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Nr. 197 Erster Blaff

Druck und Verlag: Srühl'sche Universitäts-Buch- und 5teindruckerel R. Lange in Gießen. Schristleüung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschcin; für den An- zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen

177. Jahrgang Mittwoch, 24. August (927

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Das Mandatsproblem.

Erörterungen der Auslandspresse, be­sonders der englischen, haben in den letzten Tagen wieder die Frage der Kolonialmandate aufgeworfen. Dabei sind zwei an sich nicht ton- nexe Gegenstände in Beziehung zueinander ge­bracht worden, nämlich die Zuwahl eines deut­schen Mitglieds zur ständigen Mandats­kommission des Völkerbundes und die Frage einer Reuregelung bzw. einer verän- dertenVergebung von Völkerbunds­mandaten über bestimmte Kolonialgebiete.

Die erstere Frage ist dadurch ins Vollen ge­kommen, daß auf der Junitagung des Völker­bundrats der Mandatskommission aufgegeben wurde, sich $u der Besetzung einer Stelle zu äußern, die im Budget des lausenden Jahres für diese Kommission neu vorgesehen ist und für die ein deutsches Mitglied in Aussicht genommen worden war. Die Mandatskommission hat in­zwischen getagt und zu der Frage in dem Sinne Stellung genommen, daß sie die Vergebung des fraglichen Postens als eine im wesentlichen po­litische Angelegenheit ansehe und sich nach dieser Seite hrn nicht zur Entscheidung befugt halte. Wenn politische Bedenken beim Völker­bundsrat jedoch nicht bestünden, so sei sie von sich aus zur Besetzung des Postens durch ein deutsches Mitglied bereit. Aach diesem Stand der Dinge darf es als ziemlich selbstverständlich betrachtet werden, daß der Volkerbundsrat nach Kenntnisnahme des Entscheids der Mandats­kommission selbst die Zuwahl eines deutschen Mitglieds zur Mandatskommission auf seiner be­vorstehenden Tagung beschließen wird. Damit wird jedoch für die zweite Frage in keiner Weise präjudiziert. Denn die Mandatskommission ist zwar eine Instanz, der in gewissem Sinne die Ueberwachung der Mandatssührung durch die mit ihr betrauten Mächte obliegt wobei' et­waige Entscheidungen jedoch dem Dölkerbunds- rat Vorbehalten bleiben aber sie h<lt keinerlei Einfluß auf die Vergebung von Mandaten oder auf politische Konsequenzen, insoweit sie nach dieser Richtung hin aus den Ergebnissen ihrer Kontrollarbeit gezogen werden formen.

Es ist also ein etwas gezwungener Zusam­menhang, wenn man aus dieser weiteren mo­ralischen Gleichstellung Deutschlands folgert, daß damit ein Fortschritt in der Richtung auf eigene Bedürfnisse nach kolonialer Betätigung erzielt worden sei odckr erzielt werden könnte. Der politische Hintergrund, der insbesondere in der englischen Presse, aber auch in der fran­zösischen auftauchenden Erörterungen ergibt sich aus den italienischen Ansprüchen auf Er­weiterung des kolonialen Betäti­gungsfeldes, insbesondere der siedlungs- fähigen Gebiete in Afrika und anderswo, für die auf die äleberbevölkcrung Italiens von italieni- cher Seite gewöhnlich unter Bezugnahme auf die gleichgelagerten Verhältnisse Deutschlands hingewiesen wird. In Jtali-en scheint man den Blick besonders auf Palästina oder Syrien geworfen zu haben, nachdem die ethnographisch begründeten Ansprüche auf Tunis von Frank­reich ziemlich heftig zurückgewiesen worden sind. Wenn an einzelnen Stellen behauptet wird, es bestehe eine Art von italienisch-deutscher Vereinbarung, wonach Italien den deut­schen Anspruch auf ein Koloni'almandat in unferm früheren Kolonialbesitz gegen en sprechende Unter» stütz ung vorderasiatischer italienischer Ambitionen Burch Deutschland unterstützen werde, so ist das rach unfern Informationen allerdings nicht zu- irefsend. Vorläufig ist das Stadium dieser Frage $t>. daß alle kolonialen Großmächte sich mit der Zuteilung eines Mandats an Deutschland einverstanden zu erklären schei­nen vorausgesetzt, daß es dasjenige eines an« Bern ist!

Rechberg als deutscher Vertreter?

Berlin, 24. Aug. (Privat-Telcgramm des Wolff-Bureaus.) Wie der.Sozialdemokratisch« Hressedienst" mitteilt, gilt als bevorzugter Anwärter Bes deutschen Vertreters in der Man- Bak s k 0 m m i f f i 0 n der frühere Ostafrika-Gouver- reur v. R e ch b e r g, der seit Sommer d. I. an den Arbeiten des internationalen Arbeitsamte» über Zwangsarbeit der Eingeborenen teilnimmt. Rech- berg steht dem Zentrum nahe.

Frankreichs Sabotage der Befatzungssraae.

Eigener Drcihtberichl des .Gießener Anzeigers" Berlin. 24. Aug. Die Frage der Herab- !ctzung der Desahungstruppen im Rheinland wird ii. der französischen Oefsentlichkeit in einer Form behandelt, die recht wenig mit der Bedeutung dieser Frage übereinstimmt. Auf je- den Fall steht doch das eine fest, daß der Her­absetzung der Stärke der Rheinlandtruppen bereits seit sehr langer Zeit überfäl- l i g ist, daß aber auch die Räumung über­haupt auf Grund der Rechtslage schon seit lan­gem aktuell ist. Anstatt aber die Frage nun in der Form stiller diplomatischer Besprechungen iu lösen, setzt in der Presse in Frankreich eine Campagne ein, die sich nur aus einer Men- . talität erklären läßt, die ihre Grundlage in der a egner ischen Einstellung zu Deutsch- icnö überhaupt findet. Um so erfreulicher ist es, wenn das Rheinland in seiner so machtvollen Kundgebung erklärt, daß es lieber die Q3e» djung ertragen wolle, als daß eine Vermin­derung durch Gegenzugeständnisse deutscherseits I xlauft werden müßte. Dieses Verhak.en zeugt jelenfalls von der Würde der Rheinlandbevöl- 1

Sacco-Vanzetti-Kundgedungen.

Wüste kommunistische Ausschreitungen gegen schuldlose Personen und Behörden.

Die Berliner Blätter beschäftigen sich ebenfalls mit der Hinrichtung Saccos und Banzettis, wobei sie zumeist auf dem Standpunkt stehen, daß in An­betracht dessen, daß man in Deutschland di.e Ein- zölheiten über die Rechtsgründe des Urteils nicht nachprüfen forme, es doch für unser deutsches Emp­finden einen Fall grausamster Justiz darstelll, wenn Menschen, die vor sieben Jahren zum Tode ver­urteilt wurden, erst heute nach einem entsetzlichen Hin und Her hingerichtet worden sind. So schreibt dieT ä g l i ch e Rundschau": Die Art und Weise, in der mit den beiden nunmehr Gerichteten verfahren worden ist, ist keine Justiz mehr, sondern es ist eine Folter, wie sie fürchterlicher nicht mehr gedacht werden kann, und daß in .Jerem Zeitalter der Humanität eine solche Folter noch angewendet werden konnte, das ist gerade im 3ntereffe der Justiz auf das lebhafteste zu bedauern. Der Fall Sacco und Lanzetii ist kein Ruhmeszeichen in der Geschichte der Justiz. DerBerliner Lokal- a n 3 e 1 g e r" schreibt, ob der Schuldspruch gegen Sacco und Vanzetti ein Fehlspruch ober ein Wahr­spruch war, ba'j vermögen wir nicht zu beurteilen. Der ,L.-A." verwirft dabei aber die Art und Weise, mit der der Feldzug zur Rettung der beiden durch­geführt worden fei, lind schreibt, daß man dabei mit kalter Skrupellosigkeit vorgegangen sei und aus der ganzen Angelegenheit eine Prestigefrage gemacht habe, die schließlich von der amerikanischen Regie­rung nicht anders zu lösen war. Die übrigen Ber­liner Blätter gehen in Ihren Kommentaren entspre­chend ihrer politischen Einstellung ebenfalls davon aus, daß es gegen das deutsche Rechtsempfinden ist, Menschen, die vor sieben Jahren verurteil! wur­den, erst nach so langem Martyrium wirklich auch hinzurichten.

Eine üble Mache

Boston, 23. Aug. (WB.) Reuter. Wie der Sacco - Vanzetti - Derteidigungs- a u s s ch u ß müierlt, beabsichtigt er, die Leichen Saccos und Vanzettis, die in besonders kon­struierten Särgen untergebracht werden, in den Städten der östlichen Vereinigten Staaten öffentlich zur Schau zu stellen. Auch die westlichen Städte ungefähr kns Chicago sollen auf der Fahrt berührt werden. Vorläufig finb* die Leichen in den Bostoner Geschäftsräumen des Ausschusses aufbewahrt worden. Ein weiterer Plan des Verteidigungsausschusses ist, von Sacco und Vanzetti Totenmasken anfertigen zu lassen, die dann in großer Zahl vertrie­ben werden sollen.

Bombenexplofion in Cleveland.

Cleve land (Ohio), 23. Aua. (WB.) In der katholischen S t. Jo s e p Hs ki rche ex­plodierte heute eine Bombe. Einige Kirchen­fenster und Fenster benachbarter Gebäude wur­den zertrümmert. Verletzt wurde niemand. Die Polizei glaubt, daß die Bombe von Anhängern Saccos und Vanzettis herrührt.

Ruhe in Reuyork.

R e u y 0 r k, 23. Aug. (Wolff.) Anläßlich der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti wur­den in R e u y v r k u. a. sechs Kompagnien In­fanterie und zwei Maschinengewehrkompagnien mit mehreren Lastautos voll Munition in Be­reitschaft gehalten. Diese Maßnahmen erwiesen sich als völlig überflüssig, da die einzige Massen­versammlung, zu der sich übrigens 12 000 Per- k fönen eingesunden hatten, um Mitternacht in der unteren Stadt am Union Square stattfand. |

2lls Hohnschreie aus der Menge auf den Anschlag otm Plakaten einer sozialistischen ZeitungSacco ermordet, Danzettt ermordet" antworteten, zer­streute ein starkes Polizeiaufgebot die Dersamin- lung. Aehnliche Kundgebungen erfolgten in San Franzisko, St. Louis und anderen Städten. Unter den in Boston Verhafteten befindet sich auch die Dichterin Edna Saint Vincent Mill ah. In einigen Städten wurden gestern während der letzten Demonstrationen wiederholt die verhaf­teten Personen zur Beobachtung ihres Gei­steszustandes in Irrenhäuser verbracht.

Tumult in Buenos Aires.

B u e n 0 s A i r e s, 23. Aug. (Wolff.) Eine Men­schenmenge veranstattete vor dem Bureau einer Zei­tung eine Demonstration für Sacco und Van­zetti. Als die Nachricht von der Hinrichtung be­kannt wurde, zog die Menge vor die Gebäude am e - rikanlscher Firmen und warf dort die F e n- st e r s ch e i b e n ein. Die Polizei war nicht in der Lage, die Ruhestörungen zu verhindern.

Schwerer Zusammenstoß in Leipzig.

Leipzig, 23. Aua. (WTB.) Das Polizeipräsi­dium teilt mit: Die Kommunistische Par­tei, der Rote Frontkämpferbund und einige kleinere linksstehende Organisationen veran­stalteten heute abend in öer sechsten Stunde auf dem Reichsgerichtsplatz eine politische Kund­gebung gegen die Hinrichtung von Sacco und V a n z e t t i. Im Anschluß daran zog der größte Teil der Demonstranten nach dem Metzplatz. Hierbei kam es zu schweren Ausschreitungen. Bei dem Versuch der Polizeibeamten, der Straßenbahn Durchfahrt zu verschaffen, gingen die Teilnehmer des Umzuges sofort gegen die Beamten in der rohe st en Weise vor. Sie entrissen einem Beamten das Seitengewehr und schlugen auf ihn ein. Ein anderer Beamter wurde abgedrängt, von hmten umfaß* imb zu Boden geworfen, getreten, geschlagen und durch Messer st iche im Gesicht verletzt. Diesen Beamten gelang es nur mit Hilfe von Straßenpassanten, sich auf einem Straßenbahn­wagen in Sicherheit zu bringen. Ein dritter Beamter wurde durch Messerstiche in den Bauch schwer verletzt, so daß er ins Krankenlxius über­geführt werden mußte. Weiter trug eine Anzahl Beamter leichtere Verletzungen davon. Während die Beamten die Ordnung wiederhcrzustellen versuch­ten, stürmte ein Teil der Demonstranten unter dem Ruf:Rache für Vanzetti! Jetzt ftürmen wirble Wache! Schlagt die Hunde nie­der!" nach der m der Nähe gelegenen 7. Polizei­wache und versuchten, in diese einzudringen. Hierbei bewarfen sie die die Wache verteidigenden Beamten mit schweren Pflastersteinen und Eisen - st ä b e n , welche sie offenbar von vornherein bei sich führten, da in der Nähe der Wache eine Straßenbaustelle nicht liegt. In ihrer Be­drängnis gaben die Beamten einige Schüsse ab, durch die, soweit bis jetzt festgestellt werden konnte, zwei Angreifer verletzt wurden. Beide wurden in das Krankenhaus gebracht, wo einer von ihnen ge­storben ist. Der herbeigerufenen Verstärkung gelang es, die Ordnung wiederherzustellen. Es wurden einige Verhaftungen oorgenommen.

Zusammenstöße «in Berlin.

Berlin, 23. Aug. In der Rächt kam es an der Ecke Mauerstrahe und Leipziger Straße,

nicht weit von der amerikanischen Botschaft, zwi­schen einem größeren kommunistischen De - monstrationszug und der Polizei zu Zu­sammenstößen. Da die Demonstran.en der Aufforderung, auseinandeczugehen, nicht Folge leisteten, mußten die Beamten von den Gummi­knüppeln Gebrauch machen. 18 Personen wurden in Haft genommen. Die Schutzpolizei i|t alarmbereit, da mit weiteren Kundgebungen zu rechnen ist.

Berlin, 24. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die Rote Fahne" veröffentlicht einen Aufruf der k 0 m - munistifchen Organisationen zu einer Trauer kundgebung für Sacco und Van­zetti, die heute abend im Lustgatten statt­finden soll.

PoUzeiverdot gegen die Kommunisten von Halle.

Halle, 23. Aug. (WTB.) Die erheb­lichen Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit in den letzten Wochen, insbesondere die überaus erhebe lichen Angriffe auf die Hatlesche Schutzpolizei am vorigen Sonntag und gestern haben den Regierungspräsidenten in Merseburg veranlaßt, auf die Dauer von drei Monaten der kommuni st ischen Partei, dem Roten Frontkämpferbund und ver­wandten Organisationen sämtliche älmzüge und Versammlungen unter freiem Himmel wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe, Ord­nung und Sicherheit zu untersagen. Das Verbot erstreckt sich auf den Polizeibezirk Halle und eine Anzahl Gemeinden des Saalekreises.

Blutige Zusammenstöße in Paris

Paris, 23. Aug. iWD.) Die Protest­kundgebung gegen die Hinrichtung Sac­cos und Vanzettis auf den großen Boule­vards hat zu ziemlich ernsten Zusammen­stößen mit der Polizei geführt. An zwei Stel­len kamen die Manifestanten mit einem starken Polizeiaufgebot, das übrigens vorn Polizeipräsek- ten selbst geführt wurde, ins Gemenge. D e Ma­nifestanten drangen in verschiedene Cafes ein und bemächtigten sich der Trinkgläser und anderer Trinkgefäße, die sie als Wurfgeschosse gegen die mehrfach mit der blanken Waffe einschrei­tende Polizei benutzten. Auf beiden Seiten hat es eine Reihe von Verletzten gegeben; auch wur­den verschiedene Verhaftungen vvrgenommen. Be­sonders ernst scheint der Zusammenstoß vor dem Gebäude desM a t i n gewesen zu sein, wo sogar aus der Rähe geschossen wurde. Auch hier ftnd Polizisten und Manifestanten verletzt worden. Ein Teil der Manifestanten flüchtete sich auf dem älteren Boulevard in die in der Vähe liegenden Cafös. Die Besitzer sahen sich genötigt, ihre Lokale zu schließen. Dor der Porte Samt Denis griffen Manifestanten mit Mes­sern und mit Stöcken die Polizei an. Vier Polizeibeamte wurden schwer verletzt. In der Rähe der großen Boulevards kam es zu größeren Zusammenstößen. Um 10 älhr wurde festgestellt, daß zahlreiche kommuni st ische und anarchistische Elemente in Autos davon- fuhren. Am Place Clichy zerschlugen ca. 3000 Männer die Fensterscheiben der Lokale, stürzten die Bäume um und demolierten war­tende Autos. Am Boulevard Sebastvpol wurden die Schaufenster eines großen Schuhhauses und

kerung, die von jeher gezeigt hat, daß sie fähig ist, auch das Schwerste in ehrenvoller Weise zu tragen. Eigentlich sollte dieses Verhalten ter Rheinlandbevölkerung auf die gewisse französische Presse, die es eben jetzt für notwendig hält, jenen Lärm zu schlagen, der alles andere als den heutigen Verhältnissen entsprechend ist, be­schämend wirken, doch dürfte es eitel fein, mit derartigen Argumenten gegen den französischen Hetzfeldzug vorzugehen.

Es fällt dagegen sehr auf, daß die eng­lische Presse in älnterstützung der englischen Initiative recht deutlich zum Ausdruck bringt, daß sie des bisherigen Treibens Frank­reichs reichlich müde ist und in energi­scher Form auf eine loyale Lösung der Rhein land frage dringt. Dieses Echo, das die englische Regierung in ihrer Presse ge­funden hat, wird zumindest geeignet fein, der englischen Initiative den nötigen Rachdruck zu verleihen. Inwieweit sich diese Haltung aber bei der französischen Pres.e auswirien wird, muh noch sehr dahingesteUt bleiden. Daß es zu einer Herabsetzung kommen wird, steht ja fest. Daß aber die Angelegenheit mit einer Zurücknahme von 4000 b i s 5 000 Mann für uns erledigt ist, dürfte wohl von keiner Seite angenommen werten. Es erübrigt sich, dafür nochmals unsere Gründe anzusühren. Auf jeden Fall wird aber Deutschland dann gezwungen sein, in schär­ferer Form vorzugehen, denn ein Spielball der französischen Launen zu sein hat nicht einmal das Versailler Diktat für uns vor­gesehen. älnö in dieser Hinsicht verbleibt schließ­lich Deutschland auch fein anderer Weg. Denn immer ist es Deutschland gewesen, das die Initiative zur Verständigung ergriff, wo­bei es allerdings zumeist erhebliche Zugeständ­nisse machen mußte, um wenigstens einigermaßen etwas zu erreichen. Die Zeit dieser Politik ist

aber vorbei. Wenn man in Frankreich nicht einsehen will, daß die weltpolittschen Aufgabe^, nur dann gelöst werden können, wenn die ßagtT in Europa geflärt worden ist und eine feste Grundlage biete;, dann muß Frankreich eben zu dieser Einsicht geführt werden. Es hat also die Wahl, welchen Weg es einzuschlagen gedenkt. Der größere Erfolg dürfte allerdings in der Linie der Verständigung liegen, älnd deshalb besteht die Forderung: wirklich fühlbare Herabsetzung der Rheintruppen sofort, Räumung der Rheinlande in kürzester Zeit.

Der englische Vorschlag.

London, 23. Aug. (Wolff.) DieM 0 r n i n g P 0 ft glaubt zu wissen, daß die am Freitag von dem französischen Kabinett erwogene britische Antwort auf den Vorschlag der französischen Regierung in der Frage der Vermin­derung der Besatzungstruppen am Rhein die An­deutung enthalt, daß die Zahl der Truppen, die dis französische Regierung zurückziehen will, ungenügend ist. Auch sei das Verhältnis der zurückzuziehenden Truppen einerseits und der belgi- schen und englischen Truppen anderseits zu un­günstig. Der brittsche Vorschlag sei dahin gegangen, daß die Franzosen ihre Truppen um 10 000 Mann, die Belgier und Engländer da­gegen um je 2000 Mann vermindern sollen. Laut Morning Poft" ist noch keine Antwort aus Paris eingetroffen.

Um 10000 Mann?

Paris, 23. Aug. (Wolff.) .Information" glaubt nach Auskünften, die sie aus London er- halten haben will, berichten zu fönnen, daß die Alliierten die Absicht hätten, die Desatzungs­truppen im Rheinland um 1 0000 Mann 8 u verringern und die Besetzung selbst u n- sichtbarer zu gestalten. Die Grundlagen einer j

Verständigung in diesem Sinne schienen nun­mehr zwischen Brüssel, London und Paris er­reicht zu fein.

Ein sehr böses Ding für den Frieden.

London, 23. Aug. (Wolsf.) Zur^Rhein- landbesetzung schreibt dieD a i l y R e w s": Die Rheinlandbesehung ist ein sehr böfes Ding für den Frieden, und je länger sie dauert, um so mehr Zwischenfälle werden die Beziehungen zwischen Frankreich und D utschland verbittern. Zu dem vomManchester Guardian" veröffentlichten Plan P 0 i n c a r e s, die Zurück­ziehung der französischen Truppen vom Abschluß eines Ostlocarnos abhängig zu machen, be- mettt dieDaily Rews", in Locarno habe Stresemann als guter Europäer ge­handelt und Europa dem Frieden wesentlich näher gebracht, indem er mit dem Edelmut, der ein wichtiges Element aller wahren Staatskunst ist, formell die Bestimmungen des Versailler Vertrages, soweit die Westgrenze in Bettacht kommt, annahm. Der Advokatenverstand Poincares, so fährt das Blatt fort, erblicke ^ach?" dieser edelmütigen Aktion die Möglich- kctt, für die Erzeugung anderer Schwierigkeiten. tPomcare verlangte nämlich ein ähnliches Ver­sprechen für die Oft grenze mit der Gewißheit, daß Stresemann dieses Versprechen nicht geben konnte. Seltsamerweise hat Poincare sich selbst eingeretet, daß er dabei die älnterstü.ung Großbritanniens genießen werde. Glück- ttcherweise $abe_ Chamberlain seiner Zeit dsn Poincare gegenüber eingenommenen Standpunkt aftenrnäßig festgelegt. England denke nicht daran, irgendeine Garantie für. die Ost grenze einzugehen. Poincars müsse irgendeine andere Entschuldigung suchen, um daS gegebene Wort seines Landes zu brecheu.