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Blatt

1Z6. Jahrgang

Zreltag, 51. Dezember 1926

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Drrtf vnd verleg: VrLhl'sche UniversitSl5.vllch. und Steinöruderei R. Lange in Sieben. Schriftleitung und Srschäftzftelle: Zchulsttabe 7.

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Ibefreödhteut

Dr Fnedr Wilh Lange. Verantwortlich für Vol hh Dr Fr Will) Lange, für Feuilleton Dr H Tkyrrot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein; für den An- zeigenteil i.Beiir H.Beck. sämtlich in Gieren

Nr. 506 Erster

(trId)f ini täglich,außer Sonntags und Feiertag, Beilagen;

Viehener Familien blätter Heimat im Bild Die Scholle

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Frankfurt am Mai» 11686.

Neujahr 1927.

Don Dr. Otto Boelitz, preußischem Staats- und Ä ultu6min.fi et a. ®.

Ob bas neue Jahr, dessen Anbruch wir in dieser Feit der Friedlosigkeit mit heißem Herzen herbetwünschen, unS wirklich merkbar vorwärts bringen wird? Ob eS uns endlich etwas von dem Frieden schenkt. nach dem unser Dolk voller Sehnsucht schreit, etwa- von dem Frieden nach außen und im Innern? Ob wir endlich erlöst werden von der Qual, die uns zermürben will, der Oual deS oben Kampfes der Parteien, der Qual der Zwietracht, die sich unbarmherzig heranschleicht bis an den Lebensnerv unseres Dolkes?

Wir wissen und eS ist unS in dieser furcht­baren Nachkriegszeit tausendmal gesagt wor­den, daß eS gariA allein von unS abhängt, ob wir daS »Ende" fein wollen oder bet .Anfang".

Wir wollen Anfang fein und nicht Ende. Hnb wir können eS, wenn wir nur den rechten Blick für die Schar der Streiter gewinnen, die mit unS kämpfen will: jeden Tag. in jeder Woche, die ganzen, langen Monate hindurch des neuen IahreS, das sich heute duillel vor unS auftut. Wir können eS. wenn wir unS nur alle offen und frei zu erkennen geben als Mitkämpfer für die größte Aufgabe, die vielleicht je einem Volke zugefallen ist, auS tiefstem Schmerz und Verlust sich wieder zu erheben und zu glauben an die Zukunft seines Vaterlandes.

Wir alle wissen: der Weg ist steil, und der Doden ist steinig, und manch einer, der sich unS als Kampfgenosse darbietet, wird Kraft und Mut verlieren aus dem Weg zur Höhe: manch einer wird straucheln, mancher wird fallen. Aber wir werden nicht lassen von dem mühevollen Anstieg, bis wir die Höhe erreicht haben. UnS soll wenigsten- der Blick vergönnt werden in bai Land, das uns diese Stunde verheißt. daS Land, in dem wieder Friede herrscht, in dem ein neues Geschlecht danklac der 2llten gedenkt und doch leuchtenden AugeS hineinschaut in eine glück­lichere Zukunft.

llnb wer sind die Streiter? W i r all»!

ES ist eines der verhängniSi.ollsten Worte der Rachkriegszeit gewesen, daß wir die Hand nach der Jugend ausstrecken müßten: denn, wer die Jugend habe, der habe die Zukunft. Da Hub die Politisierung der Jugend an. da kam das Dingen der Parteien um die Seele der Jugend, da wurde ihr Geist und Gemüt ver­wirrt vom öden Schlagwort des Tages, da wurde die Jugend zum politischen Werkzeug erniedrigt. Cs ist Wahnsinn, die Jugend von zehn Jahren in Auszügen, die der Unverstand leitet, protestieren zu lassen gegen die Kirche oder den Religionsunterricht in der Schule. Es ist Wahnsinn, Knaben, die noch auf der Schul­bank sitzen, dadurch zu mißbrauchen, daß man sie in geheimen Konventikeln sammelt, um mit ihnen oder gar durch ihre Hand politische Propaganda zu machen. Laßt endlich die Jugend dadurch politisch reif werden, daß sie auf der Schule Tüchtiges leistet, daß sie im Gefühl treuester Pflichterfüllung heranwächst, daß sie sich an Leib und Seele rein erhält, um dem Vaterlande Kräfte zuzuführen, die allein feinen Ausbau ge­währleisten! Das Grundgebot, das eine ernste Zeit dem schwergeprüften Volke als Richtschnur seines ganzen Lebens aufgibt, ist das Gebot der Sittlichkeit: Reinheit des Herzens und Reinheit der Hände, ein Leben der Pflicht, daS ganz unter der leuchtenden Sonne eines starken Idealismus steht!

Uni) wir brauchen nicht an unserer Jugend zu verzweifeln! Es ist maßloser Pessimismus, wenn heute Stimmen laut werden, die klagen, daß unsere heutige Jugend nichts leiste, daß sie im Materialismus versinke, und daß die Zu­kunft unseres Vaterlandes aufs neue durch daS heranwach sende Geschlecht gefährdet werde. Wer unsere Jugend wirtlich und zwar aus un­mittelbarster Berührung kennt, der wird mir recht geben, wenn ich sage, daß sie in nichts der Generation nachsteht, die vor ihr gewesen ist. Man lese einmal sorgfältig die Stimmen der führenden Deutschen, die in diesen Tagen in einer großen süddeutschen Zeitschrift über die Jugend von heute gesammelt worden sind, und freue sich mit allen Freunden der Jugend an dem prachtvollen Bekenntnis des augenblicklichen Rektors der Münchener Universität. daß ihm der Student von heute besser gefalle als der von 1890, und man freue sich über alle die Urteile, die auch dec übrigen Jugend ge­widmet sind, die sich mit großer Hingabe ihrer Aufgabe zuwende, so daß von einer Verschlechte­rung der Jugend nicht geredet werden könne.

Gewiß ist vieles anders geworden, als es ehedem war. Alte Institutionen find gefallen. Aber auch alte Vorurteile sind gefallen. Die Jugendbewegung, die unsere Jugend gewaltig ergriffen hat. hat einen neuen Lebensstil ge­schaffen. Die Jugend will selbständiger fein, als sie ehedem war, sie will aber auch stärker und innerlicher fein, sie will leben von einer tiefen Kraft, an der sie sich aufrichten will, die sie leiten soll, die sie mit hineinführen will in die Reihen der Kämpfer um Deutschlands Zukunft.

Wer um Mitstreiter für den großen Kampf der sittlichen, staatlichen, politischen Erneuerung unseres Volles werben will, der suche sie vor allem in den Kreisen der Erwachsenen, in feiner eigenen Generation. --

Wir wollen es denen nicht verübeln, die noch selbst mitgebaut haben an dem Ausbau des alten Reiches, die vielleicht milgeblutet haben für die Einheit Deutschlands und die endlich sich

6i«t Süeöeosteöe des MM Möge.

Theorie und Praxis in der amerikanischen Politik.

Bei einer Feier zum 150. Gedenktage der Schlacht bei Trenton im amerikanischen Unab­hängigkeitskriege hat Präsident Coolidge eine große politische Rede über die Abrüstungsfrage geyalten. Bei Betonung bet Friedensliebe dcS amerikanischen Volkes fand er schöne und beher­zigenswerte Worte darüber, daß die Völker er­freut feien, genügend Macht zu besitzen, um ein­ander zu bekriegen, daß aber die Frage viel näher liege, wann sie den Mut haben würden, sich statt dessen gegenseitig zu trauen. Seit geraumer Z it hat Präsident Coolidge auch im eigenen Lande einen harten Kampf für die Verwirklichung feiner AbrüstungSpläne zu führen. Ihm stehen, nament­lich im Sena t, die sogenannten Unversöhn­lichen gegenüber, die mit der Hilfe von Heer und Flotte jeder Mrüstungsmahregel heftigen Widerstand leisten. Daß im allgemeinen heule die Masse deS amerikanischen Volkes friedlich gesinnt ist, läßt sich leicht aus den unangenehmen Er­innerungen an die Zeit des Weltkrieges einer­seits erklären und andererseits aus der Tat­sache, daß heute die Vereinigten Staaten sich eines geradezu beispiellosen Wohlstandes er­freuen. Wer gefällig: ist, der weiß auch, daß der Krieg Hunger und Entbehrungen mit sich bringt und ist infolgedes en meist friedlich gesinnt.

Wenn sich allo auch Präsident Coolidge gegen die Vertreter des Militarismus im eigenen Lande ge­wandt hat, so richteten sich seine Mahnungen doch vornehmlich nach Europa. Man braucht nur an die stellenweise grotesken Verhandlunaen der Mili­tärausschüsse, der vorbereitenden Konferenz für die Abrüstungskonferenz zu denken, um zu verstehen, was er meinte. Die Haltung Frankreichs und seiner Trabanten offenbarte dort einen Geist des Militarismus, wie man ihn so unoerhüllt kaum je hat zutage treten sehen. Das unglaubliche Landauer Urteil hat auch Präsident Coolidge von neuem den Beweis geliefert, was für Früchte auf dem Baum des französischen Chauvinismus wachsen können. Es sicherlich sehr dankenswert, daß ein Mann in der Stellung eines P.äfld. ;ien der großen Republ zwischen Atlantischem und Stillem Ozean die Völker Europas an das Versprechen erinnert, das sie selbst im Versailler Vertrag abgelegt haben, als sie die dort festgelegte Entwaffnung Deutschlands als Be­gann der allgemeinen Aorüftung be­zeichneten. Niemand ist besser geeignet, einen solchen Mahnruf nach Europa erschyllen zu lassen, als Prä­sident Coolidge, dem es zweifellos mit dem Gedan­ken der allgemeinen Abrüstung sehr ernst ist

So vortrefflich die Rede des amerikanischen Präsidenten ist und so zeitgemäß seine War­nungen erscheinen, so darf man doch nicht die Tatsache verhehlen, daß die zur Schau getragene Friedserttgkeit der amerikanischen Regierung manchen nicht ganz aufridjiig klingen werden. Es ist doch ein etwas peinliches Zusammen­treffen. daß die Rede in denselben Tagen ge­halten worden ist, in denen das alte Mißtrauen Mittelamerikas gegen die Vereinigten S: aalen durch den Eingriff amerikanischer Seestreitkräfte in die inneren W i r- ren von Ricaragua von neuem Rahrung erhalten hat. Wer die Geschichte der Vereinig­ten Staaten kennt, der weiß auch, daß sie eigent­lich eine lange Kette Imperialist i- scher Kriege darstellt. Freilich haben es die Amerikaner von jeher, ebenso wie die Engländer, ausgezeichnet verstanden, ihre Ausdehnungs­bestrebungen mit dem Mantel der Verteidigung der Zivilisation gegen Barbarei und ilnfultut zu verhüllen. Aber das ändert nichts da­ran, daß sich im Lause eines Jahrhunderts die ursprünglichen dreizehn Kolonien, die nur den schmalen Landstreifen an der Ostküste be­saßen. über den ganzen Kontinent bis zum Stillen Ozean ausgedehnt und dabei Mil­lionen von Indianern langsam, aber sicher, mit Feuer und Schwert, mit Whisky und Krankheiten ausgerottet haben. Darüber hinaus hat Ame­rika die Zeit der Rapoleonischen Kriege zur Ausdehnung nach Süden benutzt, den Erobe­rungskrieg gegen Mexiko in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts geführt und aus dem spanischen Krieg von 1898 Portorico und die Philippinen als Deute heimgebracht, nachdem es wenige Jahre vorher die Havai- Inseln ohne einen Schein von Recht ihrer Selbständigkeit beraubt hatten.

Die Spannung, die feit einem Jahrhundert zwischen den Vereinigten Staaten und ihrem süd­lichen Rachbarn Mexiko besteht und augenblick­

lich wieder einmal einen Höhepunkt erreicht hat, zeugt auch nicht gerade von amerikanischer Fried­fertigkeit. Man darf getrost sagen, daß Amerika längst Mexllo vollständig annektiert hätte, wenn nicht die Größe und der ungemein gebirgige Cha­rakter des Landes eine völlige AIntertocrfung so gut wie unmöglich erscheinen ließen. ES gibt auch Leute In Amerika, die das richtig erkannt haben, und ihr Sprecher ist Senator B o r a h. die mit der von der amerikanischen Regierung befolgten Politik in Ricaragua durchaus nicht cin- Derftanbcn sind. Eie fühlen wohl heraus, daß zwischen den Beteuerungen der Friedfertigkeit des Präsidenten und der tatsächlichen Politik der Regierung ein erheblicher Widerspruch klafft. Sie werden mit Recht an Präsident Coolidge die Frage richten, ob seine Rede am Tage von Tren- ton vom amerikanischen Gesichtspunkt aus wirklich ganz zeitgemäß ist. Freilich würde eine solche Frage bei gewissen Leuten in Paris und ander­wärts begeisterten Widerhall finden.

Das amerikanische Abrüstunqsyroaramm.

N e u y o r k, 30. Dez. (TU ) Die Rede des Drä- sidenten Coolidge anläßlich der 150-Jahrseier von Washingtons berühmtem Uebergang über den Delaware und die Schlacht von Trenton wird all- gemein als ein deutlicher Hinweis aufgefaßt. Coolidge fest entschlossen ist, unabhängig von Europa fein Abrüstungsprogramm durchzuführen.

Rach einem historischen Rückblick betonte der Präsident, daß Amerika fest entschlossen fei, wie zur Zeit Washingtons Herr seines eigenen Schicks als und Richter über sein eige­nes Handeln zu fein. Er glaube nicht, daß Amerika die Friedenspolitik durch eine Rückkehr zum Wettrüsten fördern könne. Obgleich er für ein starkes Heer und eine starke Flotte eintrete, fei er gegen jeden Versuch, die amerikanische Ration zu militarisieren. Wo diese Methode i rch^ scl, fic sich stets als

ein völliger Fehlschlag erwiesen. Amerika könne der Menschheit keinen besseren Dienst er­weisen, als feinen ganzen Einfluß dahin auf» zubieten, die Welt vor einem Rückfall in dieses verheerende System zu bewahren. Vollzöge sich in der ganzen Welt ein völliger Herzenswandel, hätten wir eine moralische Abrüstung und volles gegenseitiges Verstehen, dann brauchten wir keine internationalen Vertrüge für ihre Be­schränkung. Weil allen Völkern aus derselben Gefahrenquelle Gefahr drohe, sollten alle zum Schuhe des Friedens und zur Wohlfahrt der Menschheit nötigen Schranken errichtet werden. Die internationalen Beziehungen feien viel z u sehr auf Furcht gegründet und die Ra­tionen freuten sich, den Mut zu gegenseitiger Bekämpfung beweisen zu können. Dem neuen Prinzip könne nicht Geltung verschafft werden, wenn man nicht $ u Opfern bereit sei und den Mut habe, sich zu seiner ileberjeugung zu bekennen. Er glaube, so erklärte Präsident Coo- lidge zum Schluß, die Vereinigten Staaten seien stark und tapfer genug, um sich durch eigenes unabhängiges Vorgehen einer abermali­gen Bekämpfung der Welt durch den militärischen Geist zu widersehen.

Um das mexikanische Oel.

N e u y o r k, 30. Dez. (TU.) Präsident Calles hat das Ersuchen der amerikanischen Oelgesellschaf- ten, die Frist zur Einreichung der Konzessionsgesuche zu verlängern, mit der Begründung abgc- l e h n t, da die Souveränität der mexikanischen Na- lion das Recht gebe, die G^sene zu erlassen, die sie als richtig erachle. Den Gesellschaften bleiben somit nur noch 48 Stunden, um den Forderungen der mexikanischen Regierung nachzukommen. Die Ant­wort des Präsidenten Calles ist 18 Gesellschaften zu- gegangen. 3m amerikanischen Staatsdepartement und in Washingtoner politischen Kreisen betrachtet man dir Situation als kritisch. Man rechnet mit einer Abberufung des amerikanischen Botschafters in Mexiko, Cheffield, falls den amerikanischen Gesellschaften durch die Maßnah­men der mexiianischen Regierung Schaden zugefugt werden sollte. Weitere diplomatische Schritte sind von amerikanischer Seite nicht mehr geplant. Die Meldungen, wonach sich mehrere amerikanische Oel- gesellschaflen dem neuen mexikanischen Gesetz gefügt hätten, haben bisher noch keine Bestätigung ge­funden.

verwirklichende Herrlichkeit des deutschen Kaiser- tums, wenn sie heute abseits stehen, wenn ihre Hände müde geworden find, wenn sie nicht mehr die Kraft finden, sich für eine neue Zeit mit neuen Aufgaben und neuen Pflich- t e n zur Verfügung zu stellen. Hm eines werben wir freilich auch bei ihnen: um etwas mehr Derständn is für die Pflichten, die auf uns ruhen. Aber alle die anderen, deren Muskeln noch straff sind und deren Wille noch hart ist, sie müssen mit hinein in die Reihen der Streiter um Deutschlands Zukunft. Sie dürfen nicht ab­seits stehen: fie dürfen sich nicht in Unmut ver­zehren: sie müssen dem Staate in positiver Mitarbeit und aufopfernder Kraft dienen. Diele wollen nichts wissen vom Staate der Gegenwart, der nicht nach ihrem Herzen sei, dem sie nicht dienen könnten. Vergessen wir es nie, daß der Staat eine große Idee dar stellt, die wir rettungslos zerstören, wenn wir an dieser oder jener Erscheinung des Staates,

an dieser oder jener Dokumentation seines Wil­lens fo_ Anstoß nehmen, daß es unsere ganze Kraft lähmt. Der Staat muh uns immer bleiben öle Idee der sittlichen DolkSgemein- schastl Der Staat der Gegenwart und der Jdealstaat werden stets wie Ideal und Wirk­lichkeit auseinandergehen: aber das entbindet niemand davon, dem Staat der Wirllichkeit zu dienen, um ihn so zu gestalten, wie er als Staat der Vollkommenheit vor unserer Seele steht.

Zeigen wir der Jugend dieses große, he­roische Beispiel einer vollen Hingabe an die Idee, eifern wir, die wir zu den Aelteren ge­hören. untereinander in der Kraft der Sittlich­keit, wahre Führer zu fein, dann wird sich die Jugend mit uns sammeln zum großen Friedens­werk der Reugestaltung und des Aufbaues un­seres armen Vaterlandes.

Ob uns das Jahr 1927 wirklich merkbar vor­wärts bringt? Es hängt von uns ab!

Das Jahr 1926.

Don Professor D. Dr. Martin Sch i a n, Generaliupcrintendenten in DreSlau.

Das achte volle Jahr, nachdem da- deutsche Dolk die Waffen niebergcl?gt hat. i t vergangen. Das dritte volle Jahr seit der O abili ictung der deutschen Währung. Die Ungeduld meint, daS seien lange Fristen Für das Leben eines Volkes sind sie in Wirklichkeit sehr kurz. W r Deutschen (oder doch ein guter Teil von uns) sind vor acht und sieben und sechs Jahren sehr ungeduldig gewesen. Wir fabelten vorn neuen Ausbau in einem Ton, als könnten wir übers Jahr Richtest feiern. Ich erinnere mich noch sehr genau: al« daS Gießener Regiment Ende 1918 feinen Einzug in die Stadt hielt, wurde eS vom Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrats mit einer Rede be­grüßt: darin hieß es wunderschön: Das neue Haus ist gebaut: Ihr braucht eS nur noch wohn­lich einzurichten! So haben (man glaubt eS heut kaum noch) damals Un, chlige g.dacht. Allmählich mußten sreilich auch die Ungeduldigsten etwas Geduld lernen. Aber e3 wird ihnen schwer! Jedes Jahr soll sichtbaren Aufstieg bringen. Richt b'.oh die Wunden soll eS heilen lassen, sondern das erträumte Paradies herbeisührenl

1926 hat das alle- nicht getan. Es ist müh­samen. schweren Schrittes seinen Weg gegangen. War es wenigstens ein Weg bergauf? Hat er wenigstens eine Stufe höher geführt?

Ich bin daraus gefaßt, daß ich mit dieser Fragestellung bei manchem auf Mangel an Ver­ständnis stoßen werde. Hat denn nicht 1925 den Eintritt Deutschlands in den V ö l k e r b u n d ge­bracht? Sitzt es nicht jetzt gleichberechtigt im Rat er Rationen? Ich gehöre nicht zu den Skepti­kern, die in diesem Geschehen einen Rückschritt sehen. Rein: eS war richtig so. Und wenn wir einmal diesen Weg zu gehen entschlossen waren, dann war es sogar ein wirklicher Fort'chritt. daß der Eintritt nach langem, peinlichem Hin und Her zustande kam. Mer dazü, wegen dieses FaklumS. das Jahr 1926 zu segnen, liegt kein Anlaß vor. Deutschland ist wieder eine Figur auf dem politi­schen Schachbrett. Gut so! Aber keine ftcri- Figur! Rein: eine Figur in sehr gefährdeter Position! Es kann die Partie nicht an sich reihen. Ohne Bild: es kann wohl versuchen, die neue Lage hier oder da zu feinen Gunsten zu nutzen: aber es bleibt in den Ketten des Friedens von Versailles, es bleibt in der Schuldknechtschaft des DaweS-Abkommens. es bleibt in der Sage des Machtlosen, dem Frank­reich und Polen und sogar Litauen nach Belieben mitspielen zu dürfen glauben. Wesentlich anders ist unsere Lage nicht geworden. Die Kölner Zone ist frei Gott sein Dank! Die Cntwassnungskommission wird zu­rückgezogen werden (aber in irgendwie anderer Form wieder aufleben). Unserer Lust fahrt ist freiere Atmungsmöglichkeit gegeben. Go't sm Dank für jeden Heinen Schritt aus der Versklavung heraus! Mer noch stecken wir tief darin. Daß wir nur nicht das glänzende Theater von Gens für Realität nehmen! Daß wir nur nicht Briands Friedensreden als einlösbare Wechsel betrachten! Der Schritt in den Völkerbund war notwendig. Er kann und (wir hoffen es) wird manchen Ruhen bringen. Aber er würde statt zu nutzen schaden, wenn er uns verführte, die Wllt anders anzu­sehen. als sie ist. Und sie ist auch heut noch alles Andere als eine härmlole Gesellschaft zur gegen­seitigen Verbrüderung. Sie ist heut wie vor 1914 eingestellt auf Dölkeregoismus und Völkerehrgeiz. Damtt müssen wir rechnen.

Vielleicht hat daS Jahr 1926 einen kleinen Fortschritt in der außenpolitischen Er­kenntnis deS deutschen Volles gebracht? Die Enttäuschungen, die Frankreich durch sein Ver­halten nach Locarno und Genf auch den deutschen Friedensfreunden bereitete; die bittere Lehre, die Germersheim fitn vor Jahresende gab: haben sie nicht gewirkt? Ist Wirths Rede an Frankreichs Adrcs e nicht ein Forts-britt gewesen? Ich hoffe es! Mer hoffen wir ja nicht zu viel!

Und im Innern? Was brachte das Jahr 1926?

Ich verzeichne als Gewinn, daß es ein wei­teres Jahr ohne schwere innere Erschüt­terungen war. Das Hingt sehr bescheiden. Aber wir haben eben alle Ursache, bescheiden zu sein. Sowjet-Rußland arbeitet ohne Pause an der Unterminierung Europas, auch Deutschlands. Diejenigen Schichten des b utschen Dolkes, die von einem neuen' Umsturz alles erhoffen, sind nicht Nein. Ein neuer Umsturz aber wäre das Ende. Jedes weitere Jahr ohne schwere innere @rf(Füt­terungen läßt das neue Deutsche Reich fester werden. Also freuen wir uns in Bescheidenheit!

Wir haben dazu um so mehr Ursache, als 1926 allerhand Zündstoff für Explosionen bot. Die Wirtschastsnol. die furchtbare Ar­beitslosigkeit waren böse Erscheinungen, sind es leider bis heute. Die Zahl der Erwerbs­losen ist leider mit dem fortschreitenden Winter wieder im Zunehmen. Wir können diese Erschei­nung gar nicht ernst genug nehmen. Sie gibt dem ganzen abgelaufenen Jahre einen düsteren An­blick. Das Schlimmste ist. daß niemand weih, wie Wandel geschaffen werden soll. Revision deS Dawesabkommens? Eie wird kommen müssen. Mer sie allein hilft nicht. Die Konkurrenz der Dölker ist zu groß. Wohl wird Frankreichs Kon- kurrenz Nachlassen, wenn der Frank stabilisiert fein wird. Mer die günstige Konjunktur des eng­lischen Kohlenstreiks ist vorüber. RotstandSmaß- nahmen des Reichs, der Länder, der Kommun«