Nr. 99 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Zreitag, 29. April 1927
Praktische Anschluharbeit
Der ®ettour1 »um neuen vtrafgeietzbuch bei ttuil^rn Leiches Ist im Leichs rat durch, braten warben unb wirb nun den Reichst og beschäftigen. Des 16 von der wetteren Omeiti- Fchlnt wenig beachtet worden; unb doch iW Nefe gefbellung von grunNätzlicher 'Bebrutung 3ur gleichen Zeit liegt nämlich auch in -untere« Bru^-erftaai Setz erreich em neues Strafgesetz- buch vor. das noch ben Wahlen im österreichischen Parlament »ur Distuftion steht. Das Bemerkens- werte 16 badet dir Tatsache, daft beide Entwürfe in gegenseitiger U e be re i n ft i« m u n g aus- QttizLeiLi wurden wenn beide Parlamente bU neuen Ersetze verabschiedet haben werden, so Unb wir dem Anfchlufi Oesterreichs an das Leich
wieder einen Schrn! nut?er gekommen.
Tie 2nichts rage ist in den letzten Jahren bet Atmosphäre politischer Propaganda mehr unb mehr entzogen, unb auf das Gleis stiller sachlicher Arbeit geschoben worden. Wan hat sich in ben Kreien. die sich mit ben Problemen des Anichlu'ics bsichtttigen. haben überzeugt, bah bas - jh.ge Werben sür ben >iu>
sammcnschluh wohl geeignet ist, m den Wessen die Rotwendigkett. die beiden deutschen Staaten in einen r.ni.aen überzuführen. als Seldstvcr- ftändlichlett hrnzuftellen Damit ist »»" eine Voraussetzung geschaffen, aber kein entscheiden» der Schritt zur Verwirklichung getan
Vie staatsrechtliche Lösung brt Anschluft- prvblcms liegt aller Voraussicht nach noch in weiter Ferne Die Kr eas- unb Fnebensdcktats- psycho'e ist noch nicht soweit überwunden. bah die Europas Cdbldfol bestimmenden Staaten geneigt wären, der Forderung nach einer Vere nigung beider Staaten nachzugeben unb im Völkerbund die Anschluhsrage zur Diskussion zu stellen. Die Einheitsfront der an Oesterreich inier- dienen Staaken ist zwesiellos n i cht mehr ganz so «fft wie noch vor wenigen Jahren. Der Gegensatz Frankreich-Italien unb 3taIlen-Cüb- flamten schafft eine ruhigere Beurteilung der Frage .Oesterreich" In diesen Staaten, andere Sorgc" stehet', tm Vordergrund Die Tschechoslowakei Ne heute len reiner Vasallenstaat Frankreichs mehr ist. bat eingesehen, hab auch sie auf das Deutsche Leich angewiesen ist. Wan bur* wohl annehmen. dast Net er Staat, auch dank seiner brutschen Min fier. sich einem Anfchlutz nicht mehr mit solcher Schärfe toi berieten würbe, vorausgesetzt, bah man ihm seine staatl.che Effi- ftenz gewährleistet
Der Zeitpunkt der staatsrechtlichen Vereint- fung lei fern ober nah. die Fr-ist muh durch ntenfive Vorarbeiten genützt werden. Wir können unb müssen diesen politischen An- schluh in stiller zäher Arbeit durch Ausgleich der mannigfachen Verschiedenheiten auf ben toelenl- Nchslen Gebieten des Staatslebens so vorbereiten, bah Ne völliae Verenigung nur noch ben Schluh- Jein zum Gebäude des neuen Staates setzt, s ist nicht unwesentlich, dah gerade aus dem Gebiete des L e ch «e s. das wohl das schwierigste ist. weitgehende Vorarbeiten schon geleistet sind unb am ehesten zu enischeidenben Erfolgen führen bürsten. Abgesehen von dem genannten Sntwurs für das neue Strafgesetzbuch bedeuten die in den letzten Jahren abgeschlossenen Verträge über Rechtsschutz und Rechtshilfe, über V o r- mutzdschaf I und Rochlahwesen einen erheblichen Schritt auf dem Wege zur Rechts-
das Verdienst der Oeslerreichisch- Dcutschen und der Deutfch-O.s'.errcichischen Arbeitsgemeinschaften. gerade biefcn Fragen ihr dclonderes Augenmerk zuzuwcnden. Ihr Mit- teilungsNatt .Deutsche Einheit" bringt in feinen letzten Ausgaben sehr beachtenswerte Vorschläge, die Angleiwung auf dem Wege der doppelten Staatsbürgerschaft für Reichsdeutsche unb Oester- reicher vorwärtszutreiben. Wenn ein gemeinsamer Staat heute noch nicht durchgesührt werden kann, so solle vorläufig wenigstens eine gemeinsame Staatsbürgerschaft für Reichsdeutsche unb Oesterreicher her gestellt werben. Die formelle Skaatseinbeit wäre bann nur noch das Stege! unter die materielle Rechtsgleichheit Sn rcchtstcchnifcher Hinsicht gibt es zwei Möglichkeiten der Verwirklichung beide Staaten er Flüren durch Staatsgesetz, dah Ne
Staatsangehörige? des einen Staates auch Ne Staatsangehörigkeit des andern be'äbc'. Der andere Wrg. der nicht so seit pehi t«t der dah die beiden Staaten *ri bei Lertechun- der ctaauan- gehöri-keii ben Angehörigen der andern Eluate» Bot- zua» recht» vor Ausländern ein raumen. Ter gern- reffe Leg, dah der Erwerb der rinen Staatsbürger schäft automovsch ben Erwerb durgerfchatt mit sich bringt fuhrt» zur doppelten Ltaatsdürgerschafi der Letchsdeutschen und Oester- reicher. Du burdHenung diese» ©tunbic^ri gegen. über den Siberftänben der ehemaligen yemdstaa- ten. Ne sicherlich unter Bezugnahme auf die Fete- den»oenräpe von Versailler und 6t (Bermoin er- folg«, würden, bedeut«! den vollkommensten Uebtr ccng»3u(tanb zur einheitltchen Keichoangehengkett. Der inNoiduelle Leg der vegünstigung von Oester- reichem bepebungetneile Reichsdeutschen vor Ausländern wäre umständlicher und weniger wirksam al» der erste Akt. weil in jedem Falle da» Halurolt» fation»oersahren in Hfhon treten muht», dieser Vorgang wurde ober wahrscheinlich auf geringeren
Widerstand flohen, da e» sich reui rechttich gesehen, um eine intern» Sngelegenhett beider Staaten han- bdl Sir versagen e» un». de» näheren auf b*» interestante Problem «niugeben. D'e Frag», weither Sey bcdtrr.irn werden soll, ist leNglich eine fjrage der Tatkraft. Senn der Wille bet den beiderseitigen zuständigen Organen vorhanden ist so dürste wenigsten» der mittelbare Ltg durchfegen fein. Der ^auptwer, der doppelten L:rat»burger- setzst liegt zunächst nicht so sedr im materiellen Sn- halt der tert rag; and in den Vorteilen. bw der einzelne dorau» ziehen wurde, al» in der Stärkung de» Gemeinfcha'i»ge,ste-, tm Sesühlsmähigen und im Willentmähigen.
Wo ein Sille ist. da ist auch ein Leg! Die Arbeiten liegen in tawoerstandiger Hand, der wir volle» IkrtToutn schenken können. Jeder einzelne kann aber auch an 'einem Teil dazu bei trauen wenn er seinen Einzel willen aus da» Ziel »>nstellt und dazu beiträgt, einen Gemeinschaft-willen zu erzeugen K 3-
Der Graphologe Raphael Schermann.
Von Rudolf Gr oh mann.
Der berühmte Wiener Graphologe Raphael Schermann. dessen phänome. nalcr Begabung unter anderem auch die Aufklärung einer Reihe von Ärt- mtnalfäCcn au danken ist. ist fetzt nach 2krhn übtiftebelt. Hier hat der Zeichner Rudolf Grohrnann in Gemeinschatt mit Professor Defsotr eine Reihe von Experimenten vorgenommen, über die im Lachsteden den berichtet wird. Zu weiteren Versuchen mit Geheimrat Woll und Prof. Defsvir, die In Kürze statt- finden sollen, hat sich Schermann bereit erklärt.
Seit ich mit vchermann verkehre, schreibe ich nicht mehr unbefangen. Die Schrift erzählt ihm klar vom Eharakter, von Krankheiten, saweit ste schon vorhanden, ober auch erst im Entstehen be- gristen find' von vergangenem und zukünftigem Schicksal. Wan soll Schwangerschaft, ehel che Untreue und was alles noch aus der Schrift ersehen können.
Die Schrift ist bei uns Erwachsenen automatisiert, legt aber dem Graphologen, un» selbst verborgen, die Wurzeln unseres Weiens blotz Die Schrift, die wir als Kinder auf der Schule bewusst lernten — ich erinnere mich noch an die muhevolle Bekannt, schäft mit den grvhen Buchstaben — ist bei un» Erwachsenen automatisch geworden, liegt unterhalb der Bewusstseinsschwelle, wie die Psychologen sagen. Bewuht ist nur die Zielrichtung. Wir achten auf bat was w«r schreiben, nichtmehraufdasGefchrie- bene. Riemand kann sich genau vor teilen, wie er dielen oder Jenen Buchstaben, diese oder jene Verbindung macht, einen I-Punkt, ohne es eben hin zu schreiben.
Schermann brütft das so au!: Das Gehirn schreibt, nicht die Handl Während wir also schreiben unb wissen, bah wir schreiben, zeichnen wir unbewuht uns selbst, unseren Gang, unsere Ausdrucksbewegungen. b.e ebenso wie bie Schrift automatisch geworden find.
Wenn Schermann jemand aus der Schrift was sagt, diktiert er ihm möglichst rasch irgend ein paar Worte. damit fein Besinnen sich anschleicht, bOElti er möglichst unmittelbar unb nicht zum Zweck der Beurteilung schreibe.
Graphologen gab'S nun Immer schon, sie waren aber früher auf baS etwas bünne schematische Lehrbuch ber Graphologie angewiesen Die Heutigen gleiten, soweit ich ste kenne, ins Intuitive. Mysttspe. ja Hellseherische ab. Sie erfüllen bamit vielleicht einen Zeitwillen.
Schermann in Funktion bemächtigt fich, könnte man sagen, unserer Ausdrucks betoegungc/i, mit einem überempfindlichen Gefühl ersaht er sie. setzt ste saft automatisch in unseren eigenen Schnftzelchen um. an denen er fich wie ein geschickter Trapezkünstler durch unsere Zukunft und Vergangenheit schwingt. Er läht sich bei ber graphologischen Beurteilung nicht mehr auf bie Deutungen einzelner Züge ein, sonbern ersaht bas Gesamtbild gesühls- mäfjig. Ohne btrekte körperliche Berührung mit
uns hat er die übersinnliche Schlag'ertigkeit unb Anpafungsföhigkell eines führenden Gedankenlesers auf der Sühne. Sein ner ös grimmastierenbes Gcficht zeigt babei grohe Eindrucks- und Wandlungsfähigkeit, leine Rase fängt an zu vibrieren, verliert ihre gewohnte Fassung Dann scheinen Schermann» grobe dunkle Augen «ohne dah er schielt' nach verschiedenen Lichtungen zu schauen und geben dem Gesichtsausdruck was Maskenballes, wasMystisches, das uns beim ersten Bekanntweiden mit ihm. bei dem er uns wie ein gefälliger Bankier erschien, nicht ausgefallen war. Doch ist Meier Ausd uck nur Uebergang, feine Absenzen find nur momentan, im nächsten Moment reagiert er wieder ftilaj und anpassung-bereit.
Von spintijt.schen Satzungen verstehe er nichts, wühle auch nicht, was er babei zu tun hätte. Aber Gemeinsame« ist doch ba; denn sowohl er wie bas splriti'tiswe Medium bearbeitet unter Unterbtmub- te». .zapfen es an", tote der Ausdruck heisst. Bet ihm find es bie unterbetou'iten Schriftzüge an denen er sich Weilertastet, bei ben Medien jene bekannten, bie Teilnehmer an der Sitzung ablenfen- den einlullenden S.immungsmvmente. die Unter- bewusstes begünngcn etwa dah ein Drchorgelchen ,Dielen muh, dah man im Dunsten immer quatsche» ober fingen, kurz sich entspannen unb ablenken soll, bamit bas Medium funktionieren kann.
Was ich mit Schermann erlebte, teils allein, teils mit Herrn Pro'estor Destoir zusammen, ber bei einem Besuch mit babei war will ich kurz erzählen. selbst auf bie Gefahr hin. zu langweilen, — denn für viele zählt tm Okkulten nur Selbsterlebtes
Festgestellt fei zuerst. — Professor Destoir legt Wert darauf — dah dieser sein erster Besuch bei Sch«.mann noch keine ejaft wissenschaftliche Untersuchung bedeute, bah es mehr ein freundschaftliches Zusammensein gewesen sei und bah erst weitere Sitzungen Endgültiges bringen sollen. Er hält es aber nach seinem ersten Eindruck von Schermann nicht für aftsgeichlosten. dah er von früher her und jetzt noch eine mystische Begabung habe. Das beste sei feine Charakteristik einer Handschrift gewesen. bie er ihm als Schris.spur (auf wethes Papier, nicht sichtbar,eingedruckt- berühren lieh. Schermann fuhr furz mit der Hand über bie Fläche, auf ber nichts zu sehen war und bie nur burch der Druck
>anb des Schreiber» einige Unebenf).it;n besah. Die Charakteristik, bie er von ih n gab. sei z. T. ausgezeichnet gewesen. Prof. Destoir hat ste schriftlich f.riert. beim Vachfchreiben den Kops absichtlich lo gebeugt gehalten, bah es Schermann nicht möglich war, in feinem Gesicht irgendeinen Zug von Bestätigung zu feien.
Ein -weiter Versuch Schermann biltiert Pros. Destoir solgenbes : .Die Menschen interessieren mich", während Schermann ableit» sieht und nicht sehen kann, was und tote Destoir schreibt.
Daraus wird Destviis Schrift zugedeckt unb Schermann schrieb nun bieklben Worte herunter.
Dann wurden beide Handschriften verglichen, und eS stellte fich heraus, dah derbe Schriften sehr ähnlich waren.
Denselben Versuch machte Schermann auch mU meiner Unierlchri t. und zwar wenn ich deut ich und wenn ich stächt», mü ctucre Schnörkel unter- schrieb
Run ist Ne Möglichkeit, wird man sagen, nicht ausgeschlossen dah er sowohl Destorrs wie »eine Handschrift mal irgendwo . »r«hen Hu te. Wir machten also einen neuen V»ii^ch Destoir gab mir ein Biller einer amerikanischen Dame mit. die rch selbst nicht kannte, ich sollte allein va Schermann sehen und ihn um eine Eharasieristik Nr'et Schritt buten. Ich ging zu Schermann. tagte ihm non dem Billet. das ich in der Tasche batte et setzte fitz on den Schreibtisch .etwa drei .'Arter von m r enrrniO mit dem Rücken gegen mich, bat mich, bie Karle aus ber Ta che zu nehmen unb oei,uleten Er rekonstruierte bie Schritt am Schreibt.>ch die eng- Usch abgelebt war. von verblühender Druilichteit auch die E)araktrnstik der Damr. die ich o»n ihm erhielt, soll, wie Destoir sagte, Ubr g t gerne »i km
Das Be te was er mir pdö 'sich sagte txir bie Qdarakteristtk meiner gerade auf brr Rrtfc sich be- fi den den 3 tau beten Schrift er aus meinet Hand- fchnfi konstruierte
Sie hatte als junges Mädchen zwi'chen 17 und 20 Fahren sagte et unter anderem, eine Entfettungskur dutchgemachi wovon ich 'etbst nichts wustte: ich schrieb ihr das unb fie behängte: .Habe ,wi chen 17 und 19 Iahten mit Energie in Kist ngen 20 Pfund abgenommen.*
Lolche andetsgeattete Fnbioibuen mit mystisch Hellseher fchen Fahigfetten mulen naiitritch lieg aller Forderungen wistenichattlt^er Kontrolle auherh fubitl behandelt werden, tonst funktionieren fie eben nicht (genau tote Kunst er. Ne aus der Stimmung kommen.
Lbenso verschiedenaitig wie die Leistungen der Oklule begabten find auch bie älntersuchungsme- I Hoden
Da gibt es Eelehrte. bie die anom alen Funktionen aus gehirnanatomi chen mikroskopischen Veränderungen erklären wollen fie messen bei den Sitzungen ben Vlutdruck. zählen bie x u ef-l-läge und haben allerlei psychometrisLe Lpparaie. die fie an bie Versuch speis an beronbunger
Andere Zotschet zucken über fie die Achteln Re- miniszenien eines überwunden»n wilsenschattiich pyyfikalifchen 19. 3obrbunber,<f — Mit oll dielen auh»ren BeodachtungsmetHoden und Jlppatoten, lagen fie, werden erst recht keine Phänomene ein- gelangen und erklärt; fie find aus einer ganz an- deren, psychtichen Ebene aus zu begrei'en unb unter gan, anderen Voraussetzungen kann man ihnen nur beikommen.
Kühle Skeptiker dehnen die Kon rolle und Beobachtungsmethode nicht nut auf das llkedium sondern vor allem auf bie Beobachter selbst aus. sprechen von Fehlerguellen. Linnestäuichungsn. von .Gelehrten in Hypnose'. B zweifeln Überhaupt die Möglichkeit einer richtigen Wahrnehmung unter den gegebenen Verhol'nisten; ob bei wichen Sitzungen, meinen sie, nicht alle bei einer An Hypnose mitgemirlt haben, ohne es zu wisten. sie gewollt haben?
Für andere wieder, die flbezeugten, Fanatiker, schwindet alles, was früher als wirklich galt. Es ge'jt ihnen oft wie jenem .Dämon,ächtet', ber schwarze Magie trieb und bie Geister, bie er beschwor. nicht mehr losbekam unb ste von den Bäumen zu ihm heruntetgrinsen sah Diese halten über ihr Weltbild gegenüber bet übrigen Menschheit anbauernd ein P-ivatistimum. und fie haben oft nur ben einen Willen, den anderen ihr autistisches Denken ou'«u;wingen
vie kominuniftische Perocgtuig in Sranlreid).
Don unserem Pariser V5-Beti'chterftatter.
3n ben letzten Tagen und Wochen haben sich die srantzösitchen Zeitungen In aussailenb starker Weise mit ber kommunistischen Bewegung in Frankreich befaßt Aiufieren Anlast boten bie zahlreichen Der hast ungen von Kommunisten, die der mihlüri’dxn Lp>cnc.g gend verdächtifl erschienen. Zu diesen gJjörien
Paris, ferner verschiedene Auel mder. darunter zwei Luisen. Es handelt sich anscheinend um eine grofizügige Organisation. Ne den Zweck ver-
Wanderbuchblatt.
Don Waff 3ungni<feL
3n einer einsamen, verrumpelten Stadt bin ich Wie aus einem Rilterbilderbuche genommen, so liegt sie da Und das Gasthaus, too ich wohne ist *e Schenke, too an festen, ewigen Tischen noch Spuren sitzen von OHelfcm, die an der Holzplatte herumwetzten. Unb wenn Ne Abendlampe brennt und ruht und funzelt. bann glaubt man. Vandskncchlswürsei rollen zu hören unb die Flüche angetrunkener Feldvbrifien.
Und Ne Kammer, wo ich wohne, liegt unlenn Dach Der Flügel chiag der Glocken zittert darüber Die Sonne sehe ich zuerst tm ganzen Städtchen Unb Ne Sterne kann ich fast greifen. Die Treppe, die zu meiner gegiebelten, weist getünchten Kammer führt, knarrt und knurrt und rumpelt und knarrt
Ach Gott, ich wäre wohl schon längst cm- geschlafen oder abgereist, wenn Ne knarrende Treppe nichs da wäre. Sie ist es. Ne mein Herz wach hält und mir manche heimliche Freude bringt. Jedesmal, wenn die Treppe knarrt, dann denke ich an Beluch Aber wer soll mich denn betuchen? Ich bin ja fremd hier.--
Und doch 34) denke immer, dast mich jemand aufsucht, dah er mir Grütze bringen oder mit mir sprechen will. Ich denke das so lange, bis die knarrende Treppe wieder mäuschenfttll daliegt. — — Ach nein, ich bin gar nicht böfe darüber, dast es eine Täuschung war. eine leit- fame Einbildung Ich empfand es nicht einmal als Täu'chuna Gz war für mich em stilles, verwunschenes Glücksgefühl, hier, in dieser Verlorenheit — — Und gestern knarrte Ne Treppe wieder. Und wieder war Ne selige Spannung, das fiebernde GlückSgefühl in mir. Und auf einmal tat sich meine Tür auf.--Ich bekam
wirklich Vef-ach. Und das war so schön. Ich hatte sozusagen zweimal 'Besuch. Das erstemal als die Treppe knarrte, und das zweitemal. als ich die Tür öffnete. Das ist vielleicht alles nicht viel. waS ich erzähle: aber für mich ist es doch so etwas wie ein schönes Erlebnis.
Und noch eins: Leit dem frühen Morgen habe ich meine Fenster auf. Meine Kammer wird zum geöffneten Vogelkäfig. Drei Spatzen find von
drautzen hereingeslogen und sitzen und piepsen unb umfliegen mich
Ich freue mich schon auf die Rocht Der ganze Himmel kommt in meine Kammer und hängt sich über mein Bett.
Keyserling-Woche in Darmstadt.
Am dritten Tage sprach Professor Lev F r o- ben i u s - Frankfurt a. M über „Grdenschick- fal und Kulturwerden". Dem Redner^ zufolge fühlt sich der Europäer als Spitzenträger der Kultur; er verliert den Blick für den Grundsatz. dast |ebcr Kulturgewinn auch einen Äultur- verlufi nach sich ziehen kann. Die Entwickelung der Dichtkunst bedeutet z. B. einen Verlust für die Märchenpoette. und mit der fvrlschre tenden Kultur verlieren Religiosität unb Pietät immer mehr an Geltung Betrachtet man die Kurve der Äulturentto'.alung, Io steht am Anfang die Mythologie und am Ende die Materialisti'che Wettanfchauung. Die Polynesier empfinden nicht räumlich, fondern zeitlich; wir jedoch denken nur noch räumlich und schrecken vor jedem zeitlich Bestimmten zurück Die Defzedenzlehre «Darwin. Haeckel u. a.t. die im IS Jahrhundert herrschte ist in ihren wesentlichen Ergebnissen von der Forschung nicht bestätigt worden. Die von Haeckel aufgestellten Stammbäume versagen, denn jede Gattung tritt für sich auf. bie Verbindungsglieder fehlen Fast alle Arten beginnen mit einer gewissen Variationsbreite, dann tommt eine Zeit ter Verarmung der Farmen, der Spezialisierung und Verfeinerung. Dreie Erfahrungen lassen sich auch auf das Kultur gebiet anwenden. Der Schwerpunkt der Kultur, in der zuerst der Mensch das Gefühl der Einheit mit der Welt hatte, wanderte von den Küsten des Stillen Ozeans nach Defiasien, wo fich die Anschauung des Eegen'atzes zwilchen Subickt und Kosmos herausbiidete. Sann wanderte bie Kultur nach dem Wittelmeer und dem übrigen Europa. Hier kritisiert das Subjekt und zwingt die Menschheit Subjekt zu werden das Bewusttfein der Raumeinheit verdrängt daS Zeitgefühl. D:e Ratur zeigt, dast es kein rem Wär.Nt'.cheS und kein rem Weibliches gibt, drnn das eine ist immer zum Teil im anderen enthalten, wie es auch Ruhe ohne Bewegung nicht gibt und keine Bewegung
ohne Ruhe. Vlon kann also hier nicht vom Absoluten reden, sondern nur pon Betont hellen. Dominanten Tiefe Dominanten zeigen in der Ratur w e beim Menschen am Tüvang der ®nt» wick.ungskurve Zett- und an deren Ende Raum- betonung.
Dom Tannenberq-Dalional- denkmal.
3m südlichen Ostpreußen, inmitten des mei- lenwet! ausgedchnten Geländes, aus dem vom 26. bis 23. 2lucutt 1914 die Schlacht bei Tannen- berg lebte, erhebt sich bereits, weitbin sichtbar, der erste der acht gewaltigen Türme des Tannen- berg-TIationaldenkmals lieber den Standort dieses monumental en Denkmals sind zumeist völlig irrige Meinungen verbreitet. Vielfach wird angenommen. es werde auf der fog. Kernsborfer Höhe. füNich von Osterode, erratet, von der aus man wert in die Ostmark hinein. Ns in Ne Weichfelmederung schaut. Diele Annahme ist jedoch cben<o irrig tote eine andere, viel verbreitete Meinung, das neue Rationaldenkmal komme dicht bn bem Dorfe Tannenberg zu stehen, wo Ne Deutschordensritter am 15. Juli 1410 die historisch bekannte Riederiage durch die Polen erlitten. Die Schlacht von 1914 hat sich Wohl auch über Ne Gemarkung Tannenberg erstreckt, ihre Brennpunkte lagen zedoch abseits dieses alchrstvrifchen Ortes M't am schwersten tobten Ne Kämpf? bei dem Städtchen Hohenstein, nordöfllich von Tannenberg. Die Umgebung von Hohenstein ist ein einziger grober Friedhof, liegen hier doch gegen 60 000 Soldaten begraben! Die Toten find fast durchweg in Shremfnedhöfen gebettet, deren größter sich im Hohensteiner Sradtwalde befindet. In der Stadt Hohenstein wurden in jenen denk- toürb icn Augusttagen um den Marktplatz herum 105 Häuser durch 2Lrt dien cf euer zerstört, das fast turchweg allerdings aus deutschen Defchütz- schlünden kam weil die Russen sich im Innern deS Städtchens mit Maschinengewehren festgesetzt hatten und nicht ander- zu vertreiben waren. Der Wrcderaufbau von Hohenstein, das einer R^inen- stad: glich wurde im Oktober 1923 mit der Einweihung d.-s neuen Rathaul es gelrönt Die wieder auf gebaut en Häuserfronten rings um den
Marktplatz mulen durchaus ostpreutzisch an, obwohl sie nach neuen hygienischen Gesichtspunkten hergestellt wurden Auch die alle .Stadtmauer, deren Bestand beim Wiederaufbau bedroht war. konnte schtestlich erhallen werden
Von Hohenstein aus windet sich die Vanb- st ratze noch Osterode durchs hüglige Doldland. Dicht torfu.d) des Städtchens ist an dieser Strafte weites, freies Feld, der Festplotz von Sauden Aus blauer Ferne grüben die Höhen und Walder von Tannenberg herüber, des Darf es, nach dem das gewaltige Ringen im August 1914 die .Schlacht bei Tannenberg- benannt wurde Ringsumher deutsche und russische Kriegergräber am Doldesrand. Hier, bei Sauden, erhebt sich der llotzige Bau des Tanrrmberg-Rationoldenk- mal- unb dicht neben ihm dos Denkmal des ehemaligen Ins.-Regts. Generolfeldmorfchall von Hindenburg (2. Masurisches- Ar. 147 Dieses Denkmal, ein auf einem Socket von Frndttngs- bLäden ruhender steinerner Löwe, wurde am selben Tage erngewerht. an dem der Grundstein zum Tlationaldenkmol gelegt wurde: am 31. Aug. 1924. zehn Jahre nach der TanneTtbergschlacht. Die Grundsteinlegung fand in Gegenwart Hindenburgs unb der anderen Heerführer von Tannenberg unb von etwa 53 000 Menschen statt
Der preisgekrönte Entwurf des Denkmals desieri Schöpfer zwei Bersiner find, sieht vor. dah da» 147er Derckmal Mittelpunkt der umfang- reichen Anlage wird. Um dies Denkmal herum wird eine fünf Meter hohe steinerne Mauer errichtet. aus ber acht mächtige. 17 Meter hohe Quadertürme aufraaen. Diese sind durch einen Ling von Shrenhallen. Ne durch den Ausbau der Mauer geschaffen werden, miteinander verbunden. Sie umschietzen den Ehreichof. Die Fundamente bi Her gewaltigen Bauten wurden in Nefem Frühjahr gelegt. Turm 5 ist bereits im Rohbau fertig. <$r soll ju’annnm nut ben an- schlletzenden je zwei Bögen ber die Türme verbindenden Shrenhallen bis zum Herbst fertig- gestellt fein, so dah das Denkmal am 2. Oktober 1927. bem 80. Geburtstage des Reichspräsidenten von Hinderrburg. von diesem selbst eingeweiht werden kann. Der weitere Dau soll dann nach Mahgabe der verfügbaren Geldmittel Stück um Stück fortgesetzt werden.


