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Nr. 289 Mnstes Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, .8 Dezember(928

Hoover Md panammka.

Don <$. von Llngem-Sternberg.

Schon die panamerikanische Konfe­renz, die im Januar dieses Jahres in Havanna zufanunengetreten war, und die von Präsident Coolidge persönlich eröffnet wurde, ließ die wach­senden Gegensätze zwischen den Nord- und den La­teinamerikanern erkennen. Man erwartete die Sen- sation eines offenen Zusammenstoßes und in der Tat gab der argentinische Vertreter Puigccrredon auf der Konferenz Erklärungen ab, die geeignet waren, die Versammlung zu sprengen. Dank "der vorsichtigen Eröffnungsrede von Coolidge aber, und infolge der finanziellen Abhängigkeit vieler latein­amerikanischer Staaten von Nordamerika gelang es, ernste Verwirklungen zu vermeiden, und die Konferenz von Havanna konnte sich in Frieden auf­lösen.

In den süd- und mittclamerikanischen Ländern schwand aber deshalb nicht das Bedürfnis, sich von der oft aufdringlichen Bevormundung des großen nordamerikanischen Bruders zu befreien. Argen- tinien und Chile äußern häufig genug ihre Empörung über die nordamerikanische Einmischung in südamerikanische Angelegenheiten, und ganz im besonderen über die Auslegunader Mon­roe-Doktrin, wie man sie in Washington be­liebt. Der Vorstoß C o st a r i c a s vor dem Völker­bund in Genf wurde in ganz Lateinamerika mit Genugtuung ausgenommen. Das kleine Costarica hatte sich zum Wortführer oller lateinamerikanischen Länder gemacht, wenn es vom Völkerbund eine Auslegung der Tragweite der Monroe- Doktrin verlangte. Wenn nun auch der Völkerbund sich der heiklen Aufgabe, eine Klärung der Doktrin herbeizuführen. zu entwinden verstand, so verstand man in den Vereinigten Staaten doch nur zu bem- lich die Anstrengungen, die man in Lateinamerika machte, um die Fesseln Washingtons zu lockern. Da man nun aus politischen und aus wirtschaftlichen Gründen in den Vereinigten Staaten gar nicht daran denkt, das Primat über den ganzen Kon­tinent aufzugeben, so läßt man es sich angelegen sein, um Lateinamerika zu werben. In diesem Sinne muß auch die Reise des neugewählten Präsidenten Hoover noch Mittel- und Südamerika gewertet werden.

Es war das ein sehr kluger Schachzug, der gewiß seine Früchte tragen wird. Wenn Hoover geschickt die Klippen zu umgehen versteht, und auf alle Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt, die sich ihm entgegenstellen, dann wird durch seine Gegenwart der panamerikanische Gedanke gestärkt werden. Die sehr einflußreiche Zeitung von Buenos Aires,La Prenfa" schreibt zum Besuche Hoovers: Der Pan­amerikanismus bedürfe einer Neuorganisation. Aus dem politischen Gebiete müsse die Monroe-Dok­trin aufhören das zu fein, was sie heute darstelle, nämlich eine einseitige norbamerifa« nische Willenserklärung, eine Art von Bevormundung über ben ganzen amerikani­schen Kontinent. Aus wirtschaftlichem Gebiete müß­ten die Zollschranken fallen, um ben Panamerikanismus zu bem zu machen, was er sein soll. Ob nun gerabe Hoover zu einem solchen Ent- gegenkommen bereit fein werde, müsse man abwar­ten, er müsse sich mit Lateinamerika auf den Fuß der Gleichberechtigung stellen.

Es ist nun, was die Beziehungen Lateinamerikas zu Nordamerika angeht, beachtenswert, daß sich ge­rade in der allerletzten Zeit Südamerika, trotz aller theoretischen Proteste, in immer größere finanzielle Abhängigkeit zu Wallstreet liegeben und schon im ersten Viertel dieses Jahres Anleihen in Nordamerika für Summen ausgenom­men hat, die alle Anleihen vom Jahre 1927 zu­sammengenommen um ein Bedeutendes überfteigen, ^n zweiunbzwanzig verschiedenen Anleihen schuldet z. B. Argentinien Nordamerika 142 233 000 Dollar, ungefähr dieselbe Summe fällt auf Bra­silien. Es folgt Columbien mit einer Summe von 64 770 250 Dollar. Es ist ferner zu beachten, daß etwa 80 Prozent des Fleischexportes aus Argentinien und Uruguay, und ungefähr der­selbe Prozentsatz von Kaffee aus Brasilien nach den Vereinigten Staaten geht, und daß die ganze südamerikanische Wirtschaft ins Stocken geraten müßte, wenn diesem Export Schwierigkeiten be­reitet würden. Die Petroleumfelder Boli­viens sind zum großen Teil in den Händen nord- amerikanischer Kapitalisten, die Eisenbahnen stehen unter Kontrolle usw. Schlimmer als in Süd­amerika liegen die Verhältnisse in Mittelame­rika, wo die Vereinigten Staaten nicht nur in­direkt in die Geschicke des Landes eingreifen, son­dern auch vor einer direkten Einmischung (z. B. Ni­karagua und Panama) nicht zurückschrecken.

Zur ersten Etappe auf seiner Südamerikafahrt hat Hoover Nikaragua gewählt. Gerade in der Geschichte dieses ständig von politischen Unruhen bewegten Landes ist die Jnterventionspolitik der Bereinigten Staaten ganz besonders deutlich gewor­den. Seit mehreren Jahrzehnten wurden in Nikara­gua Regierungen gehalten oder gestürzt, je nachdem es bas Interesse Washingtons erforbertc In ber Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde der nord- amerikanische Abenteurer und Freibeuter William Walker Nikaragua als Präsident aufgezwungen, allerdings bald darauf wieder abgefetzt 1913 wurde bereits ein nordamerikanisches Marinedetachement in Managua gelandet, angeblich zum Schutz des Lebens und des Eigentums nordamerikanischer Bürger, die durch nichts bedroht waren. 1924 wurde Präsident General Solorzano mit Hilfe der Nordamerikaner von seinem Gegenkandidaten Gene­ral Chamorro abgesetzt und die Vereinigten Staaten erklärten Puerto Gabeza zu einer neutralen Zone. Immer unter dem Vorwande einer Polizeiaktion, zu ber völkerrechtlich nicht die geringste Rechtfertigung vorlag, wurden auf Be­fehl des Vizeadmirals Latimer weiter« Truppen ins Innere Nikaraguas entsandt und schließlich mit Hilfe ber norbamerikanischen Bajonette Diaz zum Präsidenten von Nikaragua erklärt. Aus Dankbar­keit für seine Gönner schloß Diaz mit Washington sofort einen Vertrag ab, ber Norbamerika als Pa­rallele zum Panamakanal das Recht eines Kanalbaues durch Nikaragua einräumt. Böse Zungen behaupten, daß die Vereinigten Staa­ten diesen Vertrag mit sich selbst abgeschlossen hätten, da ja Diaz nicht mehr als eine Strohpuppe Washingtons war. Auf alle Falle wird Nordamerika diesen Vertrag aufrecht erhalten, da die Beherr­schung des inzwischen für den Verkehr ungenügend aeroorbenen Panamakanals, unb bes zukünftigen Nikaragua-Kanals für Nordamerika eine politische, militärische und wirtschaftliche Notwendigkeit ist, an ler alle völkerrechtlichen Bedenken scheitern müssen. Wenn nun die letzten Wahlen in Nikaragua ben

Führer ber Liberalen, Monaeada, auf ben Prä- sibentensefsel gebracht haben, ber angeblich weniger gefügig als sein Vorgänger Diaz gegen die ber­einigten Staaten fein soll, so wirb man sich in Washington barüber keine Sorgen machen. Norb­amerika besitzt Druckmittel genug, eingeschlossen bie militärische Jnterventton, um jeben Widerstand gegen bie Interessen ber Vereinigten Staaten im Heim zu ersticken.

Es scheint, baß der Besuch des Präsidenten Hoover in Nikaragua nichts an dem bestehenden Verhältnis geändert hat. Der Panamerikanismus in

der nordamerikanischen Auslegung ist dort D i k - t a t geblieben, von einem Rückzug ber amerikani­schen Truppen wirb nur bie Rebe sein können, wenn man in Washington sicher ist, baß man sich in Managua auch ferner gehorsam zeigt. Hoover ist weiter nach Honduras gereift, wirb P a - n a m a besuchen und sich dann nach P e r u ein« schiffen. Es muß stark bezweifelt werden, ob es Hoover gelingen wird, Südamerika davon zu über­zeugen, daß das panamerikanische Ideal und die beanstandete Monroe-Doktrin nicht analoge Begriffe sind.

Meine interessantesten Krimmalfälle.

Die große pfund-Zälschuncsaffäre in London zu Beginn des Weltkrieges.

Don (Sir Basil Thomson, ehem. Leiter von Scotland ljard.

Copyright by United Press. Nachdruck auch im Auszug verboten.

Drei Monate nach der Kriegserklärung sah sich England von einem schleichenden liebel bedroht, das in feinen Auswirkungen auf die Stimmung des Landes leicht hätte verhängnisvoller werden ton­nen, als selbst die Luftangriffe. Jeder Engländer war mit einer Goldwährung groß g e» worden; jetzt sollte er kein Gold mehr in ber Tasche tragen. Er hatte bie erften Schatz- scheine eigentlich nur unwillig als eine Kriegs- notroenbigteit angesehen und begann jetzt gerade, sich daran zu gewöhnen, als ich vom Schatzamt er­fuhr, daß die Scheine gefälscht würden. Der Schatzscheine jener ersten Kriegstage forderte gerade zu zur Fälschung heraus. Er war aus Papier her- gestellt, das kaum besser als gutes Schreibmaschinen­papier war unb trug die Faximiliunterschrift von Sir John Bradbury daher nannte man diese Scheine in der ersten KriegszeitBradbury". Die einzige Schwierigkeit für ben Fälscher bot bas WasserzeichenOne Pound". Man brachte mir gefälschte Noten, bie ich mit echten verglich. Der Unterschied war so geringfügig, bah kaum jemand die falschen Scheine zurückgewiesen haben würde.

Es ist eine sehr ernste Angelegenheit", erklärte ber Schatzamtsvertreter, ber mich besuchte.Bisher sind in unserer Hand schon gefälschte Noten i n Höhe von mehr als zehntausend Pfund gelangt. Wenn das Vertrauen des Publi­kums zu unseren Noten erschüttert werden sollte, so wäre das ganze Land in ber Tinte. Gewiß gebe ich zu, daß unsere Note leicht zu fälschen ist. Wir arbeiten jetzt an einer neuen und werden bann all bie alten Noten zurückzuziehen. Aber bas erfordert Zeit, und bis dahin müssen die Fälscher gefaßt worden fein."

Scotland Pard brauchte nicht sehr lange, um den Verbreiter ber falschen Geldscheine herauszufinben. Er arbeitete nach einem sehr einfachen Schema. Jeden Freilagnachmittag um fünf Uhr stellte sich ein gewisser früherer Zuchthäusler, der sich E l l i o t" nannte, mit vollgepfropften Taschen in einer Kneipe in Jermyn Street ein. Niemand wußte, woher er kam, aber es gab genug Leute, die mtt ihm Geschäfte unter Bedingungen machen wollten, die dem Risiko entsprachen. Die Leute kauften ihm seine Pfundnoten zum halben Preise ab. Dann suchte sich jeder eine eigene Straße aus, mit Vorliebe eine bc« cheidene Gasse mit kleinen Läden, und arbeitete sich )ort in ber Dämmerung burch. Er ging in einen Laden unb kaufte sich ein Paket Streichhölzer ober ein Stück Seife, wovei er bie Pfunbnote in Zah­lung gab unb sich den Rest in Silber zu- rückgeben ließ. Wenn er seinen Dorsal los­geworden war, so wartete er auf das Wieder- erscheinen von Elliot am nächsten Freitag. Elliot und seine kleinen Helfershelfer hätten wir natürlid) jederzeit verhaften können, aber das Wild, nach dem mir pürfchten, war ber geschickte Drucker, ber imftanbe war, ein Wasserzeichen nachzumachen.

Warum, so wird man fragen, verfolgten mir Elliot nicht, und ließen uns durch ihn zu dem Drucker führen? In ben Detektivgeschichten rnird eine derartige Ueberwachung immer mit sehr viel Scharfsinn durchgeführt. Aber im rnirklichen Leben zeigt es sich, daß die Verfolgung eines Ehren- mannes von Elliots Erfal)rung von vorn­herein aussichtslos ist. Elliot kannte alle Schliche der Zunft, mit denen die Verfolger irre- gefiiljrt werden: den Hakenschlag, das Nasführen der Polizei, und dasAbschütteln" in Omnibussen und Untergrundbahnen. Zudem ließ er sich auf kein Risiko ein und hatte keine Mitwisser. Wir wußten nur von ihm, daß er am Freitagabend mit seiner Ware erschien und bann verschwcmb als sei er weggeblasen, und daß sich unter ben acht Mil­lionen Einwohnern von Lonbon ein Künstler be­fand, der feinem Berus mit großem Fleiße oblag.

Uns blieb schließlich nichts anderes übrig, als das Gewerbe selbst zu betreiben, wobei wir natürlich keine falschen Noten verausgabten, aber uns den Anschein geben mußten, als täten wir es. Einer unserer Leute trat als Käufer der Noten Elliots auf, und da es sich um einen Ausländer handelte, so ließ sich Elliot auf das Ge­schäft ein, wobei er allerdings so vorsichtig war, seinem neuen Geschäftsfreund genau auf bie Finger zu sehen. Unb das kostete uns viel Geld. Unser Vertrauensmann mußte insgeheim die falschen Noten gegen echte umtauschen, bevor er seine Straße bearbeitete". Da er wußte, daß Elliot ihn beob­achtete, mußte er sich mit großen Mengen billiger Seife beschweren und bann, nachdem er auf Kosten des Schatzamtes diesen Teil seiner Aufgabe hinter sich hatte, mußte er nach Elliots eigener Taktik den Verfolgerabfchütteln", bevor er zu uns kommen unb Bericht erstatten konnte. Dieses öde und kost» spielige Verfahren mußte eine ganze Reihe von Wochen hindurch fortgesetzt werden, bis unser Mann bas Vertrauen von Elliot gewonnen hatte.

Inzwischen waren aber bereits Fälschungen in Höhe von sechz i g t ausenb Pfund (1,2 Millionen Reichsmark) feftgefteUt worden; wir selbst hatten bereits fünfzehnhundert Pfund an gutem Gelbe ausgegeben, und noch waren wir dem geheimnisvollen Drucker keinen Schritt näher­gekommen.

Bis bann ber Freitag kam, an dem wie gewöhn­lich das kleine Zimmer im Oberstock in der Jermyn- Straße voll von Spielern war, zumeist Kunden von Elliot und unter ihnen auch unser Ver­trauensmann, der viel Zu schlau war, als daß er je Fragen an Elliot gerichtet hätte. Seine Augen und Ohren waren offen, aber sein Mund war stets geschlossen. Das Roulette-Spiel war In vollem Gange; die Leute setzten ihr Geld In einer Atmo­sphäre von Tabakqualm, die man mit Messern hätte schneiden können als ein schmalköpfiger junger Mann in bem Zimmer erschien, sich das Spiel für

einige Minuten ansah unb dann neunzehneinhalb Schilling setzte. Unser Vertrauensmann, ber den Fremden genau beobachtete, entdeckte Flecken von Druckerschwärze an ber Hand des neuen Spielers. Dieser setzte ein zweites und drittes Mal und verlor immer wieder. Die Summen, die er jedesmal auf den Spieltisch warf, legten die An­nahme nahe, daß er seine eigene Ware ver­trieben hatte; indessen mar nicht das leiseste Zeichen zrnischen Elliot und ihm ausgetauscht worden. Nachdem er zum dritten Male gesetzt hatte, verließ der Fremde höchst verdrossen das Zimmer.

Den jungen Mann kenne ich," bemerkte unser Vertrauensmann beiläufig zu Elliot,er war doch damals bei Ihnen angeftellt, als Sie das Wett­bureau hatten."

Nie!", erwiderte Elliot kurz angebunden.

Doch. Ich vergesse nie ein Gesicht, das ich ein­mal gesehen habe und ich erinnere mich sogar jetzt an seinen Namen. Es ist Dixon."

Wollen wir wetten?"

Selbstverständlich." Und unser Mann nannte einen Betrag.

Sie haben verloren. Er ist ein Drucker unb heißt Williams. Heraus mit dem Gelb!"

Unser Vertrauensmann verbarg sein Triumph- aefühl hinter einer sauren Miene und zahlte. In Scotland Parb herrschte an diesem Abend gedämpfte Freude. Wenn wir nur herausfinden könnten, wo der Drucker Williams feine Arbeitsstätte hatte, fo mar Aussicht, daß unsere Mühen endlich doch von Erfolg gekrönt fein mürben. Die übliche Mitteilung würbe sofort an jedes Polizeirevier der Hauptstadt gedrahtet, und nach einer Weile erhiel- ten mir aus dem Norden von London bie Auskunft, baß man an einem hölzernen Stalltor in einer ruhigen Hintergaffe bie halb verwifchtenWorteW illiarns,Drucker" entziffern könne.

Gleich am nächsten Tage, einem Sonntag, begann die lange Wacht. Die Witwe, bie gegenüber dem Stalltore Zimmer vermietete, rnird sich über bie Gernohnheiten ihres neuen Mieters gemunbert haben, eines grauhaarigen Mannes, ber jeden Nach­mittag sehr viel Männerbesuch erhielt, rnobei dann die ganze Gesellschaft sich die Zeit damit vertrieb, stumm durch die Gardinen auf die Straße zu spähen. Am folgenden Freitagnachmittag hatte er noch mehr Besucher als gewöhnlich. Sie verhielten sich besonders still unb starrten nur auf die Straße hinab, wo sich anscheinend nie etwas zutrug! Es fing an zu dunkeln, unb jetzt begannen auch die Ereignisse. Zuerst hörte man den Schritt eines Fuß­gängers, der am Scheunentor Halt machte und mit dem Fuß dagegen stieß. Das Tor ging auf und schloß sich hinter dem Mann. Sofort schlich ber Graukopf mit all feinen Besuchern lautlos auf die Straße, wo sie zu beiden Seiten des Stalltores Aufstellung nahmen.

Plötzlich tat sich das Tor auf unb ein Mann trat hervor. Jetzt entstand Lärm genug, um die ganze Straße auf bie Beine zu bringen. Mitten auf dem Fahrdamm kämpfte der Mann mit ben stillen Mietern und brüllte dabei wie ein wildes Tier. Aus seinen Taschen flogen Schatznoten wie Schnee, bis die ganze Straße zugebeckt war. Als er schließlich bereits bis zur völligen Un­kenntlichkeit zugerichtet war, gab er klein bei unb erklärte, er ergebe sich. Jetzt gingen bie Detektive, benn um solche hanbelte es sich, gegen ben Stall vor. Die Tür mürbe von bem jungen Mann ge­öffnet, ber fein Glück am Spieltisch versucht hatte. Beim Anblick ber Polizei mürbe er blaß unb sank ohnmächtig zu Boben. Der ganze Stall mar voll von Maschinen. In ber Presse lagen Noten, die noch feucht mären. Man brauchte nur am Griff zu drehen und konnte dann solange falsche Noten Herstellen, bis ber Arm lahm mürbe. Der Drucker und fein Vater hatten sich Jahre hindurch in ber Fälscherkunst vervollkomm­net. Am nächsten Tage brachte ich ben Schatz- kanzler unb Sir John Bradbury zu dem Stall. Der Schatzkanzler McKenna drehte den Griff, mährend Sir John das Papier auflegte. Es ist wohl das erstemal in der Geschichte gewesen, daß ein englischer Schatzkanzler falsches Geld herstellte. Wer ich muß zu Ehren des Herrn McKenna hin- zufüaen, daß er sorgfältig auf jedes feiner Produkte mit Tintegefälscht" schrieb, bevor er die Noten in die Tasche steckte.

Wann kamen die ersten Orgeln in unsere Landkirchen?

In alter Zett gab es in unseren Kirchen noch keine Orgeln. Der Lehrer Jang mit den Kindern vor. Es war ber .Kantor^ unb leitete bie »Ge­sänge", gewöhnlich im Chor. Erst im 17. Jahr­hundert haben die Orgeln in die Dörfer unserer Gegend ihren Einzug gehalten. Eine ber ersten Orgeln stand in der Kirche zu Lang-Göns. Sie war schon zu Ende des 30jährigen Krieges da. Eine der letzten Jahre dieses Krieges, 1646, ist aber für unsere Gegend besonders verderblich gewesen, die ganze Gemeinde Grohen-Lin- den verlieh z. B. in diesem Jahre in der Flucht vor den Kriegsvölkern ihre Stadt und überlieh sie ohne Einwohner den wilden Soldaten, um in der Festung Gießen Hnterfunft zu suchen und zu finden. In diesem Kriegsjahr sind auch die Pfeifen der Lang-Gönser Orgel zerschlagen worden. Da schon damals ein Orgelmacher in Lich wohnte, so muhte er herbei und flickt« für 10 f. das so beschädigte Werk aus. Grohen- Linden bekam seine Orgel erst 1669 oder 1670. Ein Bürger dieses Ortes, Johannes Pistor, machte

gleichzeitig eine Stiftung. Er gab alle ferne Aecker her, damit der Organist aus ihrem Ertrag seine Besoldung fände. Das Org rigut ist beute noch da und merkwürdigerweise im Grundbuch nur als solches, ohne den Barnen bes eigentlichen Besitzers, die Kirch?, eingetragen. Der Name Pistor ist in Großen-Lindon ausgestorben. Er lebt aber noch in einem Flurgewann: Pistors Graben.

Großen-Linben. O. Schulte.

Neue Wagen bei der Reichsbahn

9000 bisherige 4.-filafferoagen werden mngeskallck.

Heber 700 neue 2.-ülafferoagen.

RDD. Die Deutsche Reichsbahn ist zur Zeit damit beschäftigt, die im Zusammenhang mit der Tarifneuordnung bzw. der Zusammenlegung ber 3. unb 4. Klasse notwendig gewordenen Qlen- derungen an den Personenwagen reft- los durchzuführen. Ihr Bestreben ist zunächst, in kürzester Zeit allen Kunden der Holzklasse Wagen zur Verfügung zu stellen, bie in ihrer Ausstattung bem bisherigen 3. ° Klasse - wagentHP entsprechen. Rach und nach sollen 9000 Wagen ber alten 4. Klasse zu Wagen 3. K'asse nach Maßgabe der verfüg­baren finanziellen Mi tel umgebaut werden. Schon jetzt erhallen die bisherigen Wagen 4. K ässe Fenstervorhänge, und soweit sie noch Stehplätze haben, werden sie vollständig mit Sitzbänken ausgerüstet werden. Ausgenommen sind ledig­lich die Wagen, die dem Maritverkchr dienen; diese bemalten freien Raum für Traglasten. Ä^rbc usw.

Die Aufw anber ung von Reisenden ber 3. Klasse in bie 2. Klasse hat übrigens das erwartete Ausmaß erheblich über­troffen. Bei vielen Zügen machte sich bereits ein Mangel an 2. Klassewagen bemerkbar, so daß eine Anzahl 3.-Klas ewagen mit provisorischen Sitz- und Rückenpolstern versehen werden muß. Diese Wagen werden aber nur vorläufig zur Aushilfe benutzt. Es sind 7 37 neue Wagen 2. Klasse in Auftrag gegeben, unb wenn der Reichsbahn in ber nächsten Zeit frische Anleihe- mittel zufließen, sollen weitere ba<ufommen. Für die Polsterklasse wurde ein neuartiger Einheitswagen konstruiert: ein vier- achsiger, über 20 Meter langer Drehgestellwagen. Er hat einen durchgehenden Mittelgang, zu dessen Seiten die Plätze abteilmähig angeordnet sind. Um Ein- und Aussteigen zu beschleunigen, erhält der Wagen an beiden Enden auf jeder öci'c zwei Türen. Die bisher übliche Plattform macht einem geschlossenen Vorbau Platz.

Kriegsgrabersürsorge.

Weihnachten, Fest der Freude! Als bas Fest der tiefen Innerlichkeit wurzelt es im Gemüt des deutschen Volkes. Wie schwer lastet daher auf so vielen Familien unseres Vaterlandes odeft jetzt noch nach Verlauf von 10 Jahren seit Beendigung des großen Krieges, die Trauer um ein teures Familienglied, das seine Liebe und Treue zur bedrohten Heimat mit dem Tode be­siegelt hat und wieder einmal im trauten Fa­milienkreise unter dem strahlenden Lich'.erbaum fehlt! Gerade an diesem Tag wird der Ver­lust gang besonders schwer empfunden, und so wandern denn die Gedanken hinaus in die weite Ferne, wo der ^Invergesfene inmitten feiner treuen Kameraden im einfachen Soldaten grab der Auf­erstehung entgegenschlummert. Vielen konnte der Dolksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Weihnachtsfest einen kleinen Trost spenden. Er gab ben Angehörigen bie Möglichkeit, bas ferne, teure Grab mit einem Kranz, einem Blumen­gewinde zu schmücken. Aber im Verhältnis zu den gewaltigen Opfern des Weltkrieges ist die Zahl derjenigen, die den Volksbund um seine Hilfe angegangen haben, sehr gering. Möchten doch alle, denen ein lieber Angehöriger in frem­der Erde ruht, sich an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wenden! Er hilft ihnen, soweit es in seinen Kräften steht, gleich ob es sich um ein Grab in Frankreich, Belgien, Polen. Rußland, den Randstaaten, Jugoslawien, Ru­mänien oder gar in Afrika und Palästina handelt. Durch seine ZeitschriftKriegsgräberfürsorge", deren letztes Heft dieses Jahres soeben erschie­nen ist, hält er die Verbindung zwischen der Hei­mat und den letzten Ruhestätten unserer unver­gessenen Gefallenen aufrecht. Auch dieses Heft bringt wieder so viel Interessantes über unsere Kriegerfriedhöfe und die Arbeit des Dolksbundes auf diesen, daß es nicht nur von den Angehöri­gen der Toten aus dem Weltkriege, sondern t>on jedem, ber sich ber Bedeutung ihres Todes­opfers für bie Lieberlebenden bewußt ist, gelesen werden müßte. Von besonderer Bedeutung ist. daß dieses Heft eine wortgetreue Wiedergabe der Ansprache des deutschen Botschafters in Pa­ris gelegentlich der Gefallenen-Gebenkfeirr am Allericelentag auf bem deutschen Gesangenen- friedhof Jvrh bei Paris enthält.

Hessischer Oberförsterverband

Der 28. ordentliche Berbandstag des Hessi­schen Oberförster- Verbandes wu de dieser Tage in Frankfurt a. M. abgehal.en. lieber 70 höhere Forstverwaltungsbeam'en waren zur Stelle. Der Vorsitzende. Oberforftmeifter Heyer, begrüßte die Versammlung und hieß ins^sandere den Vorsitzenden des deutschen Forstvereins, Ge­heimrat Dr. Wappes und den Landfvrst- meiftcr Hesse herzlich willkommen. Er gab einen Rückblick über das abgelaufene Verbands- iahr. Eingehend wurde die wissenschaftliche Fort- oildung der höheren Forstverwaltungsbramen und insbesondere bie Ausbildung der Forstrefe­rendare behandelt. Die reichhaltige Tagesord­nung wurde reibungslos und zu allgemeiner Zu- friebenljeit durchgesuhrt. Am Schluß der Cßer- sammlung sprach der Oberforstmeister Augst dem 1. Vorsitzenden Heyer den wärmsten Dank für seine bewährte Führung aus.

Sprechstunden der Redaktion

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