Nr. \ Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Montag, 3. Zanuar 1927
Außenpolitische Umschau.
Don Professor Dr. Otto S) o e ö f d), M. d. R.
Das Dölkerbundsprogramm für die nächste Zeit besagt, daß am 6. März die nächste Tagung des Nates in Gens sein soll. Arn 4. Mai soll die Weltwirtschastskonferenz beginnen, wie es doch scheint, auch in Genf. Die vorbereitende Abrüstungskonferenz tritt im März wieder zusammen, dagegen ist die eigentliche Abrüstungskonferenz, die schon so lange angekündigt ist, zunächst einmal bis nach der nächsten Aölkerbundsratstagung verschoben. Inzwischen ist nun der Stichtag der 31. Januar. 3m Januar sollen in diplomatischer Verhandlung die beiden letzten Streitfragen erledigt werden, die noch aus der Kontrollfrage stammen, die der Ostfcstungen und des Kriegsmaterials. Am 31. Januar soll die interalliierte Militärkontrolle unter allen Umständen verschwinden. Ist bis dahin eine Vereinbamna über die beiden Fragen nicht getroffen, so soll der Völker* bundsrat mit ihnen befaßt werden und sie erledigen.
Wir fügen hinzu, daß gleichzeitig auch die Aus- einanderfetzuna um den Artikel 16 weiter- cehen-wird. Aus dem Unterausschuß über diese Frage jetzt in Genf haben wir nichts gehört. Aber sie wird um so akuter, je mehr die Unruhe im Osten zunimmt, wie sic durch den litautschen Staatsstreich und die polnische Politik hervorgerufen ist. Wir sind jedenfalls davon überzeugt, daß Deutschland in der Auseinandersetzung um den Artikel 16, so sehr er im Augenblick zurückgetrclen ist, im neuen Jahre erhebliche Kämpfe bevorstehen.
Der deutsche Außenminister hat am 20. Dezember in Hamburg ausgeführt, daß es ein unmöglicher und mit der Gleichberechtigung im Völkerbund unvereinbarer Zustand fei, wenn die allgemeine Rü- stungsfreihcit bestehen bliebe, und etn einzelner Staat, dem die volle Entwaffnung vorgeschrieben fei, einseitig kontrolliert würde. Deutsch- land muß darauf bestehen, die bekannte Bestim- mung des Versailler Vertrages über den Zusammen- Hang der deutschen Entwaffnung und ber allgemeinen Abrüstung ausgeführt zu sehen. Es ist richtig, daß das mit aller Bestimmtheit angekündigt wird, und es ist notwendig, daß Deutschland nicht rastet, immer wieder auf diese Stelle hinzuweisen, aus diesen unmöglichen Widerspruch zwi- sthen der vollen Entwaffnung eines Staates und den Rüstungen der anderen, im Widerspruch zu Sinn und Begriff der Gleichberechtigung, die für alle Glieder des Völkerbundes gelten soll. Dieser Hinweis ist den anderen, namentlich den Franzosen unbequem, aber das hilft nicht. Es ist die Linie, die verfolgt werden muß, und alle Schiedsverträge, alle Auseinandersetzungen um Artikel 16 und alle Losungen des Sicherheitsproblems werden nicht zu einer Befriedung Eurbpas führen, wenn es nicht gelingt, in der Abrüstungsfrage wirklich allgemein vorwärts zu kommen.
Damit hägat zusammen, daß die Besetzung des Rhein landes mit der Dölkerbundszuge- hörigkeit Deutschlands und dem Locarnosystem schlechterdings unvereinbar ist. Wir begrüßen es sehr, daß die beiden hochbedeutenden englischen Stimmen (im „Observer" und in der „Times" am 13. Dezember) das mit allem Nachdruck heroorge* hoben haben. Wie unmöglich die Situation ist, hat in den letzten Tagen das Landauer Urteil erneut bewiesen. So ist die volle Räumung und Befreiung des Rheinlandes das nächste praktische 5 i e I ber deutschen Außenpolitik, in dem von uns bezeichneten Zusammenhang von Abrüstung und Dölkerbundssrage.
Jene englischen Stimmen, die wir wohl als Anregungen von sehr wichtiger englischer Seite ansehen können, erkennen wir das auch an. Sie verbrämen ihre Auffassungen allerdings mit allerlei tadelnden Bemerkungen über Deutschland, das mit neuen Forderungen komme! Ja, das ist nun einmal die Lage, daß ber Franzose im Vollbesitz der Macht unb dessen, was die Friedensverträge ihm gebracht haben, diese erhalten will, daß aber der Besiegte, der unter diesen Bestimmungen unb Lasten nicht leben kann, forbert unb forbem muß, bavon frei zu kommen. Unb wenn bie anderen diesen Besiegten eben zum Wiederaufbau unb zur gemeinsamen Crbnung der europäischen Verhältnisse brauchen,
dann bleibt nichts anderes übrig, als seinen Le- bensnotroenbigteiten entgegenzukommen und seine Lebensforberungen zu erfüllen.
Aber biefe englischen Stimmen sagen noch mehr. Sie beschränken sich nicht nur auf bie Notwcnbigleit bes Auf hörens ber Rheinlanbbesallung, sondern ordnen sie ein in einen großen Zusammenhang. Dieser aber geht ganz m unserer Richtung! Es wird da an einen Versuch gedacht, die immer gesährlichec werbende französisch-italienische Gegensätzlichkeit durch eine Ausrottung der Kolonialkarte Afrikas zu läsen. Ohne Zweifel braucht der italienische Expan- sionsdrang, wenn er nicht zu einer Explosion führen soll, einen Ausweg. Dieser ergibt sich auf diesem Ko- lonialgcbict. Das wird anerkannt, indem zugleich Italien sehr entschieden zugerusen wird: „die Grenzen ber Welt f i n b abgefafjt". Dann geht ber Gebankengang leicht erkennbar zu Enbe, daß, in* bem Italiens Kolonialwünschen entgegengefommen unb in diese Neuordnung der afrikanischen Mandate auch Deutschland einbezogen roiirbc, der italienische Ehrgeiz bekämpft und gebändigt werbe, so daß das italienisch-französische Verhältnis gebessert unb bie Zusammenarbeit ber nunmehr vier maßgebenden Machte Zentral- unb Westeuropas angebahnt mürbe.
Es lohnt bei solchen Gedanken zu verweilen. Schon weil es Gedanken sind, während in Genf zum Beispiel das Verhandeln, und das Hin- unb Herzerren sich durch Ideenlosigkeit ausgezeichnet hat. Ferner scheint sich wenigstens in solchen Anregungen doch auszudrücken, daß die englische Politik nach Beendigung des Bergarbeiterstreiks unb ber Reichs- konferenz nunmehr bie Hände frei r bekäme und versuchen würde, nach ßoeamo unb Genf die Dinge weiter zu bringen unb weiter zu formen.
Der Ausgang bes Thoiry-Gesprächs hat gezeigt, daß eine direkte deutsch-französische Verständigung
auf außerordentliche Schwierigkeiten stößt. Die europäischen Verhältnisse gehen auch schon derartig ineinander, daß sie nur gemeinsam gelöst werden können. Mit der Dreiheit zwischen Frankreich, England unb Deutschlanb tonnen sie weitergebracht werden, doch muß zuvor bie Frage ber Erledigung ber Militärkontrolle und ber Rheinlandbesreiung geordnet werben. Ader für den Frieden Europas ist es entscheidend, baß biefe Dreiheit zur Vier- Helt wirb unb baß bie italienische Politik sich in sie einorbne.
Der deutsch-italienische Schiebsvertrag ist auf ber einen Seite ein Schritt vorwärts, bafür ist auf ber anberen bie italienisch-französische Spannung bas gefährliche Problem. Rur mit solchen wahrhaft positiven unb konstruktiven Gebauten, wie sie in den englischen 2lnrcgungen zunächst einmal angeschlagen werben, kommt man wirklich weiter. Man kommt nicht weiter, wenn unausgesetzt, wie wir bas in der französischen Presse noch heute lesen, die Formeln der Kriegszeit starr wiederholt werben, mit bem Hinweis auf bie Friedensverträge unb ihren unerschütterlichen Wortlaut. Aber man kommt auch nicht weiter, wenn man biefe nun einmal vorhandenen Gegensätze umgibt mit einer paneuropäischen Jbeologie unb sie zu läsen glaubt, inbem man ein Schema ber „Vereinigten Staaten von Europa" hinzeichnet. Dazu gehen bie Furchen auf dem europäischen Acker viel zu tief. Dazu sind die Unterschiebe unb bamit auch bie Gegensätze zwischen ben einzelnen europäischen Staaten viel zu sehr unb viel zu einschneibenb historisch begrünbet. Wünschen unb hoffen wir, baß bas Jahr 1927 wahrhaft positive unb konstruktive Politik ber europäischen Großstaaten bringe, in ber sich unser Deutschlanb stärker unb stärker ben ihm zukommenben Platz unb Einfluß erooern möge!
Bilanz des Deutschtums.
Don Dr. Karl C. von Loesch. Vorsitzendem des Deutschen Schutzbundes.
II.
Die bedeutsamste Wandlung vollzog sich auch im tschecho-slowakischen Vielvölkerstaat e. Roch Ende 1924 zogen die parlamentarischen Vertreter aller völkischen Minderheiten geschlossen aus dem Prager Parlament als Protest gegen die Unterdrückung ihrer Völker und gegen die Korruption, die besonders in der Durchführung der sogenannten Bodenreform zutage getreten war. Ende 1926 traten zwei deutsche Parlamentarier, von den Christlich-Sozialen Professor Dr. Mahr-Harting, vom Bund der Landwirte Professor Dr. Spina, in die Prager Regierung ein. Das lang Erwartete trat in der Tat- werdung wieder überraschend schnell, scheinbar ohne lange Vorverhandlungen ein: zwei deutsche Parteien beteiligten sich, unter Billigung von zwei weiteren deutschen Parteien, aufs stärkste von zwei anderen deutschen Parteien, der Rationalpartei und den Sozialdemokraten, bekämpft, an einer tschechischen Regierung: fraglos das wesentlichste Ereignis des Grenz- und Aus- landdeutschtums in der letzten Zeit! Das Ergebnis bleibt abzuwarten: die Lage ist ähnlich wie die, welche durch den Eintritt des Reiches in den Völkerbund geschaffen wurde. Werden die alliierten tschechischen Parteien die selbstverständlichen Voraussetzungen einer Regierungsbeteiligung der Deutschen erfüllen und die Entdeul- schungspolitik einstellen? Erst dann wird man von wirklichen Erfolgen sprechen können. Als Symptom ist das Geschehene recht wichtig zu nehmen, ohne Rücksicht daraus, ob man an den Erfolg glaubt und es für möglich hält, daß die minderheitenfeindliche Gesetzesmafchine des tschecho-slowakischen Staates umgestellt werden kann, und die lokalen Behörden auf Anweisung der Zentralbehörden ihre bisherige deutschfeindliche Praxis ändern werden. Die durch innere tschechisch-parlamentarische Schwierigkeiten stärkst beförderte Wandlung in der Stellungnahme eines wesentlichsten Teiles des tschechischen Staatsvolkes zum deutschen Volke offenbart sich zweifellos, mögen auch die Parteiverhältnisse des tschecho
slowakischen Rationalitätenstaates mit 13,6 Millionen Einwohnern, von denen 3,5 Millionen zürn geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete gehören, in erster Linie dazu Anlaß gewesen fein. Zugleich bedeutet der Systemwechsel das Ende der Aera Benesch, der den tschechischen Staat bedingungslos im französischen Kurs segeln lieh. Ein gut Stück Illusionen sind damit über Bord geworfen worden: das Märchen vom tschechischen Einheitsstaat ist widerlegt. Trotzdem gehört ein übergroßes Stück von blindem Optimismus dazu, schon heute glauben zu wollen, der Tschechenstaat, der wahre Erbe und Rumpf der alten österreichisch-ungarischen Monarchie, sei auf dem Wege, geradezu das Muster eines Rationalitätenstaates zu werden.
Das Grenz- und Auslanddeutschtum hat den Locarno-Pakt mit seiner Stabilisierung der Staatsgrenzen im Westen immer als eine großzügige Opferpolitik verstanden, die nach einer Richtung, aber nur nach dieser einen hin. Verzichte beinhaltete, um einer gesunden Entwicklung nach Osten den Weg frei zu machen. An der deutschen Ostgrenze sei eine dauerhafte Befriedung auf Grund der derzeitigen Verhältnisse jedoch nicht möglich. Vertrauensvoll folgte es den dadurch mehr angebeuteten als ausgesprochenen Leitlinien der Reichspolitik. Der Weichsel- Korridor. welcher Ostpreußen künstlich zu einer 3nfei macht, das zerschnittene Oberschlesien sind in der Tat llnmöglichkeiten. So blieb die Ostgrenze (wie auch die Brennergrenze) außerhalb jeder Garantie. Heber ein Jahr lang stehen sich zudem Polen und das Reich im Wirtschaftskrieg gegenüber; über ein Jahr lang weigert sich Polen, die Rechtsgrundsätze eines europäischen Staates anzuerkennen und die Voraussetzungen für jede Art von Handelsvertrag (Einstellung der Liquidationen deutschen Eigentums. Gewährung des Riederlassungsrechts in Polen) zu schassen. Dabei zeigt die Statistik eindeutig, daß ein Wirtschaftsvertrag für Polen eine ungleich größere Bedeutung hat als für das Reich, das nur einen Bruchteil seiner Waren nach
Polen auSsührt, während Polen fast 60 Prozent seiner Ausfuhr nach Deutschland schickt. Dieser politische Eigensinn offenbart sich auch in der gleichbleibend schlechten Behandlung der Deutschen. auf die Polen freilich jüngst eine zutreffende Volksantwort erhielt: durch die lange hinausgezögerten, jüngst aber — unter Ausnutzung der durch den englischen Kohlenstreik bewirkten vorübergehend günstigen Konjunitur — vollzogenen Gemcindewahlen in Ostoberschlesien. Sie ergaben im ganzen an Polen abgetretenen ostvberschlesischen Gebiet eine deutsche Mehrheit von 65 Prozent: in wirtschaftlichen Brennpunkten, wie Königshütte, eine absolute Majorität. Was bedeutet das? Diese vom Volke als Wiederholung der Vollsabstimmung aufgefaßte Wahl ist der überzeugendste Protest gegen die seinerzeit vom Völkerbundsrat erlassene Teilung Ober- schlesicns. Ergab die Volksabstimmung 1921, als niemand an eine Teilung dachte, schon eine deutsche Mehrheit, so zeigen die Gemeindewahlen in dem Polen zugeschanzten Teilgebiet ein ganz gewaltiges Anwachsen der deutschen Stimmen. Werden die Völkerbundsmächte daraus im richtigen Augenblick Folgerungen ziehen?
Auch die wachsenden Wirtschaftsschwierig, leiten des unter „besonderem Schutze des Völl r- bundes" und gegen seinen Willen zur freien Stadt „erhobenen" Danzig beweisen die Hn- haltbarkeit der östlichen Grenzziehung. Kulturell kann Polen nichts geben; es hat keinen Schritt Boden gewonnen in dieser rein deutschen Stadt. Aber unter geschickter Ausnutzung seiner Privilegien im Danziger Gebiet (Zoll, Post. Hafen) schafft es immer neue Zwischenfälle, um so seinerseits die Einbeziehung Danzigs in den polnischen Staat vorzubereiten. Insbesondere zeigte sich das. als Danzig im Juli dieses Jahres gezwungen war, wegen einer Anleihe an den Völkerbund heranzutreten; das Finanzkomitee des Völkerbundes machte sie von einer Verständigung mit Polen über den Anteil an den Zolleinnahmen abhängig! Anderseits vermochten die Bestimmungen des Versailler Vertrages nicht, zwischen Danzig und Polen normale Beziehungen herzustellen. Auch hier sind also Revisionen nötig, öurd) welche die Freiheit der Stadt Danzig vor dem Zugriff des polnischen Staates ein für allemal geschützt wird.
Der Raum verbietet es, die Lage jedes einzelnen deutschen Volksgebicl»i im Auslande zu schildern. Wir beschränken um auf jene, die im Rahmen der europäischen Politi' besondere Bedeutung gewonnen haben. Das soll aber keine Zurücksetzung der nicht genannten bedeuten. Der Eelbstbehauptungskampf der Deut scheu in Rordschleswig (öie letzthin in Hartei' Wahlkampfe standen und ihr Mandat erfolgreich hielten), in ben drei baltischen Staaten, in Ungarn (auch dort fanden inzwischen Parlaments- Wahlen statt), in Rumänien und Südslawien soll nicht geringer gewertet werden. Das Deutschtum der Batsch^i und Daranya ist überdies durch die gewaltigen Heberfchwemmungen des vergangenen Sommers wirtschaftlich besonders hart getroffen worden; efl bedarf dringend finanzieller 'Hilfe. Rur S ü d t i r o l S soll zum Schluffe gedacht fein. Sudtiroler Land trennt Italiener und Deutsche und damit Italien und das Reich, zwei Staaten, die sonst, well weiter keine ReibungS- flächen vorhanden sind, in den besten Beziehungen miteinander leben könnten. Die Schuld liegt ausschließlich im Verhalten Italiens; noch vor wenig ,i Jahren gab eS keine Spannung. Dabei werden die Bedrückungen in Südtirol von Monat zu Monat ärger; sie vergiften nicht nur die Lebenslust dieses gofgesegneten Land s sondern die ganze europäische Atmosphäre: der Faszismus setzte seine Entdeutschungsversuche planmäßig und mit allen Mitteln der Staatsgewalt weiter fort. Erinnert sei nur an die letzten Bestimmungen: an die Jtalianisierung selbst der Familiennamen, an den äleberfall auf die Zentralkasse der deutschen Raiffeisengenossenschaftskasse in Bozen, an die Ausweisung von Staatsbürgern, an die völlige Knebelung der deutschen südtiroler Presse, an die Auflösung aller Vereine und an das soeben veröffentlichte Dekret zur „Regulierung der Etsch
Gießener Stadttheater.
Franz von Supp«: „Boccaccio."
Die von Supp 6 im Jahre 1879 zum Textbuch der Librettisten Zell und G e n e e geschriebene komische Oper „Boccaccio" wird man noch kennen und lieben und auf vielen Theatern spielen. wenn die meisten unserer zeitgenössischen Operetten längst vergessen sind.
Der Text freilich ist so gut oder so schlecht wie bei fast allen alten und neuen Werken der Gattung Aber die Musik: gänzlich unveraltet, hat sie im Saufe der Jahre allenfalls einen feinen Schimmer von Klassizität erhalten; da ist alles von einer aus bem Dollen schöpfenden musikalischen Begabung gestaltet;, eine blühende Melodik, eine Fülle reizender Einfcklle nimmt den Hörer sofort gefangen.
Dem Komponisten ist hier wirklich so etwas tote eine musikalische Illustration zum weltliterarischen „Dekcrmerone" gelungen; das Ganze wirkt zugleich wie eine in Musll unb Bilb aufgelöste, lockere Doccaccio-Rovelle unb als ein wieder - erstandenes. ber Rachwelt überkommenes Abenteuer des wie ber weiland große Kalif Harun al Raschib durch die Straßen von Florenz schweifeirden jungen Dichters, ber sich ja bem galanten Brauche seiner Zeit entsprechend rühmen durste, feine Geschichten nicht erfunden unb er bucht, sondern in vielen Kapiteln und Kapitel- chen selbst erlebt zu haben.
Die Aufführung unter Hampe (Regie) war auf einen sehr frischen Ton gestimmt und brachte vor bem mittelalterlich-malerischen Hintergründe des Florenz von 1331 eine ganze Reihe von farbenfreubigen unb bühnenmäßig wirksamen Szenen unb Szenengruppen heraus. Auch mufi- kalisch (Leitung: Kapellmeister Reff) war bie Wiedergabe des bei aller Leichtigkeit und L eaens- würbigkeit fast opernhaft breit instrumentierten Werkes durchaus anerkennenswert. Aus gut gedrillten, unter ft raffet Stabführung zusammengehaltenen Chorpartien hoben sich die vielfältig gegliederten und gegeneinander abgetönten Solostimmen heraus.
Den Boccaccio fang Agnes Berning- Haus (Frankfurt, a. G.). Man hat sich so vollkommen daran gewöhnt, diese Partie als Hosenrolle zu sehen unb in der Sopranlage zu hören, daß man sich kaum noch darüber wundert, hier keinem lyrischen Tenor und jugendlichen Liebhaber
zu begegnen, der die Gestalt sinngemäßer verkörpern würde. Die Trägerin der Titelrolle brachte für ihren Boccaccio eine außerordentlich geschmeidige, rassige unb entzückend jugendliche Figur mit: dazu eine nicht sehr große, aber sympathische Stimme, die sich besonders im berühmten Duett des dritten Aktes mit Fiamelta unb im Eingangsterzett bes Mittelaktes sehr anmutig entfaltete. Der musikalische Höhepunkt bes Abends war entschieden die wundervoll ausgereifte, blühende Stimme der Elisabeth Kandt (Fiametta); in der großen Arie „Hab' ich nur deine Liebe, die Treue brauch' ich nicht" unb im Wechselgesang mit Boccaccio (3. Akt) bot sie ausgezeichnete Leistungen.
An ber Spitze bes komischen Triumvirats aus ber Blüte bes ebeln slorentinischen Hanbwerks staub Resnis Lambertuccio, eine echte De- cameranefigur voll blühenden Humors. Im dritten Akt holte er sich den an dieser Stelle herkömmlichen unb übrigens wohlverdienten Sonder- applaus: reizenb war auch die parodistische Regen- schirmserenabe bes ersten Aktes vor Beatrices Fenster mit Hampe unb S au e r (Lotteringhi, Scalza) zusammen. Bon ben übrigen: Steinbrechers vergnügter Prinz von Palermo, die Damen Simon. P a l i k und Burger (Isabella. Peronella. Beatrice), endlich Kugler, der Student Leonetto.
Das gutbesehte Haus war in fröhlicher Silvesterstimmung. Dr. Th.
Wie die Chinesen Neujahr feiern.
China hat zwar 1912 ben Gregorianischen Kalender angenommen, aber das Volk feiert das Reujahrssest noch immer während des ganzen Januars mit einer Fülle uralter Gebräuche. Das Haus wird im alten Jahr durch umfassende Vorlehrungen beftelÜ; man sucht mit mehr oder weniger Glück seine Schulden einzukassieren, bas Groß-Reinemachen stellt alles auf ben Kopf, unb es muß rechi grünblich fein, bamit man ben Staubgott nicht beleidigt. Dem Herdgott wird geopfert und auch Honig in den Mund geschmiert, damit er nur „süße Worte" spricht, wenn er zu Reujahr im Himmel über bie Familie Bericht erftat.et. Dann wird gebacken unb gebraten, gesotten unb geschmort, denn ber Chinese läßt sich's zu Reujahr wohl sein, wenn er auch das ganze Jahr über ben Hungerriemen hat fester ziehen müssen. Gegen bie umgehenben
bösen Geister werben bie Türen verrammelt, unb man klebt rote Papierstreifen an bie Häuser mit ber Bitte an bie Hausgötter: „Grüner Drache, vermehre mein Einkommen I" „Weißer Tiger, verhilf mir zu Reichtum!" ufw. Am Reujahrs- tage wünscht man sich barm allgemein Glück, ?ün- bet Feuerwerk an und macht mog.ichst viel Spektakel: je lauter es hergeht, desto mehr Glück bringt es. Auch bie Toten werben nicht vergessen: man verbrennt an ihren Gräbern Papiergelb, bas keinen Wert hat, aber den Abgeschiedenen in der älnterwelt sehr nützlich fein soll, unb macht den Ahnentäfelchen tiefe Verbeugungen. Der Rachmittag ist der chinefischen Rational- leidenschaft geweiht, dem Spiel. „Da sich die chinesische Frau niemals fremden Männern zeigen darf, hat jedes Geschlecht seine gesonderten Spiellokale," sagt W. Carl in einer Schilderung in ber Leipziger „Illustrierten Zeitung". „Die Chinesen kennen als leidenschaftliche Spieler eine Unmenge Glücksspiele: es wirb im allgemeinen sehr viel unvernünftiger gespielt als bei uns, unb schon manches Bäuerlein hat in wenigen Tagen Haus unb Hof verloren. Die Obrigkeit, bie sonst ben Spielteufel energisch bekämpft, zeigt bis zum 20. bes ersten Monats eine gewisse Dulbung unb läßt bem Volk sein Reujahrsver- gnügen In dieser Zeit zeigen Gaukler, Kunst- reitec, Stelzenläufer. Tänzer, Ringkämpfer ihre Künste. Die Verkäufer von Feuerwerk machen besonders gute Geschäfte, unzählige Fackeln und bunte Papierlaternen brennen, die jungen Leute laufen in allen möglichen Vermummungen herum und Spaß und Schabernack wird nach Herzenslust getrieben.
Aus der Insel
der gastlichen Mönche.
Man verläßt in ber Morgenfrühe, wenn erste Sonnenstrahlen bie tieblauen Wasser des Ladogasees mit einem silberglänzenden Reh über* spinnen, ben Hafen ber kleinen finnischen Stadt Sortavala. Schon gleich auf bem schmucken Dampferchen macht man die erste Bekanntschaft mit ben freundlichen. arbeitsamen Mönchen, deren Gast man von diesem Augenblick an ist — denn die Matrosen, bie ruhig und ein wenig würdevoll auf und unter Deck ihre Arbeit tun. sind Brüder des Klosters Walamo, dem das Schiffchen jetzt dampfend und maschinenstampfend zustrebt. Allmählig versinken die üppig bewaldeten
Höhen und die starren Felsen der Schären: fast fcermeint man, aufs weite blaue Meer hinauszutreiben — ist doch ber Ladoga nicht allein der weitaus gewaltigste all der rund 35 000 Seen Finnlands, sondern zugleich ber größte Binnensee Europas überhaupt. Rach etwa einstündiger Fahrt wachsen am stahlblauen Himmel plötzlich neue Wälder und Felsschroffen auf. Grüne, schimmernde Inseln wiegen sich in der leuchtenden. wogenden Flut, vierzig kleine, verträumte Eilande mit bald steil abstürzenden Felsküsten, bald sanften, beschatteten Buchten. Lebenspendenden Adern gleich führt der Ladogasee seine Wasser in engen, verschlungenen Armen zwischen diesem malerischen Gewirr von Wiesen und Wäldern hindurch. Langsam steuert das Dampfer- chen eine der Inseln an. Ein heller Kirchturm echt russischer Bauart hebt sich scharf unb leuchten!) vom Blau bes Himmels ab. Goldene Kuppeln funkeln zwischen ben Baumkronen. Zwischen Felsen unb Wiesen träumt ber kleine Hafen von Walamo. Stattliche Gebäude, Kirchen und Kapellen, gepflegte Promenaden tauchen auf. Plätschernd und rauschend dreht ber Dampfer bei; nahezu zwei Stunden hat die Fahrt gedauert, und er hat feine Schuldigkeit getan. Hilfsbereite, sprachgewandte Mönche, dienende Brüder des alten Klosters, nehmen die ankommenden Fremden in Empfang, besorgen das Gepäck unb geleiten den Gast ins Klosterhotel, einen imposanten, saubergehaltenen Dgu. dessen Einrichtungen bem größten Frembenansturm gewachsen sind. Unterfunft unb einfache Verpflegung werden kostenlos gewährt — man ist in jeder Beziehung Gast ber Klostecherren. Allerdings ist es Sitte, bem „Bruder Hoteldirektor" bei ber Abreise eine kleine Spenbe zugunsten ber gemeinnützigen Einrichtung zu hinterlassen. Die Klosterbrüder, die sich der Fremden, deren Sprache sie meist vollkommen beherrschen, in liebenswürbigster Weise annehmen, machen ben getoanbten Führer durch die Sehenswürdigkeiten des Klosters und die Schönheiten der Landschaft. Eine kleine, aber nicht unverständliche Merkwürdigkeit: es wird nicht gern gesehen, wenn man in ben Straßen, überbaut?! im Freien raucht. Die kleine finnische Insel Walamo mit ihrem Kloster ist ein vielbesuchter, beliebter Wallfahrtsort für die Gläubigen der griechisch-katholischen Kirche, die zu ben Heiligtümern der Preobraschenskij-Kirche pilgern, von deren Turme man einen herrlichen Rundblick auf den Ladoga und seine Inselwelt genießt.


