Nr. 129 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 4. Juni 1928
Steuerproteftversammlung in Gießen.
DerOiteftencrflausbentiernerein hatte feine Mitglieder und andere Ontereflenten für Frei- fognhenb zu einer VrctefMunbgebunfl gegen die von der Stadt geplante (Erhöhung der nj r u n b und Gewerbe st euer und de» jRaffergelbcs eingeladen. Der Saat des Cafs Leid war stark befefit, als der Vorsitzende te» siebener Hausbcsitzer«reins, Stadtverordneter Laun spach, die Versammlung eröffnete. Der Webner de» Abend»,
2tnbtbcrorDnelrr Ricolanö führte u. a. au»: Wenige Tage sind verflossen, feit• der Reichstagswahlkamps stattgefunden hat. Wer beobachten konnte, mle alle Wahlversammlungen einen schlechten Besuch aufzuweisen hotten, der muhte feftfteürn, dah eine starke Wahl- und 93er- «ommlungsmüdigkeit bei der Bevölkerung herrschte. Wenn demgegenüber die heutige Versammlung so stark besucht ist, so ist do» der beste Beweis für ihre Notwendigkeit Nicht Stimmenfang treibt uns zu dieser Kundgebung, sondern die schwere Not des Hmisbesitze». Man will das Defizit des städtischen Haushalte», 750 000 Ms. ungedeckte Ausgaben au» dem vorigen Jahr und 95 000 Mk. neue Ausgaben in diesem Jahr, durch (Erhöhung der Grund- und Gewerbesteuer und de» Wosfergeldes decken. Diese (Erhöhungen werden vorgeschlagen, obwohl die Gewerbesteuer erst Im Vorjahr eine wesentliche (Erhöhung erfahren Hot Die Fraktion der Wirtschaftlichen Vereinigung hat bei der Beratung des vorjährigen Voranschlags gegen die (Erhöhung der Gewerbesteuer gestimmt. Der nun vorliegende städtische Voranschlag sieht vor eine Erhöhung de» Woher- gelbes von 15 aus 28 Pf., eine Steigerung der Steuer vom bebauten Grundbesitz von 22 auf 30 Pf unh vom land- und forstwirtschaftlich genutzten Grundbesitz von 32 auf 40 Pf. für je 100 Mk. Steuerkopitnl. Die Gewerbesteuer fall von 88 Df. aus 1 Mark für ic 100 Mark des Anlage- und Betriebskapitals erhöht werden. Die Lasten, die der Hausbesitz durch diese Erhöhungen neu zu tragen hat, betragen beim Wossergeld 109 000 Mk. und bei der Steuer für den bebauten Grundbesitz 131000 Mark. Der Hausbesitz hat keine Möglichkeit, für diese Mehrbelastung sich schablos zu halten. Bei dem land- und forstwirtschaftlich genutzten Grundbesitz beträgt dos Mehr an Steuern gegenüber dem Vorjahr 14 000 Mk. und gegenüber dem vorvorigen Hahr 40 000 Mk. Man schlägt die Erhöhung dieser Steuer vor, obwohl man weih, daß die Not der Landwirtschaft groß ist, und der Staat Hilfsmaßnahmen zu ihrer Linderung treffen muß Bei der Gewerbesteuer beträgt das Mehr gegenüber dem Vorjahr 70 000 Mk. und gegenüber dem vorvorigen Hahr 120 000 Mk. Denn man bedenkt, daß viele Hausbesitzer auch Gewerbetreibende sind, so sieht man, daß die e Leute doppelt von der Steuerer Höhung getrojen werden. Die Erhöhungen der Grund- und Gewerbesteuer belaufen sich In den letzten Jahren auf rund eine halbe Million Mark. Wer glaubt, nicht Rücksicht nehmen zu müffen auf die Kreise, die mit diesen Steuern schwer belastet find, der Irrt sich. Unlängst hat man auch die Brandverficherungsbeiträge um 12,5 v. H. erhöht: die» bedeutet ebensalls eine Belastung, für die der Hausbesitzer keinen Ersatz zu finden vermoa. Wenn man sieht, wie einerseits das Einkommen und die Existenz vieler Hausbesitzer bedroht, anderseits aber die Löhne und Gehälter den Lebensbedürfnissen entsprechend erhöht werden, so gewinnt man den Eindruck, daß nicht gleiches Recht herrscht.
Wie liebt*» deute beim Hauvbesitz aus? 3m vorigen Iayr wurden die Mieten auf 120 v. H. erhöht. ?(us Kreisen der Mieterschaft hört man häufig die Ansicht, der gesamte Tlietbdrag fließe in die Tasche de» Hausbesitzers. Diese Meinung ist grundfalsch. Die Lage des Hausbesitzes verschlechtert sich von Tag zu Taa. Die Erhöhung der Hnpoihelenzinsen, die starke steuerliche Belastung fuhren im Verein mit einer Reihe anderer Ursachen dazu, daß Stockungen in der Instandhaltung der Wohnungen eintreten. Dies hat zur Folge, daß den Handwerkern weniger Arbeit und den Arbeitern geringere Arbeitsmöglichkeit geboten wird. Die Arbeiter sollten fidj klar darüber sein, daß der Hausbesitzer ihnen Arbeitsgelegenheit durch Instandsetzung der Wohnungen nur dann
verschasien kann, wenn ihm die dazu notwendigen I Mittel belassen werden. Zur Zeit ist Der Hausbesitzer | nur noch ein Steuerobjekt, dem jede Frecheit genommen ist: nur die Hausbciitzerpslichten bat man ihm gelaßen Es werden Verhältnisse kommen, wie sie in dem sozialdemokratisch legierten Wien beule schon bestehen. Dort finben täglich Zwangsversteigerungen von Häusern statt: die Stad: errbirbt die meisten dieser Objekte: die kalte So’ialiiicrung ist in vollem Gange. Gegenüber laichen Erlchrirnmgen darf man nicht die Augen verschließen. Man muß sich bnrilber klar sein, daß die Linksparteien die Sozialisierung durchiuhrr-i werden sobald sie die Macht dazu haben. Die herrschende Wohnungsnot kann durch die Zwangswirtschaft nicht behoben werden, nur freie Wirtschaft kann helfen. Den Beweis dafür liefern die Länder: Italien. Holland, Schweden, Estland u.a., wo man die Zwangswirtschaft beseitigt hat. Außer Oesicrreub gibt es kein Land, ba* die Zwangswirtschaft In dieser straften Form beibeholten hat, wie Deutschland.
Umsatz- und Einkommensteuer hat man in den letzten Jahren gesenkt, nur den Hausbesitz belastet man dauernd weiter. In Hessen genehmigte seither die Regierung die Grundsteuer nicht, wenn sie mehr als 22 Ps. für je 100 Mk. Steuerkapital betragen sollte. Der jetzige hessische Innenminister vertritt aber einen anderen Standpunkt. Er ist der Aus- sasiung, daß die Stadtverwaltungen, die solche Erhöhungen beschließen, dafür auch die Verantwortung zu tragen haben. Diese Einstellung des Innenministers hat dazu geführt, daß sich beispielsweise die otabt Main z heute einer Grundsteuer erfreut, die über den Satz von 22 Pf. hinausgeht und daß sie weiterhin eine wesentliche Erhöhung des Wasser- gelbes bekommen hat. Auch in Gießen soll nun eine solche Belastung eintreten. Deshalb hat der Hausbesitzerverein zum Protest aufgerufen. Unsere Forderung geht aber weiter. Wir verlangen eine Herabsetzung und allmähliche BeseitI- gung der Grund st euer. Wenn man wirklich Ernst macht mit der v e r w a 11 u n g s r e s o r m , wenn man erreicht, daß Staat, Provinz, Kreis und Gemeinde sparsamer wirtschaften, bann kann diese Forderung auch erfüllt werben.
Dem Hausbesitzer steht eine angemessene Verzinsung feines Kapitals und eine Vergütung | einer Mühewaltung zu. Man will Ihm aber olles hinweg- steuern. Der Hausbesitz hat bisher schon 25 Milliarden Mark geopfert. Kein Stand und kein Be- russzweig ist so stark belastet wie er. Gerade in den Reihen der Hausbesitzer sind die zu finden, die um ihre Ersparnisse betrogen worden sind, unter ihnen sind die meisten Rentner und Pensionäre. Was hat der Hausbesitzer von dem neuen Reichstag zu erwarten? Die Sozialdemokratie dominiert im neuen Reichstag, sie wird auch in der Regierung dominieren. Wir werden Anträge erleben, die das Ziel haben, die Zwangswirtschaft zu verlängern und den Haus- und Grundbesitz zu sozialisieren. Deshalb müßen sich alle Haus- und Grundbesitzer in Stabt und Land zusomrnenschsicßen, denn die Sozialisierungsbestrebungen werden auch auf bas Land hinübergreifen. Betrachtet man die Ideen und Forderungen der Dodenreformer, so wird man die große Gefahr erkennen, die bei deren Derwirklichuna dem unbebauten Grundbesitz droht. Es gilt den Kampf zu führen gegen weitere Knechtung, es gilt einzu- treten für die Erhaltung des in seiner Existenz schwer bedrohten Hausbesitzes. Wir fordern größte Sparsamkeit m allen Zweiaen der öffentlichen Verwaltung, wir fordern den Abbau alles lieber- flüssigen: wir fordern Recht und Freiheit. Wir wollen uns zufammenschließen, dann wird man unserem Ruf nicht widerstehen können. (Starker Beifall.)
An der sehr lebhaften Aussprache, in der (Erörterungen über die Biersteuer einen sehr breiten Raum einnahmen, beteiligten sich außer dem Vor- sitzenden und dem Referenten der Vorsitzende de» Gastwirtevereins, Schmitz (Gießen), der Vorsitzende des Hausbesitzervereins Bad-Nauheim, Bonder- s ch m i 11, Kaufmann A. Schmidt (Gießen), die Stadtverordneten W. L o e b c r und Leop. Meyer und Kaufmann A. B i n d e w a 1 d.
Zum Schluß sand eine Entschließung Annahme, in der gegen die geplante Erhöhung der Grund- und Gewerbesteuer und des Wassergeldes protestiert wird, weil sie für den ohnehin überlasteten Hausbesitz untragbar sei. Diese Entst ließung soll der Stabtner- waltung übermittelt werden.
Tagung ter hessischen Krankenkassen.
WER. St.(Bootsbaulen. 3. 3unL Der Landesverband Hessen und Hessen- Ra flau hes Hauvtverbantes Deutscher Krankenkassen, in dem säst die gesamten Otte.fran?enla1lcn dr« VvlksstaateS Hessen und der Provinz Hessen-Rastau organisiert sind, dielt ain Samstag und Sonntag m St Goars hausen seine diesjährige 3abrcioerfammlung ab. Reben Vertretern der Regierungen und der oberen Verwaltungsbehörden waren saß sämtlich.' ange- schlossen en Kassen durch Delegiert« vertreten.
Den gebnidt vorliegenden Geschäftsbericht ergänzte der Geichättsführer he» Landesverbandes. Knoblauch , Darmstadt i. noch in einigen Punkten. Er wies unter Bezugnahme auf die rege Mitarbeit der Arbeitgeber in den Organen der Krankenkassen die immer wieder austretenden Angriffe gegen die Verwaltungen der OrtSkrankenkafsen zurück. ®r bob hervor, daß eine Einrichtung mit den außerordentlich umfang- reichen Ausgaben, wie sie die Krankenkassen zu erfüllen hätten, die nur 6,33 Prozent persönliche Mrwal tungSkosten erfordern, geradezu mustergültig dastehe. Di' übrigen TageZord- ntmgSpunkte der geschäftlichen Verhandlungen betrafen die Schäftung einer eigenen ReviftyuS- einrichtung und die Dahl beet Vorst an de Z
In der Sonntagsversammlung gaä zunächst der Geschäftsführer für den Landesverband eine vergleichende ileberflc&t über Einnahmen und Ausgaben der an geschlossenen Krankenkassen. 'Bei fast gleichgebliebener erfaßter Mitgliederzahl von 770 000 stiegen die Einnahmen auS Beiträgen von 1926 auf 1927 von Gl 906 0C0 auf 66 422 000 Mark. Die Frage, wo die Äran- fenfaffcnbclträgc hinkommen, wurde durch reichhaltiges Zahlenmaterial beantwortet. So stiegen die 2lu£gaben für ärztliche Behandlung von 8411000 Mk. Im Jahre 1924 auf 15 853 000 Mk. im Jahre 1927. für zahnärztliche Behandlung von 1 427 000 Mk. auf 2 379 020 Mk., für Arznei - und Heilmittel von 4 012 000 Mk. auf 7 748 000 Mark, für Krankenhanspsleae von 4 393 000 Mk. auf 8 773 000 Ms. das Krankengeld von 11 487 000 Mark auf 20 347 000 Mk., die persönlichen Der- waltungäkosten von 2 941 030 Mk. auf 4 210 000 Mark. Angesichts dieser Zahlen wies der 'Referent daraus hin, daß es unmöglich fei, weitere Steigerungen eintreten zu fassen, lieber „Entstehung und Verhütung von Frauenkrankheiten" sprach Llniverfitätsprosesfor Dr. L i e p m a n n . Direktor des Deutschen Instituts für Frauenlunde Berlin-Charlottenburg. Die Tagung beschloß ein Dortrag von Dr. P h - rill (Berlin) über die »Soziale Medizin in der Derwaltungspraris der Krankenkassen'.
Hessische landwirischasttiche Genossenschaften.
WSR. Darmstadt. 2. Iuni. In der bis auf da- letzte Plätzchen besetzten Turnhalle am Doogsplay fand heute der 6 4. Verbands- tag der heffis chen landwirtschaftlichen Genossenschaften statt
Der Borsitzende, Prof. Dr. Biedenkopf, begrüßte die Delegierten und die Ehrengäste und gab dann in feinen weiteren Ausführungen ein Bild von der Wichtigkeit und unbedingten Rot- wendigkeit der genossenschaftlichen Hilfe für die deutsche Landwirtschaft, ohne die sie sich unmöglich aufrechterhallen könne.
Hierauf ergriff der hessische Arbeitsminister Korell das Wort zu lebt warmherzigen Ausführungen. Er gab seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß sich namentlich die produktiven Absatzgenossenschaften der hessicken Landwirte in so erfreulichen Maße gehoben haben. Soweit sein Einfluß auf die Reich-Politik gehe, werde er diesen mit aller Energie au-nützen, um die Landwirtschaft in allen ihren Zweigen zu fördern. An die staatliche Unterstüt- zuna müsse sich aber die Selbsthilfe anschließen. Innerhalb des von ihm vor kurzem gezeichneten Rahmens der landwirtschaftlichen Genossenschaftsarbeit müsse eine Intensivierung
der einzelnen Produktionszweige nunmehr noch »olgtn IDenn der Staat mit seinen Mitteln, nenn die Menschen sich selbst gegenseitig wefter- belsen. dann werde aurf> Gottes Hilfe nicht ausbleiben. Lebhafter Beifall folgte den Dorten
Geheimrat Hohenegg überbrachte die Grüße des Reichsverbande» der landwirtschaftlichen Ge- noftenschaften unb die Einladung zum Deutschen ®enpf<cnl®at?!aa in München nein 19 bu< 21. 3un:. Dem keltischen Verband, heflen Organisation zu den beftgelelttten Deutschlands gehöre, zollte er hohe Anerkennung.
Geheimrat Pilger von der Preuftenkafte bedauerte es. daß tue Pvcußenkafte mit ihren beschränkten Mitteln nicht mehr zur Linderung der linverfchuldeten landwirtschaftlichen Rot hab? tun
Hef'ifchen Vmibetgvno fcnldm t sich nicht kreditmindernd wirken.
Anschiießend überbrachten noch die Herren Denier für die Schulze-Defttzschen Genossen- Schaften und Henkel für den nassauischen Verband Grüste und Dünsche.
Berbandsdirektvr Berg erstattete hieraus den IahreSbericht für 1 927. au» den, der erfreuliche Anstieg des genoftenschastftchen Gedanken. h'rvorging. IabreSbericht. Rechnung-- i Klage und Bilanz. Entlastung deZ BerbandS- direktnrs und d<^ eng-rtn Ausschusses sanden cin- ’itmmige Annahme. In btn Verband- aud- 1 chust wurden gewählt Direktor S ch u ck e r t, Direktor der Drefchgenosse't chast Undenheim. Lehrer Lampert- Iugesdeim. Einstimmipe Annahme sand eine Entschließung, In der die Frage der A b s a n o r g a n i I a 11 o n e n alS die vordringlichste im Interes e her Landwirtschaft und her gesamten DoikswirÜchast bezeichnet unk» die Zuweisung her l>ereitgesiäfften Reichsmiftel zur Förderung des Absatzes in erster Linie ar die bestehenden Organisationen. Ne durch ihre praktischen Örlnlgc vereits den Beweis für ihre produktive Tätigkeit geliefert haben, gefordert wird.
Rach Schluß dieser geschästtlchen Fragen dielt Pros. Dr. Beckmann-Bonn einen sehr interessanten Vortrag über „Ausgaben der Geld« und Darengenofsenschasten bei der Hebertein- dung der landwirtschaftlichen Krills", der lebhafteste 'Sc.id)tung und Aufnahme fand. Rament- lich bei fcincr Warnung vor unproduktiver Auf- k nähme von Krediten stimmte die Verfammlung 'lebhaft zu.
Rach diesem Vortrag war der Berbandstag beenbet, da bereit- gestern abend eine gesellige Zusammenkunft her Teilnehmer stattgefunden frjttc.
3um 90jährigen Zubiläum des Männergesangvereins ,($än(ia* Och.
D L i ch. 2. Iuni. Es wird heutzutage immer davon gesprochen, daß zuviel Feste gefeiert werden: daS mag vielfach seine Derechligungj haben. Wenn aber ein Verein wie der Mannergesangverein „(SäciHa" Lich auf ein 90jähr igeS Bestehen zurückblickt, so ist eS doch ganz am Platze, wenn mafci biejefl Ereignis nicht lang- unb klanglos vvrüoergeyen .läßt, Um dem Fest ein besonderes Gepräge au geben, hat bet Beteln fein Jubelfest am 9. blfll 11. Iuni mit einem GefangSwettstreit verbunden. 31 Gesangvereine mit rund 1300 Sängern streiten in den verschiedensten Klaffen um die SiegeSpalrne. Reben einer ganzen Reihe von Deputattonen haben sich 27 Gastvereine angesagt. Sänger unb städtisch? Bürgerschaft wetteifern mit- einander, da- Fest würdig zu gestalten unb jebem Besuchet den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu machen. In den Straßen unserer Stadl wirb emsig an ber farbenfrohen Ausgestaltung de- Hausansttichs gearbeitet. Die Ehrenpforten an ben drei OrlSauSgängen stehen im Tau. Als Festplah dient die schön gelegene Wiesensläche zwischen dem fürstlichen Schloß- gatten und der Bahnlinie Gießen—Gelnhausen. Der Festplah erhält neben den üblichen Wirt> schaftshallen und sonstigen Ausbauten eine ausgesprochen große Sängerhalle, die in jeder Hinsicht allen Anforderungen gerecht zu werden verspricht. Der Wettstreit wird in drei Lokalen,
MMMbkNWkNSMklll.
Zftoman von Edgar Wallace.
Copyright by Wilhelm Goldmann, Verlag. Leipzig.
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er zwang sich zum Gleichmut, während er langsam die besonnte Freitreppe hinabjchritt. Plötzlich ober blieb er wie angewurzelt stehen
Ein Dieb war er gewesen — Achtung vor fremdem Eigentum hatte er noch heute nicht, aber ein Schurke war er nicht, und würde er Nicht zum Schurken, wenn er eine Schurkentat zuließ?
Es flieg ihm heiß zu Kops. Sein Herz schlug Schneller. Er flog die Treppe hinauf. (Er fand (eine Tante in der Küche- _ ..
„Wann fährt die Dame in die etabt zurück? ''ragte er kriegerisch.
Mr». Codi; hatte ihm den Rücken zugedreht.
„Sie bleibt hier", sagte sie mürrisch.
Tom biß sich auf die Lippen. Unwillkürlich ballten iich seine Hände.
„Mft ihrem Einverständnis?" fragte er, unoer- fermbare Drohung in der Stimme.
„Wozu fragst du? Die Dame ist weder deine Schwester. noch deine Braut."
,Lch habe sie hergebracht", sagte er hartnäckig. ..Ich muß sie auch wieder zurückbringen. Bilde dir nicht ein, daß du mir olles zumuten kannst. Ein Dieb hat auch seine Ehre. Und ich würde mir eher die Hand abhacken, als daß ich ein Unrecht an einem wehrlosen Mädchen zufteße. In einer Stunde fahre ich mH dem Wagen vor und bringe die Dame nach Haufe."
Er fchmiß die Tür ins Schloß, daß die Kupser- kesiel auf ihren Paneelen wankten.
Mrs. Codi; goß das kochende Wasser m den Tee* kessel. Ihre Hand zitterte, die Lippen hatte sie zu» iammengefniffen. An ihren Schlafen brachen die Ädern wie Stränge vor.
Roch einer Weile brachte sie den Tee ins Wohn- zimmer.
Sie zog sich sogleich wieder zurück.
Roch war Sybils Argwohn in keiner Weise ge* weckt. Sie glaubte, daß Mrs. Coda sich aus Zartgefühl fernhieft. Bisher batte sich ihr Gastgeber mir
in sehr allgemeinen Phrasen bewegt und eigentlich nur Dinge wiederholt, die Sybil langst bekannt waren. Ihre Ungeduld flieg. Endlich wagte sie eine direkte Frage.
Cody stand auf, ging in das Nebenzimmer unb kam gleich daraus mit einer umsongreichen blauen Aktenmappe zurück. (Er wandte sich um und Hopfte mit dem Finger auf den Deckel.
„Die Frucht monatelanger Nachforschungen", sagte er. „Glauben Sie mir, mein Kind, Sie gaben leinen bessern Freund in ber Welt als Bertram Cody." (Er suchte nach (einer Brille. Dabei fiel fein Blick wie von ungefähr auf die Uhr.
„Mein Gott, schon halb sieben. Ja, da dürfte es zu einer gründlichen (Erörterung viel zu spät fein."
Er rieb sich die Schläfe.
Ein Einlall schien ihm zu kommen.
„Wie war's, wenn Sie ben Abend mit uns verbrächten?"
„Ich kann meine Mutter nicht so lange allein lassen", sagte Sybil kurz.
„Oh. Ihre Mutter bitten wir hierher. Ich schicke sofon das Auto. Mrs. Lansdown wird ohnehin Wert daraus legen, selber Einsicht in die Akten zu nehmen."
„Ja, warum haben Sie sich nicht gleich an meine Mutter gewandt?" fragte Sybil. Gan; plötzlich regte sich in ihr ber Verdacht, baß Cody ein geschickter Äomßbiant sei.
„Es war mir bekannt, wie sehr Ihre Frau Mutter ihren verstorbenen Gatten betrauert. Cs verbot sich daher von selbst, sie in ihrem Schmerz mit Geschäfts- angelcgenheiten zu behelligen. Jetzt aber sehr ich ein. daß ich vielleicht unklug daran tat, sie aus unseren Verhandlungen ouszuschließen. 9tun, das läßt sich ja in Bälde reparieren. Die war doch Ihre Telephonnummer?"
„Aber wir wollten heute ins Theater gehen", wehrte sich Sybil.
..Man kann die Korten vielleicht zurückgeben. Dors ich nicht wenioftcns Ihrer Frau Mutter den Vorschlag machen?"
Sybil nickte, eie konnte ohne Gefahr chre Zu* ftimmung geben. Ihre Mutter war bestimmt vor acht Uhr nicht in ber Wohnung.
Cody verschwand eilfertig hinter dem Vorhang. Nach fünf Minuten kam er strahlend wieder. Er rieb sich vergnügt bre Hände.
„Alles bestens geordnet. Das Auto ist bereits un* terroegs. Ihre liebe Mutter hat zugesagt. Sie wird die Karten für eine andere Darstellung umtauschen."
Sybil sah ihn an, starr vor Staunen, Spott, daß er sich so kläglich bloßstellte, verzog ihre Sippen zu einem verächtlichen Lächeln. Die Theaterkarten waren eine (Eingebung des Moments gewesen, um einen Besuch, ber ihr nicht «fiel, so schnell wie mög* sich zu beenden. Er aber hatte ihre kleine Notlüge für bare Münze genommen. Es war klar, das Telephongespräch war fingiert. Er log mit dreister Stirn.
Plötzlich wurde der Widerwille, der versteckt unter der Schwelle ihre» Bewußtseins gelegen hatte, zum flammenden Abscheu.
Aber warum hatte man sie hergelockt, warum hielt man sie fest?
Da schlug ein kalter blendender Strahl ber Furcht burch ihre Seele.
Gefahr! schrie es in ihr auf: Gefahr! zuckte es burch alle ihre Nerven.
Es war ihr, als stünde sie auf sausender Lokomotive. Frei lag der Schienenweg, Ruhe wohnte in ihrem Herzen. Da plötzlich schnellte ein Signalarm hoch. Rot glühte das Licht. Gefahr! Gefahr! Und mit beiden Händen riß fle an ber Bremse.
Sekundenlang dauerten Sybils Überlegungen, sekundenlang hämmerte ihr Herz. Doch als Eody zu ihr zurückkehrte, hatte sie sich bereits in der Gewalt.
„Das ist nett, daß ich noch bei Ihnen bleiben kann", sagte sie und munterte sich, daß ihre Stimme nicht heiserer klang. „Sie haben ein gemütliches Heim."
„Oh, es laßt sich sehen", sagte er behaglich, indem er sich in ihrer Röhe niederließ. „Ursprünglich nxir es ein Wittumslehen, unb es gehört noch heute Ihrem Verwandten, Lord Seliorb. Ich selber habe es nur von Havelock gepachtet."
„Sie kennen Mr. Havelock'^" fragte Sybil rasch unb faßte von neuem Mut.
„Persönlich nicht. Der Bureauoorsteher hat die Derpachtung und andere Geschäfte oermittelt. Ken* nen Sie ihn denn?"
Sybil nickte unb führte einiges zu seinem Lode an. Im geheimen i'udrte ihr Hirn fieberhaft nach einer Losung, einem Ausweg. Das beste war, sie veranlaßte ihn, ihr den Garten zu zeigen. Dor sie erst einmal im Freien, so würde sie ter Schnellig
keit ihrer Füße vertrauen. Sie würde zum Pförtnerhaus laufen, auf bte Landstraße, zum Dors. Es konnte nicht weit sein. Sie hatten es gestern durch* fahren.
Ihr Blick haftete am Fenster.
„Oh, was für eine schöne Aussicht haben Sie!"
Sie zwang ihre zitternden knie, ihren körper .zu tragen, ber ihr noch nie so schwer vorgekommen war.
Sie trat zum Fenster. Ein Narzisienbeet leuchtete zu ihr empor.
„Sie müffen mir Ihren Garten zeigen, Mr. Cody. Ich habe eine Leidenschaft für schön gepflegte Gärten!"
Cody wiegte den Kaps.
„Es ist sehr feucht nach dem Regen. Alle Wege sind ausgeweicht!"
„Das tut nichts", sagte ste, unb ihr Lachen klang fremd und hohl an ihr Ohr. „Gerate nach dem Regen finde ich es am schönsten im Freien. Dann duftet alles nach Erde und frischem Grün."
„Schön, Miß Lansbvwn. Wenn es Ihnen solche Freude macht, wollen wir in ben Garten gehen. Lasten Sie mich nur noch eine Taste Tee trinken."
(Er goß sich den Tee ein. Dann Dürfte er in ihre Taste. „Aber Sie haben Ihren Tee ja kaum ange* rührt", rief er kummervoll. .Flommen Sie, ich gebe Ihnen eine frische Taste."
„Nein, danke, ich habe genug", wehrte Sybil ab. Sie kehrte zu ihrem Platz zurück. Sie konnte sich kaum noch aufrecht holten, und sie brauchte ihre Straft für nachher.
Wie mar sie töricht gewesen, den Versicherungen einer roilbfremben Frau Vertrauen zu schenken. Gewiß, es hafte alles so plausibel geNungen, aber hatte sie in den letzten Wochen nicht unablosstg Dinge er» lebt, die sie bei jedem Schritt zur Vorsicht mahnten?
Ihr Mund war trocken, ihre Gedanken verwirrten sich. Wieder bot Mr. Codo ihr den Tee an. Diesmal zögerte ste nicht, die Taste anzunehmen. Sie stählte ihre Nerven, damit ihre Hand nicht zitterte, und hob die Taste an den Mund.
Der Tee hatte einen metallischen Geschmack. Er ist abgestanden, dachte sie unb setzte bie Taste nach einem kleinen Schluck nieder. Aber vielleicht war es auch die furchtbare Spannung dieser Stunde, bte ihren Gaumen so empfindlich machte.
(tjortfegunfl folgt)


