Nr. 155 Erstes Matt
178. Jahrgang
Mittwoch, 4- Juli (928
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Die neue ^eichsregierung vor dem Reichstag.
Müllers Premiere.
„Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen".
Don unserer Berliner Redaktion.
Qiti Sozialdemokrat al- Reichskanzler. das Haven wir nicht mehr erlebt seit 1920, als derselbe Hermann Müller, der jetzt tote- der an der Spitze der Regierung steht, nach der Riederlage bei den Wahlen zurücktrat. DaS sind immerhin achtIahreher:kein Wunder, wenn deshalb die Premiere de« Kabinetts eine starke Anziehungskraft auSübt. nicht nur auf die Ab- geordneten und die Herren vom Reichsrat, sondern auch auf das Publikum, so dah sämtliche Tribünen einschließlich der Diplomatenloge überfüllt sind. Vielleicht mag allerdings noch hinzukommen. dah man sich einen regelrechten Skandal von den Kommuni st en, wie bei der ersten Sitzung des Landtages, versprach. Wer sich daraus gespitzt hatte, erlebte allerdirigs eine Enttäuschung, die Kommunisten begnügten sich oamxt, Hermann Müller bei seinem Erscheinen mit höhnischen Grützen zu empfangen und gelegentlich Zwischenrufe zu machen, die er mit großer Schlagfertigkeit zurückweist, im übrigen aber haben fte doch offenbar Angst vor dem rücksichtslosen Durch- greiscn des Reichstagspräsitentcm und legen der ordnungsmätzigen Vorstellung des Kabinetts kerne Hindernisse in den Weg, abgesehen davon, daß sie hin undwieder den Reichskanzler zu überbrullen ^Herr Müller hat ein umfangreiches Manuskript vor sich, eigentlich viel zu lang für eine Regierungserklärung, das er mit eintöniger Stimme zu verlesen beginnt. Allerdings kam ihm hrer seine Praxis aus Versammlungen zugute, er kann seine Stimme nach Belieben starken, so dah er die Zurufe fast regelmäßig übertönt. Fast eine ganze Stunde liest er vor. Er liest sehr rasch, woraus sich der Umfang der Regierungserklärung ermessen läht. Sie ist aufgestellt nach der allen Theorie: „Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen? Richt umsonst hat der neue Kanzler acht Sage mit den Fraktionen beisammen gesessen. Die Rotizen jener berühmten siebzehn Punkte hat er sich aufgehoben. Diese siebzehn Punkte zerfallen zum Teil wieder in zehn bis zwölf Unterabteilungen; es kam also ein endloser Wunschzettel zustande, der eigentlich sämtliche Punkte der Außen- und der Innenpolitik berührte.
Und so ist auch die Erklärung selbst gehalten. Nur der Teil, der die Außenpolitik behandelt, verrät einen gewissen Schwung, er stammt unverkennbar aus der Feder Dr. Stresemanns. Der ganze übrige Teil istDureaukratenarbeit, ist sorgfältig abgewogen und auf Kompromissen aufgebaut, man merkt förmlich, wie hier in langen Kabinetts- fifcungen um Worte gerungen worden ist, und daß oft genug Allgemeinheiten gewählt wurden, um über Gegensätze Hinwegzukommen. Etwas Walv res ist schon daran, wenn plötzlich ein Komnmnist dazwischen ruft: „Das ist ja alles Schmus!" Frei lich, Schmus, der im wesentlichen auf Kosten der Sozialdemokraten geht. Sie müssen sehr viel Wasser in ihren Wein tun und mit gatu wenigen Zugeständnissen sich begnügen. Kein Wunder, wenn sie mit etwas verlegenem Schweigen die Erklärung anhören und geradezu begeistert aufatmen, als ihnen die Erwähnung der Republik und die Achtung der Verfassung Gelegenheit zu lauter Zustimmung gibt. Der Beifall zum Schluß ist denn auch mehr gezwungen. Er ist am stärksten bei den Demokraten, erheblich schwächer bei den Sozialdemokraten gering beim Zentrum, bei den Bayern und der Deutschen Volks- partei. Auf der anderen Seite halten sich allerdings auch die Deutschnationalen von irgendwelchen Miß- sallensäußerungen zurück, wozu ihnen freilich auch der Text der Regierungserklärung nur sehr wenig Handhabe bot.
Sitzungsbericht.
Berlin. 3. Iuli. (D.D. Z.) Die Tribünen sind schon längere Zeit vor Sitzungsbeginn dicht beseht auch die Diplomatenloge. Bald füllt sich auch der Sitzungssaal bis auf den letzten Platz. Als Reichstagspräsident Löte die Sitzung eröffnet, erscheinen (mit Ausnahme des Reichs- auhenministers) die Mitglieder der: neuen Regierung mit dem Reichskanzler Muller an der Spitze. Der Präsident verliest das Schreiben, in dem Reichskanzler Müller dem Reichstag seine Ernennung mitteilt und die Mirglleder seines Kabinetts aufführt. (2lbg. Torgler lKomm.) ruft: „Sauter Ramen. aber keine Kopfe.) Als der Schriftführer bei der Verlesung der ein- gegangenen Vorlagen das Viehseuchenge ez anführt, rufen die Kommunisten: ..Das patzt ge- rate!" (Heiterkeit.) Hierauf nimmt der Reichs- k anzier das Wort. Die Kommunisten empfangen ihn mit dem Ruf: „Der Generaldirektor kommt!
Reichskanzler Müller-Franken
führt u. a. aus. Der Wahlkampf hat ter Weit bewiesen, dah das Deutsche Reich nach den schweren Dachkriegsjahren in eine, Periode ruhiger und steter Entwicklung getreten ist. Die «Fundamente des neuen Staates, der Deutschen Republik. stehen sicher und unerschütterlich. Entschiedene Weiterarbeit auf dem Wege sozialen und wirtschaftlichen Fortschrittes entspricht dem
Willen, den das deutsche Voll bei der Reichs- tagswaht bekundet hat. Diesem Ziele dient die Zusammensetzung ter Reichsregierung. Beruht sie auch noch nicht auf koalitionsmätziger Grundlage, so hat doch ihre Zusammensetzung die Zustimmung ter in Betracht kommenden Parteien gefunden.
In der A u ß e n p o l i t i k werden wir an der bisherigen Grundlage, dem Willen zur friedlichen Verständigung unter Verzicht auf den Gedanken der Revanche, festhalten. In Uebereinftiwmung mit dem ganzen deutschen Volke ist die Reichsregierung von unserem wohlbegründeten Anspruch auf sofortige Befreiung der noch besetzten Gebiete am Rhein und des Saargebietes überzeugt. Es muß endlich diese noch aus ter Nachkriegszeit 'stammende Schranke nietergelegt werden, die Der Begründung eines wirklichen Vertrauensverhältnisses zwischen den Völkern im Wege steht. Wir er- warten auf das bestimmteste, daß diese Gesichts- punkte nunmehr von den an der Besetzung beteiligten Regierungen gewürdigt werden. 3m Völkerbund, an dessen Aufgaben wir loyal mitarbeiten wollen, sehen wir den wichtigsten Faktor des internationalen Lebens und damit auch den Förderer der nationalen Interessen. 3m Vordergrund unseres 3nteresses steht dabei die Frage der allgemeinen Abrüstung. Die Welt muß sich aber darüber klar werden, daß es auf die Dauer ein unmöglicher Zustand ist, daß ein großes Land wie Deutschland einseitig abgeruftet ich inmitten von Ländern befindet, bic bis an die Zähne bewaffnet sind. Die nächste Bun-
besDerjammlung im September muß Klarheit über den Weg schaffen, ben ber Völkerbunb künftig in biefer ernsten Frage gehen will.
von entscheidender Bedeutung für die gesamte Wirtschafts- und Finanzlage Deutschlands aus lange Jaljre hinaus ist auch die Repara- 11 o n 6 f r a g c. Deutschland hat nach dem 5ad)ocrffänbigenplan seine Verpflichtungen regelmäßig und pünktlich erfüllt Die Sachverständigen selbst aber haben diesen Plan als oor- läusige Regelung bezeichnet Jehl ist die Entwicklung weit genug fortgeschritten, um die Ueberzeugung zu festigen, daß die baldige Herbeiführung der Endlösung nicht nur wünschenswert. sondern auch möglich ist
Der Wieterausbau ter Weltwirtschaft und die eigenen Interessen ter deutschen Volkswirtschaft erfordern gleichermaßen Erleichterungen und Pflege ter Handelsverträge. Die neue Reichsregierung wird sich insbesondere für die Senkung der Zolltarife durch internationale Vereinbarungen einsetzen. Die Reichsregierung sieht Handelsverträge mit den östlichen und südöstlichen Staaten als eine wesentliche Aufgabe an. Wichtig für die Ausfuhr und die Sicherung eines angemessenen Reallohnes ter werktätigen Bevölkerung ist die Preisgestaltung auf dem inneren Markt Zu ihrer Deeinslus- | fung muh die Leitung des Staatswesens den um- bedingt nötigen Ueberblick und Einblick in die Kartelle, Trusts und Einzelorganisationen haben, I um sich ein Urteil über Art und Auswirkung
Friedensschluss zwischen Rom und Wien.
Mussolini und Seipel wechseln Roten über Südtirol.
Zwischen der Wiener und der römischen Regierung hat ein bemerkenswerter Rvtenwech- sel stattgefunden, in dessen Mittelpunkt Südtirol stand. Ausfallend ist an ihm zunächst, daß sich Mussolini überhaupt darauf eingelassen hat, sich mit den Oesterreichern über Südtirol zu unterhalten. Er muh aber wohl gute Gründe gehabt haben, zumal er sich auch entschlossen hat. wieder einen diplomatischen Vertreter nach Wien zu schicken. Weiter hören wir jedoch nur etwas von Erklärungen tes österreichischen Bundeskanzlers, wonach für die Wiener Regierung die Südtiroler Frage l e d i g- lich ein Kulturproblem ist, wir erfahren darüber hinaus, dah es die Bundesregierung ablehnt, sich in innere italienische Angelegenheiten einzumischen. Davon ater, was Mussolini auf die Seipelschen Telegramme geantwortet und ob er auch seinerseits Zugeständnisse gemacht hat, wird nichts tefannlgegeten. Das ist insofern recht merkwürdig, als doch tatsächlich ter Friede zwischen Wien und Rom erst nach einer Aussprache über Südtirol hertei- geführt worden ist. Hüllt sich Wien auch in Schweigen, so muh sich doch bald zeigen, ob ter österreichisch-italienische Friede für Sudtirol Auswirkungen haben wird.
Eine Verlautbarung der römischen Regierung.
Einseitige Zugeständnisse des Bundeskanzlers Leipel?
Rom, 3. Juli. (Agenzia Sfefani.) Um die herzlichen Beziehungen, die vor den Kundgebungen von Oberetsch in Oesterreich zwischen den beiden Regierungen bestanden, wieder herbeizuführen, fand zwischen Ministerpräsident Mussolini und dem Bundeskanzler Dr. Seipel ein Botschaften- wechsel statt, worin der Bundeskanzler feststellt daß es sich für die Bundesregierung in dieser Sache um eine rein kulturelle Angelegenheit gehandelt habe. Der Bundeskanzler hat dabei erklärt, dah er nie aufgehört habe, die Südtiroler Frage al» eine rein innere italienische Angele g e n h e i t zu betrachten, und dah die italienischen Staatsbürger deutscher Rationalität ihre Mansche und Einwendungen nur an Italien richten mässen. Der Kanzler erklärte weiter, dah die verantwortlichen Persönlichkeiten Oesterreichs immer daraus be- dacht waren, sich nicht in die inneren politischen Angelegenheiten einzumischen und dah sie auch in Zukunft diese Richtlinien einhalten werden. Diese Persönlichkeiten hätten nie an antiitalienischen Agitationen teilgenommen und sie auch nicht ermutigt. Menn unverantwortliche Elemente diesen weg einschlagen werden, werde die Bundesregierung mit allen ihr im Rahmen der Gesetze zur Verfügung sichenden Mitteln dem entgegentreten. Infolge dieses Rotenwechsels hat Ministerpräsident Mussolini verfügt, dah der italienische Gesandte in Wien, Eornmendatore Arnriti, auf seinen wiener Posten zurückkehrt.
Ein Wiener „Canossagang".
Der Eindruck der Botschaften in Innsbruck.
Innsbruck, 3. Iuli. (Privatmeldung.) Die Botschaften zwischen Mussolini und Seipel über Südtirol werden in den hiesigen politischen Kreisen lebhaft besprochen, doch enthalten sich die Mittagszeitungen noch jeder Meinungsäußerung. Die »Innsbrucker Rachrichten" schreiten über die letzten Aeuherungen Seipels über Südtirol, dah diese Lohalitätskundgebung tes Bundeskanzlers von dem größten Teil ter Bevölkerung a l s überflüssig, ja als beschämend. empfunden werten würde. Das Blatt gibt der Vermutung Ausdruck, daß es letzten Endes die Haltung der italienischen Regierung in der Anleihefrage und die Schwierigkeiten, welche die Italiener bezüglich ter Rückstellung der Reliefkredite machten, gewesen seien, was Sexpel veranlaßte, diesen Eanossagang anzutreten. Rach wie vor würden die unverantwortlichen Elemente, von denen in ter Kundgebung die Rete sei, sich nicht abhalten lassen, sich für Südtirol einLusehen. Der Erfolg ter Botschaften würde nur der fein, daß sich Volk und Regierung in Oesterreich fremd gegenüberftänden.
Verstimmung in Wien.
Oesterreichs politische Vereinsamung.
Wien. 3. Iuli. (WB.) Don den Rachmittagsund Abendzeitungen befaßt sich die ..Reue Freie Presse" mit dem Kommunique ter „Agenzia Stefani" über Südtirol. Das Blatt gibt zunächst dem Erstaunen weiter Kreise Ausdruck. daß nur die Mitteilung Dr.Sex- pels, nicht aber die Antwort Mussc- i.inis veröffentlicht Worten sei und schreibt dazu, leider fehle von italienischer Seite jede Zusage, daß ein milderes Regime für Sudtirol in den Absichten der italienischen Regierung liege. Solche Friedensschlüsse könnten naturgemäß keine hohe Befriedigung erwecken. Oesterreich sei in ter Zwangslage, einige internationale Beschlüsse zu benot'.gen, damit die Anleihe endlich zustandekomme^ Für die österreichische Regierung gebe es wohl zwe: Möglichkeiten, die diplomatische Offensive Italiens zu beantworten: mit einem unmittelbaren Gegenstoß in Richtung auf den Anschluß oder mit einer stärkeren Anlehnung an die Sutzessionsstaaten. Beite Wege seien jedoch für den Augenblick versperrt. So fei die internationale Situation Oesterreichs leiter womöglich noch schwerer als die wirtschaftliche Lage. Das Kommunique über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit 3ta- lien fei ein Beweis bet Vereinsamung Oesterreichs. Die großteullchen „Wiener Reuesten Nachrichten" erklären: Wir waren gestern abend nicht mehr in der Lage, festzustellen, welche Beweggründe den Bundeskanzler veranlaßt haben, diese auffallende Erklärung ter italienischen Regierung zu übermitteln. Wir behalten uns daher eine Stellungnahme vor. Wir müssen min- destens annehmen, dah eine solche Erklärung nicht erfolgt wäre, wenn nicht die Aussicht bestünde. dah auf i talienischer Seite die Mißhandlungen der Südtiroler Volksgenossen eingestellt werten.
ihrer Betätigung bilden und ihre Maßnahmen entsprechend einstellen zu Ioan en. Entsprechende Vorschläge einer Erweiterung der Kartell- und Trust gesetzgebung. inSteiuntere nach ter Richtung der Einbeziehung ter den Martt teterrscheirden Grohunternehmungen werten nach iy.er Fertigstellung vorgelegt werten. Auch die Bestrebungen auf stärkere Oeffent- lichkeit ter Grohunternehinungen durch Reform des Aktienrechts dienen dem Gesamtinter- esse. Besonders angelegen sein lassen wird sich die Reichsregierung den Schutz und die Ford - rung ter mittelständischen Kreise. Durch alsbaldige Vorlage ter Handwerkernovelle sollen wichtige Organisationssrageit geregelt werten. Die genossenschaftlichen Selb st- Hilfeeinrichtungen von Handwerk und Gewerbe sollen tatkräitig gefoltert und die V c r- dingungsordnung auf das gesamte öffentliche Vergebungswesen ausgedehnt werten unter besonderer Berücksichtigung ter Heinen und mittleren Betriebe Der Bedarf an Qualitätsarbeitern wird durch umfassende Regelung der Berussausbildung des Rachwuchses in Industrie, Hantel und Gewerbe unter gleichberechtigter Mitwirkung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Rahmen des alsbald einzu- bringenten Berufsausbildungsgesetzes sicher geteilt werten.
Die Wiederherstellung ber Rentabilität der Landwirtschaft ist im Interesse der deutschen IDirlfdjaft unumgänglich notwendig. Deshalb sollen die Maßnahmen des Reichs zur Förderung der vodenverbesferung und der technischen Grundlagen der landwirtschaftlichen Erzeugung durchgesührt werden. Die Reichsregierung vertraut auf die Unterstützung durch die krästc'der Seibsthilse in der Landwirtschaft. Sie wird die Zersplitterung des landwirtschaftlichen Genossen- schastswesen» bekämpfen und die Selbsthilfe- einrichtungen fördern, am die Herstellung einer । den Anforderungen des Verbrauchs entsprechenden guten Marnware durch Sicherung des Absätze» ZU ermöglichen.
Die Umwandlung tev kurzfristigen in langfristige Kredite wird angestrebt. Es soll geprüft werden, inwieweit eine Entlastung ter öffentlichen Abgaben und Lasten ter Landwirtschaft erreicht werten kann. Rachdrücklich soll die Siedlung, insbesondere durch Gewährung von Krediten. gefördert werden. In der Sozialpolitik beabsichtigt die Reichsregierung dre Ratifizierung de« Washingtoner Abkommens über den Achtstundentag. Der vom Reichsrat bereits verabschiedete Entwurf . eines Arbeitszeitschuhgesehes solidem Reichstag rechtzeitig vorgelegt werden. Weiter muh die Frage ter Saisonarbeiter in der Arbeitslosenversicherung geklärt werten. Die Dauer ter Krisenunterstützung für ältere Angestellte soll verlängert werten. Dem Mangel an Arbeitskräften hx ter Landwirtschaft soll entgegengewirkt werden und das Bestreben zur Umschulung von Arbeitskräften und die Erleichterung der Freizügigtelt unterstützt werten. Die Reichsversicherung soll einfacher, wirtschaftlicher und ertragsfähiger gemacht werden. Es wird zu überlegen fein, ob und inwieweit die Derficheruirgspflichtgrenze zu erweitern ist. Das Los ter Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen zu bessern, entspricht dem allgemeinen Empfiirden des deutschen Volkes. Auch die segensreiche Einrichtung ter freien Wohlfahrtspflege soll weiter gefördert werten. Die Reichsregierung wird die Kleinrentner- Hilfe auf eine von den Ermessen ter örtlichen Fürsorgestellen unabhängige Grundlage stellen.
Die Wohnungsnot veranlaht eine besondere Fürsorge für die Erhaltung der Altwoh- nungsräume und den Dau neuer Wohnungen, wobei die Bedürfnisse der unbemittelten und minderbemittelten wohnungslosen Dolkskreise, vor allem ter neu gegründeten und kinderreichen Familien sowie ter unmittelbaren Kriegsopfer hervorragend zu berücksichtigen sind. Die Reu- baumieten sollen auf erträglicher Höhe gehalten werden. Zur Beschleunigung des Wohnungsbaues werten alle verfügbaren Kräfte des privaten und behördlichen Wohnungsbaues herangezogen werten. Da ter Wohnungsbau als produktiv gilt, kann man in dringenden Fällen Mittel auf dem Wege der Anleihe aufbringen.
Fruchtbare Arbeit ist nur möglich auf dem Fundament eines festen Staatsgefüges, wie es bei uns auf der Weimarer Verfassung beruht. Ls ist die vornehmste Aufgabe der Reichsregierung, auf dieser Grundlage unser Staatswesen im demokratischen Sinne auszubauen und für die Ehrung und Achtung der Republik und ihrer Symbole einzutreten. Sie wird die vom Reichsrat beschlossene Jnitiativoorlage über den Verfassungstag unverzüglich beim Reichstag einbringen.
Es ist selbstverständlich, dah sie die Verfassung gegen jeden gesetzwidrigen Angriff, von welcher Seite er auch kommen werte, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln schützen wird. Die Reichsregierung rechnet unb vertraut dabei auf die Mithilfe der Beamtenschaft. Ihre besondere Aufmerksamkeit wird die Reichsregierung ter Schaffung eines neuen Reichsbeamtengesetzes zuwenten, wobei die De-


