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Nr. 55 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Turnen, Sport und Spiel.

Oas Keldbergfest 1928.

Sonderbericht desGießener Anzeigers".

w. Frankfurt a.M.. 4. März. Das Feld- berg fest, das älteste und volkstümlichste der deutschen Bergfeste, verdankt seine Entstehung der freiheitlich-vaterländischen Bewegung, die in Turner- und Sängerkreisen besonders begeisterten Widerhall fanden. Zum erstenmal versammelten sich überzeugte Anhänger der deutschen Einheit 1814 am ersten Jahrestage der Leipziger Schlacht auf dem höchsten Bergesgipsel Mitteldeutschlands zu hehrer Festesstunde, die durch die Anwesenheit Ernst Moritz Arndts besonders verklärt wurde. Don da ab kamen die Feldbergwanderungen unter Turnern und Sängern in Mode. 1844 wurde das erste Feldbergfest veranstaltet. Es war ein Turner- und Sängerfest. Von da ab fanden die Feldberg >este mit wenigen Unterbrechungen regelmäßig statt. Früh schon sehen wir Turner aus Gießen und Butzbach unter den Organi­satoren und auch unter den Wettkämpfern des Feldbergfestes.

In diesem Jahre findet das Feldbergfest zum 7 5. Male statt, wird also zu einem denkwür­digen Jubiläumsseste. Seiner Vorbereitung galt der 8 7. Feldbergfe st-Turntag, der heute bei gutem Besuche aus den: ganzen Mittel­rheinkreis der D. T. in der Turnhalle des Turn­vereins zu Aiederrad abgehalten wurde. Die Eröffnung der Tagung stand im Zeichen des Dolkstrauertages. Feierliche Musik trug der Stimmung der Stunde Rechnung, und PH. R ö b i g (Rödelheim), der Vorsitzende des Feld­bergfest-Ausschusses, gedachie in tiefempfundenen Worten der Toten des Weltkrieges und der ver­storbenen Turnersührer des abgelaufenen Jahres.

Aus der Berichterstattung über das verflossene Feldbergfest ist besonders heroovzuheben die Aner­kennung, die der Feldbergfest-Ausschuß bei der Re­gierung gefunden, die in dankenswerter Weise den Ausbau des alten Bergfestes materiell und ideell unterstützt Hot, vor allem auch durch Bekämpfung des Juxplatzunwesens, das sich gegen Brauch und Üebeclieserung auf dem Bergesgipsel eingenistet hatte, sich mit dem Charakter des Feldbergfestes aber nicht vereinbaren läßt. In der Aussprache zum Geschäfts­berichte wurde lobend erwähnt, daß in der Ausge­staltung des Festes allgemeine Fortschritte zu ver­zeichnen sind und daß besonders die Neuanlage der Kampfplatzumfriedigung die Abwicklung der Wett­kämpfe erleichtert.

Als Tag des 75. Feldbergfestes wurde der 2 4. Juni 19 28 bestimmt. Es soll als Jubiläums- feier würdig ausgestaltet werden. Am Vorabend fin­det auf dem Bergesgipfel eine Sonnenwend­feier statt, die durch LienhardtsSch-wertweihe- spiel" und durch einen Fackeltanz verschönt wird. Ein Scheinwerfer soll vom Fekdbergturm aus die ganze Nacht weit ins Land hinaus Kunde von dem Feste geben. An die Sieger im Wettkampfe werden zur Erinnerung an dos 75. Feldbergfest fein ausge­stattete Siegerkränze ausgegeben werden.

Als Wettkampfübungen wurden für das 75. Feldbergfest bestimmt:

Männer (19 Jahre und älter): 100-Meter- Lauf, Kugelstoßen (7,25 Kilogramm aus dem Kreise), Wettsprung, Freiübung.

Jugend turner (17 bis 18 Jahre): 100» Meter-Lauf, Kugelstoßen (5 Kilogramm aus dem Kreise), Weitsprung, Freiübung.

Altersturner (Klasse 35 bis 39 Jahre und Klasse 40 Jahre und älter): 75-Meter-Laus, Kugelstoßen (7,25 Kilogramm aus dem Kreis«), Weitsprung, Freiübung.

Frauen (17 Jahre und älter): 75-Meter- Laus, Kugelstoßen (4 Kilogramm aus dem Kreise), Hochsprung, Freiübung.

Außerdem finden die üblichen Mannschasts- kämpfe um den I a h n s ch i l d (4X100-Meter- Staffel), den Brun Hilde nschild (4X75- Meter-Stasfel) und das Völsungenhorn (Wurf, Stoß, Sprung, Freiübung) statt. Der Dölsungenkampf soll immer mehr einen volks­tümlicheren Charakter bekommen: außer örtlichen

Die goldenen Berge.

Vornan von Clara Dieblg.

Copyright bh Deutsch« Verlags-Anstalt Stuttgart. 5. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

In Simon Bremms Weinberg lachte jetzt wenig­stens die Maria. Ihre gute üaune war wieder­gekehrt, ihrer Jugend machte es nicht viel aus, daß das Wetter naß war und unfreundlich, ein schöner Tag war's doch. Die Lese war nun einmal zum Freuen da, und so freute sie sich denn, obgleich sie im Grunde nicht recht wußte, warum; freute sich über das Krachen der Böller diesseits der Mosel und jenseits, über die vielen Karren, die von und zu dem Weinberge fuhren, über all die Menschen, deren inan sonst nie soviele beisammen sah. Oder freute sie sich, daß der Kaspar sie heute abend ab- holen kam? Am Klosterberg hatten sie schon eher begonnen, die Lese war da weiter voran, in Man- ten war heute schon Tanzmusik. Wenn sie ihm auch nichts versprochen hatte von dem, was die Mäd.chen fönst alle dem versprechen, der siebei di« Muhsik" holt, sie wußte, er holte sie doch.

Sie fing an zu singen. Hell stieg die klare Mäd­chenstimme in den nebligen Tag und schien dessen nioderdrückende Schwere leichter zu machen. Ha, das tat wohl! Aus den benachbarten Rebstöcken fielen noch andere Stimmen jetzt ein, immer mehrere und mehrere fanden sich zu, es hatte nur des Anstoßes bedurft, der einen führenden Stimme:

O Mofetland, o selig Land,

Ihr grünen Berge, du Fluß im Tal" Simon Bremm lächelte stolz: seine Maria, ja, die verstand es, froh zu machen!

Auch Frau Anna lächelte. Seit Wochen schon hatte sie gebetet, daß der Joseph heimkehren möge, zuletzt hatte sie alle Nacht von ihm geträumt und ihn jetzt ganz bestinunt erwartet. Zur Lese kommt doch jeder aus der Familie nach Haus, nicyt nur, daß man da jede Hand gut gebrauchen kann, man weiß auch, da gehört man zusammen. Vorige Lose war er noch hier gewesen, obgleich er auch damals schon nicht mehr gut mit Vater stand. Der Joseph war dazumal in Kochem gewesen, bei einem, der Gastwirtschaft hatte und Wein verkaufte und einen Schleppkahn

Mannschaften können auch Bezirke und Gaue dazu melden.

Deutsche Kußballsiege in Paris.

Der deutsche Fußballmeister gewinnt glatt 4:1.

Der deutsche Fußballmeister, der 1. F. C. Nürn­berg, spielte am Samstag zum ersten Male in Paris. Als Gegner traf er auf eine aus den Vereinen Cercle Athletic und Red Star (Paris) kombinierte Mannschaft, die in ihren Reihen gute Einzelkräfte aufwies.

In der ersten Spielhälfte lieferten die Pariser dem deutschen Meister eine ziemlich gleichwertige Partie. Temperamentvoll und schnell kamen sie oft vor S t u h l f a u t h s Heiligtum, aber im Schießen war ihre Kunst schlecht gepflegt. Nürnberg spielte taktisch und technisch hervorragend. Vor allen Din­gen wurde sehr haushälterisch mit den Kräften um­gegangen. Zehn Minuten vor der Pause zog R e i n m a n n in prächtiger Kurve vor das fran­zösische Tor und schoß unhaltbar den Führungs­treffer für Nürnberg. Mit 1:0 für den Club wur­den die Seiten gewechselt.

Nach der Pause zog die deutsche Meisterels alle Register ihres großen Könnens. Mit zentimeterge­nauem Paß wanderte der Ball von Mann zu Mann. Die Torerfolge ließen daher nicht lange auf sich warten. Hochgesang schoß den zweiten Treffer, und der in prächtiger Form spielende Kalb erhöhte durch zwei wuchtige Schüsse aus dem Hinterhalt das Ergebnis für Nürnberg auf 4:0. Da der Sieg Nürnbergs nunmehr unstreitig feststand, wurde von selten der Deutschen nicht mehr so stark auf das Tempo gedrückt. Die letzten Minuten gehörten daher den Franzosen, die dann auch durch Baron ihren Ehrentreffer erzielten konnten.

Die Aufnahme der deutschen Meisterelf war über­aus herzlich. S t u h l f a u t h überreichte vor Spiel­beginn dem Spielführer der Pariser Mannschaft einen Wimpel.

1. F C. Nürnberg schlägt Red Star Olhmpique in Paris 3:2 (1:1) Bei schönem Wetter standen sich am gestrigen Sonntag im Pariser Stadion Buffalo der 1. F. C. Nürnb erg und der Red Star Olhm- Pique im Fuhballwettkamps gegenüber. Das Spiel endete mit dem Sieg der Rürnberger, die mit 3:2 gewannen. Zu Beginn griff die Red Star-Mannschaft an. Das erste Tor schoß Martin für die Franzosen. In der 25. Mi­nute gelang es Hochgesang, den Ausgleich yerzustellen. Das Spiel verlief ziemlich scharf. In der zweiten Halbzeit schoß Hochgesang ein zweites Tor. Mehrfache Vorstöße des Fran­zosen R i c o l a s konnte die deutsche Vertei­digung jedesmal vereiteln. Auch das dritte Tor für Nürnberg schoß Hochgesang. Kurz vor Spielschluß gelang es dem Franzosen Frna - m o r e, einen gut zugespielten Ball in daö Nürnberger Tor zu köpfen, so daß das Echluß- ergebnts 3:2 für Nürnberg lautete.

Um die süddeutsche Fußballmeisterschaft.

Die Runde der M e i st e r hat die Spiele der Vorrunde beendet und diesmal einen spiel­freien Tag eingeschoben. Nur das rüdftänbige Spiel der beiden Tabellenletzten, des Sp. V. W a l d h o f und F. V. Saarbrücken, kam zum Austrag und wurde, wie erwartet, von Waldhof mit 5:2 Toren gewonnen. An der Tabelle ändert sich durch dieses Spielergebnis nichts.

In der Runde der Zweiten und Drit­ten, Gruppe N o r d w e st , gewann der F. Sp. D. Frankfurt gegen Saar 05 Saar­brücken mit 4:2 Toren. Das für den 2. Platz der Tabelle sehr wichtige Treffen zwischen F. G. 03 Ludwigshafen und F. Sp. V. 0 5 Mainz wurde in einem harten Kampfe von Mainz gewonnen, der aber erst im Endkampf den Sieg sicherstellen konnte. Mit 3:2 für Mainz ist das Torverhältnis so knapp ausgefallen, wie es der Gleichwertigkeit der beiden Mannschaften entspricht.

hatte auf der Mosel fahren. Es war Bremm ärger­lich, daß der Joseph nicht Weinbauer werden wollte und mit ihm arbeiten in den Bergen. Aber der Joseph hatte ausgespien:Winzer?! Psui Deibel! , so dumm sein ich doch nit!" Darüber hatten sie Händel bekommen.Faulheit," schrie Bremm, undFrechheit!" Ach, daß Bremm sich doch nicht so aufgeregt hätte darüber! Das war ja nicht so bös gemeint gewesen und auch nicht geringschätzig, es war nur dumm. Aber Bremm war gleich das Blut zu Kopf gestiegen, er hatte den Jungen, der da- stand, die Hände in den Hosentaschen, wütend an­gefahren:Lach nit so dreckig!"Ich lachen ja gar nit." Aber der Junge hatte doch wohl gelacht, denn der Vater hob die Hand und schlug ihm eins auf den Mund, daß es klatschte. Da hatte der Joseph sich die Kappe aufgestülpt, hatte sich umgedreht und war aus der Tür gegangen.

Seither hatten sie ihn nicht mehr wiedergesehen. Er schrieb auch nicht. Ein paar Monate, fast ein halbes Jahr hielt die Mutter das aus, dann machte ii# sich heimlich auf, fuhr nach Kochem. In seiner früheren Stelle war er nicht mehr.Ein ganz an­stelliger Bursch, nicht dumm, aber nicht arbeitsam, fanl/ sagt« der Prinzipal. O Jesus! Betrübt machte di« Mutter die Türe wieder hinter sich zu. Und wo sollte sie ihn nun suchen? Von Beschämung und Un­ruhe übertommen, stand sie unschlüssig noch vor dem Haus, da streckte ein Küfer den Kops aus der Kellerluke:Suäst Ihr den Joseph? Den is nit mehr hier. Den is nach dem Rhein erunter."

Der Rhein, der Rhein, der war doch nicht aus der Welt, die Mosel floß in den Rhein. Das war nicht zu weit, um zurückzukommen.

Oft wenn jemand im Dunkeln am Haus vorbei- fam, hatte die Mutter ausgshorcht: roar das nicht fein Tritt? Er kam sicher nur, wenn alles still war am Abend, wenn er wußte, der Vater war müde vom Weinberg und schlief schon. Er stand vor der Tür, er traute sich noch nicht herein ach, der arme Jung! Sie hatte beständig großes Mitteid mit ihm. Oh, wie ist das so traurig, wenn ein Kind sein Elternhaus verloren hat! Aber der Joseph hatte es ja nicht verloren, sie war doch noch da. Und sie legte es sich zurecht, was für gute Worte sie ihrem Mann geben wollte, was sie tun wurde, um die beiden zu versöhnen.

Auch die Gruppe S ü d o st hatte nur drei Kämpfe auf dem Programm. Der Tabellen­erste, Wacker München, triumphierte natür­lich über die Karlsruher Reservemannschaft des Phönix sehr hoch, nämlich mit 8:0 Toren. Ein sehr spannendes und abwechslungsreiches Treffen lieferten sich Union Böckingen und Sp. D. 1860 München, das den Leistungen entsprechend 3:3 endete. Gin hartes, aber faires Spiel kam zwischen dem Sp. El. Freiburg und dem V. f. R. Fürth zustande, in dem die Freiburger sehr stark versagten, wahrend die Fürther in bester Verfassung spielten und mit 5:1 Toren für die im Vorkampfe erlittene Nieder­lage Vergeltung übten.

Süddeutsche Handballmeisterschast.

Stuttgarter Sickers D. 5. v. München 3:3 (2:2).

Das Spiel wurde beiderseits mit größtem Tempo durchgeführt. Beide Mannschafteneigten sich gleich wertig, was auch in dem Endresultat zum Ausdruck kommt.

Leichtathletik.

Bolhe läuft 3000 Meter in 8.47,6.

Bei dem am Sonntag in Nürnberg veranstalte­ten Hallensportfest zeigte sich der deutsche 1500- Meter-Meister, B o l 1; e Hamburg, in großer Form. Er gewann das 3000-Meter-Lausen in der ausgezeichneten Zeit von 8.47,6.

Lloyd hohn läuft Weltrekord.

Amerikas bester Mittelstreckenläufer und Hallen- spezialift, Lloyd Hahn, konnte am gestrigen Sonntag bei einem Hochschulwettkampf in Neuyork einen neuen Hallenrekord über eine halbe englische Meile aufstellen. Lloyd Hahn lief die glänzende Zeit von 1,51z und unterbot damit Peltzers Welt­rekord über 800 Meter um | Sekunde.

Rem Erkens schwimmt Rekord.

Bei dem am Donnerstagabend in Ruhrort abge­haltenen Schwimm werbeabend verbesserte Die deutsche FreisMmeisterin Fräulein Reni Erkens (Oberhausen) den von Lotte Lehmann (Dresden) gehaltenen deutschen Rekord im 100-Meter- Damen-FreistiIschwimm«n um zwei Zehntel Sekun­den. Fräulein Erkens schwamm die ausgezeich­nete neue Rekordzeit von 1:14.

Hallenschwimmrekord

Der erste Tag der internationalen Schwimmwett- fämpfe des Schwimmklubs Borufsia-Silesia Breslau brachte einen neuen Hallenrekord. Karl Schubert vom veranstaltenden Verein konnte das 100-Meter-Freistil-Schwimmen in der Zeit von 1:01,4 vor Eckstein (Leipzig) und Dahlem (Breslau) ge­winnen.

Ann! Rehborn In Paris zweimal geschlagen

Beim Schwimmfest des Pariser Damenschwimm. VereinsLesmouettes" wurde die deutsche Schwim- merin, Fräulein Anni Rehborn, von der hol­ländischen Europameisterin, Marie Braun, im 100-Meter-Freistilschwimmen (1,15) und 200-Meter- Rückenschwimmmen (13.17,3) geschlagen.

Gießener Radfahrer-Verein 1885.

Dei den Gaumeisterschaften im Saal­sport des Gaues 73 Lahn, Bund Deut­scher Radfahrer konnte der Verein einen großen Erfolg verbuchen, da es ihm gelang, bei schärfster Konkurrenz hiesiger und auswärtiger Vereine, in den von ihm gemeldeten vier Wett­bewerben nach wiederholten Vorspielen als Sie­ger hervorzugehen. Die Jugend kämpfte im 2er Radball um den C. C. Waldeck-Heraus­forderungspreis. Die Mannschaft Gramlich- F a u st kam in den Gndkampf mit der Mannschaft der RadfahrergesellschaftDie Wanderer 1896 Gießen. Letztere mußte sich mit dem Resultat 5:0 geschlagen bekennen. Der Preis kommt nunmehr zum zweiten Male in ten Besitz des Vereins. Die Mannschaft A. D e ib e l- K. R i e g e r er­kämpfte sich nach aufregendem Kampfe, ter zeit­weise alle Zeichen eines Lokaltreffens aufwies, die Gaumeisterschaft im 2er Radball von ter Mannschaft des RadclubsGerinania" Gießen mit dem Ergebnis: 3:2 Toren. Die gleiche

Ach, wenn der Joseph doch heute tarn! Anna Bremm wischte sich über die schwer« Stirn und gähnt«: vor allem Lauschen war sie heute nadjt sehr wenig zum Schlafen gekommen. Ihr wehmütiges Lächeln war verschwunden, ihre Miene wie immer gelassen, scheinbar unbewegt, aber tief in ihren Augen saß Trauer. Und sie fühlte sich müde. Trotz­dem war es ihr lieber, mit hier draußen zu sein nur nicht so allein zu Haus! So sah sie, wie emsig der Peter und der Paul ihre Stöcke absuchten. Die beiden würden ganz recht, sagte Bremm aber wer konnte das für gewiß sagen? Steckt man in einen Kindern drin? Ach, man sollte lieber incht o viele Kinder haben! Es war eine große Un- icherheit in der Frau.

Wtaria kam gesprungen, das blasse Gesicht der Mutter mochte ihr auffaüen:Bist« arg müh?" Sie "ahm der Mutter das Traubenbüttchen ab und leerte es in den Beschoß den sie sich aufgehuckt hatte. Sie trug den jetzt herunter zum großen Traubenbottich auf dem Karren: leichtfüßig und aufrecht, als spüre |ie bie Last auf ihrem Rücken gar nicht, lief sie di« fteiten Treppchen und den noch schwerer zu gehen­den, durch die Nässe glitschigen Pfad hinab.

«om Zuckerberg her plötzlich lautes Geschrei. Die vchominer roar ausgerutscht beim Heruntertragen, «i« war zwar zu sitzen gekommen, aber blitzschnell sauste sie abwärts wie auf der Rodelbahn, mit dem Hinterteil den glatten Schiefer scheuernd. Aus ihrer Hotte schwuppte es i rauben zerplatzten schreiend und strampelnd suchte sie irgendwo anzu­halten. Zuletzt gab sie es auf; nun rollt« sie voll­ends das letzte Stück.

Ei, war das schade, daß es keine Hübschere war! Eine ganz Junge! Da hätte man andere Waden zu sehen gekriegt und rundere Knie, als die mageren nackten, die sich über den zu kurzen, mit alten Lei- nenbandeln umwundenen blauen Strümpfen zeig- ten. Ein paar Witzbolde versuchten ihren Witz, die Mädchen kicherten und versteckten ihre Gesichter.

Di« Schommer, nicht faul, war gleich wieder auf den Beinen. Oh, sie hatte sich gar nichts getan, man mufj einen Puff vertragen können! Sie lachte selber am allermeisten.

Jetzt war überall Lachen. Die allgemein etwas gedruckt« Stimmung hatte sich vollends gehoben. Dian hatte schon so vieles überstanden: Krieg, Be­

Montag, 5. März (928

Mannschaft, verstärkt durch den Führer K. Keß- ler, errang auch die Gaumei stersch af t im 3er Radball. Der Gegner, die Mannschaft des RadclubsGermania" Gießen, mußte sich mit 3:1 Toren geschlagen bekennen. Die 6er Kun streigen Mannschaft (Gebr. Keßler, Deibel, Kern, Gärtner und Lehfeld) fuhren ihren Reigen in vorbildlicher Weise und errang den TitelGaumeister" wie alljährlich, mit 12.016 Punkten vor den Mannschaften von Wetzlar und Marburg.

Wirtschaft.

Oie Konjunktur Ende Iebruar.

Das neueste Vierteljahrheft des Instituts für Konjunkturforschung behandelt neben einer aus­führlichen allgemeinen Untersuchung der deut­schen Konjunktur die Konjunktur der wichtigsten Wirtschaftszweige, sowie die der bedeutendsten ausländischen Wirtschaftsgebiete. In dem zu­sammenfassenden lleberblick über die Kon­junktur Ende Februar 1 9 2 8 wird ge­sagt:

Ende Mai 1927 lautete die Diagnose des In­stituts: die Wirtschaft nähere sich der Hoch­spannung. Ende August wurde konstatiert, sie sei in die Hochspannung eingetreten. Ende No­vember wurde für wahrscheinlich erklärt, daß die wirtschaftliche Aktivität ein Maximum erreicht habe. Nunmehr Ende Februar 1928 laßt sich feststellen, daß das Maximum über­schritten ist. Die Beschäftigung ist wesentlich zurückgegangen. Zum großen Teil beruht dies freilich auf jahreszeitlichen Einflüssen. Jedoch läßt sich auch eine konjunkturelle Ab­wärtsbewegung beobachten: die Verbrauchs­gütererzeugung hat sich um 4,6 v. Sy, die Er­zeugung bei den Produktionsmittelindustrien um 2,4 v. H. vermindert. Die Spannungen jedoch dauern in der Hauptsache noch unverändert an. Die Lagerbildung scheint sogar einen Höhepunkt erreicht §u haben. Der Rückläufigkeit der Noten- bankkredttO die nur zum Teil saisonbedingt ist, steht eine weitere, wenn auch verlangsamte Stei­gerung der Wechselziehungen gegenüber. Der Geldmarkt ist zwar etwas flüssiger geworden: der Kapitalmarkt zeigt aber nach wie vor nur eine beschränkte Aufnahmefähigkeit. Wenn die Konjunktur also noch immer durch starke Spannungen gekennzeichnet ist, so ist ander­seits zu berücksichtigen, daß in den letzten Jahren große Kapitalreserven geschaffen worden sind, Die dem Wirtschaftskörper eine erhöhte Festig­keit verleihen. Die veränderte Wirtschaftsstruktur könnte auch eine Veränderung in dem kon­junkturellen Rhythmus, wie wir ihn seit Ende der Inflation beobachten, d. h. längere Phasen­dauer und verminderte Ausschläge, herbeiführen. Von einer Stabilisierung der Kon­junktur kann aber nicht gesprochen werden; die Lage ist durchaus labil.

Verkauf der Himmelsbach-Werke.

Kleber den Verkauf der Werke der Gebr. Himmelsbach A.-G. werden dem W. T. B. aus Freiburg folgende zutreffende An­gaben gemacht: Der Konkursverwalter errichtet gemeinsam mit der Gesellschaft für Holzhandel G. m. b. Sy in Freiburg, die bekanntlich zwecks Fortführung der Geschäfte während ter Ge­schäftsaufsicht gegründet tourte, eine neue Ge­sellschaft unter ter Firma Jmpreva Holzimprägnierungs-und Holzver- wertungs-A.-G. mit dem Sitz in Freiburg. 3n die Jmpreva werden die zur Konkursmasse gehörigen Werke mit wenigen Ausnahmen und auherdein das Vermögen ter Gesellschaft für Holzhandel als Ganzes eingebracht, gegen Ge­währung von Aktien der neuen Gesellschaft, deren voll eingezahltes Aktienkapital nominell zwei Millionen Mark beträgt. Gleichzeitig gehen die von ter Gesellschaft für Holzhandel zur Fort­führung der Betriebe eingeiauften Holzbestände auf die Jmpreva über. Nach Durchführung der Gründung svird die Jmpreva von dem Konkurs­verwalter die restlichen Warenbestände der Masse hinzuerwerben, zugleich mit dem Auftragsbe­stand per 1. Jcniuar 1928. Der Konkursverwalter wird seine bei der Gründung übernommenen Jmpreva-Aktien an ein unter Führung der jafcung, Inflation, was jetzt noch kam, konnte nicht halb so schlimm mehr sein. Ein« Wolke hatte überm Weinberg gehangen, das Lachen hatte sie sortge- scheucht. Ha, war das komisch gewesen, urkomisch! Zum Totlachen war's!

Als der alte Bremm zu schimpfen anfangen moUte, wurde ihm von allen Seiten Ruh« geboten. Was, schimpfen wollte der noch? Froh sollte er lein, teß die Schommer sich nichts getan hatte bei der üf9Pn;tle' hatte er schöne Kurkosten zahlen muffen. Mer freilich, er konnte das ja, er war reich, er hatte seinen Wein ja so gut verkauft! Wieder hob lautes Gelächter an.

Simon Bremm lachte nicht mit, er sah nach dem Alten hin und füllte, etwas Grausames war in die­sem Lachen. Aber der Jakob tat, als höre und sähe er nicht mehr.

Die Kinder, die mit in den Berg gekommen waren, sich da unnütz aufführten, machten's der «chommer nach, fi« rutschten unter lautem Gekreisch Die toteile hinab: andere haschten sich zwischen den stocken. Waren sie hier fortgejagt, tauchten sie dort wieder auf. Als fei der trübgraue säuerliche Trau- benjaft den sie naschten, schon goldklarer lüßer Weny ,o gebärdeten sie sich. Sie torkelten, schrien, kreischten, fielen übereinander und lachten unbändig.

Ob gute oder schlechte Ernte, so war's bei der «efe eigentlich immer - allerlei Späße und Neckereien, verstohlen« Kusse hinter schützenden Rebwänden, und Hofinungen, die wie die Beeren der Traube am Weinstock am Himmel der Zukunft hängen. Wem so oft die Krankheit, die das Blatt versehrt, die ~ raube vertrocknen oder verschimmeln läßt, in den Wemberg gekrochen ist, wem allezeit Frost, Hagel.

rutsch über den Hals kommen können, der ist bescheiden.

Als Simon Bremm in schwarzsinkenter Nacht mit feinen beiden Jungen den Traubenbottich in den Helterraum jchafste, war er für heute zufrieden. Da horte er plötzlich vom Haus her einen lauten Auf- frfireu Gr erschrak: was war? Die Frau war allein, die Mana nach Munden, die Kleinen schliefen ivar etwas passiert? Er rannte ins Haus. Da stand leine rau in der Küche und hielt ein Mannsbild umschlungen.

(Fortsetzung folgt.)