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Nr. 98 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Iuqend und Hochschule.

Die Wirtschaftslage der Gießener Studentenschaft

Don cand. phU. L. Dreitwieser.

Der Bericht des Geschäftsleiters der Gie­ßener Studentenhilse, Dr. Weise, über daS verflossene Jahr liegt nunmehr vor und gibt einen knappen, statistischen Uebcrblld über die ausgedehnte und fruchtbare Wirksamkeit, die der Verein -um Besten der Gießener Studenten­schaft entfaltete. Es würde zu weit führen, über all die Einzelheiten zu berichten, die hier zu nennen wären. Es sei dankend ausgesprochen, daß der Verein unter Leitung seines für das Wohl der Studenten wahrhaft väterlich besorg­ten Vorsitzenden. Professors Dr. Eger, wie­derum getan hat. was in seinen Kräften stand, den Studenten in ihrer schwierigen wirtschaft­lichen Lage helfend zur Seite zu stehen. Der Bericht über die Tätigkeit des Vereins im ver- Sangenen Jahr bildet gleichzeitig die Grundlage it die kommende Weiterarbeit. ES ist daher angebracht, die in ihm aufgezeigten Tatsachen ins Auge zu fassen und die notwendigen Folge­rungen zu ziehen. Es soll in großen Zügen versucht werden. Wohl die wichtigste Einrichtung ist ble 'm e n s a academica. Wie der Bericht besagt, erfreute sie sich im vergangenen Fahre stetig wachsenden Zuspruchs. Bedenft man, daß Vie Zahl der Studierenden im Wintersemester -ußerordeutlich sank, so bedeuten die Zahlen dieses Jahres, mit den Zahlen des Vorjahres verglichen, noch mehr, als es zunächst den Anschein hat. Das aber beweist, daß die Einrichtung beute notwendiger denn vorher ist und die Studenten im wachsenden Maße auf die Mensa angewiesen sind. Die Zahl der Besucher beträgt gegen 300 täglich in den Hauptmonaten, d. h.: ungefähr jeder vierte Student ist Mensabesucher. Die starke Vachfrage nach Stellen im E g e r y e i m, in dem gegenwärtig 47 Studenten wohnen, wirft weiter­hin Licht auf die vorhandene Vot. Die 3nan- fpruchnahme des Arbeitsamtes tft zurück- gegangen. mithin auch das Werkstudententum. Immerhin sind für die Osterferien ungefähr 20 Anfragen nach Arbeit eingegangen, während nur 6 Stellen vermittelt werden konnten. Die Arbeit­suche der Studenten geht jedoch z. T. nicht über unser studentisches Amt Die wohl am meisten die wirtschaftliche Lage kennzeichnenden Abschnitte find die über die Einzel- und Kranken­fürsorge und über die Darlehnskasse. Freitische wurden an 80 Studenten ausgegeben. Die Zahl der Anträge war jedoch größer. Für die gegenwärtigen Serien konnte 8 Studenten und Studentinnen em Erholungsaufenthalt ge­währt werden, der, abgesehen von der Reise, für die Kommilitonen nicht mit Kosten ver­bunden ist. Die Dumme der an Studenten ge- Sebenen Darlehen beziffert sich auf 13 640 Mk. rwägt man alles, was der kleine Bericht mel­det. so kommt man zu dem Schluß, daß sich die wirtschaftliche Lage der Studenten in mancher Hinsicht Wohl durch die Stabilisierung gebessert hat. aber daß nach wie vor eine beträcht­liche Rot unter der Studentenschaft herrscht. Auf der anderen Seite ist die Hnterstühung von größeren Wirtschastsunternehmungen der un­günstigen Lage wegen sehr stark zurückgegangen, so daß die Studentenhilfe mit den größten Schwie­rigkeiten zu kämpfen hat. die Mittel für ihre im DolkSinteresse liegende Arbeit in die Hand zu bekommen.

Hochschule und Politik.

Don Prof. Dr. FriedrichTobler.

Oft genug ist behauptet worden, daß die Wissenschaft nicht das Gut einer Ration, sondern selbst eine Weltbürgerin sei, und daß von diesem Tharafter wohl auf ihren Träger etwas abfärben könne. Vicht selten pflegte sich früher der deutsche Gelehrte bisweilen ein wenig über sein Volks­tum erhoben und als Glied einer internationalen Gesellschaft zu fühlen. Er wurde aus seinem Träumen kräftig aufgerüttelt, als in der Kriegs­zeit die feindlichen Valionen in schroffster Weise von ihren deutschen Fachgenossen abrüdten. De- schlüsse wurden gefaßt und durchgeführt, wonach der deutsche Gelehrte der Gesellschaft der Fach­genossen anderer Länder unwürdig geworden und am Austausch in der bisher üblichen Form teil­zunehmen nicht berechtigt sei. In einem gewissen Trotz ist hie und da noch bis in die letzte Zeit diese Gesinnung weiter beibehalten worden.

Kmderzeichnungen und ihre Bedeutung.

Von Hans Kalischer.

Durchblättern wir die prächtige, umfangreiche Sammlung von Kinderzeichnungen, die uns Georg Kerlchensteiner, der Vorkämpfer der Arbeitsschule, geschenkt hat, so fühlen wir uns bald in ein sonder- ares Land versetzt, das von seltsamen Geschöpfen bevölkert ist Dem Beobachter und Freunde der Kin­der, besonders der jungen und jüngsten, begegnen hier wohl einzelne gute Bekannte, aber gerade die ungewohnte Fülle überströmt uns mit dem Reize des Neuartigen, Rätselvollen.

Da nahen kleine gnomenhafte Gestalten, hals- und rumpflos, mit Fadenarmen und Fodenbeinen, mit Fingergebilden, die wie Blätter niederhängen, oder sich starr abspreizen wie die Zinken einer Sa­bel, bann wieder wagerechte, mehr balkenähnliche Wesen mit vier und.mehr Beinen, Saugnapf- oder Hakenfüßen und Schwanztroddeln. Rührend schiefe Köpfe schauen uns an und locken unsere Neugier und Frage: Muh die Welt erst diese Wandlung durch­machen, ehe sie Eingang in das Auge des Kindes findet? Lebt das Kind wirklich in einem Reich gro­tesker Verzerrungen, inmitten von Menschen-, Tier- und Pflanzenkarikaturen? Oder fehlen ihm etwa nur die technischen Mittel, fein inneres Gesicht zu Papier zu bringen? Aber in dem wir so fragen, fällt in diese bunte wirblige Welt das nüchterne Licht der Forschung. Der gespenstige Spuk verzieht sich, wir sind um eine Illusion ärmer, um ein Wissen reicher geworden.

Che ein Kind sich dem eigentlichen Zeichnen ,zu> wendet, beginnt es mit dem . Kritzeln". Wir wollen diese Tätigkeit nicht unterschätzen. Sie leitet das Zeichnen in ähnlicher Weise ein, wie das Lallen und Stammeln die geordnete Rede. Das Kind muß erst

Anderseits fei erwähnt, daß etwa von den Ver­einigten Staaten ein internationaler Fachkongreh (Botanikerkongreh in Ithaka) ein berufen wird, zu dem alle Fachgenossen des Erdenrunds unter­schiedslos eingeladen werden. Der Deutsche wird in solchem Verhalten den Ausdruck der wahren Wissenschaftlichkeit sehen, sofern er nicht etwa gezwungen wird, sein eigenes Volkstum zu ver­hüllen, vielmehr als be ouhter Träger der Wi fen- schast seines Landes diese neben den anderen zu vertreten hat. In diesem Sinne war es für den deutschen Gelehrten eine zweckmäßige Stei­fung des Rückgrates, daß der Verband der Hochschullehrer es seinen Mitgliedern nahe legte, den vorher versuchten persönlichen Einladungen aus dem Ausland an Einzelne zu widerstehen und nur die Beteiligung in Aussicht zu stellen auf solche Einladungen, die an die Gesamtheit gerichtet werden. Vicht allen war das selbst­verständlich gewesen!

Zwei Typen sind es im deutschen Ge­lehrtentum. deren Erscheinung uns vielleicht zu erklären vermag, warum dem Deutschen die natürliche und grade Einstellung im allgemeinen schwerer fällt als den Vertretern der Wissen­schaft in anderen Ländern. Die eine Gruppe sind die deutschen Idealisten, die zum Internationalis­mus mehr aus Theorie als praktisch neigen, und die nicht selten aus Mangel an politischer Ein­sicht auch wohl zu Vertretern der überspannte­sten Verbrüderungsideen in oft bloßstellender Weise geworden sind. Sine andere Gruppe sind die, die das natürliche Temperament eines Mannes bei sich und bei anderen Völkern ver- kennen, weil sie, lediglich Gelehrte, es selbst nicht besitzen.

Cs gab 1914 einen Augenblick der Entflam­mung im deutschen Volke, als auch der Stuben­hocker aus dem Dücherbau sich losrih, und wenn er nicht das Schwert für die Feder eintauschte, so doch mit dem Empfinden seines Volkes mit­ging; muhte ihn doch schon das Schicksal der ihm anvertrauten Jugend mitreihen. Man unter» schätzt, was für innere Kampfe gerade dem deut­schen Gelehrten jener Tage auferlegt worden sein mögen. Die im gewissen Sinne selbstsüchtige Beschäftigung mit der reinen Wissenschaft erschien ja doch der Umgebung des Gelehrten, und schließ­lich diesem selbst als ein abseitiger Posten in den Ausgaben schwerster Zeit. So manche Brücke wurde mit gutem Willen, berechtigt oder weniger ernst, geschlagen von der wissenschaftlichen Schu­lung und Leistung des Gelehrten zu Aufgaben der Zeit. Jeder suchte seine besondere Fähigkeit im einsgewordenen Dolkshaus.halt einzusetzen, und es wäre der Aufzeichnung wert, in wie vielen Fällen aus deutschem Gelehrtentum im eigentlichsten Sinne KriegShilfe erwuchs.

Und wie war die Rückkehr? Gewiß gehörte der Durchschnitt der deutschen Gelehrten mit zu den verschüchterten Bürgerlichen, die sich in die äußeren Verhältnisse nur schwer, wenn auch duldsam fügten, und die dann in ihrem Berufe die stille Abkehr vom äußeren Geschehen zu finden hofften. So mag es sich erklären, daß in jener Zeit zwar an der gut bürgerlichen Ge­sinnung der Gelehrten und etwa der Hochschulen nicht zu zweifeln war, daß aber vielfach ge­rade unter ihren Angehörigen die politische Be­tätigung etwas in Verruf kam, als ein Zeichen nicht genügend strengen Gelehrtentums, ja gleich­bedeutend mit geringerem Streben und geringe­rer Leistung angesehen wurde. Fast hätte man glauben können, daß die, die so dachten und es waren keineswegs nur solche, die nicht im Felde gewesen waren etwa meinten, auf die­sem Wege ihren Kreisen und Hochschulen eine be­sondere Stellung zu sichern und sie zu einem Ruhepunkt in der peitschenden Unruhe von Sturm und Gärung des Volkslebens zu machen. Sie mögen sich hart getäuscht haben, die so dachten. Zunächst machten sie die Rechnung in den ersten Vachkriegsjahren ohne die von ihnen zu leh­rende Jugend, die mit vollem Segel unter dem Kriegserlebnis in die Politisierung einging. Mit welchem Recht und Erfolg diese Jugend das tat, soll hier nicht entschieden werden, wäre auch heute schwer zu entscheiden. Dieser vom Kriege ftanrmenben Jugend folgt schon eine zweite, die nicht mehr im Krieg war und für sich manches an Voraussetzungen und Möglichkeiten schon toe- sentlich anders darstellt.

Das' aber mutz gesagt sein: Den deutschen Ge­lehrten, die 1919 im tätigen Miterleben des deutschen Bürgertums nicht femfteben wollten, war klar, dah Politisierung nicht gleichbedeutend

seine Werkzeuge, in unserem Falle Hände und Fin­ger, üben, bevor es sie in sinnvoller Weise gebrau­chen lernt. Es entlädt im Kritzeln den ihm eigenen Bewegungsdrang. In solch unansehnlichem Linien- gewirr legt also der Tanz einer kindlichen Hand fein getreues Bild nieder und gibt dem Kenner oft erste Einblicke In den besonderen Rhythmus seiner fee- ließen Entwicklung.

Lange Zeit läßt sich das Kind von diesem Be­wegungsspiele treiben und gibt sich seinen Impul­sen hm, ohne dabei durch eine gestaltende Absicht gebunden zu fein. Erst allmählich geht ihm durch die Beobachtung und Nachahmung der Erwach­senen der Sinn seiner Tätigkeit auf, und nun ent­deckt es in feinen Kurven, Strichen und Kringeln Abilder des Lebens, nicht anders, qls wenn wir in einem Zustande lässigen Phantasierens aus mehr oder minder zufälligen Tapetenmustern wechselvolle Gestalten herauszudeuten versuchen.

So etwa entstehen die ersten einfachen und sinnvollen Figurenentwürfe. Gewisse Formen wie­derholen sich in ähnlicher Weife und erhalten blei­bende Namen. Dieser Anfangsschritt des Kindes auf feinem Wege zur zeichnerischen Fertigkeit ist zu­gleich der wichtigste. Aber es wäre verfehlt, in ihm einen föerfud) zur naturgetreuen Darstellung wahrgenommener oder erinnerter Gegenstände zu sehen. Hier liegt der Irrtum, den jeder unbefangene Betrachter früher Kinderzeichnungen zu begehen pflegt. Fordern wir z. B. ein kleines Kind auf, einen Menschen zu zeichnen, den es genau kennt, ober den wir ihm gegenüberfteUen, so werden wir zu unserer lleberraschung bemerken, daß das Kind nicht etwa mit Auge und Hand der Erscheinung und den Umrissen seines Modells zu folgen strebt, son­dern daß es uns unbefangen eines jener naiven Kunstprodukte vorletzt, wie wir sie alle können. Genau so verhalten sich die Äinber, wenn sie dazu angeregt werden, den Typus, also einen Men­schen, ein Tier usw. zu zeichnen.

fein tonne, auch nicht sein dürfe, mit rein partei­licher Erziehung. Vielmehr galt es, dazu zu helfen, daß der stürmenden Jugend zunächst der Boden politischen Wissens bereitet werde, auf dem eigene ileberjeugung und Einsicht zu enttoiddn lei. Wenn heute immer wieder mit der Behauptung umgegangen wird, daß die Hochschulen eine Stätte der Reaktion seien, so ist der Grund hier­für weniger zu suchen in der zufäNigen Einstel­lung der zum Bürgertum zählenden Hochschul­lehrer. als eben darin, daß in Hochschulkreisen die Erkenntnis wächst von dem Werte einer grundlegenden politischen Bildung im Zusammen­hang mit der fachlichen Hochschulbildung. Ganz allmählich wird dem deutschen Gelehrten, der mehr noch als vor dem Kriege auch Mensch und Bürger vor seinen Studenten sein wollte, der Dank der heutigen Jugend, die stärker als früher Erziehung zum Leben neben der Erziehung zum Fach erwartet.

Führend aufzutrelen und selbst politisch zu wirken, wird der deutschen Hochschule in den meisten Fällen noch nicht vergönnt fein weder dem Einzelnen noch der Gesamtheit. Inzwischen liegt vor dem deutschen Gelehrten als Hoch­schullehrer eine dankbare Aufgabe, und an jedem Orte gibt sich wohl mehr als einer ihr mit Be­geisterung hin. Zu lehren und zu wirken als Vertreter feiner Wissenschaft als eines deutschen Gutes und über der Rolle seines Gebietes inner­halb der gesamten Wissenschaft nicht den Cha­rakter seines Volkstums zu vergessen. In einer Zeit wie der heutigen, in der auch in fachlichen und fachlichen Dingen der Mensch dem Menschen mehr als der Gebende und der Empfangende eines Wissens gegenübersteht, ist der Charafter des nationalen Gelehrten unumstößliches Er­fordernis für die volle Auswirkung. Strenge Fernhaltung davon setzt auch den größten Ge­lehrten heute leicht außer Fühlung mit dem Schüler, nimmt ihm damit die beste Kraft für sein Wirken und für fein eigenes Dorwärts- denken.

Die Zurücksetzung, die der deutsche Gelehrte von feiten feiner Feinde erfuhr, hat seine Wissen­schaft und sein Können nicht geschädigt. Es könnte fein, daß sie einen so tüchtigen Gelehrtenstand wie den deutschen zur Quelle einer neuen Kraft machen würde, wenn der weltfremde^ Stuben­hocker ebenso ausgetilgt ist, wie der träumerische Weltbürger, und wenn wir den nationalen deut­schen Gelehrten besitzen, den die deutsche Jugend und den die Aufgaben unserer Zeit verlangen.

Persönlichkeit.

Von Margarete Hodt, Heidekrug.

Vielleicht noch nie wurde um die deutsche Jugend so heiß gerungen wie in diesen Zeiten. Vereine über Vereine werden gegründet, und den meisten gliedern sich Iugendgruppen an, deren Führer es sich zur Aufgabe gefetzt haben, die Ougeni) in diesem oder jenem Sinne lebens­tüchtig zu machen oder sie für ihre Zwecke zu gewinnen. Da sind die politischen Parteien, die um die Jugend werben, um ihr die Augen für die Wirklichkeit, für die Verhältnisse im Staat und außerhalb des Landes zu öffnen. 3n den Schulen gab es niemals so viele Umwälzungen wie jetzt. Vicht zuletzt ist es die Kirche, die um die Jugend kämpft, getragen von dem Gedanken, daß eine Vation, die sich von der Religion lossagt, sich mehr und mehr zersplittern muß.

And die Jugend selbst? Sie sieht sich tausend Rätseln des Lebens gegenüber, fühlt sich .in diesen Tagen des Heberganges hin und her gezerrt, kommt sich ungeheuer wichtig vor, daß sie von allen Seiten umbublt wird, und nimmt es wie eine Redensart hin, wenn sie hört, daß sie die Hoffnung und den Trost des Staates bedeutet. Welchen Weg soll sie einschlagen in dem Urwald der toirrtn Zeitverhältnisse? Da steht Protzend und gleißend der Materialismus, schmeichelt und locft, täuscht weit mehr vor, als er mit seinem äußeren Schein und seiner Hohlheit zu geben vermag, und daneben verbirgt sich scheu aus Angst, verspottet und verlacht zu werden, im grauen Alltagsgewand der Idealis­mus. Ist es ein Wunder, daß die große Masse der Jugend dem Materialismus zufällt, daß sie sich dem Götzen weiht, der in den letzten Jahr­zehnten eine unheimliche Macht an sich gerissen hat, der krassen Selbstsucht? Die Jugend kann in ihrer Vaivität noch nicht wissen, daß das glänzende Aeußere oft auf Gräbern erbaut wor­den ist, daß der Weg zum Reichtum fteilich,

Von den besonders begabtenWunderkindern" oder den Schaffensbedingungen auf entwickelteren Altersstufen kann in diesem Rahmen nicht die Rede sein. Aus allen derartigen Versuchen ist jedenfalls mit Sicherheit immer wieder heroorgegangen, daß das Kind nicht zeichnet, was es gesehen hat und sieht, sondern, was es von den Dingen und feinen Wesensmerkmalen weiß. Ja, auch dieses Wissen wird nur unvollkommen wiedergegeben, je nach­dem es dem Kinde in momentanen Einfällen ^ge­tragen wird. Darum sind die ersten Menschendar- ftellungen meist roh und ungegliedert, Kops und Beine treten beherrschend in den Vordergrund, später folgen Arme und Rumpf, und einer Andeu­tung des Halses begegnen wir meist erst bei den Sechs- bes Siebenjährigen.

Ricardo Ricci, der die Zeichnungen italieni­scher Kinder untersuchte, bemerkt in witziger Weise: Nur der Kopf und Die Beine? Was braucht man denn aber mehr, um zu sehen, zu essen und zu laufen." Aehnlich verhält sich bas Kind bei der Wiedergabe von Tieren, die in ihren besonderen Arten wenig unterschieden, vom Menschen im we­sentlichen nur durch die größere Zahl der Beine oder die wagerechte Körperlage abgehoben werden. Auch die Vermischung von Seiten- oder Vorder­ansicht oder die unwirkliche Durchsichtigkeit fester Stoffe, die uns durch Kleidungsstücke, Häusermauern und Wagenwände ort einen Blick in das Innere der D'nge werfen läßt, weist stets auf den Ver­standes-, also nicht anschauungsmäßigen Ursprung ein.-r Kinde, Zeichnung.

Es ist, wie man sieht, verkehrt, alle diese Gebilde auf naturalistische Aehnlichkeit oder auf künstle­rische Werte hin prüfen zu wollen. Denn gerade die absichtliche Ausschaltung alles nur Gewußten ist ja ein Grundaebot künstlerischen Auffassens und Gestaltens, während des Kindes Zeichenleistungen im Sinne unserer Erklärung sozusagenvon des ©ebanten» Blässe angekränkelt" sind.

Mittwoch, 28. April 1926

nicht immer, aber sehr. oft über ein Leichenfeld geführt Hal. Sie nimmt für bare Münze, waS ihr in ihrer Umwelt begegnet. Es ist wohl nur der kleinere Teil der deutschen Jugend, der 311 erfassen vermag, daß nur die Kräfte, die dem Materialismus und der Selbstsucht feindlich gegenüber stehen. Deutschland aus der Schmach, aus der quälenden Vot vielleicht noch einmal erlösen können

..Persönlichkeit" heißt das große Ziel der denkenden, wahrhaft strebenden heutigen Jugend. Persönlichkeit ist mehr als Wissen, mehr als prak­tische Fertigkeiten, mehr als Besitz. Es ist. was heute noch dem deutschen Volle fehlt. so gut­artig, intelligent und fleißig es auch ist, der große, feste Charakter, das fichere, glaubens­volle Dahinschreiten mit dem sieghaften Lachen auf den Lippen Ach, eS herrscht noch so viel Phrasentum, so viel Lakaientum, so viel Ballast liegt in unseren Seelen. Hm äußerer Vorteile willen machen wir uns gegenseitig zu Sklaven, bücken und biegen uns und sind noch weit davon entfernt, uns völlig zu beherrschen, uns aber auch von niemand und von nichts mehr knechten zu lassen. Der schone Stolz fehlt uns oft. Deutsche Jugend, es gilt, sich in freiem Gehor­sam in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, einzustehen für Recht und Pflicht bis aufs äußerste, ohne nach dem llingenden oder nach dem papierenen Lohn zu fragen! Der Weg zur Per­sönlichkeit führt durch den Irrtum. Erschrick nicht, deutsche Jugend! Goethes Wort: ,.Gs irrt der Mensch, solang' er strebt", ist wahr. Alle, die nach ehrlicher Heberzeugung ringen, müssen viele Zickzackwege wandern, ost in die Dornen greifen und im Kampf Hegen mit dem eigenen Selbst, damit sie das Falsche vom Rechten, den äußeren Schein von der Wahrheit unterscheiden lernen. Man dcnke an Martin Luther! Ja, die Wege sind hart, aber sie führen zu höchstem Erden­glück, zum sicheren Ruhen in Gott und in der eigenen Stärke, zu Herrentum mit dem mitten Zepter der Güte. Persönlichkeit!

Gemeinschaft und Gesellfchast.

Von Oberstudiendirektor Heinrich Selters.*)

Der Kampf um eine Lebenserneuerung, den unsere Epoche führt, wird immer bewußter ein Ringen um die Gemeinschaft. Die Entwicklung der Industrie und der Weltwirtschaft führt zu großen Wanderbewegungen innerhalb der ein­zelnen Völker und über ihrd Grenzen hinaus: Großstädte entstehen, Erdteile werden neu be­siedelt. Dabei werden unzählige Bande der Hei­mat und der Blutsverwandtschaft zerrissen: die ererbten Gemeinschaften, die das Land und die kleinen Städte am treuesten bewahrt hatten, wer­den zum großen Test aufgelöst. Gleichzeitig aber werden zahlreiche neue Verbindungen von Mensch zu Mensch geknüpft, die Gütererzeuaung wird im großen Maßstäbe organisiert, und aus den westlichen, sozial am weitesten entwickelten Län­dern wird der große Gedanke der Gesellschaft auch nach Deutschland getragen, die nicht nur eine der Beobachtung und Hntersuchung gegebene Tatsache ist, sondern zugleich das höchste Zlek menschlichen Gesamtstredens, insofern sie eine or­ganisatorische Vereinheitlichung und Durchbildung der getarnten Arbeit der Menschheit und damit eine Sicherung und Steigerung ihrer Lebenshal­tung bedeutet.

In dieser Lage beginnt sich das Lebensgefühl der neuen Zell in seinem Ringen um eine Veu- formierung des Gesamtlebens zu spalten, und Ferdinand Tonnies gibt diesem Vorgang eine begriffliche Klärung» indem er Gemeinschaft und G^ellschaft gegeneinander abgrenzt. Er schil­dert die Gemeinschaft als eine Verbindung mensch­licher Willen, in der die Einheit des Gesamt­willens seiner Zerlegung in Einzelwillen vor­hergeht, und leitet sie aus gemeinsamer Ab­stammung' und geschlechtlicher Vereinigung von Mann und Weib her. Wie sich eine solche Ge­meinschaft auch entwickeln und gliedern möge* solange sie lebt, herrscht in ihr die natürliche und unbewußte Einheit des Lebensrhythmus, die aus der wesenhaften, innerlichen Verbunden­heit ihrer Glieder hervorgeht. Gescllschaft da­gegen ist die Verbindung menschlicher Willen, in

) Aus dem im Auftrage desZentral­institutes für Erziehung und Hnterricht" kürz­lich erschienenen wertvollen BucheDie Schule der Gemeinschaft". Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig.

Eltern und Erzieher, die diese besondere Eigenart früher Zeichnungen erkennen, werden sie lieben und schätzen lernen als ein geeignetes Mittel, die kindliche Seele zu lösen und ihrem Verständnis näher zu kommen. Sie werden das Kind schon vor und während seiner ersten Schuljahre zum Zeichnen ermuntern, und nicht durch falsche Einstellung, Kr'ik und Ehrgeiz die Quelle dieser natürlichen Ausdrucksweise unterbinden. Im Grunde handelt es sich eben beim durchschnittlichen Zeichnen nicht um eine einmalige, nur wenigen Talenten zuteil gewordene Gabe, sondern um eine oft früh unter­drückte und später vernachlässigte, dem Menschen­kinde ureigene Bildersprache.

Noch bevor und lange nachdem das Kind den Gebrauch des Buchstabensymbols erlernt hat, er­zählt es uns mit Hilfe dieser viel unmittelbareren Rede, was es uns von der Welt zu sagen hat. Nur auf den uneingeweihten Erwachsenen wirken diese plastischen Worte wie fratzenhafte Albernheiten oder phantastische Glossen. In Wahrheit sind sie es so wenig wie die Zeichnungen des vorgeschichtlichen Menschen und vieler primitiver Völker unserer Zeit. Ja, es zeigt sich in diesen einfachen Kundgaben man denke etwa an die Zeichnungen bes prähisto­rischen Höhlenmenschen ober heutiger Negerstämme vielfach so wesenhafte Uebereinftimmungen mit denHieroglyphen" unserer Kinder, daß man die kindlichen Zeichnungen häufig schon als ein kultur­geschichtliches lleberbleibsel, ein versunkenes Doku­ment aus dem Werdegange der menschlichen Rasse zu deuten suchte.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht ein merkwür­diger Irrtum, zu dem auf Grund jener täuschenden Aehnlichkeiten ein französischer AbbL gelangen konnte. Er veröffentlichte in einem Buche über die Wilden eine Sammlung von Schriftzeichen ameri­kanischer Azteken, die später als die Kritzeleien und Zeichnungen eines deutschen Knaben enthüllt wurden.