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177. Jahrgang

Donnerstag, 25. August (927

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummcr bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 n m Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrift 20v , mehr.

Chefredalitcur.

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Nr. 198 Erstes Matt

Erscheint täglich,außer x Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

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infolge höherer Gewalt. __^***3^

ZWL General-Anzeiger für Oberhessen

PoWfdjedfonto: 1

Srantfnrt am nioin liess, vrvck Mttö Verlag: vrühl'sche llniversitätr-vuch, und Zteindruckerei R. Lange in Sietzen. Zchriftleitung und Gefchäftsstelle: Zchulsttatze 7.

Der neue Agitationsfeldzug

der Kommunisten.

Die wüsten und blutigen Auftritte in Paris und anderen größeren Städten Frankreichs, in London, in Leipzig, die neuerliche Bombenexplosion in Ehi- kago, der Sturm auf das Bölkerbundshaus in Genf ujm. sollten allen denen die Augen geöffnet haben, die bisher noch nicht zu übersehen vermochten, wo­hin die Agitation führt, der sich große Massen in Europa anläßlich der Hinrichtung von S a c c o und B a n z e t t i fast willenlos überlassen haben. Was man in Amerika zuerst richtig erkannte, hat sich leider nur zu schnell als zutreffend erwiesen, daß nämlich kommunistische, anarchistische und bolsche­wistische Elemente den menschlich bedauerlichen Fall für ihre Zwecke mißbraucht haben und weiter miß­brauchen. Jetzt überkommt auch die anderen, die bis­her eifrig in Agitation mitgemaifjt haben, eine ge­wisse Bange vor den Folgen deßen. was da ange­richtet worden ist. Selbst derVorwärts" hält es nunmehr an der Zeit, zur Ruhe und zur Besonnen­heit zu mahnen mit der Begründung, daß Gewalt und Amerikahetze die Toten nicht wieder lebendig Machen könnten. Wenn man alle Toten und Ver­wundeten, die dieser Hetze zum Opfer gefallen sind, und noch fallen werden, zusammenzählen wollte, dann würde sich eine stattliche Lifte aufstellen lassen, und dann würde mancher Mitläufer erit recht ein­sehen, wie sehr er sich hat irreführen lassen.

Es ist vollkommen klar, das) es sich überall um systematisch, sorgfältig vorbereitete Hand­lungen und Aufruhrvrrsuchr der Kommunisten handelt, und man geht keinesfalls fehl, wenn man die geistigen Urheber dieser Bewegung in Moskau sucht. Wenn seit Wochen und Mo­naten die Gemüter in bestimmten Teilen der Arbeiterschaft durch Reden, Artikel, Hairdzettel usw. in SiedeH-itze versetzt werden und dann der Ruf erschallt, Rache für dieermordeten Partei- genossen" zu üben, dann ist es kein Wunder, daß sich solche Dinge ereignen, wie wir sie jetzt in zahlreichen Städten Europas erlebt haben. Gerade das gleichzeitige Lvsbrechen wie auf ein gegebenes Signal scheint der beste Beweis dafür zu sein,, wo die Urheber der Be­wegung sitzen. Es ist wohl auch kein Zufall, daß sich die wüstesten Szenen in Frankreich und in der französischen Schweiz abgespielt haben, wo die erregten Massen von jeher am meisten zu Gewalttätigkeiten geneigt haben Man braucht gar nicht erst bis zu den Schreckens­tagen der französischen Revolution zurüi^ugehen, sondern es genügt, an den Pariser Kommune­aufstand von 1871 zu denken Rur das sehr starke Aufgebot von Truppen in Paris selbst hat es verhindert, daß aus den Anfängen des Barri­kadenkampfes sich nichts Schlimmeres ent­wickelt hat. Dabei entbehrt es nicht eines ge­wissen Reizes, daß die Hetze gegen die Ameri­kaner und alles Amerikanische gerade in Paris unmittelbar vor dem Besuch großer Massen amerikanischer Frontlänrpfer sich abspielt, deren Anwesenheit von der französischen Regierung zur politischen Bearbeitung Amerikas im Hinblick auf die' Schuldenregelung benutzt werden sollte. Rach allen Berichten aus Frankreich wird der Empfang der amerikanischen Legionäre auf fran­zösischem Boden recht kühl fein.

Daß sich bereits auch bei uns Anzeichen der Einkehr in der Stimmung geltend machen, zeigt der angeführte Artikel imVorwärts". Hoffent­lich seht sich die Ernüchterung sehr schnell und gründlich durch, so daß uns weitere Zusammen­stöße mit der Polizei wie in Leipzig erspart bleiben. Wir haben alle Veranlassung, uns nicht in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes einzumischen, und mit Beschimpfungen der Rechtspflege in Amerika um uns zu werfen, weil uns Erscheinungen und Auswüchse derselben un­gewohnt und unverständlich vorkommen. Es sind auch bei uns manche Dinge vorgesallen, die in Amerika gewaltiges Kopfschütteln verursacht haben und auf völliges Einverständnis ge­stoßen sind. Man mag über das Schicksal, das den beiden Italienern Saeco und Vanzetti in Boston bereitet worden ist, denken, wie man will, TtRÖ man braucht auch zur richtigen Zeit und am richtigen Ort aus seiner Ansicht darüber kein Hehl zu machen. Aber wenn wir uns aus einer ganzen Reihe von Gründen mit Amerika mög­lichst gut stellen toollen, und wenn wir uns die größt» Mühe geben, Scharen amerikanischer Be­sucher nach Deutschland zu ziehen, dann müssen wir auch so viel Besonnenheit besitzen, in der

vor den Wahlen in Memel.

Der deutsche Gesandte in Kowno war vor kurzem in Berlin und hat hier mit dem Außen­minister gründlich die Lage der Memel­länder durchgesprochen. Als Ergebnis dieser Zusammenkunst können die neuen Vorstellungen unseres diplomatischen Vertreters bei der litau­ischen Regierung angesehen werden, der sogleich nach seiner Rückkehr sich bei Woldemaras anmelden ließ und ihn nochmals an seine auf der letzten Genfer Ratstagung vor dem Plenum des Rates feierlich eingegangenen Verpflichtun­gen erinnerte. Ziehen wir eine Bilanz der letzten Wochen, dann müssen wir fest stellen, daß von Litauen erst ein einziges Versprechen eingelöst wurde, eben die Ausschreibung von Reuwahlen hn Memelland, die aber bewußt in die letzten Augusttage verlegt wurde, weil man sich nicht mit Tlnrecht sagte, daß mm die Septem­bertagung des Völkerbundes noch vor der Reu- bildung des Landesdirektoriums ablaufen werde,

Beurteilung amerikanischer Verhältnisse Zurück­haltung zu üben und Takt zu zeigen. Wir haben ohne Haß und Doreingeiwmmenheit die Ent­wicklung zu betrachten und dürfen uns nicht durch einen menschlich durchaus verständlichen Eifer für die Gerechtigkeiten" aus unferer Re­serve herausbringen lassen. Der amerikanische Bürger ist in seiner Liebe und Begeisterung für alles Amerikanische nur allzu leicht verletzbar. Unsere Außenpolitik verlangt es gebieterisch, daß wir jede Belastung ausschließen, die aus einer Kontroverse mit der Mentalität eines fremden Volkes entstehen könnte.

Die kommunistische Kundgebung in Berlin.

Berlin, 24. Aug. (WB.) Die heute abend von der KPD. in Gemeinschaft mit dem Roten Frontkämpferbund und anderen Organi­sationen veranstaltete Trauerkundgebung für Saeco und Vanzetti im 2uftgarten nahm unter starker Beteiligung einen ruhigen Verlauf. Die Zahl der Teilnehmer übertraf numerisch die fror angegangenen Demonstrationen sehr er­heblich. Die Polizei hatte nn Hinblick auf die Vorgänge in Paris alle verfügbaren Mann­schaften in Alarmzustand verseht. Besonders die amerikanische Botschaft hatte einen außerordentlich starken Schutz erhalten. Ein aus­gedehnter Benachrichttgungsdienst sorgte dafür, daß während des An- unb Abmarsches und während der Kundgebung selbst dis eingerichteten Polizeizentralen ständig auf dem laufenden ge­halten wurden. Der Wilhelmsplah wurde gegen 7 Uhr auf das schärfste abgesperrt und nur die­jenigen, die sich auöweisen konnten, daß sie in der Rähe der Botschaft zu tun hatten, ober dort wohnten, passierten die Sperren.

gusammenstöste in Hamburg.

Hamburg, 24. Aug. (W2^) Zu einer Protestkundgebung gegen die Hinrich» tung von S a c c v und Vanzetti hatten sich nachmittags auf dem Heiligengeistfelde etwa 1500 Personen eingehenden. Rach Schluß der Kund­gebung versuchten verschiedentlich Gruppen von Demonstranten zum amerikanischen Kon­sulat vorzudringen, wurden jedoch von der Polizei zerstreut. Zwölf Personen wurden zwangsgestellt. Zu einem weiteren Zusammen­stoß kam es in Eimsbüttel, als sich ein Zug von etwa hundert Kommunisten der Auf­lösung durch die Polizei widersetzte. Auch hier wurden die Demonstranten von der Polizei zerstreut. Zwangsgestellungen wurden nicht vor­genommen.

Demonstrationsverbote in Sachsen.

Dresden, 24. Aug. (WTD.) Das Poli­zeipräsidium Dresden hat die für die nächsten Tage in Aussicht genommenen Kund­gebungen gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis mit Rücksicht auf die in Leipzig und anderwärts vorgekommenen Tumulte mit sofortiger Wirkung verboten.

Das Leipziger Polizeipräsidium hat unter Hinweis auf die bei der Demonstration gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis am 23. August erfolgten schweren Ausschreitungen bis auf weiteres alle Versammlungen unter freiem Himmel, sowie alle Umzüge und Demonstralionen auf öffentlichen Straßen und Plätzen- gemäß Artikel 123 Abs. 2 der Reichs­verfassung verboten.

Das Chemnitzer Polizeipräsidium hat die für heute abend auf dem hiesigen Theater- Platz geplante Kundgebung gegen die Hin­richtung Saccos und Vanzettis ebenfalls ver­boten. Das Verbot stützt sich auf Artikel 123 Abs. 2 der Reichsverfassung und gründet sich auf die Befürchtung, daß die beabsichtigte Kund­gebung Störungen der öffentlichen Ruhe und Sicherheit auslösen könne, wie es bereits in anderen Orten der Falk war.

Umfassende Polizeimatznahmen in Paris.

Paris, 24. Aug. (Wolff.) Um eine Wieder­holung ähnlicher Zwischenfälle wie der von heute

also Deutschland keine Gelegenheit erhalten werde, noch während dieser Tagung irgendwelche weite­ren Verfehlungen der Kownoer Regierung in Genf zur Sprache zu bringen. Wenn wir recht unterrichtet sind, hat man sich in Berlin auch reiflich überlegt, ob man nicht schon auf dieser Tagung wegen der nur mangelhaft einge* lösten Versprechungen der litau­ischen Regierung die ganze Memel- frage wiederum zur Debatte stellen soll. Davon ist man zunächst abgekommen. Die Reichsregierung hat sich gesagt, es wäre besser, erst die Land­tagswahlen abzuwarten und zu sehen, was Kowno unternehmen' werde, und ob das nach dem Memel- statut zu ernennende Direktorium auch das Ver­trauen des memelländischen Landtages besitzen werde. Bisher konnte davon keine Rede fein. Kowno schickte einfach etliche grohlitauische Be­amte nach Memel, die sich nicht im geringsten um die parlamentarische Vertretung der memel- ländifchen Bevölkerung kümmerten, vielmehr schal­teten und walteten, wie es ihnen paßte. Kein

nacht zu verhindern, hat die Polizei neue um­fassende sehr st r e n g e Maßnahmen getrof- kn. Rach neueren Darstellungen sollen etwa 600 0 Personen an den gestrigen LImzügen terlgenommen haben. Die Zahl der verletzten Polizisten beträgt 120. Heute früh wurde in einer Llntergrundbahnstation eine verdächtige bombenartige Büchse entdeckt, die anscheinend nur Sand enthielt, jedoch zur näheren Untersuchung in das Chemische Laboratorium gebracht wurde. Auch in Veziers kam es gestern abend anläß­lich einer Protestkundgebung gegen die Hinrich­tung Saccos und Vanzettis zu Zusammenstößen. Schaufen st er verschiedener Läden wurden eingeschlagen. Zwei Personen wurden ver­haftet.

Neuer Iusammenstoh in Paris.

P a ri s, 24. Aug. (WTB.) Gegen 10.30 Ufjr abends geriet ein Zug von etwa 30 0 Mani­festanten auf dem Boulevard Sööastopol, wo gestern nacht bereits schwere Ausschreitungen stattfanden, mitPolizeizusammen. Meh­rere Schüsse fielen. Es gelang der Polizei, die Demonstranten zu vertreiben.

Zusammenstoß in Lyon.

Paris, 24. Aug. (WB.) Heute nachmittag hiel­ten in L y o n die dortigen s o z i a l i st i s ch e n Ge­werkschaften eine Protestkundgebung gegen die Hinrichtung von S a c c o und Vanzetti ab. Als fte sich im Zuge zum Denkmal der Republik be­geben wollten, um dort einen Kranz nicderzulegen, wurden sie von Trupps k o m m u n i st i s ch e r und anarchistischer Elemente angegriffen, die ihnen den Kranz zu entreißen suchten. Die Polizei mußte die im Handgemenge miteinander lie­genden Gegner trennen.

Verurteilung von Manifestanten in Paris.

Paris, 24. Aug. (WB.) Fünf von den 31 in der vergangenen Nacht verhafteten Manifestanten find heute bereits vom Gericht abgeurteilt worden. Es wurde gegen sie auf Gefängnis­strafen von zwei Wochen bis zu sechs Monaten und kleinere Geldstrafen erkannt. Nur einem wurde Bewährungsfrist zugebilligt.

Neuer Konfliktsstoff.

Paris, 24. Aug. (WB.) Das S a c c o - Dan­ze t t i - K o m i t e e soll nach Haoas die Absicht haben, in ganz Frankreich am 19. September einen Trauertag zu organisieren und bei diesem Anlaß in Paris die U e b e r r e ft e der Hinge­richteten ausz ust eilen. Dieser Beschluß ist von besonderer Bedeutung, weil die französische Re­gierung diesen Tag aus Anlaß der Anwesenheit der amerikanischen Legionäre zum Natio- nalfesttag erhoben hat.

Kundgebung

der französischen Frontkämpfer.

Paris, 24. Aug. (Wolff.) Die Nationalver­sammlung der französischen Frontkämp­fer, also die rechtsstehende Organisation, wendet sich in einer Kundgebung gegen die gestrige Mani­festation und fordert die Regierung auf, dafür Sorge zu tragen, daß die Mitglieder der a in e r i k a n i - schenLegion in Frankreich nicht behelligt werden und daß nötigenfalls gegen Unruhestifter und unerwünschte ausländische Elemente strenge Maßnahmen getroffen werden. Hätten doch die An­gehörigen dieser Legion Frankreich bei der Vertei­digung seiner Freiheit geholfen.

Boykott amerikanischer Waren in Argentinien.

Paris, 24. Aug. (Wolfs.) Wie Havas aus Buenos Aires berichtet, bereiten die Arbeiter­gewerkschaften, besonders Schauerleute und Autochauffeure den Boykott amerika­nischer Waren vor.

L o n d o n , 25. Aug. (WTB. Funkspruch.)Daily Telegraph" berichtet aus Melbourne - Der australische G e w e r k s ch a f t s r a t hat be­schlossen, wegen der Hinrichtung Saccos und Van­zettis die amerikanischen Waren zu boy­kottieren.

Wunder, wenn bas litauische ©ünbenre giftet nicht Rein ist, zumal neben ben litauischen Beamten auc^ noch der Kriegskommanbant mit Hufe bes Delagerungszust anbes dazu beitrug, ben politischen Plänen ber Großlitauer Vorschub zu leisten. Bis jetzt ist es bem litau- ifcf>en Element im Memelgebiet nicht gelungen, an Boden zu gewinnen. Auch ber Versuch, der litauischen Sprache allmählich im Schulwesen durch Ausschaltung ber deutschen Heimatsprache Geltung zu verschaffen ober durch Massenaus- weisungen von Lehrern die Memelländer zu zwingen, auf litauisches Lehrpersonal zurückzu- A^elfen^ wird an der Geschlossenheit der rnemel- landrschen Bevölkerung scheitern, die wohl noch niemals so stark in Erscheinung getreten ist, wie gerabe letzt bank ber litauischen Gewaltherrschaft.

nächsten Woche werden die Wahlen slattftnben, über bereit Ausgang es ebenso wie bei früheren ähnlichen Gelegenheiten keinen Zweifel geben kann, vorausgesetzt allerdings, baß Kowno den Belagerungszustand nicht benutzt, um bie

Furchtbare Katastrophe beim Flottenmanöver.

129 Menschen ertrunken.

Tokio, 25. August. (WTD. Aunkspruch.) Bei nächtlichen Flottenmanövern ist auf der höhe von Maizuru der Kreuzer I i n d z u" mit dem Torpcdobooks- zerstörerwarabi" zusammenge- stoßen. Letzterer sank innerhalb fünfzehn Minuten, wobei 9 0 Matrosen und 12 Offiziere ertranken. Don der Be­satzung konnten nur 22 Personen gerettet wer­den. Gleichzeitig stieß der Kreuzer ,.3X a k a" mit dem Torpedobootszer­störer ,,A s h i" zusammen, wobei 2 7 2R e n - scheu ums Leben kamen. Die Schiffe Jindzu" undAshi" sind stark beschädigt worden.

Bevöllerung von ber Ausübung ihres Wahl­rechts abzuhalten. Rach ber Dilbung des Land­tages wird bie Kttwnoer Regierung zu zeigen haben, ob sie ben Vertragszustanb wieder Her­stellen oder an dem augenblicklichen System der Unterdrückung und Entrechtung ber Memellänber mit Hilfe bes Belagerungs­zustandes und einiger ins Land geschickter und mit diktatorischen Vollmachten ausgerüsteter groß- litauischer Beamten fest halten will.

Die Vorbereitungen für Genf.

Berlin, 24. Aug. (Priv.-Tel. des WTD.) Die deutsche Delegation für die dies­jährige Tagung des Völkerbundes in Gens wird, wie bieVoss. Ztg." berichtet, aus Reichs- außenminifter Dr. Stresemann, Staats­sekretär Dr. v. S ch u b e r t, Staatssekretär Dr. Pünder als Vertreter der Reichskanzlei, und Ministerialdirektor Dr. Gaus bestehen. Die Delegation reist bereits am 30. August nach Genf, die sachverständigen Referenten folgen nach. Dr. Stresemann und Staatssekretär v. S ch u - ber t kehren Ende der Woche nach Berlin zurück, um die Vorbereitungen für Genf zu treffen. Wichtige Beratungen im Zusammenhang mit der Genfer Tagung, also vor allem über die Außen­politik, sind, wie das Blatt schreibt, nicht in Aussicht genommen. Das ergibt sich schon dar­aus, daß der Reichskanzler von seinem Urlaub, den er jetzt in der Schweiz verbringt, erst am 7. September zurückzukehren gedenkt. Vizekanzler Dr. Hergt bleibt bis zum 12. Sep­tember _ fern von Berlin, Reichsfinanzminister Dr. Köhler hält sich noch einige Zeit in Marienbad auf, wo er die neue Besoldungs­vorlage ausarbeitet und anscheinend auch die Sachverständigen der Kcalitionsparteien emp­fängt, um ihre Wünsche zur Besoldungsresorm zu erfahren. Es ist trotzdem wahrscheinlich, daß die wenigen in Berlin anwesenden Mitglieder des Reichskabinetts in den nächsten Tagen zu einer Besprechung zur Erledigung laufender An­gelegenheiten sich zusammensinden werden.

Die Besatzungsfrage auf dem toten Punkt.

London, 24. Aug. (Wolff.) DieTime s" berichtet aus Paris: Es scheint, bah die Frage der Herabsetzung ber Desatzungs­truppen im Rheinland bereits auf einem t o - ten Punkt angelangt ist. Die Aussichten für eine Regelung der Frage auf ber Dölierounds- konserenz in Genf sind auch nicht sehr hoffnungs­voll. Es besteht anscheinend bie Absicht, Driand, wenn er im September nach Genf geht, sehr ge­naue Anweisungen zu erteilen, so daß die Aus­sichten für eine Regelung ber Angelegenheit kaum besser als bei der letzten Gelegenheit sein dürften.

Der Berichterstatter derTimes" in Brüssel behauptet, die belgischen Behörden stimm­ten mit der Ansicht der französischen Militärs überein, daß die alliierten Gesamtstreitkräs.e nicht gut unter 60 000 Mann vermindert werben könnten.

Der Berichterstatter derDaily R e w s" für auswärtige Fragen deiner!t, es sei nicht unwahrscheinlich, daß die letzte Lösung der Frage der Herabsetzung der Desatzungsiruppen zurück- gestellt werde, bis Chamberlain, Briand und Stresemann in Genf zuscrmmenkämen. linier die­sen Umständen werde die Erörterung kaum auf die Frage ber Zahl und des Verhältnisses der Besahungstruppen beschränkt bleiben.

Keine augerordenMche Reichslagsfttzung?

Eigener Drahtbericht des Gießener Anzeigers'.

Berlin, 25. Aug. Kurz vor Beginn der Sommerpause des Reichstages trat be­schlossen worden, Ende September eine kurze Tagung abzuhalten, in ber namentlich der Entwurf des Reichsschulgesehes behan- bett werden sollte. Es verlautet nunmehr, daß mit Rücksicht darauf, daß bie parlamentarische Behandlung des Reichsschulgesetz cs bis dahin noch nicht endgültig vorbereitet sei, der Reichs­tag erst im Oktober zusmnmentreien sollte. Wir konnten an zuständiger Stelle darüber noch nichts Bestimmtes erfahren, auf jeden Fall liegt item Reichstag noch fein Beschluß vor oder auch nur irgendeine Bestimnnmg des Reichstagspra- fUtenten, nach ber der Reichstag erst im OktobsG zusammentreten sollte.