Kr. 200 Drittes Blatt
Elehener Anzeiger (Seneral-Anzeigrr für Gberheffen) iL.iMih. anm ■ unir j ■■mwiih mm — -f/«E—.
Samstag, 27. August 1927
Belgrad und Sofia.
Auf dem Balkan bahnen sich allmählich nicht unbedeutende Kräfteumgruppierungen an, die schon in mancher europäischen Hauptstadt ein leises Mißbehagen ausgelöst haben. Ist doch die Belgrader Regierung drauf und dran, den Machtbereich Jugoslawiens auszudchnen und Bulgarien zu veranlassen, sich dem südslawischen Staat anzuschliehen. Wiederholt haben hierüber Verhandlungen zwischen dem serbischen König Alexander und dem Zaren Doris ftatt« fiefunden, ohne daß es allerdings bisher ge- ungen ist. zu einer festen Vereinbarung zu gelangen. Für Bulgarien will es natürlich überlegt sein, ob es sich dem Vachbar anschließt, dazu einem Vachbar, Lessen politische Situation gegenwärtig keineswegs die beste ist und der über kurz oder lang in irgendeinen Krieg verwickelt werden kann. Aber Belgrad ist beharrlich und hat immer wieder in Sofia angeklopft, und wie es scheint, auch eine gewisse Gegenliebe gefunden. Das geht jedenfalls aus verschiedenen Aeußerun- gen der bulgarischen Presse hervor, in der schon Vorschläge gemacht werden, wie der jugoslawische Staat auszusehen hätte, wenn Bulgarien ihm beitreten würde. Aber gerade die Stellung Bulgariens innerhalb eines Groß-Ser- b i e n s ist es wohl, was die Verhandlungen zwischen Sofia und Belgrad so schwierig macht und auch die Könige veranlaßt hat, sich der ganzen Angelegenheit anzunehmen. Die Bulgaren haben natürlich leine Lust, jede staatliche Selbständigkeit restlos auszugeben und etwa mit Montenegrinern oder Bosniaken auf eine Stufe gestellt zu werden. Sie scheinen auch keine Veigung zu haben, auf ihren König zu verzichten. Ihnen schwebt vielmehr eine Staatenverbindung nach deutschem Muster vor, in der Bulgarien völlig selbständig bleibt, nur mit Belgrad eine gemeinsame Außenpolitik führt, gemeinsame Grenzen mit Jugoslawien besitzt, bei dieser Gelegenheit auch sich des Friedensvertrages entledigt und sich die frühere Bewegungsfreiheit auf militärischem Gebiete wieder beschafft. Es ist ganz selbstverständlich, daß bei einem Zusammenschluß beider Staaten der Diktatfrieden verschwinden muß, denn es ist doch schließlich ein Ding der ÜInmöglichkeit, daß ein Teil Groß-Serbiens nach wie vor mit irgendwelchen Verpflichtungen aus dem verlorenen Kriege belastet bleibt. Hier stößt der Zusammenschluß beider Staaten auf ein ernstes Hindernis, da die übrigen Balkanstaaten Bulgarien nicht so rasch freigeben werden, zumal sie gar kein Interesse daran haben, bas an sich schon riesige Jugoslawien nun auch noch am Schwarzen Meer austauchen zu sehen. Türken, Griechen und Rumänen werden sicherlich nichts unversucht lassen, um den serbisch-bulgarischen Plan zum Scheitern zu bringen, aber auch Italien wird die Verhandlungen der beiden Staaten aufmerksam verfolgen, weil jeder Zuwachs Iugofiawiens dessen Kampfkraft stärkt, und es noch gar nicht so ausgeschlossen ist, daß sich eines Tages die beiden Anliegerstaaten der Adria auf den Schlachtfeldern begegnen werden. Vorläufig wird wohl alles beim alten bleiben, da sich Belgrad und Sofia noch längst nicht über die Form eines Zusammenschlusses und über die Stellung Bulgariens innerhalb der jugoslawischen Staaten geeinigt haben und auch so rasch keine Einigkeit werden herbeiführen können.
Aus dem hessischen Landtag.
Abg. Dr. v. H e l m o l t und die Fraktion des Bauernbundes haben im Landtag die nachstehende Anfrage eingeüracht: „Die Getreideernte ist zur Zeit unter den schwierigsten Witterungsverhältnissen im Gange, ohne daß genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Allerorts werden Arbeiter und Arbeiterinnei zur Bergung der Feldfrüchte und zu anderen landwirtschaftlichen Arbeiten gesucht. Der Vachfrage nach land- und hauswirtschaft- lichen Arbeitern gegenüber ist aber das Angebot verschwindend. Trotzdem erhallen in den Städten und Städtchen Hessens noch Tausende von Arbeitern uni) Arbeiterinnen Erwerbslosen-
Wilhelm Holzamer.
Zu seinem zwanzigsten Todestag am 27. August Von Vikolaus Schwarzkopf.
Wilhelm Holzamer stammte aus Vieder- Olrn in Rheinhessen, wo sein Vater Sattler war, kam in das Lehrerseminar nach Bensheim, wurde an der Realschule in Heppenheim angestellt, vom Grohhcrzog Ernst Ludwig an die Künstlerkolonie berufen: lernte daselbst eine Frau kennen, die große Dinge aus ihm gebären wollte, floh mit dieser Frau aus heimisch gut betreutem Glück in die weite Welt, verließ seine Frau und sieben Kinder, erlitt Schiffbruch, wohin er kam, und erlitt besonders Schiffbruch als der Dichter, der er schon gewesen. Er konnte die Zielrichtung, die er sicher begonnen, nicht einhalten, und der neue Weg führte ihn in die Finsternis, und seine empftn-same Seele schrie lauter nach dem Licht als früher!
Was er geschrieben hatte, kennen wir gut, und wir hatten das Recht, auf bessere Werke zu warten, auf reifere, denn wir waren von der reichen Begabung dieses Mannes voll überzeugt, und die gesamte heimatliche Oeffentlichkeir war ihm in Liebe zugetan und verfolgte seine Entwickelung mit großer Aufmerksamkeit. Aber nun rissen die Fäden, die ihn mit der Heimat verbanden, ab, das Großweltmenschentum, das er fortan zur Schau trug, mußte, weil es billige Tünche war, Fassade aus Gips und Stuck, mißfallen, denn es lag für die Eingeweihten offen zutag, daß hier etwas von innen her nicht stimmte. Renne man's, wie man wolle, führe man a.te oder neue Anschauung ins Feld, verteidige man ihn, verdamme man ihn: selbst die ins Herzblut Getroffenen hätten mit mir dein armen Dichter verziehen, wenn ans seiner erbärmlichen Flucht sein Können sich erhöht hätte!
Run ist er selbst in der engeren Heimat nahezu „versunken und vergessen", und dieses »Sängers Fluch" hat der Dichter selber über sich verhängt, künstlich herbeigesührt, weck er sich klein wähnte, und weil er wachsen wollte. Vie- mand liest mehr seine Bücher, die Verleger drucken sie nicht mehr, weil niemand sie verlangt. Selbst seine besten Heimo ierzählungen, „Vor Jahr und Sag", „Peter Vockler", „Der arme Lukas", nirgends findet man sie noch, und auch auf den Bibliotheken werden sie nur noch selten verlangt.
unter st ützung, oder sal en durch dieKrisen- fur sorge ker Oefsentlichkeit zur Last. Dieser oustand stellt einen wirtschaftlichen und verwaltungsrechtlichen Wider inn dar. Wir fragen deshalb an: 1. Welche Schritte denkt die Regierung zu tun, um die durch Erwerbslosen- und Krisensürsorge unterstützten Arbeiter für land- und hauswirtschaftliche Arbeiten zur Verfügung zu stellen? 2. Welche Maßnahmen sollen ergriffen werden, wenn sich die Erwerbslosen weigern, diese Arbeiten zu übernehmen?"
Der Zenlrumsabg. V u h hat im Landtag den nachstehenden Antrag eingcbrachl: „Der Diplom-Landwirt Malchus hat als eine aktuelle Forderung der Zeit die Errichtung eines V a - turschuhparkes auf der Rheininsel Kühkops in der Vähe der Bahnstrecke Gernsheim—Bibesheim—Stockstadt—Goddelau empfoh
len und dabei ausgeführt, das; auf dem betreffen- den Platze heute noch ein sehr umfangreiches, urwüchsiges Tier- und Pflanzemeve.i herrsche und daß die Rheininsel Kühkops zur (Srriajiung eines Naturschutzparkes wie geschaffen erscheine. Herr Malchus weist auf die Wichtigkeit der Vatur» schutzanlagen hin, die u. a. in den Pereinigten Staaten und Kanada großen Raum einnehmen. Veuerdings hat man in Europa, zunächst in Schweden, dann in der Schweiz. Italien. Frankreich und schließlich auch in Deutschland ähnliche Parks errichtet. Herr Diplom-Landwirt Malchus schlägt vor, daß mit demselben eine b i o l o g i f d) e © t d t i o n verbunden wird. Es käme in erster Linie der Vogelschutz in Frage. Die Anregung erscheint mir beachtenswert. Ich frage deshalb an: Ist die Regierung bereit, den Plan zu prüfen und gegebenenfalls die Verwirklichung des Parks ins Auge zu fassen, be- lahendenfalls unter welchen Bedingungen?"
Die burgenländische Landschaft.
Fremd und doch vertraut in Oesterreich.
Brief aus Wien von Dr. Otto Aull
Der Anschluß des Burgenlandes bedeutet, wie allgemein bekannt, eine Bereicherung unserer Republik in wirtschaftlicher Hinsicht. Lleberschüsse der landwirtschaftlichen Gütererzeugung, darunter Besonderheiten wie die Wiesener Ananaserdbeeren oder die Edelkastanien des Rosaliengebirges, Kohle und Erze, darunter das seltene Antimon, Edelgestein, wie z. B. der herrliche Dernsteiner Serpentin, und der hervorragend gute Rechnitzer Asbest, der als Baustein in allererster Reihe stehende Margaretener Kali usf. wandern aus dem kleinen, aber keineswegs unbedeutenden oder unscheinbaren Grenzlande nach dem übrigen Oesterreich.
Eine Bereicherung besonderer Art aber erfuhr die österreichische Landschaft. Vor allem ist hier das Gebiet rings um den Veusiedlersse als dem Alpenländer neuartige Landschaft zu nennen. Die gewaltige, schilfumstandene Wasserfläche mit den malerischen Siedlungen, die sie umlränzen, darunter dem altertümlichen Städtchen Rust, dem berühmten Weinort, und dem aufblühenden Bade Veusiedl, die Pußtalandschaft des Seewinkels mit den unzähligen kleinen Seeaugen, darunter dem Zicksee beim Badeorte St. Ändrä, mit einsam aufragenden Ziehbrunnen, wild einherstampfen- den Pferdeherden, langhörnigen Rindern, mit Schafherden, denen der Hirte die Schalmei bläst, all dies ist unerhört neu in Oesterreich. Wenn man dann etwa Podersdorf, das in, Aufnahme kommende Strandbad am Vordostufer des Sees besucht, und über den Wellen des Sees die Rüster Weinberge, das gewaltige Leckhagebirge und, greifbar nahe, in majestätischer Schönheit, der wohlbekannte Schneeberg mit seinen Trabanten austauchen, dann übermannt das Herz beseligendes Bewußtsein, wie sehr diese neue, aber nicht fremde, von Menschen unseres Schlages bewohnte Landschaft zu unserem geliebten Alpenlande gehört. Haben wir doch alle den Ausblick vom Schneeberg über dieses Land am See, wie oft, genossen, ohne uns dessen bewußt gewesen zu fein, daß hier deutsches Land voll eigenartiger Schönheit, voll glühender Farbenpracht im Leuchten des Sonnenlichtes über der Ebene, im dumpfen Dröhnen weithin schallender Gewitter, so nahe von Wien und uns so fremd gebreitet liege!
Deutsches Land, das zum stolzen Bau der Kultur unseres Volkes sein wohlgemessen Teil beitrug. Ist doch die Landeshauptstadt Cisenstadt, die anmutige, an S hönheit und Grazie so reiche rebenumkränzte Freistadt am Leithagebirge, die Stadt Haydns. Hier hat der große österreichische Tondichter seine herrlichsten Werke geschaffen oder schaffend in sich getragen. Aus den Reizen dieser anmutigen Landschaft erwuchsen ihm die Klänge der Schöpfung und der Jahreszeiten, dieser so durch und durch österreichischen Tondichtungen. Hier, in der Dergkirche, die auch das Mysterium
des barocken Kalvarienberges birgt, fand Haydn auch feine letzte Ruhestätte.- Sein Aufenthalt lebt fort in der Erinnerung der Eisenstädter Bürger. Roch steht fein Haus (in unwesentlich veränderter Form), noch ein Gartenhäuschen, da er, der Legende nach, die Melodie unseres heutigen Vationalliedes schuf. Roch ragt der ehrwürdige gotische Bau der St. Martinskirche, der macht strotz en de Darockbau des Csterhazy- schlosses tote einst aus der Masse der reizenden Barock- und Diedermeierhäuser empor. In Eisenstadt entfaltete sich zu Zeiten glänzendes Hof- und Kunstleben, das auch Beethoven in seinen Dann zog. Franz Liszt, ein Sohn des Burgenlandes, hat hier oft konzertiert. Der einst hochberühmte Opernkomponist Josef Weigl ist hier geboren, ebenso der Anatom Hyrtl und der Bildhauer Gustinus Ambrosi, der mitten im Leben schassende. Viele Künstler von Ruf, auch Canova, wirkten zeitweilig in Cisenstadt. Fanny Elßlers rauschender Glanz überstrahlt diese Stadt.
Die Eisenstädter Landschaft, wie die des Rosaliengebirges ist nicht an sich neuartig in Oesterreich. Sie wird dies durch das gewaltige Maß des Ausblickes auch von mäßigen Höhenpunkten. Zu dem Alpenpanorama des Westens tritt der weite Blick über die ungarische Ebene gegen Osten. Llnd selten großartig ist der Einklang von Vatur und Menschenwerk im bürgen» reichen Burgenlande. Forchlenstein, die Bergseste bei Mattersburg am Roscckiengebirge, ist am bekanntesten. Vicht minder großartig ist der Lage nach die Ruine Landsee in der Buckligen Welt, wo auch zahlreiche barocke Schloßbauten den Kunstfreund zu überraschen vermögen. Die Berge von Bernstein, Lockenhaus und Rechnih, ein Waldgebiet von weiter Ausdehnung, reich an aussichtsreichen Höhen, unter denen der Geschriebenstein die erste Stelle einnimmt, ist die Heimat vieler wohlerhaltener Biegen. Unter diesen nimmt Bernstein eine beherrschende Stellung ein. Weniger weiträumig ist Schlaining, desseü märchen- schöne Lage ob dem Tauchenbache aber, wenn man in dessen Tal sich nähert, um so überwältigender anmutet. Das Rechnitzer Schloß verblüfft durch seine gewaltigen Ausmaße: ein ganzes Kavallerieregiment konnte im taubengefäumlen Hose exerzieren. Die vor Verfall geschützte Ruine Lockenhaus ist die älteste Burg des Landes, ein Baujuwcl aus fernster Ritterzeit. Auf einsamem Berge ragt Burg Güssing im Süden des Landes auf. Der Kunstfreund, wie der Historiker findet hier noch viel zu erforschen, der Wanderer und Freund weiter Ausblicke kann ungeahnte Schönheiten genießen. Fehlen auch die Reize der Hochalpen, entschädigt hierfür die Romantik der Ebene, an deren Rande die letzten Vorberge der Alpen im Burgenlande aufragen.
Weite Teile des Burgenlandes haben sich schon als Sommerfrischengebiete eingebürgert.
Und doch ist „Dor Jahr und Tag" ein rheinhessisches Werk, das sich sehen lassen kann, doch greift „Peter Vockler" aus Bergstraße und Odenwald hinüber nach Mainz an die User des Rheins, der uns unterdessen lieber geworden ist, und doch ist „Der arme Lukas" ein tiefversenktes Abbild von des Dichters hinterwäldischer Seele, der man auf Schritt und Tritt ansieht, daß sie in Paris verkümmern mußte!
Ach, wer wüßte besser als ich, mit welchem Hunger nach den Gütern dieser Erde, sonderlich nach den geistigen Gütern, Wilhelm Holzamer dem Geben gegenüber stand! Die Bildung des Volksschullehrers war damals durchaus nicht dazu angetan, einen jungen Menschen, der aus kleinen Verhältnissen kam, dem vielgestaltigen Geben gegenüber auszurüsten, wie sich das gehörte, und im Fall Holzamer möge man klagen und anklagen. Klagen und anklagen, um die Schuld, die er in künstlerischem Wahn auf sich genommen, kleiner zu sehen! Ein wie „Geichtversührbarer" mag er gewesen sein, wenn das Leben in der Varren- kappe ihm entgegentrat, wenn es gar im Faltenwurf des großen Talents, im Faltenwurf des Genies, sich ihm näherte, wenn es ihm den Lorbeer übers Haupt hielt und ewigen Ruhm versprach und älnsterblichkeit!
Sein Leben war voller Hemmungen, die zu Überwinden er nicht Kraft genug besah: religiöse, politische, gesellschaftliche Hemmungen, und was von außen vielgestaltig an ihn herantrat, das erschien ihm — wer könnte das nicht begreifen — weit wichtiger als alles, was wurzelecht in ihm ruhte, was seines Wesens war und Urftoff seiner Kunst werden wollte. „älnd so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten!" Sein Geben erscheint uns als eine Tragödie, die er selber mit herbeigeführt hat: er war der Held dieser Tragödie, er selber wollte die Tragödie auch niederschveiben, er wollte seinem Geben einen Stoß geben, um gewaltsam in den großen Faltenwurf zu gelangen, aber der Stoß mißglückte! Er starb mit 35 Jahren, ohne ein ganz fertiges Werk hinterlassen zu haben, und wir stehen vor der schmerzlichen Tatsache, daß Wilhelm Holzamer künstlerisch auch nicht vorbereitet war, ein großes Kunstwerk zu hinterlassen.
„Der Entgleiste", ein zweibändiger Roman, der nach seinem Tod erschienen ist, erweckt eine traurige Stimmung. Stimmt traurig, weil man erkennen muh, wie der Dichter diese seine Tra
gödie schon schreiben wollte, während seine Wunden noch nicht geheilt, geschweige vernarbt waren, während sein Blut noch rann! Brannte das Feuer zu stark in ihm. ward er von dem Wahn verfolgt: eilen zu müssen, um ja nichts ungesagt zu lassen?
Das Geben hat diesen hessischen Idylliker in der Tat genarrt! Genarrt, weil er sich nicht kannte, weil er die Tage seiner Heimsuchung nicht erkannte, weil er bewußt seine Grenzen überschritt. „Ich bin halt auf dem Wege abgestrichen worden, ich bin nicht in die rechte Furche gefallen!" sagt sein armer Lulas. Dies Wort aber schrieb der Dichter, als er noch reich war, als er noch in der Vollkraft seines Blutes stand, und er mußte doch wissen, daß. wenn er sich als Samenkorn dem Zufall des Sämanns überlieh, er Gefahr lies, auf steinigen Boden zu fallen. Und dennoch hätte er alsdann seine Wurzel treiben müssen, Frucht bringen müssen in Geduld!
Die gesamte Prosa Holzamers war bis ins letzte Werk unabgeklärt, von zeitgenössischer, von modischer Schlamperei durchsetzt, und wird sich nicht halten können. „Vor Jahr und Tag" aber, den „Peter Vockler" und den „Armen Lukas" sollten wenigstens wir in der Heimat nicht vergessen. Ein paar gute Gedichte sind übrig geblieben, die man nicht entbehren möchte.
In Heppenheim lebt die rechtmäßige Witwe des Dichters bei ihrem jüngsten Sohn, der auch Lehrer geworden ist, fünf andere Kinder sind zerstreut in der Walt. Die älteste Tochter ist gestorben, die zweitälteste ist Lehrerin in Offenbach. Sie hat als Kind die Tragödie miterl.bt und mitgetragen, das Leben in Paris, den Tod in Berlin, die Bestattung in Jena. Alfons P a g u e t. Eugen D i e d e r i ch s, Helene V o i g t- Diederichs, Julius Hart, I.M. Olbrich und noch etliche andere Freunde gaben dem Toten das letzte Geleit. Zwei Frauen standen an der Bahre, die eine trug einen langen Monolog vor, die andere meinte mit ihren armen Kindern.
Wenn ich tot bin, sollst du mein Gedächtnis feiern, froh mit Liedern und mit frischen Blumen, froh mit tausend seligen Gedanken — nur nicht weinen sollst du, imr nicht traurig sein! Froh Jein, daß ein Irrender den Hafen, daß ein Leidender den Frieden, daß ein Suchender die Ruhe fand!
Mehr und mehr gewinnen die Kurorte Sauer- brunn und Bad Tatzmannsdorf, das sich mit Vauheim und Franzensbad mit seinen Kohlensäure- und Moorbädern messen kann, ihre einstige Stellung wieder, um diese sicherlich gar bald du übertreffen. So harrt das Burgenland, mag c£ auch jahrelang vernachlässigt, von politischen Kämpfen aufgewühlt und erschüttert worden ftin, als ein Land, reich an Bodenschätzen und Do den- Produkten, reich auch an historischen Erinnerungen. künstlerischen Denkmalen, reich endlich an landschaftlichen Schönheiten, der Drüder aus den Alpenländern und aus dem Reiche, die da kommen, das einzige Stück deutschen Landes zu besehen) das in der Zeit tiefster Erniedrigung unseres Volkes, uns allen aum Trohe, den Anschluß an Oesterreich gefunden hat. den an das deutsche Mutterland mit diesem erwartend.
Turnen, Sport imd Spiel. SchW mmwettkämpfe in Gießen.
Die morgigen kreisoffenen Schwiin rn- wett k ä m p s e des Gießener Schwimm- Vereins werden spannende Kämpfe bringen. Besonderer Erwähnung bedarf das 1. (Senior- springen, das mit fünf Teilnehmern aus Darin- ftabt, Mainz, Frankfurt, Wiesbaden und Gießen besetzt ist. Herbert- Mainz, einer der besten deutschen Springer, sollte sich als der beste erweisen. E. Müller, Gießener Schwimmoerein, muß in guter Form sein, um den zweiten Platz vor den übrigen Teilnehmern zu belegen. Das Senior- sreistilschwimmen 2 0 0 - M e t e r wird einen schönen Kampf zwischen I h r i g - Darmstadt, dem Vertreter Süddeutschlands im Länderkampf gegen Oesterreich, und Schellenberg -Wiesbaden bringen. In der Herren-Bruststaffel und der Herren-Lagen-Staffel dürste der Gießener Schwimmverein dem Mönus-Osfenbach nicht ganz gewachsen fein, während er in der Dame n - Jugend-Bruststaffel und dem Samen- Jugend - Bru st schwimm en den Vertreterinnen Offenbachs das Rachsehen geben sollte. Das Jugend-Rückenschimm en 2 0 0 - Meter wird Schaum, Gießener S. 23., nicht zu nehmen sein, während im Jugendspringen Schüler, G. S. 23., sich anstrengen muß, um nicht eine unliebsame lleberraschung durch K o h l h ö s e r - Wiesbaden zu erfahren. Die schärfsten Kämpfe wird es in dem am stärksten besetzten Rennen, dem I u - gend - Freistilschwimmen 100-Meter geben, in dem von dem Gießener Vertretern höchstens Rau Aussichten auf Erfolg hat. Ebenso ungewiß ist der Ausgang in der Jugend-Frei- stil - Staffel 3X100-Meter, in dem Jung- Deutschland-Darmstadt, Mönus-Offenbach, Gießener S. V. und Wiesbaden 1911 starten. Das Damen- Junior - Brustschwimmen 1 0 0 > 9)1 e t e r wird die Gießener Schwimmerinnen in Front sehen. Eine schöne Abwechslung wird das Reigenschwimmen der Gießener Damen sein, das noch nie seine Anziehungskraft verfehlt hat. Den Schluß bildet, wie gewöhnlich, ein Wasserballwett- spiel.
Wirtschaft.
Wochenbericht von der Frankfurter Börse.
Schon in der vergangenen Woche zeigte sich das Versagen der Dörse, ihren Willen zu einer Höherentwicklung der Kurse durchzusehen, und die vollkommen auf sich selbst gestellte Spekulation begann mit dem QTbbau ihrer Hausseengagements. In dieser Woche erfolgte nun am Dienstag ein ungewöhnlich scharfer Kurseinbruch, der große älnsicherheit und eine äußerst nervöse Atmosphäre schuf. War die zweite Hand die ganze Zeit über bei den Anzeichen einer festeren Tendenz indifferent geblieben, so ließ sie auch jetzt die Dörse vollständig allein. Die Hoffnung, daß Interventionen der an den verschienenen Veuemissionen beteiligten Dankcn- kreise das Kursniveau etwas stützen würden, erfüllten sich nicht, da keine kursrrgulierende
Antike Tafelfreuden.
Wenn die Erhöhung der Tafelfreuden eines Dolles im gleichen Verhältnis zu seinen Machtgelüsten steht, so ist es kein Wunder, daß das Römische Reich zugrunde gehen muhte, denn eine Steigerung der lucullischen Gelüste lieh selbst die ausschweifendste Phantasie kaum zu. Don Geta wird erzählt, daß er drei Tage hintereinander bei Tische sah und sich alle Gerichte in alphabetischer Ordnung präsentieren lieh: ’ür ein Fischmahl des Ditellius wurden die Staatsschisfe an die Säulen des Hcrlules, in bas Schwarze Meer, das Rote Meer, ja die Küsten des äußersten Thule gesandt, um die Dewohner der Wellen für die kaiserliche Ta'el einzillangen. Vicht weniger als 2500 Gattungen on Fischen tarnen zu diesem Mahl. Heliogabalus lieh mit den merkwürdigsten Substanzen Küchenversuche Herstelien und zwang seine Gäste zum Dreinhauen in diese ungenießbaren Substanzen. Das Lampreten» pouper des aus Gallien yeimkehrenden Cäsar sowie die mit Sklavenfleisch gemästeten Hechte sind hinlänglich bekannt. Claudius, der Gemahl der Mefalina, schenkte einem Muttermörder nicht nur das Geben, sondern auch noch ein Landgut für das Geheimnis einer Fischpastete.
Die Griechen hatten für Dackwerk eine große Dorliebe. Das Gebäck der Athenienser war weitaus berühmt: sie hatten Kuchen mit Milch, Honig und Mandeln bereitet, allerlei Fruchtkuchen und Käsekuchen, vielerlei Geflügelpasteten, besonders von Haien, Schnepfen und kleinen Dögeln, welche in den Weinbergen ihre Vahrung fanden, dann feine Oelbädereien, eine Art Blätterteig, der zum Wein verabreicht wurde. Der Pastetenbäcker Anliphanes war der berühmteste seines Zeichens: in feinem Gaben fand man Staatsmänner, Politiker, Gelehrte, die Dichter und die jeunesse doree von Athen. Die Pasteten und Kuchen wurden auch im Theater verkauft, und der Vater der Kritik bemerkt, bah ber Absatz des Backwerks als Wertmefler sür die Güte einer Tragödie dienen kann: je geringer ber geistige Genuß. desto größer der Pastetenkonfum. Die römischen Sklaven, welche das Brot bereiteten, halten den Mund verbunden und Handschuhe während ber Arbeit. Das Brot der Alten war eine Art dünner Fladen: es wurde noch lange so gebacken. Bis ins 15. Jahrhundert bediente man sich desselben als Platte, um darauf das Fleisch zu schneiden, tranchoirs nannten es die Franzosen. H. W.


