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Nr. S Dritter vlatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger ffr Oberhessen)Mittwoch, 4. Januar 1<)28

Aus Natur und Technik.

Gin Riesenfernrohr...

... leider auf Reparationölonto.

von tkofdlor Dr Paul Kirchberger.

(Rachbruck. auch mit Quellenangabe, verboten')

Sir Deutsche dürfen e» ohne Ruhmredigkeit für uns in Anspruch nehmen, daß wir nicht nur in der Wissenschaft öcr Sternkunde stets an der Spitze oller Muüuroöiret gestanden, sondern auch ins­besondere In ihren technischen Grundlagen, nämlich im Fernrohrbau, Au allen Heilen Hervorragende» geleistet haben. E» Ift schließlich überall der ®et(t, der sich den Körper baut, und so sind auch für die Lei­stungen in der Sternkunde wenige die dufteren Bedingungen maßgebend, die ja für uns Jjinten im Norden" und unter meist trübem Himmel Geborenen nicht allzu günstig sind, sondern vielmehr die geistigen Veranlagungen. In der Sternkunde erfordern diese vor allem eine Durchdringung der Wissenschaft und Technik, und diese können wir wohl als unser Erbteil ansehen. Daß wir nun untere Fähigkeiten in den Dienst derReparation" stellen müssen, ist natürlich ein Kapitel für sich, aber un» der Leistungen unserer Industrie freuen, das wollen wir trotzdem

Vas neue Riefenfernrohr, von dem wir sprechen, ist von der Firma Carl Zeitz in Jena gebaut und für die Sternwarte Meraie bei Como, die eine Tochlerfternwarte von Mailand ift, geliefert. Das Fernrohr gehört zu den größten der Welt und zeichnet sich außerdem noch durch eine große Diel- feltigkeit in feiner Verwendbarkeit aus. Um die» zu verstehen, müssen wir etwa» weiter ausholen.

Alle Fernrohre zerfallen in zwei große Gruppen: die sog. Refraktoren, bei denen da» Bild durch Brechung des Lichte» in Linsen zustande kommt, und die Reflektoren, die auf der Spiegelung de» Licht» durch Hohlspiegel beruhen. Beide Arten von Fern­rohren sind etwa gleichzeitig Im Anfang des 17. Jahr- mindert» in Gebrauch gekommen, und bald wandte sich die Aufmerksamkeit der Astronomen gerade den Reflektoren, also den Hohlspiegelfernrohren zu, weil bei ihnen eine namentlich für jene Zeiten sehr große Schwierigkeit der Refraktoren wegsiel, nämlich die Farbenzerslreuung. Linsen brechen ja nicht nur das öicht, sondern zerstreuen es auch nach seinen Farbett, was bei der Splegelung nicht eintritt. Heutzutage kann man freilich durch die sog. achromatischen Fern­rohre, die auf passender Zusammenstellung verschie­dener Glasarten beruhen, auc' bei den Refraktoren die Farbenzerstreuung vermeiden. Damals aber bot dies noch ungelöste Schwierigkeiten, u,nd so beruhen beispielsweise die großen Erfolge Herschel», dessen kühner Fernrohrbau vor nunmehr bald 200 fahren allgemeine Bewunderung erregte, ausschließ

25 Jahre Morse-Alphabet.

Von Dipl.-Ing. Dr. Arthur Hamm.

3m Jahre 1832 fuhr ein unscheinbarer, kleiner M«m. der sich in Europa zu geschäftlichen Zwecken aufgehalten und dabei die neuesten Fortschritte de. Elektrizität le.raengelernt hatte, mit bem SchissSully" nach Amerika zurück, älnterwegs erzählte er den Mitreisenden von dem, was er in Europa Reues gesehen hatte, und sprach von der unaeheueren Geschwindig­keit der Elektrizität in Drähten. Dabei kam er auf die 3bec. diese Geschwindigkeit zur Kon- ftnifHon eines Telegraphen auSzunützen. der in ganz anderer Weise gebaut sein sollte als die Telegraphen, die er in Europa getchen hatte. AIS er am 15. November an Land ging, machte er sich sofort an den Bau eines Modells und erfand gleichzeitig ein besonderes Alphabet für seinen noch gar nicht eriftierenber. Telegraphen. DaS war der Anfang des internatio­nalen Morsealphabets, das heute in aller Welt verbreitet ist, und das auch von der rmter ganz anderen Bedingungen arbeitenden drahtlosen Telegraphie unverändert übernommen worden ist. Es kommt feiten vor, daß eine technische Schöpfung ein so langes Geben hat. und eS lohnt sich daher Wohl, die Entstehungs­geschichte diekeg eigenartigen Gebildes nachzu- zeichnen.

Die AnfangSgefchichte der elektrischen Tele­graphie kannte noch kein selbsNötiges Aufschrei­ben der telegraphische., Zeichen. Die meisten Telegraphen waren sog. Radelt ttegraphen, d. h. vor einem Zifferblatte, das die Buchstaben deS Alphabets, die Grundzahlen und einige wichtige Zeichen trug, spielte eine Radel, die durch den elektrischen Strom in Bewegung gesetzt wurde. Zeder Stromstoß brachte sie um einen Schritt weiter, und so konnte sie in ruckweiser Bewegung daS ganze Zifferblatt umkreisen. Der Buchstabe, vor dem sie etwas länger stillhielt, galt al- telegraphiert und wurde ausgeschrieben. SS Ist selbstverständlich, daß es auf bitfc Meise endlos lange dauerte, bis ein Latz zusammenkam. Ging »in solches Telegramm gar über die Landes-

klch auf Reflektoren. Denn nun auch heutzutage jene Schwierigkeit überwunden ist, so spielen dvch die Re­flektoren im yemrohrdau immer noch eine höchst bedeutende Rolle, und sie haben den Refraktoren gegenüber den Vorteil, daß man zu viel größeren Deffnungen übergehen und dadurch auch bedeuten- dere Vergrößerungen erzielen kann.

Den Refraktoren gegenüber haben nun die Re flektoren den Nachteil, ober sagen wir vielleicht bester die Unbequemlichkeit, daß bei ihnen da» Licht nach der Richtung zurückgcworfen wird, von der er- stammt. Würde man also keine besonderen Kunst­grifte anwenden, so stände der beobachtende Astro­nom sich seist im Lichte und finge einen Teil des sonst in den Hohlspiegel gelangenden Lichte» ab. Um diese Schwierigkeit zu vermelden, sind nun mehrere Systeme im Gebrauch, von denen die Hauptfach lichsten die beiden folgenden sind:

Reflektor nach Rewton.

Das Rewton-Shstem beruht darauf, daß den von dem Hohlspiegel bereits gesammelten Strahlen kurz vor ihrer völligen Vereinigung ein unter einem halben rechten Winkel geneigter ebener Spiegel in den Weg gestellt wird, der daS Straylenbündel seitlich ablenkt.

Reflektor nach Gastegrain.

M Haupthohlspiegel mit dem Brennpunkt F, S zweiter Spiegel mit bem Brennpunkt 1

O Okularlinse.

DaS Tassegrainsystem löst die oben erwähnte Schwierigkeit dadurch, daß es den Strahlen nicht einen ebenen, sondern wiederum einen gekrümmten Spiegel in den Wcg stellt, dessen Achse mit der Fernrohrach c zusamincn- fällt; er wirft die Strahlen aijo nach dem Hohl­spiegel zurück: um sie nun in- Freie gelangen zu lassen, wird der Hohlspiegel in der Mitte durch­bohrt. Durch diese Bohrung hindurch können die zu einem Bild vereinigten Strahlen durch die sogenannte Okularlinse beobachtet werden. Aeußerlich wirkt also das Cassegrainsystem in­sofern ähnlich wie ein Linsenfernrohr als der Beobachter hinter dem Fernrohr steht und in der Richtung auf den Stern blickt.

Da- Fernrohr, von dem wir h.er sprechen. Hal nun die Eigentümlichkeit, sowohl als Eassegrain- wie auch als Rewtonsernrohr benutzt werden zu können. Es hat außer dem für beide Derwen- dungsarten gemeinsamen großen Hohlspiegel so­wohl einen wölbigen Spiegel für die Easf-egrain- verwendung. als auch einen ebenen Spiegel für die Verwendung nach dem Rewlonversahren.

Gewaltig sind die Ausmaße des neuen Fern­rohrs Der Durchmesser des Haupt- s p i e g e l s und damit die dem Stern zugekehrte Oefsnung des Rohrs beträgt 1 e t e r. Der Spiegel Ist ein sogenannter Parabolspiegel, d. h. die spiegelnde Fläche ist nicht ein Teil einer Kugelobersläche. sondern ein Teil eines soge­nannten ParaboloidS, weil nur bei dieser Form die vom Stern kommenden Lichtstrahlen zu einem scharfen Bild vereinigt werden. Der Spiegel allein wiegt nicht weniger als 370 Kilogramm. Die Bohrung in der Mitte für das Lassegrain- shstem hat einen Durchmesser von 17 Zentimeter, was ungefähr den 35. Teil des ganzen Spiegels au-macht. Mitsamt seinen Roheinbauteilen wiegt der Spiegel gar 3500 Kilogramm.

Unser Bild gibt einen anschaulichen Eindruck von der Größe des Fernrohres. Es zeigt eine

Ausnahme während des Baue- in der Stern- warte au Merake. Die große, mitten durch da» 3ilb gehende Achse, die auf zwei festen Lagern ruht, fällt In die Richtung der sogenannten Weltach'e. d. h. sie ist mit der Achse der Erd­umdrehung gleichlaufend. Wird das Fernrohr um diese Achse herumgedreht. so folgt es den Bewegungen der Sterne und kann diesen durch ein Uhrwerk nachgeführt werden. Außerdem kann sich daS Fernrohr um die zur Weltachse senk­rechte Achse drehen. waS man .Bewegung In Deklinationen' nennt, während man die erste Bewegung auch als .Bewegung in Stunde" be­zeichnet. Die in Deklination beweglichen Teile einschließlich des Gegengewichtes wiegen 6300 Kilogramm, die in Stunde beweglichen Teile 8200 Kilogramm und ein besonderes .Ent- lastungsgewicht in Stunde" 1400 Kilogramm.

3n Europa hat da- neue Fernrohr nur ganz wenige seinesgleichen. Einen noch größeren Spie­gel zeigen von europäischen Fernrohren nur drei, nämlich eines vom Observatorium Bircastle in Irland mit 183 Zentimeter Spiegeldurchmesser

und je eines auf den Sternwarten zu Berlin- Jleubabelflberg und zu Paris mit je 120 Zenti­meter. Der größte Reflektor der Welt ist nach wie vor der auf dem Wount-Wilson-Obser- vatortum in Kalisornten von nicht toenlgct als 2.58 Meter Spiegeldurchmesser Hierzu muß aber bemerkt werden, daß die Oefsnung eines Fern- rvhreS mit den BeobachtungSbeoingungen im Einklang stehen muß. Rur bei ganz ungewöhnlich ruhiger und klarer Lust kommen so gewaltige Maße, wie die deS Mount-Wifton-Observato- rlums. daS auf einem Berg von über 1700 Meter Höhe steht, in Frage. Es bat sich indessen gezeigt, daß trotz der unvergleichlichen Bedin­gungen. unter denen die amerikanischen Stern­warten. namentlich die Dergstemwarten. arbeiten die europäische Sternkunde immer noch einen sehr wirkungsvollen Wettbewerb mit ihnen führen kann. Da» neue Fernrohr wird das selnige hierzu beitragen, indem eS wenn auch in frem- dem Lande, den Ruhm deutscher Wissenfchast und deutscher Technik verkündet.

Technischer MMick auf bas Jahr 1927

Buchmann.

chcrn und von der hydraulischen Speicherung Gebrauch gemacht worden. Sv entstehen bei Heng­stey in Westfalen und in Riederwartha bei Dres­den Pumpspeicherwerke, die bei geringem Kraft - verbrauch am Tage und besonders in den Rächt- stunden Walser In ein Hochbecken pumpen, daS beim Spitzen bedarf wieder zur Krafterzeugung herangezvgen wird.

Im VerbrennungSmotorenbau ver­dient der Vorschlag des Dresdner Ingenieurs Arno Dörner Beachtung, in jedem Zylinder drei VerbrennunmSkammern und zwei Kolben unterzubringen. Durch einfache Regelung der DaSzusuhr zu den einzelnen Zhlinderkammern würde eS möglich fein. Ne Leistung de« RlotorS In einer größeren Anzahl von Stufen zu regeln.

Zur Erforschung destbtnnern und zum Aufsuchen von Lagerstätten find verschiedene elektrische und akustische Verfahren in wesentlichen Einzelheiten weitergebildet worden, so daß bk Sicherheit der Lagerbestimmung bedeutend zu- genommen hat. Bei Schachtförderanlagen bürgert sich jetzt auch in Deutschland da» Gesäßförder- system ein: Anstelle von Förderkörben zur Aus­nahme der einzelnen Kohlenwagen werden große Kübel verwendet, die unter Tage au» Bunkern gefüllt und über Tage durch Kippen oder Oeffnen eine- BodenverschlusseS entleert werden. Die Förderleistung kann durch da» neue System er­heblich gesteigert werden.

In der chemischen Industrie ist daS Berginverfahren zu Darstellung von Oelen au» Kohle in größerem Maßstäbe einge­führt worden. Der (Zeche Moni Eenls Ist ein neue» Stickstoffverfahren geglückt, und zwar wird der Stickstoff mit dem Wasserstoff bei verhältnismäßig niederen Drucken und niedrigen Temperaturen durch Katalyse zu Ammoniak ver­einigt.

Die bedeutendsten Ereignisse im Hoch- und Tiefbau waren die Eröffnung der 55 Meter langen Eifenbahn-Hubbrücke über die MaaS in Rotterdam, die In einer Minute 41 Meter doch gehoben wird, so daß selbst Ozeanriesen darunter hindurchfadren können, und die Inbetriebnahme de» 2,/1 Kilometer langen Doppeltunnels unter dem Hudson.

Wichtige Fortschritte bat auch das Ver­kehrswesen zu verzeichnen. Die AEG. baute die erste Kohlenstaublokomotive für die deutsche Reichsbahn. Umfangreiche Versuch? mit selbsttätiger Zug Neuerung wurden in Deutschland und Amerika gemacht: daS letzte Wort ist darin noch nicht gesprochen. Im Krast- sahrzeugbau ist die Verwendung von Hochdruck- damps bei einem OmnibuS in Amerika mit Erfolg versucht worden.

Auch im Flugzeuawesen erzielte man mit einer besonderen Rennmaschine eine neue

Von Wilhelm (Rachdruck verboten!)

Zieht man den Jahresabschluß aus der Ent­wicklung der Technik, so lallt es auf. daß wohl auf vielen Gebieten wesentliche Fortschritte ge­macht wurden, daß aber wie im Vorjahr nur wenige grundsätzlich bahnbrechende Reuerungen zu verzeichnen sind. Immerhin lohnt sich ein Rückblick auf die Leistungen und die erreichten Erfolge.

TaSBestreben, die zu Gebot stehenden Kraft­quellen wirtschaftltch zu erfaßen, hat einmal dazu geführt, Kraftwerke mit Immer größeren Einheiten, sowohl an Kessel- wie auch an Strom­erzeugerleistungen. zu errichten, und zum andern den Wirkungsgrad, insbesondere im wännetech- nlschen Teil, zu heben. Maristeine in dieser Ent­wicklung sind daS im Frühjahr abgelieferte Großkraftwerk Klingenberg in Derlin- RummelSburg und der Erweiterungsbau der Hell-Gate-Station in Reuyork. Während im Kraftwerk Klingenberg der bedeutendste Fort­schritt im Großkesselbau liegt jeder der mit Kohlenstaub befeuerten 16 Kessel hat eine Heiz­fläche von 1750 Quadratmeter sind beim amerikanischen Kraftwerk die Leistungen bet neuen Maschineneinheit sehr beachtenswert.

In der Dainpferzeuguna schreitet die Entwick­lung immer mehr zum Höchstdruckdampf. Eine ganze Reihe von Versuchsanlagen mit Trucken von 100 bis 221,2 Atmosphären (kritischer Truck) wurde erstellt. Besonders bemerkenswert find die Kessel von Atmos, Hartmann, Löffler und vor allem ein ganz neuartiger Hochosenkessel, der nach dem von den Siemens-Schuckertwerken 21.-0. benutzten Bensonoersahren arbeitet. Der Kessel für dieses Verfahren, das bekanntlich Tantpf unter dem kritischen Druck und der kri­tischen Temperatur erzeugt, gestattet eine Dampf­entnahme von stündlich 33 000 Kilogramm.

Bei dem dauernd zunehmenden Krafthunaer rücken neben der gesteigerten Ausnutzung Der Wasserkräfte avC) alte und neue Möglichkeiten in den Vordergrund. Besonders bemerkenswert ist der Plan, Die Gezeiienbewcgung in den dienst der Krasterzcugung zu stellen. Zu diesem Zweck entsteht an der Ost lüste RordamerikaS ein groß­zügig angelegtes Flutkraftwerk, daS jähr­lich 2.5 Milliarden Kilowattstunden erzeugen soll.

Ein Kapitel für sich ist die Frage der Deckung der Leistungsspitzen, die nur wenige Stunden am Tage oder im Jahre auf­treten. Würde man die Kraftwerke so groß be­messen, daß sie dauernd in Der Lage wären. Die volle Höchstleistung absugeben. so würde da­hineingesteckte Kapital in der größten Zeit brach liegen. Von den bestehenden Möglichkeiten, sich für die Spitzenleistung einen Krastvorrat auf­zusparen. ist im verflossenen Jahr insbesondere von der Wärmespeicherung in Ruthspei-

grenze. so war die Sache noch viel schlimmer. Denn im 2lachbarlande touren natürlich andere Apparate Im Gebrauch, so daß der Beamte der Grenzstation das Teleg.amm aufschreiben und dem Beamten des anderen Landes zum Weiter­telegraphieren übergeben mußte. Häufig arbei­teten beide in demselben Raume, das änderte nichts an Dem Verfahren. Dagegen kann man heute von London bis Bombay oder Peking durchtelegraphieren, weil die Leitungen zusam­mengeschaltet werdet, und die Apparate zusam­men paffen. Die älmständlichleit des ganzen Systems veranlaßte viele Erfinder, nach einem Telegraphen zu suchen, der die übermittelten Zeichen selbständig aufschrieb. Es war daher ein aroher Fortschritt, als es den deutschen Fordern 6 teinbeii und Stöhrer gelang, schreibende Telegraphen zu konstruieren. Sie lieferten ein aus zwei Zeilen zusammengesetzes Alphabet, aber während bei S.einheil nurPuickte zur Zeichenbildung dienten, hatte Stöhrer schon den Gedanken, der seitdem die Alleinherrschaft errang- er baute sein Alphabet nämlich auS Punkten und Strichen auf. Rur machte die An­ordnung in zwei Zeilen die elektrische Sm- richrung noch recht verwickelt.

Allen Schwierigkeiten dieser und ähnlicher Art machte der Telegraphenapparat von Samuel F. B Morse ein Ende. Er war von einer derart verblüffenden Einfachheit, daß kaum eine Möglichkeit bestand, ihn in den einzelnen Ländern verschieden auszuführen, und fo wurde er in verhältnismäßig kurzer Zeit international. An einem zweiarmigen' Hebel war auf der einen Seite ein eiserner Anker, auf der anderen ein Bleistift angebracht. Dem Anker stand ein Elek­tromagnet gegenüber: floß durch feine Draht- Windungen Strom, so zog er den Anker nach oben, tnwlgedessen ging der Bleistift nach unten und machte einen Punkt oder Strich, je nach der Zeitdauer des Stromstoßes, auf einen Streifen Papier, der durch ein älhrwerk unter ihm weg­gezogen wurde.

Rach feiner Landung machte sich Morse sofort an den Dau eines Modells, wobei er aber den merkwürdigsten Schwierigkeiten begegnete. Als er versuchte, einen Elektromagneten zu kaufen.

war ein solcher schlechterdings ia ganz Amerika nicht auf5utrdbeii, wobei man allerdings berück­sichtigen muß. daß Amerika damals nur ein schmaler Streifen an der Ostküste war, wahrend der größte Teil des Kontinents von Indianern bewohnt wurde Als er sich ihn dann selber anfertigen wollte, konnte er keinen isolierten Kupferdraht bekommen, und mußte auch diesen erst an fertigen lassen, um seinen erfinderischen Gedanken zu verwirklichen. Die Zwischenzeit nun benutzte er, um für seinen noch gar nicht eyiVie­ren ben Telegraphen ein Alphabet zu erfinden, und so wurden denn die letzten Wochen des Jahre- 1832 die Geburtszeit des ersten und eigentlichen Morse-Alphabets.

Mit dem heutigen Morse-Alphabet hatte es freilich kaum eine Aehnlichkeit. D.e Umständlich­keit, mehrere Worte oder gar einen Satz tele­graphisch -u buchstabieren, hatte in jener Zeit schon zur Einführung der heute so gebräuchlichen Codes geführt. Eine Gruppe von etwa fünf Zahlen bedeutete einen ganzen Satz, der sich so in vergleichsweise kurzer Zeit telegraphieren ließ. Dem paßte auch Morse sein Alphabet an, das nur auS Punkten bestand. Fünf Punkte. im ge­wöhnlichen Abstande von einander geschrieben, bedeuteten z. D. die Zahl 5, schrieb der Apparat sie aber mit großem Abstande so bedeuteten sie eine 10. Cs fetzte also immer noch die Verwen­dung der dickleibigen Codebücher voraus. Erst einer von Mörses Mitarbeitern, Bail, erfand ein aus Punkten und Strichen gebildetes Alpha­bet. das die Codes überflüffig machte. AuS ihm wurde unter wesentlicher Mitarbeit eines ham­burgischen Telegraphenbeamten, Clemens G e r k e, daS heutige international eingeführte Mvrst- Alphabet entwickelt. Der im Jahre 1850 gegrün­dete Deutsch-Oesterreichische Telegraphenverein, eine Vereinigung der Tefegraphrnverwaltungen aller deutschen Staaten, führte dieses Alphachet dann im Jahre 1852 offiziell ein. Diese bevor­zuge Stellung hat es noch heute inne.

Jüan hätte erwarten können, daß die gewal­tigen technischen Wandlungen in diesem drei­viertel Jahrhundert auch andere Alphabete er­fordert und das Morse-Alphabet beseitigt hätten. DaS ist nicht geschehen, und dies zeigt, daß

man mit feiner Schöp ung ein Maximum an Ein­fachheit und Anpassungsfähigkeit getroffen hat. Freilich haben sich Teilgebiete der Telegraphie entwickelt, die daS Morse-Alphabet nicht kennen. Ein solches Teilgebiet Ift z. D die Telegraphie auf unterseeischen Kabeln. Solche Kabel haben die Eigenschaft, unglaubliche Mengen (lleftUltät m sich als Ladung auszuspeichern, sie gewisser­maßen zu verschlucken. 3nfolgcbe(kn kommt ein bineinaefanbter Stromstoß gleichsam nur als schwacher Hauch am anderen Ende an. Er hat nicht mehr die Kraft, einen Elektromagneten zu betätigen. Es ist, als ob man In einen großen See einen Stein würfe und am anderen älfev durch die fo entstandene Welle noch irgendwelche Wirkung auslösen wollte. Rur gant feine und höchst empfindliche Apvarate sprechen daraus an. Infolgedessen wurden für die Kabeltele­graphie besonders empfindliche Schreibapparate entwickelt, die eine feine Dchlängellinie schreiben, deren Abweichungen nach der einen oder anderen Seite die Buchstaben bedeuten. Sin aitdereS Ge­biet. das dem Molke-Alphabet nicht unterliegt, ist die Schnelltelegraphie. So rasch auch ein geübter Telegraphist mit dem Mvrsetaster arbeiten kann, den modernen Ansprüchen des Massenverkehrs genügt es nicht. Hier sprang der Maschinen­telegraph ein. der eine um ein Vielfaches höhere Geschwindigkeit erzielte. Bei rhm werden bte Buchstaben durch Löcher gebildet, die in fünf Reihen in einen Papierstreifen eingestanzt sind. Dieser Streifen wird mit großer Geschwind iglest zwischen einer Metalldrahtbürste und einer Me­tallplatte durchgezogen. Das Papier isoliert beide voneinander, em Loch aber läßt die Drähte der Dürste die Platte berühren und gibt so Anlaß, zu einem Strom stoße. Durch einen kehr komplizierten Mechanismus werden diese Strom­stöße auf der Gegenseite unmittelbar a ls Buch­stabe gedruckt. Reuerdings ist es auch ge­lungen, diesen Maschinentelegcaphen in die draht­lose Telegraphie einzuführen. Trotzdem werden noch heute die meisten Telegramme im Morse- Alphabet gegeben, wie viele Besitzer von Rund­funkapparat en, namentlich in der Rähe der Küste, ihrem Leidwesen täglich erfahren.