mahnte sie mit einem verräterischen Schimmer m den Augen.
„Well — well —." Er warf, abbrechend, das Gesicht gegen ihre Schulter.
Wortlos hiell sie den Sohn an sich gedrückt. Ihre Hände strichen über seine Arme und sein feuchtes Haar bis er ganz ruhig wurde und, von ihr gestützt, in die Kissen zurückglitt.
Noch einmal hoben chn ihre Hände hoch, als Oskar mit einer Tasse schwarzen M.klas erschien. Joachim trank chn, wenn auch mit Widerwillen, dem bittend befehlenden Blick der Mutter gehorchend.
Die Finger, wie einst in den Tagen sorglosester Jugend zwischen chre kühlen, bebenden geschoben, schlief er nach wenigen Minuten ein.
Noch gegen zwei Uhr nachts aber stand eine Frau in der Villa Hettingen am offenen Fenster, beide Hände vor das Gesicht gedrückt, und weinte um ihr Kind, das chr Maria Richthofens Liebe genommen hatte.
Hettingens schöne junge Braut stand vor dem großen dreiteiligen Anlleidespiegel chres Zimmers. Ein schwaches Beben in den seingeschwun- genen Nasenflügeln, die Lchpen halb geöffnet, ein Flimmern und Zittern in den großen, märchenhaften 'Augen, betrachtete sie ihr Eigenbild. Aus dem tiefen Dekollete des Abendkleides schimmerten Nacken und Arme in mattweißem perlartigen Glanze. Ohne Puder und Schminke leuchtete chre Haut in blütenhaster Süße durch das zarte Gewebe der Brüsseler Spitzen, die Rücken und Brust in keuschem Verhüllen umspannten.
Ein dunller kreisförmiger 'Flecken hob stch bi Achselhöhe von der tadellosen Färbung ihres Oberarmes ab. Ihre Lippen wölbten sich zu einer vollen Schale ungeschmälerten Gebens: „Joachim!"
Hier, an dieser Stelle hat fein Mund zum erstenmal geruht. Unfähig, jeden klaren Ge
dankens bar, boten sich ihm ihre Lippen, ohne daß er darum gebeten hätte. —
Ein jähes Rot glühte über chre Wangen. Sie hatte chm zu o.fenfichttich gezeigt, wie sehr sie ihn liebte. Aber sie konnte nicht anders. Würde nie anders können.
In drei Wochen war sie fein Weib! Ein Schauer jagte über ihren Körper. Im Moment verspürte sie beinahe Furcht vor chm. Dann ein Aufschrei:
Im Spiegel sah sie chn hinter sich stehen.
„Ioachim!"
Ihre Arme fielen herab, während die seinen sich erhoben und sich um chren Körper legten. Sie eng an sich pressend, bog er chr Gesicht nach seiner Brust zurück. Aug in Aug standen sie, bis chre Lider sich fentten.
„Ich verbrenne unter deinem Blick, Joachim!“ Er lächelte: „Kind, was tust du so erschrocken?" Reglos hingen chre Arme an dem erzitternden Körper herab, bann hoben sich chre Hände langsam hoch und strichen seine Wangen entlang.
Als er chre Lippen freigab, legte sie das glut- farbene Gesicht dicht an seine Schulter.
„Sieh mich an, Maria!“
„Ich kann nicht jetzt!"
„Liebst mich nicht?"
„Joachim!"
Sie muhte es überlaut geschrien haben, denn die Türe wurde hastig geöffnet, und Leopold Richthosen erschien auf der Schwelle. Erschrocken zog er einen Fuß zurück. „Ra — aber so was! — Du mußt verzeihn, Mizzerl! Ich hab gemeint, du hast mich grufn! Ich hätt sonst anklvpst!“ Abbittend sah er in das erregte Gesicht des Freundes, dessen Augen an chm vorbeiirrten.
„Ich wollte Maria nur in die Oper abholen. Du erlaubst doch, Leopold?“
»Aber ja, bitte. Alterle! Sagt ja eh rriemanb was dagegn. Warum sollst nicht kommen dürfen, zu jeder Stund. Bist doch fein Fremder netl Und V Mizzerl, die kann's eh schon nimmer der- wartn, bis f „ja" asagt hat am Standesamt. Wann das noch drei Wochn so fortgeht, bleibt bloß noch ein Häuferl Aschn von ihr übrig.“ Er lachte auf und drehte Joachim scharf gegen das
Bourgeois und abends zehn Zaristen. Später wurde sie wegen ihrer Ilmtriebe aus Italien ausgewiesen, während des Krieges mit Lenin und Trotzki in plombierten Wagen durch Deutschland nach Rußland gebracht, wo sie ihr häßliches Figürchen auf die Kissen der Zarin bettete, bis man sie als nicht genügend bolschewistisch auch aus der Heimat hinauswarf — zur gleichen Zeil, als der „Verräter des Proletariats", ihr Freund Mussolini, inzwischen königlicher Ministerpräsident getoo den, die Sowjetrepublik anerkannte und einen Botschafter nach Moskau entsandte.
Endgültig des Landes verwiesen und mit Gewalt an die eidgenös fische Grenze g b acht, erwartete Mussolini in Italien d i e .uniform. Als Älmftürjler wurde der Rekrut nicht gerade mit offenen Armen ausgenommen, hiell sich aber wacker. 1907 ist er wieder Lehrer in Tolmezzo. Schlechtes 'Führungsregister. Man heißt ihn allgemein nur den Tyrannen. Keine Schürze ist vor ihm sicher. Keine politische Versammlung vor seinen Fäusten. Die ersten Blitze der Revolution zucken auf und jedeSmal beleuchten sie grell dieselbe Gestalt: Mussolini.
An der Spitze aufrührerischer, sabotierender Laglöhner wird er verhaftet. Man macht ihm den Prozeß. So wird er berühmt in Italien und die Sozialisten jenseits der Grenze, im österreichischen Trient, holen ihn als Apostel der Internationale, machen ihn zum Sekretär der Arbeitskammer.
Bald findet er Muße, an seine Freunde zu schreiben: „Das Gefängnis ist ein überaus angenehmer Aufenthalt . .
Arbeitslosigkeit und Kaufkraft
In dem Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung wird über Arbeitslosigkeit und Kaufkraft u. a. ausgeführt.
Die jüngste Entwicklung der Arbeitslosigkeit läßt den Einfllrß drr Iah.eszeit auf die Beschäftigung deutlich erkennen. Die Zahl bet Haupt» Unterstützungsempfänger in der Arbellslosenver- sicherung und Krisenunterstützung stieg von Ende Oktober bis Mitte November von 764 000 auf 904 000, gegenüber 521 000 Mitte November 1927. (Dabei sind die infolge der Arbeitskämpfe Feiernden nicht mttgerechnet.)
Da gegenwärtig die Arbeitslosigkeit über den saisonrnäßigen Grad hinaus zu- nimmt, erfährt dir Einkommensbildung eine en f rechrr dr übersaisonmäßige Verminderung, dir sich für den Einzeih iniel um so mehr auswirken muh, als sie in der Zeit einsetzt, in der viele Branchen drs Einzelhandels mit dem saifonmäßig größten Umsatz zu rechnen haben. Hinzu kommt, daß zur Zeit auch die Arbeitslämpfe das Kauf, raftvol amen be.intrichtigen. So ergibt sich z. D. durch den Strell drr Werftarbeiter in den Monaten Oktober/November zusammen ein Ausfall an Lohneinkommen von rund 17 bis 18 Millionen Mark (gerechnet nach den Lohnsätzen, wie sie vor Beginn des Streiks in Kraft waren). Für die Aussperrung im rhrinisch-westfäli'chen Industriegebiet (Arbeit: Nordwest) ist mit einer weit größeren Summe yi rechnen. Zunächst kann man freilich nur die mehr als 200 000 unmittelbar betroffenen Arbeiter in Rechnung stellen. Welche Auswirkungen darüber hinausgegangen sind, läßt sich vorläufig zahlenmäßig nicht erfassen.
Ausgehend von den Druttoarbeitsverdiensten im Oktober wird man für November mit einem Verdien st ausfall von 45 b i s 50 Millionen Mark rechnen können. Dem ist gegenüberzustellen, daß die ausgesperrten Arbeiter Unterstützungen an Stelle drs Lohneinkommens erb Len haben, die mit etwa 17 bis 18 Millionen Mark anzusetzen sein dürften, so daß sich der Kaufkraftausfall im November auf etwa 30 Millionen Mark stellen dürfte. Im Vergleich zu dem gesam'en Arbeitseinkommen (monatlich 3 bis 4 Milliarden Wart) ersch'int der Ausfall von 30 Millionen Mark verhältnismäßig kl.in. Die besonderen Wirkungen der Aussperrung liegen aber darin, daß sich der Kauskrafteattzug auf. ein engeres Wirtschaftsgebiet beschränkt hat, wo die Arbeiter den ausschlaggebenden Teil drr Käufer bilden. Der Kauf- krastaussall durch den Werftarbeiterstreik verteilt sich dagegen auf mehrere Wirtschastsgebietz».
Lichtt „Dir geht es, schnitt mir, nicht besser! Ausschaun tust, mein Lieber! — Hast keinen Spiegel hängen bei dir z'Haus? Da mußt nei- schaun! — Mizzerl, wannst net stärker auf ihn acht gibst, kannst mit einer Leichn Hochzeit machn!"
Ratlos sah Maria in Joachims schmal gewordenes Gesicht, in dessen Mundwinkel ein scharfer Zug eingeschrieben stand. „Bist du krank. Liebster? Ich könnte nicht anders, als mit dir sterben."
Richthvfen drehte sich auf dem Absatz lackend zur Türe hin. „Nq aifo, da hast es schon! — Kinder, wer wird denn die Liab so übertreibn. Dauert ja eh ein ganzes Leben, wann man verheirat is. — Wolln wir gehn jetzt? D Fraui Mama hat schon antelephoniert, Joachim, wir solln pünktlich fein. — Ich freu mich schon auf die Ieska, wann s' die Colombine spiell hrut im Bajazzo! Da pumpert mir 's Herz jetzt schon."
Er streckte mit einer verzweifelten Gebärde die Arme aus. „Zu Hilfe — Silvio!"
„Unheimlich wahr ist sie als Redda immer," sagte Maria und fröstelte zusammen.
„Sie hat Erfahrung in solchen Dingen!" toarf Joachim knapp ein.
Maria wußte sich ben aus Schmerz und Spott gemischten Zug feiner Augen nicht zu deuten. Eng) an seinen Arm geschmiegt, ging sie mit ihm die Treppe hinab zum Wagen. Hand in Hand faßen sie sich gegenüber, während Richthofen neben feiner Schwester Platz genommen hatte.
„Weißt es schon, Achim, daß die Lembachev Werke umgschmissn habn?" Herr Leopold ließ fein Feuerzeug aufflammen und setzte feine Zigarette in Brand. „Aber der Kerl, der Baron Lembach, hat Glück in der Liab. Hat eine Amerikanerin erwischt mit einer Million oder mehr — Dollar natürlich — das hat ihm wieder auf d' Füh ghvlfn. Gestern hat er sich a Rennroh kauft und an Steyrer Wagn, und im Spätherbst fahrt er mit seiner Dollarprinzessin ; zu ihre Leut hinüber."
(Fortsetzung folgt)


