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Rr.S8 Drittes Blatt
Donnerstag, 8. März 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Die Neugestaltung der KraMrzeugsteuer.
Von I^egierungsrat Or. Greffchmann.
Mit Wirkung vom 1. April 1928 tritt das ursprünglich nur bis zum 31. Dezember 1927 befristet gewesene Kraftfahrzeugsteuer - Gesetz vom 19. Mai 1926 außer Kraft. An seine Stelle tritt dos neue, bis zum 1. April 1931 befristete Gesetz vom 21. Dezember 1927.
Was bringt es in der Hauptsache Neues? Man lann die Antwort in ein paar Worte zusammenfassen:
1. Einen teilweise neuen Steuermahstab (Hub- raum statt P. S.).
2. Den Liebergang von dec geometrischen zu der arithmetischen Progression des Tarifs.
Eine grundlegende Neuerung bringt es also nicht. Eine solche wäre der in den letzten Jahren viel besprochene und geforderte Liebergang von der Pausch- zur Verbrauchsbesteuerung gewesen. Es sei mir gestattet, dieses Problem hier kurz zu streifen.
Nach dem Pauschsystem wird von dem Kraftfahrzeughalter eine von vornherein feststehende Abgabe erhoben, gleichviel, ob er das Kraftfahrzeug viel oder wenig benutzt. Da aber die Kraftfahrzeugsteuer — deren Aufkommen im Jahre 1927 mit rund 160 Millionen Mark veranschlagt wird — ihrer inneren Natur nach eine Wegeabnutzungssteuer ist, die dazu dienen soll, die Linterhaltung der Straßen zu finanzieren,- wäre es an sich ideal, wenn die Steuer von dem Kraftfahrzeughalter genau in dem Maße erhoben werden könnte, in dem er die Wege abnutz^. Aus diesem Grunde hat man bereits die Ein* führung einer Reifen-, Kilometer- oder Brennst off st euer geplant, indem man sich sagte: Wer viel fährt, nutzt viele Reifen ab, verbraucht viel Brennstoff, da haben wir ja den gerechtesten Maßstab! Allein bei näherem -Zusehen erwiesen sich diese Wege doch nicht als gangbar. Die aus dem Lande auf schlechte Straßen angewiesenen Fahrzeuge kommen sowohl bei der Brennstoff- wie besonders bei der Reifensteuer ungünstiger weg als die auf guten Asphaltstraßen sich bewegenden Fahrzeuge in den Großstädten. Eine Kilometersteuer ferner setzt ganz genaugehende Kilometerzähler voraus, die die Technik heute noch nicht liefern kann. Die Brenn- oder Betriebsstoffsteuer endlich hätte auf die für Kraftfahrzeuge bestimmten und verwendeten Betriebsstoffe beschränkt bleiben müssen und da ergab sich sofort die Schwierigkeit der technischen Durchführung. Aus rund 770 000 Tonnen schätzt man den Brennstoffverbrauch der Kraftfahrzeuge für das Jahr 1928, während dec voraussichtliche Gesamtverbrauch an Mineralölen überhaupt auf rund 2 Millionen Tonnen sich beziffert. Cs ist klar, daß bei der Beschränkung der Steuer nur auf die für Kraftfahrzeuge bestimmten Betriebsstoffe die Steuerüberwachung einen überaus kostspieligen Beamtenapparat erfordert hätte, der wahrscheinlich den größten Teil des Aufkommens wieder verschlungen haben würbe.
Man blieb also bei dem Pauschsystem. (Vielleicht wird es im Jahre 1931, wenn unsere Ingenieure bis dahin vollendete Zähler zur Verfügung stellen, durch ein auf Kilometerzählern fußendes Verbrauchssystem abgelöst werden.) Allerdings hat man einen teilweise anderen Steuermahstab als den bisherigen gewählt und ist von den Steuerpferdestärken abgekommen. Man berechnet jetzt (bei Krafträdern und Personenkraftwagen) die Steuer nach dem „Hubraum", daneben hat man das „Eigengewicht" als Steuermahstab bei Lastkraftwagen beibehalten.
Was bedeutet der Ausdruck „Hubraum"? Es ist das nichts anderes als das verdeutschte Wort für Hubvolumen und bedeutet, laienhaft gesprochen, den Raum, in dem sich der Hub des Kolbens im Zylinder vollzieht. Es ist übrigens interessant, mit welcher Empfehlung der Gesetzgeber die Neueinführung des Ausdrucks „Hubraum" in dem Entwurf zu dem neuen Gesetz begleitet. Er sagt:
„Da der Gebrauch des Wortes „Hubvolumen" nunmehr aus dem Bereiche der technischen Wissenschaft und der Konstruktionsbureaus hinaus
tritt in den weiteren Kreis von Hunderttausenden von Kraftfahrzeughaltern, Chauffeuren, Verkehrs- und Finanzbeamten, erscheint es angemessen, das Wort, soweit es Fremdwort ist, zu verdeutschen. Der Entwurf schlägt den Ausdruck „H u b r a u m" vor. Damit der Vorteil einer einheitlichen Bezeichnung nicht verloren geht, darf hier der Wunsch ausgesprochen werden, daß der Ausdruck Hubraum sich allgemein in Wissenschaft und Praxis statt des Ausdrucks Hubvolumen einbürgern möchte."
Dies alles vorausgeschickt, wird man nun den Inhalt des für die Neugestaltung der Steuer bedeutsamen § 4 des Gesetzes, den ich im Wortlaut folgen lasse, ohne weiteres verstehen:
„(1) Die Steuer beträgt für die Dauer eines Jahres für
1. Krafträder (Kraftfahrzeuge, die auf nicht mehr als drei Rädern laufen und deren Eigengewicht in betriebsfertigem Zustand 350 kg nicht übersteigt) mit Antrieb durch Verbrennungsmaschine
für je 100 Kubikzentimeter Hubraum oder einen Teil davon .... 8 Mark.
2. Personenkraftwagen mit Antrieb durch Verbrennungsmaschine, ausgenommen Kraftomnibusse,
für je 100 Kubikzentimeter Hubraum oder einen Teil davon .... 12 Mark.
3. Kraftomnibusse und Lastkraftwagen mit Antrieb durch Verbrennungsmaschine
für je 200 Kilogramm Eigengewicht des betriebsfertigen Kraftfahrzeugs oder einen Teil davon......30 Mark.
4. Elektrisch oder mit Dampf angetriebene Kraftfahrzeuge sowie Zugmaschinen ohne Güterladeraum
für je 200 Kilogramm Eigengewicht des betriebsfertigen Kraftfahrzeugs oder einen Teil davon......15 Mark.
(2) Auf Kraftfahrzeuge mit Antrieb durch Verbrennungsmaschine, die vorstehend nicht besonders aufgeführt sind, ist der Steuersatz nach Abs. 1 Nr. 4 anzuwenden.
(3) Ist ein Kraftfahrzeug der im Abs. 1 unter Nr. 3 genannten Art nicht auf alten Rädern mit Luftbereifung versehen, so erhöht sich der Steuersatz um ein Zehntel."
Absatz 3 ist deshalb angefügt, weil die Kraftfahrzeugsteuer ihrem inneren Wesen nach eine Wegeabnuhungssteuer ist.
Als zweite wichtige Neuerung nannte ich oben den Liebergang von her geometrischen zur arithmetischen Progression des Steuertarifs. Was das bedeuten soll, kann nur an Beispielen erläutert werden:
a) Für einen Personenkraftwagen mit 2 P. S. zahlte man bisher 75 Mark Jahressteuer,
b) für einen Personenkraftwagen mit 12 P. S. zahlte man nicht etwa das achtfache von a), sondern mehr, nämlich 525 Mark,
». c) für einen Personenkraftwagen mit 14 P. S. zahlte man nicht etwa das siebenfache von a), sondern mehr, nämlich 675 Mark,
d) für einen Personenkraftwagen mit 16 P. S. zahlt man nicht etwa das achtfache von a), sondern mehr, nämlich 850 Mark.
Nach dem neuen Gesetz haben die Besitzer von Kraftfahrzeugen mit einer großen Anzahl von P. S. nur das entsprechende Vielfache der Steuereinheit zu entrichten. Damit soll auch der bisher beobachteten Entwicklung, die dahinging Wagen mit möglichst geringer Motorenstärke auf Den Markt zu werfen, entgegengewirkt werden. Die Statistik sagt, daß es im Jahre 1924 in Deutschland 132179 Personenkraftwagen gab: hiervon waren Wagen bis 6 P. S. 38 864 — 29,2 v. H., während die Wagen mit mehr als 6 bis 10 P. S. 37,8 v. H. ausmachten. Bis zum Jahre 1927 verdoppelte sich die Zahl Der Personenkraftwagen insgesamt auf 267 774; davon waren aber Wagen bis 6 P. S. 122 731 = 45,8 v. H., während die Wagen mit mehr als 6 bis 10 P. S. auf 30,7 v. H. zurückgegangen sind. Man sieht an Bietern Beispiel wieder einmal sehr trefflich, wie Wirtschaft
und Gesetzgebung in Wechselwirkung zueinander stehen.
Im Folgenden seien nun noch Die sonstigen Neuerungen des Gesetzes in Kürze aufgezählt:
1. Die ©leuerlarteu werden auf die Dauer eines Jahres, eines Halbjahrs oder eines Vierteljahres ausgestellt. Die Steuer für Die Vierteljahreskarte beträgt nicht mehr als ein Viertel Der Jahres- steuer. Doch ist mit jeDer Steuerzahlung, Die sich auf einen Zeitraum von weniger als ein Jahr bezieht, ein sog. „AufgelD" zu entrichten. Das AufgelD beträgt
bei einer Zahlung für ein Vierteljahr .....6 vom Hundert des für diesen Zeitraum zu zahlenden Steuerbetrages, bei einer Zahlung für ein halbes Jahr .... 3 vom Hundert des für diesen Zeitraum zu zahlenden Steuerbetrages.
2. Der Zuschlag zur Kraftfahrzeug- steuer nach dem Finanzausgleichs- g e s e h wurde gesenkt. Er betrug bisher 25 v. H. und beträgt
für das Rechnungsjahr 1928 20 v. H.
für das Rechnungsjahr 1929 15 v. H.
3. Steuerkarten für Probefahrtkennzeichen Tonnen künftig auch auf die Dauer von 4 bis 15 Sagen ausgestellt werden; die Steuer beträgt für je einen Tag 1 Mark (zuzüglich des Zuschlags von 20 bzw. 15 v. H ).
4. Der Begriff „Kleinkrafträder" findet sich im neuen Gesetze nicht mehr. Dafür ist in § 2 vorgesehen:
„Von Der Steuer sinD befreit.
l.Krafträber mit einem Hubraum von nicht mehr als 200 Kubikzentimeter.....“
5. Im Interesse her Steuerüberwachung wurDe Die Vorschrift des § 11 auch auf den Kreis Der nicht kennzeichnungspflichtigen Fahrzeuge erweitert. Die Praxis lehrt täglich, Daß Die Tragweite Dieser Vorschrift I e i D e r sehr vielen Steuerpflichtigen noch nicht zum Bewußtsein gekommen ist. Aus Diesem GrunDe sei Die betreffende Gesehes- stelle hier noch kurz angefügt und erläutert:
,,§ 11.
(1) Soweit nach den verkehrspolizeilichen Bestimmungen für Kraftfahrzeuge eine Zulassung vorgeschrieben ist, darf die Zulassungsbehörde die Zulassungsbescheinigung e r st aushändigen, wenn die Steuerkarte oder die Bescheinigung über die Steuerfreiheit vorgelegt wird oder Die Steuerstelle bestätigt hat, Daß Den Vorschriften über die Entrichtung der Kraftfahrzeugsteuer genügt ist.
(2) Solange ein Kraftfahrzeug der im Abs. 1 genannten Art bei der Zulassungsbehörde nicht abgemeldet oder ein Probefahrtkennzeichen der Zulassungsbehörde nicht zurückgeliefert ist, gelten die Voraussetzungen der Steuerpflicht als gegeben. Im Falle nicht rechtzeitiger Lösung einer neuen Steuerkarte oder nicht rechtzeitiger Entrichtung der Steuer, hat die Zulassungsbehörde auf Antrag der Steuerstelle die Ablieferung oder Einziehung der Zulassungsbescheinigung und die Vernichtung des Dienststempels auf dem Kennzeichen zu bewirken." Für Die Praxis folgt hieraus, daß Die S teuer- karte für nicht abgemeldete Fahrzeuge stets zu erneuern und daß als Beginn der Gültigkeitsdauer her neuen Karte stets der auf den Ablauf der alten Karte folgende Tag einzusetzen ist. Der Steuerpflichtige kann sich also insbesondere nicht darauf berufen, daß er das Fahrzeug in der Zwischenzeit nicht benutzt habe bzw. zur Zeit nicht benutze, sei es weil er abwesend war oder weil das Fahrzeug einer länger dauernden Ausbesserung unterzogen wird, sei es auch, weil es infolge eines Llnfalls unbrauchbar geworden, oder weil es an einen anderen verkauft worden ist. Will sich also der Steuerpflichtige vor Nachteilen schützen, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als entweder kurz vor Ablauf Der Steuerkarte diese zu erneuern, oder aber das Fahrzeug bei der ZulassunHsbehörde abzumelden.
6. Endlich sind auch noch Die Crstattungs- vorschriften erweitert worden. Für jeden vollen - Monat, der nach Abmeldung des Fahrzeugs bei der Zulassungsbehörde liegt und für
den die Steuer bereits entrichtet ist. wird ein Betrag in Höhe von einem Zwölftel der Jahressteuer erstattet.
7. Als letzte, wenn auch nicht unwesentliche Neuerung nenne ich die Einführung Der Möglichkeit vierteljährlicher Teilzahlungen bei Entrichtung der Steuer. (Voraussetzung ist allerdings, daß die Teilzahlungen den Betrag von 50 Reichsmark erreichen.) Hiermit dürste den Bedürfnissen der Steuerpflichtigen besonders weit entgegengekommen sein.
Wirtschaft.
Oie Gefahren der Selbstkostenkrise.
Die Direktion der Disconto-Gesell- schäft weist in ihrem Monatsbericht nachdrücklich auf die Gefahren der Selbstkosten- k r i f c hin. Trotz aller Anstrengungen dec Wirtschaft, die Selbstkosten zu verbilligen, seien diese in eine Tendenz ständigen Anwachsens geraten, dessen weiteres Fortschreiten schließlich den Verlust der Exportfähigkeit und damit für das rohstoffarme Deutschland nur die Llnmög- lichkeit, seinen Güterbedarf durch Bezüge aus dem Auslande ausreichend zu ergänzen, herbeiführen müsse. Ferner werde den Unternehmungen immer stärker erschwert, sich die notwendige Rentabilität zu sichern und die Bildung von Eigen- kapital auf den Umfang zu bringen, den Kapitalmangel, Auslandverschuldung und die Notwendigkeit, eine Senkung der Zinssätze herbeizuführen, verlangen.
Es wird sodann u. a. weiter ausgeführt: Es ist nötig, alles daran zu sehen, daß die schleichende Selbstkostenkrise nicht offen ausbricht. Leider ist, wie sich jetzt immer mehr herauszustellen scheint, in Wahrheit mit allen Erfolgen der Rationalisierung nicht viel mehr erreicht worden, als ein Hinausschieben des Eintretens der Selbstkostenkrise. Die Ueberteue- rungssaktoren sind so gut wie ausnahmslos nicht privatwirtschaftlichen, sondern öffentlichen Ursprungs. Das gilt von den Wirkungen der Steuer- und Sozialpolitik so gut, wie von den Löhnen, Deren Steigerung nicht nach Den Preisgesehen des freien Marktes, sondern nach behörolicher Entscheidung erfolgt. Löhne plus Steuer und soziale Lasten machen bei Der heutigen Höhe der letzteren den entscheidenden Anteil der Gesamtunkosten aus. An vielen Stellen hat sich die Ueberzeugung herausgebildet, es sei überhaupt nicht mehr angängig, offen davon zu sprechen, daß man noch genügende Uederschüsse erziele. Aber ein System, das auf der Grundlage des Privatkapitals arbeiten will, jedoch durch .Ueberhandnahme der öffentlichen Belastungen Die Rentabilität in Frage stellt, ist ein Widerspruch in sich und bedroht seine eigene Fortentwicklung. Nur durch verstärkte Bildung von Eigenkapital kann eine Senkung des Zinsniveaus erreicht und die Abhängigkeit von der fremden Kapitalzufuhr mit ihren unerwünschten Begleiterscheinungen eingeschränkt und schließlich ganz beseitigt werden. Für diese Kapitalbildung ist und bleibt die Behauptung der R e n t a b i l i- tätder Wirtschaft die Voraussetzung. Ausreichende Rentabilität ist erforderlich, um Gewinnausschüttungen vorzunehmen, die für das heimische Kapital die Anlage in deutschen Produktionswerten anreizend machen und zur Bildung weiteren Sparkapitals verlocken. Darüber hinaus ist die Ansammlung von LI e b e r s ch ü s - s e n bei den wirtschaftlichen Unternehmungen selber eine der wichtigsten Formen der Kapitalbildung. Sie ermöglicht Betriebsverbesserungen und -ausdehnungen, für die her offene Kapitalmarkt bei seiner dürftigen Ausstattung die Mittel nicht herzugeben vermag, und bewirkt eine Stärkung von Leistungsgrad und Widerstandsfähig- leit gegen Konjunkturrückschläge, die nicht zuletzt der Arbeiterschaft zugute kommt.
Der Bericht weist weiter daraus hin, daß die Gesamteinnahmen des Reiches im Monat Januar die Rekordhöhe von 1008 Millionen Mark erreicht haben, daß in Öen letzten drei Jahren hie Einnahmen des Reiches ganz bedeutend angewachsen sind und für das Rechnungsjahr 1927/28 sich auf 8500 Millionen Mark belaufen werden. Lieber die Auswirkungen auf
Die gowenen Berge.
Vornan von Clara Diebig.
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart.
8. F.ortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Weinberge waren noch grau; noch tränte keine Rebe und zeigte schwellende Augen, noch standen die Aepsel- und Birnbäume am Rand der Straßen iin Wintergewand, aber schon zeigte sich — ein rosa Wölkchen im Weinberg — blühender Pfirsich, und in Gärten schimmerten weißlich die Aprikosen. Freundlich besonnt waren die Moselberge, nur winterlich starr noch, fast drohend ernst, stieg hinter ihnen das gewölbte Hochland der Eifel
Der junge Mann schob leise seinen Arm hinter das Mädchen — hier war es schon Frühling. Er spurte ihn. Still war es ringsum, es schaffte heute niemand im Weinberg. Nur den Stationsweg herauf, der kerzensteil zwischen den Weinbergen führt, wanderte eine Frau mit einem Kind an der Hand, eine Puppe, von hier gesehen, mit einem noch kleineren Püppchen. Bis die hier oben war, dauerte es noch eine Weile, an jeder Station machte sie betend halt; man war noch lange allein. Kaspars Arm wagte es, ein wenig zu drucken. Maria bemerkte es nicht. ~
»Ach, daß die auch noch so dumm war! Der junge Mann' seufzte innerlich: die wußte auch noch rein gar nichts von der Liebe! Oder tat sie nur so? Er rückte ihr näher. Sie waren so allein — sein Herz klopfte — wenn er sie nun so fest in den Arm nähme, daß sie nicht mehr los konnte? Wenn er sich nun satt an ihr küßte nach Herzenslust? Was würde sie machen?! Er spähte von der Seite in ihr Gesicht. . , . ...
Sie hielt es ein wenig abgewendct, der mild fächelnden Luft entgegen. Die Flügel ihrer geraden Nase bebten, tief atmend sog sie den Duft ein, den ei-fte Kräuter des Waldmeisters im vermoderten Laub des Buchenwaldes vom jenseitigen Abhang des Berges zu ihnen sandte. Zart kam noch ein anderer Hauch mit. Sie schnellte plötzlich auf, achtlos des sie leicht umfangenden Armes, laut jubelte sie: „Veilchen! Kaspar, komm, Veilchen suchen!
Von ihr fortgerissen, mußte er mit. Er wäre viel Heber noch sitzen geblieben,' das besonnte Flußtal,
die stillen Weinberge vor sich und hinter sich den noch stilleren Kirchhof. Aber wenn sie jetzt doch nur Veilchen im Kopf hatte! Und nicht einmal Hand in Hand ging sie mit ihm nun hinab durch den Buchenwald, sie suchte bald rechts, bald links vom Weg, oder sie war ihm vorauf. Langsam folgte er.
Kaspar Dreis fühlte eine große Enttäuschung. Als sie ihn durch ihren Bruder, den Peter, hatte wissen lassen, daß sie am Sonntagmittag nach dem Kirchhof auf den Kloster berg ginge, hatte er gehofft. Man bestellt doch keinen, um sich mit ihm nur Mosel und Weinberge zu besehen. Andere Mädchen waren ganz anders, bei denen hätte er nicht so zu warten gebraucht. Aber gerade die Maria, die Maria allein wollte er. Ob Simon Bremm sie ihm wohl zur Frau geben würde, wenn er den fragte? Der war sehr stolz auf seine Maria. Konnte er das nicht auch sein? Gab es eine Schönere? Und — ach! eine Sittsamere? Kaspar fühlte sich plötzlich ganz klein: was konnte er ihr denn bieten? Sie waren ihrer drei Brüder, und der Vater lebte auch noch; es war wohl ein schöner Weinberg, den sie haften — gute Lage —, aber verdient man Denn groß beim Weinbau? Wenn sie nicht noch die Fischerei hätten in der Mosel, so wäre selten Bargeld im Hause gewesen. Aber wenn Simon Bremm ihm die Tochter versprach, würde er es noch anders machen. Er würde tagsüber an der Bahn arbeiten, beim Straßenbau, im Steinbruch, ganz gleich wo, wenn es nur gut zu verdienen gab, unh nur nach Feierabend im Weinberg. Ach, wenn die Maria wollte! Aber daß er nicht wußte, ob sie wollte, das quälte ihn.
„Riech email" Maria kam eben von unten der Wiese ihm entgegengelaufen. Ajre Augen strahlten ihn an; sie hielt ihm ein paar Veilchen unter die Nase.
Er hielt ihre Hand fest: „Liebe Maria!" Er gab dem „liebe" einen besonderen Nachdruck.
Sie ließ ihm vertraulich ihre Hand. Aber Dann wurde sie rot: warum guckte er sie so sonderbar an? Hatte sie etwas an sich?
Er setzte zum Sprechen an und stockte doch wieder: er war aufgeregt.
Da entzog sie ihm sanft ihre Hand: was wollte er denn? Sie wurde plötzlich unsicher.
„Maria", sagte er zärtlich, — es verschlug ihm fast den Atem — „wenn ich deinen Vater nu fragen würd' und der sagte ,ja‘, heiratste mich dann?"
Sie hätte am liebsten hell gelacht — was fiel dem Kaspar nur ein? — aber das traute sie sich doch nicht, er war so ernsthaft.
„Maria, ja?" Er drängte.
Oh, was sollte sie antworten?! Sie war in großer Verlegenheit; einfach „nein" sagen konnte sie nicht, sie wollte ihn doch nicht kränken. Sie hing den Kops, fall kläglich kam es heraus: „Ich bin noch so jungr' Und bann, wie getrieben von einem Impuls, dessen sie sich seiber nicht bewußt mar und dessen Grund sie nicht kannte, streckte sie plötzlich beide Arme aus nach dem ahnungsvoll Sich- dehnen der Wiese, nach dem Lauf des eilenden Wassers, nach dem emporsteigenden Warmenberg drüben, auf dem der Himmel zu ruhen schien, und fast ungestüm stieß sie heraus: „Ich will doch leben! Ich muß leben — ach, laß mich noch!" Und eilends lief sie fort.
Er stand bestürzt: war das ihre ganze Antwort'? Wieder verstand sie ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen. Niedergeschlagen ging er ihr nach. Stumm sah er zu, wie sie weiter nach Veilchen suchte. Erste bleichgelbe Himmelsschlüssel fand sie schon auf der Wiese und mitten in braunmoderndem Buchenlaub die weißen Sterne der Anemonen. So glücklich schien sie darüber, daß er das, was er eigentlich jetzt sagen wollte — er ließe sich nicht länger mehr an der Nase ziehen — nicht sagte.
Mit einem Sträußchen kam sie dann zu ihm zurück. Als habe er sie gar nicht so etwas Ernsthaftes gefragt und sie ihm nicht so darauf geantwortet, lachte sie ihn vergnügt an.
Aber er lachte nicht, er machte ein finsteres Gesicht.
Da legte sie beide Hände, in ihnen das Sträußchen haltend, wie betend zusammen, legte sie so an seine Brust unb sah ihm von unten her in die gesenkten Augen „Kaspar, bist du mir bös?"
Er schüttelte „nein" — was sollte er ihr wohl sagen?
Da stieß sie einen jubelnden Ruf aus: „Wat is et so schön auf der Welt! Wat bin ich so froh, daß ich leb!" Und faßte seine Hand und ließ die nicht mehr los.
Hand in Hand gingen sie so; die, welche ihnen norm Dorf begegneten, hielten sie für ein Liebespaar. Und sie waren das doch nicht.
5. Kapitel.
In den Weinbergen waren die Arbeiten, die dem Frühling voraufgchen, beendet. Simon Bremm
mußte jetzt auf sein Feld. Das lag, seinem Weinberg gerade entgegengesetzt, weit draußen norm anderen Ende des Dorfes, da, wo das Ufer ein wenig mehr ausholt und den Portenern so Raum läßt für die Streifen ihrer Aecker und .Gärten und für die Dbftbäumc längs der Chaussee. Früher hatte Bremm sich einen ständigen Knecht gehalten uni), auch für die Frau eine Magd im Haus; das konnte man sich jetzt nicht mehr leisten, aber wenn sie alle mit anfaßten, ging es auch ohne bezahlte Hilfe. Es mußte gehen. Und der Acker mußte eben bescheiden sein, sich begnügen mit dem, was der Weinberg übrig läßt an Kraft und Dünger und Zeit und Liebe.
An der ganzen Mosel blühten die breitgeästeten Bäume der süßen Kirschen, vom Berge gesehen ein ganzes Meer gerundeter Wipfel, schneeig weiß hin- gelagerten Wolken vergleichbar. Im Buchenwald jubilierte unablässig der Fink. Die Wiese unterm Klosterberg, dem Dorf gegenüber, zeigte sich bunt: Dotterblumen und Knabenkraut, Himmelschlüssel und Wiesenschaum. Wie lange noch und tiefblaue Akelei schoß auf im höher werdenden (9ras, und im noch von erhaltenem Gemäuer umstandenen Schiff der alten Klosterkirche kletterten blühende Ranken des duftenden Nosenbusches, auf den einst Jungfrau Maria die Windeln des Iefuskindleins gehängt.
Maria Bremm pflückte nicht Blumen mehr auf der glücklichen Wiese; seit Ostern war sie fort in der Kreisstadt. So ungern Bremm sie hatte ziehen lassen — er empfand es wie demütigend: die Tochter eines Winzers, seine Tochter im Dienst! — so sah er es doch ein, es war jetzt eine neue, eine ganz andere Zeit, wenn auch keine bessere. Der Winter war für all die Arbeit des Winzers zu kurz, zu lang aber für einen, der viele Mäuler satt zu machen hat; es war nötig, daß die Maria sich etwas verdiente. Woher kam es nur, daß man in allem so knapp war? Man hatte jetzt doch wieder richtiges Geld. Aber was vordem taufend Milliarden gewesen waren, das war jetzt nur eine einzige lumpige Mark. Bremm wunderte sich, wie seine Anna es fertig gebracht hatte, sie alle so leidlich durch den Winter zu bringen, in dem man doch so viel mehr Hunger hat als zu anderer Zeit. Im heißen Sommer mag man kaum essen, aber jetzt knurrte der Magen noch manchesmal, wenn man schon längst im Bett lag. Gott sei Dank, die Kinder verschliefen's! —
(Fortsetzung folgt.)


