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Nr. 72 Drittes Blatt Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)Samstag, 26. März 1922

Individualpiychologie und Erziehung.

Don Oberschulrat Dr. August Messer, o. Professor der Philosophie und Pädagogik an der Universität Gießen.

Mehr Rücksicht aus die Individualität daL ist fürwahr keine neue Forderung. Um von olleren Pädagogen zu schweigen: schon Pestalozzi hat mit allem Aachdruck gefordert, daß der Er­zieher sich in die Seele des Zöglings einfühle und seiner persönlichen Sigenatt wie seiner .Individualloge" Rechnung trage.

Aber so alt diese Forderung ist, so un­beachtet verhallt sie vielfach in der Praxis der HauS- und Schulerziehung. Aber daS darf den, der die grundlegende Bedeutung jener Forderung erkannt hat, nicht müde machen, sie immer wieder auf6 neue zu erheben und zu begründen. Anlah Dazu bietet gerade jetzt die Tatsache, dah die Presse in den letzten Wochen eine gröbere Zahl von Schülerselbstmorden zu melden hatte.

Der bekannte Resormpädagog« Prvsefsor Ludwig ®utlitt hat jüngst imBerliner Tage­blatt" (QZr. 34 vom 23. Mürz 1927) zu der Frage sich in bemerkenswerter Weise geäuhert. Er er­zählt dabei, er habe schon zu Beginn des Jahr­hunderts. als einmal eine wahre Lchülerselbst- mordepideinie in Deutschland grassiert habe, nach England sich gewandt, um zu erfahren, wie es dort damit stehe. Da habe er die Antwort er­halten, dah man in England von Schülerselbft- morden nie etwas höre. Weshalb solle sich auch ein englischer Schüler daS Leben nehmen? Er lebe in der Schule so freudig und gern, dah er daS Ende der Ferien nicht erwarten könne. Durlitt fügt hinzuIch konnte mich selbst bei wiederholten Besuchen Englands davon über­zeugen. dah den Eltern die Erfolge ihrer Söhne auf dem Platzground (Spielplatz) wichtiger waren als die in den Schulwissenschaften. Da es keine Einjährigenzeugnisse gab und gibt, war eS den Eltern auch ziemlich gleichgültig, ob ihr Sohn auf rückte oder nicht. Jedenfalls gab es deshalb keine Famillens^enen. Da auch dem Dtelwesen dort keine Opfer gebracht werden und jeder Mister" heißt, einerlei, ob er nur eine Volks- schule oder ein vornehmes College besucht hat, so kennt man dort all daS Hetzende nicht, das auS den deutschen Schulen scheinbar nicht auS- zurotten ist."

Gewiß können wir auS diesen englischen Zu­ständen manches zum Besten unserer Jugend Urnen. So wird man z. B. immer wieder fragen dürfen: wo bleibt die tägliche Turn- oder Spielstunde?! Aber daß wir die englischen Gr- ziehungs- und Schulzustände einfach unS zum Muster nehmen sollten, davon kann wohl nicht 66c Rede sein. Die ganze geschichtliche Ent­wicklung deS Dildunaswesens in den beiden Ländern zeigt außerordentlich starke Verschieden- Hellen. Diese aber wurzeln ihrerseits in tiefliegenden Unterschieden deS Rationalcharak­ters. Diese Unterschiede abschwächen ober gar beseitigen zu wollen, wäre ein bedenklicher päda­gogischer Mibgrisf. der zu einer Verarmung menschlichen Geisteslebens, zu einer Verkümme­rung seiner Fülle und Mannigfaltigkeit führen würde. Kein denkender Pädagoge wird Der­artiges onftreben; auch nicht unter Hinweis auf die bekannte VersassungSforderung. dah die Er­ziehung .im Geiste der Völkervcrsöbnung" er­folgen solle. . Dölkerversöhnuna" bedeutet nicht Völkermischmasch und Gleichmacherei. Auch stellt die Verfassung selbst I Dor diese Forderung vor­aus die andere: .im Geiste des deutschen DolkstumS". Diesem Geiste aber würde es entschieden nicht entsprechen, wenn man die Erfolge der Jugend auf dem Turn- und Spiel­platz höher werten wollte alS die in den Schul- Wissenschaften.

Es liegt uns darum auch fern, die Schuld für die Selbstmorde von Schülern einseitig auf die hohen Anforderungen der Schule zu schieben, die manche Schüler zur Verzweiflung trieben.

Eher wäre zu sagen: die Forderungen sind vielfach nicht hoch genug und werden in der Pralls nicht streng genug zur Geltung gebracht. So wird die höhere Schule nicht der Aufgabe gerecht, eine Institution der Auslese zu sein für

solche, die in kulturell bedeutsame Berufe und in leitende Stellunaen einzurücken wirllich .be­rufen" sind. Die Erfahrung zeigt auf Schollt und Irin, dah junge Leute in großer Zahl auf unsere Hochschulen kommen, die. ihrer GeisteSart und Begabung-Höhe nach beurteilt, nicht dahin ge­hören.

Mll dieser Feststellung soll aber nicht be­hauptet werden, dah etwa auf unseren höheren Schulen alle- in Ordnung wäre, wenn man sich nur entschlösse, nicht so viel Hnbefähigle in un­angebrachter .Milde" doch.durchzulassen". Wenn auch die H ö h e der Anforderungen durchaus nicht herabgesetzt, sondern eher gesteigert werden soll, so sollte doch die Art der Anforderungen anders werden. Roch immer findet in unseren höheren Bildungsanstalten allzu einseitig der theore­tisch-wissenschaftliche Begabungstypu» Berücksichtigung und Anerkennung und in den auf ibn zuge'chnittenen Anstalten wird oft über Gebühr daS stoffliche Wissen gewertet zu­ungunsten deS tieferen Verstehens und deS for­malen Könnens. Sodann mag auch die Art der Behandlung, zumal der reiferen Schü­ler. bisweilen nicht dem entsprechen, was psycho­logisch das Richtige wäre. Eine Vertiefung der Lehrerbildung nach der psycho­logischen Seite kann gar nicht dringend genug gefordert werden. Wenn man in Lehrer krei­sen noch biS vor kurzem von der experimen­tell e n Psychologie alle-Hell erwartete, so hat doch in letzten Iahren eine große und berechtigte Wandlung eingesetzt. Man beginnt zu erkennen, daß die experimentelle Psychologie naturwissen­schaftlichen GeprägeS, so groß Ihre Bedeutung für spezialwissenschaftliche Ausgaben sein mag. dem Lehrer für die Praxis deS UnterllchtS und ganz besonders der Erziehung zu wenig un­mittelbar Anwendbares und Verwertbare- zu bieten vermag. Die dem Experiment wirklich zugänglichen seelischen Vorgänge gehören doch im allgemeinen nicht zu jenen tiefliegendsten und intimsten, in deren Bereich die letzten Entschei­dungen fallen und die zu beeinflussen höchste und feinste Aufgabe der Erziehung fein muß. Auch leistet die naturwissenschaftlich-experimentelle Psychologie doll das Höchste, wo sie, vom Sinn des seelischen Geschehens absehend, vorwiegend seinen Ablauf und seine Aeußerungen exakt fest­zustellen unternimmt. Aber das Seelenleben ist in Wahrheit bis in seine unbewußten Tiefen hinab sinnvoll, wenn dieserSinn" auch nicht immer bittigenSwert ist und bis zum Wahn­sinn sich verirren kann. Vor allem die psycho­analytische Methode Freuds undfür den Päda­gogen wohl noch fruchtbarer die . Individual- Psychologie" AdlerS haben der psychologischen .Tiefenforschung" werwolle und nachhaltige An­regungen gegeben. (In meiner Monatsschrift.Die Schule". Verlag G. ThomaS, Dielefeld, geöenfe ich in Kürze auf diese beiden psychologischen Rich­tungen und ihre pädagogische Bedeutung einzu- g ehern)

IedensallS muß jene neue Richtung der Psy­chologie. die man im Unterschied von der natur- wissenschaftlich-expellmentellen alSgeistes­wissenschaftlich" bezeichnet hat, also eine Psychologie des lebevoll-meirschlichen Verstehen-, des Sinn-Deutens, des in seelische Tiefen Drin­gens bei der Ausbildung der Lehrer aller Schularten eine weit größere Berücksichtigung finden wie bisher. Und nicht nur die Lehrer bedürfen dieser Art psychologischer Ausbildung, auch die künftigen Seelsorger setzt nicht jede Seelsorge tief­stes Verstehen der Seele voraus? und nicht zuletzt auch die 3 u r i ft e n I Ist doch seelisches Verstehen Voraussetzung gerechten Beurteilens, und fordert doch die Entwicklung der national so bedeutsamenJugendfürsorge", daß Iullsten und Verwaltungsbeamte immer mehr auch als Erzieher sich fügten und verständnisvoll mit De- rufserziehern Hand in Hand gehen.

Solche psychologische Ausbildung muh2 u - gendtunde" im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes bieten, eine Kunde der Iugend. die auch Verständnis umschließt für die seelisch Labilen und überhaupt die mannigfachen Zwischen stufen zwischen seelischer Rorma- lllät und Krankheit. Gerade aus folchen Regio­nen stammen ja die meisten derer, die daS

Märtyrer der Liebe.

Roman von 3. Schneide'-Förstl

34 ßortlcbung. Nachdruck verboten

.Ich habe solche Angst!" wehlle Elisabeth.Laß es lieber jein! Bitte, laß es fein, Nella!"

Netto war ganz Erbarmen. Sie klingelte und be­fahl, den Teetisch zu decken.Gleich hier!" gebot sie. Da blieb sie wenigstens mit der jungen Frau un­gestört. Elisabeth mußte zwei Tassen heißen ^Ge­tränkes nehmen, auch einige Biskuits und ein Stück Sandtorte nötigte sie ihr auf. Ein Schimmer von leisem Rot lag wieder über Elisabeths Waygen. Sie wurde ruhiger. Ob ihr Mann etwas von diesem Bruder wisse, wurde sie nun von Netto gefragt. Sie verneinte.

Du mußt es ihm sagen, liebes Kind!" entschied diese, .denn weißt du, im Grunde genommen sind alle Manner gleich. 3n ihrem innersten Herzen schläft immer und <mig ein leises Mißtrauen gegen uns. Sie wollen nicht, daß wir irgendwelche Ge­heimnisse vor ihnen haben. Saa' du Deinem Manne, doß du noch einen Stiefbruder hast, und erkläre ihm alles. Dann ist er zufrieden. So, wie ich Georg kenne, wird er nicht Darüber grübeln und sich auch kein Kopfzerbrechen machen, was es wohl mit diesem unbekannten Schwager ist, und du selbst, meine Liebe, bist auch ruhiger Dabei, Ach, ich kenne dich ja bis in Deine innerste Seele. Armes Hascherl Ich weiß, wie sehr Du Georg liebst. Aber Du solltest es ihm nicht zu sehr zeigen. Die Mehrzahl Der Männer verträgt Das nicht. Man zieht sich nur Tyrannen groß, die teilhoben wollen an jedem Gedanken, Den wir hegen."

Ich kann nicht anders. Ich habe ja niemand sonst als ihn!" wandte Elisabeth mit zuckenden Lippen ein.

Nella blickte sie schweigend an. Sie hätte Elisa- beth so gerne gefragt, ob Georg gut zu ihr fei. Aber es erschien wie Neugierde, und sie wollte Die junge Frau nicht verletzen. So begnügte sie sich nur, ihr aus Dem reichen Schatze ihrer Erfahrungen einige Winke zu geben. Befolgen würde Elisabeth ihre Ratschläge oolläusig nicht, das glaubte sie sicher zu wissen. Aber vielleicht kam einmal Die Zeit, in Der sie an Die Ermahn ngen der Sickeren dachte.

Der Diener kam und mtiDetc Doktor Reichmann. Nella sah, wie Elisabeth erschrak. Sie konnte sich

deren ganzes Benehmen nicht mehr enträtseln. Hatte Das arme Kind Denn solche Angst vor ihrem Mann? Es wäre eine Roheit sondergleichen, wenn er nicht lieb zu ihr fein würde.

Gleich Darauf trat Der Doktor ins Zimmer. Er war strahlender Laune. Eine schwere Operation war ihm glänzend gelungen. Er bat um eine Tasse Tee und mit größtem Appetit mehrere Sandwichs. Nella legte ihm Lachsschinken und Sardellen auf halbierte Weißbrote.

Gib mir auch etwas von Dem Kuchen!" sagte er zu Elisabeth.

Sie wurde verlegen und sah fragend auf Nella.

Diese nickte mit einem Lächeln.Gib nur Deinem Mann, kleine Frau."

Das hätt' ich wohl nicht sagen sollen?" meinte Reichmann, ohne sich weiter stören zu lassen.Die Nella hat mir als Kind derart viele Kuchenstücke ab* qeknöp't, daß ich mich schon ein bißchen schadlos halten Dorf, jetzt."

Nun lachte auch Elisabeth. Sie legte ihm gleich- zeitig mit Der Hausfrau ein großes Tortenteil auf den Teller. Rcichmann entrichtete dieser Grüße ihres Mannes, und daß er fegen laste, sie möchte ibn nicht vor acht Uhr erwarten. Nella frug, ob er ihn Denn getroffen habe.

..Natürsich!" gab er zurück.Ich hätte doch lonft nicht gewußt, daß meine Frau bei Dir ist. Das habe ich von deinem Gatten erst erfahren. Und da dachte ich, die Liesl kann bann gut mit mir heimfahren."

Elisabeths Augen flammten leuchtend auf. Also, weil er wußte, daß sie hier s«, war er ins Herren- haus gekommen. Nicht Nellas willen. Wie unrecht hatte sie ihm in chrem Herzen getan und wie über­flüssig war ihr Schrecken gewesen, als Der Diener fein Kommen gemeldet hatte. Sie hätte ihm am liebsten beide Hände geküßt. Nella sah den Glücks- ausbruef in Elisabeths Gesicht und wie Deren Blicke strahlend an ihrem Gatten hingen. Welche Liebe! dachte sie erschauernd. Ob sie je einer so großen fähig wäre?

Reichmann hüllte seine Frau sorgfältig in den eigenen Mantel, als sie mit ihm in bas Auto stieg. Er ist doch gut zu ihr. beruhigte sich Nella, die mtt an den Wagen gekommen war. Der Doktor drückte dankend ihre schmale, weiße Hand.Gib Annemarie etwas Diomalz." riet er, während Der Chauffeur ankurbelte.Ich hab' sie in Regendach im Park ge­sehen. Sie ist mir ein wenig blaß vorgekommen!"

Leben fteuoillig wegzuwerfen suchen Der Mün­chener Psychiater R. Gaupp iHeber den Selbst­mord". München 1905) untersuchte 124 in seine Anstalt cingdiefcrte Selbstmordkandidaten. Die man gereuet hatte er fand unter ihnen nur einen geistig ganz gesunden. DaS mag in er­höhtem Maße noch für jugendliche Selbstmörder gellen.

3e mehr aber untere berufSmäßtgen Lehrer und Erzieher in dem genannten Sinne psycholo- gisch tüdmg gebildet sind, um io mehr wird ihr Verhältnis zu den Schülern zu einem Vertrauen-Verhalt, is werden, wodurch eS von vornherein verhütet wird, dah irgendwelche Konflikte im Schulleben oder Verstöße gegen die Schulordnung zu Schülertragödien sich auS- wachlen. Hm so mehr werden solche Lehrer auch Fühlung mit den Eltern suchen und ihnen echte Verater fein können.

Die Wurzel aller Jugcnbnot und -Ver­zweiflung. die bisweilen zum Schüler- fclbftmord führt, liegt oft darin, daß Die El­tern meist auS falschem Ehrgeiz und ver­

meintlichen .StLndesrücksichten' den Sohn einer Schulart zugeführt haben, deren Anforderungen dieser nach der Art und Höhe seiner Begabung einfach nicht entsprechen kann Dazu kommt dann noch, daß vielfach daS ganze Interesse der Eltern für daS Dchulleben ihre- Sohne» M) auf Die Frage beschränkt, ob er .verletzt" wird, wöbet diese- Interesse, metst erst zu «pät. näm­lich erst im letzten Drittel M Schuljahres, sich regt Droht nun gar da- Rtcht-Dersetztwerden oder daS Richt-Bestehen einer Prüiung für den Sohn zu einer Katastrophe zu werden, und ist dieser noch, durch seine verzweifelten Anstren­gungen .nntzukommen", nervös überreizt oder schon von Haus aus Psychopath so sind ade Bedingungen für einen Selbstmordversuch ge­geben.

Hnd doch tonnte dem leicht und sicher vor- gebeugt werden durch psychologisch richtige Be­handlung.

Darum mehr Individualpsychologie in Der Erziehung I

Rechtzeitige (Erfüllung der Sleuerpflicht.

Steuerhinterziehung bei nicht rechtzeitiger Abgabe von Voranmeldungen und Vorauszahlungen.

Don Reg.-Rat.

Rach Paragraph 359 R.A.O wirb wegen Steuerhinterziehung bestraft, wer zum eigenen Dorteil oder zum Dorteil eines anderen nicht gerechtfertigte Steuervorteile erschleicht oder vor­sätzlich bewirkt, daß Steuereinnahmen verkürzt werden.

Es soll hier die Frage behandelt werden, ob eine Steuerhinterziehung auch dadurch be­gangen werden kann, daß ein Pflichtiger seine Voranmeldungen nicht rechtzeitig abgibt oder seine Vorauszahlungen nicht rechtzeitig leistet. Als Vorauszahlungen kommen solche hier nicht in Betracht, die auf Grund eines Steuerbescheide- zu leisten sind, sondern solche, die sich auf eine Voranmeldung gründen, also von der Erklärung deS Pflichtigen abhängen. Der wichtigste Fall der Voranmeldung und Vorauszahlung ist der auf Grund des Paragraph 19 des Hmsahsteuer- geseheS. Hier heißt es in Absatz 3: Die Voran­meldung gilt als Steuererklärung: die Voraus­zahlung ist Steuer im Sinne der Reichsabgaben­ordnung. Es besteht also bereits bevor eine Steuer festgesetzt ist, eine Verpflichtung zur Lei­stung von Vorauszahlungen auf Grund vorläu­figer Selbsteinschätzung oder Selbstermittlung deS Steuerpflichtigen.

Dei Beantwortung der gestellten Frage ist davon auszugehen, daß daS Merkmal deS .Er­schleichens von Steuervorteilen" begriffsmäßig voraussetzt. daß der Steuerpflichtige durch trü­gerische Machenschaften einen nicht gerechtserttaten Steuervorteil erstrebt. Andrerseits ist erforderlich daß der Täter vorsätzlich bewirkt, daß Steuerein­nahmen verkürzt werden. ES wird also regel­mäßig ein rein negative- Verhalten, ein reines Unterlassen nicht genügen, da sonst logischerweife jede Richtentrichtung geschuldeter Steuern unter Strafe gesicht wäre. Diese Richtentrichtung kann auS verschiedenen Gründen je nach Lage Der Lache entschuldbar fein. ES ist somit ausgeschlos­sen, dah ein Schuldner, der zwar zahlungswillig, aber ohne sein Verschulden nicht zahlungsfähig ist. eine strafbare Steuerhinterziehung begeht. Immer muh hier vielmehr eine Handlung deS Schuldners hinzutrelen. Es wird erfordert, daß das Verhalten des Steuerpflichtigen die Ver­kürzung der Steuereinnahmen, also z. B. ihre Vorenthaltung an den jeweiligen Fälligkeitster­minen .bewirkt". DaS Reichsgericht verlangt in feiner Entscheidung R.S.Lt. 60 S. 185, daß ein fraudulöses, d. h unehrliches, steuerwidriges Ver­halten deS Psiichtigen hinzukommt, durch welche-, ihm bewußt, die Wirkung einer Verkürzung der Steuereinnahmen alS Folge seine- Handelns oder seiner Hnterlassung herbcigesührt wird. Ein sol­ches Verhalten 'wird regelmäßig darin bestehen, dah der Steuerschuldner eine Unkenntnis ober einen Irrtum der Steuerbehörde mit dem De*

Dr. P 1 v ch , Schotten, wuhtsein benutzt, dah dadurch die bezeichnete Wirkung verursacht wird. Absicht der Steuer­hinterziehung ist dabei nicht ersvrderllch.

Demgemäß hat da- Reich-gericht in seinem Urteil vom 12. Dezember 1922 alS ausreichend erklärt, daß der Qlngellagte die gesetzliche Frist zur Zahlung der Umsatzsteuer in der ErkenntniS wtssentlich hat verstreichen lassen, dah daraus, neben einem Vorteil für ihn selbst, für da- Reich ein Entgehen Der bereit- fällig gewordenen Steuereinnahmen, wenn auch nur auf Zeit, ein­treten werde. Selbst dadurch, dah Der Schuldner Die rückständigen Steuern mit DerzugSzinIen ent­richtet, werde Der äußere Tatbestand Der Steuer­hinterziehung nicht beseitigt. In Hebcrcinftim- mung mit Dieser Auffassung hat da- Reichsgericht in feiner neueren SntscheiDung vom 22. April 1926 toieDerum ausgesprochen. daß schon mit Dem Ab­lauf Der gesetzlichen Frist zur Zahlung der Um­satzsteuer eine Verkürzung des SteueranspruchS deS Reiches zum Dorteil deS Angeklagten ein­getreten sei, woran Die nachträgliche Zahlung Der Steuern nicht- zu ändern vermöge.

D«e Verkürzung Der Steuereinnahmen ist einer Vermögen-beschäDigung DeS Reiche- keines­wegs gleich zu achten. Deshalb kann auch Die spätere Zahlung Die Strafbarkeit nicht beseitigen. Die Steuereinnahmen werden objektiv verkürzt, wenn Die an Den Fälligkeitstagen vorau-zuzap- lenDen Steuerbeträge nicht oder nicht rechtzeitig an Die Finanzkasse abgeführt werden. Handelt eS sich um Die Richterfüllung der gesetzlichen Pflicht zur Entrichtung Der Umsatzsteuer, so kommt in Betracht, Dah Da- Reich bei seiner Finanzlage und bei den ihm obliegenden ZahlungSverpslich- tungen besonder- Gewicht Darauf legen muß. an Den Fälligkeitsterminen pünktlich In Den Delitz Der ihm geschuldeten Steuern zu gelangen. Um Den rechtzeitigen Eingang solcher Steuern zu sichern, ist daher Den Schuldnern die Recht-psllcht auferlegt. Die vorgeschriebenen Anmeldungen unD Vorauszahlungen nicht zu unterlallen. Folge Der Unterlassung ist, dah die Finanzbehörde in Un­kenntnis Darüber unterhalten wird, ob und in welcher Höhe Die Steuern zu entrichten find, und dah ihre alsbaldige Beitreibung erschwert oder vereitelt wird. Die unbewußte Richterfüllung Der bezeichneten Rechtspflicht begründet daher gegen Den Steuerschuldner die Annahme einer Ver­schweigung seiner Steuerverbindlichkeit.

Geht da- Reichsgericht schon bei nicht recht­zeitiger Abgabe Der Voranmeldung und nicht rechtzeitiger Vorauszahlung Der Umsatzsteuer soweit, eine strafbare Steuerhinterziehung anzu­nehmen. so ist dieser Standpunkt noch begreif­licher bei Richtleistung Der vorgeschriebenen Zah­lung Der Lohnsteuer. Heer kann auch Der EinwanD, Der Schuldner sei ohne die erforderlichen Bar-

Glaubst du? . . ."

Ach nein," unterbrach er, die Hand hebend. Angst brauchst du keine zu haben. Sie ist frisch wie ein junges Pferd. Aber bei Kindern, die so stark wachsen, wie das deine, muß man immer etwas nachhelfen."

Nach dem Abendtifch, als Reichmann nach feiner Zeitung greifen wollte, gestand ihm Elisabeth, weich großes Geheimnis sie bisher allein mit sich herum- getragen hatte, und zeigte ihm Das Knabenbild, Das Nella ihr überlasten.

Er sah erstaunt auf die schönen, regelmäßigen Kinderzüge.

Das hab' ich doch schon irgendwo gesehen!" sagte er nachdenkend.Nein, mach' mich nicht irre," siel er Elisabeth, Die ihn etwas fragen wollte, ins Wort.Wenn ich nur wüßte, wo Das gewesen ist. Es war ganz genau Der gleiche Kopf. Wer ich fann's nicht mehr finden, wo ich ihn gesehen habe. Warum hast du mir Denn nie von dem Jungen etwas erzählt oder überhaupt erwähnt?"

Sie wurde verlegen. Dergessen hätte sie es, sagte sie unter dunklem Erröten.

Sie kann absolut nicht lügen, konstatiert« er be­friedigt. Es war beruhigend, solch eine Frau zu haben.

,Du hast dich einfach nicht getraut?" frug er. Hast dich gefürchtet, es mir zu sagen!"

,Zo!"

Ansehen!" befahl er, als sie ihren Kopf gegen feine Schulter drücken wollte. Als sie nicht sofort gehorchte, hob et ihr Gesicht hoch.Darum fürchtest du mich?" forschte er.Btn ich nicht gut zu dir? Doch? Haft du Wünsche, die du erfüllt haben möchtest? Nein! Was ist es Dann? Ich will es wissen. Hörst du, Elisabeth!"

Wenn erElisabeth" jagte, war es immer ernst. Sie muhte eine Antwort geben, und diese Antwort mußte befriedigend sein, sonst ließ er nicht nach mit Fragen. Das wußte die junge Frau nun zur Ge- nüge. Sie gedachte der Worte Nellas, man sollte einem Manne nie zu sehr zeigen, wie man ihn siebt«. Aber sie konnte nicht anders, als ihm gestehen: Ich habe dich so maßlos lieb, daß ich immer in Sorge bin, so viel Siebe konnte Dir lästig fein!"

Er lachte nicht einmal wie sie gefürchtet batte. Er blieb ganz ernst. J>ob' Du mich nur sieb, soviel du lannü, mein Häschen!" ermunterte er. »Liebe ist nie zu viel aber leicht zu wenig."

Sie mußte ihm alles erzählen, was sie über den unbekannten Bruder von Hanna und ihrem Vater erfahren hatte. Es war reichlich wenig.Wenn er dich finden will, kann er's," sagte er im Nachdenken. Will er nicht. Dann laß ihn (ein. Nur nichts er­zwingen wollen. Das macht Das Beben störrisch, unD es hängt immer ein Haken Daran."

Aber wenn er eines Tages kommt!" wagte Elisa­beth schüchtern zu fragen.

Dann ist er eben Da. Wenn er nicht gerade ein Zuchthäusler ist, werde ich ihn ganz gerne als «chwager begrüßen. Im Arbettskittel kann er ruhig vorfprechen. Das verschlägt mir nichts!"

Danke!" sprach sie aufatmenb.

.Ich wüßte nicht, wofür Du zu danken hättest," sagte er barsch.Uebrigens hast Du nicht einmal einen richtigen Automantel Das ist mir heute erst ausgefallen, als du in beinern Sommerkleid im Wagen gefroren hast. Laß dir eine Auswahl schicken, selbstverständlich auch von anderen Sachen, die du brauchst. Don Toilette versteh' ich absolut nichts. Ich kann nur sagen, ob mir etwas gefällt ober nicht. Das Geld hebst Du von Der Bank ab. Brauchst nicht $u knausern. Ich hab's zur Zeit. Denn wir einmal knapp sind, sag' ich dir's schon."

Sie legte beide Arme um seinen Hals und küßte ihn wortlos.

Als er eine Stunde Darauf an ihr Lett trat, sah er noch Tränenspuren an ihren Augen, obwohl sic schon schlief. Es gab nichts Rätselhafteres als'eine Frau.

Um Das kleine Doktorhaus in Eisenbach wirbelten die Flocken, dicht, in ununterbrochenem Reigen tanzten sie auf das Schieferdach, breiteten eine weiße Decke über Den gepflasterten Hof, sahen auf allen Zweigen und Heften im (Barten und guckten ver­stohlen in Die Küche, wo Hanna ihres Amtes waltete. Ach, niemand war so zufrieden wie Die getreue Alte. Ein über Das anDere Mal lobte sie, wie gut bas nun *ei, so gar nicht mehr frieren zu müssen. In Lud- wigstal war im Winter stets alles voll schüttelnder Kälte gewesen. Das große Herrenhaus mit feinen gepufferten Gängen, feine eisige Kälte ausftrömen- den Wänden und Den riesigen Fensterflügeln, durch die aus allen Ecken und Enden der Welt pfiff, hatte ihr jedes Jahr einen bösen, sehr schmerzhaften Rheu- matismus gebracht. Heuer war Das liebel faum nennenswert. Niemand konnte ermessen, wie glücklich Hanna Darüber war.

(Fortsetzung folgt)