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Nr. 128 Erstes Platt

178. Jahrgang

Samstag, 2. Zum |"28

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Beilagen

Gleyenei /^amihrnDlättei Heunat >m Bilb Di» Scholl, IPonau-l e«n<»trtti.

2 Reutzsmarb unb 20 71,l<h*P!fnnig ftr Trägen lohn, auch bei Richter- scheinen einzelner9lummern nfolge bäberti (Bete alt Feenjprechantchllllle:

61. M unb 112 flnMjrifi für Drahtnach- eichten Anzeiger tiefte«.

poftscheätento.

jroBtfnn am Motu 116M

Siebener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Drrtf «flö Derkig: vrühl'fche Untcerf.tüts Butf- und Sietnöruderel R. Lange in Stehen. Schriftletlung und Sesch^ftrftekle: 51»u"trahe 7.

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Cbeirebahteur

Dr Frieüi DUH tianqe. Berantwvrilich *ur Del ich Dr FrIBilb fange für Feuilleton Dr h 4.bgiiot, für den übrigen Teil Ernst Blum d)cm, für t'e-i An» jeigenteil hurt Hillmann, sämtlich in Diene

Balkankrisis.

Der Baifan scheint sich wieder einmal auf feine alte Bolle zu besinnen. Europas 6d)id|al zu fein. Da» eben in der jugojlaroifd)en Hauptstadt und In den flüftenorten Dalmatiens vor sich geht, ist nicht einmal für südöstliche Bor bäUnifle alltäglich Wen-- erst die Massen in Bewegung gesetzt werden und in die Politik der Äabinetle mit Strafoenbemonftrationen eingreifen, wie wir sie soeben in Belgrad. Spalalo und Ragusa erlebt haben, bedarf es nur eines zündenden Fun­kens, um den Balkan in Brand zu sitzen. Der Stampf um die Adria zieht sich d die ©efajiditc von Jahr­hunderten. D . Gegensatz zwischen Italien, das sich in Paris um seine Siegesbeute betrogen fühlt, und dem durch die gleichen Pariser Verträge aus dem Habsburger 'Nachlaß zur »altanarofjmadjt ausftaf fierten Königreich der Serben. Kroaten und Slo­wenen datiert vom (B burtstage des neuen Süd­slawenstaates an. Das beiderseitige Verhältnis trieb von Spannung zu nnung von Krisis zu Krisis, ohne bisher zur Explosion zu kommen. Aber es wäre doch gefährlicher Optimismus, im Vertrauen darauf, daß es bislang ja immer noch gut abgegangen ist, sorglos die Augen vor der Katastrophe zu schließen, die über kurz ober lang einmal kommen muh, wenn zwischenroei heißblütigen, in ihrem natio­nalen Gefühl äußerst empfindlichen Volkern wie Italienern und Serbokroaten, die Reibungen fort­bauern, die Konfliktstoffe sich häufen.

Der erste Stein des Anstoßes war Fiume, das nach dem Londoner Vertrag vom April 1915, in dem Italien sich zum (Eintritt in den Krieg binnen Monatsfrist verpflichtete, nicht diesem Zufällen sollte, sondern dem aus Serbien, Kroatien und den habsburgischen Küstenländern neuzubildenden Süd- stawenstaate. Nachdem die umstrittene Stadt selbst sich für dc Anschluß an Italien ausgesprochen hatte, wurde ein Kompromiß gefunden, indem man Fiume weder Italien noch Südslaw'ien gab, sondern es als Fr e i st a a t aufzog. Der berühmte Handstreich d'Annuncios korrigierte 1919 dies Diktat der Mächte im italienischen Sinne, zum gr r*en Schmerz der Serben, die sich mit dem erst auszubauenden Hafen von Susak, einem Vorort Fiumes, begnügen mußten (Eine zweite harte Nuß für die junge jugoslawische Großmacht war die Festsetzung Italiens in Alba­nien durch den Prrtektoratsvertrag mit dem alba­nischen Diktator Achmed 3ogu vom 27. November 192«. nachdem de facto Rom schon Jahre vor dem Abskh' des Batts von Tirana sich in Albanien eine sichere Aufnahmestellung jenseits der Adria und eine Basis für feine weitgehenden Balkanpläne ge­schaffen hatte.

Trotz dieser allzu ostentativen Erfolge der laizistischen Außenpolitik, die für das äußerst empfind! che Rationalg f'ihl namentlich de* fr a- tischen Küstenl>ewohne* deZ südslawischen König­reiches eine schwere DclastungSprobe bedeu'ete, tat die Belarader Zentralregierung, oft selbst auf Kosten ihre- eigenen Prestige im Lande, alle-, um ei zu keinem olsenen ** nstikt mit der faszistischen Großmacht jenseit ' Adria kommen zu lassen wenigsten- j e tz och nicht. Man fetzte auf die Zeit und arbeitete inzwischen an der inneren Konsolidierung des neuen Staatsgebäudes, gleichzeitig ging man aber auch unter Anspannung al.er wirtschaftlichen Kräfte des nach sechs schweren Kriegsjahren arg bar- niederliegenden Lande- daran, sich eine Rüstung zu scha'sm, um gegen eine italienische Offensive gewappne zu sein. Rur wer selbst an der dal- ma.inischcn Küste an Ort und Steife Teobachtun- gen anstesien konnte, kann ermessen, welch in- erhörte Last dieses tap tere, seine Unabhängig» leit über altes liebende Roll der 6c ben, Kroaten und Slowenen auf sich genommen hat, um sein schönes, aber auch karges und wirtfcha'tlich uru- entwickclleS Land vor jedem Zugri rf des tief verhaßten Italiener- zu sichern. Aus c genen Mitteln kann Iugoslaw en diese Rüstung nicht lange tragen, sie auch nicht in dem Maße vor- nehinen. wie eS die militärischen Kräfte des Geg­ner- errorbern würden. Die Belgrader Regie- runa ha! darum in London und Paris um eine große Anleihe nachgesuchr, die nach außen bin natürlich der wirischaitlichen Erschließung deS Landes dienen soll, aber durch die Ermög- Lchung der so dringend no.wendigen Ei'cnbahn- ur d Stra e baut nd ch auch wes ent sich dazu die-.en würde, die militärische Bereitschaft tu erhoben. In Paris ist ma i selbstverständlich nicht ab­geneigt. kräftig in die Lasche zu greifen, um Dem serbischen Bund sg.'nossen. de n einzigen zu­verlässigen Stützpunkt des französischen I.nperia- lismu- auf dem Balkan, auf die Beine zu helfen, namentlich, wo das Geld dem guten Zweck dienen soll, den italienischen Rivalen in seinen Schranken zu haften. Anders in London. Die Engländer wünschen ihr Geld sicher anzulegen. Ihnen liegt aber auch alles an einer Konsoli­dierung der politischen Berhältnisse auf dem Balkan auf Gru id des Status quo. Sic fürchten bei einer bewa sncten Auseinandersetzung der beiden Adriamächte in jedem Fall in ihrer ge­gebenen Mittlerrolle zu verlieren, zumal es sich von vornherein nicht uberf h n läßt, o? nicht die mühsam zugezogenen Frag n des nahen Orients durch eine i italienisch-! rbischen Kon litt nach­einander wied r aisig: rollt würden. A"o fordert man in London Sicherheiten und sicht diese in der Rasisizierung der sog. Rettunover­träge durch das serbische Parlament. Hier liegt der Ausgangspunkt für die gewaltige Empörung der südslawischen Böller, die sich in dielen Lagen in den Tumulten und Barri.'a^en ämpfen in der Hauptstadt und den kroatischen Küstenorten Lust machte.

Auftakt zum Hamburger Reichsfrontsoldatentag.

Oie (Stahlhelmführer über das potiftsche Programm des Stahlhelms.

Hamburg, 1. Juni. (TU.) Aus Anlaß des 9. Reichssrontsoldatente.ges sand im HotelAtlantik" ein Presscemosang statt. Der erste Bundessührer des Stahlhelm, y r a n 3 SeIdte , wies darauf hin, daß der Hamburger Aufmarsch nur möglich sei, wenn hinter der Sache eine Idee stehe, um die der Stahlhelm kämpst. Das große Motiv sei der Freiheitskampf um die deutsche Seele. Die Idee und der Glaube an das Vaterland müsse alle einigen. Der zweite Bundesführer, Oberleutnant D u e ft er­be r g , sprach sodann über die Ziele und Aufgaben des Stahlhelm. Er führte u. a. aus: Unter den Zehntausenden Stahlhelmern, deren Aufmarsch der Sonntag zeigen wird, ist die überwiegende Mehrheit Kameraden aus dem Arbeiter stände. Diese Arbeiter sind zu uns gekommen, weil sie eingesehen haben, daß unser Kampf um die Innere und äußere Befreiung ein Kampf für den deutschen Arbeiter ist. Das deutsche Volk lebt heute in Un­kenntnis seiner wahren Lage weit über feine Verhältnisse. Ich fürchte, daß unser Volk in der Krise, die der mit Auslandkrediten künstlich hoch- gehaltenen Konjunktur folgen muß, noch sehr schwe­res Lehrgeld wird zahlen müssen Ersiillungspolitik treiben und gleichzeitig die soziale Lage des Volkes ebnen zu wollen, ist unmöglich. Die 93e r b i 11 i gung der Erzeugung ist die einzige Möglich- feit, die Lebenshaltung der Gesamtheit steigern zu können. Eine Lohnpolitik, die Preiserhöhungen zur Folge Hit, schasst nur kurzlebige und trü­gerische Erfolge, denn sie schasst keine (Er­höhung der Kaufkraft des Lohnes. An Stelle der marjrifti|d)cn Methode der Lohnregelung muß die gemeinsame Verantwortung von Unternehmern und Arbeitern treten. Wir verlangen eine Lohnpolitik, die der höheren Leistung auch die gerechte Bewertung sichert. Der Stahlhelm bekämpft den Klasienkampsgedanken bei den Arbeitern genau so wie bei den Unternehmern. Wir verurteilten insbesondere entschieden die Me- thode der Generalaussperrungen. Der Marrismus ist der Todfeind unseres Volkes und der Kampf gegen ihn ist die wichtigste Aufgabe der nationalen Bewegung. Der Stahlhelm als Erbe des Front- aeiftes ist der Träger des deutschen Idealismus. Der Geist der Front war ein Geist der Einig- feit. Das in der Nachkriegszeit in zwei Hälften zer­fallene Volk soll wieder ein Volk werden, wie es im August 1914 war. Entweder wird die Maste der bcutffben Arbeiter für die nationale Idee gewonnen ober Deutschlanb muß zugrunde gehen.

Ter Stahlhelm kennt den Krieg und wünscht deshalb den Frieden. Rur Wille und Kraft zur Bcrtcidigung erhalten den wahren Frieden. Da- furchtbare Hamburger GittgaS- unglück zeigt, was unser wehr'os gehaltenes Volk in einem ZukunftSkrieg zu erwarten hat. Rur die Gleichberechtigung in der Wehr­stärke aller Rationen sichert den Frieden. Der Stahlhelm fordert, daß eine deutsche Auf evpoli'ik. die wirkliche und dauernde Erfolge erringen Wilf, ihre erste Anstrengung nach innen richten muß. Die Behauptung von der deutschen Verantwor- tung für den Krieg ist eine Lüge. Daher fordert der Stahlhelm nachdrücklich den Widerruf der Kricgsschuldlüge. Wir lehnen den Bölkerbund, solange er ein Machtmittel d r bis an die Zähne gerüsteten Siegerstaaten bleibt, ab. Der Stahlhelm erkennt den Raum der deutschen Hcimats- und Kolonialgebiete nicht an. Er lehnt den Verzicht auf den für Deutschlands Wirt chast notwendigen O st r a u m ab. Er lehnt die Re­

parationen, die eine Wiedergutmachung be­deuten sollen. Ab. weil sie in Wahrheit zu einer Kriegsentschädigung geworden sind, die nur mit wirischaitlichen und mi itorischen Zwangsmitteln von Deutschland erpreßt i t. Der Stah Hel n fottert nationale Wirtschaft und Stärkung des inneren Marktes zur Erlangung der deutschen RahrungS- freiheit.

Die deutsche landwirtscha tliche und industrielle Erzeugung muß in die 2ar v'rsetzt werden, mit ihren G.s.ehu gZ.'ost n d n We ibswero deZ Aus- lai.des ertrage.i zu tonnen. F.na iz- und Steuer­politik müssen sich diesem Gebot fügen. An Stelle einer gleichmach : dm Lohnpolitik müssen Aus- sticgSmöglichleiten durch Bewer­tung der Leistung gebot n werden. Den führenden Kreis n der Wirtscha t ru t der Stahl­helm zu, sich ihrer nativ taten Verantwortung

den deutschen Arb itnehmcrn gegenüber bewußt zu sein. Der deutsche Arbeiter gehört zu d- n Stand seiner BerusSarbeit. in welchem c .sie Stelle fordert, die er durch feine Persönlich cit einHunchmen beiecht gt wird Die Rechte o'.dnurg wird für diese neue soziale Auf affu.tg ic Rechtes ätze und die Derei .barunaen des Recht - schütze- finden müssen. Mit di ser Rcuor nui.g wird unvereinbar sein die Duldung eine- DürgerkriegeS. wie er heute in de t Formen von Streik und Au-spcrru:tg al- recht ch erlaubt geführt werden fa :n. linier beste Ar­beitswille und Ulfere ehrlichsten Künste tönnen trotz aller hing.be d n Leistung a lein den Weg zum Reuaufbau unteted Vaterlandes nicht be­reiten. wenn sie nicht zuvor die Erneuerung der deutschene:Ic und de- deutschen Menschen er­streben.

Die deutschen Ingenieure vor dem Moskauer SoVjetiribunal.

Angeklagte M Belastungszeugen.

Moskau, l.Inni. (WTD.) 3m weiteren Verlaufe des Schach, yproze'.ses wurde eincRe.hc russischer Qln-cla 1 ec vernommen, deren Aus­sagen iür lie Deur.c'^lung des Prozesses nicht wesentlich ftnu. Dagegen ist die Bernehmung des Angellag en Delenko inso een von Interesse, weil sie erwies, daß cs im Grunde vollständig gleichgültig ist, ob die Angeklagten schon vor dem Untersuchungsrichter ein Geständnis abge­legt oder sich teilweise schuldig bzw. unschuldig erklärt haben, da bei ihnen jede Wider­standsfähigkeit gebrochen erscheint. Die Befragungen der Angeklagten gehen bis 1909 zurück und bezwecken, die Gesinnung der Angeklagten vor der Revolution im Sinne der Anklage ie'tzutzellen, um auf Grund dieser vor. Zeugen teils zurec.ässlge.', teils unzuverlässiger Art festgestcl.ten Ergebnisse die Schuldfrage bei nach der Revolution begangenen Delikten zu beurteilen. Besonders charakteristisch erscheint das Verhak en des Angeklagten Delenko. Ihm, der seit seiner Verhaftung fünfmal zwischen dem Bekenntnis und dem Abstre'tten seiner Schuld geschwankt hat, wurde vom Vor­sitzenden Wy ch.nlki die Gewissensfraze vorge­legt, ob etwaUntcrsuchungSorgane" auf ihn irgendwelchen Druck auSgcübt oder ihn gar bedroht hätten. Delenko überfegte einige Minuten und war sichtlich verlegen, was er antworten sollte. Darm bet nein te er die Fruge.

Ls wurde dann mit der lange erwarteten Ver­nehmung des Angeklagten Baschkin, helfen Aus­sagen die alleinige Belastung der deutschen Angeklag­ten Meier und Otto bilden, begonnen.

Seine Aussagen wurden einwandfrei übersetzt. Daschkin spricht eintönig mit halber Stimme, ohne den Dlick zu erheben, und seine Haltung macht auf jeden objektiven Beobachter einen denkbar schlechten Eindruck. Zwischen Resignation und Feigheit schwankend, erzählt Daschkin: Die Aufstellung der Schremmaschinen der Firma Knapp ergab die Rotwendigkeit, die Maschinen in ein anderes Revier zu überführen.

Dald trat eine Havarie ein. ohne allerdings ein Unglück zu verursachen. Daschlin beh .et, ihm sei die Absicht der Sabotag. .is den vorhandenen ^Inzulänaiichkciten s 0 f 0 r. ei­ten n bar gewesen. Der Ang.klagte spricht 0 ..in von seinem älteren Druder, der bei der AEG. tätig und aus Rußland au-gewandert war. Die ersten Rachrichten habe er von seinem Bruder 1925 erhalten. Inspektor Gehler habe ihm 1926 von seinem Bruder Rachrichten gebracht.

Gelegentlich eines Spaziergang» habe Gehler offen von Gruppierungen im Auslonde und be­absichtigter Schädigungsarbeit gesprochen.

Weitere Rachrichten von seinem Bruder habe ihm Ingenieur Hartmann überbracht Die Montage der Maschinen sei überhastet worden und es habe sich gezeigt, daß Maschinent ite fehlten. Gleichzettig sei t> r I ispe.'tor Wegner zur Kontrolle der elektrischen Anlag.n ge ommen. Wegner habe nicht russisch sprechen und d shalb wenig gelten können. Er habe die notwend gen Ersatztelle als Frachtgut mitgebracht und fei länger als einen Monat geblieben. Wegner ha >e von dem Bruder Baschkins diesem die Milt ilu.tg überbracht, daß eine Wirtschaftsschädi­gung beabsichtigt sei. auch in ben D r,- werk Wlassow a. Gleichzeitig will Daschkin Di­rektiven von seinem Chef erhatten Haden, der ihm gesagt habe: »Meier wird nähere- mit- bringen. Einen Monat nach Ankun t W g'erS sei Meier, mit dem selbst eine Verständigung durch den Dolmetscher wenig erchlg'-ttch gewesen fei, weil der Dolmetscher die technische 1 Aus­drücke nicht gekannt habe, aus Rutsch:n ow ein» getroffen. Deshalb habe er mit Meier unmittel­bar Besprechungen geführt. (Rach In'ormat on deS Korrespondenten des WTD. hat sich der Dolmetscher für Mein: ausgesprochen.) 3 igcnieiir Otto sei bemüht gewesen, neue T3c Heilun­gen ju erhalten. Meier habe die Diiettiveg dazu geg ben, wie die Turbine zerstört wer­den könne. Meier habe Daschlin gefragt, wer bei diesen Schädigungen mit Helf en könnte.

Die Verträge von Nettuno bildeten am 20. Juli 1925 den Abschluß von Verhandlungen zwischen Italien und Südslawien, die schon im Oktober 1924 begonnen waren, um endlich die aus dem oben schon erwähnten Londoner Palt der ehemaligen Kriegsverbündeten vom Jahre 1915 stammenden Streitfragen endgültig zu bereinigen. Die Nettuno- konoentionen. die nur als Ganzes angenommen oder abgelehnt werden können, bestätigen den südslawi- schen Verzicht aus Fiume durch Anerkennung der römischen Souveränität in dieser ehemaligen Freien Stadt, und regeln eine Reihe in früheren Verträgen offcngclafiener Fragen Verkehrs- und wirtschastspolilischen Charakters. Das Nieder- lassungsrecht, das bei theoretischer Gegensei­tigkeit in praxi doch den Italienern außerordentliche Vorteile und eine gewaltige wirtschaftliche Macht- Position an der dalmatinischen Küste einräumt, wurde schon in dem am 9. Juni 1926 in der Bel­grader Ski'.pschtina angenommenen Handelsvertrag feftgelegt. Das verdient besonders betont zu werden, denn namentlich diese Niederlassungskonvention, die der italienischen Ueberschwemmung Tür und Tor öffnet wird in Dalmatien als besonders schimpflich und für das kroatische Nationalgefühl untragbar an­gesehen. Die Nettunoverträge selbst sind zwar vom römischen Parlament schon seit langem ratifiziert, der serbischen Skupschiina jedoch überhaupt noch nicht zur Ratifizierung vorgelegt, weil sich schon so- fort nach dem Bekanntwerden der Konventionen in der Oesfenllichkett ein Sturm der Entrüstung gegen den südslawischen Außenminister Nintfchitsch erhob, der das Kabinett Zwang, die Skupschiina zu Der- tagen, ohne daß sie sich mit den anstößigen Ver­trägen besaßt hatte. Seitdem also feit dem Sommer 1926, ist die Ratifizierung dieser Nettunoverträge Gegenstand eines heftigen Notenkrieges zwischen Rom und Belgrad geworden, gleichzeitig aber auch ein Streitapfel in her inneren Politik Südslawiens, an den kein Kabinett rühren darf, dem fein Leben lieb ist.

Nun ist es England, das die Begebung einer Anle.he an Jugoslawien von der oorheriacn Rati- fizierung der Nettunoverträge durch die Belgrader Skupschtina abhäng g macht, und der serbische Außenminister Marinkowitsch hat sich bereiterklärt, die so stark angefeinbeten Verträge im Parlament einzubrinaen. Welche innerpotit.sche Belastungs­probe diese Aktion nicht nur für das serb sche Ka­binett, sondern sogar für den Bestand des jungen Süd.slaw-r.staats selbst bedeutet, beweisen die Kür- mischen Straßenkundgebungen gegen Italien, aber auch gegen die der Freundschaft mit Rom verdäch­tige Belgrader Regierung. Des südslaw sche Volk, namentlich die Kroaten und Dalmatiner, emp­findet die Rat.fizierung der Nettunoverträge als ein kaudinisches Joch, das der Ucbermut des Erb­feindes durch England unterstützt, der serbischen Na­tion aufzwingen möchte. N cht ganz mit Recht, so­weit nämlich die als besonders schimpflich und kränkend empfundene Niederlassungskonvention, die ja schon ratifiziert und in voller Wirksamkeit ist, einbezogen wttd. Auch darin wird man den Ser­ben nicht beipflichten können, wenn sie in diesem Druck von London aus, den Beweis sehen wollen, daß England mit ihrem italienischen Widersacher durch dick und dünn geht. Die britische Politik braucht Ruhe und noch einmal Ruhe auf dem Bal­kan, und darum liegt ihr daran, durch die Zustim­mung Südslaw'ens zu den Nettunoverträgen die hier geregelten Streitfragen aus der Welt geschafft oder wenigstens rechtlich mit ihnen reinen Tisch gemacht zu sehen. Das Belgrader Kabinett befindet sich in einer außerordentlich schwierigen Lage. Es sieht sich dem eigenen Volke gegenüber, das in feiner überwiegenden Mehrheit es mit Entich ebenbeit a b- lehnt, auf dem Boden der geg nroärtigen und durch die Ncttunoverttäge feier! d) sanktionierten Verhältnisse zu einem friedlichen Ausgleich mit Ita­lien zu kommen Es fühlt sich aber andererseits we- n gftens vorläufig noch keineswegs stark genug, es auf einen offenen Konflikt mit der Adriagroßrnacht

ankommen zu lassen. Noch dazu ohne Bundesge­nossen und rings umstellt von offenen oder Henn- sichen Parteigängern Roms. Mit Ungarn im Norden verbindet Italien engste und forgfältiq ae- Pflegte Freundschaft, Rumänien steckt noch je t der Ratifizierung des Bessarabienabkommens tief in der Schuld Mussolinis, zu Bulgarien (pin­nen sich freundschaftliche Fäden, die du^ch die groß- zügige Erdbebenhilfe Italiens noch fester gefnüpft wurden. Und nun hat Mussolini begonnen, den Kreis auch im Süden zu schließen. Die Früchte der biplomat schen Osterbesuche reifen. Griechen­land und die Türkei sollen in das ital enische Bündnisstzstem einbezogen werden. Voraussetzung dafür .st die (Ein gung der beiden Vertragspartner untereinander, das ist allerdings vorerst an dem Widerstand Angoras gescheitert, aber der türkisch- italienische Vertrag ist gerade eben perfekt gewor­den, nicht unter gewissen Opfern Roms, das auf die Zone von Adalia in Kleinasien, die ihm einst wäh­rend des Krieges zugesagt wurde, zugunsten der Türkei, des tatsächlichen Besitzers des Gebietes, cer- zichtete. Mit Griechenland ist man noch nicht soweit gelangt. Das Kabinett Zaim s war rochl zum Anschluß an Italien bereit, aber Frankr. ch legte in Athen seine Gegenminen, Den selos erfch en a.us der Versenkung und brachte eine fRegierurgs- krisis zuwege, die allerdings nicht zur vollen Aus­wirkung kam, da Mussolini durch Abschluß des Vertrages mit Angora Deniselos und seinen Pariser Hintermännern paroIi bieten und das Kob nett Zaimis retten konnte. Immerhin wird noch der Sommer ins Land achen, bis es Italien eielino.en dürfte, durch einen Vertrag m t Griechenland ai d) hier im Süden den Ring um Iugoslaw en zu schlie­ßen. Die gänzliche Isolierung ihres Landes zwingt jedoch die serbischen Staatsmänner, weiter langsam Mi treten und alles auf die -te t. ihren einzigen Bun­desgenossen zu sehen. Es wird nun alles darauf an­kommen, ob die aufs äußerste von nationaler Lei­denschaft und Empörung aufgepeitschte Dolksmasse