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Hl 205 Zweites Blatt

Vie -nterparlamentarifche Anion

Bon unserem ständigen v. ^.-Berichterstatter.

Paris, 29. August.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Die Sitzungett der Interparlamentarischen Union in Paris, die gewissermaßen als Auftakt für die Genfer Lölkerbundstagung zu betrachten sind, sind reich an Ueberraschungen. Die Verschärfung der deutsch-französischen Beziehungen, die sich seit eini­gen Monaten immer stärker bemerkbar macht, hat in dem Wortduell zwischen dem deutschen und dem französischen Parlamentarier vor diesem internatio­nalen Forum ihren Höhepunkt erreicht. Die maß­vollen und llugen Ausführungen des deutschen Reichstagspräsidenten L ö b e, die überall außerhalb Frankreichs sicherlich den besten Eindruck gemacht hatten, haben scheinbar wie ein rotes Tuch auf die französischen und belgisct)en Parlamentarier gewirkt. Jedoch nur scheinbar: denn der belgische Senator M a g n e t t e hat in seiner Rede erklärt, daß er es bedaure, nicht zu Beginn der Sitzung seine gegen Deutschland gerichtete Resolution eingebracht zu haben, doch hätte ihn hieran die Tagesordnung ver­hindert. So stellt sich denn die Sachlage folgender­maßen dar: von französischer und belgischer Seite waren scharfe Angriffe gegen die deutsche Delegation ohne Zweifel von vornherein beabsichtigt. Die Rede des Reichstagspräsidenten L ö b e hat die Frcurzosen und Belgier nicht daran verhindert, ihre Vorwürfe gegen Deutschland vor die Versammlung zu tragen. Der auch von der französischen Linkspresse in letzter Zeit mehrfach ausgesprochene Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen, der das Leitmotiv der Löoescyen Ausführungen bildete, ist völlig unbeachtet verhallt, und wir stehen vor der Tatsache, daß man in Frank­reich und Belgien eine sehr viel schärfere Tonart Deutschland gegenüber anschlägt, als dies seit Jah­ren der Fall war. Sicherlich sind dies nicht allzu günstige Auspizien für die Genfer Verhandlungen über die Reduktion der Rheinlandtruppen.

Wer Gelegenheit gehabt hat, die Genfer Rats­und Vollversammlungen an Ort und Stelle mitzu­machen, der wird über den wenig parlamen­tarischen Ton, den die Parlamentarier der Interparlamentarischen Union im Verkehr mitein­ander zu gebrauchen belieben, erstaunt sein. In Genf, wo verantwortliche Regierungsvertreter ein­ander gegenübertreten, ist stets die internationale Höflichkeit gewahrt worden. In Paris ist dies leider nicht der Fall. Doch ein Gutes haben die Pariser Beratungen immerhin für sich anzuführen: man wird wenigstens heute in Deutschland wissen, woran man ist, und wenn die Erkenntnis auch bitter sein mag, mit völliger Klarheit feststellen kön­nen, daß die öffentliche Stimmung in Frankreich jeder Versöhnungspolitik mit Deutschland immer noch abgeneigt ist, solange Deutschland den Anspruch erhebt, ein selbständiger Faktor im internationalen Leben der Völker zu sein.

Die Sitzungen der Interparlamentarischen Union boten aber gleichzeitig die Möglichkeit, über die Stimmung der übrigen Völker, soweit sie Deutsch­land und Frankreich betrifft, klar au sehen. Als Poincare nach seiner recht inhaltslosen Begrü­ßungsansprache die Tribüne verließ, waren es nur die Deutschen, Oesterreicher und Ungarn, die ihm keinen Beifall zollten und auf ihren Bänken sitzen blieben, zur außerordentlichen Empörung der ge­samten französischen Presse. Die Ausführungen L ö b e s wurden etwa von einem Drittel der Ver­sammlung mit Beifall begleitet, unter anderem von den Vertretern der skandinavischen Staaten, den Schweizern, den deutschen Delegierten der Tschecho­slowakei, den Oesterreichern und Ungarn; die übrige Versammlung schwieg. De Jouvenel hatte nach seiner Rede den Beifall der anderen zwei Drittel der Versammlung für sich. Diese Gegenüberstel­lung scheint insofern nicht ohne Interesse zu sein, weil sie den Beweis dafür erbringt, daß Frank­reich trotz seiner unversöhnlichen Politik immer noch die Sympathien weitaus des größ­ten Teils der Welt für sich hat. Ein er­freuliches Zeichen ist in der Stellungnahme der englischen Delegation zu erblicken, deren Wortführer Edwards mit großem Ernst und Nachdruck dar­auf hinwies, daß der deutsch-französische Gegensatz den Frieden Europas dauernd gefährde und wie ein Alp auch auf den übrigen Nationen laste. Man darf

Gießener Stadttheater.

Gustav Davis:Mädel von heute".

Dies ist ein harmloses und liebenswürdiges Lustspielchen, ganz modern angehaucht, überaus zeitgemäß, aber ohne das mindeste Talent (und auch wohl ohne die Absicht), eine naheliegende Satire zu geben. Unsere Gegenwart üst ja überreich an Satirenftofsen, aber dieser Autor hat weder die Lust noch das Zeug dazu, und so ward eine kleine, sanfte, durchaus nicht bösartige Ironie daraus, die mit fünf Sähen hätte gesagt sein können, und bei der man sich wundert, wo der Verfasser den Redeschwall und die Einfälle hernimmt, das Ganze auf drei abendfüllende Akte zu bringen.

Ein gewissermaßen mit der Zeitlupe ver­wandelter. gutmütig-spöttischer Seitenblick, ohne Schärfe und ohne allen Grirmn, auf das junge Mädchen von heute. Oder, besser gesagt: auf einen gewissen, von Amerika her hefttg und nicht gerade vorteilhaft beeinflußten, gemein­europäischen Girltyp. Die junge Dame von Welt, die ihre Zeitgemähheit nicht nur durch die kurze Haartracht zu dvkumentteren beliebt sondern durch die absolute Aufgeklärtheit. Sachlichkeit. Ucbcrlegenheu. Selbständigkeit und Geschäfts­tüchtigkeit ihrer Lebensäußerungen, allwomit sie das ins Extrem verkehrte Gegenstück eines eben­sowenig erfreulichen, aber inzwischen ausgestor­benen oder immerhin selten gewordenen Mädchen­wesens darstellt, das unselbständig, unvorbereitet hausbacken und von allerlei falscher Romantik umnebelt in die Welt trat.

Die Geschichte von Gustav Davis könnte an manche ernsthaften und erwägenswerten Pro­bleme der Erziehung, der sozialen und gesell­schaftlichen Lebensgestaltung rühren, die noch kei­neswegs abgetan, geklärt und überholt, die im Gegenteil von brennender Aktualität sind. Aber wir sagten es schorr Davis bleibt mit seinem Stück freundlich an der Oberfläche, ihm ist es weder um ernsthafte Hintergründe, noch um die Klärung schwerwiegender und tief lieg en» der Gegenwartsfragen zu tun, sondern nur um einen kleinen Scherz, ohne viel Philosophie und Aebengedanken, und übrigens' auch in allen Ehren und fern jeder Frivolität, mit der sich beispielsweise ein französischer Autor des immer-

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Mittwoch,«.. August(92?

der Ueberzeugung sein, daß so wie Edwards auch Priele der anwesenden Parlamentarier empfinden, vielleicht mehr, als es äußerlich den Anschein hatte. Doch sind sie einerseits zu stark gebunden, um per­sönlichen Empfindungen und Sympathien Ausdruck zu verleihen, andererseits aber stets bereit, in einem Streit zwischen Deutschland und Frankreich, Frank­reichs Partei zu ergreifen.

Man möchte den deutschen Parlamentariern wünschen, daß sie recht häufig Gelegenheit haben mögen, sich von der wahren Stimmung im Aus­lande au überzeugen, die sicherlich selten so klar und deutlich, wie in diesen Tagen in Paris, zum Aus­druck kommt. Pressestimmen, persönliche Unterhal­

tungen und Erzählungen Dritter tjebcn so oft einen falschen Eindruck. Die deutschen Parlamentarier, die nach Paris kamen, werden hoffentlich in Zukunft Bescheid wissen, wie es um die versöhnliche Stim­mung in Frankreich steht. Denn das Eintreten d e Iouvenels für die polnischen Wünsche auf dauernde Sicherstellung ihrer Grenzen geschah sicher­lich nicht den polnischen Freunden zuliebe, sondern um dem völlig unbegründeten Wunsch auf weitere Fortdauer der rheinischen Besatzung das Mäntel­chen der Nächstenliebe umzuhängen; ebenso wie die Franzosen behaupten, daß sie für Belgien den Welt­krieg geführt haben.

Das Burgenland, Ungarn und wir.

Aach einer Studienreise mit 12 Gießener Studenten. Von Dr. Fr. König.

Die Grenze zwischen Oesterreich und Ungarn ist nie die Grenze zwischen dem deutschen und dem madjarischen Volkstum gewesen. Jenseits lag im Königreich Ungarn das deutschwest- ungarische Land, in dem Haydn und Franz Liszt, Joachim, Hans Richter, Josef Kainz und Fanny Elßler geboren sind, an dessen See Aiko- laus Lenau die Stimmung zu seinen Schilfliedern fand. Es ist das Land der Hienzen und der Heidebauern. Seine Städte liegen zumeist am Rande, dem fremden Volksboden zugekehrt: Preßburg im Aorden, dann Wieselburg, Oeden» burg, Güns, St. Gotthardt, sie alle, wie die meisten Städte des Ungarlandes überhaupt, Städte deutscher Gründung, Städte deutscher Ver­gangenheit und auch noch deutscher Gegenwart. Gar zu gern hätten die Slawen dies Land zu einem Korridor umgewandelt, durch den sich Süd- und Westslawen hatten die Hände reichen können. Das ist nicht geschehen. Dafür aber ist der größere Teil der Fläche an Oesterreich überge­gangen; außer Preßburg, das tschechoslowakisch wurde, sind die Städte Oedenburg, Wiesel­burg, Güns, St. Gotthard abgetrennt worden und bei Ungarn geblieben. Das an Aiederö st erreich und die Steiermark angrenzende Bauernland aber hat den Aamen Burgenland erhalten, nicht nur weil es die schönen, eindrucksvollen Burgen birgt, in Erinnerung vielmehr auch an seine vier alten deutsch-ungarischen Komitatsstädte Preh- burg, Wieselburg, Oedenburg, Eisenburg. Es hat seinen eigenen Landtag. Dieser wählt den Landeshauptmann. Sitz der Landesregie­rung ist das im nördlichen Burgenland gelegene Eisen st adt geworden. Seiner eigentlichen Hauptstadt Oedenburg beraubt, zerfällt es in zwei Teile, das nördliche und das südliche Durgen- land, die vorerst nur durch einen schmalen Saum­weg miteinander verbunden sind.

Das Burgenland ist so das Randgebiet des geschlossenen deutschen Dolksbodens im S ü d - osten. Es ist bis ins 17. Jahrhundert hinein Zankapfel zwischen den österreichischen und unga­rischen Ständen gewesen. Erst i m Dreißigjährigen Krieg sind die letzten seiner Herrschaften Ungarn überlassen worden. Bis zum Jahre 1835 haben die österreichischen Stände ihre Ansprüche immer wieder erneuert Der Zusammenbruch der Mon­archie erst hat die Frage wieder aufgeworfen; nun aber lag die Entscheidung nicht mehr bei den Ständen, sie lag beim Volke. Das Volk aber hat sich für Oesterreich und dadurch f ü r Deutschland entschieden. Die österreichische Friedensabordnung in St. Germain trat für die Forderung der westungarischen Deutschen ein und stellte das Verlangen nach einer freien Volks­abstimmung. Der Vertrag von St. Germain vom 10. September 1919 gab den Hauptteil des Landes mit Oedenburg ohne Volksabstimmung an Oesterreich. Es schien so, als ob die Entschei­dung gefallen sei. Die Madjaren aber behielten das Land nicht nur bis zum Abschluß ihres Friedensvertrages zu Trianvn in der Hand (26. Juli 1921), madiarische Banden überfielen es vielmehr Ende August und verhinderten seine Uebergabe an Oesterreich. Es begann eine Zeit furchtbaren Terrors. Oesterreich durfte keine mili­tärischen Kräfte einsehen. Die italienische Regie­rung übernahm die Vermittlung. Zu Venedig

verpflichtete sich Ungarn am 13. Oktober 1921 zur Räumung des Gebiets, dafür a6er mußte Oester­reich eine Volksabstimmung in Oeden­burg und Umgebung zrgestehen. Sie fand am 14. Dezember unter Leitung der Entente, ins­besondere des ungarnfreundlichen Generals Fer­ra r i o statt. So kam es zu jener Farce, die ..das Verbrechen von Oedenburg" genannt wor­den ist. Ein Abstimmungsschwindel sondergleichen setzte ein und brachte den Madjaren den Schein­sieg. Die österreichischen Kommissare erhoben gegen die Methoden schärfsten Einspruch und ver­ließen schließlich unter Protest die Stadt 3n Oedenburg fielen 27,2 Proz. der Stimmen trotz­dem auf Oesterreich, in den sieben deutschen Landgemeinden 63 Proz. Am 1. Januar 1922 wurde das Gebiet von der Botschafterkonferenz an Ungarn übergeben. So ward das Burgen­land feiner Hauptstadt, Oedenburg ober seines Hinterlandes beraubt. Es ist ein Unglück für beide; Oedenburg ist eine tote Stadt geworden, das Burgenland in zwei Teile zerrissen. Zwischen Madjaren und Deutschen steht soeine unbe­glichene Rechnung".

Oesterreich hat das Land als 9. Bundes­staat in die österreichische Republik ausgenom­men. Es ist ein kühner Schritt gewesen. Staat­liche Selbstverwaltung hat die Bevölkerung im Bereiche ihrer Heimat bis dahin nie besessen; es fehlte so die Tradition des Eigenstaats; die ungarische Verwaltung war ausgesprochen zentralistisch gewesen, der Madjare war der Herr, der Deutsche der Untertan; sozialer Ausstieg war in den letzten Jahrzehnten nur auf dem Umweg über die madjarische Gesellschaft möglich gewesen; die Oberschicht hatte sich dem eigenen Volkstum zu entfremden begonnen. Analog dem französisch eingestellten Bourgeoistum Elsaß- Lothringens und Flanderns war hier das so­genannte Magharonentum entstanden, das die Zugehörigkeit zur herrschenden madjarischen Ge­sellschaft der Verwurzeltheit im Volkstum vor­zog. Es fehlte so zunächst für den Aufbau des neuen Bundesstaats die eigene, politisch und sozial führende Oberschicht, es fehlte vor allem der eigene volkdeutsche Beamtenkörper. Wenn Oesterreich sich trotz alledem zur Verleihung bundesstaatlicher Autonomie entschloß, so tat es das im festen Vertrauen auf die Kräfte des Volkstums, die nunmehr nach dem langen Dorn­röschenschlaf wieder lebenbig werden. Es hat die Verwaltung zunächst in die Hände altöster­reichischer Beamten legen müssen; schon aber rückt die burgenländische Jugend nach und reift zur Uebernahme der Führung heran. Daß sich eine solche Entwicklung nicht völlig reibungslos vollzieht, das haben uns Reichsdeutsche unsere Erfahrungen in Elsaß-Lothringen gelehrt. Eins hat das Burgenland vor Elsaß-Lothringen vor­aus: der Bundesstaat ist ihm gleich voll und ganz gegeben worden, so daß es hier nicht wie dort nach 1870 zu einem Kampfe zwischen der eingeborenen Bevölkerung und dem Oberstaat um den Ausbau der Verfassung kommen kann. Das Burgenland ist kein Reichsland, es ist ein Bundesstaat gleichen Rechtes mit eigenem Land­tag und eigener Spitze. Das Höchstmaß von politischer Freiheit ist gewährt. 3m Burgen­land handelt es sich um das Einleben frei-

hin delikaten Stoffes vermutlich bemächtigt hätte; man sieht es am dritten und letzten Akt des Stückes.

Das Mädchen von heute dies etwa ist des Pudels Kern wird nicht mehr verheiratet und auch nicht geheiratet, sondern es heiratet. Es heiratet, knapp dem Pensionat entlaufen, wo es schon einen kleinen Umsturz überalterter Anschauungen ins Leben gerufen hat, mit einer anerkennenswerten Selbständigkeit ohne die mindeste Unterstützung von Eltern, Ver­wandten, Gouvernanten oder sonst erfahrenen und gereiften Leuten den Mann, den es sich einmal in den Kopf gesetzt und zu heiraten für gut befunden hat. Der Mann wird geheiratet. Basta. Ob er will oder nicht. Sdielt keine Rolle. Ob er was Vorkommen soll Junggeselle ist und eine Freundin hat, oder nicht. Er wird gar nicht weiter gefragt. Es wird ihm mitge­teilt, was wenigstens zuvorkommend ist, unö er wird geheiratet.

Und zwar, dies mildert vieles, so, daß er trotz anfänglichen Sträubens zuletzt durchaus nicht etwa den Eindruck eines zum Tode Ver­urteilen macht, sondern es ganz gern tut und damit einverstanden ist. Er merkt es am Ende gar nicht mehr und denkt womöglich, er habe selbst gehandelt, während doch in Wirtiichkeit mit Rach­druck um ihn angehalten wurde, und er sozusagen nur fein Jawort gegeben hat.

Alles ist so dick aufgetragen und stellenweise dem Schwank angenähert, daß kein Mensch dem Autor böse sein kann; man nimmt auch an einem ziemlich beträchtlichen Aufwand von un­wichtigem Drunnmddran. von Beiwerk, Ein­kleidung, Ausmalung und Rebenpersonen keinen Anstoß. Und wenn zuguterletzt, im dritten Akt ein 3unggesellenschlafzimmer die Szene bildet, dann hat es etwas Rührendes, wenn, was man in einem Pariser Lustspiel vergeblich gesucht hätte, das Standesamt gewissermaßen unsichtbar im Hintergründe steht. Solche Anständigkeit ver­söhnt mit niaru. erlei Untiefen.

Unter Telekhs Leitung kam eine amü­sante Ausführung zustande, und es war kurz­weilig zu sehen, wie Alix K r a h m e r, dte tüchtige junge Dame mit der großen Selbstgewiß­heit und der Weltanschauung von 1927 den etwas rückständigen und in altfränkischen Lebensansichten befangenen Junggesellen Hans Tann ert drei

Akte lang mit List und Tücke herumkriegte; den beiden machten die vertauschten Rollen offen­sichtlich viel Vergnügen. Es wurde auch sonst erfreulich gespielt; wir nennen von den Chargen Gehre, Wehrl und D a st 6, den man als alten Bekannten wieder ein Ensemble begrüßen darf.

Das Publikum war bei der Sache und unter­hielt sich bestens. Dr. Th.

Rückgang in der Ehescheidungs- stalistik.

Die unlängst erschienene Statistik des Deut­schen Reiches enthält u. a. auch interessante Zah­len über die Ehescheidungskurve. Diese Eheschei­dungskurve läßt nämlich erkennen, daß die Sta­bilisierung der Che im Gegensatz zu den Kriegs- und ersten Rachkriegsjahren gairz bedeutende Fortschritte gemacht hat. Während noch in den Jahren 1921 und 1922 jeder 800. Deutsche in Ehescheidung lag und in den Großstädten die Lage noch weit trostloser war, zudem in den folgenden Jahren allenthalben eine große Ehe- gleichgültigkeit beobachtet werden konnte, zeigen die Ziffern jetzt ein ganz merkliches Sinken. Es gibt in Deutschland augenblicklich sogar Bezirke und Länder, in denen die Ehescheidung sehr selten geworden ist, in gewissen agrarischen Bezirken sogar überhaupt nicht mehr vorkommt. So sind z. D. in einigen mecklenburger Landstrichen be­reits in den beiden vergangenen Jahren über­haupt keine Ehescheidungen mehr zu verzeichnen gewesen. 3n den katholischen Ländern West­falen, Bayern und Baden, in denen die Ehe­scheidungen immer schon seltener als in den andern Landesteilen in Erscheinung traten, ist die genannte Besserung besonders weit fortge­schritten. Vergleicht man die vorliegenden Zahlen allerdings mit den Ziffern von 1913, so sieht man, daß in dem Vorkriegsjahr die Eheschei­dungen noch weit seltener waren, als jetzt. Das mag in erster Linie wohl damit zusammen­hängen, daß sich die sozialen Anschauungen und die gesellschaftlichen Zustände gegen die Vor­kriegszeit ganz gewaltig geändert haben. Der Fortschritt gegenüber den vergangenen 3ahren läßt aber ohne Zweifel den Schluß zu, daß wieder eine ernstere Auffassung über die Ehe innerhalb der jüngeren Generation sich durch- gesetzt hat.

willig angeschlossenen stammverwandten Volks­tums in neue Verhältnisse, um die Erfassung der neuen ungewohnten Aufgaben durch die Be­völkerung selbst.

Deutschweftungarn ist so politisch zu dem jüngsten der deutschen Länder im Be­reich des geschloßenen deutschen Volksbodens ge­worden. Ueberall, wo Deutsche zur Ausbildung übergreifender Staatlichkeit gekommen sind: im Aeich, in der Schweiz, in Oesterreich, wirkt sich das politische Geben immer noch in landschaft­lichen Selbstverwaltungsgebilden, Bundesstaaten oder Provinzen mit provinzieller Selbstverwal­tung, aus; nirgendwo ist es bisher zur Aus­bildung rein zentralistischen Regiments ähnlich Frankreich und Ungarn gekommen. Das mag uns gar oft an der Zusammenfassung al.er Kräfte hemmen, es verbürgt aber doch auch einen Reich­tum landschaftlichen Eigenlebens, wie es ihn sonst nicht gibt. Es ist das große Ereignis in der Geschichte des Burgenlandes, daß ihm nun­mehr die Möglichkeit gegeben ist, in analoger Weise politische Eigenform anzunehmen. Dadurch ist ihm etwas gegeben, was es im ungarischen Staate niemals hätte erhalten kön­nen. Die neue Basis seines Lebens aber hat es heute schon in einem Maße Ungarn entfremdet, daß Ungarn dies zu politischem und volklichem Selbstbewußtsein erwachende deutsche Land im Rahmen seines Staates gar nicht mehr brauchen kann. Wo der deutsche Gedanke der Selbstver­waltung des bodenständigen Volkstums bei deut­schen Menschen einmal durchgebrochen ist, da werden sie für fremdvölkischen Zentralismus un­brauchbar. Das erlebt Frankreich heute an Elsaß- Lothringen, das würde Ungarn am Burgenlande erleben, wenn es seine Herrschaft noch einmal in ihm ausrichten könnte.

Die Friedensverträge haben den Madjaren besonders hart mitgespielt. Bon rund 10 Mil­lionen Madjaren sind 1920 nur 6,6 Millionen in Rumpfungarn verblieben. 33,5 Prozent der Volk­heit lebt unter fremder Herrschaft. Annähernd 1,5 Millionen davon gehören dem geschlossenen madjarischen Sprachgebiet an*). Der ungarische Gesamtstaat umfaßte vor dem Krieg annähernd 20 Millionen Einwohner. Gut die Hälfte gehörte demnach zu nicht-madj arischen Rationalitäten. Ueber 2 Millionen waren Deutsche. Es ist be­greiflich, daß die Erinnerung an die vergangene Größe den Rationalstolz der Madjaren nicht zur Ruhe kommen läßt. Politischer Leitgedanke ist ihnen das Dogma von der Integrität der heiligen Stefanskrvne im alten Umfang. Darüber vergessen sie aber gar zu leicht den Entwicklungsprozeß der Rationalitäten im südöstlichen Europa. An der Rationalitäten­frage ist nicht nur die Donaumonarchie als Gan­zes, ist vielmehr auch das alte Ungarn zerschellt. Die Madjaren haben die von chnen beherrschten fremdvölkischen Staatsgenvssen in der zwei­ten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts mit Gewalt um ihr Volkstum zu brin­gen versucht. Das Ergebnis war, daß sie im Jahre 1918 ihre Abkehr vom ungarischen Staate vollzogen haben. In ihren Augen bedeutete der Zusammenbruch das Ende eines Herrschafts­systems; sie fühlten sich nunmehr frei und gingen den Weg, den Blut und Sprache, Reigung und Interesse ihnen wies. Auch die Deutschen West Ungarns betrachteten den Zusammen­bruch als ein Ende. Bis 1868 war ihr Volkstum unbehelligt geblieben; sie hatten ihre Dolks- kultur frei entwickeln können. Das hatte sie zu loyalen Untertanen der Stefanskrvne gemacht. Die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hatten den Umschwung gebracht. Die deutsche Sprache wurde in den Schulen durch die madjarische er­seht, an die Stelle der deutschen Lehrer traten madjarische. Dom Jahre 1869 sank die Zahl der deutschen Schulen in Ungarn von 1232 auf 272, von denen 254 den Siebenbürger Sachsen ge­hörten. Die deutschen Theater in Preßburg und Oedenburg wurden madjarisiert. Die In­telligenz wurde vom Volkstum abgesplittert, die deutsche Bildung vernichtet. Das Volk aber ward zum rein landschaftlich gebundenen Dialektvolk,

*) Rach L. Budah, Ungarn nach dem Frie- densschluh, bei W. de Gruyter, Berlin und Leipzig 1922.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. theol. Bernhard Geher in Breslau hat den an ihn ergangenen Ruf auf den neuerrichteten Lehrstuhl der Dogmatik! in der katholisch-theologischen Fakultät der Uni­versität Bonn angenommen. Wie bereits gemeldet, sind auf den Lehrstuhl der deutschen Philologie an der Universität Berlin, den bisher der verstorbene Professor Gustav R o e t h e innegehabt hat, seitens der Unterrichtsverwal­tung gleichzeitig Rufe an Prof. Dr. Friedrich Panzer in Heidelberg und Professor Dr. Arthur Hübner in Münster ergangen. Run- mehr hat Professor Hübner den Ruf nach Ber­lin angenommen. Hübner, der aus Reudamm, Kreis Königsberg (Reumark), gebürtig ist, er­hielt feine Ausbildung in Berlin und Graz, be­sonders als Schüler von G. Roethe und Erich Schmidt, und erwarb 1910 in Berlin den Doktor­grad mit der DissertationDaniel, eine Deut'ch- ordenstiftimg". Ebenda erhielt Hübner brei Jahre später die venia legendi für deutsche Philologie auf Grund der SchriftStudien zu Raogeorg", wurde 1918 Extraordinarius in Berlin und er­hielt einen Lehrauftrag für deutsche Mundarten- kunde und Volkskunde. 1923 siedelte Hübner als Ordinarius nach Münster als Rachfolger von Pro­fessor Iostes über. Der Gelehrte ist langjähr:' er Mitarbeiter am Deutschen Wörterbuch der Brü­der Grimm und ist beteiligt an der Redaktion der von der Preußischen Akademie der Wissen­schaften herausgegebenenDeutschen Texte des Mittelalters". Dem Lektor an der Univer­sität Kopenhagen. Dr. Werner Heisen­berg, sind gleichzeitig zwei Ordinariate an­geboten worden, der Lehrstuhl der cheoretischen Physik an der Universität Leipzig als Rach- folger von Professor Des Coudres, sowie der Lehrstuhl der cheoretischen Physik an der Tech­nischen Hochschule in Zürich als Rachfolger von Professor Debye. Der Landeshauptmann yon Tirol, Professor Dr. Phil. Franz Stumpf, sst von der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck in An- erlennung seiner hervorragenden und außer­ordentlich bedeutungsvollen Verdienste um das Wohl der Innsbrucker Universität zum Ehren­doktor der Staatswissenschaften ernannt worden.