Nr. 197 Erster Blaff
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177. Jahrgang Mittwoch, 24. August (927
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Das Mandatsproblem.
Erörterungen der Auslandspresse, besonders der englischen, haben in den letzten Tagen wieder die Frage der Kolonialmandate aufgeworfen. Dabei sind zwei an sich nicht ton- nexe Gegenstände in Beziehung zueinander gebracht worden, nämlich die Zuwahl eines deutschen Mitglieds zur ständigen Mandatskommission des Völkerbundes und die Frage einer Reuregelung bzw. einer verän- dertenVergebung von Völkerbundsmandaten über bestimmte Kolonialgebiete.
Die erstere Frage ist dadurch ins Vollen gekommen, daß auf der Junitagung des Völkerbundrats der Mandatskommission aufgegeben wurde, sich $u der Besetzung einer Stelle zu äußern, die im Budget des lausenden Jahres für diese Kommission neu vorgesehen ist und für die ein deutsches Mitglied in Aussicht genommen worden war. Die Mandatskommission hat inzwischen getagt und zu der Frage in dem Sinne Stellung genommen, daß sie die Vergebung des fraglichen Postens als eine im wesentlichen politische Angelegenheit ansehe und sich nach dieser Seite hrn nicht zur Entscheidung befugt halte. Wenn politische Bedenken beim Völkerbundsrat jedoch nicht bestünden, so sei sie von sich aus zur Besetzung des Postens durch ein deutsches Mitglied bereit. Aach diesem Stand der Dinge darf es als ziemlich selbstverständlich betrachtet werden, daß der Volkerbundsrat nach Kenntnisnahme des Entscheids der Mandatskommission selbst die Zuwahl eines deutschen Mitglieds zur Mandatskommission auf seiner bevorstehenden Tagung beschließen wird. Damit wird jedoch für die zweite Frage in keiner Weise präjudiziert. Denn die Mandatskommission ist zwar eine Instanz, der in gewissem Sinne die Ueberwachung der Mandatssührung durch die mit ihr betrauten Mächte obliegt — wobei' etwaige Entscheidungen jedoch dem Dölkerbunds- rat Vorbehalten bleiben — aber sie h<lt keinerlei Einfluß auf die Vergebung von Mandaten oder auf politische Konsequenzen, insoweit sie nach dieser Richtung hin aus den Ergebnissen ihrer Kontrollarbeit gezogen werden formen.
Es ist also ein etwas gezwungener Zusammenhang, wenn man aus dieser weiteren moralischen Gleichstellung Deutschlands folgert, daß damit ein Fortschritt in der Richtung auf eigene Bedürfnisse nach kolonialer Betätigung erzielt worden sei odckr erzielt werden könnte. Der politische Hintergrund, der insbesondere in der englischen Presse, aber auch in der französischen auftauchenden Erörterungen ergibt sich aus den italienischen Ansprüchen auf Erweiterung des kolonialen Betätigungsfeldes, insbesondere der siedlungs- fähigen Gebiete in Afrika und anderswo, für die auf die äleberbevölkcrung Italiens von italieni- cher Seite gewöhnlich unter Bezugnahme auf die gleichgelagerten Verhältnisse Deutschlands hingewiesen wird. In Jtali-en scheint man den Blick besonders auf Palästina oder Syrien geworfen zu haben, nachdem die ethnographisch begründeten Ansprüche auf Tunis von Frankreich ziemlich heftig zurückgewiesen worden sind. Wenn an einzelnen Stellen behauptet wird, es bestehe eine Art von italienisch-deutscher Vereinbarung, wonach Italien den deutschen Anspruch auf ein Koloni'almandat in unferm früheren Kolonialbesitz gegen en sprechende Unter» stütz ung vorderasiatischer italienischer Ambitionen Burch Deutschland unterstützen werde, so ist das rach unfern Informationen allerdings nicht zu- irefsend. Vorläufig ist das Stadium dieser Frage $t>. daß alle kolonialen Großmächte sich mit der Zuteilung eines Mandats an Deutschland einverstanden zu erklären scheinen — vorausgesetzt, daß es dasjenige eines an« Bern ist!
Rechberg als deutscher Vertreter?
Berlin, 24. Aug. (Privat-Telcgramm des Wolff-Bureaus.) Wie der. „Sozialdemokratisch« Hressedienst" mitteilt, gilt als bevorzugter Anwärter Bes deutschen Vertreters in der Man- Bak s k 0 m m i f f i 0 n der frühere Ostafrika-Gouver- reur v. R e ch b e r g, der seit Sommer d. I. an den Arbeiten des internationalen Arbeitsamte» über Zwangsarbeit der Eingeborenen teilnimmt. Rech- berg steht dem Zentrum nahe.
Frankreichs Sabotage der Befatzungssraae.
Eigener Drcihtberichl des .Gießener Anzeigers" Berlin. 24. Aug. Die Frage der Herab- !ctzung der Desahungstruppen im Rheinland wird ii. der französischen Oefsentlichkeit in einer Form behandelt, die recht wenig mit der Bedeutung dieser Frage übereinstimmt. Auf je- den Fall steht doch das eine fest, daß der Herabsetzung der Stärke der Rheinlandtruppen bereits seit sehr langer Zeit überfäl- l i g ist, daß aber auch die Räumung überhaupt auf Grund der Rechtslage schon seit langem aktuell ist. Anstatt aber die Frage nun in der Form stiller diplomatischer Besprechungen iu lösen, setzt in der Presse in Frankreich eine Campagne ein, die sich nur aus einer Men- . talität erklären läßt, die ihre Grundlage in der a egner ischen Einstellung zu Deutsch- icnö überhaupt findet. Um so erfreulicher ist es, wenn das Rheinland in seiner so machtvollen Kundgebung erklärt, daß es lieber die Q3e» ’djung ertragen wolle, als daß eine Verminderung durch Gegenzugeständnisse deutscherseits I xlauft werden müßte. Dieses Verhak.en zeugt jelenfalls von der Würde der Rheinlandbevöl- 1
Sacco-Vanzetti-Kundgedungen.
Wüste kommunistische Ausschreitungen gegen schuldlose Personen und Behörden.
• Die Berliner Blätter beschäftigen sich ebenfalls mit der Hinrichtung Saccos und Banzettis, wobei sie zumeist auf dem Standpunkt stehen, daß in Anbetracht dessen, daß man in Deutschland di.e Ein- zölheiten über die Rechtsgründe des Urteils nicht nachprüfen forme, es doch für unser deutsches Empfinden einen Fall grausamster Justiz darstelll, wenn Menschen, die vor sieben Jahren zum Tode verurteilt wurden, erst heute nach einem entsetzlichen Hin und Her hingerichtet worden sind. So schreibt die „T ä g l i ch e Rundschau": Die Art und Weise, in der mit den beiden nunmehr Gerichteten verfahren worden ist, ist keine Justiz mehr, sondern es ist eine Folter, wie sie fürchterlicher nicht mehr gedacht werden kann, und daß in .Jerem Zeitalter der Humanität eine solche Folter noch angewendet werden konnte, das ist gerade im 3ntereffe der Justiz auf das lebhafteste zu bedauern. Der Fall Sacco und Lanzetii ist kein Ruhmeszeichen in der Geschichte der Justiz. Der „Berliner Lokal- a n 3 e 1 g e r" schreibt, ob der Schuldspruch gegen Sacco und Vanzetti ein Fehlspruch ober ein Wahrspruch war, ba'j vermögen wir nicht zu beurteilen. Der ,L.-A." verwirft dabei aber die Art und Weise, mit der der Feldzug zur Rettung der beiden durchgeführt worden fei, lind schreibt, daß man dabei mit kalter Skrupellosigkeit vorgegangen sei und aus der ganzen Angelegenheit eine Prestigefrage gemacht habe, die schließlich von der amerikanischen Regierung nicht anders zu lösen war. Die übrigen Berliner Blätter gehen in Ihren Kommentaren entsprechend ihrer politischen Einstellung ebenfalls davon aus, daß es gegen das deutsche Rechtsempfinden ist, Menschen, die vor sieben Jahren verurteil! wurden, erst nach so langem Martyrium wirklich auch hinzurichten.
Eine üble Mache
Boston, 23. Aug. (WB.) Reuter. Wie der Sacco - Vanzetti - Derteidigungs- a u s s ch u ß müierlt, beabsichtigt er, die Leichen Saccos und Vanzettis, die in besonders konstruierten Särgen untergebracht werden, in den Städten der östlichen Vereinigten Staaten öffentlich zur Schau zu stellen. Auch die westlichen Städte ungefähr kns Chicago sollen auf der Fahrt berührt werden. Vorläufig finb* die Leichen in den Bostoner Geschäftsräumen des Ausschusses aufbewahrt worden. Ein weiterer Plan des Verteidigungsausschusses ist, von Sacco und Vanzetti Totenmasken anfertigen zu lassen, die dann in großer Zahl vertrieben werden sollen.
Bombenexplofion in Cleveland.
Cleve land (Ohio), 23. Aua. (WB.) In der katholischen S t. Jo s e p Hs ki rche explodierte heute eine Bombe. Einige Kirchenfenster und Fenster benachbarter Gebäude wurden zertrümmert. Verletzt wurde niemand. Die Polizei glaubt, daß die Bombe von Anhängern Saccos und Vanzettis herrührt.
Ruhe in Reuyork.
R e u y 0 r k, 23. Aug. (Wolff.) Anläßlich der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti wurden in R e u y v r k u. a. sechs Kompagnien Infanterie und zwei Maschinengewehrkompagnien mit mehreren Lastautos voll Munition in Bereitschaft gehalten. Diese Maßnahmen erwiesen sich als völlig überflüssig, da die einzige Massenversammlung, zu der sich übrigens 12 000 Per- k fönen eingesunden hatten, um Mitternacht in der unteren Stadt am Union Square stattfand. |
2lls Hohnschreie aus der Menge auf den Anschlag otm Plakaten einer sozialistischen Zeitung „Sacco ermordet, Danzettt ermordet" antworteten, zerstreute ein starkes Polizeiaufgebot die Dersamin- lung. Aehnliche Kundgebungen erfolgten in San Franzisko, St. Louis und anderen Städten. Unter den in Boston Verhafteten befindet sich auch die Dichterin Edna Saint Vincent Mill ah. In einigen Städten wurden gestern während der letzten Demonstrationen wiederholt die verhafteten Personen zur Beobachtung ihres Geisteszustandes in Irrenhäuser verbracht.
Tumult in Buenos Aires.
B u e n 0 s A i r e s, 23. Aug. (Wolff.) Eine Menschenmenge veranstattete vor dem Bureau einer Zeitung eine Demonstration für Sacco und Vanzetti. Als die Nachricht von der Hinrichtung bekannt wurde, zog die Menge vor die Gebäude am e - rikanlscher Firmen und warf dort die F e n- st e r s ch e i b e n ein. Die Polizei war nicht in der Lage, die Ruhestörungen zu verhindern.
Schwerer Zusammenstoß in Leipzig.
Leipzig, 23. Aua. (WTB.) Das Polizeipräsidium teilt mit: Die Kommunistische Partei, der Rote Frontkämpferbund und einige kleinere linksstehende Organisationen veranstalteten heute abend in öer sechsten Stunde auf dem Reichsgerichtsplatz eine politische Kundgebung gegen die Hinrichtung von Sacco und V a n z e t t i. Im Anschluß daran zog der größte Teil der Demonstranten nach dem Metzplatz. Hierbei kam es zu schweren Ausschreitungen. Bei dem Versuch der Polizeibeamten, der Straßenbahn Durchfahrt zu verschaffen, gingen die Teilnehmer des Umzuges sofort gegen die Beamten in der rohe st en Weise vor. Sie entrissen einem Beamten das Seitengewehr und schlugen auf ihn ein. Ein anderer Beamter wurde abgedrängt, von hmten umfaß* imb zu Boden geworfen, getreten, geschlagen und durch Messer st iche im Gesicht verletzt. Diesen Beamten gelang es nur mit Hilfe von Straßenpassanten, sich auf einem Straßenbahnwagen in Sicherheit zu bringen. Ein dritter Beamter wurde durch Messerstiche in den Bauch schwer verletzt, so daß er ins Krankenlxius übergeführt werden mußte. Weiter trug eine Anzahl Beamter leichtere Verletzungen davon. Während die Beamten die Ordnung wiederhcrzustellen versuchten, stürmte ein Teil der Demonstranten unter dem Ruf: „Rache für Vanzetti! Jetzt ftürmen wirble Wache! Schlagt die Hunde nieder!" nach der m der Nähe gelegenen 7. Polizeiwache und versuchten, in diese einzudringen. Hierbei bewarfen sie die die Wache verteidigenden Beamten mit schweren Pflastersteinen und Eisen - st ä b e n , welche sie offenbar von vornherein bei sich führten, da in der Nähe der Wache eine Straßenbaustelle nicht liegt. In ihrer Bedrängnis gaben die Beamten einige Schüsse ab, durch die, soweit bis jetzt festgestellt werden konnte, zwei Angreifer verletzt wurden. Beide wurden in das Krankenhaus gebracht, wo einer von ihnen gestorben ist. Der herbeigerufenen Verstärkung gelang es, die Ordnung wiederherzustellen. Es wurden einige Verhaftungen oorgenommen.
Zusammenstöße «in Berlin.
Berlin, 23. Aug. In der Rächt kam es an der Ecke Mauerstrahe und Leipziger Straße,
nicht weit von der amerikanischen Botschaft, zwischen einem größeren kommunistischen De - monstrationszug und der Polizei zu Zusammenstößen. Da die Demonstran.en der Aufforderung, auseinandeczugehen, nicht Folge leisteten, mußten die Beamten von den Gummiknüppeln Gebrauch machen. 18 Personen wurden in Haft genommen. Die Schutzpolizei i|t alarmbereit, da mit weiteren Kundgebungen zu rechnen ist.
Berlin, 24. Aug. (WTB. Funkspruch.) Die „Rote Fahne" veröffentlicht einen Aufruf der k 0 m - munistifchen Organisationen zu einer Trauer kundgebung für Sacco und Vanzetti, die heute abend im Lustgatten stattfinden soll.
PoUzeiverdot gegen die Kommunisten von Halle.
Halle, 23. Aug. (WTB.) Die erheblichen Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit in den letzten Wochen, insbesondere die überaus erhebe lichen Angriffe auf die Hatlesche Schutzpolizei am vorigen Sonntag und gestern haben den Regierungspräsidenten in Merseburg veranlaßt, auf die Dauer von drei Monaten der kommuni st ischen Partei, dem Roten Frontkämpferbund und verwandten Organisationen sämtliche älmzüge und Versammlungen unter freiem Himmel wegen Gefährdung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit zu untersagen. Das Verbot erstreckt sich auf den Polizeibezirk Halle und eine Anzahl Gemeinden des Saalekreises.
Blutige Zusammenstöße in Paris
Paris, 23. Aug. iWD.) Die Protestkundgebung gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis auf den großen Boulevards hat zu ziemlich ernsten Zusammenstößen mit der Polizei geführt. An zwei Stellen kamen die Manifestanten mit einem starken Polizeiaufgebot, das übrigens vorn Polizeipräsek- ten selbst geführt wurde, ins Gemenge. D e Manifestanten drangen in verschiedene Cafes ein und bemächtigten sich der Trinkgläser und anderer Trinkgefäße, die sie als Wurfgeschosse gegen die mehrfach mit der blanken Waffe einschreitende Polizei benutzten. Auf beiden Seiten hat es eine Reihe von Verletzten gegeben; auch wurden verschiedene Verhaftungen vvrgenommen. Besonders ernst scheint der Zusammenstoß vor dem Gebäude des „M a t i n“ gewesen zu sein, wo sogar aus der Rähe geschossen wurde. Auch hier ftnd Polizisten und Manifestanten verletzt worden. Ein Teil der Manifestanten flüchtete sich auf dem älteren Boulevard in die in der Vähe liegenden Cafös. Die Besitzer sahen sich genötigt, ihre Lokale zu schließen. Dor der Porte Samt Denis griffen Manifestanten mit Messern und mit Stöcken die Polizei an. Vier Polizeibeamte wurden schwer verletzt. In der Rähe der großen Boulevards kam es zu größeren Zusammenstößen. Um 10 älhr wurde festgestellt, daß zahlreiche kommuni st ische und anarchistische Elemente in Autos davon- fuhren. Am Place Clichy zerschlugen ca. 3000 Männer die Fensterscheiben der Lokale, stürzten die Bäume um und demolierten wartende Autos. Am Boulevard Sebastvpol wurden die Schaufenster eines großen Schuhhauses und
kerung, die von jeher gezeigt hat, daß sie fähig ist, auch das Schwerste in ehrenvoller Weise zu tragen. Eigentlich sollte dieses Verhalten ter Rheinlandbevölkerung auf die gewisse französische Presse, die es eben jetzt für notwendig hält, jenen Lärm zu schlagen, der alles andere als den heutigen Verhältnissen entsprechend ist, beschämend wirken, doch dürfte es eitel fein, mit derartigen Argumenten gegen den französischen Hetzfeldzug vorzugehen.
Es fällt dagegen sehr auf, daß die englische Presse in älnterstützung der englischen Initiative recht deutlich zum Ausdruck bringt, daß sie des bisherigen Treibens Frankreichs reichlich müde ist und in energischer Form auf eine loyale Lösung der Rhein land frage dringt. Dieses Echo, das die englische Regierung in ihrer Presse gefunden hat, wird zumindest geeignet fein, der englischen Initiative den nötigen Rachdruck zu verleihen. Inwieweit sich diese Haltung aber bei der französischen Pres.e auswirien wird, muh noch sehr dahingesteUt bleiden. Daß es zu einer Herabsetzung kommen wird, steht ja fest. Daß aber die Angelegenheit mit einer Zurücknahme von 4000 b i s 5 000 Mann für uns erledigt ist, dürfte wohl von keiner Seite angenommen werten. Es erübrigt sich, dafür nochmals unsere Gründe anzusühren. Auf jeden Fall wird aber Deutschland dann gezwungen sein, in schärferer Form vorzugehen, denn ein Spielball der französischen Launen zu sein hat nicht einmal das Versailler Diktat für uns vorgesehen. älnö in dieser Hinsicht verbleibt schließlich Deutschland auch fein anderer Weg. Denn immer ist es Deutschland gewesen, das die Initiative zur Verständigung ergriff, wobei es allerdings zumeist erhebliche Zugeständnisse machen mußte, um wenigstens einigermaßen etwas zu erreichen. Die Zeit dieser Politik ist
aber vorbei. Wenn man in Frankreich nicht einsehen will, daß die weltpolittschen Aufgabe^, nur dann gelöst werden können, wenn die ßagtT in Europa geflärt worden ist und eine feste Grundlage biete;, dann muß Frankreich eben zu dieser Einsicht geführt werden. Es hat also die Wahl, welchen Weg es einzuschlagen gedenkt. Der größere Erfolg dürfte allerdings in der Linie der Verständigung liegen, älnd deshalb besteht die Forderung: wirklich fühlbare Herabsetzung der Rheintruppen sofort, Räumung der Rheinlande in kürzester Zeit.
Der englische Vorschlag.
London, 23. Aug. (Wolff.) Die „M 0 r n i n g P 0 ft glaubt zu wissen, daß die am Freitag von dem französischen Kabinett erwogene britische Antwort auf den Vorschlag der französischen Regierung in der Frage der Verminderung der Besatzungstruppen am Rhein die Andeutung enthalt, daß die Zahl der Truppen, die dis französische Regierung zurückziehen will, ungenügend ist. Auch sei das Verhältnis der zurückzuziehenden Truppen einerseits und der belgi- schen und englischen Truppen anderseits zu ungünstig. Der brittsche Vorschlag sei dahin gegangen, daß die Franzosen ihre Truppen um 10 000 Mann, die Belgier und Engländer dagegen um je 2000 Mann vermindern sollen. Laut „Morning Poft" ist noch keine Antwort aus Paris eingetroffen.
Um 10000 Mann?
Paris, 23. Aug. (Wolff.) .Information" glaubt nach Auskünften, die sie aus London er- halten haben will, berichten zu fönnen, daß die Alliierten die Absicht hätten, die Desatzungstruppen im Rheinland um 1 0000 Mann 8 u verringern und die Besetzung selbst u n- sichtbarer zu gestalten. Die Grundlagen einer j
Verständigung in diesem Sinne schienen nunmehr zwischen Brüssel, London und Paris erreicht zu fein.
Ein sehr böses Ding für den Frieden.
London, 23. Aug. (Wolsf.) Zur^Rhein- landbesetzung schreibt die „D a i l y R e w s": Die Rheinlandbesehung ist ein sehr böfes Ding für den Frieden, und je länger sie dauert, um so mehr Zwischenfälle werden die Beziehungen zwischen Frankreich und D utschland verbittern. Zu dem vom „Manchester Guardian" veröffentlichten Plan P 0 i n c a r e s, die Zurückziehung der französischen Truppen vom Abschluß eines Ostlocarnos abhängig zu machen, be- mettt die „Daily Rews", in Locarno habe Stresemann als guter Europäer gehandelt und Europa dem Frieden wesentlich näher gebracht, indem er mit dem Edelmut, der ein wichtiges Element aller wahren Staatskunst ist, formell die Bestimmungen des Versailler Vertrages, soweit die Westgrenze in Bettacht kommt, annahm. Der Advokatenverstand Poincares, so fährt das Blatt fort, erblicke ^ach?" dieser edelmütigen Aktion die Möglich- kctt, für die Erzeugung anderer Schwierigkeiten. tPomcare verlangte nämlich ein ähnliches Versprechen für die Oft grenze mit der Gewißheit, daß Stresemann dieses Versprechen nicht geben konnte. Seltsamerweise hat Poincare sich selbst eingeretet, daß er dabei die älnterstü.ung Großbritanniens genießen werde. Glück- ttcherweise $abe_ Chamberlain seiner Zeit dsn Poincare gegenüber eingenommenen Standpunkt aftenrnäßig festgelegt. England denke nicht daran, irgendeine Garantie für. die Ost grenze einzugehen. Poincars müsse irgendeine andere Entschuldigung suchen, um daS gegebene Wort seines Landes zu brecheu.


