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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

M. \11 Zweites Blatt

Montag, August 192?

Srohdeutschland, mitteleuropäischer wirtschaftrblock und Paneuropa.

Don Dr. Otto Danneberg, Wien.

Oesterreich ist durch die jüngsten Er- eignisse in Wien wieder in den Vorder­grund des politischen Interesses gerückt worden. Auch das Projekt seines An­schlusses an Deutschland hat damit erneut besondere Wichtigkeit erhalten. D. Red.

Drei große Zusammenschlußbewegungen ziehen gegenwärtig in Europa mehr oder weniger große Kreise und beschäftigen die Phantasie der Völker oder kleinerer Gemeinden von Anhängern: die Anschluhbewegung Oesterreichs an das Deutsche Reich ist von allen dreien die mit dem geographisch engsten Ziel, aber die am meisten ausgereifte und von den stärksten Volks­kräften getragene. Ihr stehen die Bewegung zur Schaffung eines mitteleuropäischenWiri­sch a f t s b l o ck s und die Paneurvpa -Be­wegung teilweise als entgegengesetzte, teilweise als parallele Bewegungen geographisch bedeu­tend weiter ausgreifender Art gegenüber, die dafür gegenwärtig nur von einer schmalen Schicht von Anhängern getragen werden. Die folgende Untersuchung will die Beziehungen zwischen den drei Bewegungen aufzeigen und dartun, wie die Anschluhbewegung, die sich das geographisch kleinste Ziel gesteckt hat, auch unter den Ge­sichtspunkten von Möglichkeiten, die die beiden anderen Bewegungen eröffnen, als der Schlüssel für die Zukunft Europas und ins­besondere Deutschlands aufzufassen ist.

Die Anschluhbewegung hat im Laufe der letzten Zeit ganz außerordentliche Fortschritte gemacht. Die Selbstverständlichkeit des Gedan- kens®m Volk, ein Reich" ist immer mehr zum politischen Tatwillen des gesamten deutschöster­reichischen Volkes und immer weiterer Kreise im Deutschen Reiche geworden. Aber auch Bevöl- kerpngsschichten, die gewohnt sind, alles in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Wirtschaft zu betrachten, haben sich immer mehr von dem Gedanken auch der wirtschaftlichen Rotwendig­keit der Schaffung eines einheitlichen großen Wirtschaftsgebietes und des vorerst wenigstens wirtschaftlichem Anschlusses überzeugt. Aus der Industrie, aus der Landwirtschaft und aus dem Gewerbe liegen aus letzter Zeit eine Fülle von hochbedeutsamen Kundgebungen vor, die dies un­widerleglich dartun. Auch die positive Zusammen­arbeit zwischen österreichischen und reichsdeutschen Wirtschaftskreisen hat in der letzten Zeit bedeu­tende Fortschritte gemacht. Wie der Obmann des Wirtschaftsausschusses der österreichisch-deutschen Arbeitsgemeinschaft, Sektionschef Enderes, auf dem kürzlich abgehaltenen Reichsparteitag der orohdeutschen Volkspariei ausgeführt hat, geht 6oS Streben, da der volle politische An- schluh und möglicherweise auch eine Zoll­union zwischen den beiden Staaten noch durch längere Zeit verhindert werden kann, dahin, die Ziele des politischen und des wirtschaftlichen Anschlusses auf dem Wege möglichst weitgehender Angleichung auf allen Gebieten wenigstens annähernd zu erreichen und dadurch dem Ge- samtanschluh wirksam vorzuarbeiten. Hier bedeuten namentlich das hoffentlich in absehbarer Zeit in Kraft tretende gleiche Strafrecht und eine durch einen einstimmigen Beschluß des öster­reichischen Rationalvates eingeleitete Aktion zur gegenseitigen Erleichterung der Einbürge­rung in den beiden deutschen Staaten außer­ordentlich große Fortschritte. Im ganzen kann gesagt werden, daß der Anschlußgedanke diesseits und jenseits der immer noch bestehenden Grenze immer mehr als eine Selbstverständlich- feit empfunden wird, dah das Bewußtsein des gemeinsamen deutschen Vaterlandes auf beiden Seiten immer stärker wird. Daß die Verbindung des Vaterlandsgefühls nicht mit dem Staate, dem nach den Zwangsverträgen von Versailles und St. Germain noch mehr als in gewöhnlichen Zeiten etwas Zufälliges innewohnt, sondern mit dem Volkstum auch im Deutschen Reiche erfreu­liche Fortschritte macht, hat uns in den letzten Wochen ein Gruß Hindenburgs an die Grazer Universität bewiesen, in dem das Be­kenntnis zur großen Kulturgemeinschaft aller Deutschen und zum gemeinschaftlichen Baterlande unterstrichen wurde.

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Kommen! Zehen! Staunen!

Von Herbert Kranz.

Das Städtchen hat 7086 Einwohner, eine katho­lische und eine evangelische Kirche, eine Synagoge, ferner eine Oberrealschule und eine höhere Töchter­schule. In der Turnhalle des Turnvereins werden die Feste gefeiert, bei Onkel Müller ist jeden Sams­tag Ball. Eintritt frei. Zwei kleine Kinos zeugen davon, wie weit es schon gekommen ist. Eine Hauptstraße durchquert den Ort; auch die Neben­straßen sind meistens einsam.- Unweit alter Kastanien liegt ein Bahnhof: zweimal am Tage saust ein Schnellzug durch. Das letzte große Ereignis spielte sich 1645 ab. Ein stilles Städtchen also, wunderschön ins Grüne gebettet, ohne Kanalisation, dafür aber mit einem Stadttor, mit Stadtmauern noch und einer Bleichwiese unterhalb der alten Mauern, die als Idyll auffiele, wenn hier nicht alles idyllisch wäre (ohne Kanalisatton). Aber da bricht das Aben­teuer herein: Zirkus Meyer kommt. Groß- Zirkus Geschwister Meyer kommt. Auf der Wiese am Portugall wird er das Zelt aufschlagen. Nur drei Tagei Eine Vorstellung wert, meilenweit zu wandern! Kommen, sehen, staunen!

Dor den Plakaten stehen die jungen Burschen dicht gedrängt und vergessen den Mund wieder zu schließen. Kein Bub kommt mehr aus der Schule pünktlich nach Hause. Ein Zirkus? Ein wandernder Staat! Mit Direktion und Eigentümer, Administra­tion und Generalvertreter, Sekretariat: Betriebs­leiter, Oberregisseur, Pressechef, Reklameches, Stall­meister, Beleuchtungsmeister, Zeltmeister und Chauf­feur. Und ein Programm! Ein Programm? Das Riesen-Weltstadtprogramm: 20 (zwanzig) dumme Auguste und Clowns!. Tscherkessenvoltigeure, Pserde- dressuren, Original-Araber, die Könige der Luft, and als Gipfel, als Gipfel der Gipfel:

Die einzigartige amerikanische Wild-West-Pantomime.

Aus dem Leben der Auswanderer. Fesselnde Szenen Packende und erschütternde Handlungen aus der Emigrantenzeit nach histor. Ueberlieferungen des alten Colonel Buffalo Bill, m Szene gesetzt von Billy Jenkins mit fei­ner Truppe von Cowboys, Indianern, Cowgirls,

Der Gedanke eines mitteleuropäischen Wirt­schaftsblocks stellt in seiner älteren Ausprägung nichts anderes als eine Gegenbewegung gegen den Anschlußgedanken dar: die bekanntlich von Frankreich seit dem Iahre 1919 eifrig geförderte, von Oesterreich aber immer wieder mit aller Energie abgelehnte Donaubundpolittk. Sie hat im Mai d. I. bei der Konferenz der kleinen Entente in Ioachimstal so etwas wie eine aller­dings ziemlich künstliche Auferstehung gefeiert. Es handelt sich hier bekanntlich um den Ge­danken, die Staaten, die früher die österreichisch­ungarische Monarchie gebildet haben, vermehrt um jene Staaten, denen erhebliche Gebietsteile der Monarchie zugefallen sind, zu einem Block zunächst wirtschaftlicher Art zusammenzuschließen. In der Richtung dieser Gedanken lag bekanntlich das im Frühjahr 1925 geborene und bereits im Herbst desselben Iahres zu Grabe getragene Projekt von Vorzugszöllen zwischen diesen Staaten oder wenigstens einer Gruppe unter ihnen, wozu damals auch Italien hätte treten sollen, woran das Projekt letzten Endes ge­scheitert sein soll. Auch auf der Ioachimstaler Tagung hat man wieder von ähnlichem ge­sprochen. Der Rumäne Mittlineu sprach von der Lebensfähigkeit Oesterreichs (im Munde von GnteTttestaatsmännern bedeutet dieses 'Dort die Mnnötigleit des Anschlusses) uird von dem Bestreben, alle Hindernisse zwischen der kleinen Entente und Ungarn zu beseitigen; er sprach allerdings auch von der Respektierung der Frie­densverträge und der Aufrechterhaltung des Status quo. Blättermeldungen zufolge soll tatsächlich in Ioachimstal ein Angebot an Ungarn und auch an Oesterreich und Polen für düe Errichtung einer Zollunion mit den Staaten der kleinen Entente erwogen worden fein. Diese Pläne wurden zunächst am 3. 3uni vom ungarischen Außenminister Valko in deut­licher Weise abgelehnt; sollten sie selbst von wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus disku­tabel sein, so würden sie doch aus Souveräni­tätsgründen auf Schwierigreiten stoßen, und auch sogst fehlen ihre Vorbedingungen, da eine wirt­schaftliche Kooperation nur auf der Grund­lage der politischen Verständigung ins Leben gerufen werden könnte, worunter wohl vor allem eine Verständigung über die Ge­bietsbestimmungen des Vertrages von Trianon gemeint ist. Uebrigens kam, wie im Iahre 1925, wieder das Londoner Veto:Daily Telegraph" schrieb z. D. es sei England durch­aus nicht gleichgültig, daß die kleine Entente Vor­zugstarife mit Oesterreich und Ungarn abzuschließen gedenke, durch die Englands Vorteile aus der Meist­begünstigung hinfällig würden. Eine ähnlich klare Antwort wie Ungarn hat auch gutem Vernehmen nach Oesterreich auf eine direkte Anfrage der Tschechoslowakei wegen eines Zollbündnisses erteilt. Gerade mit Rücksicht auf die Ablehnung ist es be­greiflich, daß eine diesbezügliche Meldung in einem Wiener Blatte das in solchen Fällen übliche Dementi fand.

Aus einer Gegenbewegung zu einer Parallel­bewegung sind die Bestrebungen derMitteleuro­päischen Wirtschaftstagung" geworden, die Gruppen in Oestereich, Ungarn, der Tschechoslowakei und seit Herbst 1925 auch im Deutschen Reiche besitzt. Na- rnentlich die tschechosl wakische Gruppe sowie die ungarische unter Führung des Staatssekre­tärs a. D. Dr. Hantos haben im Jahre 1925 die be­reits erwähnten Dorzugszollgedanken zwischen den Nachfolgestaaten eifrig gefördert. Selcher hat diese Bewegung vor allem die Schaffung einer Verkehrs- politischen aber auch Handels- und währungspolitt- jchen Einheit der mitteleuropäischen Staaten ange­strebt. Auf eine Anfrage des deutschen Ministers a. D. Dr. Gothein hat Im September 1925 der Vor- sitzende erklärt, daß das Deutsche Reich selbstver­ständlich in dem angestrebten Mitteleuropa inbe­griffen sei. Die mitteleuropäische Wirtschafts­tagung hat unmittelbar vor der Weltwirtschaftskon- ,ferenz d. I. Dr. Hantos beauftragt, eine Denkschrift auszuarbeiten, deren Inhalt dieser in einer Presse­konferenz in Wien vortrug. Er machte hierbei im Gegensatz zu der enoäbnten Erklärung aus dem Jahre 1925 die Unterscheidung, daß ein Ber­ke h r s b l o ck der mitteleuropäischen Staaten ein- s chl i e ß l i ch des Deutschen Reiches, jedoch eine Zollunion ohne das Deutsche Reich geschaffen werden solle, ein Standpunkt, der in einem Privat­gespräch vom Vorsitzenden unter Hinweis auf die

Goldgräbern, Fährtensuchern, Präriejägern und Farmern.

Eine Vorstellung wert, meilenweit zu wandern und ich habe noch keine zwanzig Minuten zu gehen! *

Leider denken nicht alle so. Es ist hundeleer. Am Eingang rekelt sich ein Original-Araber und trinkt ein Helles. Dazu, sagt man sich enttäuscht, braucht es wahrhaftig keinen Original-Araber. Das Zelt ist groß. In der Mitte brennt nur eine elektrische Lampe, was die ganze Sache trostlos macht. Die spärlichen Zuschauer sitzen auf den schmalen harten Bänken wie Verdammte und starren verlegen in die Manege. Einige unluftige Damen in Pelzjacken nehmen die Karten ab, mißmutige Männer in Braun weisen die Plätze an, indem sie mit dem Daumen zeigen. Meistens lehnen sie sich irgendwo an. In dem geringen Licht sehen sie aus wie Wasserleichen. Sie sind nicht heiter: ich glaube, sie zählen die Be­sucher und werden sich darüber klar, daß es heute nach der Vorstellung keine Gagen geben wird . . . Oder sie sind zum Umfallen müde vom Zeltaufbau. Eine Dame in Trauer verkauft stumm ein Pro­gramm. Wahrhaftig, es ist hier nicht heiter. Aber das Gras der Wiese, in dem die Bänke stehen, duftet herrlich wie Maibowle. Ein Gendarm kommt; er hat keine Karte, aber darf sich auf eine rotbezogene Bank setzen. Ich habe zwei Mark be­zahlt und sitze auf dem nackten Holz. Trotzdem möchte ich kein Gendarm fein.

*

Die Kapelle spielt. Es sind nicht etwa zusammen­gepumpte Dorfmusikanten, sondern die Herren der Zirkuskapelle. Die orchestrale Zusammensetzung ist mir neu: (von links nach rechts) zwei Fagotte, eine Querflöte, ein Waldhorn, eine Geige, eine Posaune und eine Pauke. Aber im ganzen waren's 8 Mann, weiß der Himmel, was der achte tat. Sie spielten Lieder und Märsche, die es nicht mehr gibt. Sie sitzen da hoch oben in einer anderen Welt. Und wenn sie ganz behutsamValencia" spielen, dann ist es so, als ob auch unsere Gegenwart schon lange tot sei, und wie Mumien hören wir die Lieder unserer Zeit in Melodien, die herüberwehen von einem längst erloschenen Stern. Und dazu soll ich noch Eis essen? Aber der Mann in der weißen Jacke geht schon weiter, ehe ich abgewinkt habe. Auch er scheint hier zu leiden. *

Gothein gegenüber abgegebene Erklärung als die Privatmeinung Dr. Hantos' bezeichnet wurde. Der erwähnte Vorschlag Hantos' wurde übrigens von der österreichischen Presse einmütig, am entschieden­sten von denWiener Neuesten Nachrichten" ab- gelehnt, die damals schrieben, daß Oesterreich für eine einseitige Option in handelspolitischer Be­ziehung für feine östlichen und nördlichen Nach­barn unter Ausschluß des Deutschen Reiches unter keinen Um ft änben zu haben ist. Es könne ihre Sache sein, einen Zusammenschluß etwa ohne Oesterreich zu suchen, wenn sie dies für möglich hal­ten; mit Oesterreich sei er nur zu machen', wenn auch Deutschland dabei ist.

Aehnliche Erwägungen sind gegenüber der Pan- europaberoegung am Platze. Diese Bewegung wird von vielen anschlußfeindlichen Politikern offenbar nur unter dem Gesichtspunkt gefördert, daß sie Ocsterercich gegenüber ein Gegengewicht gegen die Anschlußbewegung darstellen könne. Bezüglich eines gesamteuropäischen politischen Zusammenschlusses muß selbstverständlich von vornherein derselbe Vor­behalt gemacht werden, wie französische Staats­männer, die der Bewegung freundlich gegenüber- stehen, ihn gemacht haben: die Aufrechterhal- tung der Eigenstaatlichkeit des Reiches. Daß eine gesamteuropäische Wirtschaftsunion Vor­teile mit sich brächte, die namentlich gegenüber der überseeischen Konkurrenz sehr ins Gewicht fallen, kann auch vom deutschen Standpunkt nicht verkannt werden. Wichtiger aber ist, daß unter dem Schlag­wort der Paneuropabewegung sich ein wirtschaft­licher Zusammenschluß Europas mehr ober weniger zwangsläufig entwickeln könnte, vielleicht auch, wenn Deutschland schwach ist, gegen seinen Willen. Es kommt nun alles darauf an, daß Deutschland bei einer derartigen geschichtlichen Entwicklung, deren

Ob und Wie heute unmöglich vorausgesehen werden kann, so weit Herr seiner Entschließungen bleibt, daß die Entwicklung nur mit und nicht gegen Deutsch­land gehen kann. Auch hier hängt alles von der Lö­sung der Anschlußfrage ab. Wenn es durch wirt­schaftliche Zusammenarbeit gelingt, die augenblicklich offensichtlich bestehende kräftige Entwicklungsrichtung zur Anschlußlösung fortzusetzen, so bildet bei zukünf­tigen weitergehenden Zusammenschlußtendenzen Großdeutschland den Kristallisationspunkt. Deutsch­land ist dann in der Laae, Frankreich zu einer Ver­ständigung auf gleich und gleich zu veranlassen. Das wäre die Lösung mit Deutschland. Uebersieht aber Deutschland die ihm mit dem österreichischen An- schlußwillen in die Hand gegebenen ungeheuren Chancen, überläßt es Oesterreich der wirtschaftlichen Vereinsamung, sieht sich vielleicht Oesterreich infolge- dessen trotz seines bisherigen heldenhaften Wider- ftandes gegen Donauföderationspläne unter dein Drucke ungeheurer wirtschaftlicher Not dennoch zu einer wirtschaftlichen Annäherung an die Nachfolge­staaten gezwungen, so kann die europäische Block­bildung, die die Zukunft vielleicht mit sich bringen wird, nur den anderen Weg geljen: es bildet sich ein südosteuropäischer Wirtschaftsblock, der im Bunde mit Frankreich Deutschland die Verständigung auf­zwingt: die Losung aus der Peripherie, die Lösung gegen Deutschland, die völlige Einkreisung Deutsch­lands; die Lösung, die auch vom europäischen Stand­punkte aus aufs tiefste zu bedauern wäre.

Wir verstehen so im weitesten Sinne die Worte des ehemaligen Außenministers Wilsons, Lansing: Der Anschluß Oesterreichs an Deutschland ist für den Frieden und die wirtschaftliche Entwicklung Europas erforderlich. Nach meiner Ansicht wird die Lage in Mitteleuropa sich nicht stabil gestalten, ehe der Anschluß vollzogen ist."

Geschichten aus aller Wett.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Die Tiger werden nervös.

(f.) London.

Alle Kulturmenschen haben heutzutage irgend-- ettoas, und wenn es nur eine Kleinigkeit ist, mit den Rerven zu tun. Und wir beneiden darum in mancher Stunde heimlichen Ueberdrusses Baschkiren, Dotokuden oder Bantaneger, die noch am Herzen der ursprünglichen Ratur ihr un­bekümmertes, animalisch starkes Dasein leben. Oder sogar, wenn uns einmal die Verzweiflung ganz elementar gepackt hat, die Tiere, die stolzen Könige und Räuber von Urwald und Wüste, die ihre herrlichen und herrischen Insttnkte un­gehindert ausleben können, ohne mit Ekel, Mi­gräne, nervöser Zappligkeit usw. kämpfen zu müssen. Ach, auch das alles ist Idol geworden: auch die Königsttger Indiens, diese prächtigsten aller Raubgesellen, beginnen, wie man etwa m Hamburg sagen würde,tüterich" zu werden und bekommen es tatsächlich mit den Rerven zu tun. Man sollte es kaum glauben, aber tn der größten Zeitung von Kalkutta ist der Bericht eines ernsthaften Gelehrten und Forschers darüber soeben veröffentlicht worden.

Ein reicher Iickner, der sein Auto langsam durch eine Urwaldstraße in der Rähe von Mysore steuerte, sah zu seinem nicht geringen Entsetzen plötzlich mitten auf dem Wege einen bengalischen Königsttger stehen. Er stoppte den Wagen sofort und sprang hirraus, wobei er auf eine Baumwurzel fiel uirö ohnmächtig wurde. Rach Katzeninfttnkt wirst sich jeder Tiger ohne Zaudern auf jede hilflose Deute, und auch unser Tiger verleugnete nicht seine Art er fiel den Indier an. Dessen Ende unter den fürchter­lichen Pranken des Raubtieres schien gewiß, als er von seinem Begleiter, einem achtjährigen ein­geborenen Diener, der erschreckt im Auto sitzen geblieben war, gerettet wurde. Der braune Den­gel nämlich kletterte kurz entschlossen auf den Führersitz und gab einige kräftige Hupensignale. In jähem Schrecken ließ der Tiger seine sichere Deute fahren und flüchtete in die Dschungel.

Diese nervöse Angst der Tiger ist im heutigen Indien nichts Reues mehr. Im Laufe der letzten Iahre surd im Lande sehr viel neue Straßen und Wege durch die Dschungel gebahnt und angelegt worden. Aus ihrer Rähe ist der Tiger

so gut wie völlig geschwunden, weil ihn die Autos und der übrige Verkehr nervenempfindlich gemacht haben. Dieselbe "Beobachtung macht man überall da, tvo englische Militärflieger über den Urwald hinwegfahren. Wie bei einem Wald­brande rennet, rettet, flüchtet das Raubgetier vor dem Rauschen und Surren der Propeller in der Lust.

Es gibt noch sehr viele Tiger in Indien, schreibt ein englischer Säger, aber ihre auf­fallendsten Charaktereigenschaften sind nicht mehr Tücke und Wildheit, sondern Verängstigung und Feigheit. Dei einer Treibjagd genügt schon, ein in einem "Baume flatterndes buntes Tuch, um den verfolgten Tiger vor Angst zittern und seine Fluchtrichtung ändern zu lassen. Interessant ist dabei das Verhalten des Asten; obwohl der Königsttger sie vor Verachtung tote Lust be­handel, und ihnen nichts zuleide tut, erheben! sie, wenn die Iäger ihn mit seiner ganzen könig­lichen Kraft und vornehmen Geschmeioigkeit zur Strecke gebracht haben, ein ohrenbetäu bendes Freuden- und Beifallskonzert ringsum in den! Bäumen. Aber das ist wohl schon immer so ge­wesen. Richt nur im Tierreich ...

Genosse Kornejew ist im Theater.

(U.) Riga.

Es war ein schöner Iuni-Abend in Tschita, der bekannten sibirischen Stadt, dem früheren Hauptquartter des vorschollen en Weißgardisten- führerS Ungern-Sternberg. Auf einem der Geleise des Bahnhofs stand stumm und sttll ein Lokalzug, die Maschine unter Dampf. Die Passaaiere, die gehört hatten, der Zug werde mit Verspätung ab­fahren, waren wieder ausgestiegen, st anden in Gruppen auf dem Bahnsteig umher und fragten nach allen Seiten voller Ungeduld, wann die Reise denn nun endlich beginnen werde. Riemand wußte eS. Alle Anschläge und Plakate auf der Station waren schon gelesen, Murren und Der- wünschurrgen wurden laut, aber der Zug machte keine Anstalten, die Wartenden nach Hause zu bringen. Getroffen davon wurde vornehmlich eine große Anzahl draußen wohnender Arbeiter, die am frühen Morgen schon wieder in der Fabrik in Tschita sein mußten und denen dieser unerwünschte Oluf enthalt die an und für sich karg bemessene Rachtruhe kürzte.

Schließlich machte, von irgendwoher, in der

Indessen ist es über der Musik ja voll geworden!! Ich bin überhaupt bloß zu früh gekommen! Und da mit Hallo und Hurra brechen noch an die fünfzig Buben herein sie haben tragen geholfen und dürfen gratis auf den billigsten Platz, sie sind bis zum Explodieren mit Begeisterung geladen eine Glocke läutet wie bei der Dampfsrabfahrt, große Kronleuchter flammen auf, die Manege liegt in warmes Licht getaucht, und es geht los. Das Pro­gramm umfaßt 22 Nummern, und vor Beginn einer jeden rennt ein ganz kleiner Bursche in einer Livre mit einer großen Zahl in den winzigen Armen ein­mal um die Manege ich sage euch, wenn wir alle unsere Pflicht täten wie dieser Bub, eifrig und prompt und mit Grazie: es stünde besser um Deutsch­land!

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Das Programm ist ausgezeichnet. Der Artist leistet die pünktlichste Arbeit von der West: hier gilt kein Mogeln mit sog. Geist die sechs Teller wollen einfach gefangen fein; hier machens die Phra­sen nicht hier muß alles gekonnt sein, vom Zelt­aufbau bis zur Pferdedressur, und wenn die Stan­gen nicht sitzen, dann bricht die Sache eben zusam­men aber sie sitzen. Deswegen sind die Männer in Braun auch zum Umfallen müde. Im Großstadt- DarietS, bei Sarrasani sieht man nichts anderes aber hier sieht man's schöner. Immer glauben die Artisten an ihre Kunst, doch hier glaubt auch das Publikum. Und bann die Clowns! Wann hört man die Menschen wieder so gelöst jauchzen, wie wenn Toto seine Späße macht? Was hat der Toto für ein herrliches dummes Gesicht, und wenn der nur seine überlangen Stiefel ansieht, lacht jeder, daß ihm alles weh tut! Einmal müssen selbst die müden Männer in Braun lachen, und dabei sehen sie Totos Späße doch jeden Abend Toto, das ift ein großer Er­folg! Und die Jugend ist im siebenten Himmel. Einmal erlischt das Licht, in roten Scheinwerfern leuchtet die Manege, die Damen des Hausballetts kommen in langen weißen Gewändern als Serpen- tin-Tänzerinnen:Engel" sagt hinter mir die ent­rückte Stimme eines Buben. Aber der Ueberfall auf die Postkutsche ist noch tausendmal schöner.

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Mister Billy Jenkins, meint hochverehrten Da­men und Herren, ist kein Artist, sondern em Natur-

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mensch der Steppe, worauf ich das wette Publikum besonders zu achten bitte. Sie sehen hier eine Origi­nal - Wild - West Pantomine, und in derselben das Leben und Treiben in der Prärie, wie es Mister Billy Jenkins am eigenen Leibe hundertfach erfuhr. Er wird sich daher erlauben, während der Pause eine kleine Schrift über das Leben und Treiben in der Prärie zu dem nichtssagenden Propaganda- Preis von vierzig Pfennig per Stück an das werte Publikum verkaufen zu lassen." Und dann wird Feuer geschluckt, wie es eben in der Prärie so üblich ist; Billy Jenkins spielt mit einer Rothaut Karten um Goldnuggets, em anderer Apache taumelt merk­würdig herein, so daß ich mich frage, ob er wohl vom großen Papageienzauber befallen fei aberder ist besoffen" klärt mich die begeisterte Bubenstimme hinter mir auf. Er sticht mit dem Messer nach Billy Jenkins aber der knallt ihm eine Kugel in den Bauch. Auch mit dem andern gibt es Meinungsver­schiedenheiten, die Fährtensucher packen den Indio jetzt wird er ussgehängt", schreit mein Hinterbub selig nein, Billy Jenkins knallt ihm zur Abwechs­lung eins vor den Schädel, und während der fter- bende Schuft sich im Sägemehl der Manege windet, spielt eine einsame FlöteO du mein holder Abend- stern", wie es eben in der Prärie so üblich ist. Schließlich kriecht bald die eine Pattei durch das Sägemehl, bald die andere, und dann wogt es und knallt es und stinkt es großartig nach Platzpatronen alles wie es eben in der Prärie so üblich ist. Alle Buben sind außer sich.

*

Kinder, wi» gerne reiste ich mit euch! Nicht mein Leben lang, aber einmal so vier Wochen. Wenn ihr mich vielleicht auch nicht an der Kasse sitzen laßt, ich würde mich schon nützlich machen und, glaubt es mir: wir würden uns ausgezeichnet verstehen. Ich weiß eure schwere Arbeit zu achten, und spürte ich ihren Zauber nicht, diesen Zauber eures urko- misch-seriosen Kombinationsaktes, den wunderschönen Hokus-Pokus des Drum und Dran ich wäre nicht der, der ich bin. Und so wäre ich auch stets bereit, in der Pause die kleine Schrift von Billy Jenkins zu dem nichtssagenden Propaganda-Preis von 40 Pfennigen zu verkaufen obwohl sie gar nicht von ihm, sondern nur ein Kapitel aus einem Schundroman und noch unter Brüdern mit 10 Pt. wett überzahlt ist.