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Nr. 69 Erster Blatt

177. Jahrgang

Mittwoch. 25. März 1927

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Gießener Famüiendlätter ßehnal tm Bild Die Scholle

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur

Dr Friedt Wilh Gange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Gange; für Feuilleton Dr H Ihorio»; für den übrigen Teil Lrnst Blum|chein; für den An­zeigenteil i. Vertr Y.Dech. sämtlich in Dietzen.

Deutschland zwischen den Weltmächten.

Reichsaußenminister Slrefemann im Reichstag über das Genfer Ergebnis und die weltpolitische Gage.

Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".

Berlin. 23. März. Die gestrige Reichstags- fihung war für diejenigen, die sich von den Dar­legungen deS Reichsauhenministers eine Sensa­tion versprachen, eine recht bittere Enttäu­schung. Oft Gesagtes in oft gehörter Form wie­derholt. Wahrheiten, die für den objektiven Po­litiker Binsenwahrheiten, für die grundsätzliche Opposition aber noch immer nicht verständlich genug sind, mit der rechorischen Gewandtheit Dr. StresemannS trorgctragcn. objektive Rech­nungslegung über ®enf und das Versprechen, in der Debatte Sinzeisragen zu beantwortens DaS war alle-, waS die mit einiger Spannung erwartete Ministerrede brachte.

Doch auch in ihrem R e g a t i v e n nicht be­deutungslos. Denn es schweben so viele große politische Probleme, daß gerade di« betonte Ab­lehnung ihrer Erörterung in der ver­antwortlichen Form einer EiatSrede einen be­stimmten Sinn hat. Der russisch-englische Kon­flikt wurde nur ganz leise, unter Hinweis auf unsere Beziehungen zu beiden Teilen gestreift, die Entwicklung in Lhina übergangen, und die italieniscb-jugoslawische Auseinandersetzung aus ihre Augen bllcksiedeutung herabgemindert. Dabei erklärt Dr. Stresemnn aus das Entschiedenste, dah wir keine Veranlassung hätten. unS in derartige Konflikte einzumischen, und. abgesehen von der Bekundung deS deutschen Friedenswillens und der deutschen Arbeit am Weltfrieden, irgend­welche Schritt« zu unternehmen. Damit hat er eS nun auch für seine Person abgele h n t. in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Vol- kerbundsrateS. die er ja bis zur nächsten Ta­gung behält, irgendeine Initiative zur Her­beiführung einer Stellungnahme deS RateS in den Streit um Albanien einzuleiten.

Am bedeutungsvollsten war vielleicht die auch hier und damit für die ganze Welt vernehmlich erfolgte Ankündigung, dah Deutschland von dem Recht aus Artikel 431 des Versailler Vertrages demnächst Gebrauch machen werde, von dem Recht also, mit Rücksicht auf die vorzeitige Erfüllung der Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag d i e vorzeitige Räumung der noch besetzten zweiten und dritten Rheinlandzone zu for­dern. ES wird nach der bisherigen in keiner Weise negativen Stellungnahme der beteiligten Mächte sich nicht umgehen lassen, das; diese Frage in konkreter Form in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung dieses Sommers gestellt wird, und damit wird der ganze Komplex der Sicherheits-. Abrüstungs-. Locarno- und Thoirysragen in neuer Form aufgerollt. Die vorsichtige Art und Weise, in der von den heu­tigen Rednern der größten Parteien die Stellung des Außenministers nicht nur geschont, sondern sogar verstärkt wurde, läßt die Hoffnung zu. baß für Behandlung dieser Lebensfrage aus- nahmsweise einmal eine Einheitsfront der deutschen Parteien zustande kommt, und für die Dauer dieser Verhandlungen sortbesteht.

Sitzungsbericht.

Berlin. 23. März. (D.D.Z.) Bei der Ein­bringung des Etats des Auswärtigen Amts nahm der

Reichsminister des Auswärtigen Dr. Stresemann

das Wort zu einer Rede, in der er sich mit den Problemen der Weltpolitil beschäftigte, die. tote er sagte, außerhalb unserer eigenen auswär­tigen Beziehungen liegen, aber mehr oder weni­ger starke Rückwirkungen auf die Fragen ausüben können, die uns direkt angehen. Der Minister führte aus: Wir sehen einmal höchst bedeutsame Vorgänge, die sich im fernen Osten abspielen. Wir sind ferner Zeugen von ernsten Auseinandersetzungen zwischen zwei großen Ländern, deren Politik für Deutsch­land von unmittelbarer Bedeutung ist. Dazu kommen in den letzten Tagen überraschende Rach­richten. die darauf hindeuten, daß auch die mit der Lage auf dem Balkan zusammenhängenden internationalem Beziehungen Elemente der Un­sicherheit aufweisen. Man wird gut tun. von ben alarmierenden Meldungen, in denen zunächst über die letzten Vorgänge berichtet wurde, viel abzustreichen. Soweit sich die Dinge bisher von Deutschland aus übersehen lassen, glaube ich nicht, baß irgendwelche akute Gefahr besteht. Aber auch die ruhigste Beobachtung der Dinge kann nicht verkennen, daß wir von einer endgültigen Kon- folibierung der allgemeinen internationalen Lage noch weit entfernt sind. Deutschland hat nur das eine große Intere'se. daß die Entwicke­lung nicht nnterbrochen und dah die Bemühungen um die Herbeiführung einer internationalen Zu- fammenarbeit am Wiederaufbau Europas nicht gestört werde.

Wir können nichts babei gewinnen, daß Ver­wicklungen zwischen dritten Staaten entstehen, roeldje Mächte das auch sein mögen. Wir können ebensowenig wünschen, dah sich die Staaten Eu­ropas wie vor dem Weltkriege in zwei getrenn­ten Lagern gegenüberflehen. Jür Deutschland kommt eine Politik der Sonderbündnisse nicht In Betracht, sondern nur eine Politik, die den Gedanken der Verständigung und des Ausgleichs widerstrebender Jntereffcn fördert.

ES ist für uns eine glückliche Tatsache, dah sich in dieser Beziehung daS wohlverstandene ge - amteuropäische Interesse mit dem indi- viduellen Interesse Deutschlands tröllig deckt. Unser Weg ist gekennzeichnet durch die Verträge von Locarno, den Eintritt in den Völkerbund und den Berliner Vertrag. Damit liegen unsere Absichten und Fiele offen vor aller Welt zutage. Daß wir uns in dieser Situation von jeder unnötigen Einmischung sernzuhalten haben, versteht sich von selbst. Soweit aber Deutsch­land zu einer Mitwirkung berufen sein sollte, kann unser Bemühen nur daraus gerichtet sein, zur Beseitigung jeder Spannung DaS unsrige beizu­tragen. Wir können daraus rechnen, daß dieser deutsche Standpunkt in der Welt 'Verständnis finden wird. DaS möchte ich besonders betonen gegenüber manchen Ansichten, die dahin gehen, daß bei einer Auseinandersetzung zwischen Mäch­ten versucht werden würde. Deutschland a u s die eine ober andere Seite zu ziehen Zu meiner lleberraschung haben einzelne russisch: Zeitungen plötzlich wieder die altbekannte Frage aufgerollt, ob Deutschland bei Verwickelungen in östlichen Ländern den Truppen her westlichen Mächte den Durchmarsch durch deutsches Gebiet zu gestatten habe .Für die Frage deS sogenannten Durchmarschrechts kommt ausschließ­lich der bekannte Artikel 16 der Völkerbunds- satzung in Betracht, und zwar nach Maßgabe der ebenso bekannten Rote, welche die übrigen Lo- carnomächte hinsichtlich der Tragweite dieses Ar- ttkelS an Deutschland gerichtet haben. Weitere Abmachungen irgendwelcher Art über diese Frage bestehen nicht. Der ganze Fragenkomplex ist lange Zeit auch mit bef Sowjetregierung erörtert und dann ausschließlich bei der Unterzeichnung des Berliner Vertrages zum Gegenstand eines besonderen Rotenwechsels gemacht worden. Zu neuen Erklärungen liegt keinerlei Anlaß

vor. Seitdem ich von dieser Stelle aus dwS letzte Mal über die unS unmittelbar interessieretrden Probleme der Außenpolitik gesprochen habe, hat Deutschland an

;wci Tagungen de» völkerbundsral» teilgenommen. Die Ergebnisse dieser Tagungen sind im Auswärtigen Ausschuß deS Reichstagen ausführlich beraten worden. Sie umfassen die Fragen der Regelung deS Investigations- Protokolls, insbesondere die Beseitigung der oft diskutiertenelömentS stableS" im Rheinland«, die Aufhebung der Militärkontrolle über Deutschland, die inzwischen Tatsache ge­worden ist. sie umfassen den für spätestens Juni vorgesehenen Abzug der französischen Truppen auS dem Saargebiet und die Errichtung des dortigen Dahnschutzes. ferner Fra­gen der Behandlung deutscher Min­derheitsschulen im AuSlande. Die beiden Tagungen des DölkerbundsratS haben einen neuen Beweis dafür erbracht, wie richtig der Ent­schluß war. Deutschland durch den Eintritt in den Völkerbund die Möglichkeit aktiver Mit­arbeit zu geben. Gewiß ist eS uns nicht in allen bezeichneten Fragen gelungen, den deut­schen Standpunkt restlo« zur Geltung zu bringen. Wir haben bei Aufrechterhaltung unseres Rcchts- standpunkles in einigen wichtigen Punkten uns zu Kompromissen für die Gegenwart verstanden. Wir haben dabei auch nicht gescheut, in offener und ausführlicher Diskussion unseren deutschen Standpunkt und die Kritik der Tätigkeit des Völkerbundes in früheren Zeiten bestimmt zum Ausdruck zu bringen. Es zeugt von der Stabilität des Völkerbundes, daß der Völker- bundSrctt sich durchaus tragsähig erwiesen hat für die offene Diskussion, wie sie letzthin dort statt­gefunden hat. Gerade diese offene Diskussion im Völkerbund und die im Anschluß an jede Döl-

Nach Schanghais Fall.

wildesLhaosinderLhinesenstadt

Bezeichnend für das Ehaos, das außer­halb des Riederlassungsgebietes herrscht, ist der Umstand, daß die Rordtruppen immer noch einen Panzerzug laufen ließen, der auf alles feuerte, was ihm in den Weg kam. Wie man annimmt, waren die weißgardistischen Russen, die die Besatzung des Panzerzuges bilden, in Unkenntnis von der tatsächlichen Lage, oder sie hatten Angst, den Schuh des Panzer­zuges aufzugeben. Die Weißgardisten haben sich nach erbittertem Widerstande ergeben. Heber die Schicksal wird von dem provisorischen 3entral- tomitec entschieden werden. Gestern sind von den Schantungtruppen zwei Russen angesichts der englischen Wache am Verhau geköpft und unter dem Jubel der Chinesen auf die Bajonette gesteckt worden. Der Streik breitet sich weiter aus. Die bolschewistischen Einschüchterungsversuche werden kühner. Die chinesischen Vorarbeiter haben die Arbeiter mit dem Tode bedroht, toenn sie nicht sofort den bolschewisttschen Anordnungen Folge leisteten. In dem chinesischen Stadtviertel hört man nur Schüsse, Schreie von Frauen und Kindern, die hysterisch hin- und herlaufen. Viele Frauen sind unbekleidet, da sie von den Soldaten auf der Jagd nach Beute ihrer Kleider beraubt wurden. Schwer mit Deute beladene Soldaten schützen sich mit Maschinengewehren, die von anderen Soldaten getragen werden und die nicht zögern, sich den Weg durch die von Menschen gefüllten Straßen zu bahnen, indem sie feuern und zahlreiche Leute töten. Der Abend- Himmel wird erhellt durch die sich ausbreitenden Feuersbrünste. Die Straßen sind mit (Ge­töteten besät.

Cebensmittelmangel h. den Fremdenviertetn.

Die Bewohner der Chinesenviertel, darunter viele britische und japanische Staatsangehörige, strömen scharenweise unter unaufhörlichem Ge- wehrfeuer nach der internationalen Niederlassung. Auf den Straßen drängen sich in unübersehbaren Zügen Ricfthaws. Schub­karren. Automobile und andere Fahrzeuge, auf die meist in aller Eile die verschiedensten Hab­seligkeiten gepackt wurden. Die ftädti'chen Be­hörden unterstützen die Abwanderung durch ein starkes Aufgebot von Lastkraftwagen, die durch Panzerautos geleitet werden. Dieser Zustrom in die internationale Riederlassung verschärft die Knappheit an Derpflegungs- und Llnterkunftsmöglichkeiten. die be­reits durch das Eintreffen von Flüchtlingen aus dem oberen Bangtse-Tal entstanden ist Diele werden in dem allgemeinen Krankenhaus unter­gebracht, während s'.ch andere auf die Gastfreund­schaft von Bekannten verlassen oder sonstwie Ob­dach suchen. In der französischen Kon­zession in der Internat onalen Riederlaffung macht sich bereits Mangel an Fischen und Fleisch bemerkbar. Aus dem französischen Kloster ;n Tfchapei wurden 300 chinesische und ausländische Kinder mit Unterstützung von

Schantungsoldaten in die internationale Riederlassung gebracht.

Angriffe auf die Niederlassung.

London, 23. März. (WTB.-Funkspruch.) Eine offizielle britische Meldung über die gestrigen Er­eignisse besagt u. a.: Ungefähr 10000 Mann Nord- Iruppen wurden nachmittags von 3000 Kantonesen überrumpelt. Die Nordsoldaten flüchteten a n d i e Grenze der internationalen Nie berlaffung, die an dieser Stelle von britischen Infanteristen besetzt war. Die Nordtruppen dran­gen in die Niederlassung ein, feuerten von hinten auf die britischen Soldaten und auf die an- rückenden Kantonesen. Darauf antworteten die bri- tischen Soldaten mit Gewehr- und Maschinengewehr- feuer, bis die Eindringlinge d i e Waffen streck- 1 c n. Der Nest der Nordtruppen, etwa 1200 Mann, flüchteten in den von den Japanern gehaltenen Stadtteil. Sie wurden entwaffnet und interniert. Schützen der nationalistischen Armee belästigen die n o r d ö ft l i ch e Grenze der internationalen Nie­derlassung durch dauernd unterhaltenes Einzelfeuer. Die japanischen S e e j o l d a t e n , die den öst­lichen Teil dieser Gegend besetzt halten, erwidern das Feuer von den hohen Dächern aus Schuß um Schuß. Auf die englische Truppenabteilung, die in der Nähe des Nordbahnhoss den Verhau besetzt hält, wurde von Schantung-Truppen gefeuert, die durch eine Salve zum Schweigen gebracht mür­ben. Die23 e r l u ft e der Ausländer betragen, soweit bisher bekannt ist, drei Engländer getötet, 14 verwundet, ein Japaner und ein Portugiese ocr- rounbet. Don einer Abteilung Santontruppen wurde ein britischer Pckstzerwagen umzingelt. Die Mann- schäft, von der mehrere Mann verletzt wurden, mußte sich unter Zurücklassung des Panzerwagens zurückziehen.

Der Schantungfiihrer kapituliert.

Schanghai. 22. März. <WTB.) Es wird amtlich mitgeteilt, daß infolge von Verhandlungen zwischen dem Oberbefehlshaber der Südtruppen. Tschankaifchek, und dem bisherigen Befehls­haber der Schantungtruppen in Schanghai. Ge­nera. Pischutschcn. letzterer sich gestern zur ilcbcrgabc bereit erklärte. Die Kuomin­tang-Flagge wurde hieraus auf Pischutschens tauptquartier gehißt Viele Tausende von chantungfoldaten in Tfchavei und anderswo wissen jedoch nichts von der Aktion Pischutschens. Reguläre nationalistische Truppen nähern sich jetzt Tfchapei. das sie, wie man erwartet, morgen besetzen werden. Verschiedene Granaten und Minen find in die Rordteile der Riederlassung gefallen. Die britische Regierung er­nannte Rafik Rewton. der im letzten Jahre der Tarifkonserenz in Peking beigefügt wurde, zu ihrem diplomatischen Vertreter in H a n f a u. dem Sitze der nationalistischen Re­gierung Das Hauptquartier der Eüdtruppen erklärt eine Meldung auS Hankau erhalten zu haben, wonach Außenminister T f ch e n und die Mitglieder der Regierung und des polittschrn I BureauS nachSchanghai unterwegs sind.

ferbunMiagung gegebene Möglichkeit zu offener vertrauensvoller Aussprache mit den leitenden Staatsmännern anderer Staaten berechtigen une zu der Erwartung, daß der loyale Derständi- gungSwille. den wir bei Erörterung dieser Fragen gezeigt haben, auch von der Gegenseite in den großen Fragen bewiesen werden toirb deren Losung noch vor uns liegt. Sie wissen alle an welche Fragen ich dabei denke.

Wir waren zu der hossnunq berechtigt, daß man auch in denjenigen Ländern, welche noch Truppen Im Rheinland stehen haben, zu bet Erkenntnis gekommen war, daß eine baldige Räumung des Rheinlands und die Rückgabe de Saargebietes an Deutschland eine Notwendig feit wäre Wir stehen heute vor der Tatsache, daß wir uns In den letzten Wonatcn von der Erfüllung dieses Wunsches eher entfernt haben.

als dah wir ihr nähergekommen wären.

Wenn ich als Außenminister angesichts dc^ augenblicklichen Standes der Dinge dazu rate die weitere Entwicklung der Dinge ohne Aus brüche der Ungeduld abzuwarten, so tor.fi ich, wie leicht ein derartiger Standpunkt sich kritisieren läßt. Ich bitte Sie aber, das Won ..Abwarten" nicht gleichzusehen mit dem Ge­danken passiver Resignation seitens der Regie- rung. Auch im Abwarten kann em Moment enthalten sein. daS die toeltete Entwicklung in unserem Sinne fördert. Sie wissen, daß die Regierung, wenn sie die Räumung deS Rhein- landes fordert, sich stützen kann auf die im Ber- sailler Vertrag selbst gegebenen völkerrecht- lichen Grundlagen, sich stutzen kann auf die mora­lisch« Auswirkung der Locartwverträge. sich stützen kann auf jene von den Großmächten Eu­ropas gewünschte Entwicklung eine« guten Ein­vernehmens mit Deutschland, die mit der Aus- rcdüerbaltung der Besetzung deS RheinlairdeS schlechterdings n i ch t v e r e i n b a r ist. ES wird und muh auch im AuSlande die Erkenntnis reifen, daß das. was wir erstreben, nicht eine bloße Vergünstigung für Deutschland ist. es han­delt sich habet vielmehr um die natürliche Folgerung der bisherigen polittschen Ent­wicklung. um eine Konsequenz, die im Interesse aller beteiligten Länder liegt. Man kann diese Konsequenz nicht lange hinausschieben, toenn jene Entwicklung nicht g c st ö r t werden soll. Es gibt in dieser Forderung keine Difserenzlerkkng unter den deutschen Parteien. Sie ist eine Forderung des gesamten deutschen Volkes. Was wir von der Volksvertretung und der öffentlichen Meinung erbitten, ist lediglich da- Vertrauen, der Regierung die Entscheidung darüber zu über­lassen. welche Schritte nach dem weiteren Ver­laus der Dinge zu tun sind.

Mbg. Dr. Breilscheid <Soz.) betont, Deutschland sei nicht stark genug, eine Politik der Isolierung zu betreiben. Auch engste Freundschaft mit Rußland würde nicht verhin­dern, daß wichtige politische Entscheidungen ohne oder gegen uns fallen. Wir wünschen deshalb nur. daß der Völkerbund möglichst universell wird. Aus der deutschen Abrüstung müssen die Konsequenzen auch vom Ausland gezogen werden. Unsinnig ist die Vehaup- tung, der englische Außenminister Chamber­lain versuche. Deutschland in eine kriegerische Koalition gegen Sowjetrußland hin- einzuziehen. Wenn aber solche Absichten vor­handen wären, so müßten wir sagen: Kein Preis, den England zahlen könnte oder zahlen wollte, kann hoch genug sein, dah wir uns an einer solchen Koalition beteiligten. (Zurufe bei den Kommunisten: Ra, na!) Wir denken aber auch nicht daran, uns zum Vorposten Ruß­lands in Europa zu machen oder dem Aus­dehnungsdrang der Sowjet- anders gegenüber- zu stehen, al- dem des englifchen Kapitalismus. Die letzten Genfer Verhandlungen feien zweifellos ein deutscher Mißerfolg ge­wesen. Aber die Deutschnationalen seien jetzt, da sie nicht mehr in der Opposition seien, still geworden. Die Rechtsregierung habe das deutsche Recht auf Schulen in Polnisch-Oberschlesien, daS Recht auf Zurückziehung der fremden Truppen im (Saatgebiet aufgegeben. Beide Fragen hätten mit einem Kompromiß geendet. Das sei ein Präzedenzfall für spätere Kämpfe um deutsche Rechte. Sie. so ruft der Redner den Deutsch­nationalen zu, erfüllen in viel stärkerem Maße als wir: wir haben unseren Meister gesunden. Weiterleit.) Mehr war allerdings in Genf nicht zu erreichen. Wir verlangen die Befreiung deS Rheinlandes und rufen den Franzosen zu: Sure Angst ist nicht begrün­det: die Deutschnationalen verbrennen heuie. was sie gestern anbeteten! (Sehr gut! bei den Sozial­demokraten.) Allerdings muß man fürchten, dah die Deutschnationalen rasch wieder Umfaller wenn sie keine imrerpolitifchen Vorteile mehr erblicken.

Abg. Dr. Spahn (Dn.>

erklärt: Weiteste Kreise des Volkes hätten von den letzten Genfer Verhandlungen eine wirkliche Forderung des deutschen Anspruches auf baldige Räumung von Rhein- und Saargebiet ertoarter. Bedauerlicherweise seien dirie Erwartungen ent­täuscht worden. Auch die für Deutschland be­sonders we'entlichen Beschlüsse deS Völkerbund- rate- über die Derhältnis'e im Saargebiet und in